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Katharina von der Leyen: Dogs in the City, Stuttgart 2009, Franckh-Kosmos-Verlag, ISBN 978-3-440-113363, 43 farbige Abbildungen, Hardcover mit Schutzumschlag, 178 Seiten, Format: 14,5 x 21 x 2,3 cm, EUR 16,95.
Die Journalistin und Buchautorin Katharina von der Leyen lebt in Berlin, hat vier Hunde, einen Kater und einen Mann. Dass in so einem außergewöhnlichen Haushalt gelegentlich der Bär steppt, wird niemanden verwundern. In diesem Buch erzählt uns die Autorin mit viel Humor und Sachverstand von den tierischen Turbulenzen des Alltags.
Ob Katharina nun ein ganzes Hunderudel hält, damit die Tiere nicht nur unter Menschen sein müssen, wie sie sagt, oder ob sie es einfach tut, weil es ihr Spaß macht, wie ihr Lebensgefährte meint, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Tatsache ist, dass sie seit ihrer frühesten Kindheit Tiere liebt. Doch den Wunsch nach einem Hund konnte sie sich erst als Erwachsene erfüllen.
Im Lauf der Jahre hat Katharina von der Leyen viele Hunde gehalten: Mischlinge, Rassehunde, gerettete und gefundene Hunde und welche vom Züchter. Hier ist die Rede von der aktuellen Besetzung: Da ist zunächst einmal der beigefarbene Mops Theo, der Senior der Truppe, der von jung auf viel Wert auf seine persönliche Bequemlichkeit legt. Er geht nicht gern spazieren, schon gar nicht bei schlechtem Wetter, und liegt mit Vorliebe auf menschlichen Füßen. Neben seinem Gespür dafür, wie man sich in Szene setzt, verfügt Theo auch über einen enormen Gerechtigkeitssinn, was ihn zu Katharinas Entsetzen gelegentlich dazu bewegt, sich in die Auseinandersetzungen viel größerer Hunde einzumischen.
Nach dem Tod seiner Mops-Gefährtin Emily wird Theo krank und verfällt regelrecht in Depressionen. Nachdem das Experiment „Ersatz-Mops“ an Theos Ablehnung gescheitert ist, legt sich Katharina einen Großpudel zu, auch als Königspudel bekannt. Pudelmädchen Luise ist sehr groß, sehr schwarz, hat wunderschöne Mandelaugen, ziemlich viel Grips – und das Zeug zur Diva. Luise wird überall bewundert und genießt bald mehr Aufmerksamkeit als Frauchen. Mit Theo und Luise hat Katharina nun zwei Superstars an der Leine, denen das Publikum zu Füßen liegt.
Was man nie tun sollte, wenn man zur „Vielhunderei“ neigt: eine befreundete Hundezüchterin besuchen, wenn es dort gerade niedliche Welpen gibt. Sonst geht es einem wie der Autorin: Man kommt mit einem neuen Hundekind nach Hause. Der Neuzugang heißt Ida, ist ein braungelocktes Königspudelbaby, etwas krummbeinig, sportlich, begeisterungsfähig, freundlich und temperamentvoll – wenn auch nicht gerade ein Raketenforscher. Sie hat mehr verrückte Einfälle als Astrid Lindgrens Michel von Lönneberga und ihr Hobby, sich in allerlei unappetitlichen organischen Substanzen zu wälzen, ist auch nicht jedermanns Geschmack. Aber Ida hat einen unwiderstehlichen Charme.
Katharinas Lebensgefährte bringt es wieder mal auf den Punkt: „Wenn Luna die Callas ist, ist Ida eher ein polnischer Schlagerstar. (..) Voller Hurra, die personifizierte gute Laune. Auf dem Weg zum Grand Prix d’Eurovision.“ (S. 55) Für Kommentare wie diesen könnte man den Mann knutschen.
Wenn Katharina und ihr „Rudel“ durch die Stadt gehen, erleben sie die unterschiedlichsten Reaktionen: freundliches Interesse, neugierige Distanzlosigkeit und hysterische Hundefurcht. Sie treffen auf verständnisvolle Mitmenschen, übermotivierte Tierfreunde, ergebene Bewunderer und auf den einen oder anderen nervigen Besserwisser. All diese Anekdoten sind so unterhaltsam erzählt, dass man am liebsten sofort auch mit Mops und Pudeln durchs Leben gehen würde. Oder zumindest durch die Stadt. Und auf jeden Fall zum Agility-Training!
Und dann kommt Harry ins Haus, und der Leser sieht, was Katharina von der Leyen aufgrund ihrer Hunde-Erfahrung längst weiß: Nicht immer ist das Leben mit Hund(en) eitel Sonnenschein. Harry ist Hund Nr. 4, ein italienisches Windspiel, ein Welpe aus jener Rasse, die schon Friedrich der Große mit Begeisterung gehalten hat. Harry kommt von einer Züchterin aus den USA, und das ist schon mal ein gigantischer organisatorischer Aufwand.
Auch wenn Harry aus einer seriösen Zucht stammt, die lange Reise schadlos übersteht und von seiner neuen Familie gut aufgenommen wird, hat er Probleme: Er wird immer schüchterner und traut sich nach ein paar Tagen überhaupt nicht mehr aus dem Haus. Durch Rücksichtnahme allein wird nichts besser.
Katharina und ihr Lebensgefährte schränken ihr Leben und das der anderen Hunde bis zum Gehtnichtmehr ein, doch Harry fürchtet sich weiterhin vor allem und jedem. Hat er vielleicht eine Angststörung? Katharina bemüht sich nach Kräften, Klein-Harry zu therapieren. Wird es ihr gelingen, aus dem Nervenbündel einen glücklichen Hund zu machen, der selbstbewusst mit seinen Rudelkumpels durch Leben tobt?
Katharina von der Leyen erzählt so wunderbar, dass man von den humorvollen Geschichten und den treffenden Porträts der höchst unterschiedlichen Tierpersönlichkeiten gar nicht genug bekommt und noch ewig so weiterlesen könnte. Man ist amüsiert und gerührt und wird ganz nebenbei noch sachkundig informiert.
Auf den Farbtafeln in der Mitte des Buchs kann man die tierischen Helden bewundern und selbst sehen, dass die Autorin nicht übertrieben hat: Die Hunde und Kater Noah sind hinreißend. Und die kleine „Frisurengalerie“ von Pudeldame Ida ist der Brüller schlechthin.
Hundehalter werden Katharina von der Leyen aus vollem Herzen zustimmen, wenn sie schreibt: „Ich kann mir keinen Tag ohne die weiche Schnauze eines Hundes auf meinem Bein vorstellen, das Geräusch, das Schlappohren beim Schütteln machen, das Hurra in den Gesichtern meiner Hunde jeden Morgen, wenn ich sie begrüße, weil es wieder Tage geworden ist und sie kaum fassen können, dass sie an ihm teilhaben dürfen.“ (S. 178) Und wer bislang unbehundet durchs Leben gekommen ist, wird sich nach der Lektüre dieses Buchs fragen, ob er nicht was ganz Wesentliches versäumt hat …
Die Autorin
Katharina von der Leyen ist Lifestyle-Journalistin und Autorin zahlreicher Sachbücher zum Thema „Hunde“. Sie ist Kolumnistin bei dem Magazin „Dogs“ und schreibt für weitere Zeitschriften sowie diverse Tageszeitungen. Seit ihrem 17. Lebensjahr lebt die gebürtige Münchnerin in den verschiedensten Metropolen der Welt, von Los Angeles bis Sydney – und immer mit Hunden. Heute wohnt und arbeitet Katharina von der Leyen in Berlin.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http:// edithnebel.wordpress.com c
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Charlotte Sandmann: Kalte Zärtlichkeit – Roman, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24699-6, 378 Seiten, Softcover, Format 13,5 x 21 x 3 cm, Euro 14,90 [D] 15,40 [A]sFr 25,80.
München, 1853: Dr. Carl-Ludwig Nicolai – oder eigentlich: Dr. Aaron Marsalla, 27, ist ebenso arm wie ehrgeizig. Der junge Arzt, Sohn einer orthodoxen sephardischen Jüdin, die wegen ihres zweiten Ehemanns zum Katholizismus konvertiert ist, behandelt keine Patienten. Er ist Assistenzarzt von Professor Max Pettenkofer an der Königlich-Bayrischen Universität München und befasst sich mit der Entstehung von Krankheiten. Wie sein Chef vermutet er, dass Miasmen, also üble Dünste, für die Krankheiten verantwortlich sind.
Ein ungewöhnliches Geschäft: Mitgift gegen Bildung
Da dem jungen Mediziner für seine Forschungen und für ein angemessenes Auskommen das nötige Kleingeld fehlt, macht er der albernen jungen Erbin Clara Colberg den Hof. Als Ehemann hätte er die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen und damit ausgesorgt. Clara Colberg ist genau so lange interessant, bis er auf einem Debütantinnenball eine noch reichere Erbin kennen lernt: die 16-jährige Henriette Dalbeck, eine Kaufmannstochter aus großbürgerlichem Haus, die einmal die reichste Frau Münchens sein wird. Doch Henriette ist kein albernes Gänschen. In punkto Pragmatismus, Abgebrühtheit und Geschäftstüchtigkeit ist sie Nicolai mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen.
Henriette ist bewusst, dass das Interesse ihrer Verehrer auf ihr Vermögen gerichtet ist und nicht auf sie als Person. Und wenn das Heiraten schon ein Geschäft ist, dann will sie sich wenigstens den besten Ehemann kaufen, der für Geld zu haben ist. Gebildet muss er sein, denn Henriette will unbedingt etwas lernen. Freiherr Dr. Rudolf von Lauderbach-Sillern, ein Arzt, der seit längerem um sie wirbt, wäre ein ganz brauchbarer Kandidat, wenn er nur nicht immer mit ihr sprechen würde, als wäre sie ein begriffsstutziges Kind!
Dr. Nicolai ist da schon die bessere Wahl: intelligent, gut aussehend, exotisch und geheimnisvoll – und so sehr auf Henriettes Geld angewiesen, dass sie ihm die Geschäftsbedingungen diktieren kann: „Wir haben doch beide einen Herzenswunsch, nicht wahr? Sie wollen reich sein. Ich will gebildet sein. Niemand wird uns den Wunsch erfüllen, wenn wir es nicht gegenseitig tun. Nehmen Sie mein Geld und unterrichten Sie mich!“ (S. 162) Dr. Nicolai bleibt nichts anderes übrig, als dem Handel zuzustimmen – und zu hoffen, dass Henriette bald das Interesse am Unterricht verliert.
Auch wenn Freunde, Verwandte und unbefugte G’schaftlhuber Henriette Dalbeck eindringlich vor einer Ehe mit dem undurchsichtigen Dr. Nicolai warnen, heiraten die beiden. Natürlich hat Schwiegervater Heinrich Dalbeck den Kandidaten zuvor von einem Detektiv durchleuchten lassen. Und Onkel Friedrich, der Rechtsanwalt, hat einen wasserdichten Ehevertrag aufgesetzt. Auch beim Erwerb eines Schwiegersohns überlassen die Dalbecks nichts dem Zufall.
Schon vor der Geschichte mit Henriette war Freiherr Dr. Rudolf von Lauderbach-Sillern seinem Kollegen Nicolai nicht grün. Auch Lauderbach erforscht die Entstehung der Krankheiten, ist aber ein Anhänger der unpopulären Bazillen-Theorie. Jetzt hasst er „den Moische“, der ihm die Braut ausgespannt hat, aus ganzem Herzen. Auch wenn die Nicolais es nicht ernst nehmen: In Rudolf von Lauderbach haben sie nun einen Todfeind.
Mit dem Geld aus Henriettes Mitgift richtet sich Dr. Nicolai ein erstklassiges Labor ein und betreibt seine Forschungen. Die beiden Frauen in seinem Leben – Ehefrau Henriette und seine nicht minder bildungshungrige und „frauenbewegte“ Schwester Wilhelmina – haben nur begrenzt Einblick in seine Arbeit.
Ein altes Lied: Machtspielchen contra Fortschritt
Im Sommer 1854 kommt es in Dr. Nicolais Labor zu einem dramatischen Zwischenfall, der weitreichende Folgen hat. Selbst seine bisherigen Freunde und Förderer wenden sich von ihm ab. Von heute auf morgen ist Dr. Nicolai beruflich und gesellschaftlich erledigt. Nur seine Frau, seine Schwester und die Dalbecks halten zu ihm.
Als er im Juli bei einem Nachbarn die cholera asiatica diagnostiziert, will ihm niemand glauben. Vor allem die Behörden sperren sich, denn ein Seuchenalarm würde den Todesstoß für die gerade stattfindende Industrieausstellung bedeuten – und einen Milliardenschaden für die bayrische Wirtschaft. Die beginnende Epidemie lässt sich zwar für kurze Zeit herunterspielen, aber aufhalten ließe sie sich nur, wenn die Herren in den Ämtern und der Ärzteschaft mal einen Moment lang ihre persönlichen Gockeleien und Animositäten beiseite lassen könnten und zum Wohl der Allgemeinheit kooperieren würden. Aber es sieht nicht danach aus …
Vieles an diesem Roman ist fiktiv, doch der Streit um die ersten Entdeckungen lebenden Krankheitserregern ist authentisch. Auch Professor Max Pettenkofer ist eine historische Person – ein genialer Forscher, der sich durch das starrsinnige Beharren auf veralteten Theorien ins Zwielicht rückte.
Dr. Nicolai, der männliche Held des Romans, macht es einem wahrlich nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist abwechselnd kalt und jähzornig, oft berechnend und egoistisch. Dazu betreibt er noch recht unappetitliche Forschungen. Anfangs gönnt man ihm jeden Ärger, den er sich mit seiner energischen und naseweisen jungen Gattin eingehandelt hat. Kein Mitleid mit dem Mitgiftjäger! Doch im Verlauf der Geschichte verschieben sich die Loyalitäten. Nicolai mag unsympathisch sein, aber er verfolgt seine wissenschaftlichen Ziele nicht nur aus persönlichem Ehrgeiz, sondern weil er den Menschen mit seinen Erkenntnissen helfen möchte. Dass man so mit ihm umspringt wie seine Gegner es tun, die ihn aus höchst unprofessionellen Gründen beruflich ausbremsen, das hat er nicht verdient. Dass die sympathischen Heldinnen, Henriette und Wilhelmina, ihm zugetan sind, tut ein Übriges. Wenn diese beiden tollen Frauen ihn mögen, kann er dann ein durch und durch übler Kerl sein?
Dass vor 150 Jahren vieles anders war als heute, wird uns in diesem Roman auf interessante, unterhaltsame und anschauliche Weise vor Augen geführt: die steifen Rituale der großbürgerlichen Gesellschaft, das komplizierte Verfahren der Brautwerbung und das Leben der Frauen, die damals von Bildung, Eigenständigkeit und einer Karriere nur träumen konnten. Und manches ändert sich wohl nie: Neid, Eifersucht, Engstirnigkeit, Eitelkeit, Fremdenfeindlichkeit und Rachsucht. Heute würde man das, was Dr. Nicolai widerfahren ist, wohl „Mobbing“ nennen. Einzelne Menschen mag man damit aus dem Konzept bringen können. Aber der wissenschaftliche Fortschritt lässt sich auf Dauer weder hinwegmobben noch aufhalten.
Der Roman “Kalte Zärtlichkeit“ ist weit mehr als eine schöne Liebesgeschichte in historischem Ambiente. Er ist ein Sittengemälde des ausgehenden 19. Jahrhunderts und bringt dem Leser zudem ein bedeutendes Stück der Medizingeschichte nahe.
Die Autorin
Charlotte Sandmann, Generation 50+, ist in der Erwachsenenbildung tätig, Autorin, Ghostwriterin und Übersetzerin.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http:// edithnebel.wordpress.com
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Renata Petry: Hilgensee – Roman, München 2008, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24697-2, 478 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, Euro 14,90 [D], 15,40 [A], sFr 25,80.
Deutschland 1904: Nachdem ihre Familie die Heirat mit einem nicht standesgemäßen Wissenschaftler erfolgreich hintertrieben hat, tritt die 30-jährige Annette „Änne“ von Schalk in Hilgensee ein, einem Stift für adelige protestantische Fräulein. Kaum angekommen, fragt sie sich schon, ob das die richtige Entscheidung war. Ihre Stiftsschwestern sind eine Ansammlung sonderbarer Charaktere und ausgerechnet die ihr unsympathischste, Vikarin Alwine von Hohenhagen, wird ihre Mentorin.
Änne kann in der Damenrunde weder mit einem attraktiven Äußeren noch mit einer eindrucksvollen Familie punkten. Ihre skandalumwitterte französische Großmutter, die Comtesse de Clarigny, ist eher keine Empfehlung. Besondere Interessen und Talente hat Änne auch nicht. Nur, weil sie angibt, gerne zu lesen, landet sie als Assistentin von Elsbeth von Hasleben in der Stiftsbibliothek.
Elsbeth passt es gar nicht, dass man ihre eine Mitarbeiterin aufzwingt, denn sie hat ein Geheimnis, das Änne von Schalk nicht lange verborgen bleibt – wenn sie auch erst einer Interpretationshilfe der lebenserfahrenen Gertrud von Rohda bedarf, um die Zusammenhänge zu begreifen.
Änne staunt: Die über siebzigjährige Gertrud ist ja gar nicht so hinfällig, wie sie immer tut, sondern pfiffig und kreativ und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie hat auch gleich einen originellen Plan parat, wie man Elsbeth von Hasleben helfen könnte. Doch ehe ihr Hilfsprogramm greifen kann, geschieht Dramatisches: Stiftsschwester Dorette von Schlohfeld entdeckt einen geköpften Hahn, der an einem Apfelbaum aufgeknüpft wurde, und erleidet vor Schreck einen Schlaganfall. Und Elsbeth von Hasleben wird tot in der Orangerie aufgefunden.
Der gockelhaften junge Assessor aus der Residenzstadt erklärt nach einer hastigen Ermittlung den Todesfall zum Selbstmord. Mit diesem Ergebnis sind Alwine von Hohenhagen und Gertrud von Rohda gar nicht einverstanden. Sie beschließen, selbst nachzuforschen und hätten dabei aus verschiedenen Gründen gerne die Unterstützung von Änne von Schalck. Änne ist nicht begeistert von der Idee, aber Alwine und Gertrud können sehr überzeugend sein. Und es gibt ja auch mehr als genügend mysteriöse Ereignisse im Damenstift, denen man dringend auf den Grund gehen müsste:
* Was hat es mit dem geköpften Hahn auf sich? Wer hat ihn aus welchem Grund in den Apfelbaum gehängt?
* Wer hat Elsbeth von Hasleben ermordet? Denn ein Freitod war das auf gar keinen Fall.
* Starb eigentlich Herma von Heidblum, die bis vor kurzem Änne von Schalcks Zimmer bewohnt hat, eines natürlichen Todes?
* Und war besagte Herma in den letzten Wochen ihres Lebens tatsächlich verwirrt, oder hatten die Stimmen, die sie von ihrem Zimmer aus gehört haben wollte, reale Verursacher?
* Hängen all diese unerhörten Vorfälle zusammen? Gertrud von Rohda hat da eine Theorie …
Nachdem auch Änne beginnt, Stimmen durch die Wand ihres Zimmers zu hören, schließt sie sich den detektivischen Stiftsschwestern an. Als weitere geköpfte Kreaturen auf dem Gelände gefunden werden, wissen die drei Damen, wo sie mit ihren Nachforschungen ansetzen müssen. Sie stöbern in den Chroniken des Stifts und kommen einem uralten, schaurigen Ritual auf die Spur. Zu ihrem Entsetzen verdichten sich die Hinweise, dass es nicht bei geköpften Tieren bleiben wird.
Den drei Damen wird zweierlei klar: Sie müssen jetzt schnell handeln, ehe es zu einem weiteren Mord kommt. Und sie sind dabei auf sich allein gestellt, denn diese Geschichte glaubt ihnen kein Mensch. Was sie nicht wissen: Die Übeltäter haben inzwischen mitbekommen, dass zumindest Änne von Schalck ihnen dicht auf den Fersen ist …
Renata Petry beschreibt ihre Charaktere und deren Tun in dem liebevoll-spöttelnden Ton, in dem man oft die Eskapaden geschätzter aber leicht verschrobener Zeitgenossen zu schildern pflegt. Dies tut sie, ohne je respektlos zu werden oder die Personen vorzuführen. Da ist Änne von Schalck, bieder, farblos, schlecht frisiert, die angesichts der schrecklichen Ereignisse in Hilgensee über sich hinauswächst. Oder die spitzzüngige Vikarin Alwine von Hohenhagen mit dem spöttischen Blick, einer tragischen Familiengeschichte und der befremdlichen Vorliebe fürs Kartenlegen. Und, nicht zu vergessen, Gertrud von Rohda, die gern mal die senile alte Schachtel spielt, wenn es ihren Plänen nützlich ist, die aber in Wahrheit sehr gewitzt ist und über eine Menge verblüffender Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt.
Selbst die Nebenfiguren haben es in sich: die plagiierende Stiftsdichterin Cornelie … die Priorin, die ihre ganz eigenen Pläne verfolgt … der eitle Assessor und seine flatterhafte Verlobte … die jungen Stiftsfräulein, die sich um die paar wenigen attraktiven Männer in ihrem Umfeld balgen …
Auch wenn der hochdramatische Showdown dank Gertrud von Rohda und der beherzten Priorin ein paar herrlich komische Momente hat, wird die Geschichte an keiner Stelle albern oder lächerlich. HILEGENSEE ist ein unterhaltsamer Krimi im historischen Ambiente mit sympathisch-schrulligen Charakteren und einem leicht ironischen Erzählton. An die drei grundverschiedenen adeligen Detektivinnen im Damenstift könnte man sich gewöhnen, doch Serienheldinnen werden sie wohl nicht werden. Schade, eigentlich.
Im Fortgang der Geschichte wünscht man sich manchmal eine Auflistung der Personen, denn all die adeligen Familiennamen sind nicht einfach zu merken und auseinander zu halten: Wer war noch mal das Fräulein von Dechow? Ach ja, Cornelie, die abschreibende Dichterin! Doch auch wenn man sich bei den vielen „vons“ konzentrieren muss – dem spannenden und amüsanten Lesevergnügen tut das keinen Abbruch.
Die Autorin
Renata Petry wurde in Großburgwedel bei Hannover geboren und lebt heute in Dänemark. Sie hat bereits zwei historische Romane veröffentlicht und war viele Jahre als Juristin tätig.
Rezensent: Edith Nebel
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Tom Kahn: Das Tibetprojekt, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3423-21119-2, 412 Seiten, Format: 12 x 19 x 2,3 cm, EUR 9,95
“Die meisten suchen in Tibet das Paradies.”
“Wir nicht. Wir suchen die Hölle.”
Der deutsche Historiker und Querdenker Dr. Philipp Decker fühlt sich geschmeichelt: Nachdem er in einer TV-Talkshow seine provozierenden Thesen zur menschlichen Natur und den Religionen zum Besten gegeben hat, spricht ihn die überaus attraktive Chinesin Li Mai an.
Schnell stellt sich heraus, dass sie das nicht (nur) tut, weil sie den erfolgreichen Wissenschaftler attraktiv findet oder weil sie seine Ansicht teilt, dass nicht Gott die Menschen erschaffen habe sondern umgekehrt. Li Mai ist Major des chinesischen Geheimdiensts und sie handelt im Auftrag ihrer Regierung.
Decker soll für die Volksrepublik China tätig werden. Dort braucht man einen neutralen, kritischen und unabhängigen Menschen, der sich um einen internationalen Zwischenfall kümmert. Sie möchten, dass er mit nach Tibet kommt und dort den Mord an einem pensionierten deutschen Wissenschaftler aufklärt. Mit letzter Kraft hatte sich der Sterbende mit seinem eigenen Blut ein Hakenkreuz auf den Handrücken gezeichnet. Und nun will man unbedingt den Hintergrund des Vorfalls klären. Das ist jedenfalls das, was der deutsche Botschafter in Peking und Li Mai dem verdutzten Historiker erzählen.
Warum der Fall unbedingt innerhalb einer Woche geklärt werden muss, das sagen sie ihm nicht.
Decker hat gerade keine anderweitigen Verpflichtungen und ist Abenteuern generell nicht abgeneigt. Insbesondere mit der schicken Chinesin hätte er gerne eins. Auch wenn ihm alles andere als klar ist, welche Interessen seine Auftraggeber verfolgen, sagt er zu und sitzt wenige Stunden später in einem Flugzeug nach China.
Über wie viel Geld und Einfluss seine Auftraggeber verfügen, zeigt sich schon beim Antritt der Reise. Decker fliegt nicht etwa mit einer schnöden Linienmaschine ins Reich der Mitte, sondern mit einem luxuriös ausgestatteten Privatjet. „Die Kabine wirkte wie eine elegante Lounge im asiatischen Stil. (…) An einigen Stellen war die Verkleidung zur Seite gefahren und dort befanden sich große Plasmabildschirme, zusätzliche Monitore, Computer, Kommunikationseinrichtungen, eine Bar und eine Hifi-Anlage. Überall summten leise Kühlgebläse und blinkten Dioden von Computern. Eine globale Kommandozentrale.“ (Seite 120)
So stellt sich jemand, der von Recherchen lebt, den Himmel vor.
Nicht nur die Technik ist vom Feinsten, die Chinesen scheinen auch über allerbeste Kontakte zu verfügen. Egal, welchen hochkarätigen Experten in welchem entlegenen Winkel der Welt Dr. Decker auch zu sprechen wünscht, Li Mai stellt umgehend eine Verbindung zu ihm her.
Dr. Decker nutzt die Flugzeit, um sich zunächst über mögliche Verbindungen von Tibet zu Nazideutschland klar zu werden. Denn der einzige Anhaltspunkt, den er hat, ist nun mal das blutige Hakenkreuz auf der Hand des toten Wissenschaftlers. Er stößt dabei auf die „Forschungsstätte Ahnenerbe“, das kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von Heinrich Himmler ins Leben gerufen wurde. Die Nazis vermuteten den geistigen und biologischen Ursprung der arischen Rasse in Tibet. Die Lehre vom Herrenmenschen sollte mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Materialien untermauert werden.
War Hitler etwa auf der Suche nach einer neuen Religion fürs deutsche Volk? Wenn ja, was wollte er dann ausgerechnet vom harmlos-friedvollen tibetischen Buddhismus? Mit einem Volk gewaltfreier Gutmenschen wäre ihm doch gar nicht gedient gewesen!
Oder hat das Hakenkreuz auf der Hand des Mordopfers am Ende gar nichts mit den Nazis zu tun? Eine Variante dieses Symbols gibt es auch im Buddhismus. Allerdings spiegelverkehrt zu dem der Nazis. Wurde das Foto vom toten Professor vielleicht manipuliert? Wenn ja, von wem? Und warum? Aber wenn es nur um den Buddhismus geht, warum interessieren sich dann Nazis verschiedener Altersklassen für den Vorfall?
Der Privatjet landet in Peking, doch Decker und Li Mai bleiben an Bord ihres Hochsicherheits- und Hightech-Bürojets und betreiben weiter ihre Recherchen. Ein Besuch von einem Veteranen des Tibet-Feldzugs bringt Decker auf ungeheuerliche Ideen: Kann es sein, dass die Welt ein ganz falsches Bild vom tibetischen Buddhismus hat? Sind die Tibeter und ihr Glaube gar nicht so friedlich und gewaltfrei, wie man gemeinhin denkt? Was weiß man eigentlich von der Geschichte Tibets? Und wie kam der Buddhismus aufs Dach der Welt?
Decker stößt bei seinen Nachforschungen auf die Kampas, die älteste Kriegerrasse der Menschheit, auf die tibetischen Reiter in Dschingis Khans berüchtigter Goldener Horde und auf die alte Religion der Tibeter, den Bön, der sogar eine Gottheit für Banditen und Räuber kannte. Hat die alte Religion noch irgendwo überlebt? Ist der tibetische Buddhismus überhaupt ein richtiger Buddhismus? Oder dominieren hier Einflüsse ganz anderer Art?
Und was hat es mit dem ominösen „Tempel des Schreckens“ auf sich, bei dessen Erwähnung alle Gesprächspartner schlagartig schweigsam werden? War es dieser Tempel, den die Nazis gesucht haben? Was verbirgt sich dort? Hat der ermordete Professor genau das herausgefunden und musste deshalb sterben?
Decker und Li Mai haben nur eine Möglichkeit, das herauszubekommen: Sie müssen diesen Tempel finden. Eine Spur führt nach Lhasa. In der Stadt angekommen, stellen Li Mai und ihre Leute fest, dass sie bei weitem nicht die einzigen sind, die sich für diesen unheimlichen Ort interessieren. Und dass die Wahrheit noch viel, viel schrecklicher ist als alles, was sie sich jemals hätten ausmalen können …
Und warum nun musste dieses Rätsel unbedingt innerhalb einer Woche gelöst werden? Die Antwort darauf grenzt schon an ein Gaunerstück. Oder sagen wir: Sie zeugt zumindest von enormem Weitblick, Menschenkenntnis und raffinierter strategischer Planung.
Der Roman ist ein Phänomen: Über weite Strecken passiert nichts weiter, als dass intelligente und gut ausgebildete Menschen in einem Hightech-Büro sitzen, recherchieren, diskutieren, Experten aus aller Welt konsultieren – und dabei den tibetischen Buddhismus sezieren. Wie Dr. Decker und Li Mai Schritt für Schritt die Puzzleteilchen zusammentragen und zu einem überraschenden Bild zusammenfügen, das ist unglaublich faszinierend und steht den Action-Szenen in punkto Spannung in nichts nach.
Nie wieder wird man nach Lektüre dieses Science Thrillers etwas über Tibet, den Buddhismus oder den Dalai Lama hören oder lesen können, ohne sich zu fragen, ob hier wirklich alles so ist wie es scheint.
Zu gerne wüsste man, wo Tom Kahns Roman die nachprüfbaren Fakten verlässt und in Fiktion übergeht. Dass der Autor nicht wild fabuliert, sondern sehr gut weiß, wovon er schreibt, legt seine Biographie nahe: Tom Kahn ist das Pseudonym eines Frankfurter Schriftstellers, der Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert hat und seine Diplomarbeit über den Dalai Lama schrieb.
Wohl selten hat man bei einem Thriller das Bedürfnis nach einem Literaturverzeichnis, das einem helfen könnte, ein Thema weiter zu vertiefen. Hier wäre eine Liste mit weiterführender Literatur zu Tibets Geschichte und Religion, dem Ahnenerbe, dem Bön und dem Dalai Lama eine tolle Ergänzung gewesen. Dieser Wissenschafts-Thriller ist eben rundum etwas Besonders.
Rezensent: Edith Nebel
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Claus Beese: Vom Angelkahn zur Motoryacht – Aufstieg und Elend eines Freizeitskippers, Goldebek 2008, Mohland Verlag, ISBN 978-3-86675-077-7, mit Illustrationen von Lothar Liesmann, 206 Seiten, Softcover, 14,3 x 20,5 x 1,3 cm, EUR 10,–.
Was bringt eigentlich einen Durchschnitts-Europäer dazu, seine Freizeit auf Booten und Schiffen zu verbringen, wo es doch Hobbys gibt, die mit weit weniger Arbeit, Zeitaufwand, Kosten und Unbequemlichkeiten verbunden sind? Und wie kommt es, dass bei einem Freizeitkapitän die Boote im Laufe des Lebens immer größer werden? Diesen Fragen geht Claus Beese in seinem Buch auf humorvolle Weise nach. Dazu braucht er nur auf seine eigene Vergangenheit zurückzublicken:
Auch Freizeitskipper Claus fängt klein an. Als er noch zur Schule geht, fahren sein Kumpel Bodo und er gern mit einem Schlauchboot zum Angeln. Als dieses Boot ein unerwartet dramatisches Ende nimmt, erwägen sie tatsächlich eine Schrecksekunde lang, dem Hobby abzuschwören. Doch der Boots-Virus ist stärker: Es dauert nicht lange, und Claus schleppt ein altes Holzboot an, das er billig gekauft, liebevoll aufgefixt und mit einem Außenbordmotor ausgestattet hat. Seine Freunde sind begeistert. Die Schiffstaufe geht noch glatt, die Probefahrt endet blamabel. Trotzdem haben sie eine zeitlang eine Menge Spaß mit dem „Stichling“.
Die Jungs werden erwachsen, und das Angeln auf dem Flüsschen genügt ihnen nicht länger. Es zieht sie aufs Meer und sie schließen sich den Bremer Hochsee-Sportfischern an. Da ist immer was los, nicht zuletzt dank solcher Originale wie Opa Johann Diercks und dessen Kumpel Hermann, der sich durch kleinen Wuchs und eine große Nase auszeichnet und sich von seinen Mitmenschen deshalb einiges anhören muss. Wenn es irgendwo etwas zu essen und zu trinken gibt, wissen diese beiden Herrn es als erste.
Der einzige, der von den monatlichen Dorschfang-Fahrten des Vereins nicht begeistert ist, ist der Busfahrer. Weil das Fahrzeug, das die Sportfischer zum Kutter und wieder zurück bringt, hinterher immer so fürchterlich nach Fisch stinkt, werden die Vereinsmitglieder nur noch in einem klapperigen Schrottgefährt transportiert. Doch die Anfahrt ist noch lange nicht das größte Abenteuer. Was für ein Drama, als Opa Diercks dritte Zähne verschwinden! Als wenig später sein Hut über Bord geht, setzt er alle Hebel in Bewegung, diesen zurückzubekommen. Doch was er bei seiner Hut-Rettungsmission alles erlebt hat, wird er niemals jemandem erzählen können, denn diese Geschichte glaubt ihm unter Garantie kein Mensch!
Während der Phase der Familiengründung treten bei Claus die Themen „Angeln“ und „Boote“ vorübergehend in den Hintergrund, aber ganz aus den Augen verliert er den Traum von den eigenen Planken nie. Wie durch ein Wunder sind sich seine Frau und er eines Tages einig: „Liebling! Was wir brauchen, ist ein Schiff!“ So kommen sie zur gebrauchten MS DODI, in die Claus erst einmal knapp zwei Jahre Umbauarbeit investieren muss.
Neue Abenteuer und neue Bekanntschaften warten auf Claus, seine Bestfrau Doris und den Leichtmatrosen, Tochter Claudia. Claus lernt den korrekten Umgang mit der Schleuse, Doris lernt den Umgang mit dem Ruder – und die ganze Familie lernt ein weiteres Original kennen: den Skipper Carlos Flint, der nicht nur Nachfahr eines berühmten Piraten ist, sondern auch ein begnadeter Koch. Die Story, wie er zu seiner italienischen Motoryacht gekommen ist, ist mindestens so köstlich wie seine Rezepte, die er uns freundlicherweise in diesem Buch verrät.
Auch die Freude an der DODI währt nicht ewig – die Familie wächst buchstäblich aus dem Boot heraus. Man braucht etwas Größeres. Die DODI I wird verkauft – ein Vorgang, der durchaus auch seine Tücken hat – und die DODI II erworben. Wie groß ist das Entsetzen der weiblichen Crew, als der Skipper ankündigt, mit dem nagelneuen Schiff auf Dorschfang gehen zu wollen! Stinkender toter Fisch auf diesem Schmuckstück? Ausgeschlossen!
Wird es zur offenen Meuterei kommen? Oder wird der Skipper sich durchsetzen und doch noch Dorsche fangen? Und wie kann es sein, dass Claus mitten in der Ostsee einen „Blue Marlin“ mit Rekordgewicht an die Angel bekommt, wo dieser Fisch doch nur im Atlantik vorkommt? Seemannsgarn? Anglerlatein? Nein, diese Erklärung wäre zu einfach …
Leser, die wie der Autor vom Boots-Virus infiziert sind, werden zusätzlich zum Lach-Muskelkater noch einen Nick-Muskelkater bekommen, weil sie sich ständig sagen werden: „Genauso isses!“. Doch auch die gemeine Landratte, für die die größte bekannte Wasseransammlung das örtliche Freibad ist, wird mitlachen und mitfiebern, wenn Skipper Claus von einem Abenteuer ins nächste schippert – und dabei im Geiste mit seinem Wikinger-Urahn im Clinch liegt, weil er sich ständig ausmalt, was wohl der wilde Vorfahr mit seinem Drachenboot-Horizont zum heutigen Wassersport gesagt hätte.
Zum guten Schluss verstehen wir auch den Mechanismus, der die Boote im Laufe eines Skipperlebens immer größer werden lässt und es leuchtet uns ein, warum der Skipper selbst gar nichts dafür kann. Die meisterhaften Illustrationen von Lothar Liesmann, der die geschilderten Szenen mit spitzer Feder auf den Punkt bringt, sind bei diesem unterhaltsamen Buch noch das Tüpfelchen auf dem i.
Nicht für die Katz, sondern tierisch amüsant: Claus Beeses Buch „Vom Angelkahn zur Motoryacht“
Rezensent: Edith Nebel
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Martin Conrath, Sabine Klewe: Das Vermächtnis der Schreiberin, Schwaben-Krimi (Esslingen), Köln 2008, Hermann-Josef-Emons-Verlag, ISBN 978-3-89705-607-7, Softcover, 316 Seiten, 13,5 x 20 x 2,3 cm, EUR 9,90.
Esslingen, Dezember 2008: Leichen im Keller
Heinrich Morgen, ehemaliger Jungstar der deutschen Historiker- und Archäologenszene, muss heute sein Geld auf dem Esslinger Mittelalter-Weihnachtsmarkt verdienen. Er verkauft dort Holzschwerter. Eine touristische Führung durch die alten Keller der Stadt nimmt nicht nur für ihn einen unerwarteten Verlauf: In einem der privaten Kellergewölbe wird die Leiche des Studenten Friedhelm Schenk gefunden. In seinem Herz steckt eine mittelalterliche Ahle. Ehe Heinrich es sich versieht, ist er allein bei dem Toten und muss auf die Polizei warten.
Heinrich macht Videoaufnahmen vom Tatort und entdeckt dabei Hinweise auf eine Geheimkammer. Die Neugier des Historikers siegt, der Öffnungsmechanismus ist kein großes Problem – und Heinrich kann einen Blick in einen Raum werfen, der 700 Jahre lang verschlossen war. Ein Spiegel befindet sich darin – und die Mumie einer Frau im mittelalterlichen Gewand!
Heinrichs Auffassung von rechtlich unbedenklichem Verhalten ist von je her flexibel, was ihn seinerzeit auch Job und Ruf als Historiker gekostet hat. Er lässt den Siegelring der Mumie mitgehen. Wenn er herausfinden könnte, wer die Frau war und seit wann sie hier liegt, wäre das eine kleine archäologische Sensation.
Bei den Ermittlungen verguckt sich Heinrich in die Kriminalkommissarin Senta Taler, die hoffentlich nie von seiner Fund-Unterschlagung erfahren wird. Bald gibt es noch mehr, was Senta nie erfahren darf. Anne Schnickler, die einen Stand auf dem Mittelaltermarkt hat, wird als Mordverdächtige verhaftet. Die Marktbeschicker sind jedoch von ihrer Unschuld überzeugt und machen sich heimlich selbst auf die Suche nach dem Mörder. Dabei sind sie nicht gerade zimperlich.
War der Mord an Friedhelm Schenk eine Beziehungstat? Wurden ihm seine dubiosen Geschäfte zum Verhängnis? Oder wurde der Hobby-Historiker wegen des Mumienfunds im Keller umgebracht? Heinrich Morgen ist sicher, dass Schenk die Geheimkammer gekannt hat.
Mit ihren Schlussfolgerungen ist die „SOKO Anne“ der Marktleute zwar teilweise auf dem Holzweg, aber Heinrich Morgen kommt der Wahrheit doch so nahe, dass er sich und andere dadurch in tödliche Gefahr bringt …
Esslingen anno 1324: Eine Schreiberin in Not
Was Heinrich und die Marktbeschicker nie erfahren werden, erfahren wir Leser durch die Parallelhandlung, die im Esslingen des Jahres 1324 spielt: Für die medizinische Behandlung ihrer todkranken Tochter verschuldet sich die verwitwete Schreiberin Reinhild Wend beim Gastwirt Vornholt. Die Gegenleistungen, die er fordert, sind ungeheuerlich …
Wer ist die mumifizierte Tote im Keller? Wie kam die Frau ums Leben? Was kann vor 700 Jahren nur geschehen sein, dass jemand heute noch deswegen morden würde?
In rasantem Tempo bewegen sich die beiden Handlungsstränge aufeinander zu – bis zum furiosen Finale.
Schwabenkrimi ohne Kehrwochen-Klischees
Wer Kehrwochen- und Vierteles-Schlotzer-Klischees erwartet oder Hauptkommissar-Bienzle-Beschaulichkeit, wird hier enttäuscht werden. Mit dieser Art Folklore haben Martin Conrath und Sabine Klewe nichts im Sinn. Dafür kennen sie das Milieu des Esslinger Mittelaltermarkts umso besser. Conraths Bruder tritt dort seit Jahren als Troubadour auf und Conrath und Klewe hatten selbst schon einen Stand auf dem Markt.
Wenn zwei Autoren zusammen einen Roman schreiben, fragt man sich als Leser, wie sie das wohl bewerkstelligt haben. In diesem Fall hat Martin Conrath den Krimiteil geschrieben, der in der Gegenwart spielt und Sabine Klewe, die bereits historische Romane veröffentlicht hat, zeichnet für den mittelalterlichen Erzählstrang verantwortlich. So entstand ein packender Kriminalfall in einem faszinierenden Milieu und mit sorgfältig recherchiertem historischem Hintergrund.
Man muss weder Esslinger noch Schwabe sein, um diesen Krimi mit Vergnügen zu lesen, auch wenn es zweifellos seinen eigenen Reiz hat, die Schauplätze des Geschehens zu kennen.
Die Autoren
Sabine Klewe, Jahrgang 1966, Studium in Düsseldorf und London, ist freiberufliche Schriftstellerin und Übersetzerin und arbeitet als Dozentin für Fremdsprachen und kreatives Schreiben, unter anderem an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.
Martin Conrath, geboren in Neunkirchen an der Saar, ist Schriftsteller, Musiker Journalist und Dozent. Seit 2006 lebt und schreibt er in Düsseldorf. Sein Roman „Das Schwarze Grab“ wurde 2008 als Tatort verfilmt.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
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Martin Blank: Mein Name ist Anton und ich bin ein Dackel,Volkertshausen 2007, Selbstverlag, Softcover, 70 Seiten, mit 27 Illustrationen des Autors 17,5 x 21 x 0.5 cm, EUR 9,80, Bezugsquelle: http:// blank-dackel.de/onlineshop
Rauhaardackel-Welpe Anton weiß nicht, wie ihm geschieht, als Emil, Ilse und Tochter „Mausi“ ihn von seiner Hundefamilie und seinen Menschen wegholen. Ein Jagdhund soll er werden, meint sein neues Herrchen, und in die Pfotenstapfen des alten Barry treten.
Der Welpe sieht das gelassen. Es wird sich schon alles fügen. Herrchen Emil scheint ja ganz in Ordnung zu sein, nur die „stinkende Bratwurst“, die er sich in den Mund zu stecken pflegt, ist nicht ganz nach Antons Geschmack. Sie gibt immer so widerlichen (Zigarren-)Rauch von sich. Frauchen Ilse ist ihm auf Anhieb sympathisch, und Willi, Herrchens Jagdfreund, sowieso. Er steckt dem kleinen Anton nämlich gerne heimlich Leckerbissen zu.
Nur die Tochter des Hauses, Stefanie, genannt „Mausi“, macht Probleme. Sie kommt mit Anton gar nicht klar. Als er sich unbemerkt in ihrem Kinderzimmer zu schaffen macht und dabei eine ihrer Puppen zerbeißt, ist er bei ihr endgültig unten durch. Tante Ritas gut gemeinter Rat, Stefanie mit Anton Gassi gehen zu lassen, damit die beiden sich aneinander gewöhnen, fruchtet nicht und endet ums Dackelhaar in einer Katastrophe. Nur langsam überwindet Stefanie ihre Eifersucht und Abneigung und freundet sich mit Anton an.
Anton wächst und gedeiht. Er lernt unter anderem, wie man Ilses geliebten Garten in eine Kraterlandschaft verwandelt, wie man ein „schussfester“ Dackel wird – und er erkennt das Prinzip der Hundeschule: Wenn man immer genau das Gegenteil von dem macht, was man gerade möchte, gibt es zur Belohnung Leckerli.
Nach einem erlebnisreichen Urlaub in Tirol, der Klein-Anton weitere verblüffende Erkenntnisse über die Eigenheiten der Menschen beschert und Herrchen Emil eine überaus anstrengende Bergtour, geht es für Anton zum allerersten Mal auf die Jagd. Wie er dabei zum Helden wird, der sogar mit Foto in der Zeitung erscheint, das ist eine Geschichte für sich …
Mit viel Humor, Beobachtungsgabe und Dackel-Erfahrung erzählt Martin Blank die Abenteuer des kleinen Rauhaardackels Anton. Mit frechem Charme und Dackelblick schleicht sich Anton in die Herzen der Menschen in seiner Umgebung – und in die der Leserinnen und Leser. Wenn man dieses meisterhaft illustrierte Büchlein gelesen hat, möchte man am liebsten sofort einen Rauhaardackel-Welpen haben. Dass man Puppen, Schuhe und leckere Wurst am besten unter Verschluss hält, wenn man einen kleinen Anton im Haus hat, weiß man ja jetzt. Und auf den Schmäh mit dem Dackelblick würden wir nach dieser Lektüre sicher auch nicht mehr hereinfallen. Oder?
Wer den kleinen Anton in sein Herz geschlossen hat und nicht in der glücklichen Lage ist, selbst einen Dackel halten zu können, kann sich zumindest an weiteren illustrierten Abenteuern des liebenswerten Rauhaardackels erfreuen. Informationen dazu gibt auf der Homepage des Autors: http:// blank-dackel.de
Der Autor
Martin Blank erlebte seine ersten Jahre in der Nachkriegszeit einem kleinen Dörfchen im Hegau, in der Nähe des Bodensees. Seine zeichnerische Leidenschaft begann eigentlich in frühester Kindheit. Das Beobachten von Mensch und Tier seiner ländlichen Umgebung reizten ihn schon damals zur Karikatur, womit er so manchen Lacherfolg einheimste. Sein Talent brachte ihm während der Schulzeit, erst als Schüler, später als Lehrer, viele Sonderaufträge ein, die er mit Freude erfüllte. Dennoch haben ihn Generationen von Schülern nicht als Zeichner, sondern als Geschichtenerzähler in Erinnerung behalten. In seinen Büchern vereinen sich beide Talente, das Karikieren und das Erzählen, zu humorvoll-unterhaltsamen Gesamtkunstwerken, an denen besonders Tierfreunde ihre Freude haben.
Rezensent: Edith Nebel
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Kris Benedikt: My Tomcat from Mars – Mein Kater vom Mars. Zweisprachiger SF-Roman aus der Reihe „Boy Zone“, ab 12 Jahren, München 2008, Langenscheidt KG, ISBN 978-3-468-20547-7, Taschenbuch, 120 Seiten, 11 x 18 x 1,2 cm, EUR 5,95 (D), EUR 6,20 (A)
Ein Urlaub fällt ins Wasser
Familie Weber macht Urlaub im Haus der Familie Youngblood in Cornwall. Ihr Sohn, Mike Weber, fliegt mit der Familie seines Kumpels Bass nach Teneriffa zum Surfen. Und im Haus der Webers wohnt unterdessen die „Haustausch-Familie“ Youngblood. Soweit der Plan. Doch kurz vor der Abreise nach Teneriffa hat Bass einen schweren Surf-Unfall und die Reise der Jungs fällt buchstäblich ins Wasser.
Was wird jetzt mit Mike? Seine Eltern sind schon in Cornwall, bei der Familie seines Kumpels will er nicht wohnen, also bleibt er im Elternhaus, zusammen mit der Familie Youngblood.
Mit den Youngbloods stimmt was nicht
Gleich bei der ersten Begegnung wird Mike Weber klar, dass mit den Youngbloods etwas nicht stimmt. Was schleppen sie da kistenweise ins Haus? Und was ist mit Mrs. Youngblood los? Man sieht sie kaum je ohne intensiven Sonnenschutz, ihre Haut schimmert blass-grünlich und alles, was man sie je essen sieht, ist Rote Grütze. Nova, die Tochter, hat eine abgefahrene Punkfrisur, wirkt nicht ganz so zerbrechlich wie ihre Mutter und ist eigentlich ganz nett.
Mike kontaktiert seine Familie in Cornwall, und erfährt neben anderen mysteriösen Dingen, dass das Haus des Astrophysikers überquillt von Informationen über den Mars. Selbst Novas Kinderzeichnungen sind von der Mars-Manie der Familie beeinflusst. Stammen die Youngbloods von einer geheimen Mars-Kolonie? Ist Mrs. Youngblood gar ein Alien? Mike will unbedingt herausfinden, was los ist. Statt Surfurlaub auf Teneriffa macht er nun Detektivurlaub im eigenen Haus.
Ein Kater schnurrt Klartext
Eines Morgens liegt roter Marssand im Weberschen Wintergarten, Mr und Mrs. Youngblood sind mitsamt ihren Kisten spurlos verschwunden und Tochter Nova ist verzweifelt. Als wäre das noch nicht genug, geistert auf einmal ein Kater mit grünem Fell durchs Haus. Er schnurrt so intensiv, dass der Marssand in Bewegung gerät und die Worte formt: „Do you speak English?“
Der Kater stellt sich als „Earl Grey“ vor – und als marsianischer Ureinwohner. Was er zu erzählen, bzw. in den Sand zu schnurren hat, klingt unglaublich: Gerade als die Youngbloods durch ein Moongate ihre Kisten zur Marskolonie transportiert haben, ist er versehentlich dazwischen gestolpert und so im Haus der Webers gelandet. Das Gate wurde dabei zerstört. Und noch eine schlechte Nachricht hat er: Die Youngbloods sind auf dem Mars in Lebensgefahr, weil der Inhalt ihrer Kisten dort unschätzbar wertvoll ist. Dafür würden manche Kolonisten töten …
Drei Retter auf der Flucht
Mit sieben Purrolatoren aus dem Gepäck der Youngbloods improvisieren Nova, Earl Grey und Mike ein neues Moongate und stürzen sich ins Abenteuer Mars. Sie müssen Novas Eltern finden und warnen – oder retten.
Sekunden später stehen sie im marsianischen Zukunftsmuseum. Doch wem kann man hier trauen? Wen um Hilfe bitten? Und wie funktioniert diese exotische Gesellschaft überhaupt? Durch Zufall geraten die beiden Teenager an Novas Großeltern und erzählen ihnen alles. Doch das war keine gute Idee. Offenbar vertrauen die Großeltern den falschen Leuten und geraten in Schwierigkeiten. Jetzt sind Mike und seine Freunde nicht nur auf zweifacher Rettungsmission, jetzt sind sie auch noch auf der Flucht. Wer immer Novas Eltern mit ihrer wertvollen Fracht in seiner Gewalt hat, kann keine Zeugen gebrauchen.
In rasantem Tempo führt ihre Marsmission die drei Helden quer durch die Kolonie. Sie landen unter anderem in einer Katzenkonferenz und mit einem Gleiter mitten in der Stadt. Es geht ab durch die Hecke, mitten durchs Abwassersystem, hinein in ein Katzenkonzert und mit einem marsianischen Teeholz-Surfbrett einen unterirdischen Fluss entlang, wo Mike und Earl Grey eine ungeheuerliche Entdeckung machen …
Führt der Höllenritt durch die Marskolonie zum Erfolg? Werden Mike und seine Freunde Novas Eltern und Großeltern finden und retten können? Werden die Finsterlinge zur Rechenschaft gezogen? Was ist mit der wertvollen Fracht in den Kisten? Und welche Konsequenzen hat Mikes und Earl Greys Entdeckung?
Das Konzept: Englisch lernen mit Vergnügen
Zum Konzept der zweisprachigen Lektüre schreibt Langenscheidt: „Hauptfiguren unserer Lektüren sind immer deutsche Kinder, die aus einem bestimmten Grund mit der englischen Sprache konfrontiert werden, sie im Zusammenhang mit ihren Erlebnissen lernen und dabei durchaus auch Schwierigkeiten haben. Die altersgerechte, fesselnde Handlung wird – aus der Perspektive der Hauptfiguren – auf Deutsch erzählt. Wenn diese sich aber mit englischen Kindern unterhalten müssen sie natürlich Englisch sprechen. Die Dialoge sind daher auf Englisch.“
„Wer schon ungefähr zwei Jahre Englisch an Realschule oder Gymnasium gelernt hat, kann mit Mike auf dem Mars surfen. Wenn dann doch mal ein Wort nicht ganz klar ist, hilft ein Blick auf die Vokabelangaben auf derselben Seite garantiert weiter.“
Das Konzept scheint aufzugehen. Die zweisprachigen Lektüren wurden in den vergangnen Jahren bei Langenscheidt immer weiter ausgebaut. Es gibt sie für die unterschiedlichsten Zielgruppen, Alters- und Lernstufen. Und die Rezensentin kennt mindestens einen English Bookshop, in dem diese Lektüren zu den absoluten Bestsellern zählen …
Der Autor. Oder besser gesagt: Das Autorenteam
Wer jetzt denkt, diese skurrilen Personen und Szenarien klingen aber verflixt nach den Kinderbüchern von Christine Spindler/Tina Zang, dem sei versichert: Autor Kris Benedikt hat nicht etwa bei ihr abgeschrieben. Kris Benedikt ist ein Pseudonym für ein Autorenteam. Die eine Hälfte davon ist Christine Spindler, die andere Hälfte der Autor Thomas Endl, der Kinderbücher schreibt und Dokumentarfilme fürs Fernsehen dreht.
Ein tolles Team, mit dessen irrwitzigen Abenteuern Englischlernen ungefähr hundertfünf Mal so viel Spaß macht wie mit herkömmlicher trockener Schullektüre. Mike Weber und sein grüner Kater vom Mars hätten im Übrigen das Zeug zu Serienhelden …
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
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Christine Brügge: Und dann kam Luna, Stuttgart 2008, Frankh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, ISBN 978-3-440-11672-2, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 239 Seiten, Format 21,8 x 13,8 x 2 cm, EUR 14,95
Als die Journalistin Christine mit ihrem Mann aufs Land zieht, möchte sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen: Sie will wieder einen Hund. Ihr Mann Jonas, ohne jegliche Hundeerfahrung, sagt leichtfertig: „Klar!“ Er ahnt ja nicht, worauf er sich einlässt!
Wer einen Hund will, braucht ein dickes Fell
Es stellt sich als schwierig heraus, einen Hund zu bekommen. In den Tierheimen wird Christine nicht fündig, obwohl sie keineswegs übertrieben anspruchsvoll ist. Sie verlegt die Suche ins Internet, doch auch das funktioniert nicht. „Wochenlang füllte ich redlich Fragebogen aus und erfuhr, dass die von mir ausgewählten Pelznasen vor genau einer Minute bereits vergeben wurden oder schon vor einem Jahr.“ (S. 15)
Gerade, als Christine aufgeben will, kommt Luna ins Haus, ein blondes, mittelgroßes Hundemädchen aus Italien, 6 Monate alt. Und die frisch gebackenen Hundehalter stellen alsbald fest: „Wenn ein Hund einzieht, ist nichts mehr wie zuvor. Auch die Besitzer nicht.“ (S. 19) Der Anfang gestaltet sich in der Tat schwierig. Doch nach und nach gewöhnt sich Luna an ihr neues Zuhause. Wer sich nicht so leicht an seine neue Rolle gewöhnt, ist Jonas. Er muss erst lernen, mit Luna so zu kommunizieren, dass sie ihn versteht. Frauchen gibt Nachhilfe in hundgerechter Kommunikation, was zu komischen bis peinlich-absurden Szenen führt.
Wer einen Hund hat, hat ganz neue Sorgen
Was tut man, wenn das Tier sich langweilt? Ausgiebig spazieren gehen? Ganz viel Spielzeug kaufen? Einen Hunde-Spielkreis gründen? Und was macht man, wenn sich der neue Gefährte als extrem mäkeliger Fresser erweist, der vor vollen Näpfen zu verhungern droht? Sich einmal quer durchs Tierfutterangebot kaufen oder den Hund selbst bekochen? Warum alle diese Maßnahmen grandios scheitern, erzählt Christine Brügge auf hinreißend komische Weise.
Wer einen Hund hat, hat auch Ärger …
… mit verantwortungslosen Haltern anderer Hunde, zum Beispiel. Und mit klugsch***enden Mitmenschen, die einem immerfort ihre ungebetenen Ratschläge aufdrängen. Und auch Luna selbst sorgt für Verdruss, weil sie sich standhaft weigert, ins Auto zu steigen. Weil sie nicht für 5 Minuten alleine bleiben kann, ohne zu jaulen und das Haus umzudekorieren. Und weil sich mit Hund eine Partnerschaft fast ebenso stark verändert wie mit Kind.
Wer einen Hund hat, macht Erfahrungen
Christine und Jonas entdecken, welchen enormen Aufwand es bedeutet, mit dem Hund auch bei anhaltendem „Schietwetter“ täglich hinaus zu gehen. Sie erfahren, in welchen emotionalen Ausnahmezustand man versetzt wird, wenn das vierbeinige Familienmitglied krank ist – und wie grenzenlos die Erleichterung ist, wenn es wieder gesundet.
Wer einen Hund hat, macht sich manchmal zum Affen
Dass nicht alle Hundehalter ganz normal sein können, dämmert Christine und Jonas, als sie in Internetforen Rat für ein Hundeproblem suchen. Eine Lösung finden sie dort zwar nicht, aber jetzt wissen sie immerhin, was „Trolle“ sind. Als die beiden die Nachbarschaft samt Hunden anlässlich Lunas zweitem Geburtstag zu einer Party einladen, fragen sie sich selbst, ob sie nicht ein klein wenig übertreiben …
Wer einen Hund hat, lernt die Menschen kennen
Die einen halten Hunde für gefährliche Bestien, die anderen für Wilderer, die dritten verfallen in hysterische Bazillenfurcht, sobald ein Hund nur das Haus betritt. Aber darauf hat Christine die passende Antwort: „Hunde haben ein gutes Gespür für Menschen. Unser Hund will garantiert nichts von Ihnen.“ (S. 127) Heimlich denkt sie: „Und wir auch nicht.“ Hundefreunde werden das nachvollziehen können. Genau wie die Liebeserklärung in der Danksagung am Schluss des Buchs: „Luna, du bist ein komischer Hund. (…) Du bringst uns so oft zum Lachen. Und zum Staunen. Du bist eine Bereicherung auf vier Beinen. Wir lieben dich.“ (S. 139)
Ob man erfahrener Hundehalter ist oder eher der Jonas-Fraktion zuneigt – tierlieb aber ahnungslos – man wird sich über die turbulenten Geschichten des Paares, das auf den komplizierten Hund gekommen ist, köstlich amüsieren. Christine Brügge zieht ihre eigenes Verhaltens und das ihres Mannes mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie durch den Kakao. Und auch das Tun und Treiben von Freunden und Bekannten … die sicher so weit verfremdet sind, dass sich die realen Vorbilder nicht wiedererkennen. Denn auch wenn’s für die Leser saukomisch ist – wer möchte sich schon als nervige Nachbarin oder superpingelige Freundin porträtieren lassen?
Doch geht es in diesem Buch nicht nur um die Komik der Verzweiflung, die ausbricht, wenn das Chaos tobt, weil ein Hund den Alltag und die Partnerschaft auf den Kopf stellt, es geht auch um die erstaunliche Liebe zwischen Mensch und Hund. Ein Buch mit komischen und nachdenklichen Momenten – ideal für Hundehalter, die sich in vielem wiedererkennen werden, und für Menschen, die im Begriff sind, es zu werden. Die wissen dann gleich, was auf sie zukommt …
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
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Ulrike Renk: Seidenstadt-Schweigen. Tatort Niederrhein, Krefeld 2008, Leporello-Verlag, ISBN 978-3-936783-26-1, Taschenbuch, 240 Seiten, Format: 11,5 x 19 x 2 cm, EUR 9,90
Eigentlich sollte im Krefelder Zoo nur ein Rohrbruch repariert werden, doch der Bagger legt weit mehr frei als nur eine defekte Wasserleitung: eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg – und einen erschossenen Soldaten in Wehrmachtsuniform, den jemand fein säuberlich in eine Plane gewickelt hat. Ein sechzig Jahre alter Mordfall? Hauptkommissar Jürgen Fischer lässt den Leichnam in die Rechtsmedizin bringen. Vielleicht kann man den Toten identifizieren und die Angehörigen über sein Schicksal unterrichten. Mehr dürfte nach sechs Jahrzehnten kaum möglich sein.
Auch ohne einen cold case aus dem Krieg hat Fischer genug am Hals: Er muss seinen Chef vertreten, kämpft mit einem hohen Krankenstand im KK11 und ist zudem gerade dabei, mit seiner Lebensgefährtin Martina in ein gemeinsames Haus zu ziehen. Als wäre das nicht schon Stress genug, bekommt er anonyme Briefe, die erschreckend jenen gleichen, mit denen vor Jahren ein Serientäter seine Morde anzukündigen pflegte.
Um die Identität des toten Soldaten kümmert sich die zuständige Stelle beim Innenministerium und die Bauarbeiten im Zoo gehen weiter – da wird in der Baugrube ein zweiter Toter gefunden. Dieses Mal ist der Fall brandaktuell: Der Tierpfleger Henning Roepstorf wurde erschossen und an der Fundstelle des toten Soldaten abgelegt.
Das kann kein Zufall sein. Irgendwie müssen die beiden Fälle zusammenhängen. Nur wie? Der Tierpfleger war ein unauffälliger junger Mann. Eine traurige Kindheit und ein paar Jugendsünden sind das einzig Besondere in seinem Lebenslauf. Jetzt ist er engagiert im Beruf und im Vereinsleben, hat eine Freundin und einen großen Bekanntenkreis. Ist das Mordmotiv vielleicht in seiner Freundesclique zu suchen?
Dass es zwischen dem Mord an dem Soldaten und dem Mord an dem Tierpfleger einen Zusammenhang geben muss, davon ist der Leser noch weitaus stärker überzeugt als die Ermittler. Denn die Autorin erzählt uns parallel zu der Geschichte um den ermordeten Tierpfleger die Geschichte des neunzehnjährigen Fritz, einem Weberssohn aus Krefeld, der 1939 nach dem Reichsarbeitsdienst die Grundausbildung bei der Wehrmacht antritt und den Willen seines Vaters die Offiziersausbildung macht. Fritz kommt an die Front, es verschlägt ihn nach Dünkirchen und Nordafrika.
In Fritz’ Kriegserlebnissen tauchen immer wieder dieselben Familiennamen auf wie im aktuellen Fall des toten Tierpflegers. Schnell wird klar: Etwas so Ungeheuerliches muss damals geschehen sein, dass es Folgen hat bis zum heutigen Tag. Tödliche Folgen.
Doch die beiden Mordfälle sind nicht Hauptkommissar Fischers einziges Problem. Seine Noch-Ehefrau Susanne ist verschwunden. Als Fischer zu ihrem Haus fahren will, um nach Hinweisen auf ihren Verbleib zu suchen, setzt er sein Auto in den Graben. Die Ermittlungen ergeben: Ein Unfall war das nicht! Ist Fischer dem Mörder aus dem Zoo zu dicht auf den Fersen – oder hätte er die anonymen Drohbriefe ernster nehmen sollen?
Dieser hervorragend recherchierte Kriminalroman hat alles, was ein guter Krimi braucht: Spannung, Dramatik, raffiniert verwobene Handlungsstränge, überraschende Wendungen – und auch der menschliche Aspekt kommt nicht zu kurz. Die Polizeibeamten des KK11 sind weder Superhelden noch Schablonen, es sind Menschen wie Sie und ich, mit Stärken, Macken und Problemen. Jürgen Fischer hat sich von seiner Frau getrennt und fängt mit der verwitweten Staatsanwältin Martina Becker ein neues Leben an. Seine Kollegin Sabine Thelen hat noch an traumatischen Ereignissen aus jüngster Vergangenheit zu knabbern.
Freunden der Reihe sei verraten, dass natürlich auch Jakob Schink, der gut informierte alte Herr mit Hund, wieder seinen Auftritt haben wird. Wenn dieser Mann freundlich zu plaudern anfängt, hört man besser ganz genau zu …
Rezensent: Edith Nebel
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