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Mia Bernstein: Erdbeerflecken – Kurzgeschichten mit Illustrationen von Michaela von Aichberger, Düsseldorf 2009, Verlag klare Texte und Bilder, ISBN 978-39809599-5-7, 134 Seiten, Format 12 x 17,8 x 1,2 cm, EUR 12,90.
Formal gesehen sind die „Erdbeerflecken“ eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das Ungewöhnliche daran ist die Art, in der sie erzählt werden: in kurzen, knackigen Sätzen, von denen manche schon als Aphorismen durchgehen können. Es wird auch nicht rein linear ein Handlungsablauf wiedergegeben, Mia Bernstein bildet Assoziationsketten, macht Gedankensprünge. Es ist, als würde man der Autorin live beim Denken zuhören.
Gedichte, oft mit versteckten Reimen, sind den Geschichten vorangestellt, rahmen sie ein oder unterbrechen sie optisch. Inhaltlich bringen sie die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Protagonistin auf den Punkt.
Manche der Geschichten haben verschiedene Ebenen. Die eine beschreibt den äußeren Ablauf des Geschehens, die andere das, was sich im Kopf der erzählenden Person abspielt. Dadurch bekommen die Texte einen ungeheuer persönlichen Charakter. In manchen der Gedankengänge erkennt man sich wieder und denkt sich: “Endlich sagt’s mal jemand!“
Zu gerne würde man ja wissen, was in dem Buch wirklich autobiographisch ist uns was erfunden. Das ist natürlich die pure Neugier, denn für das Verständnis der Geschichten hat es keine Bedeutung. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung derart intim wirkender Texte, dass sie beim Leser eine geradezu ungehörige Wissbegier in Bezug auf den Autor hervorrufen.
Die Geschichten handeln von Beziehungen und Verlusten, vom Leben und vom Sterben, von Träumen und dem Sinn des Lebens. Es empfiehlt sich nicht, das Buch flüchtig „nebenher“ zu konsumieren, ein bisschen Zeit und Konzentration erfordern die Texte schon. Manches erschließt sich erst beim zweiten Lesen. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen.
Wer sich nach dieser Beschreibung noch kein so rechtes Bild von dem Buch machen kann, dem hilft vielleicht eine Kurzvorstellung der einzelnen Storys:
Rote Wand: Von der Wandfarbe bis zum Sinn des Lebens wandern die Gedanken der Erzählerin. Wird sie sich aufraffen können, die Schlafzimmerwand knallrot zu streichen, ehe sie aus der Wohnung wieder auszieht? Und warum ist man eigentlich zu Fremden netter als zu den Menschen, zu denen man „ich liebe dich“ sagt?
Erdbeerflecken: Beziehungen sterben am Frühstückstisch, da ist sie sich sicher. Früher wollte sie so gewöhnlich sein wie Erdbeermarmelade, denn als sie noch ungewöhnlich war, war sie unglücklich. Aber ist der Umkehrschluss zulässig?
Bootsfahrt: Als sie sich in ihn verliebt, kneift er. Sie verlieren sich aus den Augen. Zehn Jahre später schreibt sie ihm einen Brief. Ist es nun zu spät fürs Glück?
Leitplanken: Er will für drei Tage in die Provence fahren – ohne sie. Sie zählt schon die Tage bis zu seiner Rückkehr, noch ehe er überhaupt abgefahren ist und hinterfragt seine Motive. Aus dem geplanten Kurztrip wird eine Beziehungskrise …
Spiel.Er.Ei: Sie ist 18 und hat eine Affäre mit einer Diskobekanntschaft, bei der sie eigentümlich distanziert bleibt. Ein Spiel der Körper, das die Seele nicht berührt.
Flüstern im Wald: Am Flussufer beobachtet sie eine einzelne Ameise. Rennt sie ziellos umher oder ist ihr Ziel nur für einen Außenstehenden nicht zu erkennen? Weiß sie, was sie will? Ist sie absichtlich allein, weil das manchmal besser ist? Und wie sieht es eigentlich mit den Zielen und Wegen der Erzählerin aus? „Ameisen und Menschen, ein komischer Haufen,“ findet sie. (S. 53)
Waschanlage: Ganz ungewollt tauchen in einer Alltagssituation Gedanken an den verstorbenen Vater auf. Die Erzählerin fühlt sich verlassen seit seinem Tod. „Kinder sollten von allein gehen, Eltern bleiben. Zu schön ihre bedingungslose Liebe, die wir so nie wieder erfahren werden.“ (S. 61)
Vorhang zu! Bei der Beerdigung der Mutter denkt sie über deren Leben nach: „Mit sechsundfünfzig Jahren war sie in der Mitte ihre Lebens, das aufregender, trauriger und anstrengender war als viele andere Leben zusammen. Sie war Mensch, Frau, Geliebte, Getriebene, Gejagte, Gefangene. Spinnerin, Malerin, Bäckerin und Gärtnerin und Mutter. Und ich war mir nicht sicher, ob sie sich selbst das Leben nicht am schwersten machte.“ (S. 66)
Lilien. Weiß. Was geht einer Frau durch den Kopf, die gerade vom Lebensgefährten nach Strich und Faden verprügelt wird? Verblüffendes!
Ankommen: Kurz bevor er zu einer Reise aufbricht, träumen beide von seinem Tod. Er lässt ihr seinen Glücksbringer da, und das Unheil nimmt seinen Lauf …
Vertrauen: Zwei Schwestern im Rentenalter fragen sich, ob ihr Leben besser verlaufen wäre, wenn ihre Mutter sie geliebt hätte.
Schuldig! Sofie Heinen verklagt das Leben wegen entgangener Chancen, fehlender Liebe, ausgebliebenem Erfolg und enttäuschter Träume. Und was hat es zu seiner Verteidigung zu vorzubringen? Zehn Minuten unverständliches Genuschel! Das Urteil ist eine Überraschung für alle …
Regenschirm: Es regnet in Strömen … Müll, schlechte Gefühle, blöde Gedanken. Seit ihrer Kindheit hat die Erzählerin keinen Schirm mehr besessen, ist immer schutzlos durch den Regen gelaufen. Jetzt kauft sie sich einen – und führt ihn einer ungewöhnlichen Verwendung zu. Die Mitmenschen staunen, doch der Leser versteht.
Kaffe. Schwarz: Nach zwanzig Jahren findet sie ihr altes Tagebuch wieder und stellt fest: Viel hat sich nicht geändert seit damals. Ist es Zeit für ein neues Leben?
Minimalistisch und manchmal rätselhaft sind die dreifarbigen Illustrationen, die die Grafik-Designerin und Künstlerin Michaela von Aichberger für dieses Buch angefertigt hat. Das passt zu den Geschichten und rundet das Buch zu einem Gesamtkunstwerk ab.
„Erdbeerflecken“ ist sicher keine einfache Kost. Es ist ein außergewöhnliches, emotionales, sehr persönliches und berührendes Buch. Wer sich darauf einlassen kann und mag und wer Freude an einer gleichzeitig pointierten und poetischen Sprache hat, wird sicher Gefallen daran finden.
Die Autorin
Mia Bernstein, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet in Hamburg. »Gedankenscrabble« nennt sie selbst ihre Art zu schreiben.
Die Illustratorin
Michaela von Aichberger, Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Erlangen als freie Grafik-Designerin und Künstlerin.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http:// edithnebel.wordpress.com
Einsortiert unter: Katzen
Unter unseren Katzen hatten wir eine junge Karthäuserkatze eine echte Schönheit, und das wußte sie auch. Beim Laufen sah sie aus wie ein edler Tiger, so geschmeidig waren ihre Bewegungen, man konnte sie auch mit einer schönen Frau vergleichen, die nicht ging, sondern schritt.
Die Kater saßen im Halbkreis um sie herum, aber sie ließ alle abblitzen. Keiner schien ihr gut genug zu sein. Gelangweilt blickte sie in die Runde, rollte sich ein paar Mal am Boden, dann verschwand sie wie der Blitz im Haus. Die Kater erstarrten vor soviel Frechheit, aber sie warteten immer wieder.
Ich hatte so etwas noch bei keiner anderen Katze erlebt und war neugierig, wer der Sieger sein würde. Mitbekommen habe ich es nicht, aber einen Kater hatte ich in Verdacht, den älteren unter ihnen, einen Allerweltskater, nicht gerade ein Adonis, aber irgendwie lieb. Sein Fell schimmerte in verschiedenen Farben, seine Pfoten eher groß, der Kopf dick, das einzig schöne an ihm waren seine langen schwarzen Schnurrhaare.
Und dann wölbte sich bei der Katze Steffi das Bäuchlein, tatsächlich sie bekam Nachwuchs. Ich konnte es kaum erwarten. War der große Kater mit den langen schwarzen Schnurrhaaren der Vater, oder gab es doch noch einen anderen? Dann kam der Tag der Geburt und ich traute meinen Augen nicht: Da kam er um die Ecke, der Kater der kein Adonis war.
Ich suchte Steffi. Sie lag schon in dem für sie vorbereiteten Korb und atmete schwer. Jetzt passierte etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte: Der Kater sprang mit einem Satz in das Körbchen und setzte sich hinter sie, um sie zu stützen. Dort blieb er, bis die Katzenkinder geboren waren. Zwei allerliebste Kätzchen, und sie glichen ihrer Mutter: zart, schön und mit silbergrauem Fell wie ihre Mutter Steffi.
Steffi leckte ihre Kinder nicht ab, das besorgte der Vater, jener Kater der bei ihr im Körbchen saß. Er übernahm einfach die Pflichten der Mutter, es erschien ihm so selbstverständlich, und er blieb die ganze Nacht bei ihnen.
Langsam wurde es Zeit, dass die Katzenbabys gefüttert wurden, aber ihre Mutter drehte sich weg und schlief.
Die beiden Kleinen weinten und versuchten an die Zitzen ihrer Mutter zu kommen, aber die stand auf und lief weg. Ich wusste mir keinen Rat und lief der Katze Steffi hinterher. Das berührte sie nicht. Sie säugte die Kleinen einfach nicht. Ich trug ihr die Babys nach, legte sie ihr hin. Sie würdigte ihre Kinder keines Blickes und stolzierte davon.
Dann kam mir der Zufall – oder soll ich sagen, das Schicksal? –zu Hilfe. Unsere Mimi bekam ihre Kätzchen früher als erwartet, und ich legte ihr die zwei von Steffi einfach dazu. Es klappte, sie säugte die beiden, und ihre vier eigenen dazu.
Der Vater der Kleinen blieb in der Nähe, er beobachtete alles genau und manchmal wärmte er seine Kinder. Er liebte sie und versuchte, ihnen die Mutter zu ersetzen, die sich nach wie vor nicht um ihre Babys kümmerte.
So ging es den Kleinen doch noch gut, sie hatten eine Amme die sie säugte, einen Vater, der sie wärmte und beschützte, nur keine Mutter, die wollte sie einfach nicht. Sie schaute zwar ab und zu mal vorbei aber sie hatte die Babys nicht einmal berührt. Mir war das unverständlich: eine Katze die ihre Kinder nicht mag. Sie bekam komischerweise nie mehr Nachwuchs, aber sie blieb bei uns und schien sich wohl zu fühlen.
Die Kleinen liebten die Katze Mimi wie ihre eigene Mutter, und wurden wunderschöne Katzen.
Foto: © röda hexa (Elke Salzer) / http://www.pixelio.de
Autor: Ursula Geier, November 2009 UrsulaGeier@web.de
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Einsortiert unter: Klassiker
Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer lustig bellend vor ihm auf lief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her.
Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Esswaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten. Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatten so und soviel auszugeben und mehr nicht.
So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzwege war, dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben.
Schon von weitem sah er, dass das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das Christkindchen hatte ein langes, weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen – und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas, Kastanien, Eicheln und Rüben.
Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. “Na, Alterchen, wie geht`s?” fragte das Christkind, “hast wohl schlechte Laune?” Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft.
“Ja,” sagte der Weihnachtsmann, “die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht, ich hab` kein Fiduz mehr dazu. Das mit den Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann ist das Fest vorbei. Man müsste etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen ist, aber wobei Alt und Jung singt und lacht und fröhlich wird.”
Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: “Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht.”
“Das ist es ja gerade,” knurrte der Weihnachtsmann, “ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh von dem alten Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weiter geht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, vor dem die Menschen dann weiter nichts haben, als faulenzen, Essen und Trinken.”
Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesichte. Es war so still im Walde, kein Zweig rührte sich, nur, wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holze auf einen alten Kahlschlag, auf dem große und kleine Tannen standen. Das sah nun wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin, schwarz und weiß, dass es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrunde stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein.
Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmanns los, stieß den Alten an, zeigte auf die Tanne und sagte: “Ist das nicht wunderhübsch?”
„Ja,” sagte der Alte, “aber was hilft mir das?” “Gib ein paar Äpfel her,” sagte das Christkindchen, “ich habe einen Gedanken.”
Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen, dass das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps in seinem Dachsholster, aber den mochte er dem Christkindchen nicht anbieten.
Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann fasste er in die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchsstamm und reichte es dem Christkindchen. “Sieh, wie schlau du bist”, sagte das Christkindchen. “Nun schneid/` mal etwas Bindfaden in zweifingerlange Stücke, und mach` mir kleine spitze Pflöckchen.” Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast.
“So,” sagte es dann, “nun müssen auch an die anderen welche und dabei kannst du helfen, aber vorsichtig, dass kein Schnee abfällt!”
Der Alte half, obgleich er nicht wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte: “Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für`n Zweck?”
“Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?” lachte das Christkind. “Pass auf, das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!”
Der alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuss an der goldenen Oberseite seiner Flügel, und dann war die Nuss golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, und dann hatte es eine silberne Nuss, und hing die zwischen die Äpfel.
“Was sagst nun, Alterchen?” fragte es dann, “ist das nicht allerliebst?”
“Ja,” sagte der, “aber ich weiß immer noch nicht – “Kommt schon!” lachte das Christkindchen. “Hast du Lichter?”
“Lichter nicht,” meinte der Weihnachtsmann, “aber `n Wachsstock!”
“Das ist fein”, sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann: “Feuerzeug hast du doch?”
“Gewiss”, sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hellbrennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende, und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.
Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinen halbverschneiten dunklen Gezweig sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold – und Silbernüsse blitzten und funkelten, und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine weiße Spitz sprang hin und her und bellte.
Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beiden den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.
Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte, den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus ebenso leise, wie sie es betreten hatten.
Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am anderen Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an den Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold – und Silberflimmer hängen sah, da wusste er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder.
Das war eine Freude in dem kleinen Hause, wie an keinem Weihnachtstage. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug und nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur nach dem Lichterbaum. Sie fassten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wussten, und selbst das Kleinste, was noch auf dem Arme getragen wurde, krähte, was er krähen konnte.
Vor dem Fenster aber standen das Christkindchen und der Weihnachtsmann und sahen lächelnd zu.
Als es helllichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hingen sie alle daran.
Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorfe Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder.
Von da aus ist der Weihnachtsmann über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.
Foto: © S. Flint / http://www.pixelio.de
Autor: Hermann Löns
(geb. 1866, † 1914)
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Der Salamander setzt die Beine träge,
Ihn bremst die Kälte, lahm nur schlägt sein Herz.
Er kriecht durch Moderlaub auf seinem Wege
Ins moosig feuchte Erdreich wurzelwärts.
Noch prangen warnend seine gelben Flecken,
Vergrämen jeden Biss von keckem Fang.
Nur Frost und Schnee erzwingen sein Verstecken,
Der Tod bedroht den ganzen Winter lang.
So schwindet mit dem Blätterbunt im Bunde
Der Lurchenfauna ganze Farbenpracht.
Doch schon im Märzen hat zu neuer Runde
Der Salamander frisch sich aufgemacht.
Foto: © Templermeister / http://www.pixelio.de
Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at
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Bauer Hubers Schwein plagt Grippe,
Hier am Hof der erste Fall.
Abgeschirmt von seiner Sippe
Fiebert es im Ferkelstall.
Schadenfreude zeigen Hennen,
Gackernd necken sie die Sau.
Sie, die diese Krankheit kennen,
Geben sich nun neunmalschlau.
Bald schon fleht der Huberbauer
Virus tragend selbst um Ruh.
Um die Therapie zu straffen,
Legt man ihm das Schwein dazu.
Foto: © Knipsermann (Ernst Rose)/ http://www.pixelio.de
Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at
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Vor wenigen Tagen wachte ich von einem lauten Geschrei auf. Ich schaute aus dem Fenster und sah einen Vogel der auf dem Dach des Nachbarn saß und heftig schimpfte. Der ganze Vogel zitterte und bebte, so regte er sich auf.
Er war schwarz und seinem Aussehen nach ein Rabe. Ich kannte ihn schon ein paar Jahre, er wohnte immer in der großen Tanne hinter unserem Haus. Sein Gesang war nicht sonderlich schön, aber dafür konnte er nichts. Raben können nicht melodisch singen, sie krähen halt, das ist allgemein bekannt.
Dieses Mal krähte der Vogel nicht, nein, er schrie förmlich. Das ganze Unrecht dieser Welt lag in seiner Stimme, die sich fast überschlug, so aufgebracht war er. Ich verstand seine Wut, hatte man ihm doch so mir nix, dir nix, seine Wohnung weggenommen und ihn und seine Familie zu Obdachlosen gemacht.
Sein ganzes Elend schrie er heraus und die Menschen die draußen auf ihren Balkonen und in ihren Gärten standen waren ratlos.
In das Vogelgeschrei mischte sich das bösartigen Geräusch einer Motorsäge, die den wunderschönen Baum in Nachbars Garten einfach absägte. Eine herrliche Tanne war es gewesen, gerade gewachsen ein wunderschöner Anblick, und die Heimat einer Rabenfamilie.
Jahre lang hatte sie dort gestanden und jetzt wurde sie abgesägt. Fast neun Meter war sie hoch geworden und das Nest der Rabenfamilie befand sich oben in der Tannenspitze. Unsere Vogelfamilie war heimatlos geworden, das stimmte mich traurig.
Ich bewunderte den Raben wie er so laut und zornig schimpfte und sich nicht beruhigen wollte. Fast zwanzig Minuten zeterte er auf dem Hausdach des Nachbarn und wollte nicht aufhören. Kein Wunder, seine Kinder waren dort geboren und aufgewachsen und jetzt, wenige Wochen vor Weihnachten, hatte er kein Heim mehr.
Ich weiß nicht wie ein Rohrspatz schimpft, aber ein Rabe übertrifft ihn sicherlich. Ich wünsche dem Raben, dass er bald wieder einen schönen großen Tannenbaum findet, wo er mit seiner Vogelfamilie in Ruhe leben kann. Und manchmal wünsche ich mir, dass ich so schimpfen könnte wie jener Rabe.
Foto: © Migueldelapopo / http://www.pixelio.de
Autor: Ursula Geier, November 2009
UrsulaGeier@web.de
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Einsortiert unter: Bücher | Schlagwörter: Festrede, Rede, Vorlesegeschichten, vorlesen, Vortrag, Weihnachten, Weihnachtsfeier, Weihnachtsgeschichten, Weihnachtszeit
Gregor Schürer: Dschingel bellt – Geschichten für die Weihnachtszeit, Norderstedt 2009 Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8391-3915-8, Softcover, 68 Seiten. Format: 14,8 x 21 x 0,5 cm, EUR 4,90.
Weil der Autor bei seinen Lesungen immer wieder gefragt wird, ob es seine Weihnachtsgeschichten denn auch als Buch gebe, die Stories aber bislang „nur“ in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Kurzgeschichtensammlungen verstreut publiziert wurden, hat er sie nun zu einem weihnachtlichen Band zusammengefasst.
14 Geschichten sind es, entstanden in einem Zeitraum von 22 Jahren: Humorvolles, Skurriles, Himmlisches, Tierisches, Geheimnisvolles rund um die besinnliche Jahreszeit. Und manche Beiträge sind einfach zum Weinen schön.
Die Zugfahrt: Wo ist der bärtige alte Herr hingekommen, der eben noch mit dem jungen Vater zusammen im Zugabteil saß? Ist da Übernatürliches im Spiel?
Der Weihnachtsspaziergang: Beim Gassigehen mit dem Hund bleibt ein Mann vor einer Krippe im Schaufenster stehen. Dass das Jesuskind ihn angelächelt hat, das muss er sich eingebildet haben. Oder?
Ein unvergessliches Weihnachtskonzert: „Unmöglich, diese Banausen mit ihren schnurlosen Telefonen!“, regt sich der Erzähler auf, als so ein wichtigtuerischer Jungmanager das Weihnachtskonzert mit dem Klingeln seines Handys stört. Doch es kommt noch schlimmer! – Warum dieses Konzert dem guten Mann unauslöschlich in Erinnerung bleiben wird und weshalb er nichts davon seiner Familie erzählt, verrät uns der Autor in dieser amüsanten Geschichte.
Frohe Weihnachten, Nummer 13.497: Oma Schulte verbringt die Weihnachtsfeiertage notgedrungen allein, die Familie wohnt einfach zu weit weg. Hat wirklich soeben ein durchgefrorenes Weihnachtsengelchen bei ihr ans Fenster geklopft?
Es schneit nicht im August: Die kleine Susanne ist todkrank und freut sich schon so auf Weihnachten. Das kommende Weihnachtsfest wird sie aber aller Voraussicht nach nicht mehr erleben.
Der Gameman: Keinen Gameboy, sondern einen Gameman wünscht sich der neunjährige Cornelius zur Weihnachten. Doch der viel beschäftigte Vater versteht die Botschaft nicht …
Dschingel bellt: Moos für die Weihnachtskrippe wollen Vater und Tochter im Wald holen. Dabei finden sie jedoch etwas ganz anderes. Nachdem man diese Geschichte gelesen hat, wird man beim Weihnachtslied „Jingle Bells“ auf einmal ganz merkwürdige Assoziationen haben …
Gefrorene Sterne: Die kleine Sabine kann nicht einschlafen. Da taucht eine geheimnisvolle Gestalt in ihrem Zimmer auf und bietet an, ihr eine Frage zu beantworten, auf die noch nie jemand Auskunft geben konnte …
Horn-Sivan und das frierende Jesuskind: Sivan heißt der Ochse, der im Stall zu Bethlehem Zeuge von Christi Geburt wird. Gerne würde er das frierende Kind wieder zudecken, aber mit seinen ausladenden Hörnern kann er das heruntergefallene Tuch nicht aufheben. Da naht himmlische Hilfe – und die hat unerwartete Folgen.
Das entlaufene Pferd und der doofe Otto: Was die vierjährige Nora noch nicht versteht, das reimt sie sich zusammen. Dabei kommt’s zu allerlei putzigen Missverständnissen. Ihr Vater staunt, ihr Bruder wundert sich – und der Leser schmunzelt.
Heilig Abend 2106: Was wäre, wenn Jesus in 100 Jahren noch einmal auf die Welt käme? Der Autor entwickelt ein skurriles und durchaus vorstellbares Szenario.
Die geheimnisvolle Dose: Was bewahrt Oma nur in der Porzellandose auf ihrem Nachttisch auf? Den Schlüssel zur Vorratskammer vielleicht? Dort lagern die Weihnachtsplätzchen. Eines Nachts fast sich der kleine Enkel ein Herz, krabbelt aus dem Bett und sieht heimlich nach …
Weihnachten ist Muttertag: Anfang Dezember kommt Oma aus dem Krankenhaus und zieht erst einmal zu ihrem Sohn und dessen Familie. Die Enkel sind begeistert: Weihnachtsschmuck basteln, Plätzchen backen Karten spielen – das macht mit Oma noch mal so viel Spaß. Alle freuen sich aufs Weihnachtsfest. Doch das verläuft ganz anders als geplant …
Heilig Abend in Stalingrad, Weihnachten in Kunduz: Soldat Marcel schreibt aus Afghanistan einen Weihnachtsbrief an seinen Großvater, der ihm seinen Glücksbringer aus Stalingrad überlassen hat. Sehr berührend!
Wer stimmungsvolle Weihnachtsgeschichten sucht, der liegt mit dieser abwechslungsreichen Sammlung richtig. Viele der Kurzgeschichten sind auf Lesungen „vortragserprobt“ und eignen sich durch Umfang und Erzählweise bestens dazu, auf Weihnachtsfeiern oder im Familienkreis vorgelesen zu werden. Ob Sie ein jüngeres, älteres oder gemischtes Publikum zum Lachen oder Nachdenken bringen möchten oder ob Sie es zu Tränen rühren wollen: Hier finden Sie für jeden Zweck die richtige Geschichte. Natürlich spricht auch nichts dagegen, dass Sie es sich gemütlich machen und die abwechslungsreichen Weihnachtsgeschichten in aller Stille alleine genießen.
Der Autor:
Gregor Schürer schreibt seit vielen Jahren als Journalist und Autor. Der gebürtige Schwabe lebt mit Frau und zwei Töchtern in Heimersheim an der Ahr (Rheinland-Pfalz). Er hat zahlreiche Geschichten in Anthologien veröffentlicht und diverse Preise und Auszeichnungen erhalten.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
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“Heut will ich euch die Geschichte vom Feuermännchen erzählen”, sagte eines Abends unsere gute alte Tante Minna; ” sie ist zwar ein bissel gruselig, aber ich will sie euch doch erzählen.
Ihr müsst wissen, zu Hause in Pankenbrück hatten wir einen großen Kachelofen, so einen recht altmodischen grünen Kachelofen. Und blanke Haken hatte er, um nasse Kleider dran aufzuhängen, und eine Warmröhre mit einer Messingtüre hatte er auch. Ich sage euch Kinder, es war ein Prachtstück von einem alten Kachelofen!
Und was das herrlichste war, es wohnte ein Feuermännchen drin, ein wirklich gelbes Teufelchen. Wenn man unten die Tür aufmachte und die rote Glut einem entgegenschlug, konnte man ihn deutlich hüpfen und springen sehn, hopp, hopp, immer durch die Flammen durch, hinüber und herüber. Manchmal machte er auch einen ganz lächerlichen Spektakel. Er amüsierte sich, die Holzstücke, die nicht gleich brennen wollten, knack, mitten durchzubrechen, spuckte wohl auch die Flammen, dass sie sprühten und zischten, und kicherte vernehmlich hinterher. Kurz und gut, er war eben ein rechtes Teufelchen, wie alle andern Feuermännchen auch sind.
Doch nun kommt meine Geschichte.
Einmal nämlich musste ich eine Mausefalle aufstellen. Im Eckschrank in der Wohnstube hatte das Brot ein ganz verdächtiges Loch gehabt. Ich briet ein Stück Speck hübsch knusprig und legte es in die Falle. Am andern Morgen war der Speck weg, die Falle aber zu und von einem Mäuschen nix zu sehen. Grete und ich schüttelten verwundert die Köpfe; bloß der Fritz, der sich über nichts wunderte, lachte unbändig, so dass wir schon glaubten, er habe das Mäuschen wieder laufen lassen. Er sagte aber nein, und da er ein wahrhaftiger Junge war, musste wir ihm schon glauben. Ich machte ein neues Stück Speck zurecht und richtete die Falle zum zweiten Male. Aber es ging wie vorher: Speck weg, Maus weg, Falle zu! Das ging nicht mit rechten Dingen zu!
Ich machte mir nun mein Bett auf dem Sofa in der Wohnstube zurecht und wollte aufpassen. In der Falle roch wieder ein saftiges Speckstückchen. Ich legte mich hin und blinzelte von Zeit zu Zeit hinüber, aber es blieb alles still.
Wenn der Vollmond nicht so hell ins Zimmer geschienen hätte, wäre mir die Zeit gewiss recht lang geworden. Endlich hörte ich Trippelschrittchen, und – Kinder, da hatten wir die Bescherung! Da kam mein Mäuschen, aber nicht allein, es hatte einen artigen Kavalier bei sich, nämlich unser leibhaftiges Feuermännchen. Der ging an die Falle, hielt zierlich und geschickt das Fallbrettchen hoch, Mäuschen holte den Speck, und als sie außer Gefahr war, ließ das Kerlchen vorsichtig den Deckel wieder fallen. Ich sah belustigt zu, mit welchem Appetit sie dann den Speck verzehrten, und spitzte die Ohren, was sie wohl sonst noch machen würden.
Ich brauchte nicht lange zu warten, bis sie ihre drolligen Spiele anfingen. Mitten auf der Diele war ein großer weißer fleck, den hatte der Vollmond dorthin gemalt. Da begannen sie ihre Kunststückchen. wie die geschicktesten Turner und Seiltänzer sag’ ich euch!
Einmal war Feuermännchen der Reiter und Maus das Pferdchen. Hui, ging’s immer rundum, ohne Sattel und Zaum. Nein, das hättet ihr wirklich sehn müssen! Von Mäuschens kleinen Ohren bis zu Mäuschens Schwanzspitze lief das behände Männchen hin und her, vorwärts und rückwärts, dass sein gelbes Röckchen sich um ihn bauschte und die roten Schuhe klapperten. Dabei schoss er noch Köpfchen und schlug Räder dabei; ich sage euch, mir wurde ganz wirbelig dabei.
Oder Maus lief ihrem Kameraden blitzschnell durch die Beine, rechtsum, linksum, sprang ihm unversehens über den kopf weg, wieder durch die Beine und lief ihm endlich davon. Dann begann ein tolles Haschen über Stuhl und Tisch, oben und unten; von der Gardinenstange aufs Fensterbrett, von dort auf die Sofalehne oder quer über die Kommode, bis sie sich endlich hatten und müde waren. Dann setzten sie sich artig auf eine Fußbank und streichelten und küssten sich wie richtige Liebesleute.
Bald aber tollten sie wieder wie vorher. Das dauerte so eine gute Stunde; da ging der Mond weg, und Maus und Feuermännchen verschwanden im Ofen, unten, wo schon lange eine Kachel fehlte. Na, nun wusste ich Bescheid und nahm mir vor, da nun einmal das Mäuschen unserm Feuermännchen sein Schatz war, ihr nix Böses zu tun. Im Gegenteil, Grete musste jeden Tag ein Puppenschälchen voll Milch vor das Ofenloch stellen; und ich tat ab und zu auch noch einen andern guten Bissen hinein; wusste ich doch, dass auch Feuermännchen kein Kostverächter sei.
Bald war das Mäuschen so zahm, dass es sich auch am Tage hervorwagte, ja, es stellte sich zu den Mahlzeiten ein und trug manch Häppchen zu ihrem Schatz ins Ofenloch. Wir nannten sie Frau Grisegrau und hatten sie alle lieb.
Wenn Vollmond war, ließ es mir keine Ruhe; eine Nacht wenigstens musste ich ihrem übermütigen Treiben zusehen. Auch dem Fritz und der Grete machte ich mal im Wohnzimmer ihr Bett auf; aber die dummen Göhren schliefen immer ein und wussten am andern Morgen nix vom Feuermännchen und nix von Frau Grisegrau.
So lebten wir ein paar schöne Jahre zusammen; und wenn die Bratäpfel in unserm alten Ofen schmorten und draußen der Sturm ging, erzählte ich den Kindern neue Kunststücke von Feuermännchen und Grisegrau, und sie guckten vergnügt ins Ofenloch und sahen das Teufelchen lustig flackern und springen.
Doch nun kommt’s traurig, Kinder, denn alles Schöne hat im Leben mal ein Ende. Eines Tages lag unser Mäuschen tot vor ihrem Loche. Ein fremder Kater hatte sich hereingeschlichen und es erwischt. Ich verjagte ihn, aber ich kam zu spät. Ich blieb im Wohnzimmer, und als der Mond kam, sah ich unser Feuermännchen klagend um die Leiche gehen. Zuletzt nahm er sie auf den Rücken und ging langsam den gewohnten Weg durch die Kachel.
Im Ofen war noch Glut, ich bückte mich, um hineinzusehen, da war er schon mit seiner lieben Grisegrau mitten drin. Hellauf loderten die Flammen, die die kleine Maus begraben sollten; ganz stille hockte das Feuermännchen daneben und sah zu. Mir war ganz traurig zumute, als ob mir was liebes gestorben wäre … Bei uns im Hause wurde es auch still, seitdem Feuermännchen und Griesegrau nicht mehr zusammen spielten. Der Fritz kam zu den Soldaten und die Grete wurde Erzieherin weit weg in Ungarn.
Für mich allein mochte ich keine Bratäpfel mehr in den alten Kachelofen legen, und auch das Feuermännchen habe ich seit jener Nacht nicht wieder gesehen.
Foto: © hofschlaeger (Stephanie Hofschlaeger)/ http://www.pixelio.de
Autor: Paula Dehmel
(geb. 1862, † 1918)
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Der Sand scheuerte zwischen ihren Zehen, wenn sie, wie jeden Tag, ihr Revier auf der Insel ablief. Am Strand fand sie manchmal Reste, die von den Badegästen zurückgelassen worden waren; in den Hinterhöfen der Restaurants durchwühlte sie den Abfall nach Brauchbarem. Wer sie sah, schenkte ihr keinen zweiten Blick. Struppiges Fell, glanzlose Augen, hängende Ohren, eingezogener Schwanz. Die Einwohner duldeten sie, die meisten jedenfalls. Mit den Jahren hatte sie gelernt, den Steinewerfern auszuweichen. Ein leichtes Hinken war die Folge davon, dass sie in ihrer Jugend nicht vorsichtig genug gewesen war. Fremde warfen ihr manchmal etwas Fressbares zu, hielten sie aber sonst auf Abstand.
Ihr Leben verlief in den immer selben Bahnen. Bis an einem schönen Sommertag ein Mann ganz allein am Strand entlang ging. Sein Gang war langsam und müde, sein Kopf gesenkt. Von Zeit zu Zeit bückte er sich, hob einen Stein auf und warf ihn ins Wasser. Als er sie erblickte, ging er in die Hocke und rief sie leise zu sich. Beim ersten Mal reagierte sie mit einem Knurren, kam nicht näher, lief aber auch nicht weg. Am nächsten Tag kam er wieder, und auch am Tag darauf. Bei der zweiten Begegnung wurde sie neugierig und sah ihm ins Gesicht, gerade in seine traurigen Augen. Dabei spitzte sie die Ohren, eines ganz hoch, das andere in der Hälfte geknickt, was ihr ein drolliges Aussehen verlieh, und ihn zum Lächeln brachte. Mehr geschah nicht, bei diesem zweiten Mal. Beim dritten Mal näherte sie sich vorsichtig seiner dargebotenen Hand, so dass sie, wenn sie sich ganz lang streckte, daran schnuppern konnte. Er roch gut, wie eine Erinnerung an die Welpenzeit.
Als sie das nächste Mal zum Strand kam, hielt sie bereits Ausschau nach dem Fremden. Kaum hatte sie ihn erblickt, begann ihr Schwanz vorsichtig zu wedeln. Diesmal ließ sie sich von ihm sogar über den Kopf streicheln und rannte spielerisch den geworfenen Stöcken hinterher. In der folgenden Zeit gewöhnte sie sich daran, dass er täglich mit ihr spielte und sie streichelte. Voller Vertrauen wälzte sie sich zwischendrin auf den Rücken und ließ sich den Bauch mit den alten Kampfnarben kraulen.
Ihr Schritt wurde stolzer, ihr Fell glänzte und ihre Augen leuchteten, wenn sie neben dem Mann am Strand entlang lief. Er erzählte ihr von seinem Leben auf der anderen Seite des Wassers und sie hörte aufmerksam zu, auch wenn sie es nicht wirklich verstand. Wie schön die Welt jenseits der Insel sei, und wie unendlich groß, davon sprach er. Mitnehmen wolle er sie, er habe ein schönes Haus und sei ganz alleine. Sehnsüchtig schweifte sein Blick dabei übers Wasser. Manchmal, wenn er im Sand saß und sprach, schien sie doch etwas zu verstehen, legte ihm die Schnauze aufs Bein und blickte ihn unverwandt an.
Eines Tages kam er nicht mehr alleine an den Strand. In seiner Begleitung waren andere Urlauber, Männer und Frauen. Sie unterhielten sich und lachten viel; er lachte am lautesten. Die Hündin lief neben der Gruppe her, keiner beachtete sie. Erwartungsvoll legte sie ihren Lieblingsstock vor seine Füße. Doch der Mann hatte kaum einen Blick für sie, strich ihr nur abwesend mit der Hand über den Kopf. Voller Hoffnung versuchte sie ihr Glück am nächsten und am übernächsten und am darauf folgenden Tag. Doch gleichgültig, ob sie ihn mit schief gelegtem Kopf ansah, ihm ein Stück Holz hinlegte oder leise bellte, mehr als eine flüchtige Berührung kam nicht von ihm. Hatte er doch jetzt Freunde, die ihm zuhörten und ihn verstanden. Besonders mit einer Frau unterhielt er sich oft, ging mit ihr auch allein am Strand spazieren, erzählte ihr von der großen Welt jenseits des Wassers. Dabei ruhten seine Augen erwartungsvoll auf ihr. Sie hörte ihm zu, legte ihm dabei die Hand auf den Arm und antwortete mit Sätzen, die er hören wollte. Am Ende des Urlaubs war sie es, die ihn von der Insel nach Hause begleitete.
Die Hündin blieb allein zurück, trug ihren Stock am Strand entlang, suchte jeden Tag dieselben Plätze auf. Oft lag sie am Strand, den Kopf auf die Pfoten gelegt, den Blick aufs Wasser gerichtet. Im Winter war dann alles wieder, wie es immer gewesen war. Sie lief ihre Runden, suchte nach Futter, war auf der Hut vor Kämpfen. Erneut verlor ihr Fell den Glanz, den Schwanz klemmte sie wieder zwischen den Hinterläufen ein. Nur manchmal, da hob sie den Kopf, schnupperte in den Wind und stellte die Ohren auf. Vielleicht, nur vielleicht, war da ein vertrauter Geruch in der Luft, wie aus der Welpenzeit.
Foto: © dalmatiner http://www.pixelio.de
Autor: Sabine Kern
kernhalsenb@aol.com
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Kater Momo ist ein ganz besonderer Kater. Über ihn habe ich einige Geschichten geschrieben. Hier ist eine davon.
Kater Momo gehörte zur Rasse der Siam-Katzen, ein alter Thai-Kater also, der etwas Mystisches hatte. Kater Momo fuhr gerne im Auto mit und erschreckte uns manchmal fast zu Tode, nämlich dann wenn er sich heimlich ins Auto schlich und auf dem Rücksitz wartete bis das Auto los fuhr, um dann mit einem kühnen Sprung auf dem Vordersitz zu landen und uns mit seinen großen blauen Augen unschuldig an zu schauen.
Kater Momo liebte nur einen Menschen und das war Danny, mich maunzte er manchmal an, aber mit Danny „redete“ er sehr viel. Und noch eine Leidenschaft besaß er: Lange Spaziergänge waren seine Lieblingsbeschäftigung. Da ging er ganz geschickt vor. Er wartete meistens, bis einer von uns das Haus verließ, dann schlich er hinterher, aber so geschickt, dass man ihn nicht bemerkte. Nicht selten geschah es, dass er plötzlich in unserer kleinen Kneipe, wo wir ab und zu einkehrten, neben uns auf einem Stuhl saß und fröhlich miaute.
Als wir Momo abholten, war er ein richtiger Einzelgänger gewesen und hatte nie aus dem Haus gedurft. Danny gefiel das gar nicht und er gewöhnte ihn langsam nach draußen. Als Momo das erste Mal hinaus ging setzte er sich zuerst hin und bestaunte die Gräser und Blumen die sich leise im Wind bewegten. Nach einer Weile hüpfte er wie ein junges Böcklein hin und her, sauste plötzlich los um sich dann wie wild um sich selbst zu drehen. Es war ein Bild für Götte,r und ich lachte weil es so lustig aussah. Jetzt hatte ich ihn beleidigt, er drehte sich um und ging ins Haus.
Irgendwann fing er an Mäuse zu fangen und sie ins Haus zu bringen. Er legte sie mir vor die Füße und ging erst dann wieder, wenn ich ihm über den Kopf streichelte und lobte. Nur eine Sache dauerte sehr lange: Die Sache mit der Katzenkiste. Er wollte sie weiter benutzen und nicht nach draußen gehen. Nach dem Essen brachte ich ihn hinaus und wartete, dass er sein Geschäft verrichtete. Aber er tat es nicht. Er kam wieder rein und ging auf sein Kistchen.
Dann stellte Danny sein Kistchen vor die Tür und er begriff, was er tun sollte. Endlich hatte er gelernt, auf das Katzenkistchen zu gehen, das vor der Türe stand, und nicht im Zimmer herum zu stänkern. Und wir konnten wieder in Ruhe unser Essen genießen – ohne den herben Duft von Kater Momo.
Foto: © Melmonth / http://www.pixelio.de
Autor: Ursula Geier, November 2009 UrsulaGeier@web.de
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