Weltgrösste Tiergeschichtensammlung


Eine Million Giraffen …
1, 2 Juli, 2009, 2:27
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Giraffen

Eine Million handgezeichnete, gemalte oder gebastelte Bilder von Giraffen möchte der Norweger Ola bis 2011 auf seiner Website gesammelt haben. Warum? Weil sein Kumpel Jorgen gesagt hat, dass das nicht geht. Das ist natürlich ein Grund …

7.250 Giraffenbilder hat er schon, Stand heute. Fehlen also nur noch 992.750 weitere. Wer Lust hat, Ola ein Giraffenbild zu schicken, kann es auf seiner Website hochladen: http://www.olahelland.net/giraffes/

Dort kann man auch die Galerie der bisher eingereichten Kunstwerke betrachten. Wie man sieht, muss das Bild nicht sensationell künstlerisch wertvoll sein. Hauptsache, man kann die Giraffe als solche erkennen.

Ich wünsche Ola viel Erfolg für seine tierische Wette und werde ihm, sobald ich Zeit finde, auch ein Viech zeichnen.

Autor: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com

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Der Eckenschieter
1, 9 April, 2008, 8:05
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Eines Tages stand Onkel Jupp in der Tür unserer Bahnhofswirtschaft, auf dem Rücken seinen Seesack und in der Hand eine große Reisetasche. Onkel Jupp, dessen Nachname so kompliziert war, dass wir ihn kaum aussprechen konnten, fuhr als Maschinen-Ingenieur auf einem Frachter rund um die Welt und war gerade mal wieder von einer Reise zurück gekommen. Mittelmeer, Suez-Kanal, Arabischer und Persischer Golf und dann Indien. Häfen wie Dubai, Basra, Khorramschar, Bombay, Onkel Jupp konnte stundenlang über sie erzählen.

„Und im Hafen von Bombay, Kinners, ick konnt dscho gor nich anners, da hab ich mir ein kleines Mitbringsel gekauft, das zeich ich euch ma!“

Er griff zu seiner Reisetasche, stellte sie vorsichtig vor sich auf den Tisch und schaute bedeutungsvoll in die Runde. Erst, als er sicher war, dass alle umstehenden und am Tisch sitzenden mit voller Aufmerksamkeit und aller Neugier auf ihn starrten, öffnete er den Reißverschluss der Tasche ein ganz klein wenig. Heraus kam ein Schwanz, braun behaart, zum Ende hin spitz zulaufend.

„Oh! Ein Affe“, vermuteten die armen Daheimgebliebenen in ihrer ganzen Unwissenheit, und Onkel Jupp griff nach dem buschigen Schwanz und zog ihn ein wenig in die Höhe.
„Sieht so der Schwanz eines Affen aus?“, fragte er und schaute strafend in die Runde. Dann ließ er die Flaschenbürste los, die blitzartig wieder in der Tasche verschwand und im nächsten Moment tauchte aus der Öffnung der putzige Kopf eines Wesens auf, dass entfernte Ähnlichkeit mit einem Marder hatte. Bräunlich-silbernes, kurzes Fell, schwarze Knopfaugen und kleine runde Ohren, die wie an den Kopf gesteckt aussahen. Das Tier blickte umher und ließ ein leises Keckern hören, wobei es eine Reihe spitzer Raubtierzähne zeigte. Im Nu flogen ihm die Herzen aller Anwesenden zu, und die von uns Kindern ganz besonders.

„Was ist denn das für eine Ratte?“, wollte Ludwig, ein Stammgast, wissen.
„Ratte? Ludwig, du tünst wohl? Das ist doch ein Mungo! Kennst du nicht die Geschichte von Rikki-tikki-tavi, dem berühmten Schlangentöter aus Rudyard Kiplings Geschichten?“
„Rikki-was? Radscha-wer? Mensch, Jupp! Du warst wohl zu lange ohne Kopfbedeckung in der Sonne, wa?“
„Ist der süüüüß!“, befanden meine Schwestern. „Kann man den mal streicheln?“
„Onkel Juhupp! Wie heißt der Mungo?“, fragte eine der Schwestern und der Seemann schaute etwas irritiert zur Seite.
„Wie? Was? Wieso? Der heißt Mungo, der Mungo.“
Das war doch wohl kein Name! Man rief einen Hund auch nicht „Hund“. Nein, so ging das nicht! Das arme Tier brauchte dringend einen Namen.
„Aber nix indisches!“, brummte Ludwig. „Man muss ihn ja schließlich auch aussprechen können, nich?!“
„Schaut doch, dieses niedliche, kleine, freche Gesicht. Und wie er meckert! Der kann nur Felix heißen!“, stellte meine älteste Schwester fest. Und so tauften wir den Mungo auf den Namen Felix, den Glücklichen.

Onkel Jupp war Junggeselle, und das war auch gut so. Was hätte er als Seemann denn auch mit Frau und Kind anfangen sollen? Er war ja doch nie daheim. Und so kam, was kommen musste: Nach vier Wochen Landurlaub hieß es für ihn wieder Seesack packen und ab auf die nächste Reise. Nur …, wohin mit Felix? Das Bordleben würde dem kleinen Kerl sicher auf Dauer nicht bekommen. Was er brauchte, war jemand, der sich ständig um das Tier kümmern konnte, mit ihm spielen würde …! – Spielen? Kinder! Aha!

So wuchs unsere Familie noch ein klein wenig weiter und der Mungo fühlte sich bei uns sehr wohl. Er fand schnell heraus, was wir nicht wussten. Nämlich, dass der ganze Bahnhof, in dem wir lebten, von Versorgungsschächten und Gängen durchzogen war, in denen es sich herrlich jagen ließ. Was machte es denn schon, dass es hier keine Schlangen gab? Konnte man sich doch herrlich mit den Ratten und Mäusen balgen, und man wäre kein Mungo, wenn man nicht auch über sie der Sieger geblieben wäre. Der Rattentöter tauchte mal hier, mal dort auf, mal huschte er über die Bahnsteige, mal trottete er keckernd durch die unterirdischen Gänge des Bahnhofs und es dauerte nicht lange, da war das ganze Gebäude quasi „Rattenfreie Zone“.

Direkt neben dem Bahnhof stand und steht noch heute der Rest eines im Krieg nicht mehr fertig gebauten Bunkers. Nachdem Felix das ganze Haus von den lästigen Nagern befreit hatte, dehnte er sein Revier nach dort hin aus, denn der Bunker diente den Ratten als Refugium, in welches sie sich zurückzogen, wenn Felix auf Patrouille war. Und auch hier setzte er sich binnen kürzester Zeit durch. Felix war nunmehr der uneingeschränkte Herrscher des Bahnhofs, und so benahm er sich auch. Als eigentlich im tiefsten Innern noch immer wildes Tier, war er nicht dressierbar und erledigte seine Geschäfte, wo es ihm gerade so einfiel oder es halt einfach sein musste. Das war meistens draußen, aber er machte nicht wirklich einen Unterschied zu drinnen. Seine Hinterlassenschaften in Form kleiner schwarzer Würste fanden sich im ganzen Haus, bevorzugt unter den Betten, Schränken und Kommoden, also dort, wo man sie erst fand, wenn einen die Nase da hin führte.

Als tagaktives Tier trottete er des Nachts durch die Wohnung und suchte sich gegen Morgen ein warmes, heimeliges Plätzchen an dem er sein müdes Haupt zur Ruhe betten konnte. Dabei bevorzugte Felix die wirklich kuscheligen Orte, huschte unter unsere Bettdecken und rollte sich an unseren Füßen zusammen. Gelegentlich drückte ihn noch die Blase, weil er einfach vergessen hatte es anderswo zu erledigen, aber was machte es für ihn denn für einen Unterschied, ob woanders oder genau hier? Also wurde es erst warm und feucht an den Beinen, dann kalt und nass und eklig. Und es stank!

Man sagt, der Mungo habe hier in Europa keinen natürlichen Feind. Das stimmt so nicht. Auch Felix musste bald begreifen, dass seine uneingeschränkte Herrschaft über den Bahnhof und den Bunker doch gewissen Grenzen unterlag. Und diese Grenzen setzte ihm unsere Haushälterin. Sie war zuständig für Sauberkeit und Ordnung, und sie hatte absolut kein Verständnis für den „Eckenschieter“, wie sie den Mungo abfällig zu nennen pflegte. Der wiederum hasste diese Person inständig, hantierte sie doch ewig mit einem Besen, Schrubber oder Mob vor seiner Nase herum und reizte damit seine Angriffslust. Sie fand es lustig, wenn er auf die vermeintlichen Pelztiere losging, sich in sie verbiss und dabei mit den Zähnen im Holz der Gerätschaften hängen blieb.

Betrat sie den Raum und sah Felix, beugte sie sich zu ihm herab und drehte ihm eine lange Nase.
„Eckenschieter! Eckenschieter!“, rief sie ihm dabei höhnisch zu und obwohl der arme Felix ja kein Wort verstand, ahnte er, dass man ihn gerade beleidigte. Also ging er zum Gegenangriff über, duckte sich in die typische Angriffsposition und spreizte sein dichtes Fell, welches somit für die Giftzähne von Schlangen beinahe undurchdringlich wurde. Nicht jedoch für die Giftzähne unserer Putzfrau.
„Eckenschieter! Eckenschieter!“, tönte es und Felix keckerte und fauchte und zischte wütend gegen an. Dieses Spiel ging so lange, bis einer von beiden keine Lust mehr hatte, sich umdrehte und einfach den Kampfplatz verließ.

War es Zufall? War es Rache? Wer weiß das schon. Jedenfalls sollte es Felix letzte große Tat sein, die er im Bahnhof vollbrachte.
Unsere Haushälterin stand bebend vor Zorn in der Tür, in der Hand ihre große Tasche, ohne die sie einfach nicht aus dem Haus gehen konnte. Tränen der Wut und des Schmerzes ob diesen Verlustes rannen ihr über die Wangen und sie hielt unseren Eltern die weit geöffnete Tasche hin. Die reagierten menschlich, hielten sich die Nase zu und rangen sich zu einem entsetzten „Puuuuh!“ durch.

„Der Eckenschieter oder ich“, heulte unsere „Perle“. „Für uns beide ist hier kein Platz!“
„Na, na! Vielleicht lassen sich ja Felix Hinterlassenschaften wieder auswaschen“, versuchte meine Mutter eine gütliche Einigung.
„Der Eckenschieter oder ich!“, bestand sie auf ihrer Forderung und mit lautem Knall flog hinter ihr die Tür ins Schloss. Sicher, Mungos in Deutschland sind sehr selten. Leider waren aber gute „Perlen“ in Deutschland damals genau so rar und so beschlossen meine Eltern, sich doch eher von dem kleinen Stinker zu befreien, als das gute Verhältnis zum Personal aufs Spiel zu setzen.

Ein Tierarzt vermittelte Felix schließlich in einen Zoo, und wir sahen unseren „Schlangentöter“ nie wieder. Es dauerte nur zwei Wochen, bis unsere Haushälterin einen Nervenzusammenbruch bekam, als sie den Abfall zu den großen Mülltonnen auf dem Hof bringen wollte. Ein Horde Ratten fiel mit grellem Pfeifen über sie her, und sie meinte sogar, eine dünne helle Stimme gehört zu haben, die so etwas wie: “Packt sie, der Mungo ist ja nicht mehr da!“ gepiepst haben soll. Aber das war wohl doch eher ihren überreizten Nerven zuzuschreiben.

Dies alles ist lange her, aber wenn heute die Sprache auf Rudyard Kiplings Dschungelabenteuer und die Geschichten von Rikki-tikki-tavi kommt, dann ist Felix sofort wieder präsent, seine schwarzen Augen blitzen, die kleinen runden Ohren spielen aufgeregt und ich höre noch immer sein keckerndes Maunzen.

Autor: Claus Beese
autor@claus-beese.de
http://www.claus.beese.de

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Bergechsen
1, 17 Februar, 2007, 9:53
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Dino und Igua, meine zwei Grünen Leguane, damals ungefähr eineinhalb Meter lang, durften an sehr warmen Sommertagen ins Freie. Sie genossen sichtlich die Strahlen der Sonne, denn sie trachteten, möglichst viel an Oberfläche ihrer Schuppenhaut der Wärmequelle zuzuwenden. Sie trafen auch keinerlei Anstalten zu fliehen oder sich zu verstecken, obwohl sie auch alles andere als lethargisch sein konnten. Erst wenn sie ihre „Vorzugstemperatur“ erreicht hatten, zogen sie sich für kurze Zeit in den Schatten des dichten Blattwerks zurück.

Das alles spielte sich auf einer streng geschnittenen Buchenhecke ab. So war es gar nicht so leicht, die Grünlinge, die noch dazu tarnend gestreift waren, aus dem auch nicht einheitlichen Grün der Blätter „heraus zu sehen“. Für mich aber boten sich bei solchen Gelegenheiten immer herrliche Fotomotive.

An der Hecke führte ein von Urlaubern gern begangener Weg vorbei. Ein Paar näherte sich, neugierig, was es denn da zu knipsen gäbe. Einfach nur Laub? Da entdeckten sie aber auch schon die zwei Drachen, traten erschrocken einen Schritt zurück und stellten dann die unvermeidliche Frage: „Was ist denn das?“

Es war offensichtlich, dass sie die Tiere nicht zuordnen konnten und das weckte in mir den unbändigen Drang, für den ich bei anderen Anlässen schon oft zu büßen hatte, den äußerst sympathisch wirkenden Gästen des Ortes einen dicken Bären aufzubinden. Ich erklärte ausführlich, wie die seltenen Tennengebirgsechsen an warmen Sommertagen ins Tal zur Eiablage herunter kamen, aber selbst von Einheimischen kaum je entdeckt wurden.

Klick, klick, machte die Kamera des Urlaubers, nicht nur einmal, sicher war dem Film eine ganze Serie an Bildern aufgeprägt. Nachdem ich noch mehrere Male über den Namen der Tiere Auskunft gegeben hatte, verabschiedeten sich die Leute beglückt. Ich bin mir sicher, dass die Bilder oder Dias von den österreichischen Bergechsen nicht nur einmal gezeigt wurden.

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at     



Exotisch
1, 13 Februar, 2007, 11:58
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Nord- und Westeuropäer, natürlich auch Nordwesteuropäer, urlauben gerne in Österreich, also im Süden; dort, wo man noch nicht der ermüdenden Hitze Italiens oder Griechenlands ausgesetzt ist, aber dennoch eine gewisse Exotik nicht entbehren muss. Wie exotisch es in der Alpenrepublik sein kann, davon ahnt vor Antritt der Reise aber wohl niemand etwas.

Ein wanderlustiges Ehepaar aus den Niederlanden genießt die frische Luft bei einem Spaziergang auf einem der vielen Waldwanderwege in der schönen Salzburger Gemeinde Abtenau. Hohe Fichten, einige Tannen darunter, und dicht belaubte Buchen spenden an diesem für österreichische Verhältnisse sehr heißen Nachmittag im August wohltuenden, kühlen Schatten.

Der Mann trägt einen Hut, offensichtlich in einem Souvenirladen des Ortes erstanden, also keineswegs niederländischer Machart, egal, der Mann trägt also einen Hut – bis er ihn plötzlich vermisst. Der Hut liegt nicht auf dem Boden, etwa von einem Ast abgestreift, nein, die Kopfbedeckung befindet sich in den Händen eines Affen, genauer, in den Fingern eines Javaaffen, der das Stück dreht und wendet, unnütze Bänder und Anstecknadeln zu Boden wirft und an der Krempe mit Erfolg zu nagen beginnt. Beobachtet und unterstützt wird er dabei von seinen Frauen, drei Javaäffinnen, die sich an der Krempenentfernung rege beteiligen. Den Niederländer mustert seine Frau, eine Niederländerin. Sie ist mehr darüber verwundert, dass ihr Mann keinen Hut mehr auf hat, als die Äffinnen darüber, dass ihr Pascha einen hat.

Es dauert nicht lange und das Paar entdeckt die Gruppe der Hutrecycler im Geäst der Fichte und es dauert auch nicht lange, bis der kärgliche Rest des Hutes, als Kopfbedeckung nicht mehr erkennbar, den rechtmäßigen Besitzern vor die Füße fällt. Aber anstatt Unmut zu äußern, ergehen die Leute sich in Begeisterung über die Abenteuer, die man in Österreich erleben und über die man dann daheim berichten kann.

Ich aber will das freudige Erlebnis nicht stören, bleibe ruhig auf meiner von Büschen abgeschirmten Bank sitzen und sammle meine kleine Affenhorde erst wieder von ihrem Freilauf ein, nachdem die Holländer beglückt ihrem Hotel zusteuern.

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at     



Fundsache Schildkröte. Wie Kassiopeia zurück zu Frauchen und Herrchen kam
1, 2 November, 2006, 12:32
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Die schönsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Das werden Sie bestätigen, wenn sie gelesen haben, was uns kürzlich passiert ist.

Sonntagabend, ich mache noch einen Spaziergang zu unserer nahegelegenen Obstwiese, um nach den Bäumen zu sehen. Während unsere Tochter schaukelt, stapfe ich über das Grundstück und stolpere fast über ein braun-schwarzes Etwas: Eine Schildkröte ! Wo kommt die denn her? Und wie ist sie durch den Zaun in unseren Garten gekommen?

Wir legen die verschreckte Schildkröte in einen Eimer und nehmen sie erst einmal mit nach Hause. Dort schauen wir im Tierlexikon unserer Tochter nach und finden wenigstens schon mal heraus, dass es sich wohl um eine Landschildkröte handelt. Die Nachfrage bei den unmittelbaren Nachbarn bleibt ergebnislos, keiner vermisst eine Schildkröte. Also beschließen wir, sie zunächst zu behalten. Ein Name muss her, wie nennen sie „Kassiopeia“.

Die Nacht verbringt Kassiopeia in einem großen Karton, in den ich etwas Gras gelegt habe. Unsere Salatblätter verschmäht sie, versucht aber verzweifelt und erfolglos, aus der Pappschachtel zu krabbeln. Später, als ich nochmal nach ihr sehe, ist sie eingeschlafen.

Am nächsten Morgen bringen wir beim Metzger und im Lebensmittelgeschäft um die Ecke einen Zettel an: „Schildkröte zugelaufen. Besitzer bitte melden“. Und wir setzen eine Kleinanzeige mit dem entsprechenden Text in die Zeitung.

Die heimische Tierärztin klärt mich ratlosen Finder auf, was diese Tiere fressen: Obst, Tomaten, Paprika und natürlich Salat. Zu Hause mache ich ein Sortiment mit allerlei vegetarischen Leckereien fertig, doch Kassiopeia frisst nichts. Erst als sie sich unbeobachtet fühlt, macht sich das hungrige Tier über den Teller her. Bananen sind ihre Leibspeise, die putzt sie alle weg. Wir lassen Kassiopeia auf der Terrasse unseres Hauses laufen, das scheint ihr Spaß zu machen. Von wegen Schildkröten sind langsam. Mit beträchtlicher Geschwindigkeit schiebt sie sich über die Platten. Dann untersuchen wir die Schildkröte mal gründlich. Sie – oder ist es ein „Er“, wir haben keine Ahnung! – ist wohl schon ein älteres Semester, bis zu 150 Jahre alt können Schildkröten werden. Und sie scheint schon einiges mitgemacht zu haben: Der Panzer ist an einer Stelle gebrochen, ein Beinchen war wohl mal verletzt. Was haben wir denn da überhaupt für ein Modell erwischt? Ein Blick ins Internet bringt Klarheit. Kassiopeia ist eine Testudo marginata, eine Breitrandschildkröte aus dem südlichen Albanien oder dem südlichen Griechenland.

Am nächsten Tag erscheint die Anzeige und unser Telefon steht nicht mehr still. Was lernen wir? Dass Schildkröten einen großen Freiheitsdrang haben, weil sie öfter ausbüchsen. Denn vielen Anrufern ist ihr Tier weggelaufen. Aus dem Gehege, unter dem Zaun durch oder oben drüber. Eine Frau kommt vorbei, um nachzusehen, ob es sich bei unserer Fundsache um ihre geliebte Schildkröte handelt, die sie seit einem Vierteljahrhundert besaß. Sie bricht in Tränen aus, als sie feststellt, dass wir nicht ihr Tier haben.

Wir erfahren, dass sich die Schildkröten schon mal so tief zum Winterschlaf eingraben, dass man sie nicht mehr findet und meint, sie wären weg. Wie groß ist die Freude, wenn man im Frühjahr beim Garten umgraben auf das vermisste Tier stößt.

Viele Anrufer bieten sich an, Kassiopeia zu nehmen, wenn sich der rechtmäßige Besitzer nicht findet. Nicht bei jedem ist dieses Angebot so ganz uneigennützig, denn man erzählt uns, dass die Tiere einen beträchtlichen Wert haben, mehrere Hundert Mark kann man dafür schon anlegen.

Abends klingelt es und ein Pärchen aus einer entfernteren Siedlung steht vor der Tür. Sie haben von Bekannten von unserem Aushang gehört und suchen nach ihrer Schildkröte, die vor einigen Tagen ausgerissen ist. Zweifelsfrei identifizieren sie Kassiopeia, die gar keinen Namen hat, nur „Schildkröte“ heißt. Seit über 30 Jahren im Familienbesitz, ist Schildkröte schon öfter ausgebrochen, sogar übers Balkongeländer, hat sich den Fuß gebrochen und den Panzer aufgeschlagen.

Artig bedanken sich die Eigentümer und nehmen ihre Schildkröte mit. Ein wenig schwer wird es uns schon ums Herz dabei. Tschüss Kassiopeia, mach´s gut.

Autor: Gregor Schürer
G.Schuerer@t-online.de