Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.
Ich schieße keine Möwe tot,
ich laß sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.
O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.
Foto: © SueSchi (Susanne Schmich) http://www.pixelio.de
Autor: Christian Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Meran)
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I
Im Beginn schuf Gott die Sonne,
Dann die nächtlichen Gestirne;
Hierauf schuf er auch die Ochsen,
Aus dem Schweiße seiner Stirne.
Später schuf er wilde Bestien,
Löwen mit den grimmen Tatzen;
Nach des Löwen Ebenbilde
Schuf er hübsche kleine Katzen.
Zur Bevölkerung der Wildnis
Ward hernach der Mensch erschaffen;
Nach des Menschen holdem Bildnis
Schuf er intressante Affen.
Satan sah dem zu und lachte:
»Ei, der Herr kopiert sich selber!
Nach dem Bilde seiner Ochsen
Macht er noch am Ende Kälber!«
II
Und der Gott sprach zu dem Teufel:
»Ich, der Herr, kopier mich selber,
Nach der Sonne mach ich Sterne,
Nach den Ochsen mach ich Kälber,
Nach den Löwen mit den Tatzen
Mach ich kleine liebe Katzen,
Nach den Menschen mach ich Affen;
Aber du kannst gar nichts schaffen.«
III
»Ich hab mir zu Ruhm und Preis erschaffen
Die Menschen, Löwen, Ochsen, Sonne;
Doch Sterne, Kälber, Katzen, Affen
Erschuf ich zu meiner eigenen Wonne.«
IV
»Kaum hab ich die Welt zu schaffen begonnen,
In einer Woche war’s abgetan.
Doch hatt ich vorher tief ausgesonnen
Jahrtausendlang den Schöpfungsplan.
Das Schaffen selbst ist eitel Bewegung,
Das stümpert sich leicht in kurzer Frist;
Jedoch der Plan, die Überlegung,
Das zeigt erst, wer ein Künstler ist.
Ich hab allein dreihundert Jahre
Tagtäglich drüber nachgedacht,
Wie man am besten Doctores juris
Und gar die kleinen Flöhe macht.«
V
Sprach der Herr am sechsten Tage:
»Hab am Ende nun vollbracht
Diese große, schöne Schöpfung,
Und hab alles gut gemacht.
Wie die Sonne rosengoldig
In dem Meere widerstrahlt!
Wie die Bäume grün und glänzend!
Ist nicht alles wie gemalt?
Sind nicht weiß wie Alabaster
Dort die Lämmchen auf der Flur?
Ist sie nicht so schön vollendet
Und natürlich, die Natur?
Erd’ und Himmel sind erfüllet
Ganz von meiner Herrlichkeit,
Und der Mensch, er wird mich loben
Bis in alle Ewigkeit!«
VI
»Der Stoff, das Material des Gedichts,
Das saugt sich nicht aus dem Finger;
Kein Gott erschafft die Welt aus nichts,
Sowenig wie irdische Singer.
Aus vorgefundenem Urweltsdreck
Erschuf ich die Männerleiber,
Und aus dem Männerrippenspeck
Erschuf ich die schönen Weiber.
Den Himmel erschuf ich aus der Erd’
Und Engel aus Weiberentfaltung;
Der Stoff gewinnt erst seinen Wert
Durch künstlerische Gestaltung.«
VII
»Warum ich eigentlich erschuf
Die Welt, ich will es gern bekennen:
Ich fühlte in der Seele brennen
Wie Flammenwahnsinn, den Beruf.
Krankheit ist wohl der letzte Grund
Des ganzen Schöpferdrangs gewesen;
Erschaffend konnte ich genesen,
Erschaffend wurde ich gesund.«
Foto: Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
Autor: Heinrich Heine
(* 1797, † 1856)
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Ein Jäger ritt zum Buchenwald,
Die Morgensonne schien,
Ihm über’m Haupte wölbten sich
Die Blätter goldig-grün.
Und als er kam mit freud’gem Mut
An den heimlich stillen See,
Da sprang aus dunkelgrüner Flut
Ein wunderschlankes Reh!
Der Ritter warf den Speer von sich:
»Wer täte Dir ein Weh?!
Wohl aber fangen möcht’ ich Dich,
Du dunkeläugig Reh!«
Durchs Dickicht brach sein Roß mit Macht,
Voran das schöne Tier,
Er ritt bis an der Waldesnacht
Verborgenstes Revier.
Im Eichenringe war ein Plan,
Tiefgrün, wie ein Smaragd,
Die Zügel zog der Ritter an
Von freud’gem Schreck gepackt.
Verschwunden war das scheue Reh,
Wohl über Stein und Stock,
Und vor ihm stand die Waldesfee
Mit flutendem Gelock.
In tiefen Augen zitterte
Ein Meer von Lust und Weh,
Die lange Wimper schattete,
Wie Zweige über’m See.S
ie schwebte leicht und zauberisch,
Wie Wind auf Wellen tanzt;
»Ich bin das Reh, nun schieße frisch,
Und triff mich, wenn Du kannst!«
Es ist ein altes Märchenlied,
Das hat gar düst’ren Schluß:
Daß, wer dem Reh ins Auge sieht,
Verzaubert sterben muß.
Der Ritter lag so totenbleich
Und ist nie mehr erwacht, –
Ich aber rate: Nehmet Euch
Vor jedem Reh in Acht!
Foto: © Holger Bär (Visual-Dreams) / http://www.pixelio.de
Autor: Moritz Graf von Strachwitz (* 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien)
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O allerliebstes Eichhorn!
Schon lang steh’ ich vor deinem,
Dir unbequemen Käfig,
Und kann nicht satt mich sehen
An deinen raschen, holden
Bewegungen und Spielen.
Ich möchte gern dich streicheln,
Doch fürcht’ ich deine Zähne,
So scharf, so fein, wie Nadeln.
Nicht ich fürwahr, o Eichhorn,
Hab’ dich in dies Gefängniß
Gesperrt; ich säh’ viel lieber
Dich auf den hohen Gipfeln
Der nahen Bäume hüpfen
Mit Vögeln in die Wette.
Ich möchte gern dein Nest sehn
Mit seinen bald geschloßnen,
Bald offnen Thüren, daß ja
Kein rauher Wind die zarten,
Noch unbedeckten Kinder
Mit kaltem Hauch berühre.
O glücklich Thier! Bewohner
Von zweien Elementen!
Die Erde beut zur Nahrung
Auf niedrigen Gesträuchen
Die Fülle dir der Früchte
Und klaren Thau auf Blättern;
Und deine Freuden findest
Du auf der Eiche Gipfel
Im hohen Reich der Lüfte.
Foto: © cossac (Dieter Haugk) / http://www.pixelio.de
Autor: Elisabeth Kulmann
(* 1808, † 1825)
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Heißa, wer tanzt mit mir?
Lustig und munter!
Kopfüber, kopfunter
Mit Manier!
Immerfort
Von Ort zu Ort,
Jetzo hier,
Jetzo dort! Hopp!
Ohne Ruh, ohne Rast,
Vom Zweig auf den Ast,
Vom Ast auf den Wipfel hoch in die Luft,
Im Blättersäusel und Blütenduft!
Immerzu
Ohne Rast, ohne Ruh!
Heut ist Kirms und heut ist Ball!
Spielet, Drossel, Nachtigall,
Stieglitz, Amsel, Fink und Specht,
Pfeift und geigt und macht es recht!
Ich bin ein Mann,
Der tanzen kann.
Hänschen Eichhorn heiß‘ ich,
Was ich gelernt hab‘, weiß ich.
Kommt der Jäger in Wald hinein,
Will mir kein Vogel singen;
Hänschenläßt das Tanzen sein,
Tanzen, Hüpfen und Springen;
Hänschen schlüpft hinein zum Haus,
Hänschen schaut zum Haus heraus,
Hänschen lacht den Jäger aus
Foto: © ubaum (udo baumgärtner) / http://www.pixelio.de
Autor: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(* 1798, † 1874)
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Mietegäste vier im Haus
hat die alte Buche:
Tief im Keller wohnt die Maus,
nagt am Hungertuche.
Stolz auf seinen roten Rock
und gesparten Samen,
sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.
Weiter oben hat der Specht
seine Werkstatt liegen,
hackt und hämmert kunstgerecht,
dass die Späne fliegen.
Auf dem Wipfel im Geäst
pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.
Foto: © supremeDK1 (Daniel Korte) / http://www.pixelio.de
Autor: Rudolf Baumbach (1840-1905)
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Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?
Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?
An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Daß sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!
So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund
Und macht die Bäum erbeben,
Daß sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!
Foto: © Edith Nebel
Autor: Hugo von Hofmannsthal, (* 1. Februar 1874 in Wien; † 15. Juli 1929 in Rodaun bei Wien)
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Heiteres Leuchten im braunen Gesicht,
Wählig der Himmel hinrollendes Licht
Prächtige Bläue so unten, so oben
Singender Jubel, freudiges Toben.
Greifende Arme ins tolle Gemisch
Kinder mit Flossen, zappelnder Fisch
Fassen und fliehen, krähen und haschen,
Taumeln und tauchen, spritzen und waschen.
Siehe der Väter verwunderlich Treiben
Wissen vor Freude nirgends zu bleiben
Greifende Arme ins tolle Gemisch
Fassen die Kinder, fassen den Fisch.
Schauen ihr lachendes Weltwunder an
Ja, so ein Vater, das ist euch ein Mann.
In seinem Kinde ist nochmal sein Leben,
Kann sich nun selber ja schwingen und heben.
Wie eine Sonne die selber sich scheint
Einmal rosig, das andere gebräunt
Wirft an das Licht sein fliegendes Wunder,
Das an der Brust hält glattzackigen Flunder.
Auf grünem Gestein rotflossige Hand
Goldüberrollt ins verschwimmende Land
Schauen zwei Augen,
Sterne stiller Freude
Ins verschwindende Weite.
Lustige Väter, junge berauscht
Schleudern mit Flossen ausspannender Hand
Schuppenumglitzerte Kinder krähend ans Land –
Mutter lauscht.
So ist es, daß die Erden
Von allem Wachsen schöner werden.
Foto: © gd (Kurt Michel)/ http://www.pixelio.de
Autor: Peter Hille
(*11.9.1854 in Erwitzen/Kreis Höxter; † 7.5.1904 in Berlin-Großlichterfelde)
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Was liegt im Gras?
Ein Sternlein.
Wie leuchtet das,
Gibt grünen Schein.
Am Himmel blau,
Da war es gold.
Auf grüne Au
Ists hingerollt.
Das Leuchten blieb,
Nun ward es grün,
Der Erd zulieb
Will Sternlein blühn.
Foto: © saguarofan (s.kunka)/ http://www.pixelio.de
Autor: Peter Hille
(*11.9.1854 in Erwitzen/Kreis Höxter; † 7.5.1904 in Berlin-Großlichterfelde)
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Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: dass (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis -
mit einer silberweißen Mähne.
Foto: © Schwimmerin (Karin Passmann) / http://www.pixelio.de
Autor: Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Meran)
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