Weltgrösste Tiergeschichtensammlung


Ulrike Renk: Echo des Todes – Eifelthriller
1, 9 November, 2009, 6:41
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„Ich habe einen Leichenhund und einen Freund, der sich mehr mit Toten beschäftigt als mit mir, dachte ich. Ich hätte Bestatterin werden sollen.“ (S. 145)

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Ulrike Renk: Echo des Todes – Eifelthriller, Berlin 2009, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-2549-2, 259 Seiten, Format: 11,5 x 19 x 2 cm, EUR 8,95.

ECHO-COVER

Manchmal kommt es knüppeldick von allen Seiten. In so einer Phase steckt derzeit Constanze von Aken, Mitte 30, Psychologin und liiert mit dem 8 Jahre älteren Rechtsmediziner Martin Cornelissen.

Privat ist die Situation angespannt, weil Constanze und Martin derzeit keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben. Sie sitzt in der gemeinsamen Wohnung in Aachen, er arbeitet in Köln und hat während der Woche ein Zimmer bei einem Freund. An den Wochenenden renovieren sie gemeinsam ein altes Häuschen in der Eifel, was sie nicht nur zeitlich überfordert. Viel Stress und wenig Zeit füreinander, das ist nicht gerade beziehungsförderlich. Und versteht sich Martin nicht ein bisschen zu gut mit seiner Assistentin?

In diese unerfreuliche Situation platzt die Nachricht, dass der Totschläger Robert Theißen aus dem Vollzug entlassen wurde. Constanzes Gerichtsgutachten vor acht Jahren hatte maßgeblich zu seiner Verurteilung beigetragen. Jetzt besteht die Gefahr, dass er sich an ihr rächen will.

Trotz aller Sorge um Constanze ist das Wasser auf Martins Mühlen. Er hat die Gutachtertätigkeit seiner Lebensgefährtin schon immer für zu gefährlich gehalten. Und so langsam fragt sich Constanze, ob er nicht Recht damit hat. Oder verliert sie vor lauter Stress den Verstand? War tatsächlich jemand in ihrem Wochenendhaus, oder gibt es für das Verschwinden von Milch und Nachthemd eine harmlose Erklärung? Wer ruft sie mit unterdrückter Rufnummer auf ihrem Handy an, dessen Nummer nur ein paar handverlesene Leute kennen? Ist es Robert Theißen? Und was ist mit dem Türschloss in ihrer Praxis passiert? Sind das Einbruchsspuren?

Staatsanwalt Werner Bromkes nimmt die Vorfälle so ernst, dass er Constanze die Spurensicherung vorbeischickt. Doch die findet nichts. Und Constanze ist mit ihrer Angst vor dem Stalker wieder die meiste Zeit allein. Ihr Hund Charlie, ein pensionierter Leichenspürhund, ist als Wachhund keine große Hilfe. Hunde wie er werden ja erst aktiv, wenn’s schon zu spät ist.

Auf einmal hat das Paar auch noch einen gemeinsamen Fall: Auf Martins Seziertisch landet ein Unbekannter, der tot im Wald gefunden wurde. Offenbar ein Junkie, ein Obdachloser, jedoch mit erstaunlich gepflegten Fingernägeln und kurz geschorenem Haar. Entdeckt hat ihn die 16-jährige Nadine, eine von Constanzes Patientinnen. Ein Erlebnis, das dem Mädchen schwer zu schaffen macht.

Bei der Leiche gibt es ein paar merkwürdige Auffälligkeiten. Martin glaubt nicht an eine natürliche Todesursache, bekommt aber die notwendigen Untersuchungen nicht genehmigt. Die Staatsanwaltschaft will den Fall rasch abschließen. Constanze vermutet, dass Nadine mehr über Toten weiß als sie sagt, bekommt aber aus dem Mädchen nichts heraus.

Die Psychologin wird immer nervöser. Ob sie in der Praxis ist, in ihrer Wohnung in Aachen oder im Wochenendhaus, der Stalker ist allgegenwärtig. Jetzt schickt er ihr schon Päckchen! Und ihr Lebensgefährte Martin ist mehr und mehr beruflich eingespannt und abwesend. Da ist es ein Glücksfall, dass sich einer der Nachbarn in der Eifel als ihr Studienkollege Wolfgang entpuppt. Constanze kann einen Freund brauchen.

Als ein zweiter Toter gefunden wird, der unter ganz ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist wie der Unbekannte im Wald, glaubt niemand mehr an einen Zufall. Dann verschwinden zwei Menschen, die möglicherweise etwas über die mysteriösen Todesfälle gewusst haben. Wussten sie mehr, als gut für sie war? Kann vielleicht der wohnsitzlose Mannie Licht ins Dunkel bringen? Er hat die beiden Toten gekannt. Doch aus seinen wahnhaft wirren Ausführungen wird niemand schlau.

In einer Gewitternacht in der Eifel überschlagen sich die Ereignisse und Constanze wird schlagartig klar, wie alles zusammenhängt. Die Wahrheit ist so ungeheuerlich, dass man sie ihr vielleicht gar nicht glauben wird. Doch das ist im Moment Constanzes geringstes Problem …

„Charakteristisch für Thriller ist Spannung, die nicht nur in kurzen Passagen, sondern fast während des gesamten Handlungsverlaufs präsent ist,“ schreibt Wikipedia zum Thema „Thriller“. Und das passt! Wie durch die Aktionen des Stalkers das Unheimliche, Bedrohliche, Unberechenbare in Constanzes Alltagsleben Einzug hält, ist so packend erzählt, dass es schon Leserinnen bis in ihre Träume hinein verfolgt hat.

Diese Geschichte ist so nah an der Realität, dass wir uns alle vorstellen können, wie man sich fühlt, wenn ein vollkommen Unbekannter über einen längeren Zeitraum hinweg in unsere Privatsphäre eindringt und demonstrativ unseren persönlichen Schutzraum verletzt. Es ist eine Art psychischer Vergewaltigung. Das Dumme ist, dass man sich kaum dagegen wehren kann, weil man eben nur die Aktionen des Stalkers mitbekommt. Er selbst agiert im Verborgenen, bleibt unsichtbar und ist nicht zu greifen. Es ist, als sei man einem Geist ausgeliefert, der aber jederzeit zu einer höchst realen Bedrohung für Leib und Leben werden kann.

Das allerdings scheint ein Thema zu sein, der hauptsächlich Frauen anspricht. Männer verbinden mit dem Begriff Thriller wohl eher durchgehend rasante Action. Die Herrn der Schöpfung packt dieser Thriller dann, wenn es um die Aufklärung der mysteriösen Mordfälle geht. Denn dabei geht es wirklich filmreif zur Sache!

Erfreulich – und bei Thrillern nicht unbedingt selbstverständlich – ist es, dass es sich bei den Personen des Romans nicht um irgendwelche Super-Actionhelden handelt, sondern um ganz normale Menschen, die Stress im Job haben und Knatsch mit ihren Liebsten. Sie müssen den Kühlschrank füllen, sich mit Handwerkern rumärgern und mit dem Hund rausgehen. Wenn dann Mord und Stalking in dieses vertraute Alltagsszenario einbrechen, wirkt das umso bedrohlicher.

„Schaurig-schön realitätsnah“ nannten die Aachener Nachrichten Ulrike Renks Eifelthriller. Auf Leser aus der Region wird der Roman in besonderem Maße so wirken, weil sie viele Orte des Geschehens aus eigener Anschauung kennen. Aber auch wer die Eifel nur besuchsweise oder vom Hörensagen kennt, wird gut und spannend unterhalten werden. Und wem der Thriller gefällt, der kann sich freuen: Im Herbst 2010 wird der zweite Band um die Psychologin und Gerichtsgutachterin Constanze Van Aken erscheinen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Charlaine Harris, Toni L.P. Kelner (Hrsg.): Werwölfe zu Weihnachten
1, 29 Oktober, 2009, 6:36
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Charlaine Harris, Toni L.P. Kelner (Hrsg.): Werwölfe zu Weihnachten, OT: Wolfsbane and Mistletoe, 15 Kurzgeschichten, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3-423-21175-8, 479 Seiten, Format: 12 x 19 x 2,8 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30‚(A)

Werwolfcover

Jede Wette: Die beiden Herausgeberinnen hatten eine Menge Spaß mit dieser Kurzgeschichtensammlung. Nachdem ihre vorige Anthologie „Happy Bissday“ – Vampirgeschichten zum Thema Geburtstag – so gut ankam, haben Charlaine Harris und Toni Kelner dieses Erfolgsrezept erneut aufgegriffen. Sie haben sich eine schräge Begriffs-Kombination ausgedacht – Werwölfe und Weihnachten –, dann eine Reihe bekannter Autorinnen und Autoren angeschrieben und sie um eine Kurzgeschichte zu diesem Thema gebeten.

J. K. Rowling hatte etwas Besseres zu tun, aber die meisten anderen Schriftsteller haben noch eine Story in ihrem Terminplan untergebracht. Charlaine Harris und Toni Kelner konnten für diese Anthologie wieder mal aus dem Vollen schöpfen. Herausgekommen ist eine wilde Mischung aus spannenden, witzigen und gruseligen Werwolf-Geschichten, geschrieben von ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet.

„Am besten bei Vollmond lesen – aber die Türen gut verschlossen halten“, empfiehlt der Verlag. Ob Sie das wagen möchten, müssen Sie selbst entscheiden. Hier ein kleiner Einblick in das, was Sie in diesem abwechslungsreichen Band erwartet:

Charlaine Harris: Ein unvergessliches Weihnachtsfest, OT: Gift Wrap, deutsch von Britta Mümmler. Weil Freunde und Verwandte andere Pläne haben, muss Sookie Stackhouse, die gedankenlesende Kellnerin, das Weihnachtsfest dieses Jahr alleine verbringen. Dass es trotzdem weder einsam noch langweilig wird, dafür sorgen ein verletzter Werwolf, den Sookie bei einem Waldspaziergang findet, und ihr Urgroßvater Niall Brigant.

Donna Andrews: Das har des thieres, OT: The Haire of the Beast, deutsch von Barbara Ostrop. Tom möchte ein Werwolf werden. Bei der Übersetzung des Zaubertrank-Rezepts soll ihm seine Schwester helfen. Schließlich versteht sie etwas von alten Sprachen. Ob das Rezept auch mit Haaren vom Nachbarshund funktioniert, wenn gerade kein Werwolfsfell zur Hand ist? Jetzt wäre es hilfreich, wenn man den Trank vorab testen könnte …

Simon R. Green: Lucy, alle Jahre wieder, OT: Lucy at Christmastime, deutsch von Christine Blum. Er ist ein Werwolf, und wie jedes Jahr verbringt er Heiligabend im „Strangefellows“, der ältesten Kneipe der Welt. „Dort, wo Träume wahr werden können, wenn man nicht gut aufpasst“ (S. 46). Er trifft sich mit Lucy, die seine erste große Liebe war. Doch das ist nicht das einzige, was die beiden verbindet …

Dana Cameron: Die Nacht, die alles verwandelte, OT: The Night Things Changed, deutsch von Britta Mümmler. Psychiaterin Claudia ist Vampirin, ihr Bruder Gerry Privatdetektiv und Werwolf. Werwölfe, so erfahren wir, sind auf der Welt, um das Böse auszulöschen, Vampire, um Blut zu reinigen und zu heilen. Beide gehören zu den Guten. Ein Patient, der Claudia in ihrer Praxis angreift, bringt das Weltbild der Geschwister ins Wanken …

Kat Richardson: Ein Werwolf zu Weihnachten, OT: The Werewolf Before Christmas, deutsch von Barbara Ostrop. Durch einen Flugzeugabsturz hat es den Werwolf Matt an den Nordpol verschlagen. Nachdem er dort das Leit-Rentier des Weihnachtsmanns gefressen hat, hat er ein Problem. Kurzerhand macht ihn Santa-Claus nämlich zum Ersatz-Zug- und Flugtier. Und auch sonst ist der alte Herr für manche Überraschung gut …

Alan Gordon: Ungebetene Gäste. OT: Fresh Meat, deutsch von Britta Mümmler. Sam Lehrmann ist Hundetrainer und ein Werwolf. Vor seiner Freundin Mona konnte er letzteres geheim halten, doch nicht vor Mr. Taylor. Der hat etwas gegen Werwölfe und rückt ausgerechnet an Heiligabend mit seinen Söldnern an, um Sam den Garaus zu machen. Doch Sam ist nicht so wehrlos und unvorbereitet wie Taylor meint. Und auch nicht so allein …

Carrie Vaughn: Il es né, OT: Il Est Né, deutsch von Ute Brammertz. Werwolf David hat keine Ahnung, wie er seine Verwandlungen kontrollieren kann. An Weihnachten trifft er zum ersten Mal im Leben auf eine Artgenossin. Doch ehe sie ihm hilft, wäre noch zu klären, ob David nicht ein gesuchter Serienmörder ist. Aufgrund seiner Erinnerungslücken wäre alles möglich. In Wolfsgestalt leisten die beiden Detektivarbeit …

Dana Stabenow: Das perfekte Geschenk, OT: The Perfect Gift, deutsch von Britta Mümmler. „Wenn wir ihre Population nicht dezimieren, wird bald auf alle Jagd gemacht“ (S. 202). Mennaro, seine Männer und seine Nichte Neri rüsten sich zum Kampf. Doch wer jagt hier wen? Dass die Polizei den oder die Wolfsmörder sucht ist klar. Aber wie passen Mennaro und seine Leute ins Bild? – Wer auf die Personennamen achtet, kommt vielleicht den raffinierten Wendungen in dieser erotischen Geschichte auf die Spur …

Keri Arthur: Der Geist der vergangenen Weihnacht, OT: Christmas Past, deutsch von Christine Blum. Hannah hat ein untrügliches Gespür für das Böse und arbeitet im Dezernat für paranormale Angelegenheiten des FBI. Jetzt steht sie frierend im Elfenkostüm auf der Straße, als Lockvogel für den vampirischen Spendensammler-Mörder, und muss ausgerechnet mit ihrem Ex, dem Werwolf Brodie, zusammenarbeiten …

J.A. Konrath: Das Buch Bob, OT: SA, deutsch von Christine Blum. Kommt ein Mann mit einer Stuhlprobe zum Arzt … Was wie ein Stammtischwitz beginnt, steigert sich zu einer furiosen Geschichte, originell, tierisch komisch und unheimlich abgefahren. Knöpfe, Reißverschlüsse, Schmuckstücke und Zähne findet der Arzt in der Stuhlprobe von Robert Weston Smith. Smith, der sicher ist, nichts dergleichen verzehrt zu haben, fragt sich, wie diese Fremdkörper in seinen Körper kommen. Seine Internetrecherchen ergeben, dass er ein Therianthrop sein könnte, ein Wergeschöpf.

Auch dafür gibt es zum Glück Selbsthilfegruppen. Smith tritt einer solchen bei und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur, dass er Wereichhörnchen, Werschildkröten und sogar Werkorallen (!) begegnet, er erfährt auch wer die schlimmsten Feinde der Therianthropen sind. Wenn er das mal vorher gewusst hätte!

Patricia Briggs: Davids Stern, OT: The Star of David, deutsch von Barbara Ostrop. Der sechzehnjährige Devonte Parish liegt im Krankenhaus und behauptet, von einem Vampir angegriffen worden zu sein. Sozialarbeiterin Stella Christiansen zuckt nicht mit der Wimper und ruft ihren Vater David zu Hilfe. Der ist Ex-Soldat und Werwolf. Seine Theorie: Der Vampir wird keinen Zeugen am Leben lassen wollen und bald bei dem Jungen auftauchen. David und Stella legen sich auf die Lauer …

Nancy Pickard: Besser nicht schmjollen, OT: You’d Better Not Pyout, deutsch von Barbara Ostrop. Die russischen Vampir-Vettern Pascha und Serge machen sich von Miami Beach aus auf den Weg zum Nordpol um zu überprüfen, ob der Weihnachtsmann und seine Elfen tatsächlich Vampire sind wie sie. Wie sie dann allesamt in Südafrika landen, wo die Werwölfin Ingrid dem Wildhundrudel helfen möchte, von dem sie großgezogen wurde, das ist eine Geschichte für sich. – Abgedreht und ein bisschen, äh, mjerkwürdig.

Karen Chance: Schwarze Schafe, OT: Rogue Elements, deutsch von Christine Blum. Fünf Werwölfinnen sind verschwunden. Die Clans bitten den „Silbernen Kreis für Weiße Magie“ um Hilfe, und der Fall landet auf dem Schreibtisch der Kriegsmagierin Accalia de Croisset. Weil ihre Mutter eine Werwölfin war, erhofft ihr Chef sich Insider-Informationen. Doch Accalia ist eine Ausgestoßene, die Clans werden ihr nicht helfen. Dass sie sich mit einem anderen Außenseiter-Wolf zusammentut, bringt überraschende Resultate …

Rob Thurman: Milch und Plätzchen, OT: Milk and Cookies, deutsch von Britta Mümmler. Blöde Weihnachten! Der dreizehnjährige Nikolai trauert der Zeit hinterher, als er sich noch auf den Weihnachtsmann freuen konnte. Außerdem hat ihn Jed, der mieseste Schläger der Schule, auf dem Kieker. Zwar hat Nikolai seinem Vater versprochen, sich keinen Ärger einzuhandeln, aber manchmal darf man die A***löcher dieser Welt einfach nicht gewinnen lassen … – Eine blitzböse Geschichte, in der nichts so ist wie es zunächst scheint.

Toni L.P. Kelner: Denn siehe, er hütet seine Herde, OT: Keeping Watch Over His Flock, deutsch von Britta Mümmler. Statt, wie versprochen, mit seinem Ziehsohn Jake durch die weihnachtlicheVollmondnacht zu streifen, passt Leit-Werwolf Brian auf seine kleine Tochter auf. Teenager Jake ist sauer und zieht verbotenerweise alleine los. Prompt gerät der unerfahrene junge Werwolf in eine Situation, die ihn überfordert …

Die Disney-Cola-Plastik-Weihnachtsstimmung in den Geschichten wirkt auf einen europäischen Leser schon sehr amerikanisch. Andererseits … je kitschiger die heile Welt, desto größer ist der Kontrast zu den unheimlichen Geschöpfen, die sich darin herumtreiben. Und dann passt’s ja wieder.

Auf jeden Fall ist die Kurzgeschichtensammlung sehr abwechslungsreich und vergnüglich und durchaus nicht nur was für minderjährige weibliche Fans des Urban-Fantasy-Genres. Romantik pur darf man in dieser Anthologie nicht erwarten. Bei manchen Geschichten ist es hilfreich, wenn man bei etwas derberem Humor und grob gestrickter Wildwestmoral nicht gleich schockiert in Ohnmacht sinkt. (Gerade diese Beiträge erweisen sich oft als besonders unterhaltsam.)

Kurzbiographien sämtlicher teilnehmender Autorinnen und Autoren runden den Band ab und bescheren dem Leser manch eine überraschende Erkenntnis. Und wer auf den Geschmack gekommen ist und von dem einen oder anderen Schriftsteller noch mehr lesen möchte, erfährt auch etwas über sein übriges Werk. Bei ein paar TeilnehmerInnen dürfte es sich durchaus lohnen, sie im Auge zu behalten.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Claus Beese: Petrus’ starke Truppe – Katastrophales vom Angelwasser
1, 14 Oktober, 2009, 6:10
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Claus Beese: Petrus’ starke Truppe – Katastrophales vom Angelwasser, 20 Kurzgeschichten mit Illustrationen von Lothar Liesmann, Goldebek 2009, Mohland Verlag, ISBN 978-3-86675-100-2, 164 Seiten, Softcover, Format: 20,4 x 14,4 x 1,2 cm, EUR 10,00.

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„Oha, Alarm! Meine Aalrute hatte sich selbständig gemacht und rutschte ganz langsam den Uferhang hinunter auf das Wasser zu. Im letzten Moment und mit einer artistischen Showeinlage erwischte ich sie, verlor aber nun endgültig den Halt. Im gestreckten Spagat rutschte ich selber den Hang hinab und hielt erst an, als mein nach vorn gestrecktes Bein Grundberührung hatte. Mein Stiefel lief blubbernd voll, und meine Tochter stand vor Vergnügen quietschend auf der anderen Seite des Sieleinlaufs.“ (Seite 108/109)

Skurrile, witzige, sympathische und brummige Petri-Jünger begegnen uns in Claus Beeses humorvollen Kurzgeschichten. Der Untertitel „Katastrophales vom Angelwasser“ kommt nicht von ungefähr, denn wo Angler wie Claus, Bodo, Joachim, Opa Diercks, Hermann und der langsame Erich zugange sind, da ist das Chaos meist nicht weit.

Dabei entspringen die geschilderten Ereignisse nicht etwa der regen Phantasie des Verfassers! Die Helden gibt oder gab es wirklich. Sie haben die Abenteuer in diesem Buch auch tatsächlich erlebt – wenn der Autor sie auch mit dem Hauch eines anglerlateinischen Akzents erzählen mag.

Die Geburtshilfe
Was macht ein passionierter Angler, dem ein aufgeregter werdender Vater im Weg herumhüpft und ihm die Fische verscheucht? Er lenkt ihn ab. Opa Diercks hat da seine ganz eigene Methode …

Omas Meisterstück
Auch Mütter stecken voller Überraschungen. So hat Claus bis dato nicht geahnt, dass seine Mutti eine ausgezeichnete Anglerin ist. Das stellt sich erst bei einem gemeinsamen Urlaub heraus. Zum Glück für ihn können Mütter auch Geheimnisse bewahren …

Ein treuer Freund
In dieser Story wird es ganz schön unheimlich. Mitten in der Nacht fahren Claus, Bodo und Joachim flussabwärts in ein entlegenes Anglerparadies. Doch was den dreien dort begegnet, verdirbt ihnen den Spaß am Angeln gründlich …

Nur ein Osterei
Opa Diercks hat vergessen, dass Ostersonntag ist und ist angeln gegangen. Wie enttäuscht wird seine Frau sein, wenn er ohne Osterei nach Hause kommt! Undenkbar! Also muss eines her, gekocht und gefärbt. An kreativen Einfällen hat es dem alten Herrn zum Glück noch nie gemangelt …

Oma entkommt keiner
Fische fangen können Claus Ehefrau und seine Mutter sehr gut und tun es auch mit Leidenschaft. Nur wenn es ans Schlachten und Ausnehmen der Fische geht, lässt ihre Begeisterung rapide nach …

Elektrowürmer
Bei anhaltender Sommerhitze braucht der Angler schon ein paar Tricks um an die Tauwürmer zu kommen, die er als Köder braucht. Opa Diercks probiert es mit einem elektrischen Gerät der Marke Eigenbau. Doch beim Ersteinsatz kommt es zu einer folgenschweren Panne, die für Diercks bestimmt kein Vergnügen ist. Für den Leser umso mehr …

Stippfischer
Angelblei im Hobykeller basteln – eine gute Idee. Zumindest in der Theorie. Mit Maden statt mit Tauwürmern angeln – eine sehr gute Idee. Wenigstens in diesem Fall. Sich mit einer Gruppe gestandener Angler anzulegen: ein absolut dämlicher Einfall …

Alles kleine Fische
Wer sagt, dass es nicht auf die Größe ankommt? Erich mag ja nicht der Schnellste sein, aber um einen riesigen Hecht zu fangen, gibt er alles …

Dem Nachwuchs eine Chance
Dass es kein guter Einfall ist, ein Kleinkind mit zum Angeln zu nehmen, ist Claus schon klar. Aber dass es so chaotisch werden würde, das hätte er sich nicht träumen lassen …

Podderaale
Wenn man in stockdunkler Nacht aalepoddernd mitten im Schilf sitzt, sollte man sich die Zeit nicht unbedingt mit dem Erzählen gruseliger Geschichten vertreiben. Sonst wird der Angeltrip ratzfatz zum Horrortrip …

Ein wasserscheuer Nasenbär
Wie es kommt, dass Nichtschwimmer Hermann beim Hechtangeln auf einmal rittlings auf einem Ahornstamm sitzt und durch den herbstkalten Teich dümpelt, das ist eine Geschichte für sich …

Der Entenhecht
Womit ködert man einen Hecht, der Enten frisst? Genau! Mit einer Ente. Und wenn man gerade keine zur Hand hat, dann bastelt man sich eine. Claus geht frisch ans Werk mit allem was der Hobbykeller hergibt. Ob das wohl gut geht?

Mord kommt nicht in Frage
Auch wenn Claus’ Tochter mittlerweile dem Kleinkindalter entwachsen ist, ist es immer noch keine gute Idee, sie mit zum Angeln zu nehmen. Erst verschwinden seine Stiefel, dann seine Verpflegung. Doch es kommt noch schlimmer …

Boilies
Mit Boilies fängt man Karpfen. Und da Klaus keine von den „Fischpralinen“ mehr vorrätig hat, bereitet er kurzerhand selber welche zu. Dabei saut er zwar die frisch geputzte Küche ein, doch der Aufwand scheint sich zu lohnen. Zumindest Claus’ Frau fängt jede Menge Fische. Das kann doch nur an Claus’ selbst gemachtem Superspezial-Köder liegen! Oder?

Glücksfälle
Claus und Joachim sind am Angelplatz, doch die Wurmdose haben sie zu Hause vergessen. Was tun? Umkehren oder improvisieren? Improvisieren natürlich! Claus hat auch schon eine Idee …

Bei Thor und Odin und Vom Umtausch ausgeschlossen
Diese beiden Geschichten erzählen von einer weiteren Leidenschaft von Angler Claus: Er träumt von einem eigenen Motorboot um damit auf Dorschfang zu gehen und mit der Familie Wochenendtrips und Urlaubsreisen zu unternehmen. Kaum hat er eine schrottreife Motorjacht gekauft und mit viel Mühe und Aufwand in ein Schmuckstück verwandelt, ist die Familie auch schon aus dem Boot herausgewachsen. Ein größeres Boot müsste her. Doch dieser Wunsch ist nicht budgetkompatibel. Sind die Träume von Urlaub und Dorschfang mit dem eigenen Boot nun ausgeträumt …?

Nur ein Weihnachtsgeschenk
Was schenkt man einem leidenschaftlichen Angler zu Weihnachten? Claus’ Familie lässt sich in einem Angelladen fachmännisch beraten. Dabei kann nicht viel schief gehen, sollte man meinen. Warum der Laden am Schluss renovierungsbedürftig ist, das sollten Sie unbedingt selber lesen …

Die Leuchtpose
Ist man nachts als Raubfischer unterwegs, empfiehlt sich nicht unbedingt die Verwendung von Leuchtposen. Da kann man für den Fischereiaufseher ja gleich eine Leuchtreklame aufhängen: „Huhu, hier sind wir!“ Können sich Claus, Bodo und Joachim trotzdem unbemerkt aus der Affäre ziehen?

Rache ist süß
Was haben sie in den vergangenen Jahren vor dem Fischereiaufseher gezittert, Claus, Joachim und Bodo! Und jetzt stellt sich heraus, dass der angebliche Aufseher nur ein Wichtigtuer von eigenen Gnaden war und selbst recht eifrig als Fischwilderer unterwegs ist. Da ist doch eine kleine Revanche fällig! Wie gut, dass es den kreativen Tüftler Bodo gibt …!

***

Es ist genau so, wie es im Klappentext steht: „An Petrus’ starker Truppe haben garantiert nicht nur Angler Spaß, sondern auch deren leidgeprüfte bessere Hälften und sogar Menschen, die Angeln bisher für entsetzlich langweilig hielten. Das Gegenteil ist der Fall!“

Die Rezensentin, die noch nie in ihrem Leben angeln war, versichert Ihnen: Das Buch ist nicht nur etwas für Experten, es ist tatsächlich auch laientauglich. Was man an Fachwissen haben muss, um den Geschichten folgen zu können, wird kurz und unaufdringlich erläutert oder ergibt sich elegant aus dem Zusammenhang. Und so können sich selbst Mitmenschen, die Fische hauptsächlich aus der Dose kennen, köstlich über Elektrowürmer, Leuchtposen, Boilies & Co. amüsieren.

Ob Sie passionierter Angler, sachkundiger Angehöriger oder absoluter Laie sind: Wenn Sie das Buch irgendwo im öffentlichen Raum lesen, sollten Sie sich darauf gefasst machen, durch plötzliche Lachsalven aufzufallen und eventuell auf Ihre Lektüre angesprochen zu werden. Wenn das geschieht, dann nennen Sie Ihrem interessieren Gegenüber einfach freundlich den Buchtitel und den Namen des Verfassers. „Petrus’ starke Truppe“ kann man guten Gewissens weiterempfehlen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Maja Franklin: Bei dir fand ich das Paradies – Liebesroman
1, 14 September, 2009, 3:37
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Maja Franklin: Bei dir fand ich das Paradies, Liebesroman aus der Reihe ROMANA, Hamburg 2009, CORA-Verlag GmbH & Co. KG, Band 1801, Taschenheft, 156 Seiten, Format 12,5 x 18,2 x 0,7 cm, EUR 2,40 (D), EUR 2,50 (A), CHF 5,00 (CH).

Paradies-Cover

Auf eigene Rechnung fliegt die blutjunge freie Journalistin Ashley Riverside auf die Malediven. Ihr Ziel ist es, den Meeresbiologen Joshua Thompson ausfindig zu machen, der vor drei Jahren nach einem Skandal um unterschlagene Forschungsgelder verschwunden ist und hier auf einer der Inseln leben soll. Sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist und den Artikel darüber an das Lifestyle-Magazin CITY PEOPLE verkaufen.

Sie hat vorbildlich recherchiert, der Mann ist schnell gefunden. Doch ihre erste Begegnung verläuft nicht eben viel versprechend. Als Ashley sich seiner Behausung nähert, tritt sie in einen Seeigel und Thompson muss ihr notgedrungen zu Hilfe kommen. Ein griesgrämiger, bärtiger Einsiedler, der ausgesprochen ruppig reagiert, als Ashley sich im Verlauf des Gesprächs als Journalistin zu erkennen gibt.

Auch wenn Ashley attraktiv, intelligent und sympathisch zu sein scheint, von Frauen und Journalisten hat der Joshua Thompson auf Grund vorangegangener Erfahrungen erst einmal die Nase voll. Da zieht er die Gesellschaft der Meeresbewohner, allen voran der Delfine, deren Lautsprache er derzeit erforscht, entschieden vor. Doch so schnell gibt Ashley nicht auf. Aus ihrer Zeit als Klatschreporterin hat sie eine gehörige Portion Beharrlichkeit zurückbehalten.

Es kommt zu einer Art Waffenstillstand zwischen dem Meeresbiologen und der Journalistin. Über seine Vergangenheit will er nicht sprechen, mit dem großen Enthüllungsartikel wird es also einstweilen nichts werden. Aber er ist bereit, Ashley bei einer Reisereportage zu helfen. Er bringt ihr das Tauchen bei und vermittelt ihr das für ihren Artikel nötige Wissen über die Unterwasserwelt.

„Wenn ich sie mit Informationen versorge, überlegte er, steht dort zumindest fundiertes Fachwissen drin. Und es gab einen Artikel weniger, über den sich Leute, die sich mit der Materie auskannten, ärgern mussten.“ (S. 36) Das ist natürlich nur ein Teil der Wahrheit. Auch wenn Joshua Thompson es nicht zugeben will: Er genießt Ashleys erfischende Gesellschaft und träumt alsbald von einer Beziehung, zumindest aber von einer Affäre mit ihr. Doch sie ist Journalistin, und damit, bei aller Sympathie und Attraktivität, der natürliche Feind eines Menschen mit dunkler Vergangenheit.

Auch Ashley muss sich bald eingestehen, dass sie sich in den einsiedlerischen Wissenschaftler verliebt hat, räumt der Geschichte aber genau so wenig Zukunft ein wie er. Auch sie hat eine Vorgeschichte, die es ihr schwer macht, an Liebe, Glück und Vertrauen zu glauben. Und außerdem: Wenn sie hier auf der Insel bliebe, was würde dann aus ihrem Traum von einer großen Karriere als Journalistin werden?

Doch momentan genießt Ashley ihren Aufenthalt auf der Insel wie einen Urlaub. Sie arbeitet mit Joshua Thompson zusammen, sie flirten miteinander und er bekocht sie mit einem unsagbar romantischen Abendessen. Doch beide sind sich ganz sicher, dass keine Beziehung daraus werden kann, darf und wird.

Schlagartig vorbei ist es mit der paradiesischen Urlaubsstimmung, als einer von Thompsons Delfinen schwer verletzt angeschwommen kommt. Ashley hilft Joshua dabei, das Tier zu verarzten und kann nicht fassen, was der Meeresbiologe als Erklärung für die Verletzung liefert: „Hier sind schon länger Tierfänger unterwegs. Sie haben es auf seltene Fische und Korallen abgesehen, aber oft verletzen sie durch ihre Netze oder mit ihren Boten auch Delfine.“ (S. 65)

Die Wasserschutzpolizei, so erfährt Ashley, ist machtlos gegen die Bande. Am liebsten würde Joshua den Tierfängern selbst das Handwerk legen. Eine gefährliche Äußerung, wenn man sie gegenüber einer ehrgeizigen jungen Journalistin macht! Als Ashley erfährt, auf welcher der kleinen Inseln das Versteck der Tierfänger vermutet wird, begibt sie sich, bewaffnet mit Kamera und Diktiergerät, klammheimlich dort hin. Doch sie hat ihre Gegner gründlich unterschätzt. Bei ihrem leichtsinnigen Besuch in der Höhle des Löwen gerät sie in tödliche Gefahr.

Wird sie den kriminellen Tierfängern entkommen können? Und wie wird Joshua Thompson auf die Nachricht der CITY PEOPLE-Redaktion reagieren, die an Ashley gerichtet und gar nicht für seine Augen bestimmt ist? Es ist ein Versehen, dass er sie zu Gesicht bekommt. Und es ist eine Katastrophe …

Man fühlt sich wie im Urlaub, wenn man diesen Roman liest. Das ist auch das Konzept der Reihe ROMANA. Und es ist fast nicht zu glauben, dass die Autorin nie selbst Taucherurlaub auf den Malediven gemacht hat, sondern all ihr Wissen und all die farbigen und plastischen Stimmungsbilder allein das Ergebnis gründlicher Recherchen sind.

Dass die Heldin des Romans gar nicht so ein abgebrühtes Luder ist, wie der Klappentext vermuten lässt, sondern eigentlich viel zu unerfahren und zu ehrlich für den Job der taffen Enthüllungsreporterin ist, macht sie sympathisch. Und nur so kann die Geschichte auch funktionieren. Eine mit allen Wassern gewaschene Journalistin, so eine richtige eiserne Lady, wäre für die romantische Stimmung, die von dieser Geschichte ausgeht, vermutlich gar nicht empfänglich.

Die Rezensentin hatte das Liebesroman-Genre als todernst und dramatisch in Erinnerung und war erfreut, dass es Maja Franklin gelungen ist, neben Romantik, Spannung und Erotik auch humorvolle kleine Szenen und Dialoge in der Geschichte unterzubringen. So entwickelt sich Ashleys ungewöhnliche Kaffee-Vorlieben zu einer Art running gag.Und auch dass sie Joshuas wissenschaftliche Ausführungen über das, was beim Abendessen auf dem Teller liegt, mit der Bemerkung abwiegelt: „(…) Ich glaube, ich möchte (…) diesen Krabbencocktail einfach nur genießen, ohne zu erfahren, was die Krabben vorher gemacht haben“ (S. 45) bringt einen zum Schmunzeln. Man kann Ashley diesen Wunsch ja nachfühlen!

Dass der Roman ein Happy End hat, das ist vom Genre vorgegeben. Doch wie die Helden zum Ziel kommen, das ist frisch und zum Mitfiebern spannend erzählt.

Maja Franklins Roman „Bei dir fand ich das Paradies“ ist über http://www.cora.de
zu bestellen. Direktlink zum Roman: https://www.cora.de/product_info.php/info/p6363_bei-dir-fand-ich-das-paradies.html

Rezensent: Edith Nebel
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Arno Strobel: Castello Cristo – Thriller
1, 10 September, 2009, 9:41
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Arno Strobel: Castello Cristo – Thriller, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21136-9, 316 Seiten, 12 x 19 x 1,8 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A).

Castello-Cover

Eine makabere Mordserie erschüttert Rom: Mit den Leichen unbekannter junger Männer wird der Kreuzweg Christi nachgestellt. Eine Station an jedem Tag. Und vierzehn Stationen gibt es. Was all den toten jungen Männern gemeinsam ist: eine verblasste Tätowierung im Nacken, deren Bedeutung niemand kennt. Auch nicht Bruder Matthias, ein Deutscher, der in einem sizilianischen Kloster lebt und sich als Experte für religiöse Geheimbünde einen Namen gemacht hat.

Commissario Daniele Varotto, der die zuständige „Sonderkommission Judas“ leitet, ist alles andere begeistert, als das Justizministerium ihm Bruder Matthias als Berater zuteilt. Auf „kirchlichen Beistand“ pfeift er. Seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau hat er ein Problem mit Gott und der Kirche und diese Abneigung lässt er ungehemmt an Bruder Matthias aus, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Dieses unfaire Verhalten mag der psychischen Verfassung des Commissarios geschuldet sein, denn der Tod seiner Frau ist erst 10 Monate her, und Varotto leidet seitdem an Alpträumen und Panikattacken. Vielleicht spürt er auch, dass Bruder Matthias mehr ist als ein belesener Sekten-Experte … und dass die Kirche und er einiges zu verbergen haben.

Dass die Mordserie zu komplex für einen durchgeknallten Einzeltäter ist, darin sind sich Polizei und Kirche einig. Die Leichen so zu arrangieren bedarf einer aufwändigen Vorbereitung und Logistik. Und auch die Opfer selbst, all die jungen Männer, die man schon in früher Kindheit mit dem unbekannten Symbol tätowiert haben muss, sprechen für eine Organisation, eine Sekte, eine Kommune. Dass es da nahe lag, Bruder Matthias als Fachmann hinzuzuziehen, leuchtet selbst Commissario Varotto ein.

Die vierte Kreuzweg-Station und damit der vierte Mord bringt die Polizei einen Schritt weiter. „Eine Witwe hat ihren Sohn tot aufgefunden. Bei sich im Wohnzimmer.“ (…) „Er hat die gleiche Tätowierung wie alle bisherigen Opfer. Und er ist als Kind entführt worden … vor zwanzig Jahren … er war damals acht.“ (Seite 45)

Sind vielleicht auch die anderen Toten Entführungsopfer, die vor 20 Jahren verschwanden und deren Fälle nie geklärt wurden? Die Polizei durchforstet ihre Dienstakten und kommt auf 20 Fälle, die in dieses Raster passen. Die Recherchen ergeben, dass die Toten noch einiges mehr gemeinsam hatten als Tätowierung und Entführung. Die Polizisten sind wie vom Donner gerührt. Diese Zusammenhänge hätte man schon viel früher erkennen müssen!

Was die grausige Mordserie zu bedeuten hat, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Irgendeine geheime Organisation muss ein Ziel verfolgen, das diesen enormen Aufwand über Jahrzehnte hinweg rechtfertigt. Aber welches Ziel? Und wer steckt dahinter?

Commissario Varotto, Bruder Matthias und die Journalistin Alicia Egostino, eine langjährige Freundin der Varottos, sind bei ihren Nachforschungen auf einem viel versprechenden Weg. Und sie haben sich zu einem schlagkräftigen Team zusammengerauft. Da kommt es zu einem Vorfall, der in der sofortigen Suspendierung Varottos gipfelt. Eine Intrige, zweifellos. Und der Vatikan hat die Finger drin, wie Alicia sehr schnell herausfindet. Sind die Ermittler da jemandem zu dicht auf den Fersen?

Ein naher Verwandter des Papstes, ein ehemaliger Priester, gerät in den Fokus der Ermittlungen. Sein Hass auf die Kirche wäre vielleicht groß genug – aber hätte er auch den Verstand, den Weitblick, die Mittel und die Macht für diese von so langer Hand vorbereitete Inszenierung? Varotto will es jetzt wissen. Trotz Suspendierung ermittelt er mit Alicias und Matthias’ Unterstützung auf eigene Faust weiter.

Unterdessen gehen die Morde weiter. Während die Serienmörder die Polizisten auf eine grausig-makabere Schnitzeljagd kreuz und quer durch Rom jagen, verschwindet der Papst. Und ein Gemälde taucht auf, das ihn als Gekreuzigten zeigt …

Verschwörungstheorien haben etwas Bizarres, Unerhörtes und Überlebensgroßes. Das macht ihre Faszination aus. Und das macht sie auch zu einer idealen Grundlage für einen Thriller. Weil der Leser mit seiner Lebenserfahrung und seinem gesunden Menschenverstand nicht in der Lage ist, sich die Motive, Hintergründe und Zusammenhänge zusammenzureimen, ist ein Verschwörungsthriller in der Regel nicht vorhersehbar. So verquer und pervers wie Menschen, die eine wirklich groß angelegte Intrige anzetteln können, kann man als Durchschnittsleser einfach nicht denken. Wenn der Autor es kann, kommt dabei ein ungeheuer packendes Stück Unterhaltung heraus.

Von atemloser Spannung ist CASTELLO CRISTO, das ist keine Frage! Es besteht durchaus die Gefahr, dass man das Essen anbrennen lässt, es verpasst, an der richtigen Haltestelle auszusteigen oder vergisst, die Kinder vom Fußballtraining abzuholen, weil man unbedingt wissen will, ob Varotto und seine Leute den Papst retten können und wer nun tatsächlich mit welchem Ziel hinter all den grausigen Aktivitäten steckt.

Wer nicht zum angestammten Publikum der Verschwörungsthriller zählt, kann vielleicht nicht alles glauben was er hier liest: Wenn die meisten Menschen es nicht mal schaffen, ihren Alltag störungsfrei zu planen und wenn nichts geheim bleibt, was mehr als einer weiß, ist es dann denkbar, dass ein Mensch aus rein egoistischen Gründen jahrzehnte lang diverse Helfershelfer bei der Stange hält und mit ihnen eine gigantische Intrige inszeniert? Ohne dass jemand etwas vermurkst, verrät oder unterwegs die Lust verliert und davonrennt?

Und da wir gerade bei der Glaubwürdigkeit sind: Kann sich ein Polizist, der in seinem Beruf so viel Schreckliches zu sehen bekommt, tatsächlich so lange seinen kindlichen Glauben an einen guten und beschützenden Gott bewahren, dass er beim ersten persönlichen Schicksalsschlag total aus der Spur gerät und über Nacht zum zynischen Stinkstiefel wird? Müsste ihm in seinem Job nicht lange vor dem Tod seiner Frau aufgegangen sein, dass das Leben fies und ungerecht sein kann?

CASTELLO CRISTO ist eine Fortsetzung von Arno Strobels Roman MAGUS – DIE BRUDERSCHAFT, den man nicht zwangsläufig kennen muss, um den vorliegenden Roman zu verstehen. Was man von der Vergangenheit wissen muss, schildert der Autor so knapp wie möglich und so ausführlich wie nötig. Wer MAGUS gelesen hat, wird manche Zusammenhänge vermutlich schneller verstehen als Neulinge, die erst auf die entsprechenden Erklärungen warten müssen. Aber das tut dem packenden Lesevergnügen keinen Abbruch.

Zwei kleine Anmerkungen noch zum Schluss: Das düstere, in metallischen Gold- und Kupfertönen schillernde Buchcover sieht ungeheuer eindrucksvoll aus. Und die Art und Weise, in der Commissario Varottos Ehefrau den Tod fand, ist – Entschuldigung, Herr Strobel – von unfreiwilliger Komik. Das wäre im richtigen Leben ein Fall für den Darwin-Award …

Der Autor
Arno Strobel, 1962 in Saarlouis geboren, studierte Informationstechnologie. Nach einigen Jahren Selbständigkeit als IT-Unternehmensberater ging er nach Luxemburg, wo er seitdem bei einer großen deutschen Bank mit der IT-Projektdurchführung betraut ist. Mit dem Schreiben begann er im Alter von fast vierzig Jahren. Arno Strobel lebt heute mit seiner Familie in der Nähe von Trier.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Tina Zang: Der Karatehamster fackelt nicht lange! (Ab 8)
1, 7 September, 2009, 12:15
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Tina Zang: Der Karatehamster fackelt nicht lange! Ab 8 Jahren, 5. Band der Karatehamster-Reihe, München 2009. Ars-Edition GmbH, ISBN 978-3-7607-4418-6, Hardcover mit Plüscheinsatz, 152 Seiten, Titelbild und Illustrationen: Claudia Fries, Format: 15,4 x 21,2 x 2,2 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A).

Fackelt-cover

Viel Spaß mit Kira und Freund Jan,
den Hamstern Neo, Lee und Chan!

Sie ist wieder da, die Patchworkfamilie Yusumi-Putz mit den Kindern Kira und Heiko, Kiras bestem Freund Jan und den drei Hamstern Neo, Lee und Chan. Und wo die sind, sind Chaos und Abenteuer meist nicht weit.

Entwicklung macht die Menschen froh.
Ist das bei Hamstern ebenso?

Kiras drei Hamster sind keine gewöhnlichen Nager, sondern tierische Persönlichkeiten mit Grips und Eigenheiten. Ihre „Bildung“ haben sie aus dem Fernsehen, und natürlich schnappen sie auch vieles von ihren Menschen auf. Als sie hören, dass man „sein Rollenverhalten überdenken“ kann, wollen sie das auch tun.

Chan, der freundliche Fresssack und naive Nullpeiler der Truppe hat seine neue Wunschrolle ruckzuck gefunden: Er will Ordnungsfanatiker werden. Wenn man Krümel findet, kann man sie gleich verputzen, was sich wunderbar mit seinem Hobby Nr. 1 verbindet, dem Fressen. Lee, der hysterische Hypochonder und belehrende Besserwisser, hat sich noch nicht entschieden, ob er lieber Lehrer oder Eltern werden will. Neo, der tollkühne Karatehamster und clevere Detektiv, findet seine bisherige Rolle eigentlich ganz okay. Er will nur an seiner „Pannenanfälligkeit“ arbeiten. Auf die Dauer ist es nämlich sehr ungemütlich, wenn er ein halbes Dutzend Mal pro Abenteuer ins Wasser fällt.

Muss man es denn tolerieren,
dass Gartenzwerge explodieren?

Zunächst einmal haben unsere Helden aber ganz andere Sorgen: In der näheren Umgebung geht nämlich ein Feuerteufel um, der eine Vorliebe für Explosionen hat. Das Firmenschild der Karateschule von Kiras Vater hat er schon in die Luft gejagt. Als weitere Schilder, Reklametafeln und sogar ein Gartenzwerg in Rauch und Flammen aufgehen, beschließen Kira und Jan, sich auf die Suche nach dem Brandstifter zu machen. Die Hamster, allen voran Neo, der keinem Abenteuer abgeneigt ist, sind Feuer und Flamme für diese Idee. Detektiv spielen! Explosionen! Feuerwehr! Krawumm und Tatütata – toll!

Kiras Lehrerin heißt „Hecht“.
Passender wär’ aber „Schlecht“.

Als wäre das alles noch nicht Aufregung genug, nehmen Kira und Jan zwei der Hamster als Anschauungsmaterial für ein Referat in die Schule mit. Dort stellen Neo und Chan mit Entsetzen fest, dass die Klassenlehrerin, Frau Hecht, tatsächlich so eine schreckliche Person ist, wie Kira und Jan immer behaupten. „Ratten“ sagt sie zu den Hamstern, beschimpft ihre Schüler und hält ihnen dauernd ihren Sohn als Beispiel vor, er ein wahrer Musterknabe sein muss.

Da sind die beiden Nager froh, dass es keine Hamster-Schulpflicht gibt und sie sich nicht mit grauenhaften Lehrern, schrecklichen Hausaufgaben, blödem Bruchrechnen, „komischen“ Reaktionen und widerlichem Grammatikschrott abplagen müssen.

Problemfall „Hecht“ wird jetzt vertagt.
Der Feuerteufel wird gejagt.

Nicht nur Kira und Jan haben sich in den Kopf gesetzt, den Feuerteufel auf frischer Tat zu ertappen. Auch Timo Bunsel, der Sohn des Oberbrandmeisters, legt sich auf die Lauer, genau wie der Pressefotograf Knabe. Die erste brauchbare Spur jedoch liefert Johannes Jonas, genannt Jojo, der Besitzer des Gloria-Kinos. Der wirkt zwar immer ein bisschen unzurechnungsfähig mit seiner merkwürdigen Ausdrucksweise und der Angewohnheit, Alltagsgegenständen Namen zu geben. Aber er hatte die clevere Idee, eine Videokamera zu installieren und damit die nächtlichen Vorgänge auf der Straße aufzuzeichnen.

Neo kennt den Bösewicht,
doch sein Mensch versteht ihn nicht.

In der Tat hat die Videokamera einen Menschen bei verdächtigen nächtlichen Aktivitäten aufgenommen. Hamster Neo ist felsenfest davon überzeugt, den Feuerteufel erkannt zu haben. Aber wie soll er das den Menschen begreiflich machen? Sie verstehen nun mal kein Hamsterisch. Und seine Versuche, sich in Zeichensprache verständlich zu machen, missdeutet Kira als Körperpflegemaßnahmen. Mehr als das kann Neo nicht tun. Jetzt müssen die Menschen ihren Feuerteufel selber finden.

Ihre Hoffnung setzen alle
in die Feuerteufel-Falle.

Polizei und Feuerwehr beschließen, den Feuerteufel in eine Falle zu locken. Dass Karatehamster Neo den Fall längst gelöst hat, wissen sie ja nicht. Wird ihr Vorhaben gelingen, oder kann man den Brandstifter nur mit Hamsterpower dingfest machen? Wird der Feuerteufel seine gerechte Strafe bekommen? Was hat ihn überhaupt zu der Tat getrieben? Und was wird aus den neuen Rollen, in die Neo, Chan und Lee unbedingt schlüpfen wollen? Werden der Fresssack, der Klugsch***er und der Karatehamster künftig ganz anders sein? Das alles und noch vieles mehr steht im Buch.

Zum Schreien komisch und dabei
lernt man noch so allerlei.

Wer seine Mitmenschen nicht durch explosionsartiges Gelächter verschrecken will, sollte dieses Buch unbedingt allein im stillen Kämmerlein lesen. Es ist, wie alle Bände der Reihe, saukomisch. Der Menschen-Alltag aus Hamstersicht und vor allem die Missverständnisse, die Chan ständig unterlaufen, sorgen für Heiterkeit. Der Brüller schlechthin ist die Hamsterversion des Lebenslaufs von Alfred Nobel. Bei Neo umfasst dieser wenige Sätze und enthält unter anderem „355 Patentanten und einen Bruder, der beim Bohren explodiert ist.“ (S. 66) Da hegt sogar Hamsterkumpel Lee gewisse Zweifel, ob das die Originalversion dessen ist, was Neo in der Schule gehört hat.

All der köstliche Unfug transportiert so ganz nebenbei auch ernsthafte Inhalte: wozu Schule gut ist … dass falscher Ehrgeiz schaden kann … dass so mancher Täter auch Opfer ist … und dass man mit Hilfe guter Freunde, Verstand und einer zündenden Idee ungeheuer viel erreichen kann.

In Wort und Bild ganz wundervoll.
Nicht nur Kinder finden’s toll.

An dieser Lektüre wird nicht nur die Zielgruppe, Kinder ab 8 Jahren, ihre helle Freude haben. Es wurden auch schon haltlos kichernde Erwachsene mit dem Buch gesichtet. Die hinreißenden Illustrationen von Claudia Fries bringen die aberwitzigen Szenen auf den Punkt und tragen das Ihrige zum Erfolg der Reihe bei. Bei manch einem Leser dürfte die Handlung wie ein Zeichentrickfilm vor dem inneren Auge ablaufen. Bleibt noch die Frage, welche Abenteuer die Hamster im nächsten Band erleben werden.

Falls sich jemand wundern sollte, dass diese Rezension gereimte Zwischenüberschriften hat: Das ist dem Buch nachempfunden. Da reimen sich die Kapitel-Überschriften.

Die Autorin
Tina Zang wurde 1960 in Backnang (bei Stuttgart) geboren. In Heidelberg studierte sie Physik und Sprachen, arbeitete für ein Übersetzungsbüro und machte sich schließlich als Autorin selbständig. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land und schaut beim Schreiben ins Grüne. Unter dem Namen Christine Spindler schreibt sie Krimis für Erwachsene, die zum Teil in den USA erscheinen.

Rezensent: Edith Nebel
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Paul Grote: Der Wein des KGB – Kriminalroman
1, 28 August, 2009, 6:12
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Paul Grote: Der Wein des KGB – Kriminalroman, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21160-4, 380 Seiten, Format 12 x 19 x 2 cm, Euro 8,95 [D,] 9,20 [A], sFr 15,90

WeinKGB

„Winzer, bleib bei denen Rebstöcken“, möchte man dem Helden des Romans am liebsten zurufen. Doch Martin Bongers, deutscher Ex-Ingenieur und Ex-Weinhändler, der seit fünf Jahren in Bordeaux ein kleines Weingut bewirtschaftet, ist in einer momentanen Geldverlegenheit und lässt sich deshalb auf ein Himmelfahrtskommando ein: Ein Repräsentant des französischen Investors SISA kann ihn dazu überreden, nach Rumänien zu reisen, sich dort als selbständiger Consultant auszugeben und zum Verkauf stehende Weingüter zu begutachten.

Die SISA sagt sich, vermutlich zu Recht, dass die Preisvorstellungen der Eigentümer gleich exorbitant steigen würden, wenn sie wüssten, dass sich eine finanzkräftige Organisation für ihr Anwesen interessiert. Von einem kleinen Strohmann wie Martin Bongers wird man keine derartigen Mondpreise verlangen. Das leuchtet zwar ein, aber ganz koscher ist die Aktion trotzdem nicht. Dazu kommt, dass der Wahlfranzose Bongers die Gegebenheiten in Rumänien nicht kennt, die Sprache nicht spricht, aber mit Politikern, Winzern und diversen Interessensvertretern verhandeln soll. Dass ihm ein Bekannter zum Abschied die Adresse seiner rumänischen Verwandten aufnötigt, für den Fall, dass „du mal Hilfe brauchst“ (S. 28), hält er trotzdem für übertrieben.

Das ganze Projekt schreit lauthals: „FINGER WEG!“, doch Martin Bongers denkt sich, ‚wird schon schief gehen’, und macht sich auf den Weg.

Sein erster Kontakt im Lande, Sofia Rachiteanu vom Agrarministerium, versorgt ihn mit ein paar ernüchternden Informationen. Vielleicht hätte sie, die Tochter eines Dissidenten, sich etwas weniger kritisch äußern sollen. Denn EU hin oder her: „Wir werden immer abgehört, sie haben die Leitungen nie gekappt. Wer hätte es tun sollen? Alles ging so weiter wie bisher. Die Kommunistische Partei wurde nie entmachtet, nur anders angemalt, statt Hammer und Sichel jetzt Shareholder Value und Mikrochip.“ (S. 175/176.) So bringt es Sofias Bruder wenig später auf den Punkt.

Bei all der Geheimnistuerei und Bespitzelung kommt es zu einer folgenschweren Panne: Ein etwas zwielichtiger Wein-Experte, der sich als Elmar Harms vorstellt, hält Martin Bongers irrtümlich für einen Verbündeten und spielt ihm eine Liste mit potenziellen Ansprechpartnern zu – und die Kostprobe eines sensationellen alten Rotweins. „Zodiac“ steht auf dem Flaschenetikett, und nun hat Martin Bongers Blut geleckt: Das Weingut, das den „Zodiac“ gekeltert hat, will er unbedingt finden und für seinen Auftraggeber sichern. Doch da haben Harms und seine Männer ihren Irrtum bereits erkannt …

Ahnungslos tritt Bongers seine Reise von Weingut zu Weingut an, verkostet, besichtigt, prüft, verhandelt, folgt dabei der Spur des „Zodiac“ – und versteht bald die Welt nicht mehr: Eine seiner rumänischen Kontaktpersonen kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben, eine zweite wird verhaftet. Sein Hotelzimmer wird durchwühlt und verwanzt, sein Dolmetscher bezieht von Unbekannten Prügel und ergreift entsetzt die Flucht.

Wer ist hinter Bongers her? Und warum? Was wollen seine Widersacher erreichen oder verhindern? Sind sie nur auf seine Unterlagen scharf? Für welche Information lohnt es sich, über Leichen zu gehen?

Wenn Bongers der Typ wäre, der sich eine Niederlage eingestehen kann, würde er den Krempel jetzt hinschmeißen und nach Hause fliegen. Doch Scheitern kommt für ihn nicht in Frage. Er will seinen Auftrag ausführen und der SISA das „Zodiac“-Weingut präsentieren, koste es, was es wolle.

Gut, dass er wenigstens Marc Simion als Reisegefährten hat, den leutseligen Rentner aus den USA, der ihn eines Morgens beim Frühstück im Hotel angesprochen hat. Simion besitzt zwar ein gewisses Nervpotential, versteht aber viel von gutem Wein und trifft auch in brenzligen Situationen stets den richtigen Ton.

Auf seiner Suche nach der Herkunft des „Zodiac“ folgt Bongers dem Tipp eines Professors für Weinbau und Kellertechnik. Er besucht ein Weingut in Dealu Mare – und kommt dort in Teufels Küche. Dass er da auftaucht, passt einem bestimmten Personenkreis nämlich ganz und gar nicht. Als dem „Winzer in geheimer Mission“ der Grund dafür dämmert, wird ihm auch klar, dass die ganze Aktion von Anfang an mindestens drei Nummern zu groß für ihn war. Was ihm weniger klar ist: Wie er aus dieser Geschichte mit heiler Haut wieder rauskommt …

Aufregend und beklemmend sind die Ereignisse, in die der arglose Wahlfranzose hier hineinrutscht. Dabei bekommt er es mit Gegnern zu tun, die unsichtbar im Hintergrund bleiben, deren Beweggründe er nicht versteht und denen er in keinster Weise gewachsen ist. Ein unschuldig Verfolgter, fast wie in einem Hitchcock-Film. Politik mischt sich hier auf spannende Weise mit Geschichte, Wirtschaft, Weinkultur und einer handfesten Krimi-Handlung.

Man kommt durchaus ins Grübeln über Sinn und Unsinn mancher Entwicklungen der EU-Politik, wenn sich die Experten in dem Roman unverblümt über die Situation in ihrem Land äußern. Darüber, dass der Technologietransfer wesentlich schneller vonstatten geht als die Mentalitätsänderung, zum Beispiel. „Ihr lasst uns keinen Moment in Ruhe, wir dürfen uns nicht entwickeln wie wir wollen. Alles geht so schnell, dass man keinen klaren Gedanken fassen kann, dass niemand überlegen kann, was er eigentlich will“, beschwert sich die BWL-Dozentin Miriam Vasilescu (S. 230). Und: „Früher kamen die Wölfe aus dem Osten, heute kommen sie aus dem Westen.“ (S. 227)

Bongers lernt schnell: „Die rumänische Eisenbahn zu modernisieren – Martin konnte sich vorstellen, dass da enorme Geschäfte in Aussicht standen: Die Steuerzahler der EU bringen das nötige Geld auf, die Konzerne stecken es ein, die Politiker erhalten ihre Provision von den Lobbyisten und die Arbeiter den Mindestlohn.“ (S. 264)

Die profunden Kenntnisse über den rumänischen Weinbau und dessen wirtschaftliche Verflechtungen hat sich der Autor während monatelanger Reisen im Land angeeignet. Und das gibt dem Kriminalroman einen Touch von „true crime“. Die wirklich üblen Schweinereien in dieser Geschichte hat sich der Autor nicht am Schreibtisch ausgedacht. Die hören auch nicht auf, nachdem man das Buch zugeklappt hat. Sie geschehen tagtäglich in der Realität und gehen munter weiter, weil niemand ein Patentrezept dagegen hat – und weil es für viele von Interesse ist, dass alles genau so weiter läuft wie bisher.

Für das Wohlergehen des Romanhelden wäre es sicher besser gewesen, er hätte diese Geschäftsreise nach Rumänien nie angetreten. Dem Krimi-Leser wäre dadurch allerdings eine hochinteressante, ungewöhnliche und packende Geschichte entgangen.

Ach ja … und den „Zodiac“, den legendären Rotwein, hinter dem Martin Bongers den ganzen Roman über her ist, den würde man ja nun zu gerne mal probieren …

Der Autor
Paul Grote, geboren 1946, berichtete fünfzehn Jahre lang als Reporter für Presse und Rundfunk aus Südamerika. Dort begegnete der professionellen Seite des Weinbaus. Seit 2003 lebt er wieder in Berlin und widmet sich dem Schreiben.

Rezensent: Edith Nebel
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Charlotte Sandmann – Paradies in Flammen, Roman
1, 25 August, 2009, 10:13
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Charlotte Sandmann – Paradies in Flammen, Roman; München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24728-3, 347 Seiten, Format: 21 x 13,5 x 2,5 cm, EUR 13,90 [D], EUR 14,30 [A].

CoverParadies

Hamburg, 1883: Die 19-jährige Helena von Odenhof hat die Wahl: entweder die Heirat mit einem unbekannten jungen Mann auf Java – oder das Irrenhaus.

Das Irrenhaus kennt sie schon, das ist keine Option für sie. Seit einem schrecklichen Ereignis in ihrer Kindheit ist Helena tief traumatisiert, kann nicht mehr sprechen, neigt zu unkontrollierbaren Wutanfällen und zu selbst verletzendem Verhalten. Ihr Aufenthalt in Professor Wiedemanns Institution hat Helena nur noch mehr verstört, denn man hat sie dort misshandelt und missbraucht.

Kein Wunder, das sie die Ehe mit dem Unbekannten vorzieht. Obwohl sie sich noch wünschen wird, sich anders entschieden zu haben …

Dass diese gebildete junge Frau nun „zwischen Pest und Cholera“ wählen muss, hat sie ihrem windigen und skrupellosen Vater zu verdanken, dem Witwer Albert von Odenhof. Schwer zu sagen, in welchem Bereich er am spektakulärsten versagt hat: als Erfinder, als Kaufmann oder als Elternteil? Er hat nicht nur sein eigenes Vermögen durchgebracht, sondern auch die Mitgift seiner Töchter. Nun droht ihm Gefängnis und Helena und ihrer Adoptivschwester Mathilda, einer Halb-Sundanesin, die Albert einmal von einer seiner Reisen mitgebracht hat, Armut und Obdachlosigkeit.

Die Heirat mit Jonah Aldermann ist für Helena also ein alternativloser Sachzwang. Und ehe die beiden Schwestern es sich versehen, sind sie mit ihren letzten noch verbliebenen Habseligkeiten an Bord der „Kohinoor“ und auf dem Weg nach Batavia.

Helena findet schnell heraus, dass die Reise auf einem Passagierdampfer eine unendlich langweilige Angelegenheit ist. Also unterhält man sich eben mit dem Mitpassagieren. Oder, in ihrem Fall: lauscht deren Geschwätz. Eine redselige englische Pfarrersgattin und ein Diamantenhändler aus Amsterdam setzen sie, mehr oder minder absichtlich, über die Hintergründe ihrer Zwangsehe ins Bild:

Es geht um sehr viel Geld. An seinem 21. Geburtstag erbt Jonah Aldermann das Vermögen seines Großonkels, das aus altem javanischen Schmuck von unermesslichem Wert besteht, dem Majapahit-Schatz. Und den bekommt er nur, wenn er bis dahin verheiratet ist. Deswegen ist also seine habgierige Verwandtschaft so darauf aus, den jungen Mann zügig zu verheiraten: Sie will an sein Erbe! Warum man zu diesem Zweck eine junge Frau aus dem fernen Deutschland zwangsimportieren muss, plaudert die arglose Pfarrersfrau ebenfalls aus: Mit Helenas künftigem Ehemann stimmt etwas nicht. Und damit ist nicht nur die Tatsache gemeint, dass er mit Tieren wesentlich besser umgehen kann als mit Menschen …

Kann es noch schlimmer kommen? Es kann! Als Helena in der Villa der Aldermanns ankommt, macht man ihr unmissverständlich klar, dass sie nur Mittel zum Zweck ist. Und dass man, sobald die diesen erfüllt hat, einen Weg finden wird, sie wieder loszuwerden. Flucht oder Widerstand sind zwecklos, die Macht der Aldermanns ist hier praktisch unbegrenzt. Dass auch der Bräutigam die arrangierte Ehe ablehnt, nutzt Helena wenig. Er ist eine ebenso bedeutungslose Schachfigur wie sie.

Die Aldermann-Sippe ist sich untereinander spinnefeind und geht bei der Durchsetzung ihrer Interessen über Leichen. Helena weiß das jetzt. Mathilda beginnt es zu ahnen, als ihre einheimischen Verwandten ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. Und Ruben Kosminsky, der Diamantenhändler aus Amsterdam, hat den Verdacht schon, seitdem er herausgefunden hat, wer der anonyme Auftraggeber ist, für den er den Majapahit-Schmuck beschaffen soll.

Doch die Aldermanns haben ihre „Schachfiguren“ offenbar unterschätzt. Die schmieden nämlich einen Plan B. Womit allerdings niemand gerechnet hat: mit einer Naturkatastrophe apokalyptischen Ausmaßes, dem Ausbruch des Vulkans Krakatau. Auf einmal sind alle Pläne hinfällig. Jetzt geht es nur noch ums nackte Überleben …

Wow – was für eine Heldin! Helena von Odenhof ist ganz sicher nicht die klassische romantische „Jungfrau in Not“, sondern eine eigenwillige und spröde Person. Eine schwer traumatisierte junge Frau, der alles Sexuelle ein Graus ist und die sich aufgrund ihrer Sprachbehinderung nur schriftlich oder in Gebärdensprache verständigt. Aus nichtigem Anlass kann sie zur tobenden Bestie werden und zur Gefahr für sich und andere.

Stumm mag sie sein. Dumm ist sie nicht. Und sie hat erstaunlich moderne Ansprüche ans Leben: „Freiheit“ will sie. „Und Respekt. Ich will mein Leben nicht als die Sklavin eines Mannes verbringen, weder eines guten noch eines schlechten Mannes. Ich will es selbst leben. Selbst bestimmen, was ich tue, wohin ich gehe, welche Aufgabe ich mir stelle.“ (Seite 315/316.) Bekommt sie die Chance dazu, nun, da ihr bisheriges Leben buchstäblich in Trümmern liegt? Und wird sie sie nutzen?

Hier sind die Guten keine makellosen Engel, und selbst die übelsten Gestalten sind auf irgendeine Weise Opfer – was ihre Taten zwar nicht entschuldbar aber nachvollziehbar macht. Und wie im richtigen Leben kann man manche der Personen nicht eindeutig einem Lager zuschlagen. Der Diamantenhändler Ruben Kosminsky, zum Beispiel. Als Geschäftsmann und Frauenverführer ist er nicht gerade von übermäßigen Skrupeln geplagt. Er weiß genau, wo seine Vorteile liegen und versteht sie zu nutzen. Sind seine Methoden manchmal auch zweifelhaft, so gibt es für ihn doch Grenzen: Dinge die er nicht zu tun bereit ist. Die Odenhof-Schwestern tun ihm Leid. Und so versucht er den Spagat zwischen Beistand und Auftragserfüllung. Ein Mann der Grautöne, weder schwarz noch weiß.

Selbst mit Helenas Vater, dem glücklosen Erfinder Albert von Odenhof, könnte man fast Mitleid bekommen, ist er doch nichts weiter als ein armseliges kleines Würstchen, unfähig, sein Leben in den Griff zu bekommen und zu feige, die Konsequenzen seines Tuns zu tragen. Sogar die Person, die von Anfang an im Hintergrund die Strippen zieht und dabei wirklich nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel ist, wird zum bemitleidenswerten Opfer, sobald man ihre Geschichte kennt.

Für Helena von Odenhof wird die Insel Java zum Schicksal. Entfesselte Naturgewalten und finstere menschliche Abgründe verändern ihr Leben für immer. Vom ersten Augenblick an hofft und leidet man mit dieser außergewöhnlichen jungen Frau.

Die Naturkatastrophe ist so packend und dramatisch geschildert, dass man beim Lesen meint, selbst den Geschmack von Schwefel und Bimsstein im Mund zu spüren. Die Autorin hat sich nach eigenem Bekunden bei der Schilderung des Vulkanausbruchs – mit ein paar dichterischen Freiheiten im Detail – eng an die tatsächlichen Ereignisse gehalten, wie sie von Augenzeugen berichtet und in zeitgenössischen Dokumenten festgehalten wurden.

„Paradies in Flammen“ ist ein packender Gesellschaftsroman vor der faszinierenden Kulisse der Kolonialmacht Niederländisch-Indien auf Java. Mit einem kräftigen Schuss Abenteuer.

Die Autorin
Charlotte Sandmann, geboren 1950 in Wien, begann nach verschiedenen Studien- und Ausbildungsstationen zu schreiben. Sie ist in der Erwachsenenbildung tätig, Autorin, Ghostwriterin und Übersetzerin.

Krakatoa_01

Eine Darstellung des Krakatau aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Diese Bilddatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

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Claus Beese: Bei Thor und Odin – DODI auf der Spur der Wikinger
1, 29 Juli, 2009, 1:08
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Claus Beese: Bei Thor und Odin – DODI auf der Spur der Wikinger, Goldebek 2009, Mohland Verlag D. Peters Nachf., ISBN 978-3-86675-096-8, Softcover, 213 Seiten, mit zahlreichen s/w-Illustrationen von Lothar Liesmann, Format 14,5 x 20,3 x 1, 5 cm, EUR 10,-.

ThorOdinCover

Verflixter Urlaub! Weil ein fieser Sonnenbrand den Skipper Claus nicht schlafen lässt, übernachtet er nicht bei Frau und Tochter auf dem familieneigenen Motorboot DODI, sondern geistert nächtens durch das Hafenstädtchen Bad Bederkesa. Dort macht er eine verblüffende Beobachtung: Eine vermummte Gestalt schleicht in der Burg herum und sucht, Selbstgespräche führend, nach Hinweisen auf einen Schatz.

Als Claus seiner Frau anderntags beim Frühstück im Restaurant von dem Phantom erzählt, glaubt sie ihm kein Wort. Dafür macht der Journalist am Nebentisch umso größere Ohren. Doch um diese Angelegenheit kann sich Claus nicht weiter kümmern, da in Dampe bereits sein Kumpel Wolfgang, Kapitän der Seegelyacht BEERS, samt Familie auf ihn wartet.

Nachdem die beiden Kapitäne und ihre Mannschaften eine unfreiwillige Disco-Nacht und einen Orkan überstanden haben, geht es zu den Wikingertagen nach Schleswig. Da ist Claus ganz in seinem Element. Denn auch wenn Familie und Freunde dezent kichern, sobald er davon anfängt: Er glaubt fest daran, dass in seinen Adern Wikingerblut fließt.

Ob das mit den Wikinger-Genen vielleicht doch mehr ist als Wunschdenken und Einbildung? Die Route nach Schleswig kennt Claus auf jeden Fall wie seine Westentasche, obwohl er noch nie dort war. Auf dem Wikingerfest folgt die nächste Überraschung: Er spricht auf einmal sehr viel besser dänisch als es seine bescheidenen Touristenkenntnisse es eigentlich zulassen. Unheimlich für seine Familie, erfreulich für den dänischen Händler, der findet, dass ein Wikinger nicht in Neuzeitklamotten herumlaufen sollte und dem Skipper gleich ein standesgemäßes Outfit verkauft.

Ist dieses Kostüm der Grund dafür, dass Claus an Bord eines Wikingerschiffs gerufen wird? Er lässt sich jedenfalls nicht lange bitten und begibt sich schnurstracks auf das Drachenboot. Jetzt braucht die Gattin erst mal einen Schnaps. Und Claus fühlt sich bei den Wikingern so sauwohl, dass er sich fragt, ob er in einem früheren Leben nicht einer von ihnen gewesen ist und sich jetzt, in dieser Umgebung, wieder daran erinnert.

Der Besuch im Wikingermuseum in Haithabu wirft neue Fragen auf: Wieso kann Claus plötzlich die Inschriften auf den Runensteinen entziffern und fachkundig interpretieren? So viel kann er sich zu diesem Thema doch gar nicht angelesen haben, oder? Und warum ist er zutiefst emotional berührt, als er den Bronzeabguss eines Wikinger-Schmuckanhängers sieht, der einem Anker ähnelt und „Thors Hammer“ genannt wird?

Schlagartig wird ihm klar: So ein Ding muss er haben. Unbedingt! Und zwar keine schnöde Nachbildung aus Bronze, sondern eine aus Gold. Ratzfatz werden alle ursprünglichen Pläne über den Haufen geworfen und alle erreichbaren Juweliergeschäfte abgeklappert, in Deutschland und in Dänemark. Die Jagdsaison auf das Amulett ist eröffnet, mögen die weiblichen Crewmitglieder noch so sehr nach einem Strandurlaub lechzen.

Wer Claus Beeses DODI-Bücher kennt, weiß, das es darin früher oder später zu tumultartigen Szenen kommt, und dass das Chaos meist nicht weit ist, wenn Kalli Flint, begnadeter Koch, lausiger Skipper und selbst ernannter Piraten-Enkel, die Szenerie betritt. Genau den treffen sie in Flensburg. Natürlich ist er bei der Jagd nach dem goldenen Anhänger sofort mit von der Partie.

Man kann sich leicht vorstellen, dass ein Juwelier in Sonderburg an einen Überfall krimineller Irrer glaubt, als auf einmal sieben Deutsche seinen winzigen Laden stürmen, von denen einer als Wikinger kostümiert ist und ein anderer als Seeräuber …

Fehlt eigentlich nur noch einer, damit der Wahnsinn so richtig losgaloppieren kann: „Darling Bügelfalte“, der großspurige Kapitän der HUMMEL-HUMMEL und seit Jahren erklärter Lieblingsfeind von Skipper Claus. Und der lässt nicht lange auf sich warten.

Ein einziger „Thors Hammer“ aus Gold soll derzeit zum Verkauf stehen und die „Bügelfalte“ setzt alles daran, ihn dem Wikingerfan Claus vor der Nase wegzuschnappen. Ein verbissenes Wettrennen beginnt, das ein unerwartetes und abruptes Ende findet.

Wird Claus sein Amulett bekommen oder gibt er auf? Bis das geklärt ist, geschieht noch jede Menge Aufregendes, Unerklärliches und Haarsträubendes, das dem Skipper bestimmt kein Mensch glauben wird. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was die Urlauber bei der Rückfahrt erwartet, als sie wieder durch Bad Bederkesa kommen. Dort ist inzwischen eine wahre Schatzsucher-Hysterie ausgebrochen, woran Claus und seine Frau nicht ganz unschuldig sind.

Was steckt wirklich hinter der Geschichte mit dem Phantom und seinem Schatz? Claus, Wolfgang und Kalli sind wild entschlossen, es herauszufinden. Ob das wohl gut geht?

Witz, Klamauk und Seemannsgarn treffen in diesem Band auf Mystisches und Nachdenkliches. Was geschieht hier mit dem Skipper? Hat er Erinnerungen an ein früheres Leben? Halluzinationen? Tagträume? Kann er durch ein Zeitfenster zurück ins 10. Jahrhundert blicken? Warum fühlt er sich bei den Wikingern so sehr „zu Hause“? Seine Tochter vermutet: „Du steckst (…) in der falschen Zeit“. (Seite 119)

Vielleicht würde ein Dasein als Wikinger wirklich besser zu Claus passen als ein Leben in der Gegenwart. Doch weil er daran nichts ändern kann, bleibt ihm nur eines: sein Leben so, wie es ist, zu genießen. Und es bietet ja durchaus Erfreuliches: Familie, Freunde, Urlaub, Abenteuer und das Meer. Und last but not least: gutes Essen. Dafür sorgt unter anderem Kalli Flint, der vom Kochen zum Glück sehr viel mehr versteht als vom Navigieren. Und der freundlicherweise ein paar seiner Lieblingsrezepte in diesem Buch verrät.

Die skurrilen und amüsanten Abenteuer der DODI-Crew werden, wie in den vorangegangen Bänden auch, von Lothar Liesmann mit spitzer Feder illustriert. Nicht nur Motorboot- und Segelfreunde werden an diesem Buch ihre Freude haben. Es wurde von der Rezensentin ausgiebig auf Landrattentauglichkeit getestet und für äußerst unterhaltsam befunden. Der eine oder andere Leser könnte es auch zum Anlass nehmen, sich eingehender mit der Geschichte der Wikinger zu beschäftigen. Klingt ja recht interessant, was der Autor über die wilden Kerle aus dem Norden erzählt …

Rezension163

Rezension in Arbeit: So entstand die Rohfassung. :-)

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Erny Hildebrand (Hrsg.): Von Unkrautsuppe und dem Einkriegezeck – Episoden aus unserer Kindheit
1, 27 Juli, 2009, 12:06
Gespeichert unter: Bücher

Erny Hildebrand (Hrsg.): Von Unkrautsuppe und dem Einkriegezeck – Episoden aus unserer Kindheit, 74 Texte von 32 Autoren, mit zahlreichen schwarz-weiß-Fotos, Leipzig 2008, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-86703-970-3, Taschenbuch, 229 Seiten, Format: 12 x 18,8 x 1,4 cm, EUR 12,50.

Unkraut-Cover

32 Autorinnen und Autoren haben 74 Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend niedergeschrieben, Die älteste Erzählerin wurde noch zur Kaiserzeit geboren, die jüngste im kalten Krieg. Und so sind es Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. An eine Zeit also voller Angst und Schrecken, Hunger und Entbehrungen, Flucht und Vertreibung, Verlust und Verzweiflung. Doch. es sind Kinder, und die sehen die Welt mit ihren Augen. Also sind es auch Geschichten von Freundschaft und Abenteuer, Familie und Geborgenheit, Hoffnung und Neubeginn.

Die Beiträge sind durchschnittlich rund zweieinhalb Seiten lang, und doch genügt so manche Momentaufnahme, um sich ein Bild vom Schicksal des Erzählers machen zu können. Bei vielen Autoren hat man das Gefühl, dass sie noch unendlich viel mehr zu erzählen hätten, Berührendes, Erschütterndes und Unerhörtes, und dass ihr Leben Stoff genug böte für einen ganzen Roman.

Usch Müller-Soppart ist ein Beispiel dafür. Sie wird 1935 in Stettin geboren. Ihr Vater ist Jude und verlässt bald nach ihrer Geburt unter abenteuerlichen Umständen das Land. 1943 kommt Uschs Mutter ins KZ und das Mädchen nach Hinterpommern zu ihrer Tante, die davon alles andere als begeistert ist. 1945, auf der Flucht, wird Usch von ihrer Tante im Stich gelassen und landet im Auffanglager für aufgegriffene Kinder. Das erzählt sie uns in fünf kurzen Textbeiträgen.

Diese Fragmente genügen, um das Interesse und die Neugier des Lesers zu wecken. Am liebsten würde man die Autorin anrufen und fragen: „Ja, sagen Sie mal, wie haben Sie dann Ihre Mutter wiedergefunden? Und was wurde aus Ihrem Vater, aus Tante Anna und den Cousins? Hat wirklich niemand je ein Sterbenswort über das Schicksal der Magd Helga verloren …?“ Ein kultivierter Mensch belästigt natürlich keine Autoren. Aber dass der Wunsch geweckt wird, noch mehr zu erfahren, zeigt, wie sehr einen die Geschichten berühren und beschäftigen.

Ein anderes Beispiel ist Marlis Gondek. 1936 in Düsseldorf geboren, aufgewachsen mit Verdunklung und Fliegeralarm, ist sie als Zehnjährige bereits verantwortlich dafür, das magere Haushaltsbudget der Familie zu verwalten und vier Personen zu ernähren. Schon vor Schulbeginn steht sie vor den Geschäften in der Schlange, um Lebensmittel zu ergattern. Sie knüpft Kontakte und entwickelt sich zur tüchtigen Geschäfts“frau“.

„Erziehung findet nicht statt“, sagt sie (Seite 166) und genießt ihre Freiheit. Doch natürlich ist es ein viel zu jugendliches Alter um Haushaltsvorstand zu sein und so viel Verantwortung zu tragen. Marlis lernt rechnen und wirtschaften. Was sie nicht lernt, ist, ein unbeschwertes Kind und eine unbeschwerte Jugendliche zu sein. Die kleine Marlis bewundert und bedauert man. Die große Marlis würde man gerne fragen, wie sich das frühe Erwachsenwerdenmüssen auf ihr weiteres Leben ausgewirkt hat.

Doch auch wenn es Erinnerungen an Kriegszeiten sind, soll niemand denken, dass es in diesem Buch nichts zu schmunzeln und zu lachen gibt. Susanne Holtz, zum Beispiel, geboren 1938 in Berlin, kann hinreißend erzählen und beschreibt anschaulich und humorvoll das KINDERPARADIES, in dem sie groß geworden ist (Seite 54 ff) Sie erzählt vom Schaukeln in den Weiden, von Baumhäusern und geheimen Schätzen, von gefrorenen Pferdeäpfeln, die sich wunderbar als Wurfgeschosse eignen, und von dem Versuch, Seerosen zu pflücken. Sogar einen Altar haben sich die Kinder im Gebüsch errichtet. Das Baumaterial dafür war ursprünglich allerdings für einen ganz anderen Zweck gedacht …

Der einzige männliche Erzähler in der Runde, Karl Josef Hebben, 1938 in der Nähe von Neuss geboren, steuert unter anderem die herrlich komische Geschichte vom kleinen Karl bei, der beim Spielen bei Freunden die Zeit vergisst und partout nicht zugeben will, dass er sich davor fürchtet, allein im Dunkeln nach Hause zu gehen. Angebote, ihn heim zu begleiten, lehnt er energisch ab. Was er alles erlebt, bis er endlich völlig außer Atem zu Hause eintrifft, erzählt der Autor uns in seinem Beitrag SCHATTENBILDER (Seite 60 ff).

So vieles wäre noch erwähnenswert: Die Gedichte von Astrid Grone, die Gefühle und Stimmungen in wenigen Zeilen nacherlebbar machen. Oder Monika Gockels Erinnerungen an ihre Erstkommunion. Ein Ereignis, das sie tief beeindruckt haben muss, so detailreich, wie es bis ihr bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Bei 74 Beiträgen bleiben zwangsläufig die meisten unerwähnt und man kann nur beispielhaft ein paar Autoren und Geschichten herausgreifen. Die Geschichten haben alle ihren Reiz, die bestürzenden, tragischen und erschreckenden genauso wie die, die voller Hoffnung, Zuneigung und Humor sind.

Dadurch, dass viele Beiträge mit Originalfotos aus dem Fundus der Autoren illustriert sind, entsteht ein besonderes Gefühl der Nähe zu den Autoren. Man liest ihre Jugenderinnerungen und sieht dazu ihre Kinderfotos. Eine Kurzbiographie der Autoren rundet die Sammlung der Erzählungen ab. In wenigen Zeilen umreißen sie grob ihr Schicksal. So kann man ihre Geschichten noch besser einordnen.

Die Texte entstanden im Rahmen einer Biographie-Schreibgruppe, die die Herausgeberin der Anthologie, Erny Hildebrand, seit Jahren leitet. „Dabei“, sagt die Herausgeberin, „ist eine Bandbreite an Erinnerungen entstanden, die von wohligen, herzlichen Begebenheiten bis zu dramatischen Kriegs- und Fluchterlebnissen reicht, von Erlebnissen in der Arbeitswelt, aber auch vom Spielen und Streiche machen. Das Schlimme sollte nicht verschwiegen, aber auch Schönes nicht vergessen werden.“ (Seite9)

Es ist ein sehr ehrliches und persönliches Buch. Die Autorinnen und Autoren haben ihre Erinnerungsschätze gehoben um sie mit der Kinder- und Enkelgeneration zu teilen. Und für uns Leserinnen und Leser, die wir diese Zeit hauptsächlich aus Schulbüchern kennen, bekommt die Vergangenheit hier individuelle Stimmen und Gesichter, rückt uns auf diese Weise ein Stück näher und wird konkret und nachfühlbar.

Wer nach der Lektüre dieses Buchs seine eigenen Erinnerungen zu Papier bringen möchte, dem bietet die Herausgeberin im Anhang eine Reihe von Tipps und Anregungen zur praktischen Vorgehensweise. Denn, wie Erny Hildebrand im Vorwort schreibt: „Es geht darum, sich zu erinnern und Erinnerungen zu teilen. Es geht darum, mit der eigenen Geschichte nicht allein zu bleiben. Es geht darum, zu erzählen, was früher war.“ (Seite 10)

Rezensent: Edith Nebel
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