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Das Monster in der Metro
1, 12 November, 2009, 6:12
Gespeichert unter: Katzen

Monster sind in den Filmen Hollywoods zuhause, das ist erwiesen. Und in der Regel sind sie das Produkt blühender Fantasie. Hierzulande trifft man sie eher selten. Meistens werden sie als grauenhaft fellbesetzte Biester dargestellt. Wobei … fellbesetzt könnte schon hinkommen. Was mich jedenfalls betrifft, so wasche ich meine Hände in Unschuld.

An jenem denkwürdigen Tag hatte ich in Stuttgart zu tun und Miezka und Mowgli dürfen natürlich mit. Für Mowgli ist es die erste längere Reise. Er macht es sich auf der hinteren Ablage bequem, während Miezka eine zeitlang interessiert aus dem Seitenfenster schaut. Unterbrochen wird die Fahrt nur durch zwei kurze Pausen, bei denen die beiden Fellnasen aus dem Auto dürfen, natürlich an der Leine.

Nun ist es so, dass vor allem in Stuttgart eines knapp und teuer ist: Parkplätze! Folglich beschliesse ich in meiner allumfassenden Weisheit, statt mit dem eigenen Spritfresser mit der Straßenbahn in die Innenstadt zu fahren. Also wird das fahrbare Unterteil in einem Vorort geparkt und eben jenes oben erwähnte Vehikel zur Fahrt ins Zentrum der schwäbischen Metropole benutzt.

Ein großer Teil der Stuttgarter Straßenbahn verläuft unterirdisch und nennt sich deshalb U-Bahn, sozusagen die schwäbische Metro. Miezka habe ich dabei auf dem Arm, Mowgli sitzt ausnahmsweise nicht auf der Schulter. Denn ich habe einen großen Rucksack geschultert, auf dem er sich häuslich eingerichtet hat. Verwunderte Blicke werden mir zugeworfen und manche flüstern mit einem Seitenblick auf mich miteinander. Nun sind Miezka und Mowgli hier in der Stadt ein bisschen bekannt, aber ich denke mal, dass sich in der Landeshauptstadt ein solcher Anblick wohl weniger bietet.

So weit, so gut gereist. Meine Angelegenheiten kann ich mit Erfolg erledigen und es ist bereits 18 Uhr, als ich gedenke, mich wieder auf den Rückweg zu machen. An der U-Bahnhaltestelle sind eine Menge Leute, es ist Rush-hour. An einen Sitzplatz ist da nicht zu denken, alle stehen dicht an dicht in der Bahn. Miezka hat sich eng an mich gedrückt, allein Mowgli genießt seine Aussicht vom Rucksack aus.

Links, rechts, vor und hinter mir Leute. Direkt vor mir, mit dem Rücken zu mir, steht eine Frau. Und eben diese Frau ist es, die, aus welchem Grund auch immer, Mowgli’s Interesse weckt. Jedenfalls arbeitet er sich zu meiner Schulter vor und versucht mit seiner Pfote nach der Frau zu grapschen. Die kann natürlich nicht sehen, was da vor sich geht und interpretiert Mowgli’s Annäherungsversuche falsch. Ohne sich umzudrehen sagt sie ziemlich laut: „Lassad se des!“. Für Nichtschwaben: “Lassen sie das!“

Doch Mowgli gibt nicht auf, er will jetzt wissen was Sache ist und versucht ein weiteres Mal Kontakt herzustellen.
„Jetzt langd’s abr!“ („Jetzt reicht’s aber“).
Die Frau dreht sich um, wahrscheinlich um den potenziellen Urheber dieser Berührungsattacken zu eruieren und ihm eine Standpauke zu halten.
Sie dreht sich um …
Und …
Und sieht direkt in das Gesicht eines schwarzen Monsters, das ihr drohend eine mit furchtbaren Krallen besetzte Raubtierpranke direkt vors Gesicht hält.

In Bruchteilen von Sekunden wird sie kreidebleich und stösst einen Schrei aus, der vermutlich noch auf der Spitze des Fernsehturmes zu hören ist. Nur die direkt neben mir stehenden bekommen direkt mit, was geschehen ist, alle anderen hören in der überfüllten Metro nur den Schrei. Einige Köpfe drehen sich, aber kaum einer kann erkennen was los ist.

Es gibt Tage, da sitzt mir der Schalk im Nacken, besonders, wenn eben jene Tage erfolgreich verlaufen sind. So auch an diesem Tag.
Meine Antwort auf den Schrei ist nur: „Ha no, so hässlich sen mr doch et.“ („Ha nun, so hässlich sind wir doch nicht.“

Die Frau hat sich jetzt wieder gefangen und erkannt, dass das vorgebliche Monster nur eine Katze ist und beginnt eine Schimpfkanonade.
„D’ Leid so z’ vrschrecka, deand se dui Katz do weg. Ozoiga sod mr sia!“ (“Die Leute so zu erschrecken, tun sie die Katze da weg. Anzeigen sollte man sie!“)
Nur hat sie die Rechnung ohne die Fellnasen gemacht. Denn was sie übersehen hat ist, dass ich auf dem Arm ja noch Miezka als weitere Begleitung habe. Und eben dieser Miezka passt das Ganze überhaupt nicht. Sie beginnt die Frau anzufauchen. Ziemlich aggressiv anzufauchen! Die sieht jetzt erst Miezka und versucht zurückzuweichen, was in Anbetracht der vollgestopften Bahn völlig unmöglich ist. Niemand der anderen Fahrgäste unternimmt etwas und ich achte auch nicht darauf, was diese tun.

„Sia Riabl sia, des isch ja gemeingfährlich!“ („Sie Rüpel sie, das ist ja gemeingefährlich!“)
Der Schalk sitzt mir immer noch im Nacken: „Sia brauchad koi Angschd han, dui hot heid scho gveschbrd!“ („Sie brauchen keine Angst zu haben, die hat heute schon gevespert!“)

Das war eins zuviel. Die Frau bekommt einen hochroten Kopf und versucht erfolglos auf Distanz zu gehen. Jetzt erst kann ich erkennen, das einige der anderen Fahrgäste ganz offen grinsen.

Endlich hält die U-Bahn und die Frau steigt aus, nicht ohne ein „Leck me doch am Arsch!“ zu hinterlassen. Keine Ahnung, ob sie nun an ihrem Ziel ist oder einfach nur raus will. Es ist mir auch so ziemlich egal. Denn ich sollte mit den beiden Miezen nach Hollywood gehen. Echte und vor allem glaubwürdige Monster für Horrorstreifen werden dort immer benötigt.

U-Bahnhof

Foto: © beekeeper (Karin Schumann)/ http://www.pixelio.de

Autor: Mike
champicnac@yahoo.de

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2 Kommentare bis jetzt
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Da wären mir auch ein paar schwäbische Erwiderungen eingefallen, die man dann allerdings nicht auf Hochdeutsch hätte „untertiteln“ können. Oder sollen. ;-)

Unser „Bilderlieferant“, pixelio.de, hatte tatsächlich ein Foto von einer unterirdischen Station der Stuttgarter Stadtbahnen im Programm. Wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte ich selbst eins geschossen.

Kommentar von edithtg

Ich sag nur soviel, das die Frau Glück hatte, dass ich an diesem Tag gut drauf war, sonst wären da schon einige verbale Retourkutschen gekommen, die, wie Edith ganz richtig bemerkte, mit sicherheit nicht salonfähig gewesen wären und die man besser nicht ins hochdeutsche übersetzen sollte.

Kommentar von Mike




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