Weltgrösste Tiergeschichtensammlung


Jakob, unser Dohlilein (ca. im Jahr 1999-2000)
1, 3 Dezember, 2008, 3:10
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Da mein Vater als Junge schon viele „ungewöhnliche“ Haustiere hatte (Krähen, Füchse, Eulen, Dohlen etc.), war es nun nicht verwunderlich, dass auch wir solchen Tieren über einige Zeit hinweg ein Heim boten. Diese Geschichte handelt von dem zweiten Jakob, welcher besonders mein Liebling oder ich auch seine Lieblingsfreundin war.

Bekannte des Chefs meine Mutter hatten ein Dohlennest in ihrem Kaminabzug entdeckt und mussten es wegen Abzugsschwierigkeiten entfernen. So kam unser kleiner gefiederter Freund zu uns. Mit seinen viel zu großen Krallen, den wenigen Federn und den geschlossenen Augen sah er mit Verlaub noch ziemlich hässlich aus. Er wuchs jedoch schnell, schlug alsbald seine hellblau-grauen Äuglein auf (ja, kleine Dohlen haben wirklich blaue Augen) und wurde sehr schnell zutraulich, um nicht zusagen anhänglich. Bald hüpfte er im Wohnzimmer herum und saß den lieben langen Tag auf dem Rand seiner mit Heu und zwei Stangen ausgestatteten Holzkiste. Auch mit unseren Wellensittichen pflegte er ein recht friedliches Verhältnis, wenn er dann ab und an mal auch auf deren Käfig saß.

Schließlich war Jakob alt genug um in seine endgültige Wohnung einzuziehen. Draußen rechts neben der Terrasse hatte mein Dad eine Voliére gebaut. Diese hatte schon seinen Vorgängern als Heim gedient und sollte nach ordentlichem Schrubben meinerseits auch sein Heim werden.

Er lebte sich schnell ein und freute sich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn ein Familienmitglied aus dem Haus kam, ihm einen kleinen Leckerbissen zusteckte oder sich einfach nur mit ihm beschäftigte. Mich hatte er besonders ins Herz geschlossen (ich ihn natürlich auch). Ich hatte ihm zwei verschiedene Pfeiftöne beigebracht. Auch konnte ich die „jack, jack“ Dohlenrufe gut imitieren. So verabschiedete ich mich jeden Morgen von meinem Dohlilein, wenn ich zur Schule ging. Wenn ich mittags nach Hause kam (so gegen 13:35), merkte Jakob das schon, wenn ich noch nicht mal ganz an der Straßenecke war. Dann wurde er ganz unruhig und hüpfte durch die ganze Voliére und rief laut nach mir. Das war wirklich erstaunlich. Er ahnte es regelrecht, dass ich kam. Auch wenn es mal später oder früher wurde merkte er es immer.

Dohlen oder vielleicht auch die meisten Vögel können nachts fast gar nicht gucken. Kamen meine Eltern abends spät nach Hause und stoppten an Jakobs Käfig, machte er entweder gar nichts oder erschreckte sich zu Tode, wenn man ihn ansprach. Nicht so bei mir. Stand ich davor und gab einen Dohlenlaut von mir oder ein leises „Dohlilein“, antwortete er mir mit einem „jack“.

Liebend gern auch kroch er in meinen Bademantelärmel oder ließ sich von mir ausgiebig am Köpfchen kraulen. Auf der Schulter sitzen war zwar möglich, wurde jedoch schnell unangenehm, da Jakob mir dann immer am Ohr knabberte, was aber leider aus Mangel an seinem Feingefühl recht schmerzlich war. ;0)

Seine Lieblingsspeisen waren Toaststückchen mit Margarine, Eier, Butterkekse oder einfach ein Klacks Frühlingsquark, wobei er aber auch Kirschen oder Erdbeeren nicht verschmähte. Wir beschnitten Jakob meist seine Flügel ein wenig, damit er uns nicht davon flog (er war nämlich auch oft draußen).

Eines Tages aber im Herbst, glaube ich, hatte er wohl doch schon mehr Schwungfedern als sonst und flog auf Nimmerwiedersehen davon. Wir merkten es leider erst etwas später und alles Suchen und Rufen half nichts. Naja, ich werde ihn immer in zärtlicher Erinnerung behalten. Als mir dann einige Jahre später das Buch „Gute Nacht Jakob“ wieder in die Hände fiel, habe ich mich gleich wieder zurückerinnert gefühlt.

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Foto: © Schasky / pixelio

Autor: Mirjam Kops
Mirjam.Kops@hlag.com

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Gunter, der Ganter
1, 9 April, 2008, 8:34
Gespeichert unter: Vögel

Irgendwann im Leben eines jeden weiblichen Wesens erscheint es diesem erstrebenswert, seine ganze erwachende Liebe an ein vierbeiniges Geschöpf namens Pferd zu verschenken. Hat die junge Dame Glück und es gibt in der Nähe Reitställe oder gar einen Bauernhof mit Pferden, so ist die Chance, dort auf ein Geschöpf zu stoßen, welches die innige Liebe dadurch erwidert, dass es sich von dem merkwürdigen kleinen und dünnen Zweibeiner reiten lässt ohne ihn abzuwerfen, geradezu überdurchschnittlich groß. So fanden also auch zwei meiner Schwestern einen kleinen Hof, wo man in einem Gemeinschaftsstall die eigenen Reittiere unterstellen konnte. Auf diesem Resthof wurde Landwirtschaft nicht mehr wirklich betrieben, und es gab eine Vielzahl von Tieren, die mehr aus Liebhaberei, denn aus wirtschaftlichem Nutzen gehalten wurden.

Karnickel, Hühner, Enten, ja auch ein Schaf gab es neben den Pferden auf dem Hof, und die Kinder hatten Spaß und Freude daran, den Tieren Namen zu geben. Mein Schwager hatte sogar ein Ferkel angeschafft, welches neben den Pferden und dem Schaf gehalten wurde, und von den Kindern auf dem Hof zärtlich Goofy genannt wurde. Mit dem heranwachsenden Schwein konnte man einfach prima spielen. Dass der Mann meiner Schwester alles andere als freundliche Gedanken Goofy gegenüber hegte, blieb allerdings zunächst verborgen.

Uneingeschränkter Herrscher auf dem Hof war ein Ganter, den man respektvoll auf den Namen Gunter getauft hatte. Der Gänserich stellte die lebende Alarmanlage auf dem Hof dar und war wachsamer Hüter seiner zwei weiblichen Gänse. Außerdem achtete er darüber, dass alles auf dem Hof seine Ordnung hatte und tat es laut kund, wenn ihm etwas nicht korrekt erschien. Sein lautes Gänsegeschrei klang wie die rostige Hupe eines alten Lastkraftwagens aus der Vorkriegszeit, und Goofy pflegte ihm dann stets quiekend zu antworten.

Goofy und Gunter waren, so konnte man es ruhig nennen, dicke miteinander befreundet. Die Reiterinnen standen oft staunend neben den beiden ungleichen Kameraden und fragten sich, worüber die beiden sich wohl unterhielten. Genau genommen sprachen sie ja sogar verschiedene Sprachen, doch verstanden sie sich offenbar ganz prächtig miteinander.

Bis zu dem Tag, an dem der Hausschlachter Goofy ins Jenseits beförderte und ihn zu Wurst verarbeitete, war also alles in Ordnung. Doch Gunter begann, das Schwein zu vermissen. Ganz offensichtlich hatte man ihm seinen Freund genommen. Gunter machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, seine Laune verschlechterte sich zusehends. War er besonders schlecht drauf, so jagte er selbst den Bauern mit lautem, gefährlich klingendem Zischen über den Hof. Fauchend fuhr er den Pferden um die Beine, wenn sie mit ihren Reiterinnen vom Ausritt zurückkamen. Die Amazonenschar hatte dann alle Hände voll zu tun, sich auf den scheuenden Tieren zu halten. Alles, was Gunter zu nahe kam, wurde vertrieben. Mit ihm war in dieser Zeit absolut nicht gut Kirschen essen.

Das musste auch der Hahn erleben, der es wagte, in seinem übermäßigen Hahnsein einfach alles zu begatten, was ihm am Vormittag in die Quere kam. Nachmittags hatte sich der Hühnerhofpascha ausgetobt, was jedoch vor der Tagesmitte nicht schneller laufen konnte als er und nicht bei drei auf einem Baum war, wurde gnadenlos Opfer seines triebmäßigen Verlangens. Es hatte am Morgen geregnet, und überall auf dem Hof standen große Pfützen. Eine der Enten führte ihre Küken quer über den Hof zu einem Tümpel und bemerkte nicht, dass sie aus kleinen, verschlagen dreinblickenden Hühneraugen sorgfältigst und auf das Schärfste beobachtet wurde. Dem mal wieder überaus erregten Hahn erschien sie wohl eigentlich ganz appetitlich, wie sie so daher watschelte. Ohne auch nur die kleinste Rücksicht auf ihren minderjährigen Nachwuchs zu nehmen, flatterte er von seinem Stammplatz auf einem Zaunpfahl herab und landete im Sturzflug auf der armen Ente.

Die war natürlich völlig überrascht und begann mit einem empörten Schnatterkonzert, was dem Hahn aber offensichtlich zu laut war. Er duckte die Ente in eine der Pfützen und bestieg sie siegessicher. Das Schnattern der Ente wurde zu einem hilflosen Gurgeln, doch der Hahn ließ ihr keine Chance, den Kopf aus dem Wasser zu recken um nach Luft zu schnappen. Unbeirrt setzte er seine befruchtende Tätigkeit fort.

Just in diesem Moment kam Ganter Gunter um die Hausecke. Sofort erkannte er, dass das Tun des liebeshungrigen Hahnes nicht den Gepflogenheiten auf seinem, Gunters Hof entsprach und auch nicht für die Augen von minderjährigen Küken bestimmt sein konnte. Hier musste schon aus erzieherischen Gründen energisch eingeschritten werden. Gunter senkte den Kopf, reckte den langen Hals vor, spreizte seine gewaltigen Schwingen und ging zum Angriff über.

Der Hahn sah ihn kommen und hielt es für ratsam, die Flucht zu ergreifen. Mit ängstlich flatternden Flügeln rannte er laut krähend über den Hof, doch Gunter hatte die bessere Position und verstellte ihm kurzerhand den Weg. Dann griff der große Gänseschnabel zu und bekam einen Flügel des Hahns zu fassen. Aus war es mit der Flucht. Jetzt ging es nur noch im Kreise um den wütenden Ganter herum, und Gunter wurde jetzt in seinen erzieherischen Maßnahmen sehr deutlich. Weit spannte er seine Schwingen auf, holte aus und verdrosch dem Hahn den Allerwertesten, während er ihn am Flügel gepackt genau auf Schlagdistanz hielt. Der Hahn hatte keine Chance zu entkommen und erhielt die Tracht Prügel seines Lebens. Immer wieder droschen die harten Schwingen des Gänserichs auf ihn ein, und erst als er so viele Federn hatte lassen müssen, dass es schon ziemlich lichte an seinem Hähnchenbürzel schimmerte, ließ Gunter ihn los. Wütend fauchte er hinter dem geschundenen Gockel her, der das Weite suchte und sich an diesem Tag nicht mehr blicken ließ.

Am nächsten Morgen war es merkwürdig ruhig auf dem Hof. Kein stolzes Krähen begrüßte den Morgen und weckte Tier und Mensch aus dem nächtlichen Schlummer. Ganz verstohlen steckte der Hahn seinen Kopf aus dem Hühnerhock und spähte umher, ob Gunter eventuell schon vor ihm wach war. Erst als er sicher sein konnte, dass die Luft rein war, führte er seine Hennen auf eine Wiese, die etwas abseits lag und durch einen Jägerzaun vom übrigen Hofgelände abgetrennt war. Nur eine ausgebrochene Zaunlatte gewährte gerade so viel Platz, dass die Hühner hindurchschlüpfen konnten. Einem ausgewachsenen Gänserich war der Weg versperrt. Recht unauffällig führte er von nun an seine Hühnerschar an den Stallwänden entlang zur neuen Hühnerwiese und zurück zum Hock. Er vermied es, den Weg über den freien Hof zu wählen. Die Gefahr, dem sittsamen Gunter unter die Augen zu geraten, war zu groß und erschien ihm nicht verlockend. Seither blieben alle anderen Tiere auf dem Hof von ihm unbehelligt.

Autor: Claus Beese
autor@claus-beese.de
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Die besondere Geschichte eines personifizierten Hahnes
1, 18 Januar, 2008, 6:30
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Die besondere Geschichte eines personifizierten Hahnes
Erinnerungen an einen ganz besonderen Freund namens Gigi – Eine wahre Geschichte

Gigi war sein Name. Als einziger einer Brut war er auf die Welt gekommen. Mein Schwager hatte nämlich eine Henne auf mehreren Eiern brüten lassen. Er alleine erblickte das Licht der Welt als „Italiener“. Die übrigen Eier dürften nicht befruchtet gewesen sein. Dieses „Wuserl“ wurde zunächst von meinem Schwager von Hand aufgezogen und verwöhnt – allerdings nicht lange. Ich hatte ihm das Piperl abspenstig gemacht. Als ich sah, dass das kleine Piperl meinen Schwager liebte, sah ich mich leid und dachte bei mir: „Dieses Viecherl soll und muss auch mir zugetan sein.“ Ich hob ihn oft auf, liebkoste ihn und er fraß mir buchstäblich aus der Hand.

Er bekam die ausgequetschten Weintrauben, die ihm sehr schmeckten. Er wurde von mir herumgetragen wie ein Baby, gestreichelt, einfach verwöhnt – ja geliebt, verhätschelt und getätschelt. Es dauerte nicht lange und er hatte sich nur mehr mir zugewandt und mein Schwager hatte das Nachsehen. Sobald er mich sah, kam er schnell gelaufen, pickte mich in die roten Zehennägel und genoss die Spaziergänge in meiner Hand.

Er wuchs heran und er durfte sich nicht den Hennen des stolzen alten Hahnes nähern – er musste immer einen Sicherheitsabstand einhalten und wurde vom Seniorhahn verjagt, wenn er seinen Hennen zu nahe kam.

Nun konnte man schon sein Geschlecht bestimmen. Aus dem Kücken war ein geschlechtsreifer Hahn geworden. Dieser Hahn hatte es mir angetan. Ich schloss ihn in mein Herz, wie den besten Freund. Täglich lud ich ihn zu mir in das Haus ein. Er „hopste“ federleicht und fröhlich die fünf Stufen bis zur Eingangstür hinauf. Aus Neugierde und Sehnsucht nach mir betrat er meine Wohnung, inspizierte sie und meinte: „Hier gefällt es mir.“ Wenn er bei der Haustür herinnen war, schloss ich sie. Er musste also bei mir bleiben, solange i c h das wollte, was ihm aber nichts ausmachte. Wir kommunizierten viel. Ich konnte seine Hühnersprache perfekt in die Menschensprache übersetzen. Wir unterhielten uns und „schnäbelten“ oft miteinander.

Die morgendliche Begrüßung

Sobald ich in der Früh vor die Haustüre trat und mich mein Gigi erblickte, lief er so schnell er konnte mir zu und bebalzte mich. Ich war ja schließlich seine Lieblingshenne. Er sah wie ein Kugelblitz aus, weil er beide Flügel wegstreckte. Manchmal stolperte er über seine Flügel. Dann blickte er mich so verliebt an, dass es beinahe herzzerreißend war. So lieb war er, dass ich ihn am liebsten gefressen hätte.

Die Autofahrten mit Gigi

Gigi liebte das Auto fahren. Er durfte am Boden des Beifahrersitzes Platz nehmen. Er genoss die Fahrt. Er krähte aus Freude. Er tat in seiner ureigensten Sprache kund: „Hurra, wir fahren fort!“ Und krähte und krähte. Am Ziel angekommen, wollte er nicht aussteigen. Ich öffnete die Beifahrertür und was tat Gigi? Er blieb am Trittbrett stehen und protestierte lautstark. Ga, ga, ga – ga, ga –ga . Das hieß: „Ich mag nicht aussteigen. Die Fahrt war zu kurz.“ Ich forderte ihn mehrmals auf auszusteigen, aber er blieb stocksteif stehen bis ich ihn heraushob. Er begleitete mich wieder bis ins Wohnzimmer, wo wir einiges zu besprechen hatten.

Sonntagsruhe

An einem Sonntagnachmittag besuchte mich meistens mein Gigi. Wir machten gemeinsam unseren Mittagsschlaf. Mein Freund Gigi legte sein Köpfchen an meine Brust und schnarchte, als hätte er Asthma. Ein Auge hielt er offen, das zweite geschlossen. Ganz ohne Misstrauen ging es nicht. Wir schliefen oft eine halbe Stunde und länger. Wenn er hinaus wollte, tat er es kund, indem er zur Tür ging und mich ersuchte ihn hinauszulassen. Einmal stellte ich ihn auf das Fensterbrett und befahl ihm hinauszufliegen. Wozu waren ihm Flügel gewachsen? Er schaute hinaus und meinte, dass es ihm zu hoch sei und der „Rausflug“ wäre zu gefährlich für ihn. Ich befahl es ihm dennoch ein zweites Mal: „Gigi, du fliegst hinaus!“ nachdem er sich angeschickt hatte, wieder ins Zimmer zurückzufliegen. Und siehe da, es funktionierte. Er peilte ganz genau einen Zielpunkt an und landete Punkt genau ebendort. Es war sehr angenehm für mich, weil ich ihn nicht hinausbegleiten musste.

Der Tierarztbesuch

Gigi hatte leider einen Pilz auf seinem Kamm. Das störte mich. Der Körperkontakt war nicht angenehm, da ich befürchtete, angesteckt zu werden. Kurz entschlossen fuhr ich mit meinem intimen Freund zur Frau Doktor. Dort angekommen, redete er sehr viel. Nicht alles konnte ich verstehen. Die Umgebung war natürlicherweise schon ungewohnt für ihn. Nichtsdestotrotz wartete er geduldig im Wartezimmer, bis wir in den Behandlungsraum durften. In der Ordination lief er überall herum, leider musste er auch ein „Batzerl“ fallen lassen. Er besichtigte das Innenleben des Schreibtisches und lief darunter durch. Anschließend wurde er gewogen und ließ sich ohne Gegenwehr behandeln. Die Frau Doktor meinte: „Zahme Hennen hätte sie schon öfter behandelt, aber an einen so gut dressierten Hahn könne sie sich nicht erinnern.“
Zu Hause angekommen, wollte er nicht aussteigen – wie immer.

Der Schuhfetischist

Im Vorhaus standen immer viele Schuhe. Gigi fand einen großen Gefallen an diesen Schuhen, besonders aber an Sportschuhen mit einem roten Schlauferl. Eines Tages, ich traute meinen Augen nicht. Er saß auf einem Schuh und … und vögelte ihn. Er war Hennenersatz. Es war so absurd, denn er betrachtete die Schuhe als seine Hennen.

Als ich eines Tages vor die Haustür trat kam mein Hahn so schnell er konnte gelaufen, sobald er mich erblickt hatte. Beide Flügel vom Körper weggestreckt peckte er mich heftigst in die Schuhe. Was konnte das bedeuten? Zwei Gründe konnte das haben: Erstens, dass ich nicht wegfahren darf, zweitens, weil er meine Schuhe für die „Seinen“ hielt. Es war zum Totlachen für mich. Ich ging zum Auto und bevor ich einstieg, wurde ich nochmals sehr energisch in die Schuhe gepeckt.

Renate in Gefahr

Eines Tages im Wonnemonat Mai (wir bereiteten eine Maiandacht vor) besuchte mich Renate. Sie trug ein Tablett in der Hand und trug ähnliche Schuhe wie die meinen. Mein Hahn war auch anwesend. Ich beobachtete ihn und bemerkte, dass er sich ihr näherte und sich anschickte sie zu attackieren. Ich musste das verhindern und sagte streng: „Gigi, nein, du darfst die Renate nicht anspringen.“ Er gehorchte aufs Wort, aber er peckte sie heftigst in ihre Schuhe, in der Meinung, das wären die „Seinen“.

Gigi, der Eifersüchtige

Meinen Mann und meine Söhne konnte Gigi nicht leiden. Jeder war ein rotes Tuch für ihn. Er wollte mich alleine „besitzen“ und sobald sich einer von ihnen in meiner Anwesenheit bzw. auch Abwesenheit näherte, schickte er sich an anzugreifen und er tat es auch. Sie wollten meinen Hahn zur Räson bringen, doch es gelang ihnen nicht. Auch ich konnte ihn daran nicht hindern, meine Männer zu attackieren. Er war rasend vor Eifersucht.

Die neuen Hennen

Da ich von meinem Hahn zeitlich so stark beansprucht wurde und er mir leid tat, dass er ein so untypisches Hahnleben führen musste, beschloss ich, ihm zu Weihnachten echte Legehennen zu schenken. Ich kaufte ihm fünf Hennen. Es dauerte nicht lange und Hahn und Hennen führten miteinander ein harmonisches, zufriedenes und glückliches Leben. Trotz seiner Hennen lief er so schnell er konnte mir zu, sobald er mich erspähte, bebalzte mich in alter Manier, kurzum ich blieb seine Lieblingshenne. Die Schuhe allerdings hatten als Hennenersatz ausgedient.

Die Gigishow

Es war im Fasching. Meine Freundin Monika wollte sich für das Gschnasfest etwas Besonderes einfallen lassen. Sie fragte mich: „Welche Maske sollen wir nehmen?“ Ich schlug vor, dass wir mit dem Hahn ins Gasthaus gehen und uns als Mägde verkleiden. Gesagt, getan. Sie war das Monerl von der Alm und trug ein Dirndlkleid. Ich war die Hühnermagd oder „kleine Dirn“ („Heamesch“ = Hühnermädchen) von einem Großbauern, nämlich die Kirschner Márie. Wir holten den Hahn um 21 Uhr aus dem Stall und fuhren ins Gschnaslokal. Dort angekommen zogen wir mit meinem Hahn eine tolle bühnenreife Show ab. Die Gschnasbesucher waren derart überrascht und prämierten unsere Nummer als die beste.

Der Weckruf am Morgen

Fast jeden Morgen kam mein Hahn mit seinen Hennen zum Schlafzimmerfenster und weckte mich. Vorher hatte er absichtlich, um mich zu ärgern, noch die ersten Blüten von meinen Terrassenblumen gezupft und gefressen. Daraufhin schützte ich meine Blumen vor dem gefräßigen Hahn.

Der dressierte Hahn

Gigi verstand beinahe jedes Wort. Ich wollte Bussi von ihm und sagte: „Bussi Gigi, bitte Bussi!“ Und siehe, er klapperte mit dem Schnabel jedes Mal, wenn ich mir die Bussi wünschte. Das war wirklich verblüffend und faszinierend zugleich. Außerdem war er der redseligste Hahn, den ich mir vorstellen kann.

Das traurige Ende

Mein Hahn musste mich leider verlassen, weil er einen meiner Söhne bei einem Angriff so verletzt hatte, dass er aus drei Wunden blutete. Meine Männer hatte er ja immer als Rivalen betrachtet, daher stets sein aggressive Verhalten ihnen gegenüber. Das hätte er nicht tun dürfen und somit wurde das Todesurteil über ihn gesprochen. Mein Gigi wurde nur fünf Jahre alt.

Ich trauere heute noch um dieses hochintelligente Tier. Es schien als hätte er tatsächlich einen Verstand gehabt und eine empfindsame Seele.

Nachwort zu einer originellen Geschichte

Die Tierliebe wurde mir in die Wiege gelegt. Ich wuchs auf einem Bauernhof mit vielen Tieren auf. Ich erinnere mich besonders gern an die vielen Katzen. Als Kind hatte ich schon eine Lieblingshenne und eine Lieblingskatze. Diese Tiere dienten mir als Puppenersatz.

Die Henne brach sich eines Tages ihr rechtes Bein. Ich wollte nicht, dass sie im Kochtopf landet und „spielte“ Arzt. Das erste was ich tat, war, dass ich ihr gebrochenes Bein schiente und bandagierte und ihr Ruhe verordnete. Ihre Ruhe gestaltete sich so, dass sie einige Tage unter einem großen Korb in Dunkelhaft verbringen musste. Das Bein war zusammengewachsen und die Henne legte aus Dankbarkeit noch lange Zeit das Frühstücksei für mich.

Diese Geschichte habe ich niedergeschrieben, um sie der Nachwelt zu überliefern und damit mein Gigi im Gedächtnis vieler Leser lebendig bleibt.

Autor: Maria Fuchshuber
feedback@tiergeschichten.de
(Kontaktdaten liegen Tiergeschichten.de vor)

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Die hässliche Geschichte vom lieben Entlein
1, 23 Februar, 2007, 11:21
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Es war einmal ein allerliebstes Entlein, das hatte so hässliche Eltern, dass es sich ihrer in ungeziemender Weise schämte. Wann immer es auf seine Erzeuger angesprochen wurde, verleugnete es die zwei großen, weißen Schwäne: „Was scheren mich diese Vögel, ich kenn’ sie nicht und mag auch nichts mit ihnen zu tun haben“, antwortete das Entlein ziemlich ausweichend.

Die Eltern waren ob dieser Niederträchtigkeit ihres Sprosses keineswegs empört, nein, sie waren nur traurig, so traurig, dass sie vor Kummer bald das Zeitliche segneten.

Der Tod seiner Eltern rührte das Entlein wie der Donner. Es ging in sich und erforschte sein Gewissen. Das sagte ihm unmissverständlich: „Wow, jetzt bist du sie los!“

Das war die lehrreiche Geschichte, die, wie wir alle erkennen, das vierte Gebot zum Inhalt hatte.

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at



Kreuzschnäbele
1, 15 Februar, 2007, 4:32
Gespeichert unter: Vögel

Kreuzschnäbele war kein kleiner Kreuzschnabel, wie man dem Namen nach vermuten könnte. Wir nannten die kleine Blaumeise nur so, weil die außergewöhnliche Form ihres Schnabels an den eines Fichtenkreuzschnabels erinnerte. Seit eine zugelaufene Katze bei uns lebte, hatten wir als sichere Futterstelle für die Vögel unseres Gartens auf dem Nordbalkon einen alten, an drei Seiten offenen Vogelkäfig aufgestellt: Nachdem ich einen herüberreichenden Ast des Kirschbaumes abgesägt hatte, war der Balkon für Mini nicht mehr erreichbar. Und selbst wenn sie ihn hätte entern können, bot der Käfig den Vögeln einen zu verlässigen Schutz.

Der Futterplatz fand jetzt, wo die Brut geschlüpft war und ständig nach Futter schrie, ganz besonderen Zuspruch. Auch Kreuzschnäbele suchte ihn regelmäßig auf. Ute hatte die kleine Meise zuerst entdeckt. „Komm doch mal her! Schau doch mal, was für einen seltsamen Schnabel die Blaumeise hat!“, rief sie mich eines Nachmittags ans Balkonfenster. Von dort konnte man das Treiben der Vögel ungestört beobachten. „Ja, das ist wirklich seltsam.“, antwortete ich, nachdem ich der kleinen Meise kurz zugesehen hatte. Ober- und Unterteil ihres Schnabels waren über Kreuz gewachsen und deutlich länger als die Schnäbel der anderen Meisen. Für sie schien das aber kein Problem zu sein. Sie machte einen munteren und gesunden Eindruck, wenngleich sie sich bei der Futteraufnahme ein wenig ungeschickt anstellte. Sie erschien häufiger bei uns als die anderen, und nach einigen Tagen vermuteten wir, dass sie bei der normalen Futtersuche doch erheblich behindert war.

Grundsätzlich versagten wir uns, unsere Vögel auch im Sommer zu füttern. Damit hätten wir sie möglicherweise ihrer natürlichen Lebensweise entfremdet und zur Unselbständigkeit erzogen. Das wollten wir nicht. Wenn draußen ausreichend Nahrung vorhanden war, boten wir deshalb nur hin und wieder ein paar Leckerbissen an, um die uns so wertvolle Freundschaft unserer Gartenvögel und ihr in Jahren gewachsenes Vertrauen zu erhalten. Mit Kreuzschnäbeles Erscheinen änderte sich das. Wir sorgten jetzt dafür, dass die Futterstelle immer bestückt war. Fühlten wir uns doch irgendwie in der Pflicht, dass unsere kleine Problemmeise nicht zu sehr unter ihrer Behinderung zu leiden hatte.

Um zu verhindern, dass die lebenstüchtigen anderen Vögel sich als Gäste mit Vollpension bei uns einmieteten, machten wir den Käfig bis auf eine einzige Öffnung dicht. Die war so klein, dass Kreuzschnäbele zwar hindurch passte, Rotkehlchen, Rotschwanz oder Finken aber nicht. Ein Kohlmeisenhahn hatte es zwar einmal versucht und auch geschafft, probierte es aber kein zweites Mal mehr. Sie erhielten nun außerhalb des Käfigs hin und wieder ihre Leckerli. Für Kreuzschnäbele aber war der Tisch immer gedeckt und zugänglich. Es schien sich seiner Bevorzugung durch uns nach und nach auch bewusst zu werden und verlor immer mehr seine anfängliche Scheu.

Was uns nach einigen Wochen beunruhigte, war das unerwartet schnelle Wachstum seines Schnabels. Er hatte nunmehr eine Besorgnis erregende Länge erreicht. Wir führten sein ungebremstes Wachstum darauf zurück, dass Kreuzschnäbele eine natürliche Futtersuche, bei der sich der Schnabel von selbst abnutzt, nicht möglich war.

Beim nächsten Tierarztbesuch mit Kätzchen Mini, sprach ich Frau Dr. Günther darauf an. „Ja“, sagte sie, „das kommt leider hin und wieder vor.“ „Und wie endet so was?“ „Weil diese Vögel immer weniger Nahrung zu sich nehmen können, verhungern sie über kurz oder lang. Es sei denn, ihr Schnabel würde gekürzt. Das wäre kein Problem. Aber wie wollen Sie einen ganz bestimmten Wildvogel einfangen?“

Wieder daheim, ließ mir das Gespräch mit Dr. Günther keine Ruhe, und ich überlegte fieberhaft, wie ich Kreuzschnäbele einfangen könnte. Man müsste ihm, wenn es im Käfig saß, von außen den Ausgang versperren, ohne sich selbst dem Käfig zu sehr zu nähern. Denn bei aller Vertrautheit würde es mich nie so weit herankommen lassen, dass ich das Schlupfloch mit der Hand verschließen konnte. Es war mir klar, dass der erste Fangversuch glücken musste. Danach wäre es mit dem Vertrauen zu uns vorbei und das Einfangen sehr viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich.

Nach einigem Nachdenken bastelte ich einen Schieber, der an einer Perlonschnur befestigt, von oben, rechts und links in einer Schiene laufend, herabgelassen werden konnte und so den Ausgang verschloss. Die Perlonschnur führte ich durchs Fenster ins Esszimmer. Von dort aus hatte ich alles im Blick. Während Kreuzschnäbeles Abwesenheit probierte ich immer wieder, bis nach mehreren Verbesserungen der Schieber zuverlässig funktionierte. Ute war sehr skeptisch. Und dann wurde es schließlich ernst. Ich rief Dr. Günther an und fragte, wann ich die Blaumeise bringen dürfe. Sie war sehr überrascht und fragte: „Ja, haben Sie sie denn?“ „Nein. Aber ich kann sie jederzeit fangen.“ „Nun gut, dann bringen Sie sie am besten gleich vorbei.“ Sie schien aber noch skeptischer zu sein als Ute.

Ich selbst war mir meiner Sache jetzt ziemlich sicher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis Kreuzschnäbele wieder im Käfig saß. Schnell ließ ich den Schieber herunter, und unser Patient war gefangen. Ich hatte erwartet, dass Kreuzschnäbele nun in wilder Panik im Käfig umher flattern würde. Aber es geschah nichts dergleichen. Es erschrak zwar und suchte sofort nach einem Ausgang. Doch als es den nicht fand, begann es ohne jede erkennbare Aufregung zu fressen. Weil es selbst für handzahme Vögel Stress bedeutet, gegriffen zu werden, verzichteten wir darauf. Stattdessen bedeckten wir den Käfig mit einem Tuch und verfrachteten ihn samt Inhalt ins Auto. Und weil auch für Mini ein Tierarztbesuch fällig war, nahmen wir sie ebenfalls mit. Ute blieb aber zunächst mit ihr im Auto zurück.

Frau Dr. Günther und ihre Assistentin sahen mich ungläubig an, als ich mit dem Käfig vor der Praxistür stand. „Wie haben Sie das gemacht?“, wollten beide wissen, und ich erzählte, wie überraschend einfach das abgelaufen war. Die Assistentin, Frau Wilde, holte Kreuzschnäbele aus dem Käfig. Natürlich wehrte es sich. Aber die beiden Damen wunderten sich darüber, dass es eigentlich nicht sonderlich gestresst wirkte. Der Schnabel war schnell gekürzt. Natürlich könne er nachwachsen. Aber Meisen seien ja ziemlich standorttreu, und ich müsse sie dann eben noch einmal bringen. Und ich solle doch auch bitte berichten, wie es mit der Futteraufnahme klappe.

Ich brachte Kreuzschnäbele also zurück ins Auto und Mini in die Praxis zur Behandlung. Als ich zurückkam, fand ich Ute in heller Aufregung. Kreuzschnäbele hatte im Käfig eine etwas größere Lücke zwischen zwei verbogenen Gitterstäben gefunden, sich hindurch gezwängt und flog nun frei im Auto herum. Utes Vorschlag, es einfach hier frei zu lassen, gefiel mir überhaupt nicht. Ich wusste zwar nicht, ob Kreuzschnäbele einen Partner oder eine Partnerin hatte und ob es ein Hahn oder ein Weibchen war (bei Kohlmeisen konnte ich die Geschlechter besser unterscheiden), fand es aber sinnvoller, es in seine vertraute Umgebung zurück zu bringen. Dort konnten wir es vielleicht weiterhin beobachten und ihm gegebenenfalls auch helfen, wenn es das nach dem heutigen Abenteuer überhaupt noch zuließ. Mini war ja in ihrer Transportbox und konnte nicht gefährlich werden. Aber wie würde Kreuzschnäbele sich verhalten? Es kam auf einen Versuch an. Vorsichtig fuhr ich los. Kreuzschnäbele saß auf der Hutablage hinter dem Rücksitz mit dem angeschnallten Katzenkorb und verhielt sich so ruhig, dass Ute ihm trotz meines Protestes einen Pinienkern auf die Ablage warf. Es zögerte keinen Augenblick, den Kern aufzunehmen und daran herum zu picken. Binnen kurzer Zeit war er vertilgt. Wir waren platt. Auch ein zweiter Pinienkern wurde vollständig gefressen. Danach war Schluss. Es begann zu regnen. Ich musste den Scheibenwischer einschalten. Und nun flog Kreuzschnäbele zu meinem Schrecken nach vorn, blieb dort aber brav über den Armaturen, zwischen Lenkrad und Windschutzscheibe sitzen. Diesen Platz behielt es unter freundlichem Zureden auch bis zu Hause bei. Die ganze Aufregung hatte sich als unbegründet erwiesen.

Erleichtert öffnete ich die Wagentür, und Kreuzschnäbele flog schnurstracks in seinen Holunderstrauch, in dem auch der Nistkasten mit dem extra kleinen Schlupfloch für Blaumeisen hing. Wir atmeten auf, und erwarteten, Kreuzschnäbele, auf das dieser Name nun gar nicht mehr zutraf, nicht so schnell wieder an unserem Futterplatz anzutreffen. Doch schon zwei Stunden später rief Ute: „Guck doch mal, wer da ist!“ Kreuzschnäbele saß wie eh und je im Käfig und ließ es sich schmecken. Aber mit seiner Vorzugsbehandlung war es nunmehr vorbei. Es konnte nun wieder ungehindert Insekten jagen und sollte das auch. Nur hin und wieder bekam es von uns einen Pinienkern als besonderen Leckerbissen. Sonst gab es nichts mehr, denn Kreuzschnäbele kam zu unserer großen Beruhigung jetzt auch ohne unsere Hilfe sehr gut zurecht. Manchmal saß es zwar noch im Käfig vor seiner ehemaligen Futterstelle und sah sehnsüchtig zum Balkonfenster herüber. Aber Hunger litt es offensichtlich nicht, denn es war wohlgenährt und putzmunter.

Wir freuten uns immer, wenn es erschien. Bei solchen Besuchen gab es dann gelegentlich als kleines Trostpflaster ja auch noch den Pinienkern. Eine Partnerin oder einen Partner konnten wir in seiner Nähe nicht entdecken. Dabei hätten wir uns so darüber gefreut. Und dann war es eines Tages plötzlich verschwunden. Tag für Tag warteten wir und hielten Ausschau nach ihm. Vergeblich. Wir hätten nie geglaubt, dass es uns so fehlen würde und rätselten daran herum, warum es auf einmal nicht mehr kam. Krankheit als Ursache schlossen wir aus. Als wir es zuletzt sahen, hatte es auf uns einen sehr vitalen Eindruck gemacht. Aber natürlich gab es hundert andere mögliche Erklärungen für sein Ausbleiben. Man musste ja nicht unbedingt vom Schlimmsten ausgehen. Sicher konnte es von einer Katze oder einem Marder gefressen worden sein. Aber Meisen sind ja extrem flink. So trösteten wir uns gegenseitig damit, dass es wahrscheinlich einem Partner in dessen Revier gefolgt war und endlich in ein normales Meisendasein zurückgefunden hat. Und wir sind sehr dankbar, dass wir dazu vielleicht doch ein ganz klein wenig beitragen durften.
Autor: Theo Schulz
theo.schulz@gmx.de     



Batteriehühner (Satire)
1, 24 November, 2006, 9:43
Gespeichert unter: Rosmaringo, Vögel

Bei näherer Betrachtung und selbst wohlwollender Beurteilung sind Hühner durchaus nicht so liebenswerte Wesen, wie uns diverse Schilderungen von Idyllen auf dem Bauernhof vorgaukeln wollen.

Man denke nur an die Hühner in den Lege- und Mastbatterien. Allesamt undankbare Geschöpfe. Sie werden mit auserlesenem Futter zu geregelten Zeiten (sogar eine Nachtjause ist eingeplant) und in ausreichender Menge versorgt, brauchen also keine einzige Sekunde und noch weniger einen Gedanken an die sonst so mühsame Futtersuche zu verschwenden.

Der mitfühlende Geflügelhalter stutzt die Krallen und Schnäbel seiner Schutzbefohlenen, eifrig darauf bedacht, die Streitsucht der Hennen auf humane Weise hintan zu halten. Tagtäglich werden sie mit Hormonen und Medikamenten versorgt, wiederum in dem rührenden Bestreben, dass den Hennen, die der Pfleger alle beim Namen nennen kann (Hendi 1 bis Hendi 14256), nur ja kein Unbill zustoße.

Und was tun sie, die Hühner? Sie sind aufsässig, lärmen unbegründet Tag und Nacht, legen Eier, von deren innerer Anwendung abzuraten ist und liefern Fleisch, das Männern stattliche Brüste wachsen lässt.

Solchem Undank kann man nur mit einem Boykott begegnen. Man kaufe keine Eier und kein Hühnchen aus Batteriehaltung, dann werden diese Vögel schon sehen, wie weit sie kommen.

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at



Buntspechte am Fenster
1, 9 November, 2006, 5:02
Gespeichert unter: Vögel

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Eintrag vom 15. Juni 2001:
Hier die Geschichte von „meinen“ Buntspechten, die mich am Schlafzimmerfenster besuchten. Klingt recht unwahr, aber an den Fotos könnt Ihr sehen, dass es stimmt!

Das ganze fing ganz harmlos an: Wir hatten einen Frühstücksteller auf dem Nachttisch und da kamen einige Meisen angeflogen und inspizierten das Essen, frech und ungeniert hielten sie sich im Zimmer auf. Ich weiß, dass man zu dieser Jahreszeit nicht die Vögel füttern soll, ich habe nur ein paar Kerne zerkleinert und hingelegt, um zu sehen, was passiert. Na, das hat sich beim Vogelvolk gleich herumgesprochen. Und so war ab und zu auf meiner Einkaufsliste auch gemahlene Hasel- oder Walnüsse, die ich als kleine Leckerei den Vögeln am Schlafzimmerfenster hinlegte.

Und eines Tages: Aufruhr und Entsetzen bei dem anderen „Kleingefieder“. Ein Buntspecht, ca. 23 cm groß, kam angeflogen, „hackte“ mit seinem langen Schnabel, den Kopf ganz schräg gestellt, die gemahlenen Haselnüsse weg.

Ich bewegte mich nicht, um ihn nicht zu erschrecken – ich glaubte, er würde nur einmal an mein Fenster kommen. Er war sehr scheu und ist anfangs bei der kleinsten Bewegung sofort weggeflogen.

Das änderte sich jedoch bald: Der Buntspecht kam nun öfter und ich fing an, mich für ihn näher zu interessieren, d.h. ich habe in Büchern und im Internet einiges über ihn nachgelesen. So habe ich erfahren, dass ein Buntspecht-Männchen an mein Fenster kam, denn dieser Specht hatte ein rotes Nackenband.

Zur Information:
Der Großteil des Gefieders am Rückenbereich eines Buntspechtes ist schwarz, jedoch mit weißen Schulterflecken, weiß auch an den Halsseiten, am seitlichen Kopf und an den äußeren Schwanzfedern. Die rote Unterschwanzdecke ist scharf abgesetzt gegen die schmutzigweiße Unterseite. Männchen, Weibchen und Jungvögel haben einen schwarzen Oberkopf, nur das Männchen hat einen roten Nackenstreifen und die Jungvögel haben in beiden Geschlechtern einen roten Fleck/Scheitel am Kopf. Die rote Schwanzdecke ist bei den Jungen noch nicht so kräftig rot gefärbt.

Beim Verlassen der Wohnung musste ich die Tür zum Wohnzimmer schließen, damit während meiner Abwesenheit nicht die übrigen Räume von den anderen Vögeln aufgesucht wurden. Denn die Meisen fühlten sich nämlich recht wohl und erkundeten des öfteren meine Wohnung. Sie setzten sich auch auf den Lampenschirm, aufs Bett, auf eine Zeitung, die man gerade las – sie gehörten schon „zur Familie“. Später wurden die Meisen immer zutraulicher und sie kamen sogar auf die Hand.

buntspecht-02k.jpg

Und eines Tages entdeckte ich auch zwei Buntspechte – mitten im Zimmer – auf dem Fußboden. Aber wieso auf einmal zwei? War es ein Pärchen? Ich konnte das so schnell nicht erkennen, denn die waren sofort verschwunden, nachdem ich das Zimmer betrat.

Jetzt wurde ich neugierig und ging auf Beobachtungsposten und siehe da: Es waren insgesamt drei Buntspechte – Männchen, Weibchen und ein Junges. Das aufgeplusterte Buntspecht-Kind war jedoch schon fast so groß wie die Eltern, wurde an mein Fenster mitgebracht und vor meinen Augen gefüttert. Das Junge hatte einen fast kreisrunden roten Fleck auf dem Kopf. Ich verglich es mit einer Punk-Frisur, rot eingefärbt. Meist fütterte der Vater, die Mutter sah man selten. Ich ging auch davon aus, dass aus der Brut nur ein Junges überlebt hatte, sonst wären sicher mehrere Junge „vorgeführt“ worden.

buntspecht-03k.jpg

Aus weiter Entfernung konnte ich das Rufen („Keck-keck-keck“) vom Specht schon hören. Es schien, als würde er dadurch sein Nähern ankündigen wollen – mir, dem Menschen, und auch den kleinen Vögeln, denn diese suchten daraufhin das Weite, machten Platz für den Buntspecht. Man konnte sehr gut die Rangordnung erkennen: Zuerst hatte der Eichelhäher die „Macht“, der sich eher selten näherte, dann übernahmen die Buntspechte das Revier und zum Schluß kammen die Spatzen und Meisen zurück.

Über meinen neuen „Vogel-Besuch“ freute ich mich sehr, die Buntspechte zu beobachten machte richtig Spaß!

buntsecht-04.jpg

Ich hatte mich einmal unter meiner Bettdecke versteckt, eingemummelt und verschanzt, so dass mich die Buntspechte nicht sehen konnten. Ich saß gut 45 bis 50 Minuten auf der Lauer, bis ich einige Fotos schießen konnte. Leider war das Resultat der Fotos nicht nach meinen Vorstellungen.

Mit der Videokamera ging das wesentlich einfacher. Die Buntspechte glaubten allein zu sein und fühlten sich unbeobachtet.

Da kam ich auf eine viel bessere Idee: Ich schloss meine analoge Videocamera an meine Grafik-Karte an und holte mir aus dem Internet eine Software zum Überspielen des Films in den Rechner. Die Bilder hier und der Videoclip auf meiner Seite http://www.ren-rad.de

sind das Ergebnis.
Nachtrag 8. Juli 2001:
Ende Juni war die Fütterungsphase beendet. Die Buntspechte kamen eine ganze Zeit nicht mehr wieder – „ein undankbares Volk (!)“, wie ich meinte. Doch bald darauf kamen sie doch noch ab und zu (meist früh morgens), angeflogen und statteten mir einen Kurzbesuch ab! Das Junge hatte sich zu einem prächtigen Buntspecht-Männchen „herausgemausert“ und ist zu einem selbständigen Vogel herangewachsen. Ein kleiner roter Nackenfleck und noch ein paar flauschige Federn zeigten mir, dass das eine Männchen der Nachwuchs war. Ihr Zuhause schien der nahegelegene Park zu sein, in den die Buntspecht-Familie zurückflog.

Für dieses Jahr scheint die Geschichte und das Kapitel „Buntspechte“ abgeschlossen zu sein!?!

Autor: Renate Radecke
natty@ren.rad.de
http://www.ren-rad.de



Amselglück
1, 7 November, 2006, 6:50
Gespeichert unter: Vögel

Der lang anhaltende Winter mit seiner klirrenden Kälte lässt nicht nur mich jedes Jahr auf einen sonnigen Frühling hoffen, der die von Schnee und Eis bedeckte Erde mit den im Winterschlaf ruhenden Pflanzen wieder zu neuem Leben erwecken soll.

Oft vergesse ich, dass mir kalt ist, wenn ich den Vögeln zusehe, denn im Herzen verspüre ich eine kaum vergleichbare Wärme, wenn sie ihr Morgenlied am nahen Tannenbaum vor meinem Schlafzimmerfenster voller Zuversicht trällern, obwohl die Futtersuche bei diesen Temperaturen um den Gefrierpunkt sicherlich schwer ist.

Ich kann öfters zusehen wie Amsel, Spatz oder Meise auf den bereitgestellten Futterplätzen am Balkon anderer Bewohner um ihre Rationen kämpfen und es ist lustig zu beobachten, welche Strategien von den Piepmätzen eingesetzt werden, um mit zornigem Gezwitscher den Konkurrenten den Rang abzuflattern.

Aber auch diese Jahr kommt der Frühling und mit ihm das Liebeswerben der Vögel und anderer Tierarten. Auf meinem Balkon und in der Parkanlage vor und hinter dem Haus geben sich Meisen, Grünlinge, Spatzen und Amseln im frischen Grün der Bäume und Sträucher ein Stelldichein.

Bereits am frühen Morgen, bevor die Dämmerung entschwindet, erklingen die unterschiedlichsten Vogellieder vom Tannenbaum gegenüber und es ist ein besonderes Konzerterlebnis, das ich täglich bei offenem Schlafzimmerfenster genießen darf. Wenn dann die Morgensonne ihre Strahlen über die Berggipfel schickt, sitzen abwechselnd die Singvögel auf der hohen Spitze des Tannenbaums, um im goldenen Schein des neu erwachten Tages ihre Liedchen zu schmettern.

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Es zwitschert eine Meise
mir morgens froh ihr Lied
auf wunderbare Weise,
die in die Herzen zieht.

Sie plustert ihr Gefieder
und legt das Köpfchen schief,
ermuntert immer wieder,
bis ich ein *ziwitt* rief.

Ans Fenster klopft sie leise,
begehrt den Pinienkern;
den geb’ ich meiner Meise
als Leckerbissen gern.

Mit dem Lohbach, einem Biotop für viele Pflanzen und Tierarten, dem nahen Bergwald und der umliegenden Parkanlagen ist die Wohngegend am Rande der Stadt eine Oase der Erholung.

Eigentlich gibt es keinen triftigen Grund, weshalb ausgerechnet auf meinem Balkon nun bereits das dritte Mal ein Amselnest erbaut wurde, denn ich habe kein Futterhäuschen am Balkon und stelle auch im Winter kein Vogelfutter zur Verfügung. Vielleicht wurde der Brutplatz auf meinem Balkon auch erwählt, um der drohenden Gefahr von herumstreunenden Katzen, die Jungvögel gerne zu ihrer Beute machen, zu entkommen.

Über den Gesang der Amseln, ihren verschiedensten Brutplätzen und ihren Gewohnheiten in der Nähe des Menschen zu leben, wurde schon viel geschrieben. Was Amseln uns aber wirklich mit ihrem schönen Gesang sagen wollen, wird uns wohl für immer verborgen bleiben, erfreut uns aber jedes Jahr zur Frühlingszeit, besonders wenn der melodische Reviergesang des Männchens aus den nahen Grünanlagen tönt.

Jedenfalls ist trotz der schönen parkähnlichen Grünanlagen rund um unser Wohndomizil mein kleiner idyllisch gestalteter Balkon im letzten Stock des Hauses ein begehrter Brutplatz für die Amseln geworden, wie man der folgenden Erzählung und den von mir gemachten Fotos entnehmen kann.
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Die Amsel nützt die Zeit der Chancen,
wenn Frühlingssonnenstrahlen tanzen
auf Blättern, die auf starken Zweigen
das Wachstum voller Triebe zeigen.

Sie baut ihr Nest, geschützt vorm Sturm,
hält Ausschau nach dem besten Wurm
und fängt Insekten kühn im Flug,
ist sangesfreudig und auch klug.

Um ihre Brut gut aufzuziehen,
muss jeder Vogel sich bemühen,
den Futterplatz auch gut beschützen
und auf den Eiern wärmend sitzen.

© Ingrid Riedl

Ein Brutplatz am Balkon

Um auch im Winter meinen Balkon mit etwas Grün zu schmücken, pflanzte ich veredelte Zwergpinien, Wachholder und gab dazu in die von den Geranien verlassenen Blumenkästen Tannen- und Fichtenzweige.

Mein Blick aus dem Wohnzimmerfenster traf immer wieder auf ein Amselpaar, das sich in Abständen abwechselnd auf dem Balkongeländer niederließ, als wollten sie mich begrüßen.

Ein besonderer Schnappschuss gelang mir, als sich ein Amselpärchen am Balkon-Geländer traf, wo ich ein paar Pinienkerne und Rosinen hingelegt hatte.

Ohne die bereitgestellten Leckerbissen aufzupicken, standen sie sich stolz gegenüber und ihr Blickkontakt mit der Körperhaltung ließ vermuten, dass hier ein Liebeswerben stattfand.

Das tiefschwarze Männchen sträubte in geduckter Haltung sein Gefieder, tänzelte hin und her und wie mit einer unterwürfigen Geste überließ er dem Weibchen die begehrten Delikatessen. Anschließend flog er auf den Dachrand des Hauses und verkündete trillernd mit stolz geschwellter Brust seinen Artgenossen, dass er nun hier für Nachwuchs sorgen wird.

Als ich an einem sonnigen Maitag der ersten Woche im Wonnemonat meine Geranien, Pelargonien, Margariten und das kleine Jasminbäumchen mit seinen zarten, weißen Sternchenblüten pflanzte, entdeckte ich die Spuren am Boden des Balkons, die Vögel beim Nestbau hinterlassen.

Einzelne trockene Halme, Zweige, Gräser und verstreute Blumenerde lagen rund um den Blumekasten mit den Koniferen, neben der das noch nicht ganz fertige Vogelnest erahnen ließ, dass es hier Nachwuchs geben wird.

Erst später entdeckte ich, dass sich im Blumenkasten hinter dem hölzernen Rankgitter mit dem wilden Efeu ein Reservevogelnest befand, das aber zum Brüten nicht mehr geeignet war, da ich es – versehentlich – nicht wissend – tüchtig begossen hatte.
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Vorsichtig guckte ich in das noch leere kunstvoll gebaute Nest, welches die naturgegebene Architektur der Vogelwelt widerspiegelt, holte meine kleine Digital-Kamera (ohne optischen Zoom), um dieses Werk fotografisch festzuhalten und hoffte auf die Wiederkehr der beiden Vogeleltern, die hier offensichtlich ihren Brutplatz errichten wollten.

Und dann war es soweit.

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Bereits ein paar Tage später, als der Nestbau beendet war, sah ich die etwas größere, graubraun gefiederte Amselmutter brütend im Nest sitzen und wusste nun, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis das erste Ei gelegt ist.

Vorsichtig, um die brütende Amsel nicht zu erschrecken, öffnete ich künftig leise meine Balkontüre, sah durch das Fenster in das Eck, wo der grüne Blumenkasten mit der Konifere stand, die mit ihren Zweigen nur die Einsicht erschwerte, aber nicht vor den Witterungseinflüssen schützen konnte, damit das Nest unversehrt und trocken bleiben konnte.

Die brütende Amsel schien gar nicht so scheu zu sein, wie allgemein angenommen, denn sie signalisierte mir, als ich mich näherte, mit gurrenden Tönen, dass sie sich hier anscheinend wohl fühlte.

Aufgeplustert saß sie stundenlang im mit Halmen gepolsterten Nest und war nur zur Futtersuche kurz unterwegs, um unter Hecken und Sträuchern Futter zu finden.

Sonnenblumen- und Pinienkerne, wie kleine Apfelspalten legte ich in ein Schälchen und auf das Bistrotischchen, was von meinen Vogelgästen gerne angenommen wurde und auch den Amselvater anlockte, der zwischendurch seiner brütenden Gefährtin Würmer, Insekten, Beeren und Samen mitbrachte, um ihr das Brüten zu erleichtern und sie bei Kräften zu halten. Es war herrlich, dieses Amselglück zu beobachten und ich nützte nahezu den überwiegenden Teil des Tages, immer wieder nachzusehen, ob schon ein Ei gelegt war.

Eines Tages hörte ich am Vormittag frohes Amselgezwitscher, sah die Amselmutter wegfliegen und beim Blick in das Nest das erste, hellblaugrau gescheckte Vogelei. Nun war ich mir sicher; hier gibt es Nachwuchs und das nächste Ei wird nicht lange aus sich warten lassen. So war es dann auch. Aber die Natur wollte es anders. Als zwei Eier im Nest lagen, brach die Vogelmutter abrupt ihr Brüten ab und ließ die zwei gelegten Eier im Stich.
Was die Ursache war, blieb ein Rätsel.

Nach einer Wartezeit von vierzehn Tagen, beschloss ich, das verlassene Vogelnest zu entfernen. Kaum hatte ich begonnen, den Blumenkasten um das Nest zu erleichtern, flogen mit einem laut protestierenden „witt-witt-witt“ die Amseleltern auf den Balkon und ihren Gebärden zufolge, war es ihnen nicht Recht, dass ich den errichteten Brutplatz zerstöre.

Da ich das vermeintlich verlassene Nest jedoch bereits in einen Müllsack gegeben hatte und die zwei Amseleier (als Erinnerung) in ein Ostern-Körbchen, brach ich verunsichert meine Tätigkeit ab. Ich beließ aber die „Grube“ in der Blumenerde und entfernte mich, nicht ohne das weitere Geschehen vom Fenster des Balkons aus, weiter zu beobachten.

Und was sah ich da?

In Windeseile kam die Amselmutter in kurzen Abständen mit Halmen angeflogen, errichtete ein neues Heim in derselben Grube des Blumenkastens, während der Amselhahn als „Wächter“ an der Dachrinne – in naher Entfernung das Ganze im Auge behielt. Es war phänomenal, mit welcher Geschwindigkeit und präziser Kunstfertigkeit das neue Nest errichtet wurde. Ich bedauerte, dass sich kein optischer Zoom auf meiner Digital-Kamera befand und ich das Schauspiel nicht mit einer Filmkamera festhalten konnte.
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Die werdende Amselmutter hatte es offensichtlich eilig, denn als das Nest in einer guten Stunde bezugsfertig war, legte sie anschließend gleich wieder ein Ei und es folgten weitere. Jeden Tag kam ein Ei dazu und schließlich waren 5 Amseleier im Nest zu erblicken.

Die Amselmutter war nun überwiegend mit dem Brüten beschäftigt und der stolze Vater traf mehrmals täglich ein, um der brütenden Mutter Futter zu besorgen und um die frohe Kunde einer neuen Brut mit herrlichem Gesang zu bekräftigen.

Nach Recherchen über das Brutverhalten der Amseln, die zur Gattung der Drosseln gehört, erfuhr ich, dass das eigentliche Ausbrüten der gelegten Eier erst nach dem dritten Ei beginnt. Ob dies das Abbrechen des ersten Geleges begründet, entzieht sich meiner Kenntnis.

Es war eine wahre Augenweide, diesem Ereignis beizuwohnen und mit vorsichtigem Anschleichen, um das Paar bei ihrer Familiengründung nicht zu stören, gelang es mir, einige Fotos zu schießen, die das Wunder der Natur dokumentieren.

Spannend wurde es für mich, als zehn Tage später das erste und am nächsten Tag das zweite Junge schlüpfte und ich kurz vor Mittag zufällig den Zeitpunkt erhaschte, als noch ein Stück der aufgebrochenen Eierschale neben dem neugeborenen federlosen Piepmatz lag.

Oh, wie ist es angenehm
unter Mamas Schoß
und wir machen’s uns bequem
bis wir stark und groß.

Bevor die Mutter die letzte aufgebrochene Schale des Eis verzehrte, um dem frisch geschlüpften Erdenbürger Platz zu schaffen, konnte ich noch ein Foto machen.

Das nackte, rosafarbene Küken, das noch blind und unbeholfen seinen Schnabel gierig nach Futter heischend aus dem Nest reckte, wurde nahezu im Viertelstundentakt von den emsig herbeieilenden Eltern liebevoll gefüttert.

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Piepsend recken sie die Köpfchen
hungrig aus dem Nest heraus,
würgen gierig in ihr Kröpfchen,
lassen keine Mahlzeit aus.

Das Gefieder ist noch spärlich,
und die Äuglein zu und blind,
doch wenn etwas gefährlich,
kommt die Amselma geschwind.

Vorne rein und hinten raus ist auch hier eine Gegebenheit, wenn die Verdauung klappen soll. Beide Elternteile hielten das Nest sauber, indem sie dem Piepmatz, die Exkremente vom Darmausgang mit dem Schnabel entfernten, was irgendwie recht lustig anzuschauen war, denn so unbeholfen die Kleinen auch waren – sie befolgten den Ablauf des Geschehens –sozusagen – blindlings.

Als das dritte Junge tags darauf das Licht der Welt erblickte, war Pause angesagt. Ob die weitere Familienplanung damit abgeschlossen war, konnte ich zum Zeitpunkt nicht erahnen, bemerkte jedoch, dass in den weiteren Tagen kein Küken mehr schlüpfte.

Die zwei intakten, übrig gebliebenen Eier wurden jedoch sorgfältig „gerollt und gewendet“ und von der Futter suchenden Mutter unter die Jungen geschoben, die darauf herumtrampelten, wenn der Kampf um das Futter begann, das die Eltern dem rivalisierenden Nachwuchs in die Hälse stopfte. Immer der Reihe nach, und sorgfältig bedacht, dass auch der Kleinste zum Zuge kam, der von den älteren Geschwistern in die Ecke gedrängt wurde.

Es war erstaunlich, was die Kleinen so alles an Insekten und Würmern hinunterwürgten.
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Um sich den Vorrang zu erkämpften, wenn es um die Fütterung ging, waren auch unfaire Methoden erlaubt.
Dass die um ein paar Tage älteren Jungen im Vorteil waren, war klar.

Die Eltern achteten aber genauestens auf gerechte Futterverteilung und starteten sofort wieder, um einen neuen Wurm zu liefern, wenn eines der Kleinen nicht zum Zuge kam. Zwischendurch holten sie auch meine bereitgestellten Leckerbissen an Pinienkerne, die sie besonders liebten und stopften sie ihrer Brut in den weit geöffneten Schnabel, wo der Schlund des langen Halses unendlich zu sein schien.

Vater füttert mit Geschick,
Fliegen, Würmer, fett und dick,
pickt vom Nest, was stört und zwickt,
bis wir müd’ und eingenickt.

Mit ihren langen, im Licht der Sonne – durchscheinenden, nur mit Flaum bedeckten Hälsen, reckten sie piepsend und bettelnd – ihre Schnäbel an Vater oder Mutters gefiederte Brust und signalisierten mit ihren übergroß wirkenden Schnäbeln, dass der Hunger noch nicht gestillt sei.

Die Mutter machte diesem Gezeter jäh ein Ende, wenn sie sich behutsam und aufplusternd auf das Nest setzte, wo sich die drei Piepmätze dann beschützt, satt und müde ihren Vogeltraum hingaben. Doch der Schlaf der Jungvögel dauerte nie länger als eine halbe Stunde. Fordernd bohrten sie sich dann durch das Gefieder der Mutter, die dem Anschein nach, manchmal überfordert schien, denn sie drängte die Kleinen immer wieder unter ihren Bauch.

Die restlichen zwei graublau gecheckten Eier lagen im Nest unter oder neben dem Nachwuchs, der sich aneinander kuschelte, auch deshalb, weil es entgegen der Jahreszeit ziemlich kühl war. Um die Brut vor dem Regen zu schützen, spannte ich einen kleinen Sonnenschirm über das Nest, was sich als sehr vorteilhaft erwies, besonders als eines Tages zur Mittagszeit kirschgroße Hagelkörner vom Himmel hagelten.

Sichtlich erschrocken, saß die besorgte Amselmutter auf dem Nest, um ihre Jungen zu behüten, als es blitzte, donnerte und der Himmel seine Schleusen öffnete. Der Amselvater flog nach dem Gewitter triefend nass zur Brutstätte und schmetterte nach seiner Inspektion und Fütterung mit frischen Würmern – sichtlich zufrieden, seine erfreuliche Botschaft vom Dach des Nebenhauses.

Zwei der Erstgeschlüpften hatten bereits eine Woche nach dem Schlüpfen ihre Äuglein offen und reagierten nun auch, wenn ich mich näherte mit einer Schutzhaltung, indem sie sich im Nest duckten.

Der Vater war nach wie vor die Autoritätsperson. Die Amselmutter agierte äußerst geduldig und liebevoll beschützend, ließ mich aber trotzdem nahe an das Nest heran und rückte zur Seite, um mir stolz ihre Brut zu zeigen, die sich unter ihr aufgeplustertes Gefieder kuschelte.

Dass die Erziehung der Amseleltern Früchte trug, konnte ich immer wieder mit Schmunzeln beobachten. Köstlich war es anzusehen, wenn sie in der Reihe bettelnd und piepsend auf die Nahrungszufuhr warteten und nach den Schlucken trippelnd ihren noch rosa Pürzel mit dem spärlichen Flaum in die Höhe reckten, damit Vater oder Mutter den Kot entfernt. Das Nest war immer reinlich und wurde im Laufe der Zeit von der Mutter so verändert, dass die Mulde darin immer höher ausgebaut war, um den Kleinen die Sicht besser zu ermöglichen.

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Wie auf den Fotos (die ich gerne zur Verfügung stelle) zu sehen ist, fühlten sie sich sehr wohl an Mutters Seite, waren aber außer Rand und Band, wenn sich der Vater, den ich Monokel-Joe nannte, da das umrandete Auge vom seitlichen Blickwinkel aus gesehen, beinahe wie ein Monokel aussah, den mit frischen Insekten oder Würmern näherte. Ja, sie himmelten ihn regelrecht an, was er wohlwollend zur Kenntnis nahm, indem er anschließend seine Runde drehte und stolz seinen Gesang vom Dach ertönen ließ.

Flügge geworden

Zehn Tage nach dem ersten schlüpfte das letzte Küken und am selben Tag fanden bereits die ersten Flugversuche des ältesten Piepmatz statt, der sich aber vorerst mit ein paar ungeschickten Hüpfern nur am Boden des Balkons begnügen musste.

Wenn sie dann zum Fliegen starten,
werden Vater, Mutter warten,
um den Flug zu dirigieren,
dass sie nicht die Sicht verlieren.

Witt, witt witt und tschirp, triri,
dort am Baume visavis
werden alle später wohnen
und am Gipfel singend drohnen.

Ein übrig gebliebenes Ei (aus welchen Gründen auch immer), wurde von der Amselmutter tief unter die Halme des Nestes vergraben. Sie hat es später gefressen und sich so vielleicht einen Vorrat geschaffen. Als sie begann das Nest zuzuscharren und eine flache Ebene im Blumenkasten zu bilden, ahnte ich, dass sie nun die Kleinen lehren wird, ihre gebaute Startrampe zu nützen.

Ich betrachtete das erfreuliche Geschehen etwas versteckt vom Balkonfenster raus, um diese Lernübung nicht zu stören, auch deshalb, da sich das Elternpaar – überwiegend der Vater – sehr scheu und angriffslustig benahm, sah er die Kamera in meinen Händen.

Es war jedenfalls eine schöne Zeit, den lieben Amseleltern mit ihren Jungen zuzusehen und zu beobachten, wie zwei der Piepmätze die erste Probeflugstunde mit tapsenden Hüpfen innerhalb des Balkons bewältigte, um dann mutig ins nahe Grün zu starten, wo Büsche und Bäume einen Landeplatz bieten, der mit Schwung vom Balkon aus zu erreichen war.

Einer der Kleinen, am Bäuchlein noch rosa, mit kargem Flaum bedeckt, hatte die Landung nicht ganz geschafft und stürzte auf den asphaltierten Vorplatz des Hauses, wo er auf dem Weg zum Amselhimmel seine kurze Zeit des Daseins aushauchte.

Ja, es dauert nicht mehr lange,
bis ich selber Mücken fange,
Würmer und noch vieles mehr,
dann ist alles halb so schwer.

Schließlich flog das letzte Junge aus dem Nest, das die Amseleltern mit lockenden Rufen und mit Würmern im Schnabel ihr Geleit gaben. Bevor es jedoch den nicht ungefährlichen Flug aus dem vierten Stock wagte, hüpfte der gut entwickelte Sprössling auf den danebenliegende Blumenkasten hinter dem rankenden Efeu, von wo er den Start wagte und zu meiner Beruhigung in den dichten Ästen des Birkenbaumes seinen Halt fand.

Jetzt ist mir noch angst und bange,
weil ich nicht zum Baum gelange,
wo die Freunde fröhlich singen,
uns ein Ständchen täglich bringen.

Alle anderen der Amselfamilie und deren Freunde, besuchen mich heute noch regelmäßig und die Leckerbissen wie Rosinen und Pinienkerne, die ich bereit stelle, werden mit Flügelschlag und lautem Gezwitscher gerne angenommen und verzehrt.

DAS BRUTVERHALTEN

Zusammenfassend kann ich berichten, dass die Brutzeit ab dem ersten gelegten Ei in etwa 8 bis 14 Tage dauert und die Jungen nach dem Ausschlüpfen ihr Sehvermögen nach meinen Beobachtungen in ca. 6 Tagen erlangen und je nach Entwicklung in ungefähr 10 bis 12 Tagen von den Eltern geleitet, das Nest verlassen, auch wenn die Flugsicherheit nicht gegeben ist.

Je weniger Jungen aufgezogen werden, desto besser ist ihre Versorgung mit ausreichend Futter und ihr Gedeihen.

Nicht nur Natur- und Musikwissenschaftler erforschten ihre Tonsprache und die zu Musik gebrachten Stücke (Hoffmann, Szöke u.a.) zeigen, dass ihr einzigartige Klangzauber ein besonderes Flair hat.

Die Amsel – oder Schwarzdrossel – (Turdus merula), ursprünglich ein reiner Waldvogel, passte sich dem Menschen im Laufe der Zeit an und wurde zu einer der im menschlichen Siedlungsraum am häufigsten auftretenden Brutvogelarten. In begrünten Städten, Parkanlagen und Dörfern.

In seinem Buch beschreibt Prof. Dr. Heinz Tiessen die Musik der Natur so treffend, dass ich seinen Worten mit Begeisterung zitiere: “Die Amsel ist, mit den menschlichen Maßstäben von Melodik, Harmonik und Rhythmik gemessen, der musikalisch höchststehende Singvogel Mitteleuropas”.

Dieser Erkenntnis, kann ich nur mit voller Begeisterung zustimmen, denn das morgendliche Vogelkonzert einer Amsel hat auch mich gefesselt und durch meine Beobachtungen war mir das Glück hold, nicht nur den Amseln zu lauschen, sondern auch ihre Brutgewohnheiten zu erkunden.

Ein Nest baut die weibliche Amsel etwa dreimal im Jahr innerhalb weniger Stunden aus Halmen, Gräsern und Moos im Geäst von Sträuchern oder Bäumen. Darin legt sie die 4-5 bräunlich gefleckten, etwas hellblau-grünlichen Eier in wenigen Tagen.

Nach knapp zwei Wochen verlassen sie das Nest, obwohl sie noch nicht fliegen können und so eine leichte Beute von Katzen, Elstern, Eichelhähern usw. werden. Von den Eltern werden sie durch ein „zieh-zieh“ bei Gefahr aus der Luft, durch ein sehr kräftiges „witt-witt-witt“ und „kix-kix-kix“ bei Gefahr am Boden gewarnt. Bei allen über 65 Drosselarten der Gattung Turdus, mit Ausnahme der hier beschriebenen Amsel, weist das Brustgefieder dreieckige dunkle Flecken auf, eine Drosselzeichnung. Daher kommt der Name Drossel. Außerhalb des Brutgeschäftes im Herbst finden sie sich zu größeren Gruppen zusammen.

„Amsel, Drossel, Fink und Star, und die ganze Vogelschar…“: Schon seit Generationen sorgt dieses Kinderlied für Verwirrung. Denn eigentlich gehört die Amsel, auch Schwarzdrossel genannt, als eine von 200 Unterarten zur Drosselfamilie.

Autor: Dr. Ingrid Riedel
dr.ingrid.riedl@chello.at http://members.chello.at/ingrid-hexerl/main.htm

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Schwanen-Geschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen
1, 5 November, 2006, 4:05
Gespeichert unter: Vögel

Das Macherner Schwanenjahr 1997/98

Schwanenbrutzeit und Schwanentod
Leider kann 1997/98 nicht als das Große Schwanenjahr von Machern bezeichnet werden.Denn zu stark wird es überschattet vom tragischen Tod eines Elternschwans infolge von Feindtier- oder böswilliger Menscheneinwirkung, was nicht näher geklärt werden konnte.
Am 3. März 1997 fütterte der Autor dieses Berichtes zufällig das Schwanenpaar, das sich den Schwemmteich im Macherner Schloßpark als Revier für die bevorstehende Paarungs- und Brutzeit auserkoren und sich später durch hohe Fruchtbarkeit „berühmt“ gemacht hat. Auch im Vorjahr war hier ein Schwanenpaar gewesen. Vielleicht sogar dasselbe. Junge Schwänchen wurden aber von ihm nicht aufgezogen.

Von der 97er Paarungs- und Brutzeit dieses Paares gibt es leider keine Bilder. Nach den etwa 35 Tagen Brutzeit schlüpften dann um den 13. Mai herum die Jungen.Während der Brutzeit war das Schwanenweibchen allein für das Bebrüten und die Pflege des Geleges auf dem Nest im Schilfgürtel am Rande der alten Uferweiden verantwortlich, während das Schwanenmännchen fleißig patrouillierte und das Brutrevier beschützte. Im dichten Schilf, ausreichend weit vom Ufer entfernt, war der Neststandort 1997 besser gewählt worden als im Vorjahr in der Nähe des Uferweges bei der Gothischen Brücke.

Als am 14. Mai die Schwanen-Großfamilie „stolz und glücklich“ auf dem Schwemmteich hinaus glitt und sich der Öffentlichkeit zeigte, da schickte der Autor dieses Berichtes am späten Nachmittag einen Fax an die Redaktion der Muldentalzeitung in Wurzen mit der Bitte, über folgendes zu berichten. „Gleichzeitig mit der Rückkehr der Eltern des in Machern dauergepflegten Storchenlieblings „Max“ auf ihr letztjähriges Nest ist auch das langersehnte ‘Macherner Biowunder’ eingetreten. Denn nun führt das Schwanenpaar auf dem Schwemmteich stolz seine gerade geschlüpften 6 Schwänchen aus. Wie herrlich und imposant werden die wachsenden kleinen künftig über das Wasser gleiten und kostenlos zu bewundern sein.“

Nicht 6 Schwänchen waren es am nächsten Tag, sondern sogar 7, als sie der Pressefotograf Andreas Röse, in der Mittagssonne aufnahm. Allerdings fehlte da schon einer der beiden Altschwäne. Was die 6 bzw. 7 Schwänchen betrifft, so hatte sich vielleicht eines bei dem am 14. Mai beobachteten „Familienausflug“ unter den Flügeldecken des Schwanenvaters versteckt gehalten. Schwache und ermüdete Schwanenkinder nutzen instinktiv diesen meistens dem Vater zustehenden Hilfstransportdienst während ihrer „frühen Kinderstube“. Leider war in den ersten Lebenswochen eines der sieben Schwänchen in Verlust geraten. Ursachen und Gründe blieben unbekannt.

Schwanenaufzucht
Vom 15. Mai an begann für den übriggebliebenen Altschwan eine schwere und verantwortungsvolle Zeit als alleinerziehender kinderreicher Elternteil. Ob nun die Schwanenmutter oder der Schwanenvater übriggeblieben war, das kann nicht benannt werden. Denn männliche und weibliche Höckerschwäne sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Sind beide eng zusammen, dann sieht man vielleicht, daß das Männchen meistens größer und stärker gebaut ist. Besonders in der Balz- bw. Paarungszeit ist der schwarze Höcker über seinem orangefarbenen Schnabel größer als der des Weibchen. Man könnte noch fragen, ob ein Schwanenvater biologisch überhaupt den anstrengenden Belastungen der alleinigen Aufzucht seiner Jungen gewachsen ist. Das muß bejaht werden. Denn aus Hamburg wurde 1931 bekannt, daß ein Schwanenvater nach dem Tode der Partnerin seine noch sehr jungen Schwänchen erfolgreich, bis sie flügge waren, allein aufgezogen hat.

Die Aufzuchtbesonderheit in der Macherner Schwanenkinderstube verlief in den folgenden Wochen und Monaten ohne erkennbare Probleme, wenn man von dem schon erwähnten frühen Verlust eines der Kleinen absieht. Die Schwänchen entwickelten sich prächtig und wuchsen zu kräftigen flugfähigen Jungschwänen heran. 5 Monate lang war es für die Parkbesucher stets eine Augenweide, die an Masse ständig größer werdende siebenköpfige Schwanenflottille imposant und majestätisch über den Macherner Schwemmteich gleiten zu sehen. Manch einer von ihnen dachte dabei an Tschaikowskis „Schwanensee-Ballett“ , 1997 im Leipziger Opernhaus 14 mal aufgeführt, wo dort in der Kunst und hier in der Natur viel Anmut, Eleganz und Schönheit vereint sind. Oder man dachte auch beim Anblick der noch ganz jungen, grauen Schwänchen an das Märchen von Andersen „Das häßliche junge Entlein“ oder an die starke Geschwisterliebe im Märchen der Gebrüder Grimm „Die sechs Schwäne“ oder gar an die Wagner Oper mit Lohengrins Gesang „Mein lieber Schwan …“

Schwan Immutabilis
„Mein lieber Schwan!“ kann man in Sinne der landläufigen Ausdrucksweise für Phänomenales auch zu der in Machern unter den Jungschwänen aufgetretenen Immutabilis-Mutation sagen. Vom ersten Lebenstag an trug eines der Dunenchwäne ein völlig weißes Federkleid im Gegensatz zu dem grauen seiner Geschwister. Sein Schnabel war gelb, seine Läufe fleischfarben, die der Geschwister bleigrau. Nennen wir ihn Schwan Immutabilis. Es handelt sich bei dieser Erscheinung um eine unter halbwilden und wilden Schwänen vorkommende Gen-Mutation, die nach Heyde und Erdmann (ACTITIS 30/1994) im ehemaligen Bezirk Leipzig bei 28% der fast 1000 beobachteten Schwäne gefunden wurde. Sie hängt mit einer Erbgutänderung zusammen, die im Fehlen des Eumelanin-Gens besteht. Eumelanin, ein Pigment, ist normalerweise bei Dunen- und Jungschwänen vorhanden und bewirkt die dunkle Färbung der Dunen und Federn. Mit fortschreitendem Alter verlieren Jungschwäne mehr und mehr ihre grauen Kleinfedern. Es wachsen neue, weiße nach, so daß die Tiere im 2. und 3. Lebensjahr nur noch am Kopf und Hals sowie an den Flügeldecken graubraun sind. Nach der zweiten Vollmauser sehen sie schneeweiß aus. Das Weiß der Befiederung rührt nicht von einem weißen Pigment her, sondern von Lufteinlagerungen in den Dunen und Federn, die durch Lichtbrechung das Weiß erzeugen.

Immutabilis bedeutet „unveränderlich“, Mutation „Veränderung“ und Immutabilis-Mutation demnach „unveränderliche Veränderung“. Ein derartiger Schwan trägt vom ersten Lebenstag an bis ins Alter hinein das in der Farbe unveränderbare weiße Federkleid. Diese weiße Mutante ist meistens weiblichen Geschlechts, da sie auf ein rezessives Gen im X-Chromosom zurückzuführen ist. Ob sie auch besondere Verhalteneigenschaften besitzt, ist fraglich. Allerdings exponierte sich Macherns Schwan Immutabilis auf den hier beigefügten Bildern vom Schwemmteich mal als „energischer Flügeladjutant“ im Alter von 1 1/2 Monaten neben der Geschwisterreihe, mal hinter ihr als „sichernde Nachhut“ im Alter von 3 Monaten oder als „Abwartender bei Angriffen“ im Alter von 4 Monaten. Im Alter ab 5 Monate trug er bei nur flüchtig auf die „Schwanenflottille schauenden Parkbesuchern mit zu dem Blendeindruck bei, als seien zwei Altschwäne mit ihren fünf Jungen auf dem Teich unterwegs.

Schwanenüberwinterung
Ab Oktober stagniert das Wachstum der Wasserpflanzen mehr und mehr. Bis zu dieser Zeit müssen sich daher junge Schwäne die für die Überwinterung sehr wichtigen körpereigenen Energiereserven angefuttert haben. Das klappte bei der Macherner Schwanenfamilie wohl ganz gut, und zwar ausnahmslos vom Wasser her, einschließlich der unmittelbar am Ufer stehenden Grünpflanzen und des Zubrots von tierliebenden Menschen. Die älterwerdenden Jungschwäne gründelten oft . Wenn ihr etwa 1 m langer Kopf-Hals-Teil mit den 22 bis 25 Halswirbeln (Gänse haben nur 17-18) nicht den Grund erreichte, dann stellten sie sich nach Entenart so, daß nur der Schwanzteil aus dem Wasser herausragte. Damit gewannen sie noch einmal 20 bis 30 cm an Gründeltiefe.

Die beiden großen Teiche von Machern, der Schwemmteich und der Mühlteich, sind wegen der in Ufernähe ungünstigen winterlichen Nahrungsquellen (keine Rapsfelder oder andere Wintersaaten) nur wenig als Überwinterungsplätze für Schwäne geeignet. Instinktiv erfaßte diese Situation wohl auch die Macherner Schwanenfamilie. Die Jungschwäne hatten im Oktober mit fünf Monaten ihre Flugfähigkeit erreicht. Wenige Tage vor ihrem Abflug konnte die Familie noch einmal im Bild festgehalten werden: Am Uferrand positionierten sie sich zum „Lebe-Wohl-Sagen“, in der Mitte mit Immutabilis. Ihre „Ziehmutter“, der Altschwan, defilierte immer achtsam hinter ihnen. Die Jungschwäne übten das Fliegen nicht sehr lange. Mitte Oktober schwangen sie sich zu einem gemeinsamen Teichrundflug in die Luft, landeten wieder bei ihrer „Ziehmutter“, und ohne langes Besinnen ging es wieder in die Luft, nun aber mit der „Ziehmutter“ gemeinsam auf Nimmerwiedersehen. Wohin sie geflogen sind und welches Überwinterungsgewässer sie wählten, wird wohl weiter verborgen bleiben.

Auf Teichen in der Nähe von Machern, wie auf dem Kohlenbergteich bei Brandis, auf den Bahnteichen bei Borsdorf oder auf dem Albrechtshainer See bei Beucha wurden sie als markante Großfamilien- bzw. Geschwistergruppe nicht entdeckt. Diese Gewässer werden als Überwinterungsplätze von Schwänen genutzt . So waren in diesem Winter auf dem Kohlenbergteich mehr als 20 Schwäne versammelt.

Und im 98er frühjahrswarmen Januar wurde dort auch schon besonders heftig gebalzt. Aus Beringungsuntersuchungen geht hervor, daß 1980 ein Schwanenpaar auf den Macher Teichen bei Brandis lebte und dann von 1983 bis 1985 auf den Teichen von Trossin im damaligen Kreis Torgau beim Brüten gesichtet wurde.

Schwan HansHeinrich
Die Freiwillige Feuerwehr Machern hatte 1997 zweimal ihre Kräfte in Sachen Macherner Schwäne einzusetzen. Das erste Mal war es am 11. Juli, als der tote, schon in Verwesung übergegangene Altschwan aus dem Schilfgürtelbereiches des Schwemmteiches zu ziehen war, und das zweite Mal am 17. Dezember, als der Schwan HansHeinrich auf der dünnen Eisdecke des Macherner Mühlteiches Hilfe vor dem Festfrieren benötigte. Damals herrschten minus 14° C. Der Schwan HansHeinrich ist dort seit vier Jahren „Dauerbewohner“. Infolge eines Schadens am rechten Flügel kann er nicht mehr fliegen, ein Schicksal, wie es früher bei den Schloß- und Parkschwänen bewußt erzeugt worden war. An den kalten Wintertagen sind solche Tiere voll auf die Hilfe des Menschen angewiesen, die ihnen Futter und eisfreien Aufenthalt gewähren. In diesem Winter ist HansHeinrich wie im Vorjahr wieder im Macherner Lanz-Bulldog-Hof bei Familie Sack untergekommen. Dort rufen sie ihn Hansi. Im Sommer aber auf dem Mühlteich ist er für die dortigen Anwohner der liebe Heinrich. Also wurde hier würdevoll ein Schwan HansHeinrich darausgemacht.

Neues Schwanenpaar
Bereits im November , also zwei bis drei Wochen nach dem Abflug der siebenköpfigen Schwanenfamilie mit Immutabilis, war ein neues Schwanenpaar auf dem Schwemmteich gesichtet worden. Einige vertraten die Ansicht, daß das Oberhaupt der fortgeflogenen Familie, der Altschwan, mit einem neuen Partner zurückgekehrt ist. Andere meinten, es handelt sich um ein völlig neues Paar aus der näheren Umgebung, das das freigewordene Revier inspizierte, immer mal wieder verschwand, dann aber im Januar 1998 bei dem ungewöhnlich warmen Wetter beständiger blieb. Der erneute starke Kälteeinbruch Ende Januar brachte den Macherner Kindern echte Winterfreuden und ließ auch den gleich neben dem Schloß liegenden Schwemmteich zufrieren. Dadurch war es möglich, im Schilfgürtelbereich das alte Schwanennest zu fotografieren.

Allerdings war auch das neue Schwanenpaar wieder zu besseren Plätzen fortgeflogen. Am 14.Februar kehrte es zurück. Den Schwemmteich bedeckte zu dieser Zeit in der Mitte noch eine schwache Eisschicht. Doch das Paar fühlte sich wohl und umkreiste ihn im Wasser entlang der eisfreien Uferzone. Bald schon zeigte es auch Anzeichen eines Balzverhaltens, das besonders bei dem etwas größerem Männchen durch die stolze Federpreizung zum Ausdruck kam.

Leider währte die sich abzeichnende Hoffnung auf ein neues erfolgreiches Macherner Schwanenjahr 1998/99 nur bis zum 25. Februar. Da war das Schwanenpaar letztmalig auf der immer kleiner werdenden Wasserfläche des Schwemmteiches zu sehen. Der Schwemmteich wurde zum Abfischen und Umsetzen der zweijährigen Karpfensetzlinge vom Pachtbetrieb, von der Teichwirtschaft Machern/Sachsen, abgelassen. Dazu genügten für die 5,4 ha große Teichfläche eine Woche. Seine Anfüllung aber wird mehr als acht Wochen dauern, so daß an eine erfolgreiche Brut des vielleicht wieder zurückkehrenden neuen Schwanenpaares kaum zu glauben ist. So währte das beobachtete Macherner Schwanenjahr 1997/98 vom 8. März 1997 bis zum 25. Februar 1998.

Noch mehr Bilder zu diesen Schwanen-Beobachtungen gibt es hier:
http://www.uni-leipzig.de/~mielke/schwaene/schwaene.htm

Autor: Prof. Dr. Heinz Mielke
http://www.uni-leipzig.de/~mielke/

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Vogel-frei
1, 3 November, 2006, 7:41
Gespeichert unter: Vögel

„Na, kleines Fräulein Rotkehlchen? Sie sehen ja heute morgen ganz bezaubernd aus in ihrem weichen Flaum! Oder kann es sein, daß Sie ein wenig frieren? Sie sollten bei diesem Wetter etwas mehr frühstücken als gewöhnlich, das gibt die nötige Wärme!“

„Wie treffend bemerkt, Herr Amsel! Wenn Sie und Ihre Kollegen uns kleinen Piepmätzen ein bißchen mehr übrig ließen von den Körnern, die uns die Menschen hier im Haus freundlicherweise streuen, dann würde ich liebend gern etwas mehr frühstücken, wie Sie sich ausdrücken! Dann brauchten wir auch nicht so neidische zu Ihnen herauf zu sehen, wenn Sie mit Ihren schwarzen Freunden rund um den Kaminrand sitzen und den warmen Luftstrom genießen. Da war für unsereinen ja noch nie ein Plätzchen frei, das wußten Sie schon zu verhindern!“

„Da fliegt sie hin die neidische Pute. Da denn nicht, liebe Tante. Aber die Idee mit dem warmen Kaminplatz ist gar nicht so schlecht! Meistens halten schon Freund Schwarzdrossel und seine Schar dort die Stellung, aber vielleicht kann ich mich heut’ mal dazwischenquetschen. Es ist wirklich bitterkalt hier in der verschneiten Hecke! Hallo, ihr! Rückt mal was zur Seite! Es wird doch wohl für einen schmalen Amselhahn noch ein Hacuh Platz sein am warmen Ofenhauch! Bin ich nicht witzig? Nun drängelt doch nicht so! He, deine Flügel kannst du woanders ausschlagen! Paß doch auf! Nein! Nicht! Also bitte! Was ist denn? Jetzt muß ich … noch ein Schritt zurück, und ….oh, oh, ich wußte es doch!

Ich falle!
Ich stürze!
Schnell mit den Flügeln schlagen! Pfui, wie der schwarze Ruß stiebt! Ich will nicht in die dunkle Tiefe! Hört mich denn keiner da oben? Jetzt ist alles leer! Auf und davon die feigen Vögel! Also, jetzt ruhig Blut und angestrengt nachgedacht. Was sagte meine Mutter vor zwei Jahren? Wenn du einmal unglücklich trittst und in ein Kaminloch fällst, breite die Flügel ganz weit aus, dann kannst du dich an den Wänden festhalten. Der nächste starke Luftzug trägt dich bestimmt wieder nach oben – nur Geduld! Geduld! Geduld! Sie hatte gut reden! Ich kann nicht mehr! Meine Flügelspitzen sind schon ganz abgeschabt! Ich trau mich nicht, die Augen zu öffnen. Sie brennen vor lauter Ruß! Und das Loch in die Freiheit, ins Licht, rutscht immer weiter fort! Das Atmen fällt mir schwer, von unten wird es wärmer und wärmer! O weh! Ich muß verbrennen, ersticken, sterben, sterben!

Nein! Ich will nicht! Ich muß wieder hoch, ich muß…versuchen, zu fliegen! Ach, ihr Flügel, ihr habt mich doch sonst immer getragen, auch wenn es mal durch eine enge Lücke ging! ich soll ich nur tun? Ich habe große Angst! Nun höre ich auch noch Geräusche! Schreckliche, laute Geräusche aus der fürchterlichen schwarzen Tiefe! Ich kann mich nicht mehr wehren, ich habe keine Kraft mehr. Adieu, liebe Sonne, adieu, Wind und Blumen!

Weine nicht zu sehr, kleine Amselin, die ich im Frühling umsungen hätte! Es ist zuende mit deinem Bräutigam, bevor du ihn sahst! Einfach die Flügel zusammenklappen, die Augen zu und an nichts mehr denken – hinein in die heiße, schwarze, rußige Tiefe – und aus der Traum. Nanu? Bin ich unten oder bin ich oben? Vor meinem Schnabel ist ein helles Loch! Hell – ja, aber immer noch höre ich Geräusche, die machen mir Angst.

Jetzt ist es still – nein, es kommt etwas anderes! Eine Stimme! Ein Mensch! Ach, hört denn die Angst nie auf? Die Stimme klingt sanft und lieb – ob ich es wohl wagen kann, in das Licht hinein zu fliegen? Und wenn dann der Mensch nach mir greift? In dem schwarzen Moder hier halte ich es aber auch nicht mehr aus, Ich muß mich schütteln, etwas trinken, wieder Luft atmen! Schlimmer als hier drinnen kann es eigentlich nicht werden. Also los, alter Junge, nimm deinen ganzen Mut zusammen und so schnell wie möglich weit weg in den hellen Raum! Ach, tut das gut! Meine Augen brennen noch ein wenig, aber die Federn sind schon fast wieder sauber! Jetzt fehlt nur ein kräftiger Schluck. Meine Kehle ist ganz ausgedörrt.

Wo bin ich eigentlich gelandet? Eine Schnur zwischen meinen Krallen, sie wackelt hin und her. Unter mir lauter flatternde Tücher, manche weiß, andere bunt. So ähnlich sah es im Sommer auf der Wiese hinterm Haus aus, wenn die Menschenfrau einen großen Berg solcher Stücke zum Trocknen in die Sonne hängte. Da! Da ist sie! Daß die Menschen auch solche Riesen-Fleischkolosse sein müssen! Ich erschrecke mich jedesmal bis ins Mark, wenn sie mir zunahe kommen! Da, da muß ein Ausgang sein! Ich fliege! O weh, schon wieder so eine unsichtbare Mauer! Nun tut auch noch mein Kopf weh! Wohin denn nur? Stufen und Wänden, Licht und dunkle Ecken – nur immer dem Licht nach! Ich würde gerne weit, weit fort fliegen von dir, du brüllender Menschenberg, wenn ich nur könnte! Ein Luftzug! Hier muß eine Lücke sein! oder fliege ich wieder vor diese tückische unsichtbare Wand?

Nein! Es muß die Freiheit sein! Ich höre schon meine Kameraden zwitschern! Ich probier’s einfach – Start, Flug und – dem Schöpfer sei’s gesungen! ich bin frei, frei, frei, wieder frei! Hört, alle meine Freunde: Ich bin wieder da! Ich bin’s! Ich bin nicht tot, es ist nochmal gut ausgegangen! Ich kann euch eine Story erzählen, o Mann! Na, wo sind sie denn hin? Sind wohl gar nicht so hoch erfreut über meine Rückkehr wie ich dachte, was? Egal, dann habe ich eben den ganzen Kaminrand für mich allein, und ich kann mich endlich in Ruhe aufwärmen. Kalt ist es nämlich immer noch tierisch.

Was meinen Sie, Herr Blaumeise? Irgendetwas Schreckliches passiert? Wo denn, wie denn? Nicht, daß ich wüsste – da müssen Sie sich verhört haben.

Die kleine Amsel habe ich persönlich aus dem Kaminloch befreit. Sie war nicht die einzige, die ich retten konnte. Eine von ihnen war bereits so geschwächt, daß sie weder unsere warmen Hände noch die eingeflößten Wassertropfen spürte. Wir waren hilflos. Die Natur läßt sich nicht zwingen.

Draußen nieselte es. Vorsichtig legten wir den nur noch schwach atmenden Vogel unter die Gartenhecke. Zwei Stunden später war sie fort – ob die Katze ihn geholt hatte? Nein! Er -oder sie?- flog ums Haus, das ganze Jahr lang und auch in den nächsten drei Sommern. „Schau, da ist unsere Freundin,“ sagte mein Mann. Wir erkannten sie sofort an den zwei fehlenden Schwungfedern im rechten Flügel.

Autor: Ursula Hellmann
hellmann@radiotreffgl.de