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Laila El Omari: Tage des Monsuns – Roman, München 2008, Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-63820-0, Taschenbuch, 640 Seiten, mit Landkarten und einem Personenregister, EUR (D) 8,95. Es gibt auch Bertelsmann- und Weltbild-Ausgaben dieses Romans.
Ootacamund, Nilgiri-Distrikt, Südindien, 1875: Katrina Alardyce, Mitte 20, ist die intelligente und selbstbewusste Tochter eines erfolgreichen Teepflanzers – und gesellschaftlich ruiniert. Ihr Fehler: ein Missgriff bei der Wahl des Ehemanns. Ihr Gatte, Stephen Alardyce, erweist sich nicht nur als unfähiger Geschäftsmann sondern auch als Charakterschwein.
Als Katrinas Familie es ablehnt, ihm finanziell unter die Arme zu greifen, beschließt er, seine Frau loszuwerden und sich anderweitig zu orientieren. Er kauft sich ein paar „Zeugen“, bezichtigt Katrina des mehrfachen Ehebruchs und lässt sich scheiden. Auch die Vaterschaft des gemeinsamen Sohns Caleb zweifelt er vor Gericht an. Nur aus diesem Grund wird der Sohn der Mutter zugesprochen.
Seit ihrer skandalösen Scheidung lebt Katrina im Haus ihres Bruders Charles, von ihm geduldet, von seiner gehässigen Gattin Cynthia gepiesackt – und argwöhnisch beobachtet von der guten (englischen) Gesellschaft in „Ooty“. Und diesen Leuten kann Katrina es einfach nicht Recht machen, egal, wie zurückgezogen sie lebt. Um einen erneuten Skandal hervorzurufen, genügt es schon, dass ein Fremder im Park des Ooty-Clubs ein paar belanglose Worte mit ihr wechselt.
Der Fremde ist Aidan Landor. Was der Leser sogleich erfährt, aber die gute Gesellschaft von Ooty nicht: Aidan ist Lieutenant der Bengalen-Kavallerie und für die Armee als Kundschafter tätig. Kurz gesagt: Er ist ein Spion. Nach außen hin lebt er das Leben eines Müßiggängers, eines Ex-Soldaten, der nicht so recht weiß, was er will und rastlos durch die Gegend reist. Selbst sein eigener Vater, Baron Mountbatton, denkt das – und verweigert seinem „missratenen Sohn“ die finanzielle Unterstützung für den Erwerb einer Teeplantage im Nilgiri-Distrikt. Das aber ist Aidans großer Traum.
Durch Zufall hört Aidan Landor vom Schicksal der geschiedenen Katrina Alardyce. Dass ihr Bruder jeden Betrag als Mitgift zahlen würde, um sie vom Hals zu haben, lässt ihn aufhorchen. Er ist Katrina ein paar Mal begegnet und weiß, wie sehr sie unter dem Leben als geduldeter und scharf beobachteter Gast im Hause ihres Bruders leidet. Er bietet ihr einen Tauschhandel an: „Ich dachte ein einen Tausch jener Art, in der Ihr Bruder Ihnen eine Mitgift stellt, die ausreicht, das Haus zu kaufen, und ich biete Ihnen dafür meinen Namen und die Freiheit, die Sie sich wünschen.“ (S. 58)
Spontan ist Katrina empört über diesen Vorschlag. Erst als ihr Ex-Gatte Anstalten macht, seinen Sohn und Erben zurückzubekommen, willigt sie in die Zweckehe mit Aidan ein. Einer wiederverheirateten Frau kann er den Sohn nicht mehr wegnehmen. Denkt sie …
Wesentlich besser wird Katrinas Leben nach der Heirat nicht. Aidan bleibt seltsam distanziert und verschwindet oft wochen- und monatelang ohne eine zufrieden stellende Erklärung. Die Arbeit auf der Teeplantage bleibt allein an Katrina hängen. Rat und Hilfe findet sie nur bei ihrem Bruder Charles, auch wenn ihre Schwägerin Cynthia das missgünstig zu hintertreiben versucht. Mit Katrinas Freiheit ist es auch nicht weit her. Die Gesellschaft beobachtet sie weiterhin mit Argusaugen, vor allem, wenn ihr Ex-Mann Stephen ihre Nähe sucht. Dabei will er nur eines von Katrina: seinen Sohn Caleb.
Und dafür, dass im großen und ganzen alles so schlimm ist wie vorher auch, hat Katrina nun einen unzuverlässigen und womöglich untreuen Ehemann am Hals?
Das wäre alles nicht nötig gewesen, wäre der Ruf einer Frau nicht so ein zerbrechliches Gut. Wie schnell man aus der guten Gesellschaft ausgestoßen werden kann, das erfahren auch andere Damen in Ooty:
Da wäre Gillian McEwan, eine Kaufmannstocher aus Kalkutta. Jung und naiv hat sie den schönen Worten von Lieutenant Brian Casey geglaubt und ist mit ihm durchgebrannt. Doch statt zur Offiziersgattin hat sie es nur bis zum gefallenen Mädchen gebracht. Allerdings ist Gillian keine, die sich so leicht unterkriegen lässt …
Amelia Holt ist an ihrem Schicksal einer „lebendig begrabenen“ Frau gänzlich unschuldig. Sie ist vom gesellschaftlichen Leben praktisch ausgeschlossen, nachdem ihr Mann gestorben ist. Und genau wie Katrina kämpft sie darum, ihren Sohn behalten zu können. In ihrem Fall sind es die Schwiegereltern, die ihr den Jungen wegnehmen wollen.
Besonders hart trifft es Ashley, die junge Ehefrau von Captain Nicolas Allenger-Brown. Als sie einen aufdringlichen Verehrer in die Schranken weist, rächt sich dieser auf besonders perfide Weise: Er verbreitet pikante Details aus dem Leben ihrer Mutter. In der guten Gesellschaft ist es offenbar wie bei der Zucht von Rassekatzen: ein Makel im Stammbaum und man ist draußen. Auf einmal will niemand mehr etwas mit Ashley Allenger-Brown zu tun haben. Und genau wie Katrinas sauberer Ex-Ehemann kommt auch der abgewiesene Verehrer mit dieser Nummer durch. Zunächst …
Wie eng das gesellschaftliche Korsett tatsächlich ist, merkt eine junge Frau, die trotz der Ächtung Ashleys weiterhin mit ihr in Kontakt bleiben möchte. Ein gesellschaftlicher Makel ist ansteckend – und scheint einem ein Leben lang anzuhaften. Katrina Landor kann ein Lied davon singen.
Als Katrina mit Aidan zur Hochzeit seiner jüngsten Schwester nach Kalkutta reist, wird sie während ihres gesamten Aufenthalts von seiner Familie beleidigt, gedemütigt und außerordentlich respektlos behandelt. Unfassbar, dass Aidan nicht auf dem Absatz kehrt macht und mit Frau und Stiefsohn wieder nach Hause fährt, zumal Katrina gerade von ihm schwanger ist! Aber Aidans Prioritäten liegen eben nicht unbedingt bei Frau und Kindern. Würde er sonst, kaum dass seine Tochter auf der Welt ist, in den Norden des Landes aufbrechen? Zu einer gefährlichen militärischen Mission, wie der Leser, nicht aber Katrina weiß.
Dieses Mal geht es schief. Auf dem Weg nach Kabul geraten Aidan und ein Kamerad in einen Hinterhalt. Banditen haben sie als Soldaten enttarnt und wollen bei der Armee Lösegeld für sie erpressen. Doch die Armee stellt sich quer. Da erfährt Baron Mountbatton, Katrinas verhasster Schwiegervater, von der wahren Profession seines Sohnes – und begibt sich schnurstracks zu seiner Schwiegertochter auf die Teeplantage. Was hat er vor? Wie wird Katrina die aktuellen Entwicklungen verkraften? Und gibt es noch Hoffnung für Aidan Landor, den Spion im Dienste der Krone?
Auch wenn die Covergestaltung diesen Eindruck erwecken mag: Ein Liebesroman ist TAGE DES MONSUNS nicht. Oder zumindest nicht in erster Linie. Natürlich spielen Gefühle eine Rolle: Die Partner in einer Zweckehe nähern sich mit der Zeit emotional einander an. Doch durch die Einblicke ins Aidans Kundschaftertätigkeit erhält die Geschichte auch Motive eines Abenteuerromans. Doch vor allem ist es ein Gesellschaftsroman, der uns das Leben im kolonialen Indien plastisch und farbenprächtig vor Augen führt.
Insbesondere die Frauenschicksale sind sehr fesselnd und berührend. Man leidet mit ihnen mit, ob sie nun Haupt- oder Nebenfiguren sind und ist ein ums andere Mal entsetzt und fassungslos darüber, welche enormen Beschränkungen die gesellschaftlichen Regeln damals den Frauen auferlegt haben. Auch wenn man es „theoretisch“ wusste – es an konkreten Beispielen und Personen mitzuerleben, ist doch etwas ganz anderes.
TAGE DES MONSUNS ist aufregend, mitreißend und exotisch. Der Roman ist lebendig und sachkundig geschrieben und noch dazu informativ. Was will man mehr? Weitere Bücher von Laila El Omari, vielleicht? Das ist zum Glück kein Problem. TAGE DES MONSUNS ist der dritte Roman der Autorin. Und der vierte erscheint im September 2009.
Die Autorin
Laila El Omari, geboren in Münster als Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter, studierte Orientalistik, Germanistik und Politikwissenschaften in Münster und Bonn. Sie arbeitet in den Bereichen Kommunikation und Forschung.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http:// edithnebel.wordpress.com
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Lydia Albersmann: Chaoso – Ein Kater sorgt für Stimmung, Norderstedt 2009, Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8370-3859-0, Softcover, 87 Seiten, mit s/w-Illustrationen der Autorin, Format: 12 x 19 x 0,6 cm, EUR 8,90.
Von klein auf hat der junge Maine-Coon-Kater eine ausgeprägte eigene Meinung. So gefällt ihm zwar die Aussicht auf eine Karriere als Deckkater, doch dass dem Vergnügen die Tortur einer Rassekatzenschau vorausgeht, das hat ihm keiner gesagt. Eine Menschen-Jury soll über seine Kater-Qualitäten urteilen und nicht die Katzendamen? Das findet er derart empörend, dass er sich wie die wilde Jagd aufführt und den Juroren kratzend und beißend ins Gesicht springt.
Vorbei ist’s mit der Deckkater-Karriere. So ein rabiates Vieh, über dessen Eskapaden sogar die Zeitung berichtet, ist zuchtuntauglich, findet die Züchterin und beschließt, den Kater kastrieren zu lassen und ihn an Privatleute zu verkaufen.
Das Kastrieren ist schnell geschehen, das Verkaufen erweist sich als weitaus schwieriger. Ein halbes Dutzend Interessenten hat der Kater schon vergrault. Dazu muss er sich gar nicht besonders anstrengen. Er weiß: „Wir können sehr menschenbezogene und verspielte sanfte Riesen sein, aber wir strotzen auch vor Kraft.“ (Seite 21). Ein beherzter Sprung hier, ein Pfotenhieb da, und die Interessenten haben genug von ihm und treten von ihrer Kaufabsicht zurück.
Familie Nummer sieben ist nicht so leicht ins Bockshorn zu jagen. Auch dann nicht, als der Kater mit Anlauf auf den Kaffeetisch springt. Insbesondere der Mann, Lars, scheint Nerven wie breite Nudeln zu haben, wirft einen Blick auf den Kater und sagt: „Der ist cool, den nehmen wir.“ (Seite 28)
Gesagt, getan. Der Kater wird ins Auto verfrachtet, bekommt unterwegs den treffenden Namen „Chaoso“ verpasst und zieht bei Lars und Tanja ein. Dass er sein Revier mit einem großen, wuscheligen Hund teilen muss, findet er zunächst weniger prickelnd. Dass zum Haushalt auch noch Fische und Mäuse gehören, die er nicht anrühren darf, empfindet er als Zumutung.
Chaoso lebt sich ein. Das heißt in seinem Fall: Er dekoriert zunächst einmal das Haus nach seinen Vorstellungen um und betätigt sich im Folgenden als Aquariumsangler, Vogelfänger, Schmetterlingsjäger, Nachbarschaftsschreck, Wasserwerfer und Brandstifter. Kurzum, er macht seinem Namen alle Ehre. Und nicht alles, was er anstellt, ist harmloser Natur. So mancher tierische Unfug endet in einer kleinen oder größeren „Katerstrophe“.
Ob Chaosos Zukunft in der Party-Organisation liegt, nachdem er seine Deckkater-Karriere so gründlich in den Sand gesetzt hat? Dank seines kreativen Eingreifens wird die Überraschungsparty für Tanjas Bruder auf jeden Fall zu einem Ereignis, über das man noch nach Jahren sprechen wird: eine Feier, bei der nicht nur das Geburtstagskind, sondern auch sämtliche Gäste und die Veranstalter restlos von den Socken waren. Ja, für Stimmung sorgen, das kann der Kater …!
Katzenhalter jeden Alters – ob sie nun für Maine-Coons oder für eine andere Rasse die Futterdosen öffnen – werden aus dem Schmunzeln, Kichern und zustimmenden Nicken nicht mehr herauskommen. Und manch einer wird froh sein, dass seine Katzen nicht ganz so temperamentvoll und einfallsreich sind wie der Held im Buch.
Wer selbst so einen vierbeinigen Tornado daheim hat (oder zwei oder drei), wird nach Lektüre dieses Büchleins seinen Haushalt verstärkt auf Katzensicherheit überprüfen, um tierischen Karrieren als Dekorateur, Wassermann, Feuerteufel oder Party-Crasher einen Riegel vorzuschieben. Denn so vergnüglich es ist, darüber zu lesen – im eigenen Haus möchte man so ein Chaos doch lieber nicht haben.
Wenn sich die Katzen ihren Namen zum Programm machen, hätte man den Kater vielleicht besser „Angelo“ (Engel) nennen sollen. Obwohl … dadurch wären uns viele herrlich komische Erlebnisse entgangen und es hätte dieses Buch nie gegeben. Brave Tiere machen keine Geschichten. Frechdachse, pardon, Frechkatzen schon.
Die Autorin
Lydia Albersmann, geboren 1968 in Köln, arbeitet seit 2004 als freie Grafikdesignerin und Autorin. Seit 2006 lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Hund in Düsseldorf. Tiere haben im Leben der Autorin schon immer eine sehr große Rolle gespielt. Somit stand von Anfang an fest, dass sie auch die Hauptrollen in ihren Büchern spielen werden.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http:// edithnebel.wordpress.com
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Asta Scheib: Agnes unter den Wölffen – Roman, München 2009, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, ISBN 978-3-423-21145-1, 171 Seiten, Format 12 x 19 x 1,5 cm, EUR 8,95 [D], EUR 9,20 [A].
Seit der Scheidung der Eltern ging es nur noch bergab. Das findet jedenfalls die 16-jährige Agnes Ruge. Ihr Vater Michael, der erfolgreiche Drehbuchautor, der aussah wie Robert Redford, lebt nicht mehr. Mutter Juliane, eine Schauspielerin, ist seit einer verpfuschten Operation gehbehindert und derzeit wieder einmal im Krankenhaus. Und Stiefvater Andreas, als Drehbuchautor längst nicht so erfolgreich wie Agnes’ leiblicher Vater, nervt mit sozialpädagogischem Gelaber.
Aber hat eigentlich irgend jemand in Agnes’ Bekanntenkreis eine heile Familie? Ihre Freundin Lula jedenfalls nicht. Bei den vielen Geschwistern gibt es keinerlei Privatsphäre, die Mutter ist beruflich viel unterwegs und der Vater hat was mit dem „angestrengt hübschen“ Au-pair-Mädchen. Bei der pummeligen Patti zu Hause schaut es nicht viel besser aus. Da leben drei Generationen in einem Haushalt. „Der Alte von Patti soll ein ziemlicher Arsch sein.“ (…) – „Dafür ist ihr Opa aber lieb.“ (Seite 114)
Agnes’ exzentrische Schulkameradin Alexandra, genannt Danda, die Drogen nimmt und jeden Tag in einer anderen Verkleidung in der Schule erscheint, behauptet zwar: „Meine Familie ist okay.“ (Seite 78), aber warum reißt sie dann immer wieder von zu Hause aus?
An einem Sonntagabend in der U-Bahn kommt Agnes mit dem gleichaltrigen Simon Wolff ins Gespräch. Weil sie den gut aussehenden Jungen für einen reichen Angeber hält, lässt sie sich von ihm nicht auf einen Cappuccino einladen. Als sie sich an der Haltestelle voneinander verabschieden, kommt es zu einer unheimlichen Begegnung: Simons Vater fährt mit dem Auto vor, begrüßt seinen Sohn und starrt Agnes an, als habe er einen Geist vor sich, fragt sie nach ihrem Namen – und fährt grußlos weiter.
Agnes hat jetzt schon genug von den beiden „Wölffen“ – und fällt aus allen Wolken, als kurz darauf Simon Wolff vor ihrer Schule steht und sie zu sich nach Hause einlädt. Sie will nicht. Wer ihr erstaunlicherweise hinterher telefoniert und auf einen Besuch und ein Gespräch besteht, ist nicht Simon, sondern sein Vater Lorenz Wolff. Er hat dafür seine Gründe, und die liegen 20 Jahre in der Vergangenheit …
Irgendwann gibt sich Agnes geschlagen und stellt bei ihrem Besuch fest, dass es auch bei der wohlhabenden Familie Wolff mit der glücklichen Familie nicht weit her ist. Simon verachtet alles, was mit der Firma seines Vaters zu tun hat, der Vater hält den Sohn für einen Versager, und Mutter Wolff hat keine eigene Meinung oder hat sich zumindest abgewöhnt, eine zu äußern.
Lorenz Wolffs Interesse an Agnes ist in keinster Weise väterlich, sondern eher erotischer Natur. Was in diesem speziellen Fall ein wenig befremdlich ist, um nicht zu sagen: pervers. Agnes fühlt sich vom Interesse des reifen Mannes gleichermaßen geschmeichelt und abgestoßen.
Wolff senior hat Einfluss, verschafft Agnes’ Mutter einen Platz in einer besseren Klinik. Ihr Lebensgefährte Andreas soll sie dorthin begleiten. Damit Lorenz bei Agnes freie Bahn hat? Und Simon? Hat er den Machenschaften seines Vaters etwas entgegenzusetzen? Ein ungleicher Konkurrenzkampf um Agnes’ Zuneigung nimmt seinen Lauf …
Doch die „Wölffe“ sind nicht Agnes’ einziges Problem. Die Freizeitgestaltung von Stiefvater Andreas würde ihrer Mutter ganz und gar nicht gefallen. Soll sie schweigen oder ihre Mutter einweihen?
„Agnes war müde. Sie hatte alle Leute satt, die über zwanzig waren, aber immer wieder wurde sie in ihr Familien-Hickhack oder Liebesgedröhn hineingezogen.“ (Seite 132) Und auch die unter Zwanzigjährigen machen nichts als Schwierigkeiten: Freundin Danda, die Exzentrische, hat es wieder einmal nicht zu Hause ausgehalten und ist ausgerückt. Und es kommt noch viel schlimmer …
Wird die Zeit des Chaos und der Verwirrung jemals vorübergehen? Wird Agnes’ Leben wieder „in Ordnung“ kommen, wenigstens so einigermaßen? Im Moment sieht es jedenfalls nicht danach aus …
Der Roman wurde 1995 als Jugendbuch erstveröffentlicht, spielt also zu einer Zeit, in der man noch mit DM bezahlte und nicht in jeder wachen Minute ein Mobiltelefon am Ohr kleben hatte. Doch auch wenn Zeitgeist und Modeströmungen sich wandeln – das Erwachenswerden gehorcht doch immer den selben Gesetzmäßigkeiten. Es ist eine Zeit der Freundschaft und Verliebtheit, der Ablösung vom Elternhaus, des Begehrens und der Enttäuschungen, der Zukunftspläne, der Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod.
„Manchmal glaubte Agnes, sie könne das Leben nicht mehr aushalten. Dann ging ihr alles zu nah. Die Bilder im Fernsehen von den Verstümmelten der Kriege. Vergewaltigte Frauen und Mädchen, abgefackelte Häuser, Angriffe auf Ausländer (…). Agnes fühlte sich hilflos. Regte sich auf. Verzweifelte. Wollte was tun. Aber was? – Am nächsten Tag schob sie das alles weit weg von sich. Wollte gar nichts mehr tun, sich zusammenrollen auf dem Bett und nicht einmal mehr denken.“ (Seite 47/48)
Kennen wir das nicht alle, ganz gleich, in welcher Zeit wir jung waren?
Nur wenige Monate begeleiten wir Agnes durch ihr Leben und werden doch Zeuge dreier entscheidender Lebensphasen. Ihre Erinnerungen und Rückblicke zeigen sie uns als Kind, als Teenager lernen wir sie kennen. Und am Schluss der Geschichte hat sie sich weiter entwickelt und denkt schon sehr erwachsen.
Ist es ein Jugendbuch, weil es früher einmal als solches verkauft wurde? Es ist ein berührender und fesselnder Roman über das Erwachsenwerden, aber eher etwas für Jugend-Nostalgiker als für Jugendliche von heute. Mit Sicherheit können sich auch Teenager in Agnes’ Gefühlswelt hineinversetzen, doch werden sie sich vermutlich vor dem Hintergrund moderner Mediennutzung an entscheidenden Punkten der Geschichte fragen, was die Leute hier eigentlich für Probleme haben.
Eine Agnes des 21. Jahrhunderts käme gar nicht erst in die Verlegenheit, sich über längere Zeit von einem ungebetenen Verehrer am Telefon belästigen, bedrängen und zu etwas überreden zu lassen, was sie nicht tun will. Sie würde einen kurzen Blick aufs Display werfen und das Gespräch einfach wegdrücken. Böse Wölffe, ob groß oder klein, müssten sich heute etwas anderes einfallen lassen.
Die Autorin:
Asta Scheib, geboren am 1939 in Bergneustadt/Rheinland, arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften. In den Achtzigerjahren veröffentlichte sie ihre ersten Romane und gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Sie lebt mit ihrer Familie in München.
Rezensent: Edith Nebel
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Lydia Albersmann: Geronimos Pferdegeschichten – Der kesse Schimmel erzählt, Norderstedt 2009, Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8370-8101-5, 128 Seiten, mit s/w-Illustrationen der Autorin, Softcover, 13,5 x 21,5 x 0,8 cm, für Leserinnen und Leser ab 8, EUR 10,90
Den mutigen Schimmel-Wallach Geronimo, Bezwinger des gefährlichen Knistermonsters aus der Gattung der Abdeckplanen, kennen viele noch aus dem ersten Band: GERONIMO – MIT DEN AUGEN EINES PFERDES: Die Autorin veröffentlichte damals unter dem Namen Lydia Schweigert.
Band 2 setzt da auf, wo Band 1 aufgehört hat: Nachdem Geronimo, der Schimmel, und sein Freund aus Fohlentagen, der Fuchswallach Fidel, durch viele Menschenhände gegangen sind und sowohl gute als auch schlimme Erfahrungen gemacht haben, treffen sie sich zufällig in einem Reitstall wieder. Geronimos – „Ronnys“– Besitzerin, die klassische Reiterin Jenny und Fidels Besitzerin, die Westernreiterin Anke, sind befreundet.
Nette Menschen, gute Freunde unter den Artgenossen, eine schöne Aufgabe als Reitpferd und eine angenehme Unterkunft – so könnte das Leben eigentlich bleiben. Doch Ronnys bisherige Lebenserfahrung lässt ihn ahnen, dass paradiesische Zustände nicht lange anhalten.
Und in der Tat: Als Anke aus gesundheitlichen Gründen das Reiten aufgeben muss, soll Fidel verkauft werden. Mehr noch als die Angst vor dem Verlust des besten Freundes, macht Ronny die Vorstellung zu schaffen., dass Fidel es bei seinen neuen Besitzern kein schönes Leben haben könnte. Die Menschen, die vorbeikommen, um Fidel „auszuprobieren“ lassen nicht viel Gutes ahnen …
Kaum ist für dieses Problem eine zufriedenstellende Lösung gefunden worden, steht das nächste Unheil ins Haus: Bei einem Machtkampf mit Hengst Paolo wird Ronny so schwer verletzt, dass er in die Tierklinik muss. Schmerzhaft und erschreckend für Ronny – dramatisch und teuer für seine Besitzerfamilie.
Ronny lässt sich von seiner Verletzung nicht unterkriegen und freut sich unbändig, als er endlich wieder nach Hause darf zu seinem Kumpel Fidel, zu seinen Menschen und zu seiner neuen Freundin, der russischen Rappstute Maddi.
Kehrt jetzt wieder Ruhe ein in seinen Alltag? Schön wär’s! Kaum ist Ronny genesen, geschieht die nächste Katastrophe: Pferdediebe machen sich im Reitstall zu schaffen und entführen Ronny und seine Kollegen. Den Pferden ist klar, dass sie in Lebensgefahr schweben. Ausgerechnet an Fidel, der gern als „Weichei“ und „Zwerg“ geschmäht wird, beißen sich die Ganoven die Zähne aus. Er lässt sich nicht einfangen und entkommt. Wird es ihm gelingen, Hilfe zu holen?
Ganz ohne Blessuren geht das Abenteuer nicht ab. Wieder werden hohe Tierarztkosten fällig. Doch das ist nicht das einzige Problem der Pferdebesitzer.
Wenn Geronimo in seinem bisherigen Pferdeleben etwas zu fürchten und zu hassen gelernt hat, dann sind es die „Krisensitzungen“ der Menschen. Denn das hieß für ihn bislang immer, dass ein Besitzerwechsel ins Haus stand. Jetzt gibt es in es im Reitstall gleich mehrere Krisensitzungen, und das Ergebnis könnte schlimmer nicht sein: Ronnys und Fidels Besitzer sind in finanziellen Schwierigkeiten und beide Pferde sollen verkauft werden.
Lässt sich das Unglück noch aufhalten? Wird jemand rechtzeitig eine bessere Lösung finden?
Welche Rolle dabei ein Karomonster, eine Schlammpfütze sowie fliegende Pferde spielen und wie die Geschichte für Ronny und Fidel ausgeht, das steht im Buch …
Mit ihren unterhaltsamen und spannenden Geschichten aus der Sicht des Schimmel-Wallachs Geronimo weckt die Autorin bei großen und kleinen Tierfreunden Verständnis für die Bedürfnisse von Pferden. Oder, wie sie Ronny in ihrem Buch sagen lässt: Indem ihr möglichst viel über uns lernt und versucht, uns zu verstehen könnt ihr dazu beitragen, unser Leben besser zu machen. So viele Pferde leiden aus Gedankenlosigkeit ihrer Besitzer oder werden aufgrund von Missverständnissen unfair behandelt. (…) Wir Pferde sind euch Menschen ausgeliefert. Und es liegt in eurer Hand, unsere Welt Stück für Stück ein bisschen besser zu machen.“ (S. 123/124)
Hoffen wir für die Pferde, dass das Vorhaben gelingt und dieses unterhaltsame Buch zur Aufklärung beiträgt.
Die Autorin
Lydia Albersmann wurde 1968 in Köln geboren. Seit frühester Kindheit hat sie jede Minute ihrer Freizeit mit Pferden verbracht. Und weil ihr das noch nicht ausreichte, beschloss sie, ihr Hobby zum Beruf zu machen und arbeitete sieben Jahre lang hauptberuflich als Pferdepflegerin. Nach erfolgreichem Abschluss eines Grafikdesign-Studiums ist sie seit 2004 als freie Illustratorin und Schriftstellerin tätig. Die Pferde sind weiterhin ihre große Leidenschaft.
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Anton G. Leitner, Gabriele Trinckler (Hrsg.): Ein Nilpferd schlummerte im Sand – Gedichte für Tierfreunde, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-13754-6, Taschenbuch, 142 Seiten mit Illustrationen von Reinhard Michl, Format: 11,5 x 15 x 1 cm, EUR 4,95 [D], EUR 5,10 [A]
55 deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker vom Barock bis zur Gegenwart sind mit insgesamt 81 „tierischen“ Gedichten in diesem unterhaltsamen Bändchen vertreten. Hier gibt es Klassisches und Modernes, Gereimtes und Ungereimtes, Heiteres und Ernstes, Skurriles und Fabelhaftes.
Sie finden Vertrautes und Beliebtes wie z.B. Christian Morgensterns FISCHES NACHTGESANG und das MÖWENLIED, Rainer Maria Rilkes DER PANTHER und Friedrich Daniel Schubarts DIE FORELLE, die Sie sicher als Kunstlied kennen, vertont von Franz Schubert. Der Ohrwurm, den man beim Lesen unweigerlich bekommt, ist eine Gratis-Zugabe.
Es gibt auch viel Neues zu entdecken: rund ein Dutzend Gedichte, die eigens für dieses Buch geschrieben bzw. hier erstmals veröffentlicht wurden.
Von der Mücke bis zum Nashorn, vom Abflug der Stare bis zu Zebras, Ziegen und Zecken wird alles in Reim und Vers gewürdigt, was kreucht, fleucht, hüpft oder schwimmt. Sogar so merkwürdige Kreaturen wie Bücherwurm und Leseratte, Werwölfe, ein Goldfisch im Gurkenglas und ein Kaka-sie. Da ist die Kunst noch kreativer gewesen als die Natur.
Angesichts dieser Textvielfalt wird jeder Tierfreund mindestens ein Lieblingsgedicht entdecken, hat er doch die Auswahl unter Werken aus mehreren Jahrhunderten und mit höchst unterschiedlichen Ziel- und Stilrichtungen. Wo Goethe, Rilke und Grillparzer neben Ringelnatz, Morgenstern und Wilhelm Busch stehen und wo man jede Menge Lyriker kennen lernen kann, deren Namen und Werk einem bislang noch unbekannt waren, ist mit Sicherheit für jeden Geschmack etwas dabei. Wenn auch nicht jedes einzelne Werk in den allerallerhöchsten Sphären der Kunst schwebt. Aber das ist auch gar nicht der Anspruch dieser Sammlung. Sie unterhält, sie bringt zum Nachdenken – und vielleicht führt sie den einen oder anderen unterrichtsgeschädigten Gedichtemuffel über das nette Thema und die vorwiegend heitere Art ein bisschen näher an die Lyrik heran.
Wie wäre es z.B. mit DER KLEIBER von Stan Lafleur (*1968)? Ein Gedicht, das einen an den Dadaismus denken lässt und an Zungenbrecher-Sätze – und das man einfach nicht unfallfrei laut lesen kann, zumindest nicht als ungeschulter Laie. Was einen natürlich nicht daran hindert, es immer und immer wieder zu probieren. Wobei man nur hoffen kann, dass einen niemand hört. Vielleicht wird auch eines der meisterhaften Gedichte von Mascha Kaléko Ihr Favorit? Oder etwas Heiteres von Paul Maar oder Wilhelm Busch? DIE SCHNECKEN zum Beispiel sind sehr amüsant. Da treten die Tiere in Nahrungskonkurrenz zum Menschen, was dieser nicht besonders schätzt. Es ist schon interessant, mit welcher Freude man Gedichte über Tiere liest, auf die man im täglichen Leben nicht besonders gut zu sprechen ist.
Am besten, Sie gönnen sich das tierische Vergnügen und suchen sich Ihre ganz persönlichen Lieblingsgedichte selbst aus.
Sollte je ein Folgeband geplant sein: Unbekannte Dichter und deren Werke hätten wir bei http://www.tiergeschichten.de und http://tiergeschichten.wordpress.com jede Menge …
Die Herausgeber:
Anton G. Leitner, geboren 1961 in München, lebt als Verleger, Lyriker und Publizist im Landkreis Starnberg. Als Rezitator präsentiert er Poesie auf internationalen Literaturfestivals, im Rundfunk und auf CDs. 1992 gründete er die Zeitschrift DAS GEDICHT; die er bis heute editiert. Er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Gabriele Trinckler, geboren 1966 in Berlin, lebt seit 1999 als Lyrikerin, Herausgeberin und Verlagsangestellte in München. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift DAS GEDICHT.
Rezensent: Edith Nebel
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Sally Koslow: Ich, Molly Marx, kürzlich verstorben – Roman, OT: The Late, Lamented Molly Marx, Deutsch von Britta Mümmler, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-423-24725-2, Softcover (dtv Premium), 363 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3 cm, Euro 14,90 [D], 15,40 [A], sFr 25,80.
Keine Ahnung, warum sich Molly Divine Marx ihre eigene Beerdigung immer als ein Event in einer Steinkapelle am Meer vorgestellt hat, irgendwo in Schottland. Das wäre ein ziemlich ungewöhnlicher Abschied für eine New Yorker Jüdin.
Mit dem tatsächlichen Verlauf der Veranstaltung ist sie denn auch denkbar unzufrieden. Zum einen, weil sie bereit mit 35 Jahren abtreten muss und ihre 4-jährige Tochter zurücklässt, zum anderen, weil ihr die stickige Synagoge, der schwadronierende Rabbi, der kitschige Gesang und die wildfremden aufgetakelten Weiber unter den Trauergästen nicht gefallen. Wer sind die überhaupt? Patientinnen und Freundinnen des plastischen Chirurgen Dr. Barry Marx, ihres Ehemanns?
Dass Molly nicht weiß, wer oder was sie so frühzeitig ins Jenseits befördert hat, trägt auch nicht zu ihrem Wohlbefinden bei. Sie erinnert sich nur noch daran, dass sie nach einem Fahrradausflug tot am Ufer des Hudson lag. War es ein Unfall? Oder hat jemand nachgeholfen? Selbstmord, wie Barrys Verwandte annehmen, war es definitiv nicht, dafür gab es keinen Grund. Und ehe Molly das Rätsel ihres Ablebens nicht gelöst hat, kann und will sie nicht endgültig ins Jenseits verschwinden.
Die Existenz in der Ewigkeit hat auch ihre Vorteile, wie Molly schnell herausfindet: Man kann auf der Erde in Sekundenschnelle Ortswechsel vornehmen, man nimmt wahr, was die Menschen tun und denken, ohne von ihnen wahrgenommen zu werden. Und auch der „Bullshit-Detektor“, über den Molly schon zu Lebzeiten verfügte, funktioniert hier prächtig. Niemand kann ihr etwas vormachen.
Sie solle nur gut haushalten mit ihren besondern Kräften sagt Bob, der schon auf eine längere Erfahrung mit dem Totsein zurückblicken kann und ihr als Guide zugeteilt wurde. Denn diese speziellen Fähigkeiten wird sie nicht für immer haben. Also zügelt Molly ihre allgemeine Neugier und will nur zweierlei wissen: wie sie zu Tode gekommen ist und wie ihre Hinterbliebenen den Verlust verkraften.
In einer unterhaltsamen Mischung aus Mollys Erinnerungen und aktuellen Beobachtungen erfahren wir das Wichtigste aus ihrem Leben. Zum Glück muss man im Jenseits nicht mehr politisch korrekt sein, und so nimmt Molly auch kein Blatt vor den Mund. So mancher Mitmensch bekommt ordentlich sein Fett weg: die dominante, eitle und reichlich selbstgerechte Schwiegermutter, zum Beispiel. Oder der Gatte, der nicht nur im Beruf, sondern auch bei der Damenwelt überaus erfolgreich ist, aber stets ein Muttersöhnchen bleibt. Mollys Zwillingsschwester Lucy, die mit ihrer impulsiven, aggressiven und taktlosen Art selbst wohlmeinende Menschen vor den Kopf stößt. Und die etwas vulgäre Stephanie, die schon zu Mollys Lebzeiten hinter Dr. Barry Marx her war und jetzt, da er Witwer ist, erst recht keine Hemmungen mehr kennt.
Mit Zuneigung betrachtet Molly ihre Eltern, deren liebevollen Umgang miteinander sie stets bewundert hat. Wie wird Tochter Annabel den Tod der Mutter verarbeiten? Und wird Freundin Brie, die Rechtsanwältin, mit ihrer Lebensgefährtin glücklich werden?
Wäre alles anders gekommen, wenn Molly den Mut gehabt hätte, den Status der verwöhnten Arztgattin aufzugeben und sich zu ihrem Geliebten, dem Fotografen Luke, zu bekennen? Und was treibt eigentlich Detective Hicks, der Mann mit dem albernen Vornamen? Er soll bitteschön aufklären, wie Molly Marx zu Tode kam. Stattdessen flirtet er mit ihrer Freundin Brie!
Auch mit sich selbst geht Molly gnadenlos ehrlich ins Gericht. Wenn sie ihre eigenen Fehler, Pleiten und Schwächen auflistet, möchte man sie am liebsten als Schwester im Geist ans Herz drücken. Man erkennt sich in so vielem wieder!
Eigentlich hat man es als Leser gar nicht so eilig, den Grund von Mollys Tod herauszufinden. Soll sie ruhig noch eine Weile Detektiv spielen und uns unterdessen an ihren Betrachtungen des Lebens und der Menschen teilhaben lassen. Ob freundlich-humorvoll, kritisch und nachdenklich, berührend-melancholisch oder messerscharf biestig – Spaß macht es immer! Natürlich will man trotzdem wissen, ob auf Erden der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Die Antwort muss in diesem Fall wohl lauten: Ja, nu, wie man’s nimmt …
Molly Marx’ flapsige Kommentare aus dem Jenseits könnten eventuell die religiösen Gefühle von Lesern verletzen, die vom Leben nach dem Tod eine andere Vorstellung haben als die Autorin. Nicht jeder kann sich mit Witzeleien über die Ewigkeit anfreunden. Wer diesbezüglich keine Berührungsängste hat, wird sich gut unterhalten und dürfte der Heldin zustimmen: „Mein altes Leben ist die beste Soap der Welt, auch wenn sie nur einen Zuschauer hat.“ (S. 330)
Für Leserinnen und Leser, die mit den Riten des jüdischen Glaubens nicht so vertraut sind, enthält das Buch freundlicherweise ein Glossar. Das erspart umständliche Erklärungen innerhalb der Geschichte und liefert genau die Menge an Informationen, die für das Verständnis der Abläufe notwendig ist. (Über die Etymologie des Wortes „Fagele“ wäre vielleicht noch zu reden, aber das kann auch eine Frage der Transkription sein.)
Die Autorin:
Sally Koslow wurde in North Dakota geboren, studierte Englisch an der University of Wisconsin und hat für verschiedene Zeitschriften und Magazine gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Manhattan.
Rezensent: Edith Nebel
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Charlaine Harris: Falsches Grab – Roman, 2. Band der Reihe, OT: Grave Surprise, Deutsch von Christiane Burkhardt, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21121-5, Taschenbuch, 301 Seiten, Format: 12 x 19 x 1,7 cm, EUR 9,95
Seit Harper Connelly, 24, als Teenager von einem Blitz getroffen wurde, hat sie nicht nur gesundheitliche Probleme wie Migräne, Schwächeanfälle und Angstzustände, sondern auch die ungewöhnliche Fähigkeit, Leichen zu finden und deren Todesursache zu erspüren.
Harper akzeptiert diese unheimliche Gabe quasi als Entschädigung für ihre physischen und psychischen Beeinträchtigungen und hat einen Beruf daraus gemacht: Jedermann kann sie bei Vermisstenfällen engagieren. Ihr Stiefbruder Tolliver Lang, 27, managt das makabere Unternehmen Connelly & Lang, Bergungen und pflegt eine überraschend penible Buchführung. So ziehen die beiden seit Jahren gemeinsam durch die USA, von Leiche zu Leiche, gefürchtet, angefeindet und als Scharlatane beargwöhnt, und träumen dabei von einem geruhsamen Leben in einem kleinen Häuschen. Und davon, eines Tages doch noch das Schicksal ihrer (Stief-)Schwester Cameron zu klären, die als Schülerin spurlos verschwand.
Bei der Suche nach einer Leiche mag Harper gelegentlich versagen, vor allem, wenn der Tote an einen weit entfernten Ort verbracht wurde. Doch bei der Bestimmung der Todesursache hat sie sich noch niemals geirrt. Ohne zu zögern sagen die beiden deshalb zu, als Professor Clyde Nunley von der Anthropologischen Fakultät des Bingham College in Memphis, Tennessee, sie für die Teilnahme an einem Seminar anheuert. Harper soll die Todesursache der Leichen auf einem 200 Jahre alten Friedhof feststellen. Ihre Erkenntnisse will der Professor anschließend mit den erst kürzlich wiederentdeckten und versiegelt aufbewahrten Aufzeichnung eines früheren Gemeindepfarrers vergleichen. Mogeln ausgeschlossen.
Es ist Harper schon klar, dass sie bei dem Experiment als Betrügerin bloßgestellt werden soll, aber die Bezahlung stimmt und, wie gesagt: Sie irrt sich nie. Die Chance ist groß, dass am Ende des Tages der Professor als Depp dasteht.
Wie erwartet löst Harper die Aufgabe mit Bravour. Doch dann kommt es doch noch zum Eklat: Im Grab von Joshua Poundstone, 1839 – 1858, befindet sich nicht nur eine Leiche, sondern zwei. Und diese zweite, ein ermordetes junges Mädchen, liegt dort erst seit kurzem. Es ist Tabitha Morgenstern, ein Vermisstenfall aus Nashville, Tennessee, den Harper und Tolliver vor zwei Jahren nicht haben aufklären können.
Alles nur Zufall? Daran glauben weder Harper und Tolliver noch die Behörden. Und wieder einmal sitzen die beiden exotischen Dienstleister als Mordverdächtige an ihrem Einsatzort fest. Dieses Mal haben sie nicht nur die örtlichen Detectives Young und Lacey an der Backe, sondern auch noch den FBI-Mann Seth Koenig und den Privatdetektiv Rick Goldman. Und auch mit manchen Mitgliedern der weitverzweigten Familie Morgenstern, Tabithas Angehörigen, ist nicht gut Kirschen essen.
Wenn Harper und Tolliver aus dieser Nummer heil herauskommen wollen, müssen sie den wahren Mörder finden. Dabei wäre es ganz hilfreich, wenn sie wüssten, wer sie dem Professor für das Seminar empfohlen hat. Vielleicht war es ja der Mörder, der gewollt hat, dass sein Opfer gefunden wird. Und was weiß Victor Morgenstern, Tabithas Halbbruder?
Dass sich die exaltierte Hellseherin Xylda Bernardo, eine Dame mit bewegter Vergangenheit, und ihr merkwürdiger Enkel in den Fall einmischen, macht die Sache nicht einfacher.
Dann geschieht ein weiterer Mord. Wusste das Opfer zu viel? War es Tabithas Mörder zu dicht auf den Fersen? Die aktuelle Entwicklung lässt auf jeden Fall nichts Gutes ahnen für Harper Connelly und Tolliver Lang …
Die Geschichten um Harper Connelly sind definitiv düsterer als die „Sookie Stackhouse“-Reihe, mit der Charlaine Harris berühmt geworden ist. Das hier ist keine übersinnliche Freak-Show, sondern eine Krimi-Reihe, die in der realen Welt spielt und von der Prämisse ausgeht, dass Harper Connellys unerklärliches Talent wirklich existiert.
Hier halten zwei Außenseiter zusammen gegen den Rest der Welt. Harper und Tolliver werden niemals dazugehören zum „normalen“ Leben in den Vororten und Kleinstädten, durch die sie kommen. Dagegen steht ihre makabere und unheimliche Profession und ihre schreckliche Vergangenheit. „Desolate Familienverhältnisse“ beschreiben die Hölle, in der die Stiefgeschwister aufgewachsen sind, nur unzureichend.
Harper und Tolliver führen ein Nomadenleben, ohne nennenswerte familiäre Bindungen, ohne Freunde und ohne wirkliches Zuhause. Von Berufs wegen bekommen sie auch nur Dramen und Tragödien zu Gesicht. Mag sein, dass sie sich deswegen so gerne Filme mit glücklichen Familien und einem guten Ende ansehen. Zwei traumatisierte, tragische Figuren, für die man sich kein Happy End vorstellen kann.
Dass die Reihe beim Leser trotzdem keine Depressionen hervorruft, sondern spannend und unterhaltsam ist, liegt unter anderem an der Beobachtungsgabe der Geschwister und ihrem Talent zu spitzzüngig-treffenden und schlagfertigen Kommentaren. Ohne eine Prise Humor könnten sie dieses Leben wohl auch nicht ertragen.
Auf längere Sicht besteht bei dieser Reihe allerdings die Gefahr der Gleichförmigkeit und damit der Abnutzung der Story. Das Strickmuster ist immer das gleiche: Die Stiefgeschwister finden eine Leiche, werden verdächtigt und müssen, um ihre Unschuld zu beweisen, selbst auf Mörderjagd gehen. Aber, wer weiß? Vielleicht wird uns Charlaine Harris in den kommenden Bänden mit gänzlich unerwarteten Wendungen überraschen.
Die Autorin
Charlaine Harris lebt mit ihrer Familie in Arkansas. Sie hat mehrere Kriminalromane sowie die Kult-Vampirreihe um die gedankenlesende Kellnerin Sookie Stackhouse veröffentlicht und erhielt für ihre Bücher zahlreiche Auszeichnungen.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
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Dora Heldt: Tante Inge haut ab – Roman, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-423-24723-8, Softcover (dtv Premium), 336 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,2 cm, EUR 12,90 [D], EUR 13,30 [A]
Die erste Begegnung zwischen Christine Schmidts Lebensgefährten Johann und ihrem Vater Heinz ging gründlich daneben (Dora Heldt: „Urlaub mit Papa“, dtv). Auch als gestandene Frau von Mitte 40 möchte man ja nicht, dass der Partner denkt, man entstamme einem Haufen meschuggener Nervensägen, denen jeglicher Bezug zur Realität fehlt. Also startet Christine einen neuen Versuch: Beim Urlaub auf Sylt, im Haus von Christines Eltern, soll Johann davon überzeugt werden, dass ihre Familie eigentlich ganz nett und normal ist.
Schon am Bahnsteig ahnt Christine, dass das wohl auch diesmal schief gehen wird. Denn mit Sack und Pack und einem knallroten Hut steht auf einmal Papas Schwester da, Inge Müller, die eigentlich bei ihrem Mann Walter in Dortmund sein sollte. Tante Inge, so stellt sich heraus, war zur Kur. Dort muss ihr wohl das eine oder andere Licht aufgegangen sein, denn sie hat beschlossen, ihr Leben grundlegend zu verändern.
Verdenken kann man es ihr nicht. Dortmund ist eigentlich nie richtig ihre Heimat geworden. Und bei ihrem Mann Walter, einem pensionierten Steuerinspektor, dreht sich alles nur noch um Fußball, Sparen und das Einbilden von Krankheiten. Zwischendrin mäht er den Rasen oder macht den Nachbarn die Steuererklärung. Inge fühlt sich wie lebendig begraben und will jetzt, mit 64 Jahren, auf ihrer Heimatinsel Sylt noch einmal von vorne anfangen.
Schön für Inge. Aber was wird ihr „großer Bruder“ Heinz dazu sagen? Er ist schon seit Kindertagen davon überzeugt, für Inges Wohlergehen verantwortlich zu sein und sie vor jeglichem Unheil bewahren zu müssen. Und wer Heinz kennt, weiß: wo er helfend eingreift, da wächst kein Gras mehr. Das weiß auch Inge und hält sich bezüglich ihrer Pläne sehr bedeckt.
Erst nimmt die Familie Inges Veränderungsabsichten nicht ernst. Vielleicht hat ihr nur ihre neue Freundin aus der Kur, die mondäne Renate, einen Floh ins Ohr gesetzt, und das ganze gibt sich wieder. Oder Inge ist ein bisschen durcheinander, weil vor kurzem ihre Freundin Anna verstorben ist.
Auf Dauer lässt sich jedoch nicht ignorieren, dass Inge Verhandlungen führt, plant und organisiert. Und wo immer es keine konkreten Informationen gibt, da schießen die Vermutungen und Gerüchte wild ins Kraut. Dass auch noch Inges Kur-Freundin Renate auftaucht, die Inge „beistehen“ will und mit ihren eigenen Spekulationen die Gerüchteküche weiter anheizt, macht die Sache nicht einfacher.
Überhaupt … Renate! War sie in der Kur eine wertvolle Inspiration für Inge, entpuppt sie sich jetzt mehr und mehr als egozentrischer, unsensibler Trampel, der stets hinter irgendwelchen Männern her ist und einen peinlichen Auftritt nach dem anderen hinlegt. Inge wäre sie ganz gerne los. Und auch Schwägerin Charlotte – Heinz’ Ehefrau und Christines Mutter – ist alles andere als erbaut davon, dass Renate bei ihnen ein- und ausgeht. Als sich auch noch Heinz’ Kumpel Kalli vorübergehend bei ihnen einnistet und Inges Mann Walter anreist, um nach dem Rechten zu sehen, ist das Chaos komplett.
Heinz, Kalli und Walter starten mit Renates Hilfe ein „Rettungsprogramm“ für Inges Ehe, was Charlotte aus dem Haus und Christine auf die Palme treibt. Die Aktion mündet prompt in ein fürchterliches Tohuwabohu, im dem unter anderem eine Hecke, ein angebrochener Hintern und ein Polizeieinsatz eine Rolle spielen.
Christine ist weiter denn je davon entfernt, ihre Familie als nett und normal präsentieren zu können.
Ein Gutes hat der ganze Zirkus jedoch: Er bringt Christine ins Grübeln. Tante Inge wagt mit Mitte 60 noch einen Neuanfang, Christine dagegen graut es dermaßen vor Veränderungen, dass sie mit Johann immer noch eine Wochenendbeziehung führt, obwohl es die Option gäbe, zu ihm nach Bremen zu ziehen.
Wird auch Christine Mut zur Veränderung fassen? Und was genau hat eigentlich Tante Inge vor? Bisher hat sie sich ja standhaft geweigert, ihre Familie in ihre konkreten Pläne einzuweihen. Nur Anika, die nette Bedienung als dem Lokal „Badezeit“, weiß Bescheid. Aus gutem Grund. Und zum Glück. Denn wer weiß, wie die Geschichte sonst ausgegangen wäre …
Christines Familie ist einfach … unbeschreiblich! Wenn Heinz und sein Schwager am Telefon die Befindlichkeiten der weiblichen Familienmitglieder erörtern, dann bleibt kein Auge trocken. Und Schwager Walter, der sparsame Steuerinspektor im Ruhestand, steht Heinz in nichts nach. Christines Mutter kommentiert eine seiner Glanzleistungen so: „Onkel Walter hat Bahnchef Mehdorn eins ausgewischt und fährt für 54,50 Euro dreizehn Stunden Zug. Mit siebenmal Umsteigen. Jetzt sag nicht, dass er nicht gewieft ist.“ (S. 169.)
So richtig rund geht’s, sobald Heinz seine Rentnergang um sich schart. Mit Kalli und Walter bildet er eine Art temporärer Strohwitwer-WG, in der einer unfähiger im Haushalt ist als der andere. In der Küche schaut es alsbald aus, als sei etwas explodiert, aber für solche Nebensächlichkeiten haben die Herren keinen Kopf. Schließlich müssen sie Inge beschützen, wenn sie auch keine Ahnung haben wovor. Wie sollten sie auch? Von dem, was um sie herum vorgeht, bekommen sie mangels Aufmerksamkeit maximal die Hälfte mit und reimen sich den Rest zusammen. Das ist nicht gerade die optimale Ausgangslage für Aktionen gleich welcher Art. Aber saukomisch für den Leser!
Es müsste Heinz uns seinen Kumpels doch irgendwann mal aufgefallen sein, dass ihre Rettungsmissionen grundsätzlich im Desaster enden. Aber sie können das wohlmeinende Einmischen einfach nicht lassen. Johann schätzt seinen quasi-Schwiegervater diesbezüglich richtig ein: „Solange er das Gefühl hat, dass was nicht stimmt, wird er sich darum kümmern.“ (S. 165). Und solange er das tut, hat Tochter Christine was zum Aufregen, Verzweifeln und Fremdschämen – und der Leser was zu lachen.
Wer über eine ähnlich anstrengende Verwandtschaft verfügt wie Christine, wird vieles wiedererkennen und sich sagen: „Gottseidank geht’s nicht nur bei uns so zu!“ Andere werden erleichtert seufzen: „Ganz so abgedreht ist meine Sippe zum Glück nicht!“ Wer sich bei diesem Roman in keinster Weise an seine eigene Familie erinnert fühlt, hat entweder keine oder er hat enormes Glück gehabt. Das ist fast nicht vorstellbar. Denn sind wir nicht alle ein bisschen Müller und Schmidt?
Rezensent: Edith Nebel
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Steffanie Burow: Das Jadepferd. Roman, Müchen 2008, Knaur Verlag, ISBN 978-3-426-66297-7. Hardcover mit Schutzumschlag, zwei Landkarten und Glossar, 472 Seiten, Format: 15 x 22 x 3,5 cm, EUR 19,95
Marion Reuter, Anfang 30, ist eine erfahrene Rucksacktouristin. Als sie sich auf einer Asientour von ihrem Lebens- und Reisegefährten trennt, ist es deshalb keine Frage, dass sie alleine in den Westen Chinas weiterreist. Aber ob das so eine gute Idee ist?
Um einem einsamen Abend im Hotelzimmer zu entgehen, unternimmt sie einen Abendspaziergang durch das muslimische Viertel Kashgars – und stürzt in eine schlecht gesicherte Baugrube. Als sie wieder zu sich kommt, stellt sie fest, dass sie nicht allein in der Grube liegt. Doch was sie für einen Betrunkenen hält, der im Kanalisationsrohr seinen Rausch ausschläft, ist in Wahrheit eine Leiche!
Für einen winzigen Augenblick verlässt Marion das gesunde Urteilsvermögen und sie begeht einen folgenschweren Fehler: Der Tote hat ein kleines, ramponiertes Lackkästchen bei sich. Marion steckt es ein und ruft erst dann um Hilfe.
Der Junge Mann in der Baugrube erweist sich als Mordopfer. Kommissar Li Yandao nimmt die Ermittlungen auf. Nun wäre es das Klügste, das unterschlagene Kästchen dem Kommissar mit einer halbwegs plausiblen Erklärung auszuhändigen. Doch Marion verpasst den richtigen Zeitpunkt und kommt aus dieser Geschichte nicht mehr mit Anstand heraus.
Im dem Lackkästchen befindet sich die vordere Hälfte einer Pferdefigur aus Jade und ein paar beschriftete Bambusstäbchen. Dass es sich bei dem Pferdchen mitnichten um gut gefälschten Touristenkitsch handelt, dämmert Marion, als sie ihr Hotelzimmer durchwühlt vorfindet. Gestohlen wurde nichts. Was sollte bei einer Backpackerin auch zu holen sein? Wer immer in ihr Zimmer eingedrungen ist, muss das Kästchen mit dem Pferd gesucht haben. Doch das trägt sie stets bei sich.
Was hat es mit dem Jadepferd auf sich? Musste schon der junge Mann in der Baugrube wegen dieses Artefakts sterben? Und ist es Einbildung, oder wird Marion wirklich von einem riesenhaften Uighuren und einem jungen Chinesen mit einem Muttermal im Gesicht verfolgt? Ein etwas auffälliges Team für eine unauffällige Beschattung …
Marion beschließt, Kashgar zu verlassen, auch wenn sie inzwischen mehr als nur Sympathie für Kommissar Li Yandao empfindet. Dieser ahnt zwar, dass „Ma Li Huo“, wie er sie nennt, ihm etwas verschweigt, doch Beweise hat er nicht, und so muss er sie ziehen lassen.
Marions Verfolger lassen sich nicht so einfach abschütteln. Was sie zunächst nicht ahnt: Der hochgewachsene Uighure und sein Kollege sind nur Handlanger. Professioneller und um einiges gefährlicher ist „der Russe“ Nikolai, der die Verfolgung aufnimmt, als Marion in Turfan eintrifft. Nicht nur sie selbst ist jetzt in Gefahr, sondern auch ihre Reisebekanntschaften, wie zum Beispiel die uighurische Ärztin Batügül, die ihr in Khotan spontan eine Unterkunft angeboten hat. Oder die Backpacker Robert, Greg und Jenny, die sie in Turfan kennen gelernt hat.
Wird Marion herausfinden, was es mit dem Fund auf sich hat und warum alle Welt dahinter her ist? Rechtfertigt der rein materielle Wert des Jadepferdchens wirklich eine Hatz quer durchs halbe Land, Mord und Totschlag inklusive? Wird es Marion gelingen, genügend falsche Fährten zu legen, um sich und das Jadepferd unbeschadet außer Landes zu bringen?
Wenn Marion all das wüsste, was die Autorin uns erzählt, wäre sie da nicht so sicher. Als Leser erfahren wir nämlich nach und nach die Geschichte von Marions Jadepferd. Sie beginnt im Juli 102 v. Chr., als der Hohe Sekretär Zhao Shan zwei Tagesreisen von Chang’an entfernt einen Boten des Kaisers abfängt und ihm ein Lackkästchen mit einer Nachricht an den General Li Guangli abnimmt – eine Tat mit weitreichenden Folgen.
Seither sind mehr als zweitausend Jahre vergangen. Das Kästchen mit dem Pferd und den Bambusstäbchen hat inzwischen einen langen Weg von Chang’an bis in den äußersten Westen Chinas zurückgelegt. Es hatte im Lauf der Zeit viele Besitzer und kaum einem hat es Glück gebracht.
Mit Spannung und Faszination verfolgt man Marions Flucht von West nach Ost. Gleichermaßen fesselnd und womöglich noch exotischer als Marion Reuters Tour de Force durch halb China ist die Jahrtausende lange Reise des Jadepferdchens.
Manchmal möchte man sie schütteln, diese halsstarrige Marion, die auf Biegen und Knochenbrechen an ihrem Vorhaben festhält, das Artefakt zu behalten und nach Deutschland zu bringen. Dabei ist sie gar nicht so hartgesotten wie sie selbst glaubt, auch wenn man ihr eine gewisse kriminelle Energie und Kreativität nicht absprechen kann. Der Trick mit dem Ferrari, zum Beispiel, der ist klasse …
DAS JADEPFERD ist eine packende Mischung aus Abenteuerroman, Krimi, Reisebericht und Landeskunde. Man merkt deutlich, dass die Autorin hier kein angelesenes Wissen zum Besten gibt, sondern die Region selbst bereist und sich intensiv mit den Gegebenheiten des Landes beschäftigt hat.
Hat sich eigentlich schon jemand die Filmrechte an dem Stoff gesichert? Auch wenn die historischen Rückblenden sicher eine Herausforderung wären: Diese temporeiche Story würde auch in Kino oder Fernsehen eine gute Figur machen.
Die Autorin
Steffanie Burow war Art-Direktorin und Werbetexterin, bevor sie gemeinsam mit ihrem Mann ausgedehnte Reisen durch die Länder des Fernen Ostens unternahm. Heute lebt die Autorin in Hamburg.
Rezensent: Edith Nebel
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Tina Zang: Der Karatehamster ist nicht zu bremsen, für Kinder ab 8, München 2009, Ars Edition GmbH, ISBN 978-3-7607-3440-8, Hardcover mit Plüschfell-Einsatz, 152 Seiten, mit s/w-Illustrationen von Claudia Fries, Format: 15 x 21,7 x 1,8 cm, EUR 8,95
Die Hamster Neo, Chan und Lee:
Viele Leser kennen sie.
Für die Leser, die die Karatehamster-Reihe noch nicht kennen, hier eine kurze Vorstellung der wichtigsten Personen: Die drei Hamster Neo, Chan und Lee leben bei der deutsch-japanischen Patchwork-Familie Yusumi-Putz. Sie gehören der Tochter des Hauses, Kira Yusumi.
Neo ist der Abenteurer und Sportler unter den drei Hamstern. Weil Herr Yusumi eine Karateschule betreibt, in der Kira eifrig trainiert, hat auch Neo eine Leidenschaft für diesen Kampfsport entwickelt. Er ist der Karatehamster. Seine Hamsterkumpels haben andere Interessen: Lee ist der Philosoph, Schöngeist und Jammerlappen unter den dreien. Beim pummeligen Chan dreht sich alles nur ums Fressen. Alle drei sind verliebt in die Hamsterdame Mariechen, die einer Freundin der Familie gehört.
Wichtig ist auch noch der Tierarztsohn Jan Winkler, Kiras Schulkamerad und bester Freund, der sich besonders gut mit den Hamstern versteht, vor allem mit dem abenteuerlustigen Neo.
Pechvogel und Tunichtgut Heiko Putz, Kiras Stiefbruder, ist diesmal nicht derjenige, der aus irgendwelchen Schwierigkeiten herausgepaukt werden muss. Aber sicher nur deshalb, weil er gerade nicht da ist. Er verbringt die Ferien bei seinem Vater.
Die drei Hamster flippen aus:
Marie wird Urlaubsgast im Haus!
Neo, Chan und Lee drehen vor Begeisterung am Rad: Kira übernimmt die Urlaubspflege von Hamster Mariechen, für die sie heftig schwärmen. Jeder der drei tut nun sein Möglichstes um Mariechen zu beeindrucken. Inspiriert durch ein Varietéprogramm, das sie zufällig im Fernsehen gesehen haben, bringt Lee sich das Jonglieren mit Maiskörnern bei und Chan bildet sich ein, zaubern zu können. Neo setzt mehr auf handwerkliche Fähigkeiten, doch beim Versuch, Mariechens Laufrad zu reparieren, stürzt er in ein Sprudelglas und muss wegen eines anhaltenden Schluckaufs zum Tierarzt gebracht werden.
Zwei Hamster geh’n ins Lichtspielhaus.
Das geht doch sicher übel aus!
Der erste Punkt beim Mariechen-Beeindrucken geht eindeutig an den Maiskörner-Jongleur Lee, der zu allem Überfluss auch noch den Abend allein mit seiner Angebeteten verbringen darf, weil Kira und Jan auf die abwegige Idee kommen, Neo und Chan mit ins Kino zu nehmen. Der Film entpuppt sich zwar als langweilig, aber dafür lernen sie den Kinobesitzer Jonas kennen, einen richtig netten Kerl. Und sie erfahren, dass er das „Gloria“ leider in Kürze verkaufen muss, weil er sich die anstehende Sanierung nicht leisten kann.
Ob dem Mann mit einer Benefiz-Veranstaltung zu helfen wäre? Genügend talentierte Freunde und Bekannte, die etwas aufführen könnten, müssten doch aufzutreiben sein. Da wäre zum Beispiel ein jonglierender Hamster …
Als die Kinovorstellung wegen einer technischen Panne vorzeitig abgebrochen werden muss, stellen Kira und Jan entsetzt fest: Chan ist weg! Tagelang suchen sie ihn, aber der pummelige Hamster bleibt verschwunden. Wurde er versehentlich mit dem Müll entsorgt? Oder hat ihn gar jemand entführt?
“Wir retten Chan und Gloria!
Wozu sind Freunde denn sonst da?“
Die Freunde müssen Chan finden, ehe ihm da draußen etwas passiert. Und sie wollen unbedingt die Wohltätigkeitsveranstaltung für das „Gloria“ auf die Beine stellen, damit es nicht verkauft werden muss. Als wäre das nicht schon Stress genug, verschwindet plötzlich auch noch Hamster Neo!
Was ist dem Karatehamster und seinem verfressenen Freund nur zugestoßen? Werden Kira und Jan die beiden wiederfinden? Und werden sie das kleine Kino vor dem Verkauf retten können? Von der großen Schweinerei, die hinter den Kulissen im Gange ist, ahnen die beiden Schüler noch nichts …
Ein Feuerwerk an Witz und Spaß,
und nebenbei lernt man noch was.
Ein Feuerwerk von kuriosen Einfällen, slapstickartigen Szenen und sprühendem Wortwitz sorgt für ein zwerchfellerschütterndes Lesevergnügen. Und ganz nebenbei kann man aus den Abenteuern von Kira und ihren Hamstern noch ein bisschen was lernen:
* Mit einer zündenden Idee und der Hilfe guter Freunde kann sich auch eine aussichtslos erscheinende Lage zum Besseren wenden.
* Nicht hinter jeder Missetat steckt böser Wille. Mitunter will jemand Gutes tun und erreicht genau das Gegenteil.
* Auch aus dem übelsten Schlammassel kann noch etwas Gutes entstehen, wenn man offen miteinander spricht.
So nett verpackt lässt man sich auch die etwas bittereren Lektionen des Lebens gerne schmecken.
Die Illustrationen von Claudia Fries ergänzen Tina Zangs Geschichte ganz wunderbar. Sie sind derart einprägsam, dass sich vor dem geistigen Auge so manches Karatehamster-Fans die Handlung in Gestalt eines Trickfilms abspulen dürfte. Und falls sich jemand fragen sollte, warum die Zwischenüberschriften in dieser Rezension gereimt sind: Das ist der Versuch, die gereimten Kapitelüberschriften des Buchs nachzuempfinden.
Wir dürfen gespannt darauf sein, in welche haarsträubenden Abenteuer sich der Karatehamster und seine Freunde im nächsten Band stürzen werden. Lassen wir uns überraschen!
Rezensent: Edith Nebel
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