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Er wohnte nur zwei Wochen bei uns und ich bin immer noch traurig, wenn ich an ihn denke. Der kleine Kater war kaum größer als meine Hand, als wir ihn aufnahmen, ein halbverhungertes bernsteinfarbenes Häufchen mit einem fadendünnen Schwänzchen, das Ben in der Nacht am Straßenrand aufgelesen hatte und das nun zitternd auf unserem Küchentisch saß.
In unserer kleinen tunesischen Stadt am Rand des Großen Salzsees, dort wo die Sahara beginnt, gibt es viele verwilderte herumstreunende Katzen. Sie leben in leerstehenden Häusern oder auf unbebauten Grundstücken inmitten von Plastiktüten, Müll, Sand, Geröll und vertrockneten Pflanzen. Manchmal werden sie in Gärten oder Höfen geduldet und doch immer wieder verjagt. Sie sind mager, struppig, oft sandfarben, so dass sie zwischen den ebenfalls sandfarbenen Häusern und auf den unasphaltierten staubigen Strassen und Wegen kaum auffallen. Ihre Nahrung suchen sie in den offenen Müllcontainern, die überall herumstehen. Alt werden die wenigsten. Sie verhungern, sterben an irgendeinem Gift oder einer Seuche oder werden überfahren. Aber es gibt immer wieder Nachwuchs. Oft zu viel für die Katzenmütter, die ihre Jungen verlassen oder aussetzen, wenn ihnen die Kraft für die Aufzucht fehlt.
«Der Kleine ist bestimmt ein Waisenkätzchen», sagte Ben «Ich hätte ihn fast überfahren. Und jetzt hat Luna einen Freund.»
Luna ist unsere Siamkatze. Sie wollte keinen Freund, jedenfalls keinen in ihrem Haus. Knurrend und zischend umkreiste sie den Küchentisch. Der winzige Kater pustete mutig zurück. Richtig fauchen konnte er noch nicht. Löwenherz, dachte ich.
«Das geht nicht gut», sagte ich. «Und woher willst du überhaupt wissen, dass der Kleine ein Waisenkind ist? Seine Mutter sucht ihn vielleicht. Du musst ihn zurück bringen.»
Luna zeigte ihren Unmut immer deutlicher und heulte wie ein Wolf. Das überzeugte Ben. Wir gaben dem kleinen Löwenherz ein bisschen Milch, bevor wir zu dem unbewohnten Haus fuhren, vor dem Ben ihn gefunden hatte. Löwenherz saß auf meinem Schoß, eingegraben zwischen meinen Beinen, immer noch zitternd, aber nicht mehr pustend. Ich fühlte seine spitzen Schulterblätter und dünnen Rippen unter dem Bernsteinfell.
Warum war er allein auf der Straße gewesen? Waren seine Geschwister schon vor Hunger gestorben und hatte er sich schließlich mit unbändigem Überlebenswillen auf den Weg gemacht, um seine Mutter zu finden ? Würde die Mutter jemals zurückkommen?
Ben schob Löwenherz unter dem Haustor hindurch in den Hof. Er war sich sicher, dass dort Katzen lebten. Der kleine Kater schrie, ich weinte, Ben griff wieder durch die Lücke unter dem Tor, zog den Kater hervor und brachte ihn ins Auto zurück.
Foto: © Astrid Kuhl
«Er kann fürs Erste im Keller schlafen», sagte ich. «Luna darf dann da nicht hin.»
Unser Keller war damals noch nicht fertig. Es gab keine Treppe, die hinunter führte, sondern nur eine alte Leiter, an der eine Sprosse fehlte. Und er war voller Gerümpel, alte Gegenstände, die Ben gesammelt hatte, riesige Holzfässer, Kupferkessel, schmiedeeiserne Gitter, die in der Altstadt Fenster verziert hatten, ausrangierte Türen aus Dattelpalmenholz, Kutschenräder, Truhen, an denen die Farbe abblätterte, Lehmziegel und bemalte Kacheln. Luna fand den Keller sehr reizvoll. Sie kletterte jeden Tag über die aufgestapelten Holztüren hinunter und jagte die Vögel und Eidechsen, die Schatten suchend durch die noch scheibenlosen Kellerfenster herein kamen, oder sie lag stundenlang auf einer großen Holztruhe und meditierte. Damit war nun Schluss.
Wir brachten einen alten Teppich in den Keller, legten einen kleinen Karton mit Haushaltspapier und zwei weichen Stofftaschentüchern aus und stellten ein Schälchen Milch hin. Das Nachtlager für Löwenherz war fertig. Luna schlief wie immer in unserem Bett oben in der ersten Etage, der kleine Kater schrie im Keller und ich machte mir Sorgen. In sechs Wochen würde ich zusammen mit Luna Tozeur verlassen und für drei Monate in Estland arbeiten. Was würde dann aus Löwenherz? Ben, das wusste ich, würde kaum Zeit für ihn haben. Und würde Luna Löwenherz jemals akzeptieren?
Am nächsten Morgen brachte ich frische Milch in den Keller. Löwenherz war nicht zu sehen; aber ich hörte ihn hinter den Holzfässern pusten. Ich setzte mich auf einen dicken Holzbalken und wartete. Vorsichtig näherte sich der kleine Kater dem Milchschälchen, Und allmählich ging sein Pusten in Schnurren und Schlabbern über. Als ich langsam aufstand, verschwand Löwenherz jedoch sofort wieder hinter den Holzfässern und pustete voller Angst. Von da an verbrachte ich Stunden auf dem Hozbalken im Keller. Ich nahm Bücher mit und las Löwenherz Geschichten vor, damit er sich an meine Stimme gewöhnen konnte. Löwenherz spielte unterdessen mit den beiden Taschentüchern, die er aus seinem Karton gezupft hatte.
Am zweiten Tag gelang es mir ihn zu fangen und auf meinen Schoß zu setzen. Erst pustete er wieder heftig und schlug mit seinen kleinen, noch viel zu zarten Krallen nach mir. Aber er blieb auf meinem Schoß sitzen und fing schließlich an zu schnurren, während ich ihm über die Stirn strich, seinen Nacken kraulte und ihm Geschichten aus Marokko von Paul Bowles vorlas.
So ging es mehrere Tage. Löwenherz wurde von Mal zu Mal zutraulicher. Schon bald kam er von alleine, wenn ich anfing zu lesen, vorsorglich pustend zwar; aber er flüchtete nicht mehr, wenn ich meine Hand nach ihm ausstreckte. Ich feuchtete meine Finger mit Spucke an, putzte sein Fell, kratzte verkrusteten Sand von seinen Pfoten und bürstete ihn vorsichtig mit einer kleinen Plastikbürste. Löwenherz schnurrte. Inzwischen hatte ich auch eine kleine ockergelbe Plastikschüssel gekauft und sie mit Sand gefüllt als Toilette hingestellt. Löwenherz benutzte sie sofort. Als er am dritten Tag mit seinen spitzen Zähnchen an meinen Fingern nagte, fand ich, dass er bestimmt schon festere Nahrung zu sich nehmen konnte. Ich gab ihm Eigelb mit ein bisschen Butter, Hähnchenfleisch, Truthahnwurst, Thunfisch, Schmelzkäsestückchen und eingeweichtes Trockenfutter aus Lunas Vorräten. Löwenherz fraß alles. Milch wollte er nicht mehr. Er trank jetzt Wasser. Sein Bauch wurde rund wie ein kleiner Ballon und seine spitzen Schulterblätter waren schon bald nicht mehr zu spüren. Sogar um sein dünnes Schwänzchen wuchs langsam ein Polster.
Foto: © Astrid Kuhl
Jedes Mal wenn ich aus dem Keller kam, wartete Luna mit finsterem Blick hinter der Tür. Sie wollte unbedingt hinunter und nach dem Rechten sehen. Schließlich ließ ich sie. Löwenherz spielte mit seinen Taschentüchern, Luna kauerte einen Meter über ihm auf den Holztüren, jederzeit zum Sprung bereit, und ich saß angespannt auf dem Balken gegenüber, ebenfalls sprungbereit, falls Luna zum Angriff überging. Als ich mit einer neuen Geschichte begann, kam Löwenherz pustend wie immer auf meinen Schoß. Luna sprang von den aufgestapelten Holztüren, schnüffelte an Löwenherz’ kleinem ockergelben Plastikklo, zwängte sich hinein, pinkelte und ließ sich dann gähnend zu meinen Füβen nieder.
Es waren anstrengende heisse Tage im Keller. Jedenfalls für mich. In Tozeur war der Sommer wie ein Feuer ausgebrochen. Draußen in der grellen, erbarmungslos brennenden Sonne war die Luft drückend und atemberaubend. Im Keller war es zwar einigermaßen erträglich. Trotzdem war ich schweißgebadet, während ich aus Tolstois Familienglück vorlas, Löwenherz auf meinem Schoß klebte und Luna gleichgültig tat, uns aber nicht aus den Augen ließ.
An einem Nachmittag nahm ich Löwenherz von meinem Schoß herunter und setzte ihn auf den Boden. Luna, die eben noch scheinbar uninteressiert dagelegen hatte, wurde zu einer fauchenden Bestie. Löwenherz flüchtete sofort hinter die Fässer; Luna sprang auf die Holztüren, schlug wütend zischend mit ihren langen scharfen Krallen nach mir und verschwand dann ebenfalls hinter den Fässern. Durch ein schmiedeeisernes Gitter konnte ich die dunklen Tatzen eines lauernden Siamungeheuers erkennen. Weiter hinten leuchtete ein kleiner bernsteinfarbener Buckel mit zu Berge stehendem Fell. Ich griff zu der einzigen Waffe, die ich finden konnte: Löwenherz’ Wasserschüsselchen. «Raus!» brüllte ich und zielte mit dem Wasser auf Luna, die empört maunzend über die Holztüren aus dem Keller floh. Ich schnappte Löwenherz, kletterte mit ihm die Leiter hinauf und setzte ihn auf einen Sessel im Wohnzimmer. Luna war ins oberste Fach des Bücherregals geklettert und schielte hinter dem dicken Band Tom Sawyer und Huckleberry Finn hervor. Ich stellte die Klimaanlage an und fuhr mit Tolstois Familienglück fort. Löwenherz spielte mit den Troddeln der schwarzen Baumwolldecke, die über der Sessellehne hing. Luna sprang vom Regal herunter und breitete sich gähnend auf dem kühlenden Steinboden aus, gelegentlich misstrauische Blicke auf Löwenherz werfend.
Ich holte Löwenherz nun immer nach dem Frühstück und am späten Nachmittag aus dem Keller. Inzwischen konnte auch er schon auf die Holztüren klettern, von wo aus er mich jedes Mal leise pustend auf sich aufmerksam machte. Auf dem Wohnzimmersessel beendete ich Tolstois Erzählung und begann mit den Sizilianischen Novellen von Giovanni Verga. Abends, wenn die Hitze draußen etwas nachließ und die Luft endlich nicht mehr still stand, setzte ich mich mit Löwenherz auf die Treppe vor der Haustür. Der kleine Kater kniff seine Augen zusammen und hielt sein Näschen in den warmen Abendwind, der sein feines Bernsteinfell aufplusterte. Luna wälzte sich im Sand oder zupfte Grashalme aus und ich lernte Estnisch.
Der Frieden war trügerisch. Für Luna blieb Löwenherz ein unerwünschter Eindringling. Wenn ich mich ihr mit dem kleinen Kater auf dem Arm näherte, verwandelte sie sich in eine heulende Hyäne und wenn Löwenherz einmal allein auf dem Wohnzimmersessel saß, schlich sie sich wie eine Schlange heran, um in einem günstigen Moment anzugreifen. Ich verhinderte rechtzeitig alle günstigen Momente, brachte Löwenherz zum Schlafen wieder in den Keller und legte mich mit Luna erschöpft vor den Fernseher.
Wäre es nicht doch besser, Löwenherz bei Lamia, der alten französischen Dame, unterzubringen, von der mir meine Freundin erzählt hatte und die sich einen kleinen Kater als Gefährten wünschte? Als Isabelle mir diese Möglichkeit zum ersten Mal vorgeschlagen hatte, schien mir meine ganze Katzenwelt zusammen zu brechen. Die Vorstellung, Löwenherz einfach weg zu geben, zerriss mir das Herz. Mit rauher Stimme und Tränen in den Augen las ich ihm den Augsburger Kreidekreis vor. Ach, Löwenherz!
Aber dann rief ich Lamia an. Sie hatte eine warme freundliche Stimme. Isabelle hatte ihr schon von Löwenherz erzählt und Lamia wollte den kleinen Kater sehr gerne adoptieren. Sie hatte, sagte sie mir, sogar schon ein Körbchen als Bett für ihn anfertigen lassen. Löwenherz würde es bestimmt gut gehen bei ihr. Ach, Löwenherz!
Am Umzugstag saß ich ein letztes Mal mit dem kleinen Kater auf dem blauen Sessel. Luna strich um uns herum und ich weinte. Löwenherz’ kleiner Karton mit frischem Haushaltspapier und seinen beiden Taschentüchern stand für den Transport bereit. Auch sein ockergelbes Plastikklo, das Haarbürstchen, ein Döschen mit Stücken von gebratener Hähnchenbrust und eine kleine Tüte mit Trockenfutter hatte ich eingepackt.
Am späten Nachmittag fuhr Ben uns zu Lamia, vorbei an dem unbewohnten Haus, hinter dessen Tor Löwenherz vor zwei Wochen so jämmerlich geschrieen hatte, bis ans andere Ende der Stadt. «Es ist das kleine Haus mit den Bougainvilleasträuchern im Vorgarten», hatte Lamia gesagt. Sie strahlte, als sie uns begrüßte. Und sie sah aus, als hätte sie sich für unsere Ankunft besonders schick gemacht, mit ihrem langen schwarzen, goldgelb bestickten Gewand, den silbergrauen locker zurückgebundenen Haaren, den leuchtenden blauen mit Khol umrandeten Augen und den bougaivillearot geschminkten Lippen.
Wir brachten Löwenherz und sein Umzugsgut in Lamias Wohnzimmer. Ben verabschiedete sich gleich wieder und ich setzte mich zu Lamia aufs Sofa. Den Karton, in dem der kleine Kater sich nicht rührte, stellte ich auf Lamias Schoß. Lamia lächelte glücklich und der kleine Bernsteinkater fing an zu pusten. «Ich habe ihn Löwenherz genannt, weil er so mutig ist», sagte ich. «Aber Sie dürfen ihm einen anderen Namen geben». Lamia konnte das deutsche Wort Löwenherz nicht aussprechen und die französische oder die arabische Übersetzung klangen längst nicht so herzlich.
Lamia erzählte mir noch viel von den Katzen, die früher bei ihr gewohnt hatten, zeigte mir Fotos auf ihrem Computer, erkundigte sich nach Löwenherz’ Essgewohnheiten und den Möglichkeiten, einen kleinen Kater in Tozeur impfen zu lassen, und sagte, ich dürfe Löwenherz natürlich jederzeit besuchen. Ich kraulte Löwenherz ein letztes Mal im Nacken und fuhr dann im Taxi nach Hause.
Von nun an würde es keine Vorlesestunden mehr geben und auch keine gemeinsamen Estnischlektionen auf der Treppe; ich würde nicht mehr über die alte Leiter in den Keller klettern müssen, wo mich ein kleiner Kater pustend erwartete. Und ich musste Löwenherz nicht mehr vor Luna, dem Ungeheuer, in Sicherheit bringen. Ich fing wieder an zu weinen. Luna, das Ungeheuer, wich mir nicht von der Seite, als wollte sie mich trösten. Sie ist jetzt wieder unsere einzige Katze, die zufrieden im Keller meditiert, auf dem Bücherregal schläft, sich unter der Decke auf dem Sessel versteckt und abends den Garten inspiziert. Lamia hat den kleinen Kater Bijou genannt. Das passt zu seinem Bernsteinfell. Ich habe die Beiden nur noch einmal besucht. Ich glaube, ich sollte sie nicht stören. Ach, Löwenherz!
Autor: Astrid Kuhl
AstridKuhl@web.de
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Diese wunderschöne Geschichte verdanke ich der Vermittlung der Redaktion “Ein Herz für Tiere”. Vielen Dank! Bei einer so tollen Story höre ich mich nicht “nein” sagen!
Kommentar von edithtg 1, 22 Januar, 2010 @ 3:42einfach wundervoll, eine Geschichte die echt zu herzen geht.
Kommentar von Geier Ursula 1, 23 Januar, 2010 @ 10:15