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Montag, 28.07.2008: Oh Schreck, oh Not – ein Boot!
Morgens um 5:15 Uhr werde ich von einem sonderbaren Geschrei und Gequäke geweckt. Das kommt von draußen! Auaauaauaauawääääh! Aha: Gelbschnabel-Sturmtaucher! Reiseleiter Jack hatte uns deren Geschrei vorgemacht und vorher noch hoch und heilig versichert, dass er absolut nüchtern sei und uns auch nicht zum Besten halte. Diese Vögel schreien wirklich so. Gerhard sagt, er habe das Geräusch schon am Tag mal gehört und gedacht, das sei ein besonders nerviges Kinderspielzeug. Mir ist das entgangen, ich höre die jetzt zum ersten Mal. Gesehen habe ich noch keinen. Ich gehe hinaus auf die Terrasse um vielleicht mal einen der Schreihälse zu Gesicht zu bekommen. Witzlos: Es ist noch stockdunkel.
Oh Schreck, oh Not am frühen Morgen: Jemand hat meiner besseren Hälfte am Vorabend von der „Expedition Wale und Delfine“ vorgeschwärmt. Und jetzt ist er wild entschlossen, diese Whale-Watching-Tour auch mitzumachen. Wale sieht man sonst nur im Fernsehen, meint er, und nun habe man mal die Chance, die Tiere leibhaftig zu sehen, also sollte man sie auch nutzen.
Ja, schon klar. Aber mich bedeutet das „Boot fahren“. Ich werde mich von jetzt an bis zu der Sekunde, da wir wieder an Land sind, fürchten. Eine alberne Furcht, ich weiß das. Und ich vermute, sie ist auch nur erlernt. Meine Mutter konnte nicht schwimmen und hatte schreckliche Angst vor Schiffen und Booten, das ist bei mir irgendwie hängen geblieben. Gerhard lacht mich aus: „Das ist ein Katamaran und keine Schiffschaukel“. Das Ding fahre sicher und ruhig und ich solle mich doch bitte nicht so anstellen. Damit hat er zweifelsohne Recht, aber mir sind nun mal große Wasseransammlungen unheimlich. Vor allem, wenn ich mittendrin bin.
Wir buchen die Tour für kommenden Donnerstag.
Wir latschen zum Bootshafen Puerto Colón und sehen uns die FREEBIRD ONE an, den Katamaran, der uns zur Wal-Expedition bringen wird. Wobei „Expedition“ ja schon ein gar großes Wort ist für einen Halbtagesausflug. Egal. Hauptsache, die FREEBIRD bringt uns wieder sicher zurück.
Das Unternehmen, das die gesammelten Boote, Kats, Jet-Skis und all das Gerödel da unter sich hat, hat einen Stand am Bootshafen. Ich nehme einen Flyer über die Whale-Watching-Tour mit und lese alles gründlich durch. Angeblich passen 200 Leute auf den Kat, sie nehmen aber nur 100 mit, damit die auch alles was sehen können. Ob es auch ein Klo an Bord gibt? Schreiben tun sie nichts darüber …
Jetzt, nachdem ich Katamaran und Flyer gesehen habe, bin ich doch zuversichtlich, dass ich die „Expedition“ überleben werde. Lacht ihr nur, ihr Seebären und Wasserraten! Ich bin eben ein Landei und werde auch eins bleiben.
Donnerstag, 31.07.2008: Auf Whale-Watching-Fahrt mit der „Freebird One“
So, nun ist es so weit, es gibt kein Entkommen: Ich muss aufs Schiff. Besser gesagt, auf den Katamaran FREEBIRD ONE, denn heute für heute ist die Whale-Watching-Tour angesagt. Der Bus holt uns vor dem Hotel ab und wir fahren zum Puerto Colón, wo die FREEBIRD ONE schon auf uns wartet. Im Gänsemarsch geht es an Bord und an allen Ecken und Enden werden die kleinen Mia-Sophies, Marie-Madeleines und Sven-Olivers von ihren Eltern lautstark ermahnt, nur ja nicht so wild herumzuturnen, damit sie nicht über Bord fallen. Was nicht viel nützt. Sie hampeln und klettern, turnen und hüpfen, was das Zeug hält. Auch wenn man die elterliche Sorge verstehen kann, die Kinder verstehe ich auch: Für die ist das Schiff ungleich interessanter als irgendwelche Meeresbewohner. Sollen sie doch turnen! Ins Wasser geplumpst ist zum Glück keines.
Die deutsche Meeresbiologin Imke greift zum Mikrophon und heißt uns willkommen. Wir fahren nun hinaus aufs Meer und suchen zwischen Teneriffa und La Gomera die Wale. Eine Garantie, dass wir welche sehen werden, kann sie natürlich nicht geben. Aber die Chancen stehen gut. Wir sollten auf schwarze Flossen und den Blas (die Wasserfontäne, die der Wal beim Atmen ausstößt) achten. Und vielleicht haben wir sogar das Glück und sehen Delfine – was vielleicht bei jeder dritten Ausfahrt klappt. Etwa 90 Tiere soll es entlang der Westküste geben.
Im Bereich der Kanarischen Inseln konnten 27 verschiedene Wal- und Delfinarten nachgewiesen werden. Dies sind erstaunlich viele Meeres-Säugetierarten im Vergleich zu anderen Gegenden. Einige Arten durchstreifen die Kanaren auf ihren Weg in andere Regionen, andere sind ortsansässig (Großer Tümmler, Pilotwal).
Delfine (Gemeiner Delfin, Großer Tümmler) sind auf dem Kanarischen Archipel häufig anzutreffen. Ihr Brutgebiet liegt zwischen Teneriffa und La Gomera. In Küstennähe schwimmen sie in kleinen Schwärmen von 10-50 Exemplaren. Auf hoher See können die Gruppen jedoch mehrere hundert Tiere groß sein.
Rund 250 bis 300 Indische Grindwale (= Pilotwale, Kurzflossen-Grindwale) leben dauerhaft in der Meerenge zwischen Teneriffa und La Gomera. Das sind etwa 30 Grindwal-Gruppen – und die wohl weltweit größte Population dieser Meeressäuger. Eigentlich ist es ungewöhnlich, sie hier anzutreffen, denn normalerweise bevorzugen sie kühlere Gewässer und ziehen bei der Nahrungssuche weit übers Meer. Doch im kalten Kanarenstrom fühlen sie sich wohl, das Wasser ist ruhig und es ist reichlich Nahrung vorhanden ist. Sie vertilgen täglich 50 bis 60 kg kleine Fische, doch ihre Lieblingsspeise sind große Kalamare. Um die zu erwischen, müssen sie bis zu 900 m tief tauchen. Sie machen Beute, tauchen damit auf und verzehren sie in Ruhe nahe der Oberfläche. Ein so ein Riesenkalmar bringt ca. 40 kg auf die Waage, der Tagesbedarf eines Grindwals liegt also bei einem bis zwei solcher Beutetiere.
Bis zu 15 Minuten kann ein Grindwal unter Wasser bleiben. Schon eine Leistung, in der Zeit 900 m tief zu tauchen, einen Kalmar zu fangen und wieder aufzutauchen! Bis zu 3 Tauchgänge pro Stunde hat man bei manchen Walen gemessen.
Grindwale tauchen vor allem abends und nachts, was am Lebensrhythmus ihrer Beute liegt. Kalmare jagen nachts und kommen dabei näher an die Oberfläche, der Wal muss also für seine Beute nicht ganz so tief tauchen.
Wer’s genau wissen will: Ordnung der Wale (Cetacea)
* Bartenwale (Mysticeti)
o Glattwale (Balaenidae)
o Zwergglattwale (Neobalaenidae)
o Grauwale (Eschrichtiidae)
o Furchenwale (Balaenopteridae)
* Zahnwale (Odontoceti)
o Pottwale (Physeteridae)
o Schnabelwale (Ziphiidae)
o Gangesdelfine (Platanistidae)
o Flussdelfine (Iniidae)
o Gründelwale (Monodontidae)
o Schweinswale (Phocoenidae)
o Delfine (Delphinidae)
Der Indische Grindwal gehört zur Unterordnung der Zahnwale (Odontoceti), zur Familie der Delfine (Delphinidae), zur Gattung der Grindwale (Globicephala). Seine Art nennt man Kurzflossen-Grindwal und sein wissenschaftlicher Name lautet Globicephala macrorhynchus. An ihrer stark gebogenen Rückenflosse sind sie leicht zu erkennen.
Männchen werden 6 – 8 m lang, bis zu 2,5 Tonnen schwer und rund 40 Jahre alt. Weibchen werden ca. 4 m lang und bis 60 Jahre alt. Das Weibchen erreicht die Geschlechtsreife nach 6 Jahren und ist etwa 15 – 16 Monate trächtig, ehe es ein Jungtier zur Welt bringt. Sie säugen ihre Kälber zwei bis fünf Jahre lang.
Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Grindwale beträgt ca. 6 km/h, bei Gefahr können sie jedoch auch bis zu 45 km/h erreichen.
Sie orientieren sich akustisch, durch Echolokation. Das ist ein von den Fledermäusen bekanntes Prinzip, bei dem Schallwellen (im Fall der Wale: Klicklaute) ausgesendet, von der Umgebung reflektiert und wieder empfangen werden. Aus den reflektierten Schallwellen lässt sich dann ein recht präzises Bild der Umwelt machen.
Trotzdem haben sie Augen, die unter und über Wasser scharf sehen können. Die Tiere kommen ja ursprünglich vom Land. Im Lauf der Evolution haben sich ihre Augen dem Sehen im Wasser angepasst.
Wenn sie sich einen Überblick darüber verschaffen wollen, was über der Oberfläche los ist, können sie sich für einen Moment senkrecht stellen und aus dem Wasser schauen. Orcas machen das, Grindwale seltener – aber man kennt es von Delfinen, wo dieses Phänomen für Delfinschauen gerne genutzt wird.
Dadurch, dass die akustische Orientierung für die Wale so wichtig ist, sind sie auch empfindlich in Bezug auf Lärm. Man vermutet, dass der zunehmende Lärm ein Grund dafür ist, dass sich immer mehr Wale verirren und orientierungslos irgendwo stranden. Man versucht daher, beim Whale-Watching die Tiere möglichst wenig zu belästigen, indem man die Maschinen der Schiffe ausschaltet, sobald man in die Nähe einer Walgruppe kommt. Und ihnen auch nicht allzu lange und zu intensiv auf die Flossen rückt.
Nach all der theoretischen Betrachtung der Wale, ist es irgendwann auch praktisch so weit: Die ersten Flossen kamen in Sicht! Ein vielstimmiges „Aaaah!“ und „Oooh“ geht durch die Menge, als die Wale links und rechts vom Katamaran auftauchen. Mal einzeln, mal zu zweit, mal eine Mutter mit Kalb. Es sind halt wirklich Tiere, die man sonst nur im Fernsehen sieht. Insbesondere für Landeier wie uns ein ganz besonderes Erlebnis.
Wohl nicht für alle. Ein Teenie-Girl sitzt auf auf der Aussichtsplattform am Bug. Als die Wale zum Greifen nahe an uns vorbeischwimmen, hat sie praktisch einen Logenplatz. Doch statt auch nur einen Blick an die imposanten Meeressäuger zu verschwenden, tippt sie eifrig SMSse. Ich glaub’, wenn ich das zu meiner Teeniezeit gewesen wäre, mein Vater hätte das Handy ins Meer geschmissen. Nicht, dass ich das als erstrebenswerte Erziehungsmaßnahme ansehe …
Die Passagiere rennen mit ihren Kameras von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück, je nachdem, wo sich das interessantere Schauspiel bietet. Mit den Digitalkameras kann man ja heute ohne Rücksicht auf Verluste Fotos machen und das, was nix taugt, kostenneutral löschen. Manch einer wird erst daheim am Computer gesehen haben, was er auf der Fahrt erlebt hat.
Irgendwann kommt auch die Frage auf, die sich mein Vater schon vor Jahrzehnten gestellt hat: Wie schläft eigentlich ein Meeressäuger? Er kann ja nicht gänzlich geistig wegtreten, er muss ja immer noch auf- und abtauchen. Und ein bisschen aufpassen, wo er hinschwimmt. Des Rätsels Lösung, die zu finden wir damals auch lange gebraucht haben: In der Erholungsphase der Wale schläft immer nur eine Gehirnhälfte, die andere bleibt wach. Nach einer Weile wechseln sie sich ab. Das Gehirn erholt sich sozusagen in Wechselschicht.
Woher man das weiß? Man hat es an Delfinen im Delfinarium untersucht und nimmt an, dass es sich bei den Walen genauso verhält.
Gelbschnabel-Sturmtaucher
Die Vögel, die wir hinter dem Hotel nächtens schreien hören, sehen wir beim Whale Watching endlich auch mal: Die Gelbschnabel-Sturmtaucher. Sie dümpeln in einer kleinen Gruppe auf den Wellen und ruhen sich aus. So aus der Ferne hätten wir sie für Möwen gehalten, eine gewisse Ähnlichkeit besteht auch, aber verwandt sind die Gelbschnabel-Sturmtaucher mit den Albatrossen.
Der Gelbschnabel-Sturmtaucher (Calonectis domeda) ist eine Vogelart aus der Ordnung der Röhrennasen. Er wird bis zu 50 cm lang und erreicht eine Spannweite von 115 cm. Sein Gefieder an der Oberseite ist grau-braun, an der Unterseite ist er weiß. Der Schnabel ist schmutzig-gelb mit einem grauen Fleck an der Spitze.
Gelbschnabel-Sturmtaucher sind Zugvögel. Im Frühjahr nisten sie an den Klippen im Mittelmeer und Nordatlantik, ab Oktober ziehen sie zum Überwintern an die Küsten Nordamerikas oder Afrikas. Der Vogel ist hervorragend an küstennahes Leben angepasst. Ernährung, Rast und Paarung finden auf dem offenen Meer statt, wo sich der Vogel auch schwimmend im Wasser erholt. Nur zum Nisten kommen sie im Mai an Land. Sie graben eine bis zu 2 m tiefe Nisthöhle oder legen ihr einziges, weißes Ei direkt auf die Klippen. Das Ei wird von beiden Eltern insgesamt 55 Tag lang bebrütet. Die Jungtiere sind im September flügge und ziehen im Oktober mit ihren Eltern in wärmere Gefilde. Ein Gelbschnabel-Sturmtaucher-Paar bleibt ein Leben lang zusammen.
Wie alle Röhrennasen ernährt sich auch diese Sturmtaucherart von kleinen Fischen, Tintenfischen und sogar Abfall.
Die Sturmtaucher sind hervorragende Flugakrobaten, die direkt über der Meeresoberfläche fliegen. Di Sturmtaucher segeln mit dem Auftrieb und bewegen dabei kaum die Flügel. Vom Wasser aus starten sie, indem sie kurz auf der Wasseroberfläche laufen.
Bei Wikipedia steht: „Die Rufe der Gelbschnabel-Sturmtaucher kann man in den frühen Abendstunden und am Morgen hören. Sie klingen jammernd oder krächzend.“ In der Tat, das tun sie! Die Vögel schaffen sogar beide Varianten gleichzeitig.
Gegen 11:30 Uhr wird eine Mittags- und Badepause gemacht. Ein Buffett mit Chickenwings, Brötchen und Salat wird aufgebaut, Getränke gibt’s an der Bar. Und wer möchte, kann am Heck des Katamarans ins Wasser gehen und schwimmen. Nur allzu weit von der FREEBIRD ONE entfernen sollte er sich nicht, nicht unter dem Schiff durchtauchen und auch nicht seitlich davon herumschwimmen.
Ich hab zwar auch meine Badesachen dabei, aber das ist mir denn doch zu viel Gedöns. Überall liegen Schuhe, Taschen, Badtücher und Kleiderhaufen. Die Kinder drängeln Richtung Heck. Nein, ich mag kein Gewusel. Ich schau den Leuten beim Schwimmen zu, betrachte die steilen Felsen am Ufer, und sehe nach einer Weile einen Mann mit Hund dort herumsteigen. Da ist doch weit und breit nichts? Was haben die nur vor? Als ich die Felsen näher in Augenschein nehme, sehe ich weiter oben Höhlen. Tücher und Sonnensegel sind davor gespannt, Gerümpel lagert davor, Treppen sind in den Fels gehauen. Kein Zweifel: Die Höhlen sind bewohnt! Nein, für so ein unkomfortables Aussteigerleben wäre ich nicht geeignet. Oder, sagen wir so: ich würde mich nicht drum reißen.
Während ich mir vorzustellen versuche, was es für einen zivilisationsverwöhnten Menschen bedeutet, auf einmal ohne Strom und Wasser irgendwo am Ende der Welt zu hausen, geht die Badepause zu Ende und die FREEBIRD ONE bewegt sich wieder in Richtung Puerto Colón.
Autor: Edith Nebel
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In der Nähe von Johannesburg liegt eine grosse Tierfarm mit vielen Wildtieren aus Südafrika. Eine Nilpferdkuh bekam ein Junges mit dem Namen Huberta. Dem Muttertier und Huberta ging es gut, bis eines Tag ein Nashorn zum Wasserloch kam.
Das Nashorn wollte zum Wasserloch und ein Bad nehmen. Die Mutter von Huberta dachte, dass ihr Junges in Gefahr ist und stellte sich dem Nashorn entgegen. Es kam zum Kampf und die Mutter von Huberta verlor und starb kurz darauf.
Nashörner sind im allgemeinen sehr launische Tiere. An einem Tag weiden sie friedlich mit anderen Wildtieren und am nächsten Tag greifen sie diese Tiere an. Wenn es um ihr Revier oder das Wasserloch geht, so verstehen sie keinen Spass.
Huberta war jetzt ganz alleine und sehr traurig. Der Farmer bekam dieses Drama mit und überlegte, was er für Huberta unternehmen konnte. Er kam auf eine sehr gute Idee.
Auf seiner Farm hat er auch Kühe. Ein junges Kalb mit dem Namen “Rosalinde” hatte auch seine Mutter verloren.
So beschloss der Farmer, dass er Rosalinde zu Huberta brachte. Beide Tiere, so unterschiedlich sie auch aussahen, verstanden sich von der ersten Minute sehr gut. Wo Rosalinde hinging, da ging Huberta auch hin. Wo Huberta hinging, da ging auch Rosalinde hin.
So ist eine traurige Tiergeschichte, noch einmal gut ausgegangen! Rosalinde und Huberta sind nun schon ausgewachsen, aber immer noch unzertrennbare Freunde.
Autor: Ulrike
leuge@iafrica.com
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Glaubst du eigentlich an Wunder?“ hatte mich mein Freund Wolf eines Tages ganz unvermittelt gefragt. Ich war überrascht und suchte nach der richtigen Antwort. „Ich weiß nicht so recht. Weißt du, ich habe mir darüber noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Und es kommt ja auch darauf an, was man unter einem Wunder versteht, wie weit man den Begriff Wunder fasst. Aber wieso kommst du gerade jetzt darauf?“ „Nun, ich hatte in der vergangenen Woche ein Erlebnis, auf das ich mir keinen rechten Reim machen kann. Ich habe bisher noch mit niemand darüber gesprochen. Es gibt ja auch kaum jemand, mit dem man über so etwas sprechen kann, ohne als Spinner angesehen zu werden. Hältst du mich für einen Spinner?“ „Absolut nicht! Ich halte dich zwar für einen sehr einfühlsamen, in sich gekehrten Menschen mit außergewöhnlicher Liebe zur Natur und allem, was da kreucht und fleucht, aber für einen Spinner halte ich dich ganz und gar nicht. Das sind in meinen Augen eher die anderen, die immer noch auf unbegrenztes Wachstum setzen, denen jedes Mittel recht ist, wenn sie dadurch auch nur einen einzigen Euro mehr verdienen können, und die nicht einsehen wollen, dass sie damit auf Dauer ihre eigene Lebensgrundlage so wie die ihrer Kinder und Enkel zerstören. Aber nun erzähl doch mal, was du erlebt hast, nachdem Du mich jetzt schon neugierig gemacht hast.“
„Also gut. Ich war wieder einmal am Erlachsee, um nach den Reihern und den Wasserschildkröten zu sehen. Es regnete leicht, und außer mir waren keine Leute unterwegs. Nur am gegenüber liegenden Ufer angelten zwei Buben im Beisein ihrer Eltern. Der Wagen der Familie stand auf der angrenzenden Wiese. Mit dem Glas konnte ich das Nummernschild mühelos lesen. Es war ein einheimisches Kennzeichen. Wer so offen angelt, tut es bestimmt nicht ohne Erlaubnis. Also kümmerte ich mich nicht weiter darum und suchte das Schilf nach meinen Reihern und Schildkröten ab. Von den Schildkröten war bei dem trüben Wetter nichts zu sehen. Sie kommen eigentlich nur aus dem Wasser, um sich auf den aus dem Wasser ragenden Steinen oder auf den Stämmen umgestürzter und in den See gefallener Bäume zu sonnen. Damit war es heute nichts. Anders die Graureiher. Zwei von ihnen warteten an verschiedenen Stellen des Schilfgürtels regungslos auf Beute, während ein dritter vorsichtig staksend im Flachwasser auf Fischfang ging. Als ich weiterhin den Uferrand mit dem Fernglas absuchte, gerieten auch die beiden Angler wieder in mein Blickfeld. Sie hatten offenbar Erfolg gehabt, denn die Angelschur war straff gespannt und die Rute extrem stark gebogen. Es musste ein riesiger Karpfen am Haken hängen, der sich verzweifelt wehrte und den beiden gewaltig zu schaffen machte. Voller Anteilnahme verfolgte ich den aussichtslosen Kampf des Fisches und überlegte mir, ob und wie ich ihm wohl helfen könnte. Ich sah aber keine Möglichkeit. Die Buben und ihre Eltern anzusprechen, hielt ich für absolut sinnlos. Wer würde schon auf eine solch kapitale Beute verzichten, nur weil ein weltfremder Tierfreund Mitleid mit ihr hatte? Ich litt buchstäblich mit dem Karpfen, stellte mir seine Angst und Verzweiflung vor und konnte doch nichts für ihn tun, außer ihm in Gedanken nahe zu sein. Natürlich war das gesponnen. Es half ihm sicher nicht. Trotzdem begann ich zu beten. Nicht um das Leben und die Freiheit des Fisches betete ich. Das wäre mir zu vermessen erschienen. Ich bat Gott nur, ihn seine Nähe spüren zu lassen, seine Angst und Qualen zu lindern und möglichst schnell zu beenden. Als ich wieder mit dem Glas hinüber sah, hatten die Jungen den Karpfen fast am Ufer. Obwohl er sich in dem seichten Wasser und wohl auch vor Erschöpfung nicht mehr ganz so heftig wehrte, konnte ich das Platschen des Wassers bis zu mir herüber hören. Einer der Buben kam jetzt mit einem Käscher, während der andere versuchte, die Beute anzulanden. Dazu musste aber der Vater zur Hilfe kommen. Der Fisch war einfach zu stark und zu schwer. Schließlich hing er in der Luft und wurde dann mit dem Käscher aufgefangen. Ich atmete auf. Das grausame Spiel ging seinem Ende entgegen. Da hörte ich auf einmal einen der Jungen sagen: ,Schau doch mal, wie schön der ist!` .Ja das ist wirklich ein wunderschöner Kerl´ pflichtete der andere ihm bei. Was machen wir mit ihm ?` Sollen wir ihn nicht einfach wieder schwimmen lassen? . Wenn du meinst…von mir aus.` Und damit begannen sie auch schon, den Angelhaken vorsichtig aus dem Fischmaul zu lösen. Dann setzten sie den Karpfen im Käscher wieder ins Wasser. Der hatte schnell die Öffnung gefunden und strebte eilig dem tieferen Wasser zu. Er blieb aber an der Oberfläche und kam geradewegs auf mich zu geschwommen. Direkt vor mir verharrte er eine Weile unmittelbar unter der Wasseroberfläche. Ich konnte seine Augen sehen. Danach verschwand er langsam in der Tiefe. Kannst du verstehen, dass mir das nicht aus dem Kopf will, oder hältst du mich jetzt für verrückt?“
Nein, ich hielt Wolf nicht für verrückt, obwohl ich zugeben muss, dass seine Erzählung mich eigenartig berührte. Im Grunde war ich nicht besonders empfänglich für Übersinnliches; andererseits kannte ich meinen Freund zu lange, um am Wahrheitsgehalt seiner Geschichte zu zweifeln. Er neigte auch nicht zu Übertreibungen und war eher realistisch in der Beurteilung seiner Erlebnisse. Ich selbst hatte in seiner Gegenwart aber schon Dinge erlebt, die ich ins Reich der Fabel verweisen würde, wenn jemand anders sie mir erzählt hätte.
Da waren beispielsweise Vögel in seinem Garten, die ihm nicht nur auf die Hand geflogen kamen, wenn darauf ein Leckerbissen lag. Es gab Kohlmeisen, die sein Auto schon von weitem erkannten, sich an die Autoantenne hingen, ihn beim Aussteigen freudig begrüßten um ihm dann in die Wohnung zu folgen. Da war das Amselpaar, das über Tage beharrlich versuchte, in seinem offenen Bücherregal zu brüten, obwohl er das Nest täglich entfernte. Und seine Freundschaft mit dem Amselweibchen, das ihn allabendlich besuchte und ihm die Haare zerzauste, wenn er sich nicht genügend um sie kümmerte. Weil nicht einmal ich ihm das so recht glauben wollte, präsentierte er mir eines Tages ein Foto, das er mit der Amsel auf dem Kopf vor dem Spiegel gemacht hatte. Die Haarsträne im Schnabel der Amsel war deutlich zu erkennen. Natürlich duldete er das normalerweise nicht, weil Menschenhaare im Schnabel einem kleinen Vogel sehr gefährlich werden können. Aber er wollte nicht, dass ich ihn für einen Münchhausen hielt und schien sogar ein wenig gekränkt wegen meiner Zweifel.
Auf seine Erlebnisse mit anderen Tieren einzugehen, würde den Rahmen dieser Geschichte sprengen. Doch ich habe sicher deutlich gemacht, dass Wolfs Beziehung zu Tieren zu außergewöhnlich ist um seinen Bericht über den Karpfen nicht ernst nehmen zu müssen. Aber hier kommt noch etwas anderes hinzu. In seiner Ohnmacht der Not des Fisches gegenüber hatte Wolf gebetet, und das Unglaubliche geschah. Der Karpfen wurde gerettet. Natürlich kann seine Rettung auch ganz natürliche Gründe haben. Ich wüsste zwar nicht zu sagen welche, doch obwohl ich mich immer noch sträube, Wolfs Erlebnis als ein Wunder zu betrachten, hat mich seine Erzählung sehr nachdenklich gemacht. Und sie geht mir bis heute nicht aus dem Kopf.
Autor: Theo Schulz
Theo.Schulz@gmx.de
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Leises Gemurmel weckte mich auf. – Besser gesagt: Es verhinderte, dass ich wieder abdriftete zurück in die Dunkelheit der Träume.
Es wob einen Panzer um mich, der sich eng an meine Haut schmiegte, sie sanft streichelte und schließlich tiefer drang. Hier vibrierten die Töne wie Lebewesen, bis ich das beharrliche Ziehen das sie entfacht hatten, nicht länger ignorieren konnte.
Ich schlug die Augen auf.
Das Gemurmel verstummte schlagartig.
Bevor sich das Vakuum in meinem Inneren, dass die fehlenden Töne hinterlassen hatten, mit Zweifel füllen konnte, starrte ich irritiert in hunderte von Augenpaaren, die genauso irritiert zurückstarrten.
Dann begann das Gemurmel wieder. Dieses Mal hatte es nichts Verzweifeltes mehr an sich, die Magie des ersten Augenblicks war verflogen. Kein mythisches, ursprüngliches Gemurmel wie bei einer Liturgie, nur noch Lärm.
Ich setzte mich auf und wieder verstummten die Menschen.
Etwas stimmte nicht. Verwirrt sah ich an mir hinab, was sich als gar nicht leicht erwies. Auch mit meinen Augen schien etwas nicht zu stimmen.
Augen sollten sich nicht so anfühlen. – Und sie sollten nicht an dieser Stelle im Kopf sein, oder?
Ich bemühte mich, mein Gleichgewicht zu halten und gleichzeitig einen Eindruck davon zu gewinnen, was falsch war.
Fell. – Nicht gut.
Mein Gehirn weigerte sich, mir mehr mitzuteilen.
Erst nach und nach drang die Erkenntnis durch mein Entsetzen, wabberte für einen Moment durch die Stille und erfüllte mich schließlich vollständig.
Kuh?
Ein lautes Geräusch entfuhr meinem Mund. – Verdammt! Maul.
Warum zum Henker war ich eine Kuh?
Was war schief gelaufen?
So dumm konnten doch auch die dümmsten Gläubigen der Welt nicht sein, oder?
Ein Lehmhaufen und ein wenig Glaube hätten schon ausgereicht und ich wäre ein Mensch geworden.
Stattdessen mussten sie eine Kuh aus dem Lehm gemacht haben – und das hatte ich jetzt davon!
Ich wusste, ich sollte nicht meckern, schließlich existierte ich nur, weil diese Menschen an mich glaubten – aber das wussten sie zum Glück nicht – aber eine Kuh?
Wie demütigend!
Ich betrachtete die Menschen, die mir diese Schmach angetan hatten. Sie sahen nicht so aus, als seien sie sich einer Schuld bewusst.
Eine spöttische kleine Stimme in meinem Hinterkopf murmelte: Aber damit bist du wenigstens die einzige Göttin, die nützlich ist.
Ich versuchte etwas zu sagen und wieder rangen sich aus meinem Maul nur ein paar Tierlaute. – Nicht einmal für eine menschliche Stimme hatte der Glaube meiner Anhänger gereicht!
Ich stampfte wütend mit dem Vorderhuf auf. Nicht einmal weinen konnte man in diesem Kuhkörper!
Das Gemurmel der Menschenmenge setzte wieder ein. Dieses Mal klangen sie erwartungsvoll.
Aber was sollten sie schon von einer Kuh erwarten? Was sollte ich ihnen als Kuh geben oder sagen können?
Verzweifelt dachte ich an Bastet, die eine ähnliche, wenn nicht sogar dieselbe Sparte verkörperte, wie ich. Sie war eine Katze, majestätisch, geschmeidig.
Die Menschen liebten Bastet, sie liebten Katzen.v
Auch wenn Katzen keinen wirklichen Zweck erfüllten mochten die Menschen sie. – Nun gut, sie fraßen Mäuse. – Aber das taten Schlangen und Ratten auch.
Ansonsten empfand ich Katzen als kleine, gut getarnte Killermaschinen.
Trotzdem musste ich ihnen zugestehen, dass die Menschen sie verehrten. Vielleicht, weil sie schnurrten, weil ihr Fell weich war oder weil sie die Menschen an ihre größeren Artgenossen erinnerten.
Das brachte mich wieder zu meinem Problem: Wer hätte je von einem Menschen gehört, der eine Kuh liebte? – Einen Stier konnten sie eventuell lieben und verehren. Ein Stier hatte Hörner und das machte ihn gefährlich.
Aber eine Kuh? Eine Kuh gab Milch, sie war zahm und gemütlich. Man konnte sie schlachten und essen. Aus ihrem Fell konnte man Kleidung fertigen.
Sie waren nicht einmal schön. – Wer hätte je von einem Menschen gehört, der von einer Kuh sagte: „Hei, wow! Guck dir bloß diese Kuh an! Hast du jemals so eine schöne Kuh gesehen?“
Ich schlug frustriert mit dem Schwanz nach einer lästigen Fliege. – Ein weiterer Nachteil auf der nicht enden wollenden Liste.
Lebhaft konnte ich mir vorstellen, wie die anderen Götter – die großen Götter, die die in ganz Ägypten zu Hause waren – jetzt gemeinsam irgendwo zusammen saßen und lachten.
„Haha, wieder so ein Emporkömmling, der sich selbst in die Pfanne gehauen hat.“
„Aber wenigstens können seine Anhänger ihn essen, wenn er versagt!“
„Da soll mal wer behaupten Göttererfüllten keinen Zweck!“
Wirklich sehr komisch!
Vielleicht hätte ich auch darüber gelacht, wenn es nicht ausgerechnet mir passiert wäre.
Ich machte einen Schritt auf die Treppe zum Allerheiligen zu, in dem eine große vergoldete Frauenstatue stand.
Da! – Die hätten sie doch nur anbeten müssen!
Selbstmitleid brannte über mich hinweg, bevor sich mir plötzlich ein Mann mit einer roten Haube in den Weg stellte.
Irgendetwas schien hier ganz und gar nicht zu stimmen.
Zweifel überfielen mich und ich versuchte mich daran zu erinnern, wie genau ich hierher gekommen war.
Was ich vorher gewesen war.
Ein Wispern in der Nacht, ein unruhiger Traum, ein Gedanke, eine leise Stimme.
Ich erinnerte mich an Jahrzehnte, in denen ich mit anderen Stimmen im Wind geflüstert hatte, bis das Mädchen kam.
Sie war in die Einsamkeit der Stimmen gekommen, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten.
Aber das wollte sie gar nicht wirklich. Sie war nur verzweifelt, weil ihr nie jemand zuhörte, weil sie nicht mehr glaubte.
Die anderen Stimmen erkannten das nicht, sie gaben ihr Recht und schmeichelten ihr.
Aber was nutzt ein toter Gläubiger? Nur eine weitere Stimme im Wind?!
Ich hörte ihr zu und widersprach.
Sie hörte mir zu und durch die Aufmerksamkeit des Mädchens verblassten die anderen Stimmen, während meine an Kraft gewann.
Ich erzählte ihr, wie schön das Leben war, dass allein die Liebe es wert war, weiter zu leben. Dass es immer jemanden gab, der einen liebte oder jemanden, den man lieben konnte.
Sie dankte mir mit einer Blume und damit, dass sie später ihren Kindern von mir erzählte.
Durch ihre Erzählungen wurde ich größer, fand mehr Kraft und mehr Stimme.
Und ich fand Anhänger, die an mich und die Liebe glauben wollten.
Mühsam arbeitete ich mich empor. – Nicht so, wie mach anderer Gott, der durch den Tod eines anderen einfach ein plötzlich entstehendes Machtvakuum besetzt hatte.
Nein! Ich hatte geplant und ein Konzept entwickelt, wie meine Anhänger friedlich die Welt verändern konnten. Wie sie allen Menschen ein glückliches Zuhause schaffen würden.
Und zum Dank war ich eine Kuh!?
Warum nichts Imposantes? Etwas Gefährliches? Oder zumindest etwas Großes, etwas, was einer Göttin angemessen war?
Ich schluckte mein Selbstmitleid herunter und ging weiter meine Erinnerungen durch, um einen Fehler in meiner Planung zu finden.
Meine Anhänger hatten angefangen einen Tempel für mich zu bauen – und ich bin vor Stolz beinahe geplatzt. Noch nicht einmal einen eigenen Körper, aber schon einen Tempel.
Mein Blick fiel auf die Menschen, die mich immer noch mit großen Augen ansahen, beinahe, als hätten sie nicht damit gerechnet, dass ihre Göttin vor ihnen erschien.
Ihre angespannte Erwartungshaltung schnürte mir fast den Atem ab.
Was sollte man dazu sagen?
Sperrten mich in den Körper einer Kuh – Zugegebenermaßen einer recht ansehnlichen Kuh, aber nichts desto trotz ein Rindvieh und erwarteten anscheinend, dass ich mich freute.
Ich wandte mich wieder dem Mann zu, der sich mir in den Weg gestellt hatte. Er stand etwas höher als ich. Ich blickte wieder nach unten.
Warum stand ich in einer breiten Rinne, die …
Verdammt!
Im letzten Moment sprang ich zurück. Das Messer verfehlte nur knapp meine Kehle.
Ich entfernte mich rückwärts von dem Mann und ließ ihn nicht aus dem Blick.
Diese Augen hatten auch Vorteile, wie ich jetzt erkannte. Sie machten es auf jeden Fall schwer, sich unbemerkt von hinten anzuschleichen.
Aber hinter mir war niemand. – Zumindest niemand, der lebte. Nur eine Lehmfigur zu der alle Opferblutrinnen liefen.
Vielleicht hätte ich Göttin des Humors werden sollen – des Galgenhumors!
„Ich bin hier! Hier drin!“, versuchte ich trotz besseren Wissens zu sagen. Genauso gut hätte ich von Anfang an nur: „Muh! Muh!“, sagen können.
Warum konnten Kühe nicht sprechen? Wenn diese Leute an mich glaubten, warum konnten sie mich nicht hören?
Und warum wussten sie nicht, dass ich hier drin war?
Der Mann mit dem Messer sprach beruhigend auf mich ein, während sich aus der Menschenmasse unter uns einige kräftig wirkende Männer lösten, um ihm zu helfen.
Sah ich wirklich so bescheuert aus?
Mit einem Satz sprang ich in den Mittelgang und brachte meine 500 Kilogramm Lebendgewicht in Bewegung.
Nach den ersten unbeholfenen Sprüngen sah ich mich im Stillen gezwungen, alles zurückzunehmen, was ich vorher über Kühe gesagt hatte.
Ich hatte nicht gewusst, wie schnell man als Kuh werden konnte, wenn man erst einmal eine gewisse Startgeschwindigkeit erreicht hatte. – Oder wie gut man Leute über den Haufen rennen konnte, wenn man sechsmal soviel wog wie sie.
Ich bemühte mich die Schmerzschreie zu überhören und preschte aus dem Tempel.
Für einige Nanosekunden dachte ich über die Option nach, dazubleiben, mich opfern zu lassen und abzuwarten, ob der Frauenlehmkörper tatsächlich lebendig wurde.
Zum Glück funktionierte ein Kuhhirn sehr einfach und pragmatisch. – Es glaubte nicht an Wunder.
Zumindest in diesem Punkt waren Kuhkörper und ich uns sehr einig: Besser eine lebendige Kuh, als ein blutiger Lehmklotz.
Außerdem waren Kühe sehr nützlich und ich hatte nicht vor auch nur eine einzige auf Verdacht zu opfern. Die Tatsache, dass ich diese Kuh war, spielte bei dieser Entscheidung zugegebenermaßen eine gewisse Rolle.
Die Hitze außerhalb des Gebäudes traf mich unvorbereitet. War es hier immer so heiß?
Ich hörte das Gezeter hinter mir und stürzte weiter geradeaus. Viele Auswahlmöglichkeiten blieben mir sowieso nicht. Das fruchtbare Gebiet des Nils war nicht allzu breit.
Wie lange konnte ich diese Jagd durchhalten?
Meine Hoffnung schrie: Solange wie nötig, aber mein Verstand war sich da nicht sehr sicher, denn er erinnerte mich an die Eigenschaften von Kühen. – Langstreckenlauf gehörte nicht dazu.
Ich bog von der staubigen Straße in ein Feld, welches mit hüfthohen Pflanzen überwuchert war.
Ich erkannte meinen Fehler schneller, als mir lieb war: Für mich machte es das Laufen schwerer, aber meine Verfolger mussten nur auf der platt gewalzten Spur hinterher rennen.
Ich schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel in der Hoffnung, dass irgendeiner der anderen Götter nicht lachte, sondern Mitleid mit mir hatte.
Beinahe im selben Moment änderte sich die Konsistenz der Luft um mich herum, wurde zähflüssig und verlangsamte meinen Lauf noch mehr.
Verzweifelt kämpfte ich mich vorwärts. Hatten sich jetzt auch noch die Götter gegen mich verschworen?
Mit einem leisen Geräusch gab das unsichtbare Hindernis nach. So plötzlich, dass ich fast gefallen wäre.
Schlagartig verstummen die Menschen hinter mir. Ich drehe mich um, doch es war niemand mehr zu sehen.
Dankbar atmete ich ein und mir wurde klar, dass ich ohne die fremde Hilfe nicht mehr weit gekommen wäre.
Wie von Außen nahm ich wahr, wie verschwitzt ich war, wie sich mein Körper bei jedem Atemzug aufblähte und wie sehr meine Vorderbeine vor Anstrengung zitterten.
Eine Bewegung in meiner unmittelbaren Nähe ließ mich herumfahren.
Die Frau, die in einem kleinen Meer aus niedergedrückten Pflanzen lag, starrte mich genauso entsetzt an, wie ich sie.
Als sie erkannte, dass ich nur eine Kuh war, ließ sie sich mit einem Seufzer der Erleichterung wieder zurücksinken.
„Dich muss der Himmel geschickt haben!“, murmelte sie leise, bevor sie die Augen schloss.
Ja, so ungefähr!, stimmte ich ihr stumm zu.
Sie zuckte krampfartig zusammen. Ich trat leise näher.
Schweiß stand ihr in dicken Tropfen auf der Stirn und sie schien schreckliche Schmerzen zu haben.
Sie riss die Augen auf und stöhnte.
Wehen, erkannte ich und leckte ihr tröstend die Stirn.
Sie murmelte etwas, was sich anhörte, wie: „Isis … nicht helfen … verdammt.“
Wenn ich ihr half, würde ich verdammt? – Lächerlich! Ich bin eine Kuh! Womit wollte man mir drohen?
Sie war allein und sie hatte Panik, natürlich würde ich bleiben! Verdammnis hin oder her.
Plötzlich wusste ich, was sie meinte. Was geschehen war. – Ihr Gatte Osiris war tot. Ermordet von seinem eigenen Bruder, Seth, der seine Rache durch den Tod des Ungeborenen vollenden wollte.
Isis glaubte, Seth würde es dabei auch in Kauf nehmen, mich zu töten.
Der Gedanke machte mir keine Angst. Nicht einmal mehr ein mulmiges Gefühl. – Wenn er meinen Tod wollte, bitte! Irgendwo dort Draußen liefen ungefähr 2000 Gläubige herum, die das auch wollten. Sollte er sich gefälligst hinten anstellen!
Isis schrie und riss mich aus meinen selbstgerechten Gedanken. Wieder eine Wehe.
Wie sehr wünschte ich mir, ich wäre ein Mensch und könnte ihr helfen.
Sie verdrehte die Augen.
Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, dass der Kopf des Kindes schon zu sehen war.
Die Göttin bäumte sich noch einmal auf, dann fiel sie zurück.
Das Kind war auf der Welt.
Isis? Isis?
Sie hatte die Augen geschlossen und bewegte sich nicht mehr.
Ich stupste sie vorsichtig an. Keine Reaktion.
Ich blies ihr ins Gesicht. Nichts.
Das Kind fing an zu schreien.
Grundgütiger!
Ich bin eine Kuh, Kleiner, ich kann dir nicht helfen!
Isis, verdammt!
Vorsichtig leckte ich das Blut von dem Kleinen ab. Es beruhigte sich für Sekunden, doch als es trocken war, begann es wieder zu schreien.
„Durst!“, hörte ich es in meinen Gedanken krakelen.
Ihr Götter, helft!
Isis?
Sie bewegte sich immer noch nicht.
Ihr Gesicht war immer noch Schmerzverzerrt und die Anstrengungen der Flucht hatten tiefe Furchen in die ansonsten edlen Züge gemeißelt.
„Bitte?! Durst!“, klagte der Junge in meinen Gedanken.
Als ich mich zu ihm drehte, erschrak ich. Sein kleiner Körper war blau angelaufen und wirkte aufgequollen.
Auf einmal wusste ich, dass auch ihn die Flucht fast umgebracht hätte. – Oder es vielleicht noch tat, wenn Isis nicht bald aufwachte.
Isis, bitte!
Ich stupste die Göttin an, doch es war das leise, geistige Weinen des Jungen das antwortete.
„Milch!“, hauchte die Stimme schwach.
Wenn ich doch nur ein Mensch wäre, dann könnte ich …
Dann begriff ich.
Vorsichtig legte ich mich so nah es ging zu dem Kind und rollte mich auf die Seite. Durch Bewegungen versuchte ich mich näher zu dem Jungen zu bugsieren.
„Komm her! Hier gibt es Milch!“, lockte ich in Gedanken und hoffte, dass es stimmte. Das ich Kuh genug war, um Milch geben zu können.
Mit einer überraschend kräftigen Bewegung griff das Kind nach meinem Euter.
Aua!
Verflixt, Kleiner! Das geht sicher auch sanfter!
Als hätte er mich gehört, saugte er behutsam – und Milch kam!
„Sag ich doch! Nützlich!“ Erleichterung durchflutete mich in breiten Wogen und ich gab mich ihr hin, während der Knirps seinen Appetit stillte.
Schließlich schlief er halb auf mir ein. Er fühlte sich überraschend lebendig an.
Ich lachte.
Und stutzte.
Ein Lachen? Ein echtes Lachen?!
Unwillkürlich fasste ich mir mit der Hand an die Lippen. Dann starrte ich meine Hand an und spürte, wie mir Tränen die Wangen hinunter liefen.
Trotzdem riskierte ich einen Blick auf den Rest meines Körpers.
Wunderbar! Perfekt!
Vorsichtig hielt ich das Kind, während ich aufstand.
Ja! Diese Bewegungen fühlten sich richtig an. So hatte ich mir das von Anfang an vorgestellt.
Leise trug ich das Kind zu Isis. Ihre Augen waren immer noch geschlossen.
Aber ich konnte das Heben und Senken ihres Brustkorbes erkennen.
Ich hockte mich neben sie auf den Boden.
„Es ist tot, Hathor! Ich habe verloren, ich habe alles verloren!“ Ihre Stimme war nur ein Hauch im Wind. „Seth hat gewonnen!“
Behutsam strich ich ihr mit meinen Fingern über die Wangen. „Hat er nicht!“, beruhigte ich sie.
Die Göttin riss verwundert die Augen auf und betrachtete mich erstaunt.
Ich lächelte und hielt ihr den kleinen Jungen hin.
„Es lebt!“
Und ich? Ich lebte auch!
Autor: Jennifer Schreiner
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Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren und deren Angehörigen ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches, gesundes und erfolgreiches Jahr 2007!
Das Tiergeschichten-Team
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Auch während des Marsches war Karl ein gelehriger Schüler, eigentlich war er das ja immer, nur Egon hatte hin und wieder etwas zu nörgeln und zu bekritteln. Das war nicht ganz gerecht, denn Karl saugte geradezu auf, was ihm sein Freund erklärte. Dabei kam er aber auch langsam zur Überzeugung, dass das Leben nicht nur schön, sondern eine ununterbrochene Aneinanderreihung von Gefahren war. Immerhin, diese Zwischenfälle waren weniger gefährlich, wenn man über sie Bescheid wusste. Egon machte ihn zum Beispiel auf eine Ringelnatter aufmerksam, die in geschmeidigen Schlängelbewegungen auf das Ufer des Teichs zu kroch. Die gelben Halbmonde am Kopf zeichneten sich deutlich vom schlanken, dunklen Körper des Tieres ab. Jetzt musste wohl der Wasserfrosch zeigen, was er über Gefahren gelernt hatte.

Karl wollte wissen, ob es in der Gegend viele Schlangen gäbe und welche und wie große und wie gefährliche und wie … . Aber da wusste Egon auch nicht so genau Bescheid. Er nannte die Glattnatter, die Äskulapnatter und die Kreuzotter, von diesen Schlangen hatte er jedenfalls gehört, sie aber nicht alle gesehen, Gott sei Dank, wie er meinte, denn ein Mäuslein findet schon einmal seinen Weg in einen Schlangenmagen. Welch ein Zufall, schon wieder tauchte eine Schlange auf. Sie bewegte sich ebenfalls in Windungen fort, aber lange nicht so geschmeidig wie die Ringelnatter. Ihre Schuppenhaut glänzte in der Sonne, dass es beinahe blendete. Eine Blendschlange also. Egon musste lachen. „Fast erraten“, sagte er, „keine Blendschlange, eigentlich überhaupt keine Schlange sondern eine Eidechse, eine ohne Beine halt. Aber sie heißt so ähnlich, wie du sie genannt hast, nämlich Blindschleiche, was wirklich von Blendschleiche kommt. Blind ist das Tierchen ganz und gar nicht, im Gegenteil, es sieht sogar sehr gut. Es kann den Schwanz bei Gefahr abwerfen wie die Eidechsen, es hat Augendeckel wie eine Eidechse, ja hat ein Trommelfell und kann daher hören, muss das Mäulchen beim Züngeln etwas öffnen wie die Eidechsen, hat …“ . „Halt, halt, halt!“, fuhr Karl dazwischen, „so genau will ich das gar nicht wissen. Glaubst du, ich habe ein Computerhirn?“ Karl stutzte. Hatte er nicht gerade Computerhirn gesagt. Woher kannte er diesen Ausdruck? Sehr seltsam!
Die Blindschleiche zog ebenfalls ihres Weges, verkroch sich wieder im Laub, wo die Aussicht auf einen fetten Regenwurm oder eine Nacktschnecke nicht schlecht war.

Und weil ein Zufall selten alleine passiert, machten sie schon eine Stunde später wieder Bekanntschaft mit einem Reptil, diese Mal war es eine Kreuzotter. Der Wald war hier durch eine Wiese, eine Lichtung also, aufgelockert, so konnte die Sonne prall auf die Steine und auf das Himbeer- und Brombeerdickicht scheinen. Auf einer der Steinplatten lag die Kreuzotter und wärmte sich auf. Die Viper brauchte die Sonnenwärme, sonst wäre sie zur anstrengenden Suche nach Mäusen nicht fähig gewesen.
Karl war nicht wohl in seiner Haut. Er bangte vor allem um Egon, schließlich war der eine echte Maus und damit für eine Kreuzotter höchst interessant. Egon aber beschwichtigte: „Mäuse, die die Schlange zuerst gesehen haben und nicht umgekehrt, sind überhaupt nicht in Gefahr. Sie müssen nur schauen, dass sie ihr nicht vor dem Kopf hin und her laufen oder zumindest nicht in die Nähe kommen. Schlangen hören zwar so wenig wie eine Taubnessel, nämlich überhaupt nichts, aber sie können mit ihrer Zunge, ja, mit dieser, hervorragend riechen und mit ihren starren Augen auch alles, was sich bewegt ganz gut sehen“. Das war eine ordentliche Belehrung von Oberlehrer Egon. Sie krabbelten weiter, eine halbe Stunde oder so und staunten nicht schlecht, als ihnen die Kreuzotter, es war ganz sicher die vom Stein, wieder begegnete. Dieses Mal sah sie irgendwie verformt aus.
„Oh je“, sagte Egon, „da hat es einen Verwandten erwischt. Er deute auf die Verdickung hinter dem Hals und klärte Karl auf, dass da gerade eine Maus die Speiseröhre hinunter in den Magen gedrückt wurde.
Nachdem sie die Lichtung verlassen hatten, wurde es von einem Moment zum anderen dunkel und seltsam still. Kein Vogelruf war zu hören, nichts und niemand hüpfte durchs Geäst, der Pflanzenwuchs zwischen den Bäumen wurde immer spärlicher, die ganze Gegend machte einen trostlosen, unnatürlichen Eindruck und schien wie ausgestorben. Sie waren in eine Fichtenschonung gelangt, nichts als Fichten, Fichten, Fichten und wieder Fichten. So ein Wald würde nie natürlich wachsen, so ein Wald war vom Menschen aufgeforstet. Vor allem die Vögel mieden die Gegend. Das hatte für den Wald aber einen höchst unangenehmen Nachteil. Hatte sich nämlich erst einmal ein Schadinsekt eingenistet, konnte es sich ungehindert und in Massen vermehren. Eigentlich gibt es auf dieser Welt kein schädliches Lebewesen. Zum Schädling wird ein Tier oder eine Pflanze nur dann, wenn der Mensch irgendetwas aus dem Gleichgewicht bringt. Egon sagte immer: „Wenn die Menschen drein pfuschen“. In diesem Waldstück konnten sich Käfer, die in der Fichtenrinde lebten, prächtig vermehren.
Ein entwurzelter Baum lag quer über dem Weg, wahrscheinlich hatte ihn ein heftiger Windstoß umgeworfen. An einigen Stellen fiel seine Rinde schon ab und die schaute an der Innenseite recht eigenartig aus.
„Was ist denn das, schaut aus wie eingekerbt?“, fragte Karl. Egon erklärte ihm die Arbeit der Fichtenborkenkäfer und deren Larven ganz genau, er lernte, was Muttergänge und Puppenwiegen waren, und erfuhr so, warum dieser winzige Käfer schädlich, schädlich für die Fichten nämlich, werden konnte.

Käfer oder andere Insekten, die im oder am Holz lebten, konnten nur in Wäldern wie diesen großen Schaden anrichten. In gemischten Wäldern, also Forsten mit Laub- und Nadelbäumen, mit Büschen und Sträuchern, gab es genügend Vögel, Ameisen und andere Wesen, die auf ein gesundes Gleichgewicht achteten. Was Egon da sagte, klang schon sehr nach Schule, war aber für Karl höchst interessant.
Nach einiger Zeit wurde es wieder etwas heller, von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch das Geäst und es tauchten auch wieder Büsche und Bäume mit richtigen Blättern auf. Vogelstimmen waren wieder zu hören und so mancher Schatten huschte in den Bäumen oder auf dem Boden dahin. Das war zwar nicht mehr so langweilig wie vorher, man musste aber wieder vermehrt auf der Hut sein.
Plötzlich rief Egon erfreut aus: „Super, wir haben nicht mehr weit zu deinem Haus, es muss schon ganz in der Nähe sein!“ Karl schaute verständnislos drein und Egon deutete auf einen Vogel, der sich da vor ihnen auf einem Stein offensichtlich etwas ausruhte. „Hörst du das ,Schilpschilp’, das ist ein Spatz, ein Hausspatz. Na, was sagt dir das?“, fragte Egon. Es sagte Karl gar rein gar nichts. Hierher käme höchstens ein Feldspatz, der mit dem Fleck auf der Wange, ein Hausspatz aber nicht, erläuterte Egon näher.

Was Herr Professor Egon sagte, stimmte wirklich, Hausspatzen entfernen sich wirklich nie sehr weit von Häusern. Sie haben sich schon sehr weit an die Menschen und ihre Umgebung angepasst.
Freundlich sprach Egon den Spatzen an: „Herr Sperling, wie weit ist es noch bis zu dem Haus am Waldrand da drüben?“ Der Vogel schaute das Paar verwundert an: „Wenn ihr nicht Tempo zulegt, seid ihr in zwei Jahren noch nicht dort!“ Er hatte die zwei herankommen gesehen und was er da sah, bot ein jämmerliches Bild. Dann lachte er aber: „Nein, nein, es ist gar nicht mehr weit, aber passt auf, ich habe gerade einen Marder gesehen, der dort zwischen den Steinen und Felsbrocken auf Jagd aus ist“. Damit flog er ohne einen weiteren Piepser davon.
Wie nicht anders zu erwarten, erhielt Karl ungefragt eine Lektion über Marder, Wiesel und Dachse, die ja alle eine Verwandtschaft sind. Das einzige, was Karl nach dieser Belehrung noch beruhigte, war die Tatsache, dass er eine Fledermaus war. Von Fledermäusen als Bestandteil der Nahrung war nicht die Rede. Egon war kaum fertig mit seinen Ausführungen, als sie – und das ist nicht gelogen, auch wenn es so scheint – schon auf eine eigenartige Spur stießen.
„Hm“, meinte Egon, unser Plattfuß ist da gelaufen“. Karl wusste natürlich nicht, wer mit dem Plattfuß gemeint sein konnte. Dass es der Dachs, eine echter Plattfuß, also ein Sohlengänger war, war ihm ziemlich egal. Erst als ein riesiger Kopf vor ihm auftauchte, begann er doch vor Angst zu zittern.
Der Dachs hatte aber anderes im Sinn und trollte sich. „Meister Grimmbart ist gar nicht so übel“, stellte Egon fest. Er lachte, als Karl fragte, wer denn das wieder sei. Die Fledermaus wusste einige Sekunden später, dass der Dachs im Märchen und von den Dichtern Grimmbart genannt wurde, er wollte aber Egon nicht sagen, dass ihm das vollkommen schnurz war.
Vorsichtig, nach allen Seiten hin ausschauend, setzten sie ihren Weg fort. Sie wussten, es konnte nicht mehr weit bis zu den Menschen sein. Trotzdem, Karl musste immer öfter eine Rast einschalten, zu groß waren die Schmerzen. An einen neuerlichen Flugversuch war nicht zu denken. Auch Egon war müde. Bei der nächsten Rast legte er sich etwas zur Seite und schlief augenblicklich ein. Der Anblick war köstlich. Egon durfte sich wirklich nicht über Karls Zähne lustig machen. Sein Nagergebiss schaute einfach drollig aus.

Hin und wieder hätte auch Karl gerne so ein Gebiss mit zwei Nagezähnen unten und zwei oben gehabt. Damit ließen sich vortrefflich Käfer knacken. Das konnte er auch, aber Äste abbeißen? Das würde einer Fledermaus nie gelingen. Während er so über Gebisse im Allgemeinen und über Egons Beißerchen im Besonderen nachdachte, schlief auch Karl ein. Er träumte von winzigen Tierchen, die über ihn hinweg krochen, ihn in die Flughaut bissen und an der Nase kitzelten. Da schreckte er plötzlich aus dem Schlaf und führte darauf hin einen eigenartig hüpfenden Tanz auf. Egon und Karl hatten sich direkt vor einem Ameisenhaufen zur Ruhe begeben und das passte den emsigen Tierchen wohl nicht. Sie bissen zu und spritzten Säure in die kleinen Wunden. Das brannte dann, wie auch Menschen nur zu gut wissen, höllisch. Egon war wegen seines dichten Felles nicht so betroffen, doch schaute auch er säuerlich drein.
Nachdem alle Ameisen abgeschüttelt waren, klangen auch die Schmerzen schon wieder etwas ab und es war unvermeidlich, dass Karl eine Lektion über die Nützlichkeit der Ameisen erhielt. „Nützlich, sagst du?“, meinte er gleich zu Beginn, passte dann aber wie ein Haftelmacher auf. Zu interessant war das, was Egon zu erzählen wusste. Man musste die Ameisen als Staat mit vielen, vielen Einzeltieren sehen, dann konnte man erst richtig begreifen, dass sie in der Lage waren, die Vermehrung mancher Insekten so zu verhindern, dass diese nicht zu Schädlingen wurden. „Brave Ameisen“, sagte er daher und wollte dabei auch witzig sein.

Karl warf noch einen Blick auf eine der Arbeiterinnen, die gerade eine kleine Raupe mit ihren Oberkiefern fasste. Gerne hätte er die Larve für sich selbst beansprucht, aber er hatte gehörigen Respekt vor den Bissen der eifrigen Ameise und ließ es daher sein.
Immer wieder prüfte Egon, auf welcher Baumseite das Moos wuchs. Hernach änderte er meistens die Richtung geringfügig, dann ging es wieder langsam, fürchterlich langsam, weiter. Die Dämmerung verwischte die Umrisse des Buschwerks, es galt jetzt noch vorsichtiger zu sein als bei Tageslicht. Viele Tiere des Waldes sind ja hauptsächlich im Schutz der Dunkelheit unterwegs, solche, die jagen und solche, die gejagt werden. Immer wieder schlug Egon vor, sich in der Nacht irgendwo zu verkriechen. Karl aber kam eindeutig in der Finsternis besser zurecht. Kein Wunder, als Sonnenanbeter sind Fledermäuse ja nicht gerade bekannt. Wenn sie gewusst hätten, was ihnen bevor stand, hätten sie keinen weiteren Schritt mehr gewagt und sich schleunigst unter Wurzeln versteckt. Aber sie wussten es eben nicht.
Der Wald wurde jetzt immer häufiger von freien Flächen durchbrochen. Felsbrocken und Steine lockerten die Landschaft auf, das machte sie aber weniger übersichtlich.
Jetzt wurde es wieder etwas heller statt dunkler, weil der Vollmond die Gegend in gedämpftes, gespenstisches Licht tauchte. Auch war es gruselig still. Plötzlich durchbrach der Warnruf eines Eichelhähers die Stille. „Das ist die Feuerwehrsirene des Waldes“, meinte Egon, „da ist immer irgendwas Unangenehmes im Anzug“. Karl stellte sich dumm und fragte: „In welchem Anzug, im Hochzeitsanzug oder im Freizeitanzug?“ Das Witzeln verging ihm aber augenblicklich, weil in diesem Moment ein Steinmarder, erkenntlich an dem weißen, gegabelten Kehlfleck, auftauchte. Jetzt hieß es Ruhe und Nerven bewahren.
Der Steinmarder schien eine Gummiwirbelsäule zu haben. Männchen machen, sich strecken, Buckel machen , seine Bewegungen wechselten so schnell ab, dass man kaum mit den Augen folgen konnte.
So huschte der Marder hin und her, plötzlich schaute er genau in die Richtung der Wanderer. Ganz langsam, ohne das geringste Geräusch zu machen, schlich er auf die zwei zu. Sie zitterten wie Espenlaub, denn der Marder setzte schon zum Sprung an. An ein Entkommen war nicht zu denken. In diesem Augenblick tauchte eine Eule aus dem Nichts auf und stürzte auf den Räuber herab. Der Steinmarder konnte sich nur durch einen Sprung ins Gebüsch vor dem sicheren Tod retten. Die Krallen der Eule hätten ihm nämlich bestimmt den Garaus gemacht. In dieser Nacht, kann man annehmen, ging der Bursche sicher nicht mehr auf Jagd aus.
Egon konnte sich nicht vorstellen, warum Karl sich vor dem großen Vogel nicht fürchtete, sondern auf diesen sogar zu kroch. Da schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, das musste Franz Xaver sein, von dem er schon so viel Gutes gehört hatte. Und so war es dann auch.
Franz Xaver berichtete, dass es Mutter Fu gut ging, er würde sich gelegentlich mit ihr zu einem Plausch treffen. Darüber war Karl natürlich sehr erfreut und er wollte keine Minute länger warten, um wieder weiter zu kommen, näher heran an das Haus. Franz Xaver warnte sie noch vor dem Baummarder, der wie sein Vetter auch in dieser Nacht unterwegs war. Auch dieser Bursche würde wie Franz Xaver von oben kommen. Ja, man musste seine Augen schon überall haben. Die Eule verabschiedete sich und flog lautlos fort, wie es Eulen halt so tun.

Egon und Karl setzten sich auch wieder in Bewegung, Müdigkeit hin, Müdigkeit her. Als der Morgen dämmerte, erklang eine Vogelstimme: „Jickjickjick, jickjickjick!“ . Karl konnte nicht glauben, dass das ein Kuckuck sein sollte, wie Egon behauptete. Ein Kuckuck ruft doch „kuckuck“ und nicht „jickjick“, so glaubte er jedenfalls. Er gab sich zufrieden, als Egon erklärte, dass es sich eben um ein Kuckucksweibchen handelte. Sosehr Karl aber auch den Kopf verrenkte, er konnte nirgendwo einen Kuckuck sehen.
Das Weibchen blieb vorerst auch für Egon unsichtbar. Die Vögel sind ja als außerordentlich scheu bekannt, sie waren nur dann ganz unverfroren, wenn sie ihre Eier in fremde Nester legten. Da kannten sie keine Zurückhaltung. Auf der anderen Seite halfen sie der Natur, weil sie als einzige Vögel auch behaarte Raupen, die sonst alle verschmähten, kurz hielten. Als Karl von den Raupen hörte, meldete sich auch bei ihm wieder der Hunger. Da er nichts Fressbares fand, hängte er sich mit dem Kopf nach unten an ein Ästchen . Kaum hatte er es sich gemütlich gemacht, setzte sich über ihm ein etwa taubengroßer Vogel nieder. Karl brauchte keine Erklärungen, das musste das Kuckucksweibchen sein.

Die Gelegenheit konnte er nicht vorbei gehen lassen. Er wollte mehr über diesen Vogel wissen. Die Dame ließ sich nicht lumpen und beantwortete geduldig Karls oftmals recht einfältige Fragen.
Bald wurde es Egon langweilig. Was für Karl neu war, wusste er schon längst und er drängte zum Aufbruch. Sie waren noch nicht lange unterwegs, da lief ihnen ein auffallend gefärbter Käfer über den Weg, dann noch ein solcher und gleich darauf noch einer. „Aha, ein Begräbnis, hoffentlich keiner meiner Verwandten“, sagte Egon. Die Käfer waren Totengräber, Aaskäfer, die tote Tiere eingruben und sie als Nahrungsreserve für ihre Jungen nützten. Aus den Eiern, die die Käfer auf die Kadaver legten, schlüpften Larven, die dann so lange versorgt waren, bis sie selbst wieder zu Käfern wurden. „Als faules Aas kann man so einen Käfer nicht gerade bezeichnen“, kicherte Karl.
Als sie etwas später an einem Fuchsschädel vorbei kamen, war Karl gar nicht wohl zumute. Trotzdem wunderte er sich, dass Egon in dieser Knochenkapsel einen Fuchsschädel erkennen konnte.
Wieder folgte eine Belehrung über die verschieden Gebissarten und Kopfformen und wieder wurde Karl etwas gescheiter. Er interessierte sich auch für die beiden Mistkäfer, die gerade Rehkot vergruben, eben auch um ihre Jungen zu versorgen. Er wünschte den Larven in Gedanken guten Appetit.

Nach so vielen Erlebnissen verkrochen sich die beiden Tramper in einem Reisighaufen und schliefen augenblicklich ein. Wundert das jemanden?
Gestärkt durch den ausgiebigen Schlaf, setzten sie am nächsten Morgen ihre Reise wieder fort. Immer wieder gab es etwas zu beobachten und zu lernen. Das war schön und gut, nur kamen sie dabei nicht recht weiter. Auf einer saftigen Pflanze mit dicken Stängeln kroch einer dieser lieben Marienkäfer empor. Diese roten Käfer mit den sieben schwarzen Punkten untersuchten alle Pflanzen auf Blattlausbefall, weil dies Pflanzensaftsauger ihre einzige Nahrung darstellten. „Die räumen aber gewaltig auf in der Blattlauskolonie“, meinte Karl, der den Käfer interessiert beobachtete.
Egon bemerkte noch, dass diese Käferchen wirklich allerliebst wären, was die Blattläuse vermutlich heftig bestritten hätten.
Immer wieder und immer öfter verhaspelten sich die Wanderer in klebrige Spinnenfäden, die beinahe unsichtbar ihren Weg überspannten. Karl ärgerte sich über das Zeug, das so schwer aus dem Fell zu kratzen war, aber Egon begann, wie sollte es anders gewesen sein, mit Ausführungen über die Nützlichkeit dieser Achtbeiner. Karl musste auch nicht lange warten, bis er eine Spinne direkt vor Augen hatte.
Quer über den Pfad hinweg war das Radnetz einer ziemlich großen Weberin gespannt. Sie ließ sich von den zwei Beobachtern nicht stören, sondern besserte eifrig ihr Netz aus, das der Wind etwas ramponiert hatte. Karl stellte zum Erstaunen von Egon fest, dass die Spinne mehr Beine als Insekten hatte, nämlich acht statt sechs. Egon lobte ihn dafür. Interessant war auch der Kokon, der an einem Faden im Netz hing. Wie viele Eier mochten da drin sein? Vermutlich sehr, sehr viele. Dann wollte Karl noch wissen, ob die Spinne auch giftig wäre, er hatte davon schon gehört. Egon war wieder einmal um eine Antwort nicht verlegen: „Alle Spinnen, die ein Netz spinnen können, sind auch giftig. Die einen mehr, die anderen weniger. Die meisten weniger“.
Karl hätte das interessante Tier gerne noch länger beobachtet, Egon drängte aber zum Weitergehen. Er hatte Menschenstimmen gehört, das war einerseits für Karl recht beruhigend, für ihn aber eher unheimlich.
Wirklich, Stimmen wurden immer lauter. Es waren Mädchenstimmen, eindeutig, Stimmen, die ihm bekannt vorkamen. Es waren die Kinder, die ihn mit Mehlwürmern gefüttert und ihn behütet hatten, da war er sich ganz sicher. Karl schrie, was er nur schreien konnte, um Hilfe. Wer aber sollte die Fledermausstimme hören, nicht einmal Egon konnte die hohen Töne vernehmen. Traurig und niedergeschlagen musste Karl mit ansehen, wie sich die Mädchen wieder entfernten, ihre Gekicher immer leiser wurde. Seine Rettung schien so nahe – und jetzt war sie vielleicht wieder weit, weit entfernt. Ein Trost blieb. Sehr weit weg würde das Haus nicht mehr sein.
In Gedanken versunken krochen sie weiter. Einige Tannen tauchten vor ihnen auf. Karl tippte zwar auf Fichten, weil sie seiner Meinung haargenau wie diese Bäume ausschauten. Egon widersprach. „Da, schau, ein Fichtenkreuzschnabel dort oben auf dem Ast!“, rief Egon. Karl sagte nur: „Habe ich es nicht gesagt, Fichte, nicht Tanne!“. Es war aber wirklich ein Fichtenkreuzschnabel, ein Vogel mit lustig gekreuztem Schnabel zum Öffnen von Fichtenzapfen, der halt zufällig einmal auf einer Tanne Rast machte.
Vielleicht hatte der Vogel eine peinliche, ungehörige Frage bezüglich seines verbogenen Schnabels erwartet, jedenfalls flog er „gippgippgipp“ rufend davon.
Karl wagte es nicht, Egon nach den Kennzeichen einer Tanne zu fragen. Aber der Zufall half ihm aus der Patsche. „Schau, da fliegt der richtige Vogel auf den passenden Baum!“, lachte Egon. Und wirklich, eine winzige Tannenmeise setzte sich direkt neben einem Tannenzapfen nieder, es versteht sich von selbst, dass es sich auch bei dem Baum nur um eine Tanne handeln konnte.

Die Tannenmeise ließ sich nieder und stimmte augenblicklich ein Liedchen an: „Sizi, sizi, sizi“, rief sie. Karls Aufmerksamkeit galt aber dem Tannenzapfen. Jetzt wusste er, Zapfen schaut nach oben – Tanne, Zapfen hängt nach unten – Fichte, leicht zu merken. Erst jetzt wandte er sich an Egon: „Du sag einmal, warum ist der Vogel so gut aufgelegt, so fröhlich, dass er gleich ein Liedchen singt?“
Egon tat von den ewigen Erklärungen der Mund schon weh, aber er war auch stolz, wenn er Herr Lehrer spielen konnte. Die Freunde ließen sich ins Gras nieder und Egon begann: „Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass die Singvögel vor allem am frühen Morgen und dann noch einmal vor Einbruch der Dämmerung singen. Das tun sie nicht, weil sie so fröhlich sind, nein, sie wollen damit nur anderen Männchen ihrer Art anzeigen, dass dieses Revier bereits besetzt und Besuch unerwünscht ist. Das Singen hat also sehr wenig mit Fröhlichkeit, nein eher mit Drohung zu tun. Wie gesagt, das gilt nur für Vögel der eigenen Art. Der Tannenmeise ist es egal, wenn eine Hauben- oder eine Weidenmeise in der Nähe Platz nimmt. Verstehst du Karl, was ich damit sagen will? Weißt du übrigens, warum die Tiere Singvögel heißen, obwohl sie gar nicht alle singen können? Oder ist das, was die Krähen, Eichelhäher und Raben da daherkrächzen in deinen Ohren sehr melodisch? Nein, diese Vögel haben zwei Kehlköpfe, die …“. „Halt, halt, halt, wie soll ich mir das alles merken?“, bremste Karl seinen Freund ein, es schien ihm aber doch irgendwie interessant zu sein. Um Egon nicht zu verärgern, fragte er noch nach: „Du, was ist eigentlich eine Kohlmeise?“ Egon war verzweifelt, denn diese häufige Meisenart war ihnen schon so oft begegnet. Er schaute sich um: Es konnte nicht schwer sein, eine solche Meise irgendwo auf den Büschen zu entdecken. Und wirklich, ganz in der Nähe ließ sich eine nieder.

Die Meise bemerkte das Interesse der zwei Vogelbeobachter. „Gibt es was?“, fragte sie schnippisch. Karl und Egon begannen fast gleichzeitig zu sprechen: „Du kommst doch weit herum, steht hier in der Nähe nicht irgendwo ein Haus mit einem großen Garten am Waldrand?“ „Wenn ihr das Haus meint, das gleich da drunten hinter den Fichten steht, dann ist es nur mehr ein Katzensprung dort hin“, zizibähte die Meise. Karl und Egon waren wie vom Donner gerührt. Gleich dort drunten sollte das Haus stehen? War das möglich? War das Karls Haus? Wie weit war ein Katzensprung? Fragen über Fragen. Die Aufregung hätte größer nicht sein können. So schnell waren sie noch nie vorangekommen. Karl verspürte zwar noch immer heftige Schmerzen im Arm, aber er kämpfte sich tapfer vorwärts. Nach wenigen Minuten mussten sie erkennen, dass es doch noch eine schöne Weile dauern würde, bis sie das rettende Haus erreichten. Immerhin waren sie am Waldrand angelangt, an den ein steiler Abhang mit Gestein und niederem Buschwerk grenzte. Aus Erfahrung wussten sie, dass solche Gegenden mit besonderen Gefahrenquellen aufwarteten. Schlangen, Wiesel, Raubvögel und was halt sonst noch nach Mäusen Ausschau hielt, sie alle waren hier unterwegs. Da nützte es gar nichts, dass sie bereits das Dach des Hauses ausnehmen konnten.
Die Bewohner des Hauses glaubten nicht mehr daran, dass sie Karl jemals wieder zu Gesicht bekommen würden, ja sie vermuteten, dass er nicht mehr am Leben war. Vier Wochen waren vergangen, seit sie ihn in die Freiheit entlassen hatten. Fu, Karls Mutter, verschlief die Tage noch immer im Dachgebälk. Am Abend konnte man sie um die Fichte und im Garten hinter dem Haus auf der Jagd beobachten. Dieser Garten konnte eigentlich nicht als schön bezeichnet werden. Wenigsten fanden das die Nachbarn und die Besucher so. Er war so etwas wie eine kaum gepflegte Wildnis, aber er war ganz bestimmt ein Paradies für die verschiedensten Tiere. Gepflegten Rasen gab es nur wenig, dafür eine Menge an Rotbuchen, Haselnussstauden, Hainbuchen, Lärchen und Birken, dazu noch Büsche und Stauden. In dieser Umgebung ließ es sich vortrefflich für Vögel, Mäuse, Lurche und Insekten leben. In den Brutkästen an der großen Lärche zogen die Blaumeisen sogar zweimal im Jahr Junge groß.
Das Rotkehlchen verließ den Garten praktisch überhaupt nie, wozu auch? Es saß mit Vorliebe auf einem Hügelbeet, wo es nicht nur viel zu sehen sondern auch viel zu essen gab. Das Beet war auch ein Insektenparadies.

Auch die Äskulapnatter kam gerne hierher um sich in der prallen Sonne aufzuwärmen. Es hielten sich gleich mehrere dieser schönen, großen Schlangen im Garten auf.
Die Eichenblätter trugen in diesem Jahr besonders viele Galläpfel aus denen dann die Eichengallwespen schlüpfen würden, worauf schon eine ganze Reihe von Gartenbewohnern wartete.

Das Eichhörnchen, auch ein alter Gast des Gartens, hatte sein Kugelnest aber nicht auf die Eiche gebaut. Nein, der Kobel war hoch oben auf der Fichte, gut zwischen den Ästen, versteckt. Deutlich sah man aber die Fraßspuren des Nagers an den Zapfen, die unter dem Baum lagen.

Einige Pflanzen aber auch einige Tiere gehörten eigentlich nicht in diese Wildnis. Da gab es zum Beispiel den Bambus, der nicht so recht zu den Haselnüssen passte oder die Schildkröten in ihrem großen Gehege, die sich auch recht fremd ausnahmen. Früher bevölkerten auch Kaninchen einen Teil des Gartens, ihr Häuschen, eigentlich schon ein respektables Haus, stand jetzt leer in einer Ecke des Gartens.

In diesem Schuppen hatten es sich einige Zuzügler gemütlich gemacht. Da waren einmal die Rötelmäuse, die sich behaglich zwischen der Schaumstoffisolierung der Tür und den Holzbrettern eingerichtet hatten. Nur einige Mäusekügelchen auf dem Boden verrieten ihre Anwesenheit. Und weil anscheinend nicht genug Mäuse in der Hütte waren, hatten Feldmäuse ihre Gänge unter dem Boden des Holzhäuschens gegraben. Aus einem Kaninchenparadies war ein Mäuseparadies geworden.
Und natürlich stand da noch das Haus der Familie B. auf dem abschüssigen Grundstück, das Haus nach dem sich Karl so sehnte.
Fledermausexperten vom Haus der Natur, dem Naturkundemuseum der nahen Stadt, hatten sich eben dieses Haus und seine Umgebung vorgemerkt. Sie wussten, dass in den felsigen Hängen aus Kalkgestein einige Höhlen geradezu geschaffen für Fledermaus-Schlafplätze waren. Außerdem wollten sie den Giebelraum genauer untersuchen. Sie hatten ja vor Wochen Karl markiert, ja das waren diese Männer, und wollten feststellen, ob er sich noch in der Gegend aufhielt. Ein Besuch wurde der Familie B. angekündigt und nach wenigen Tagen fuhr ein Wagen mit einem Laderaum voller Ausrüstung vor.
Zuerst untersuchten die Männer einige kleinere Höhlen im Hang. In einem dieser Verstecke fanden sie eine größere Anzahl von Fledermäusen, die dort den Tag verschliefen, vor.
Ein Flatterer nachdem anderen wurde markiert. Die Tiere wurden dadurch nicht einmal richtig wach, man konnte durchaus von einem gesunden Schlaf sprechen. Wahrscheinlich glaubten sie an einen aufregenden Traum.
Dann ging es an die Untersuchung von Baumhöhlen, von denen es ja auch eine ganze Reihe in der Nähe und auch im Garten gab. Der Baumbestand im nahen Wald war schon ziemlich alt.
Aber gleich bei der ersten Höhlung mussten die Fachleute feststellen, dass hier bestimmt keine Fledermäuse wohnten. Das Eingangsloch war nämlich mehr als zur Hälfte zugemauert, richtig verklebt mit Erde und Lehm. Das konnte nur die Höhle eines Kleibers sein. Die Spechtmeise klebt den Eingang zur Höhle nämlich so zu, dass nur sie selbst bequem aus- und einschlüpfen kann. Der Kleiber beobachtete aus der Nähe, Kopf nach unten auf einem Stamm sitzend, das sonderbare Geschehen bei seiner Wohnung.
Gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wurden die Männer mit ihrer Arbeit fertig, fast fertig wäre richtiger. Die Untersuchung des Giebelraumes hatten sie nämlich noch gar nicht in Angriff genommen. Zu diesem gab es keinen Zugang. So musste zu einem Trick gegriffen werden. Ein Gerät, das blitzschnell ein Netz in die Höhe schießen konnte, wurde vor dem Flugloch aufgestellt. Ein bereits gespanntes Netz hätte die Fledermaus mit ihrem Radar auch bei völliger Dunkelheit erkannt und gemieden.
So warteten die Leute mit dem Daumen auf dem Auslöser der Netzfalle. Aber nichts rührte sich. Herr B. versicherte immer wieder, dass der Raum bewohnt war. Schließlich sah er jeden Abend die Fledermaus an- und abfliegen. Er war sich sogar sicher, dass es sich um Karls Mutter handeln müsste. Dass diese Fu hieß, wusste er allerdings nicht. Warum nur?
War es möglich, dass Fu gewarnt worden war? Von Franz Xaver vielleicht, der die Umtriebe von der Fichte aus beobachtete? Wie auch immer, die Fledermaus ließ sich nicht blicken. Schon wollten die Leute ihre Geräte wieder einpacken, als sich etwas noch Dunkleres als die Umgebung es ohnehin schon war, vom Flugloch wegbewegte. Geistesgegenwärtig drückte der Mann an dem Gerät den Auslöser – und schon zappelte die Fledermaus im Netz. Jetzt ging alles ganz schnell. Vorsichtig wurde Fu aus den Maschen gelöst, mit einer Spezialzange markiert und ehe es Karls Mutter mit der Angst zu tun bekam, war sie auch schon wieder frei.

Karl allerdings wurde bei dieser Aktion nicht gefunden. Wie auch? Er kam gerade mit Egon an die Stelle, wo der Hochwald in Buschwerk überging und das Gelände besonders steil abfiel. Sie näherten sich einem Vogel, der sie unmöglich sehen konnte, weil sie von hinten angeschlichen kamen und der Vogel mit seinem, Pinzettenschnabel gerade einen Regenwurm aus der Erde zog.
Voller Übermut wollten sie das Tier erschrecken. Als sie nur mehr wenige Schritte hinter dem seltsamen Vogel waren, sagte der in aller Ruhe: „Hallo, ihr zwei, warum schleicht ihr euch an, wollt ihr mich erschrecken. Gehört sich das für eine Rötelmaus und eine kriechende Fledermaus?“ Karl und Egon waren verdutzt. Wie konnte der Vogel sie gesehen haben? Sie kamen gar nicht mehr weiter zum Grübeln, denn der Wurmjäger stellte sich auch schon vor: „ Ich bin eine Waldschnepfe und heiße Eusebia, kann nach hinten schauen, nach oben, nach unten, rundherum, bin Professorin für Wurmologie und eigentlich immer gut aufgelegt. Aber wer seid ihr? Humpelnd kriechende Fledermäuse in Begleitung sind ja eher selten, oder?“ Nachdem sich auch Karl und Egon vorgestellt und eine Kurzfassung ihrer Abenteuer abgeliefert hatten, meinte die Schnepfe: „Es sind ja nur mehr wenige Meter, hundert vielleicht, bis zum Haus, aber ich sage immer, eine höchst gefährliche Gegend, höchst gefährlich, ja, ja. Heute zum Beispiel sind die Krähen besonders lästig. Ich würde euch raten, auf die schwarzen Gesellen besonders zu achten“. Sie zog noch einen Wurm aus der Erde, schluckte und flog davon. Tatsächlich war das Gekrächze der Krähen nicht mehr zu überhören. Ganze Schwärme flogen auf einen Baum zu, in dem sich offensichtlich auch ein Nest befand.

Auch Egon wusste allerhand über diese Vögel. Sie fraßen alles, was nur irgendwie genießbar war, also auch Mäuse. Ob sie mit Fledermäusen eine Ausnahme machten? Eigentlich nicht anzunehmen. Karl dachte daran, dass diese Krächzer zu den Singvögeln gehörten und musste laut lachen: „Wenn das Singvögel sind, dann bin ich auch einer!“
Langsam, aber umso heftiger stellte sich bei Egon Hunger ein. Er hatte Glück, denn er fand einen fast ganzen Apfel, den irgendjemand verloren haben musste. So einen schönen Apfel warf man nicht einfach weg. Ein wenig war von der Frucht schon weggeknabbert. Eine Weinbergschnecke, von denen es hier eine ganze Menge gab, raspelte mit ihrer Reibeisenzunge genüsslich ein Loch in den Apfel.

Egon ließ die Schnecke in Ruhe. Er begann einfach auf der anderen Seite zu nagen. Bald war er wieder erfrischt und wieder satt. Auch Karl hatte in der Zwischenzeit einiges an Fressbarem gefunden. Es war ja nicht besonders schwierig auf diesem Platz. Schwierig war es auch nicht, den Himmel zu beobachten, weil Bäume und Büsche nur mehr vereinzelt herumstanden. So bemerkten sie einen Reiher beobachten, der in typischer Haltung vermutlich dem See zusteuerte, von dem sie gekommen waren.

Plötzlich rief Karl: „Egon schau, lauter Krähennester!“ Egon lachte laut, als er auf den Baum schaute. Es waren Misteln, die Karl mit Nestern verwechselt hatte.

Karl lernte, was Schmarotzer waren, dass die Mistel ein Halbschmarotzer war, der seine Wurzeln in die Äste verschiedener Bäume senkte und so weiter und so fort. Egon kamen die Mistelzweige, die da unter dem Baum lagen für eine nähere Erklärung sehr gelegen.

„Gut, sind halt diese Kugeln auf dem Baum keine Krähennester, aber der Vogel ist eine Krähe, das kannst du mir nicht ausreden“, sagte Karl fast beleidigt. „Auch da muss ich dich korrigieren, der Vogel ist eine Drossel und zwar eine schwarze, du wirst doch eine Amsel von einer Krähe unterscheiden können“, tadelte Egon. Er zeigte auf einen anderen Vogel, es wimmelte in der Gegend ja direkt von Vögeln, und sagte: „Das ist eine Verwandte der Amsel, nämlich eine Misteldrossel“. Karl schwirrte der Kopf.

Kaum hatte er sich die Merkmale der Misteldrossel eingeprägt, machte ihn Egon auf eine Grasmücke aufmerksam. „Wenigstens kein Vogel“, dachte Karl und war erstaunt, als Egon doch auf einen Vogel deutete. Es dauerte eine Weile, bis Karl über die verschiedenen Arten von Grasmücken informiert war.

Karl wollte nicht zugeben, dass er sich mit der Mücke etwas blamiert hatte und krabbelte schweigsam neben Egon einher. Der Nachmittag wurde hochsommerlich heiß. Es war still, nur das Gezirpe einer Grille war zu hören. Grillen zählen aus verständlichen Gründen nicht zum Speiseplan von Fledermäusen und so interessierten diese Insekten Karl nicht besonders. Aber er wusste, dass es eine Grille aus dem Garten seines Hauses war, die da ihr Liedchen geigte.
Damit er nicht nur Stimmen aus dem Garten hören konnte, sonder diesen und das Haus auch sehen wollte, hielt er Ausschau nach einem Felsen, einer Pflanze, von wo er zumindest einen Blick auf das Haus werfen konnte. Seine Sehnsucht nach den Menschen wurde so kurz vor dem Ziel immer größer.
Egon warnte davor, sich jetzt noch der Gefahr einer Klettertour auszusetzen. Karl war aber nicht mehr abzuhalten. Schon hatte er einen Baumstumpf gefunden, der leicht zu erklettern war. Egon musste auch mit, ob er wollte oder nicht.
Und wirklich, die Kletterei hatte sich ausgezahlt. Sie sahen das Haus, sahen den Garten und die hohe Fichte kaum dreißig Meter entfernt. Ein leises Schwirren ließ sie nach oben blicken und dann war sie auch schon da, die Krähe.
Die Krähe war da, Karl und Egon aber nicht mehr. Geistesgegenwärtig hatten sie sich einfach den Baumstumpf hinunter rollen lassen. Im Gras waren sie dann nicht mehr zu sehen. Zumindest sah sie die Krähe nicht, die verärgert abstrich. Wo aber war das Freundespaar geblieben? Welcher Trick hatte sie gerettet? Nun, Egon war blitzschnell in ein Loch geflüchtet. Ein gefährliches Unternehmen, man konnte ja nicht wissen, ob sich in dem Gang jemand aufhielt, der gerade nicht gut aufgelegt oder hungrig war.

Karl dagegen kugelte direkt unter eine Distel, die ihn zwar vor der Krähe schützte, ihm aber eine Menge tiefer Kratzer beibrachte.

Lange rührte sich nichts, dann spähte Egon vorsichtig aus seinem Versteck. Die Luft war rein. „Karl, die Rabenkrähe ist weg. Wo steckst denn du?“, rief er, weil er den Freund nirgends sehen konnte.
„Na, was jetzt, Rabe oder Krähe?“, fragte Karl etwas unwirsch zurück. Unwirsch deshalb, weil er von seinem Rücken Blut fließen spürte. „Wie ich schon sagte, Rabenkrähe, das Tier heißt so“, beharrte Egon und Karl gab sich damit zufrieden. Genau genommen, es war ihm egal, ihn störte das Blut auf seinem Rücken. Wie gefährlich diese Verletzung noch werden sollte, konnten sie natürlich noch nicht ahnen. Blut kann nämlich von vielen Beutegreifern über große Entfernungen gerochen werden, es zog sie praktisch magisch an. Bald sollten die Freunde um diese Erfahrung reicher werden.
Wegen Karls Distelerlebnis kamen so noch langsamer voran als vorher. Da begann zu allem Überfluss Egon laut daran zu zweifeln, ob die Menschen überhaupt noch Interesse an Karl zeigen und ihm helfen würden, wieder gesund zu werden. Egon dachte auch den Winter, der ja auch wieder einmal kommen würde. Während er so sinnierte, kam aber auch so etwas wie Stolz in ihm auf, Stolz über seine Leistungen als Lehrer, Pfadfinder und Tröster. Immerhin konnte Karl jetzt die meisten Vögel schon am Flugbild erkennen. Der Unterschied zwischen einer Rauchschwalbe und einem Mauersegler war seinem Schüler im Schlaf geläufig.
Einen Schwarzspecht konnte er aus einer Entfernung von fünfzig Metern erkennen und er würde diesen auch nie mehr mit einer Krähe verwechseln.

Allerdings, Egon konnte sich nicht vorstellen warum, hatte Karl noch immer Schwierigkeiten, eine Amsel von einer Krähe zu unterscheiden. Na, was soll’s, dachte er. Im Großen und Ganzen war er aber höchst zufrieden.
Die Nähe des Hauses verursachte den beiden Herzklopfen. Karl freute sich auf die Menschen, Egon fürchtete, einen Freund zu verlieren. So hingen sie ihren Gedanken nach, als sie gerade dabei waren, den Schutz der Brombeerhecken und Hagebuttensträucher zu verlassen. Auf diesen letzten Metern konnte ja wirklich nichts mehr passieren, so nahe an das Haus kamen die Krähen nicht mehr heran.
Sie hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es kam jemand heran, sehr frech sogar. Ein Wiesel hatte den eindringlichen Geruch von Blut in der Nase. Schlangengleich huschte es über Steine und Wurzeln, zwängte sich unter Ästen durch und war bald hier, bald dort.

Schon hatte es die Fledermaus gerochen und die Maus erspäht. Das Wiesel fasste zuerst den ahnungslosen Egon ins Auge, Mäuse waren ihm eben geläufiger als Fledermäuse, und setzte zum Sprung an. Das musste das Ende des kurzen Lebens der Rötelmaus sein. Das Wiesel war praktisch schon in der Luft, als ein lebender Pfeil auf das kleine Raubtier herunter schoss. Ein Schnabelhieb der Elster Roman raubte ihm die Besinnung. Karl und Egon hatten von dem ganzen Vorgang kaum etwas mitbekommen. Nur das Wiesel, das da wie leblos vor ihnen lag, zeigte ihnen die Gefahr auf, in der sie sich befunden hatten. Roman stupste die beiden vorwärts, hektisch, weil die schwarze Schwanzspitze des Minimarders schon wieder zu zucken begann. Jetzt war nur mehr ein schmaler Weg zu überqueren und schon standen die drei Glücklichen vor dem Gartenhäuschen.
Roman konnte sich noch einmal nützlich machen. Karl bat ihn, so laut zu rufen und zu schreien, bis einer der Menschen nach dem Rechten schaute. Roman rief so laut „schackschackschack“ bis die zwei Mädchen tatsächlich auf das Gezeter aufmerksam wurden. Als sie sich dem Gartenhäuschen näherten, um nachzuschauen, was die Elster so erbost haben konnte, entdeckten sie Karl im Gras. „Schau, eine Fledermaus!“ rief Julia Karima zu, „das wird doch nicht etwa unser Karl sein?“ Da bemerkten sie den weißen Brustlatz und die spitzen Vampirzähnchen und brachen in unbeschreiblichen Jubel aus. Egon fürchtete die Kinder zwar nicht besonders, zog es aber trotzdem vor sich zu verstecken. Mit drei großen Sprüngen war er beim Schuppen und in einem Loch verschwunden. Karl aber wurde behutsam aufgehoben und ins Haus getragen.

Herr B. konnte es nicht fassen. Karl lebte, ein kleines, nein, ein großes Wunder. Mit einem Blick erfasste er, dass der Arm neuerlich gebrochen war oder die Knochen einfach nicht richtig zusammengewachsen waren. So konnte man nicht fliegen, das war klar. Der erste Weg führte zum Telefon, dann wurde Karl in eine Schachtel gesetzt und ab ging es in die Tierklinik. Karl hatte den Eindruck, diese Situation schon einmal erlebt zu haben. Er lag nicht falsch. Der Tierarzt machte Herrn B. aufmerksam, dass die Behandlung erhebliche Kosten verursachen würde. Herr B. war fast beleidigt über diesen leisen Zweifel des Arztes.
In einer Kurznarkose verschlief Karl die anschließende Prozedur. Gott sei Dank, denn der Knochen wurde wieder gebrochen und dann an einer Schiene fixiert. „Jetzt braucht der kleine Kerl“, der Tierarzt sagte Kerl, nicht Karl, „sehr viel Pflege, damit er vor dem Herbst noch fliegen lernt, sonst wird er den nächsten Winter nicht überstehen.
Wieder zu Hause, wurde Karl in seine Fledermauskiste gesetzt und mit Mehlwürmern gefüttert. Anderes, gesünderes Futter musste erst gesucht und gefangen werden.
Schon nach einigen Tagen war Karl wieder voll bei Kräften, allerdings konnte er noch nicht fliegen. Er verbrachte viele Stunden auf der Fensterbank in der Küche und schaute verträumt in den Garten. Ob er seinen Freund Egon jemals wieder sehen würde? Was mochte der Mäuserich machen?
Auch Frau B. wusste, dass Karl jetzt viel Nahrung brauchte, damit er wieder Kraft zum Fliegen hatte. Und nur Karl zuliebe duldete sie die Schüsselchen mit Mehlwürmern, die überall herumstanden. Damit Karl mehr Anreiz zum Flattern bekam, wurde er am Abend ins große Wohnzimmer verfrachtet. Aus der Deckenlampe wurden die Glühbirnen geschraubt. Bald begann Karl mit Flugversuchen und einige Abende später flog er schon geschickt durch, unter und über alle Hindernisse, die im Wohnzimmer im Wege standen. Es gab jetzt nur ein Problem. Karl war gewohnt, seine Nahrung vom Boden aufzunehmen. Konnte er überhaupt noch Insekten im Flug mit seiner Flughaut erwischen? Dem Vorschlag von Herrn B., im Wohnzimmer Mehlwürmer in die Höhe zu werfen, wurde von den Töchtern begeistert zugestimmt, Frau B. widersetzte sich aber energisch, ja, sie drohte gar mit Auszug aus dem Haus. Man einigte sich darauf, einige Nachtschmetterlinge im Zimmer fliegen zu lassen. Dazu musste man nur die Balkontüre einige Minuten geöffnet lassen und schon schwirrten die Motten und Schmetterlinge in den hellen Raum. Das funktionierte. Karl lernte wieder, fliegende Beute zu schnappen.

Der Tag nahte, an dem man Karl wieder in die Freiheit entlassen konnte. Diese Mal wollt man ihn aber zuerst an den Giebelraum gewöhnen. Er würde zwar seine Mutter wahrscheinlich nicht mehr erkennen, doch die Anwesenheit weiterer Fledermäuse würde ihn zum Bleiben veranlassen. So war es dann auch. Herr B. überwand seine Angst vor den Hornissen und stieg mit einer Leiter zu dem Loch in der Bretterwand empor. Vorsichtig schob er Karl hinein. Das war doch nicht möglich, Karl hängte sich tatsächlich sofort zum Tagschlaf an einen Balken. Die Familie war überglücklich.
Was aber war aus Egon geworden? Nun, nachdem er durch das Loch in die Hütte geschlüpft war, sah er sich eingesessenen Bewohnern gegenüber. Der Empfang war alles andere als freundlich. So suchte er sich in einem Winkel ein Plätzchen, wo er ungestört ein Nest errichten konnte. Bald gewöhnte man sich aneinander und die ersten freundschaftlichen Gefühle kamen auf.
Als besonders bewohnenswert hatte sich das Häuschen erwiesen, weil Herr B. es nicht verabsäumte,täglich einige Körnchen, die er vom Rennmausfutter abzweigte, auf den Hüttenboden zu streuen. Besser konnte es sich nicht leben lassen. Dann kam der Abend, an dem Egon und Karl sich wieder trafen.
Karl umschwirrte schon seit einigen Tagen immer wieder das Gartenhäuschen, er wusste ja, dass Egon darin verschwunden war. Und wirklich, Egon wurde auf ihn aufmerksam. Karl wollte sofort übersiedeln, aber Egon warnte ihn. Den Winter verschlief Karl ohnehin und bis dahin, konnten sie sich ja allabendlich treffen. Das taten sie auch. Die Wochen vergingen und der Winter stand vor der Tür.

Im nächsten Frühjahr erwachte Karl wohlbehalten, etwas mager zwar aber kerngesund. Karl und Egon, die dicken Freunde mit den haarsträubenden Abenteuern, konnten sich noch auf schöne Jahre in dieser schönen Welt freuen.
ENDE
Ingo Baumgartner, Puch, 2004
Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at
Gespeichert unter: Sonstige
Das Haus war noch nicht alt, nein, durchaus nicht. Aus unerfindlichen Gründen war aber aus zwei Brettern der Giebelverschalung ein Holzstückchen heraus gebrochen, sodass ein größeres Loch Einlass in den unverbauten Teil des Dachgebälks bot.
Dieser einladende Eingang blieb nicht lange unentdeckt. Ein Siebenschläferpärchen hatte unter diesem Obdach einen paradiesischen Unterschlupf gefunden und zog dort schon zum vierten Mal seine Jungen groß, übrigens zum Missfallen der menschlichen Haubewohner, die über die Kotkügelchen auf dem Balkon gar nicht so erbaut waren. Trotzdem war man den harmlosen Gesellen nicht wirklich böse. Weitaus bedrohlicher aber wirkten die Hornissen, die sich im Gebälk ein riesiges Kugelnest zusammengeklebt hatten. Wie gesagt, sie wirkten bedrohlich, waren aber äußerst friedfertig und stellen weder für die Menschen noch für die Schlafmausfamilie eine ernstliche Gefahr dar.
Unweit des Hauses lag ein Wäldchen mit schon ganz altem Baumbestand. Manche der Fichten oder Buchen waren schon so morsch, dass sie richtige Höhlen in ihren wuchtigen Stämmen aufwiesen. Manche dieser Aushöhlungen hatten Bunt- und Grünspechte eigenschnäbelig gezimmert. Diese Löcher boten hervorragende Verstecke für so manchen Winterschläfer. In einer dieser gemütlichen Kammern hing eine ganze Traube von Fledermäusen.
Jetzt, Anfang April, wurden die Tiere, die den ganzen Winter verträumt hatten, unruhig. Sie begannen zu zittern und zu flattern, man sah förmlich, wie sie sich aufwärmten. Fu, ein stattliches Weibchen hatte es besonders eilig, sich wieder auf Betriebstemperatur zum Fliegen aufzuheizen. Bald schon kroch sie aus dem Loch und flog in die laue Nacht, um sich nach einer Wochenstube für den Nachwuchs umzuschauen, der sich auch heuer wieder einstellen würde. Im Mondenschein umschwirrte sie Bäume und Büsche, bis sie in die Nähe des Hauses mit dem Giebelloch kam.
Vor diesem Haus stand eine alte, mächtige Fichte, deren Geäst sich schon vor langer Zeit eine Waldohreule als Schlaf- und Ruheplatz auserkoren hatte. Die Eule sah die Fledermaus aus der Dunkelheit auftauchen.
Fu war der Waldohreule von ihren eigenen Streifzügen gut bekannt und so rief sie ihr freundlich zu: Einen wunderschönen Abend wünsche ich, Madame Fu! Wohin des Weges? Ist es nicht noch etwas früh für die Jagd? Ich habe noch keinen einzigen Schmetterling und auch keinen Käfer in diesem Jahr gesehen. Schläft doch noch alles“. Das sollte etwas heißen, denn der scharfsichtigen Eule entging auch in der finstersten Finsternis nichts, was so durch die Abendluft schwirrte.
„Möge dein Tisch heute reich gedeckt sein!“, erwiderte Fu den Gruß und setzte fort: „Bevor ich an eine Mahlzeit denken kann, muss ich ohnehin noch etwas viel Wichtigeres erledigen. Dass ich ein Baby erwarte, siehst du mir wohl noch nicht an, oder? Das große Ereignis wird zwar erst Anfang Juli stattfinden, aber man kann sich nicht früh genug um eine Wochenstube umschauen. In wenigen Tagen wird jede Höhle, jedes Loch besetzt sein“. Da musste ihr die Eule allerdings Recht geben.
„Madame Fu“, sagte der Vogel, „ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Aber setzen Sie sich doch auf einen Plausch zu mir!“ Diese Bitte konnte Fu nicht gut ausschlagen. Wie oft war sie von der Eule schon auf besonders heftigen und daher besonders ertragreichen Insektenflug hingewiesen worden. Also landete sie auf dem Ast und hängte sich mit dem Kopf nach unten an einen Zweig, wie es Fledermäuse halt einmal so machen. Die Waldohreule begann gleich mit einer ausführlichen Schilderung des Loches unter dem Giebel, warnte aber gleichzeitig vor den Hornissen und den Siebenschläfern, die sie als Nachtgespenster bezeichnete. Fu musste lachen. Nachtgespenster! Ja, sie kannte diese Poltergeister, aber Angst hatte sie keine vor ihnen. Bei den Hornissen musste man schon etwas auf der Hut sein. Wenn man ihrem Nest nicht allzu nahe kam, waren sie aber durchaus keine unangenehmen Nachbarn. Ja, in gewisser Weise boten sie sogar Schutz.
Nachdem die zwei Freunde der Nacht ihr Gespräch beendet hatten, machte sich Fu sofort auf den Weg zum nahen Haus, schlüpfte durch das Loch in ihre, wie sie hoffte, zukünftige Wohnung und begann, diese bis in jeden Winkel zu untersuchen.
Was sie da sah, ließ ihr Herz höher und schneller schlagen, obwohl die Herzen von Fledermäusen ganz allgemein schon ein gehöriges Tempo vorlegen.
Ein riesiger Raum tat sich auf. Weil es dunkel war, untersuchte Fu jeden Balken, jedes Brett nicht nur mit den Augen sondern auch mit den Ohren. Mit den Ohren? Ja, Fledermäuse sehen auch irgendwie mit den Ohren. So rufen sie beispielsweise einen Ast an und der Ast ruft zurück, wie ein Echo, aber unhörbar. Na, so ähnlich ist es jedenfalls. Dieses Radar funktioniert bestens, so gut, dass sogar ein fliegender Schmetterling oder ein Käfer damit aufgespürt und gefangen werden kann.
Ja, hier konnte man in Ruhe ein Baby aufziehen und gemütlich wohnen, das stellte Fu nach der Besichtigung fest. Es würde nicht zu kalt aber auch nicht zu warm werden, genau richtig eben. Sie musste sich unbedingt bei der Eule bedanken.
Nun war Fu rundum zufrieden, wäre aber nicht so unbesorgt gewesen, wenn sie den bevorstehenden Wetterwechsel geahnt hätte. Fledermäuse müssen sich nach dem langen Winterschlaf schnell mit Brennmaterial versorgen, sie müssen also fressen, denn mit den Reserven unter ihrer Haut schaut es da schlecht aus. Gibt es keine Nahrung, kann das Verhungern und Erfrieren bedeuten.
Schon nach einer Woche kehrte der Winter zurück, mit aller Macht, mit Schnee und Eis. So etwas ist im April keine Seltenheit und auch nicht besonders aufregend, für Fledermäuse aber kann so ein Wetterumsturz lebensbedrohend sein.
Fu schlief zwar nicht wieder ein, doch dämmerte sie einige Tage so dahin, bis die Temperaturen wieder kräftig anstiegen. Schon am ersten etwas wärmeren Abend flatterte sie los. Sie bemerkte dabei, dass ihre neue Wohnung äußerst günstig lag. Das Licht, das durch das breite Wohnzimmerfenster nach außen drang, lockte ganze Schwärme von Insekten an. Der Tisch war also reichlich gedeckt.
Mit Wohlgefallen betrachtete dies die Waldohreule aus dem Fichtengeäst heraus. Sie war der Fledermaus wirklich sehr freundschaftlich zugetan, die zwei Tiere hatten ja auch allerhand gemeinsam, ihre Vorliebe für die Dunkelheit zum Beispiel oder ihre Flugkünste in stockfinsterer Nacht. Ja, so etwas schweißt zusammen.
Nun soll die Eule auch einmal ordentlich vorgestellt werden. Eigentlich handelt es sich ja um einen Eulerich, eine männliche Waldohreule also, die den für seine Zunft eher ungewöhnlichen Namen Franz Xaver trug.
Franz Xaver störte Fu vorerst nicht beim Abendessen. Als er aber annahm, dass sie satt sein musste, rief er sie zu sich. Einer ausgedehnten Tratscherei sollte nichts mehr im Wege stehen. Hauptgesprächsthema war natürlich der plötzliche Wintereinbruch. Fu schilderte aber auch ausgiebig ihre neue Behausung, die sie aus verschiedensten Gründen einer natürlichen Höhle vorzog. Leider konnte Franz Xaver wegen seiner Größe den Unterschlupf nicht besichtigen. Fu war eine gute Erzählerin und so war er in der Lage, sich das Gebälk in allen Einzelheiten vorstellen.
Mit jedem Tag wurde es jetzt etwas wärmer, die Abende waren mild, allerdings waren Nachtfröste noch nicht ganz auszuschließen. Fu war schon wieder so gut genährt, dass ihr ein bisschen hungern nicht geschadet hätte.
So vergingen der Mai und auch der Juni. Man konnte nicht leugnen, dass Fu langsam ihre Form verlor, sie wurde rundlich – und das nicht nur wegen des reichlichen Futterangebotes. Die Geburt eines Fledermauserdenbürgers stand Ende Juni, Anfang Juli knapp bevor.
In den ersten Julitagen war es dann soweit. Ein winziges Etwas hatte das Licht der Welt erblickt. Mhm, das war jetzt ungeschickt ausgedrückt. Neugeborene Fledermäuse sind nämlich stockblind und völlig nackt auch noch dazu. Als wirklich schön hätte das Mäuslein jetzt wohl niemand bezeichnet. Fu musste den Winzling mit ihrer Flughaut umspannen, praktisch einwickeln, sonst wäre er auch im sommerlichen Juli erfroren.
Eines können die Zwerge aber prächtig: Sie zirpen und zwitschern wie ein Vogel um mit der Mami Kontakt aufzunehmen. Fliegt diese am Abend aus, so tut sie es nicht ohne ihr Kind. Ein Fledermausbaby klammert sich fest ans Bauchhaar der Mutter und ab geht es durch die Lüfte.
Unser Kleiner machte es genauso. Kleiner? Endlich muss es gesagt werden, es geht um einen Fledermausbuben. Unser Bub also, bekam von den Ausflügen wenig oder gar nichts mit, aber ein gewisses Gefühl fürs Fliegen wird er dabei wohl schon erworben haben. So ging das sieben Wochen lang dahin. Die nahrhafte Muttermilch ließ den Jüngling schnell heranwachsen. Bald war er vollständig behaart, konnte gut sehen und noch besser hören, nur das Zirpen und Zwitschern funktionierte nicht mehr so richtig.
Fu war in den letzten Wochen sehr nachdenklich geworden. Was war es nur, was ihr an ihrem Kind so eigenartig, ja direkt fremd vorkam? Waren es die großen Augen, die zwei Vampirzähnchen oder der helle Brustlatz? Lauter Merkmale, die so gar nicht zur Art passten. Fu war etwas ratlos.
Das alles störte den Kleinen nicht. Er lernte brav seine Lektionen: Flattern, Insekten mit der Flughaut fangen, lernte sich festzukrallen, ganz so wie die Großen.

Trotzdem, der Bub war noch nicht erwachsen, denn sonst wäre ihm nicht passiert, was ihm da an einem lauen Abend zu später Stunde widerfuhr. Offensichtlich hatte er sein Peilsystem noch nicht so richtig im Griff, jedenfalls stieß er beim Anflug an das Schlupfloch mit dem Kopf so heftig gegen ein Brett, dass er bewusstlos zu Boden, das heißt auf den Balkon herunter, fiel. Erst am Morgen erwachte er mit heftigen Schmerzen in seinem linken Unterarm, ja, ja, auch eine Fledermaus hat Arme. Die Umgebung war ihm unheimlich, es roch auch nicht sehr gut. Wir müssen dazu wissen, dass der Junge in einen Mistkübel mit allerlei Unrat gefallen war. Zum Glück, denn der harte Steinboden hätte ihm leicht zum Verhängnis werden können. Verzweifelt versuchte der Arme aus seinem Gefängnis zu entkommen, aber er kam nicht über den Rand des Kübels hinweg. Wäre auch ein Wunder gewesen mit einem gebrochenen Arm.
Frau B. wollte noch schnell den Balkon kehren, bevor sie zur Arbeit fuhr. Sie griff nach Kübel und Besen, ließ beide aber mit einem Aufschrei wieder fallen, als sie zwei gespenstische Augen aus dem Kübel leuchten sah. Was war denn das? Wie ein winziger Gollum aus dem Herrn der Ringe schaute das Tierchen neben der großen Frau aus, neben diesem Wesen, das so unangenehm und durchdringend schrie. Da musste man sich ja fürchten. Frau B. beruhigte sich erst wieder, als sie das unbekannte Krabbeltier als Fledermaus, noch dazu als Fledermauskind erkannte. Nun vor Fledermäusen fürchtete sie sich nicht. Sie glaubte auch nicht an die Märchen, dass sich die Tiere im langen Menschenhaar verfingen oder gar des Nachts ein bisschen Vampir spielten. Aber irgendwie war ihr doch nicht ganz geheuer. Diese überaus spitzen Zähnchen, besonders die zwei langen, schneeweißen Beißerchen links und rechts ließen sie doch an Draculafilme denken. Bei diesem Gedanken musste sie aber laut auflachen und sie ergriff mit spitzen Fingern das offensichtlich verletzte Tier und hob es aus dem Kübel.
Schnell war eine Schachtel gefunden, in die sie ein altes aber sauberes Geschirrtuch legte. Darauf setzte sie dann vorsichtig das Fledermäuschen. Dann musste Frau B. aus dem Haus. Sie rief zuvor noch ihren Mann, also Herrn B., an. Sie glaubte nämlich, dass sich dieser mit Fledermäusen wenigstens so einigermaßen auskennen würde. Herr B. beruhigte seine Frau und versprach, sich noch am Vormittag um das Tier zu kümmern.
Das tat er dann auch. Vorsichtig öffnete er die Schachtel. Festgekrallt in das Geschirrtuch lag da ein dunkles, zitterndes Etwas.
Der Zufall wollte es, dass die Familie nicht nur tierfreundlich war, sondern auch einige Hausgenossen betreute. Es handelte sich um Gerbile, mongolische Rennmäuse, die die Kinder oft Minikängurus nannten.
Für eine dieser Mäuse, eine säugende Mutter, wurde eine Dose Mehlwürmer bereitgehalten. Mit diesen wollte man sich auch bei der Fledermaus einschmeicheln. Würde das Tier aber überhaupt Futter annehmen? Mit einer Pinzette nahm der Mann einen Wurm auf und hielt ihn ganz nahe an das Mäulchen des verletzten Pfleglings. Zur Freude von Herrn B. kaute das Tier bereits eine Sekunde später genüsslich an dem Würmchen.
Ein deutliches Schmatzen war nicht zu überhören. Verhungern musste der Patient also vorerst nicht.
Als die zwei Mädchen Julia und Karima am Nachmittag von der Schule nach Hause kamen, fanden sie ihren Vater eifrig sägend und hämmernd vor. Verwundert fragten sie ihn nach dem Zweck der eigenartigen Kiste, die er da zusammen nagelte.
„Für die Fledermaus“, sagte er kurz angebunden. „Für was, für welche Fledermaus?“, fragten die Töchter wie aus einem Munde nach. Jetzt, da die Kiste fertig war, nahm sich der Vater Zeit, die Geschichte ausführlich zu erzählen. „Wo ist sie, wo ist sie?“, riefen die Mädchen, wobei sie natürlich die Fledermaus meinten. Sie stürmten ohne eine Antwort abzuwarten ins Wohnzimmer, denn bisher hatten noch alle Haugenossen in diesem gewohnt. Schließlich war es ja ein Wohnzimmer, oder? Ja, dort stand die Schachtel. Auf dem Geschirrtuch bewegte sich ein Häufchen Elend. „Das ist ein Vampir!“, stellt Karima sachlich fest. Julia schloss sich dieser Meinung an, obwohl beide wussten, dass Vampirfledermäuse in Argentinien oder Brasilien herumflatterten, aber sicher nicht hier. Die spitzen, übergroßen Zähnchen jedoch ließen keine andere Meinung zu.
Wie nicht anders zu erwarten, wollten die Mädchen den Kleinen sofort füttern. Aber womit? Der Vater gab zu bedenken, dass Mehlwürmer nur als Notlösung taugten, weil, wie er sagte, diese nichts anderes wären als Chitinhüllen mit nichts drin. Was sie jetzt brauchten, waren Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und von all diesem Gekrabbel und Geflatter mehr als sie wahrscheinlich fangen konnten. Das gab der Vater jedenfalls zu bedenken. „Ich weiß, der Grundumsatz von Fledermäusen ist sehr hoch und entspricht dem der Spitzmäuse“, warf Karima ein und beobachtete aus den Augenwinkeln, ob sie mit dieser Feststellung Eindruck geschunden hatte.
Es war nicht zu leugnen, das stimmte voll und ganz. Während die Mädchen die angrenzende Wiese nach geeigneten Insekten absuchten, fuhr der Vater mit dem Kleinen in die nahe Tierklinik, wo sie schon angemeldet waren.
Der Tierarzt stellte, wie Herr und Frau Baumgartner bereits vermutet hatten, eine Fraktur, also einen Bruch des linken Unterarmes fest. Die Behandlung war keine große Sache. Eine dünne Schiene wurde am Arm fixiert und damit hatte es sich.

Der Tierarzt hatte nur Sorge, ob sich die Familie wirklich zur Pflege des Patienten entschließen konnte. Er machte die Leute darauf aufmerksam, dass die Betreuung zeitraubend und anstrengend und ein Erfolg keinesfalls gesichert sein würde. Die hatten sich aber schon längst entschlossen, den Kleinen wieder aufzupäppeln.
Zu Hause wurde das Tierchen wieder in seine Schachtel gesetzt. Karima fragte, warum man die Fledermaus nicht zu den Gerbilen in den geräumigen Käfig ließe, der sogar mit Ästen ausgestattet war. „Maus ist Maus!“; sagte sie, meinte es aber nicht ganz ernst. So blieb der Knirps vorerst in seiner Schachtel sitzen, über die man zur Vorsicht ein Drahtgitter legte. Das vom Vater gezimmerte Kistchen war erst für später gedacht.
„Jetzt brauchen wir einen Namen für den Flatterich“, bestimmten die Kinder und wetteiferten mit Vorschlägen, die aber wechselseitig verworfen wurden. Viele genannte Namen wie Vampi, Fledi, Zahndi, Mausi, Flatti, Eminem, Fifty Cent und so weiter, führten zu einem heftigen Streit zwischen den Schwestern, der sehr lautstark ausgetragen wurde. „Beruhigt euch endlich“, schimpfte die Mutter, „das Tier heißt Karl, aus, fertig!“ Herr B. schaute wahrscheinlich nicht weniger verdutzt als seine Töchter drein. Karl? Karl für eine Fledermaus? Nun, warum eigentlich nicht? Somit war Karl getauft.
Tage vergingen, Wochen zogen ins Land. Karl wurde größer und größer und wurde schließlich zur erwachsenen Fledermaus. Der Bruch schien verheilt zu sein und so rückte der Tag der Entlassung in die Freiheit immer näher. Die Kinder konnten sich nur schwer mit diesem Gedanken abfinden. Sie waren in diesen Wochen zu ausgesprochenen Fledermausexperten geworden und natürlich hatten sie Karl fest ins Herz geschlossen. Eines blieb ihnen aber ein Rätsel. Welcher Art mochte Karl angehören, er passte zu keiner bekannten Gattung, kein Lehrbuch, das nur einen einigermaßen ähnlichen Kerl abgebildet hatte. Ja, was konnte er denn sein? Eine Mopsfledermaus, ein Abendsegler, eine Hufeisennase oder gar eine Wasserfledermaus? Mit seinem weißen Kehlfleck und seinen Vampirzähnen passte er einfach in keine Kategorie. Na ja, war ja nicht schlimm, war er halt einfach Karl. Und von diesem Karl sollten sie jetzt Abschied nehmen? Konnte er sich in der Natur überhaupt noch durchsetzen nach so langer Zeit in menschlicher Obhut.
Immerhin hatte das Tierchen etwas gelernt, was Artgenossen nicht so ohne weiteres können. Er war in der Lage, Insekten vom Boden aufzunehmen. Ein Kunststück für eine Fledermaus.
An einem Sonntag, es war noch lange vor Einsetzen der Dunkelheit, versammelte sich die Familie in gedrückter Stimmung auf dem Balkon. Alle hofften, Karl würde sich an die Wohnstatt seiner Mutter erinnern und in dieses Nest zurückkehren. Wegen der Hornissen und der Unzugänglichkeit traute sich aber niemand auch nur in die Nähe des Loches. Um den Abschied kurz zu machen, setzte Herr B. Karl auf seine Hand und hielt sie hoch in die Luft.
Vorsichtig tastete Karl sich bis zu den Fingerspitzen vor. Plötzlich wurden seine Ohren unruhig, dann ließ er sich ganz unvermittelt von der Hand fallen und erhob sich im Spiralflug in die Lüfte. Fünf Sekunden später war er nicht mehr zu sehen. Er war über das Hausdach hinweg geflogen, einfach so.
Der Schmerz, der sich beim Abschied von einer Fledermaus einstellt, hält sich bei den meisten Menschen in engen Grenzen. Nicht so bei der Familie B. Sie trauerte wirklich um ihren Pflegling, vor allem, weil allen das weitere Schicksal Karls mehr als ungewiss vorkam. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich bald einmal herausstellen sollte. Ein Trost blieb den Pflegeeltern allerdings. Sollte Karl noch einmal in ihre Nähe kommen, würden sie ihn erkennen. Ein Fachmann hatte ihn vor der Freilassung noch mit einer auffallenden Markierung versehen und außerdem waren da noch der Kehlfleck und die typischen Zähnchen.
Karl steuerte gleich nach seinem Abflug auf den nahen Wald zu. Das Fliegen bei Tageslicht war ihm unangenehm. Ungeübt wie er war, ermüdete er sehr rasch. Er steuerte daher einen Baumstamm an und ließ sich darauf nieder. Wenigstens war es hier im dichten Blattgewirr nicht allzu hell.
Nachdem er wieder Kräfte gesammelt hatte, schaute er sich nach Fressbarem um. Fledermäuse brauchen eine Unmenge an Nahrung, überhaupt wenn sie in Bewegung sind, also fliegen. Zum Glück hatte Karl gelernt, wie man Kerbtiere vom Boden aufnimmt. Ohne diese Kunst wäre er vermutlich schon in den ersten Tagen verhungert. So aber kamen ihm einige Falter, zwei unbehaarte Raupen und eine Menge großer Waldameisen sehr gelegen. Nun konnte es aber auch nicht schaden, sich nach einem Unterschlupf umzusehen, von dem aus er dann später zu Erkundungsflügen starten konnte.
Er kletterte langsam den Stamm hinauf. Seine Daumenkrallen fanden festen Halt in der rissigen Rinde. Da fiel plötzlich ein Schatten auf den Kletterer, der ihn zutiefst erschreckte.

Die vermeintliche Gefahr ging von einem Rehbock aus, einem prächtigen Sechserbock, 1 A, wie ihn ein Jäger genannt hätte. Er streckte seinen Träger, also den Hals, um seinen Windfang – komisch, das ist die Nase – möglichst nahe an Karl heran zu bringen. Fürchten musste sich der Rehbock nicht vor dem dunklen Etwas, und auch Karl merkte, dass es nichts zum Fürchten gab.
„Du hast schöne Augen“, rief Karl hinunter, um mit dem Bock ins Gespräch zu kommen. „Du meinst wohl schöne Lichter?“, besserte ihn der Angesprochene aus und wackelte dabei mit seinen Lauschern, die Karl bestimmt Ohren genannt hätte. Der Bock machte Karl dann noch auf den Eingang zu einer Baumhöhle aufmerksam und entfernte sich dann ebenso lautlos, wie er gekommen war.
Karl staunte nicht schlecht, als er plötzlich laute Piepstöne hörte, nachdem er durch das Loch geschlüpft war. Wo war er da hingeraten? Nun, es sei gleich verraten. Karl befand sich in einer Spechthöhle und die piepsenden Nestlinge verwechselten ihn wohl mit ihrer Mutter, denn sie rissen in Erwartung eines fetten Würmchens oder einer Larve ihre Schnäbel weit auf. Da konnte Karl allerdings nicht helfen. Im Gegenteil, ihm stand der Sinn ebenfalls nach einer zünftigen Mahlzeit. Vorerst hängte er sich aber zu einem Nickerchen an die Höhlendecke.
Lange sollte seine Ruhe nicht dauern. Die Spechtmutter rückte mit Nachschub heran und entdeckte dabei den ungebetenen Eindringling. Ein sanfter Hieb, ein kräftiger hätte ihn wohl getötet, ein ganz sanfter Hieb also war für Karl Aufforderung genug, die Höhle in Windeseile zu verlassen.
Gerade als er seinen linken Arm aus dem Eingang streckte, passierte etwas, was seinen ganzen weiteren Lebensweg bestimmen sollte, man könnte sagen ein Schicksalsschlag. Die Frau Specht wollte ihrem Unmut noch einmal Ausdruck verleihen und zielte mit ihrem Meißelschnabel genau auf jene Stelle, die erst kürzlich einmal zusammengeheilt war. Der Arm begann höllisch zu schmerzen, daher war an ein Fliegen momentan nicht zu denken. Zu den Schmerzen meldete sich auch noch der Hunger und so kletterte Karl unbeholfen den Stamm hinunter. Er hatte Glück. Der Tisch war auf der Wiese reichlich gedeckt.
Nachdem er sich das Bäuchlein voll geschlagen hatte, entschloss er sich, der Fährte des Rehbocks zu folgen. Deutlich waren die Trittsiegel im weichen Boden zu erkennen.
Humpelnd ging er im Zickzackkurs den Tritten nach. Von diesem Rehbock erhoffte er sich Hilfe, zu allen anderen Waldbewohnern hatte er nicht das geringste Vertrauen. Kein Wunder, er kannte auch niemanden. Die Erinnerung an den Specht machte ihn ohnehin misstrauisch.
Immer mehr schmerzte der verletzte Knochen. Karl kam nur langsam vorwärts. Immer länger wurden die Ruhepausen, die er einlegen musste, ob er wollte oder nicht. Dazu kam, dass die Dämmerung hereinbrach. Für eine Fledermaus an und für sich ein Grund zur Freude, nicht so für Karl. Was wusste er schon, wer ihm da am Erdboden begegnen mochte. Er hatte nicht die geringste Ahnung, vor welchen Wesen man sich fürchten musste und vor welchen eben nicht.
Ein Rascheln riss ihn aus seinen Gedanken. Das Laub vor ihm bewegte sich und ein Köpfchen schob sich zögernd unter einem Blatt hervor. Karl war ebenso erstaunt wie die Rötelmaus, die ihn mit Verwunderung betrachtete.
Er wünschte der Maus, höflich wie er war, einen guten Abend. Die Maus grüßte ebenfalls und schloss gleich eine Frage an: „Wer bist denn du? Karl stellte sich vor und löste damit ein albernes Gelächter aus: „Du willst auch eine Maus sein, das kannst du deiner Großmutter erzählen, aber mich brauchst du nicht anzuschwindeln. Eine Maus bin ich, ja, du aber bist wohl eher ein Vogel, und zwar ein ziemlich komischer. Allerdings … “. Karl erklärte, dass man die Betonung unbedingt auf „Fleder“ legen musste, sonst würde tatsächlich ein vollkommen falscher Eindruck entstehen.
Dann erzählte er der Roten seine ganze traurige Geschichte. Die Maus war sehr beeindruckt und beschloss, Karl, wo und wie immer es möglich war, zu helfen. Sie zählte erst einmal eine ganze Reihe von Waldbewohnern auf, vor denen Karl sich zu hüten hätte. Die meisten davon waren der Fledermaus aber vollkommen unbekannt, Wer war der Marder, wie schaute der Fuchs aus, wo mochte er einen Dachs treffen? Karl konnte nicht glauben, dass er sich vor so vielen Tieren in Acht nehmen musste. Er hatte ja keinem von ihnen etwas getan. Warum wollten manche ihn sogar auffressen? Das verstand er nicht. Die Rötelmaus half ihm auf die Sprünge. „Was machst denn du mit den Insekten? Bist du ihnen böse? Nein, aber du frisst sie doch. Verstehst du mich jetzt? Ja, und der Fuchs denkt und handelt genauso wie du. Er hasst dich nicht, aber er frisst dich, wenn er dich auf dem Boden herunten erwischt“. Für eine Maus war das eine ziemlich lange Rede. Karl aber nahm sich vor, sehr, sehr vorsichtig zu sein.
Während die zwei noch immer ins Gespräch vertieft waren, war es stockdunkel geworden. Karls Begleiter war erstaunt, dass Karl jetzt irgendwie erleichtert wirkte. Wie sollte ein Nager auch verstehen, dass eine Fledermaus sich im Dunkeln eher zurechtfand als im hellen Sonnenschein.
Die Maus sah zwar viele aus der Dunkelheit leuchtende Augen, Karl konnte aber auch die dazu gehörenden Gestalten erkennen. Angst hatten beide nicht und so setzten sie gemütlich plaudernd ihren Weg fort. Dabei wurde Karl klar, wie wenig er eigentlich vom Wald, von der Welt, vom Leben wusste. Auf Fragen wie „Bist du eigentlich nachtaktiv?“ oder „Hast du Angst vor den Menschen?“ konnte er keine Antwort geben. Er wollte aber gescheiter werden und fragte seinerseits. So wusste er bald, dass er selbst ein nachtaktives Tier war und die Wesen, die ihn gepflegt hatten, Menschen waren.
Am meisten fürchtete sich die Rötelmaus vor den Eulen, ganz besonders, ist es nicht direkt komisch, vor der Waldohreule. Da denkt man doch gleich an den freundlichen Franz Xaver. Der war zu fürchten? Sie beschrieb den Vogel mit den Federohren so genau, dass Karl ganz deutlich Franz Xaver, den Freund seiner Mutter, vor Augen hatte. „Franz Xaver ist doch nicht zu fürchten!“ beruhigte er die Maus, Die aber sagte nur “Franz Xaver vielleicht nicht, andere Waldohreulen aber sehr wohl!“
Sie hatte kaum ausgesprochen, als Karl ihr eine Warnung zurief, die ihr das Leben retten sollte. Eulen fliegen lautlos, sie tauchen auf, schlagen zu und schon gibt es eine Maus weniger auf dieser Welt. Karl konnte die Eule eigentlich auch nicht mit seinen Augen sehen, aber er „sah“ sie mit seinen Ohren. Die Rötelmaus fand im letzten Augenblick noch Schutz unter einer Wurzel und Karl wurde von dem Vogel nicht einmal beachtet.
Vorsichtshalber blieben sie erst einmal in ihrem Versteck. Aber selbst hier konnte Karl noch allerhand lernen. Ein deutliches Schnüffeln, Schnauben und Grunzen ließ die Maus erstarren. Sie flüsterte Karl zu, sich ja nicht zu bewegen und einfach unter den Blättern verborgen zu bleiben.
Da kam er auch schon heran, zwar auf leisen Sohlen, aber sonst unüberhörbar. Wer? Na, der Igel, der im Falllaub nach Würmern und Schnecken suchte. Igeln wäre aber auch eine Maus ein höchst willkommener Leckerbissen, selbst Kreuzottern finden sich auf seiner Speisekarte. Er fraß unglaublich viel, musste doch auch er, wie es bei den Fledermäusen der Fall ist, für den Winterschlaf genügend Fettreserven sammeln. Karl verstand nun die Ängstlichkeit der Rötelmaus. Die hatte übrigens unwahrscheinliches Glück. Der Igel mit seiner überaus feinen Nase hätte sie ohne Schwierigkeiten aufgespürt, wäre er nicht durch die vielen Zecken abgelenkt worden, die sich in seinem Stachelkleid wieder einmal unangenehm bemerkbar gemacht hatten.
Zecken und Flöhe können einem Igel arg zusetzen, verständlich, er kann sich ja nicht kratzen. So gut seine Stacheln gegen große Plagegeister schützen, so nutzlos, ja hinderlich sind sie gegen kleine. Der Rötelmaus konnte es in diesem Fall nur recht sein.
Wieder hatte Karl etwas gelernt. Die Maus wurde ihm immer sympathischer. So fragte er sie endlich: „Sag einmal, wie heißt du denn eigentlich? „Ich weiß das selbst nicht so genau, die Menschen nennen mich Rötelmaus“, antwortete das Mäuschen verlegen. „Hast du etwas dagegen, wenn ich dich Egon nenne?“, schlug Karl vor, der mit „Rötelmaus“ wirklich nichts anzufangen wusste. Egon war ab jetzt eben Egon.
Es dauerte nicht lange, da raschelte es wieder unter dem Laub. Genau genommen raschelte da immer irgendetwas. Dieses Mal war aber kein Schnauben wie beim Igel zu vernehmen, sondern eher so ein leises Trippeln. Gespannt lauschten die zwei Freunde. Unter dem Blatt kam eine winzige, sehr spitze Schnauze zum Vorschein, eine Rüsselnase, die zitternd die Umgebung prüfte. Karl war erleichtert, als er in dem Tierchen eine Maus erkannte.
Egon korrigierte ihn sofort. „Das ist ebenso wenig eine Maus wie du eine bist. Das ist eine Spitzmaus, eine Base von Igel und Maulwurf. Ihre Zähnchen schauen aus wie deine, na gut, nicht ganz so vampirmäßig, aber doch ähnlich“. Karl wusste nicht, was Egon gegen seine Zähne einzuwenden hatte.
Inzwischen regte sich bei Karl wieder der Hunger, was Egon doch etwas eigenartig fand. Jedenfalls machten sie sich wieder auf den Weg. Auf dem weichen, bemoosten Waldboden kamen sie trotz Karls Behinderung ganz gut voran. Schwieriger war es dort, wo genügend Sonnenlicht einfallen konnte und Gräser und Kräuter üppig wucherten. Egon war sehr geduldig, der Anblick einer auf dem Erdboden kriechenden, eigentlich einer sich dahinschleppenden Fledermaus war nicht nur ein trauriger sondern auch ein beklemmender Anblick. „Weißt du was, du solltest schleunigst wieder flattern lernen“, sagte Egon unvermittelt. „Wie denn, bei diesen Schmerzen?“, antwortete Karl verzagt. Egon riet ihm dennoch zu einem Versuch. Da Fledermäuse schlecht vom Boden wegfliegen können, krochen sie auf einen Baum zu. Karl zog sich dann noch einen Meter den Stamm hoch. Jetzt ließ er sich rücklings fallen, flatterte so gut es ging mit der gesunden und der verletzten Schwinge – und wirklich, er gewann etwas an Höhe, fiel aber dann wegen der Schmerzen wie ein Stein zu Boden und landete auf dem Rücken, Gott sei Dank auf dem kuschelweichen Waldboden.
Egon lachte verstohlen, als er Karl da so auf dem Rücken liegend im Gras zappeln sah. Es schaute auch wirklich zu komisch aus. „Nur nicht aufgeben, jeden Tag üben“!, wollte Egon trösten, aber Karl fand die Sache überhaupt nicht lustig. So sagte er nur kurz angebunden: „Sehr, sehr witzig, Egon“.
Nachdem sich der Bruchpilot wieder aufgerappelt hatte, setzten sie ihre Wanderung fort, eher langsamer als vorher schien es Egon. Langsam brach auch die Morgendämmerung an. Karl liebte, wie wir wissen, die Nacht, aber er glaubte trotzdem, dass sie bei Tageslicht weniger bedroht wären. Egon konnte ihm da gar nicht zustimmen. „Da sieht man wieder einmal, wie unerfahren du bist“, meinte er. „Bei Tag gibt es nicht weniger Gefahren für uns, nur eben andere“. Dann zählte der Begleitschutz eine ganze Reihe von Tieren auf, die ihnen gefährlich werden konnten. Das beruhigte Karl aber ganz und gar nicht. So viele Tiere, die Mäuse und vielleicht auch Fledermäuse zum Fressen gern hatten? Da blieb ja keine Sekunde Zeit, sich einmal nicht zu fürchten oder sich zu entspannen. Egon konnte die Aufregung Karls nur stoppen, indem er sagte: „Na, so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Erstens müssen wir gefunden werden und das ist, wenn wir höllisch aufpassen auch wieder nicht so leicht“. Während sie so dahinredeten, war die Sonne aufgegangen. Es schien ein prächtiger, warmer Tag zu werden.
Als sie sich gerade einer Lichtung näherten, machte Egon Karl auf eine Eule aufmerksam, die sich wohl gerade zur Ruhe begeben wollte. Tagesanbruch ist Schlafenszeit für diese Nachtvögel. Karl wusste das zwar, begann aber trotzdem zu zittern. Aber Egon erinnerte ihn: „Eule bei Nacht, Gefahr für Mäuse, Eulen bei Tag, Witzfiguren!“ Egon musste über seinen Scherz lachen, Karl auch.
Die Lichtung hatten sie erreicht, da flüsterte Egon: „Deckung angebracht, Gefahr aber klein!“ Karl verstand nicht. Weit und breit war nichts zu sehen. Da deutete Egon nach oben. Karl konnte die Umrisse zweier Vögel erkennen, die hoch oben eine Art Kampf untereinander austrugen.
„Eigenartig, die kommen sich sonst nie in die Quere“, murmelte Egon vor sich hin. „Wer kommt sich nie in die Quere?“ fragte Karl verständnislos nach. „Na der Habicht und der Bussard, die dort oben ihre Flugkünste zeigen. Der Habicht ist der mit dem langen Schwanz, der Bussard der mit dem kurzen, runden“, erklärte Egon voller Stolz über sein Wissen. „Stoß“, sagte Karl verbessernd, „Stoß heißt das, nicht Schwanz!“ Jetzt war es Egon, der verdutzt dreinschaute. „Ist es nicht ungemein beruhigend, dass die Vögel so weit weg sind?“, fragte Karl, nachdem sich Egon von seinem Staunen wieder erholt hatte. „Beruhigend ist da gar nichts“, meinte er und holte zu einer eingehenden Belehrung über das Sehvermögen der Falkenvögel aus.
Er schilderte, dass diese Vögel eine Maus aus höchsten Höhen erkennen und ganz genau ins Auge fassen konnten. Karl nahm sich vor, von Zeit zu Zeit auch nach oben zu schauen. So ein Bussard konnte ihn nur allzu leicht mit einer echten Maus verwechseln, und dann gute Nacht. Aber hieß der Vogel nicht Mäusebussard? Keine Rede von Fledermausbussard! Jeder der Freunde hing dann so seinen eigenen Gedanken nach.
Karl starrte plötzlich auf einen Laubhaufen, in dem sich etwas bewegte. Langsam teilten sich die Blätter und ein längliches schwarzes Tier mit leuchtend gelben Flecken schob sich auf kurzen Beinchen aus dem Haufen.
„Keine Angst!“, flüsterte Egon. „Der Bursche ist harmlos, außer du gibst ihm einen Kuss. Seine Haut ist etwas ätzend, aber sonst ist er ein lieber Kerl. Na gut, ein bisschen mürrisch ist er schon“, erklärte er weiter. Der Feuersalamander beachtete die zwei Wanderer gar nicht, begann aber trotzdem zu schimpfen wie ein Rohrspatz: „Ein Sauwetter heute, schon wieder Sonne. Sonne, Sonne, Sonne, da muss man ja trübsinnig werden. Bleibt mir nichts übrig, als mich wieder zu verkriechen bis wieder einmal Schönregenwetter anbricht“. So zeterte der Salamander noch lange dahin. Dann erst wandte er sich der Maus und der Fledermaus zu. „Stellt euch vor, heute wollte mich gar eine Ringelnatter zum Frühstück verspeisen!“, richtete er ungefragt und ohne Gruß das Wort an Karl und Egon. „Na, der habe ich es aber gezeigt! Kaum hatte sie mich geschnappt, spuckte sie mich auch schon wieder aus. Ja weiß denn diese Schlange nicht, dass ich höllisch brenne, besonders im Mund und in den Augen? Nun, diese Erfahrung hat sie jetzt gemacht und ich bin mir sicher, nie in ihrem Leben wird sie wieder nach einem Feuersalamander schnappen, zumindest nicht nach mir“. Der Salamander hatte sich bei seiner Rede ordentlich aufgeregt und winzige Gifttröpfchen glänzten auf seiner nackten Haut. Langsam kam der Lurch wieder zur Ruhe und sie konnten noch über dieses und jenes plaudern, bevor sie sich höflichst verabschiedeten.
„Sag einmal, hier raschelt es doch überall“, sagte Karl, der schon wieder die Ohren spitzte, weil in der Nähe ein Trippeln und Trappeln kleiner Füße zu vernehmen war. „Oh, eine Maus!“, rief er aus, als er ein kleines kugelbäuchiges Ding unter den Büschen dahinhuschen sah. „Von wegen Maus“, lachte Egon, „schau genau!
Tatsächlich, was sich jetzt ganz in Karls Nähe setzte, war kein Nagetier, es war ein winziger und auch witziger Vogel, eine nervöser Kerl, der ununterbrochen zuckte und wippte und zappelte. Man konnte das Federknäuel kaum in Ruhe betrachten. Der Zaunkönig aber war über die kleine Ruhepause erfreut, die er auf seiner Buscherkundung einlegen konnte. Karl wollte gar nicht glauben, dass es ich da um einen ausgewachsenen Vogel handelte. Alle Geflügelten, die er kannte, waren weitaus größer. Egon schmunzelte, wie eine Rötelmaus nur schmunzeln kann. „Da kannst du gleich noch etwas lernen“, sagte er und zeigte mit der Schnauzenspitze auf einen anderen Vogel, der im Geäst einer Tanne leise vor sich hin piepste: „Sisisisisisisia“.

Wieder war es ein Winzling, dieses Mal ein Goldhähnchen, und weil Egon auf Exaktheit bedacht war, wusste Karl bald, dass es ein Sommergoldhähnchen war. Karl war sich jetzt auch sicher, dass es Wintergoldhähnchen geben musste. Egon erklärte ihm, dass er damit vollkommen Recht habe. „Nun werde ich wohl alle Vögel kennen?“, fragte Karl und Egon musste sich darüber sehr, sehr wundern.
Sie hatten beinahe den Waldrand erreicht, die hohen Bäume wurden seltener und der Weg führte durch Gebüsch und Gestrüpp. „Aufgepasst!“, rief Egon und deutete auf eine Spur, die sich im weichen Boden abzeichnete.

„Muss eine große Maus gewesen sein“, stellte Karl fest, doch war ihm eigentlich gar nicht zum Scherzen zumute, drum fügte er gleich an: „Muss ja wirklich ein größeres Tier gewesen sein, zumindest eines mit recht großen Füßen“. „Groß und gefährlich, wenigstens für mich. Bei dir weiß ich das nicht so genau. Vielleicht fressen Füchse aber auch Fledermäuse“, flüsterte Egon und ihm war seine Angst anzumerken. Es war also ein Fuchs, der da seine Spur, seine Fährte hinterlassen hatte. Egon fürchtete sich nicht zu Unrecht. Viele glauben, Reineke würde sich nur von Gänsen und Hühnern ernähren, die er nächtens aus den Ställen holt. Aber seine Hauptnahrung sind nun einmal Mäuse, viele Mäuse, die er geschickt zu fangen versteht. Das wusste auch Egon.
Sie näherten sich einem Haufen aus Felsbrocken und Erde. Aus einem Loch, das offensichtlich der Eingang zu einer Höhle war, schaute ein Kopf und in diesem saßen zwei schräg gestellte Augen, die gar nicht freundlich die Umgebung musterten. Langsam kam der Fuchs aus dem Bau. „Jetzt ja nicht bewegen, sonst hast du keinen Weggefährten mehr!“ wisperte Egon Karl zu. Der Fuchs, eine Fähe, die gerade Welpen aufzog, nahm aber überhaupt keine Notiz von ihnen und streunte den Waldrand entlang ihres Weges.
„Weißt du schon Egon, was du mir da alles zumutest, geht ja auf keine Kuhhaut. Diese Aufregung, diese Gefahren!“, klagte Karl. Der Angesprochene aber sagte: „Ja, das Leben ist gefährlich aber schön, sehr schön sogar. Übrigens, wo hast du den Spruch mit der Kuhhaut her?“ Karl dachte nach und wunderte sich dann selbst über diesen Ausdruck. Nun gut, war ja nicht so wichtig. Er war ja so froh, einen Freund gefunden zu haben, der nichts unversucht ließ, um seinen Schützling anzuspornen, aufzuheitern und zu trösten.
Bald hatten sie freie Sicht, da sie nun auch die Gegend mit dem Buschwerk hinter sich gebracht hatten. Vor ihnen, in einer Senke, lag ein großer Teich, der ihnen entgegenspiegelte. Im sandigen und schlammigen Uferbereich zeichneten sich Unmengen von Spuren ab. Es verstand sich von selbst, dass Egon wieder den Lehrer spielten musste und Karl von einer Spur zur anderen führte.
„Aha, eine Stockente und ein Blässhuhn, einträchtig nebeneinander auf dem Weg zum Wasser“, sagte Emil mit Kennermiene. Karl war etwas misstrauisch, eine Entenspur zu erkennen, das schien ihm möglich, aber die Fußabdrücke eines Blässhuhns? In diesem Augenblick schwammen zwei Wasservögel an ihnen vorbei, eine Stockente und ein Blässhuhn. „Na so etwas“, staunte Karl.
Nach einer Weile wandte sich Egon an seinen Gefährten: „Sag einmal Karl, wir laufen jetzt seit Tagen im Wald und auf der Wiese umher und eigentlich weiß ich gar nicht, wohin du willst?“ Karl wurde plötzlich sehr nachdenklich, kroch dann vorsichtig ins Schilfdickicht, nur so weit, dass er nicht nass wurde aber auch nicht leicht entdeckt werden konnte und deutete Egon, ihm nachzukommen. Egon, ohne den er nicht mehr leben würde, hatte ein Recht, seine Pläne genau zu kennen. Also begann er sein Vorhaben zu erklären: „Ich habe dir ja schon von den Zweibeinern erzählt, die du Menschen nennst. Zu diesen und zu ihrer Höhle möchte ich wieder zurück“. Mit Höhle meinte er den Giebelraum, den sich aber wieder Egon nicht genau vorstellen konnte. Dann setzte er fort: „Dort bin ich geboren, dort lebt meine Mutter, ich kenne die Umgebung schon genau und es gibt Nahrung in Hülle und Fülle. Wenn mich die Menschen finden, werden sie mich sicher wieder gesund pflegen, ja, das werden sie“.
Egon hatte so etwas in der Art schon vermutet und meinte grinsend: „Vielleicht kannst du dir merken, dass man die Höhle der Menschen Haus nennt“. Er wusste nun eines ganz genau, Karl musste wieder fliegen lernen, sonst war der Traum von einer Rückkehr ausgeträumt. Aus, Fledermaus, sozusagen.
Nachdem sich die Bodenkriechfledermaus ein wenig mit der Tierwelt der Teiche und Seen vertraut gemacht hatte (so glaubte wenigstens Karl, weil er vier oder fünf Wasservögel benennen konnte), wollte er wieder einen Flugversuch starten. Er kletterte auf einen kräftigen Schilfstängel, ließ sich in bewährter Art nach hinten fallen – und flatterte auf und davon. Es ging, er konnte fliegen. In engen Kreisen schwirrte er über Egon hinweg, der sich aufrichtig freute. Schon wurde Karl etwas übermütig, schraubte sich in Spiralen empor und schaute auf die Wasserfläche unter sich. Da, plötzlich wieder dieser stechende Schmerz im Arm! Er musste trachten, schnell unter sich wieder Land zu haben. Karl traute seinen eigenen Schwimmkünsten nicht ganz. Aber es war schon zu spät. Ermattet trudelte er nach unten und landete, Glück muss die Fledermaus haben, im Schwimmnest eines Haubentauchers.
Egon schrie ihm aus Leibeskräften vom Ufer aus zu: „Bleib ruhig, rühr dich nicht. Mir wird schon etwas einfallen!“ Wenn eine Maus aus Leibeskräften schrie, war das immer noch nicht sehr laut, wie man sich vorstellen kann und so hoffte Egon, dass er gehört wurde. Er hatte nämlich etwas höchst Verdächtiges entdeckt.
Gut getarnt, durch dunkle Steifen auf den hellen Schuppen beinahe unsichtbar, hatte sich ein Hecht an das Nest herangepirscht, um das Etwas, das da vom Himmel gefallen war, zu begutachten. Hungrig war er immer, der große Räuber und so war ihm auch Beute aus der Luft höchst willkommen. Karl konnte vom Nest aus nur Schilf und flimmernde Streifen erkennen. Woher sollte da Gefahr drohen? Da schoss auch schon ein weit geöffnetes Maul mit drohend spitzen Zähnen auf ihn zu.
Vor Schreck kippte Karl in das Nest zurück. Zu seinem Glück. Was er da gesehen hatte, ließ ihn erschaudern. Zähne in den Kiefern, Zähne auf der Zunge, Zähne am Gaumen, Zähne überall. Das war doch nicht möglich. Doch, bei einem Hecht ist das die natürlichste Sache der Welt.
Nach dem Angriff zog sich der Hecht sofort wieder ins Röhricht zurück. Egon aber hüpfte am Ufer hin und her, denn er traute sich wegen des Hechtes nicht ins Wasser. Sonst schauen Mäuse, die ins Wasser fallen zwar aus wie die sprichwörtlich „getauften Mäuse“, aber sie sind, Respekt, Respekt, sehr gute Schwimmer. Egon wusste, noch war Karl nicht gerettet.
Eine neue, noch größere Gefahr tauchte auf. Ein Graureiher stelzte Schritt für Schritt im seichten Wasser. Den Blick starr auf die Wasseroberfläche – und was sich darunter bewegen mochte – gerichtet, näherte er sich unaufhaltsam dem Haubentauchernest. Reiher sind zwar als Fledermausfeinspitze nicht gerade berühmt, doch so ein kleiner Happen, wie Karl ihn darstellte, mochte ihm dennoch willkommen sein. Schon stieß der lange, spitze Schnabel nach Karl.

Dieser spreizte die Arme und Finger – ja eine Fledermaus hat enorm lange Finger – so weit er nur konnte. Das ließ ihn viel größer erscheinen als er wirklich war. Den Reiher musste das beeindruckt haben, denn mit einer ruckartigen Bewegung des Kopfes warf er den Unglücklichen – oder sehr, sehr Glücklichen – ins lange Ufergras. Egon stürzte herbei und musterte den Freund von oben bis unten. So weit man das sagen konnte, war er unverletzt, doch Karl hatte sein letztes Stündlein schon nahen gesehen.
Nun wollte er nichts wie weg von dieser gefährlichen, feuchten Gegend. „Fürchten kann ich mich auch im Wald, wenn es schon sein muss, hier ist es mir zu abenteuerlich“, raunzte er und begann, sich wieder humpelnd in Bewegung zu setzen. „Der Reiher hat dich sicher für einen fliegenden Fisch gehalten“, scherzte Egon, sein Freund fand das aber gar nicht witzig.
Sie näherten sich wieder dem Wald, der Karl zumindest das Gefühl der Sicherheit bot. Dabei war ihm klar, mit dem Fliegen war es wieder für einige Zeit vorbei. Bevor sie wieder unter das Blätterdach der hohen Bäume eintauchen konnten, mussten sie noch den Streifen des immer höher wachsenden Buschwerks durchqueren.
Hier war besondere Vorsicht geboten, denn diese Zone zwischen hell und dunkel war ein beliebtes Jagdgebiet für viele Fleischesser. Der laute Ruf eines Vogels schreckte sie auf, es hörte sich wie „schack-schack-schack“ an. Karl deutete diesen Schrei als Drohung und hatte damit nicht einmal so Unrecht. Genau genommen war es sowohl Drohung als auch Warnung. Wieder beschwichtigte Egon. Es würde sich nur um Roman, die Elster handeln, einen Freund sozusagen.
Karl war immer wieder erstaunt, wie Egon die Vögel nicht nur nach ihrem Ruf sondern auch nach ihren Flugbildern auf Anhieb richtig benennen konnte.
Die Elster setzte zur Landung an und machte es sich auf einem Ast direkt über ihnen bequem. Das Fledermäuschen fühlte sich gar nicht wohl in dieser Situation.
Karl wusste von Egon, dass Rabenvögel durchaus nichts gegen ein Mäuschen als Mahlzeit einzuwenden hatten. Dass die Elster zu diesen Krähenverwandten zählte, war unverkennbar, auch wenn sie sich mit ihren weißen Federn im schwarzen Anzug doch von den Dohlen, Raben und Krähen unterschied. Warum sollte sich also eine Elster nicht auch an einer Maus, gar einer Fledermaus, vergreifen. Aus welchen Gründen immer Egon diesen Roman als Freund bezeichnete, die Sache kam Karl doch etwas spanisch vor. Aber seine Meinung änderte sich schnell. Was Roman erzählte, war höchst interessant und aufregend. Roman hörte sich Egons genauen Bericht an und sagte dann verwundert: „Da seid ihr ja gar nicht weit weg von Karls Herkunftsort. Das Haus steht ja gleich auf der anderen Seite des Waldes. In zwei Tagen müsstet ihr das auch bei Karls Windhundtempo schaffen“. Roman grinste und berichtete weiter, dass er die Gegend genau kenne, schließlich fliege er fast jeden Tag auf die große Fichte vor dem Haus, kenne Franz Xaver gut und habe sich sogar schon einmal das Loch unter dem Giebel genauer angeschaut. Während Roman das erzählte, begann Karl vor Aufregung zu zittern.
Als Roman gerade von der Fichte sprach, wusste Karl im selben Moment, dass es sich um „sein Haus“ handeln musste. Seine Freude darüber wurde nur durch ein lästiges, bohrendes Hungergefühl getrübt. Und wirklich, er hatte schon längere Zeit nichts mehr gegessen, für eine Fledermaus, wie wir wissen, gar keine ungefährliche Sache. So angestrengt er auch den Boden absuchte, dieses Mal fand er überhaupt nichts, was sich als fressbar herausgestellt hätte. Roman deute auf einen Baumstamm ganz in der Nähe: „Schau, dort drüben sitzt ja ein wahrer Leckerbissen für dich, genug für den ganzen Tag“. Karl machte große Augen, aber er konnte bei bestem Willen nichts entdecken.
Roman deutete noch einmal auf die Rinde des Kiefernstammes, sah aber noch immer nichts – außer rissige Rinde natürlich. Egon rief plötzlich „Spinner!“ Karl war beleidigt, der „Spinner“ galt aber nicht ihm, Egon hatte den Schmetterling auf der Rinde, ein gut getarntes Exemplar aus der Familie der Spinner, entdeckt. Jetzt erst bemerkte Karl den Kiefernspinner, der sich reglos an die Rinde schmiegte und sich von dieser kaum abhob. Hätte er sich bewegt, wäre er natürlich auch Karl sofort aufgefallen. Nun denn, er schmeckte vortrefflich.
Bevor sich Roman verabschiedete, beschrieb er noch einmal ganz genau die Richtung, in die sie zu ziehen hatten. Er versprach, bei Gelegenheit wieder vorbeizuschauen, nur so für den Fall, dass sie wieder vom Weg abkommen würden oder Hilfe brauchen würden.
Karl und Egon setzten ihre Wanderung gut gelaunt fort. Wenigstens hatten sie jetzt einen gewissen Plan. Egon blickte in die Richtung, in der das Haus liegen sollte, betrachtete dann eingehend das Moos auf den Baumstämmen, überlegte kurz und sagte dann: „Merke dir, Nordwest!“ Karl verstand gar nichts. Dann ließ er sich belehren, dass man vom Moosbewuchs der Bäume auf die Himmelsrichtungen schließen konnte. „Aha“, war alles, was er dazu sagte.
Nach drei Stunden Wanderung waren plötzlich keine Bäume und daher auch kein Moos mehr da, das die Richtung anzeigen konnte. Sie hatten sich offensichtlich trotz Mooskompass verlaufen, oder besser verkrochen. Vor ihnen tauchte nämlich wieder der Teich auf, vor dem sie geflüchtet waren. Sie waren im Kreis gewandert. Das bestätigte ihnen auch ein Wasserfrosch, der ihren Abmarsch und ihre Rückkehr mit Verwunderung verfolgt hatte. So sagte er jedenfalls.
Karl konnte sich getäuscht haben, aber ihm kam vor, der Wasserfrosch grinste. Sein ohnehin schon breites Maul schien sich noch mehr zu verbreitern. Was der Frosch dann aber sagte, ließ die zwei Freunde aufatmen: „Nein, nein, ihr seid nicht im Kreis gelaufen, ich habe euch noch nie zuvor gesehen, das hier ist wohl ein anderer Teich, es gibt ja so viele davon hier in der Gegend“. Jetzt wussten sie, dass sie doch auf dem richtigen Weg waren. Egon war froh, dass seine Himmelsrichtungsbestimmung nicht versagt hatte und Karl konnte es nicht erwarten, wieder weiter zu marschieren.
FORTSETZUNG SIEHE TEIL 2
Autor: Ingo Baumgartner
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In den Rubriken „Bücher“ und „Pferde“ haben wir Maren Frank hier schon als Autorin kennen gelernt. Da sie auch als Designerin und Illustratorin arbeitet, widmen wir ihr hier eine Mini-Kunstgalerie. Das ist natürlich nur eine kleine Kostprobe ihres Könnens und Schaffens. Mehr zu sehen gibt es auf ihrer Homepage (siehe unten).
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© Maren Frank
Künstler/in: Maren Frank
mara.frank@gmx.de
http://www.marenfrank-literatur.de/
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Lange Zeit hatte ich es warm. Ich fühlte mich geborgen in der feuchten Dunkelheit. Dann kam der erste Schock. Ich wurde geboren.
Die Zunge meiner Mutter leckte über mein Fell. Starke Hände stellten mich auf die Beine und führten mich an die Milchquelle heran.
Bald schon war ich alleine imstande, die Nahrungsquelle zu finden, und zu saugen, wann immer ich Hunger verspürte.
Alles war neu, aber ich fand es interessant. Helligkeit und Dunkelheit wechselten sich ab. Nachdem es ein paar mal dunkel und hell geworden war, holten mich zwei Zweibeiner. Einer hielt mich fest und der andere machte etwas an meinem Kopf über meinen Ohren. Ich schrie vor Schreck und Schmerz. Sie brachten mich wieder zurück zu meiner Mutter, und bald war alles wieder gut.
Wochen und Monate verbrachte ich in der Nähe meiner Mutter. Dann trennte man mich von ihr, sperrte mich mit Gleichaltrigen in einen Verschlag aus Holz. All mein Schreien half nichts. Man ließ mich nicht mehr zu ihr zurück. Zusammen mit anderen meiner Artgenossen wurde ich eines Tages auf ein seltsames Gefährt verladen. Das ging nicht ohne Probleme ab. Ich hatte Angst. Mit diesem Gefühl stand ich nicht alleine da.
Das Gefährt setzte sich holpernd in Bewegung.
Schließlich hielt es an, und wir wurden über eine Planke wieder auf den Erdboden und gleich durch ein Gatter auf eine Wiese getrieben.
Hier blieb ich viele Tage und Nächte. Es war eine schöne Zeit, wenn auch manchmal etwas zu warm und dann wieder zu nass. Aber hier traf ich meine Mutter wieder und ich hatte Gefährten in meinem Alter. Jeden Abend kam einer der Zweibeiner vorbei und ging dann wieder, ohne uns zu belästigen.
Eines Tages wurde ich und noch ein paar meiner Altersgenossen eingefangen. Zweibeiner legten uns Stricke um unsere Hälse, und wir wurden fortgeführt. Ich wurde vorwärts gezogen und gestoßen. Alles Sträuben half nichts.
Wieder einmal verlud man mich und meine Gefährten auf dieses wackelige Ding. Diesmal dauerte die Fahrt länger.
Schließlich wurden wir ausgeladen und nebeneinander an Ringe gebunden. Ich und meine Kameraden muhten und rollten mit den Augen. Wir waren sehr durcheinander.
Eine laute Stimme übertraf alle anderen Geräusche. Ringsum standen viele Artgenossen, angebunden wie wir. Zweibeiner überall, so viele, wie ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gesehen hatte.
Irgendwann wurde ich losgemacht, und mit Zerren und Schubsen in ein großes, sandiges Viereck gebracht. Dort führte mich der Zweibeiner, der schon bei meiner Geburt dabei gewesen war, im Kreis herum. Diese laute Stimme, die scheppernd von überall her zu kommen schien!
Es verlief wohl nicht so, wie es sollte, denn ich spürte, dass der Zweibeiner unzufrieden war. Er zog mich wieder aus dem Viereck und brachte mich in einen Pferch, in dem schon einige meiner Art herumstanden. Als es dunkel wurde, trieb man uns in einen großen Stall. Wir wurden gefüttert und getränkt. Ich sah nur noch fremde Zweibeiner und fremde Artgenossen.
Am Morgen wurde ich und ein paar der anderen geholt und schon wieder auf ein Gefährt, dieses Mal ein größeres, verfrachtet.
Immer mehr Artgenossen wurden hereingebracht, ganz eng wurde es.
Endlich ging die Fahrt los. Es schien endlos zu dauern. Wir alle wurden immer durstiger. In einer ganz besonders engen Kurve fielen ein paar von uns um, und kamen fast nicht mehr auf die Beine, weil das Fahrzeug rüttelte und schaukelte.
Jetzt kam auch noch der Hunger dazu. Viele von uns fingen an zu brüllen, aber auch wenn das Gefährt stehen blieb, kam niemand um uns herauszuholen.
Es wurde Nacht. Und weiter ging es. Erschöpft und verzagt ließ ich den Kopf hängen.
Draußen, vor den kleinen vergitterten Öffnungen, erwachte ein neuer Tag. Wie lange würde das noch so weitergehen?
Irgendwann schließlich hielt der Transporter wieder an. Die Türen gingen auf, und wir wurden über eine Rampe und weiter in einen Pferch geführt. Hier gab es Futter und Wasser!
Nachdem ich satt war und auch meinen Durst gestillt hatte, machte ich einen kleinen Erkundungsgang. Ganz in der Nähe stand ein großes Haus. Es verströmte einen eigenartigen Geruch.
Abermals wurde es Nacht.
Der neue Tag ist da.
Ein Gefährte nach dem anderen wird aus dem Pferch geholt. Beunruhigung. In mir. Um mich. Was geschieht in dem Haus, in das sie alle der Reihe nach gebracht werden?
Jetzt kommt ein Zweibeiner auf mich zu. Wieder dieser Geruch! Stärker diesmal, viel stärker. Ich versuche auszuweichen, Furcht packt mich. Aber es gibt kein Entkommen. Der Zweibeiner zerrt an meinem Strick. Weil ich mich gar so arg wehre, kommt noch ein zweiter dazu. Er schlägt mit einem Stock auf mein Hinterteil und verdreht mir den Schwanz.
Der Schmerz treibt mich vorwärts, auf das offenstehende Tor, aus dem seltsame Geräusche dringen, zu. Widerlicher Geruch schlägt mir entgegen. Ich stemme meine Vorderbeine in den Boden. Doch das ist nur eine kleine Verzögerung. Wie meine Artgenossen, und andere Vierbeiner, vor mir, werde ich über die Schwelle gezerrt.
© Silvia Flür-Vonstadl 2005
Autor: Silvia Flür-Vonstadl
masima@gfluer.at
http://www. gfluer.at
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8. Kapitel
Ein tückischer Freind
Den Winter überlebt hatten also zwei Goldfische. Sie waren, wie uns schien, nicht nur munter, sondern auch gewachsen. Und als sie wieder Futter annahmen, machten sie uns glücklich. Zwar hielten wir für nötig, irgendwann den Bestand aufzufrischen, aber zunächst gaben wir uns mit dem zufrieden, was wir über den Winter gerettet hatten. Zumal die Moderlieschen im Frosch-Pool tapfer ausgehalten hatten.
Eines Tages, es war noch im Frühjahr, bemerkte meine Frau an einem der Goldfische hinter der Rückenflosse einen gelben Punkt. Ich war mir nicht ganz gewiss. Obwohl man jeden Tag auf die Biester schaut, gerät man in Unsicherheit, ob sie irgendein kleines Merkmal, das man eines Tages entdeckt, schon immer mit sich herumgetragen haben. In diesem Falle also war ich mir einfach nicht sicher, ob dieser kleine Makel zwar da gewesen war, wir ihn aber einfach nicht als etwas Wichtiges registriert hatten.
Nun prüften wir jeden Tag den gelben Fleck. Und wehe, uns schien, er wurde größer. War das normal? Oder eine Krankheit? Das Studium einschlägiger Bücher ist nicht immer sehr hilfreich. Denn was da beschrieben steht, ist natürlich so ganz exakt am im Wasser schwimmenden Fisch nicht auszumachen. Und den Fisch etwa zur Diagnose herauszufangen, ist schon fast eine komplette Katastrophe.
Zunächst hatten wir tatsächlich diese hirnrissige Idee. Vielleicht waren wir, weil unerfahren, keine geschickten Angler, das will ich gern einräumen. Aber ein Angler, der Beute machen will, geht ja auch anders vor. Ihn kratzt es nicht, wenn er den Fisch verletzt. Wir hingegen mussten versuchen, ihn möglichst unlädiert herauszubekommen.
Was wir erlebten, hat sich später immer wiederholt. Hat man nämlich erst einmal das Zutrauen der Fische verspielt, wird es fast aussichtslos, einen zu erwischen. Wenn man nicht beim allerersten Versuch, ihn mit einem Netz einzufangen, Glück hat, ist die Sache erst einmal gelaufen. Der Fisch geht auf Tauchstation, und das meist auf lange Zeit. Fast könnte man sagen, die Fische sind nachtragend.
Wir gaben es auf, ihn herauszuholen und aus der Nähe zu betrachten. Das heißt, wir sahen aus der Entfernung, dass der gelbe Fleck schließlich wie Perle hinter der Rückenflosse saß. Auch ich hatte keine Zweifel mehr. Das schien tatsächlich eine sogenannte Karpfenlaus zu sein.
Ein Fischhändler, den wir konsultierten, riet uns, den Fisch herauszufangen und den Schmarotzer an der Flosse mit einer Pinzette abzuzupfen oder mit Fingernägeln abzukneifen. Dabei sollten wir aber den Fisch nicht zu stramm anfassen. Wie das? Wir waren dem Fall nicht gewachsen und entschieden, es mit im Handel erhältlicher Medizin zu versuchen.
Es gibt ja allerlei tolle Mittel. Jedenfalls steht das auf den Flaschen geschrieben, in denen sich die Tinkturen befinden, die den Fischen angeblich spielend Heilung bringen. Kleingedruckt ist dann allerdings meist zu lesen, was beim Menschen so schön Risiken und Nebenwirkungen heißt. In diesem Falle sollte man bei Verabreichung für genügend Sauerstoff im Wasser sorgen.
Nun gut, das ließ sich regeln. Wir hatten ohnehin die Absicht gehabt, solch kleine Sauerstoff-Pumpe für den Gartenteich zu kaufen. Bis jetzt hatten wir nur mit frischem Wasser nachgeholfen oder mal Sauerstoff-Tabletten hineingeworfen. Vielleicht war überhaupt fehlender Sauerstoff die Ursache für den Ausbruch der Krankheit, beziehungsweise für den Befall mit Parasiten.
Ein, zwei Tage belüfteten wir den Teich, und wir hatten den Eindruck, dass die beiden Goldfische dankbar dafür waren. Sie schwammen irgendwie munterer im Wasser. Das schien uns günstige Voraussetzung, mit der Kur zu beginnen. Zwar würde auch der gesunde Fisch einbezogen werden, aber für den würde das so etwas wie Prophylaxe sein. Also dosierte ich, so gut ich konnte, und gab eine Brise von der Tunke ins Wasser. Der Teich färbte sich ziemlich blau, und wir harrten der Dinge, die da kommen würden.
Am nächsten und am dritten Tag musste die Prozedur wiederholt werden. Irgendwie schien das Wasser immer blauer zu werden. Noch einmal rechnete ich durch, ob ich mich vielleicht in der Menge vergriffen hatte. Aber das konnte nicht der Fall gewesen sein. Im Gegenteil, eigentlich hatte ich optimal dosiert. Was nun freilich hieß, dass wir besonders erwartungsvoll der Heilung unseres Fisches entgegenbangten.
Nach zwei, drei Tagen hatte das Teichwasser wieder seine ursprüngliche Färbung. Und der Parasit auf dem Fisch prangte quittegelb wie zuvor! Er hatte ganz offenbar nichts übelgenommen. Im Gegenteil, er schien sich wohl zu fühlen. Als sich auch nach einer Woche keine Veränderung abzeichnete, waren wir geneigt, unsere Aktion als gescheitert anzusehen.
Weil der Fisch sich nach wie vor munter bewegte, also wahrscheinlich nicht litt, schlug ich vor, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Dem Vorschlag wurde in der Familie zugestimmt, da uns schien, dass der kleine gelbe Fleck, der wie eine Perle aussah, etwas kleiner geworden war. Hatte die Kur vielleicht doch gewirkt? Schließlich war sie nicht eben billig gewesen.
Die Freude währte nicht lange. Unverkennbar: Der Parasit hatte sich erholt. Etwa ein Monat mochte vergangen sein. Nun war guter Rat teuer. Noch einmal die ganze Prozedur? Vielleicht ein anderes Mittel? Wir entschieden für das schon einmal eingesetzte. Doch diesmal nahmen wir uns vor, dem gesunden Fisch die Tortur zu ersparen. Das hieß, den befallenen Fisch herauszufangen, also die zu erwartende Demütigung tapfer durchzustehen.
Allerdings verschafften wir uns eine etwas bessere Ausgangsposition, indem wir etliche Eimer Wasser abschöpften. Damit war der Spiel- und also Fluchtraum für den Fisch etwas, freilich wirklich nur etwas geschmälert. Auch glaubten wir, raffiniert vorzugehen, wenn wir den Fisch erst einmal mit Futter köderten. Außerdem hatten wir „an Land“ eine Waschschüssel mit Teichwasser und dem Heilmittel vorbereitet.
Ich weiß heute nicht mehr genau, wie viele Versuche wir unternommen haben. Am ersten Tag klappte es nicht, am zweiten Tag klappte es auch nicht. Der Fisch verschwand stets in die Tiefe. Insgeheim regte sich schon die Empfindung, wir seien möglicherweise total fehl am Platze in Sachen Fischhaltung. Aber vielleicht lag es nur daran, dass wir zu zaghaft waren, weil wir fürchteten, den Fisch zu verletzen.
Als ich mich erinnerte, wie fast brutal ein Händler für einen seiner Kunden einen großen Fisch aus einem kantigen Steinbassin herausgefangen hatte, entschloss ich mich, weniger zimperlich vorzugehen. Auch auf die Gefahr hin, dem Fisch weh zu tun. Die Nerven lagen sozusagen blank.
Endlich klappte es. Der Fisch zappelte im Netz. Jetzt wäre Gelegenheit gewesen, den Parasiten zu suchen und irgendwie zu zerquetschen. Aber das wäre eine zu ungewöhnliche Aktion für uns gewesen. Jede Verzögerung, die entstanden wäre, hätte bedeutet, den Fisch weiterhin außerhalb des Wassers zu haben. Wie lange würde er das aushalten? Und würde er nicht vielleicht sowieso Schaden nehmen? Wir waren fürchterlich aufgeregt. Das Risiko schien uns zu groß. So kam der Kranke denn schwupp in die zum dritten oder gar vierten Male vorbereitete Schüssel.
Unsere Aufregung muss nachhaltig gewesen sein, vielleicht war es auch die Genugtuung, den Fisch endlich gefangen zu haben – jedenfalls vergaßen wir erst einmal alle Vorsicht. Wir stellten die Schüssel, vor der Sonne geschützt, auf die kleine Terrasse vor unserer Laube, beobachteten den Fisch noch ein Weilchen und überließen ihn dann seinem Schicksal.
Eine Stunde mochte vergangen sein, als meine Frau plötzlich rief: “Die Katzen!” Schon stürzten wir hinaus. Wir hatten den Fisch völlig schutzlos zurückgelassen. Doch Entwarnung: Er war noch in seiner Schüssel.
Aber neue Ungemach! Er schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen. Plötzlich und unerwartet nämlich, als wir noch zufrieden schauten, legte er sich kurz auf die Seite, richtete sich aber wieder auf. Kaum hatten wir uns von unserer Verblüffung erholt, kippte er schon wieder zur Seite. Das sah nicht gut aus und wiederholte sich. Was war da los? Wir waren mit unserem Latein am Ende.
Vorsorglich trugen wir die Schüssel erst einmal in die Laube, um den Fisch wenigstens vor Katzen zu schützen. Auch las ich die Dosierungs-Anleitung noch einmal genau. Da konnte eigentlich kein Fehler passiert sein. Obwohl es bei einer Schüssel fast grotesk war, legten wir den kleinen blauen Ball der Sauerstoff-Pumpe hinein und setzten die Apparatur in Gang. Mehr ließ sich nicht tun.
Eine Visite vor Einbruch der Nacht ließ nichts Gutes ahnen. Der Fisch lag mehr quer, als dass er aufrecht schwamm. Ratlos standen wir davor. Wir gaben ihm Futter, aber dafür hatte er schon keinen Sinn mehr. Wirklich elend kurvte er in seiner Schüssel herum. Hastig wechselten wir die Hälfte des Wassers aus, da wir plötzlich den Eindruck hatten, dass ihn die Medizin dahinraffte. Dann verließen wir geradezu fluchtartig den Tatort.
Am nächsten Morgen lag der Fisch quer im Wasser und zeigte uns seine volle goldene Schönheit. Er war tot.
Hier ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende! Auf Homepage des Autors gibt es noch eine Reihe weiterer spannender „Katastrophen im Gartenteich“
Autor: Richard Spiegelhauer
Arg.ebert@web.de
http://www.tiere-im-garten.de















































































