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Tierfilmer – oder: Das Fernsehen war da …
1, 19 September, 2008, 10:44
Gespeichert unter: Katzen

Es war ein zauberhafter Tag, Donnerstag, um genau zu sein, der Feierabend nahte, unser Büro hatte (tatsächlich mal) alles vom Tisch und wir frönten der Robinson-Philosophie: warten auf Freitag, als mich das Läuten des Telefons aus dem Kreise meiner Kollegen und weg von unserem Last-Minute-Kaffee riss. Wer wollte denn da fünf Minuten vor Feierabend noch was??

Meine Freundin. Gerade hätte bei ihr eine Filmproduktionsfirma angerufen, die auf der Suche nach einem Haufen Kitten – Abteilung fix-niedlich, schön bunt und möglichst wuschelig – für eine Fernsehsendung waren. Ich hätte da doch gerade 14 Stück in aller Herren Länder Farben, die auch noch aussahen wie aufgeplatzte Sofakissen. Das wäre doch mal was und ob sie meine Telefonnummer weitergeben dürfte?

Nun, ich hatte zwar aus einer Beziehung relativ viel Erfahrung mit Filmteams, allerdings waren aufgrund vieler verstrichener Jahre auch relativ viele Erinnerungen entweder gänzlich verschwunden oder hatten ihren unguten Beigeschmack verloren. Dies im Vorwege. Zwar riss es mich irgendwie nicht komplett vom Hocker ob der Aussicht, ein Kamerateam in meine heiligen Hallen zu lassen und ich wusste auch wirklich nicht, wie meine Fellgang auf Anschläge solcher Art reagierte, aber ich dachte mir: „Reklame muss auch mal sein“ und gab die Genehmigung, meine Telefonnummer weiterzugeben.

Ungemein beruhigend war dann der Anruf der Firma am nächsten Tag. Man fragte mich über Katzen und Wohnung aus und informierte mich, dass man gedenke, mit einem kleinen Team zu kommen. So gegen 8 Uhr und man würde auch sicher nicht mehr als drei bis vier Stunden brauchen. Höchstens! Auch würde man alles Notwendige mitbringen, ich bräuchte mich um nichts zu kümmern, bla, bla, bla… Ach so, ein kleines Honorar würde es auch geben, lockte die Stimme.

Spätestens hier hätten bei mir alle Alarmglocken dieser Erde losgehen müssen: Ein KLEINES Team, welches maximal 3-4 Stunden für Dreharbeiten mit einer Katzenhorde brauchen will, nichts umräumt und alles mitbringt?? Never ever – das gibt’s beim Film nicht. Niemals!

Foto: © creative foto (Michael Hirschka) / pixelio

Aber die Alarmglocken läuteten nur zart: Filmteams gelten als äußerst verfressen und haben niemals ihr Pausenbrot dabei. Man muss sie also füttern und tränken. Weiterhin pflegen sie mit größerem Equipment anzureisen, bauen mit Vorliebe Tatorte – ähem – Motive um und schütten sich literweise Kaffee in den Bauch.

Wird schon werden, dachte ich, und besorgte erstmal 25 Brötchen nebst dem dazugehörigen Belag, 3 Pfund Kaffee, ordentlich Milch und Zucker, Plastikgeschirr sowie einen Kasten Kaltgetränke. Außerdem pumpte ich mir beim Nachbarn eine zweite Kaffeemaschine. Besser ist’s. Weiterhin räumte ich den Flur leer und legte – vorsichtshalber – 2 Ersatzrollen Klopapier aus. Die Alarmglocken schlugen nun doch etwas heftiger; Erinnerungen an vergangene Dreharbeiten kamen zurück.

Dann klingelte es und das kleine Team rückte an. Das kleine Team bestand aus ca. 8 – 10 Leuten und einer LKW-Ladung Lampen, Kabel, Kameras, Stativen und, und, und… Die meisten meiner großen Katzen machten sich eiligst vom Acker und bunkerten sich in Büro und Gästezimmer ein. Kater Speedy untersuchte akribisch jedes hereingebrachte Stück und wuselte – getarnt als helfende Pfote – den Leuten zwischen den Beinen herum. Auch ein paar von den Kleinen ließen sich von der hektischen Betriebsamkeit nicht abschrecken und krabbelten in Kisten und Kästen herum. Ich schmierte schon mal die Brötchen und ließ eimerweise Kaffee durchlaufen.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, traute ich meinen Augen nicht. Die ganze Bude war umgeräumt! Im Chaos tummelten sich zwischen Scheinwerfern, Kabeln und Kratzbaum ein paar Lütte, Speedy lang ausgestreckt in irgendeinem Koffer.

Inzwischen war es 11 Uhr geworden und die Arbeiten sollten nun beginnen. Allerdings mussten erstmal die Brötchen verkonsumiert und mit Kaffee heruntergespült werden.

Irgendwer vom Team kam auf die glorreiche Idee, dass es niedliche Bilder gäbe, wenn man die Kleinen beim Wurstklauen vom Brötchen auf dem Tisch drehen würde. Gesagt, getan. Ich organisierte also vier Welpen, setzte diese auf den Tisch vor einen Teller Brötchen und versuchte, ihnen im Schnelldurchlauf den ruchlosen Raub menschlicher Nahrung einzutrichtern. Speedy half, indem er auf meiner Schulter saß und mit der Pfote angelte, die Lütten schauten völlig ratlos drein.

Dafür klappten dann die Spielszenen auf dem Kratzbaum reibungslos und auch die Nummer ‚Katze aus der Kiste’ (alle Kinder in eine Spielhöhle stecken, zuhalten und dann auf Kommando heraushüpfen lassen) war auch nach einigen Versuchen – bei denen sich einige Teammitglieder im Katzen fangen üben durften – im Kasten.

Nach erneutem Umbau des Tatorts Wohnzimmer, der restlosen Vernichtung von Brötchen und Kaffee hatte das Team so gegen 18 Uhr wohl genügend Filmmaterial von spielenden, Wurst klauenden, tobenden und balgenden Katzenkindern zusammen – Gott sei dank! (Wir erinnern uns: max. 3 – 4 Stunden, Beginn 9 Uhr…) Auch das Motiv ‚Kater auf Dosenöffners Schultern herumgetragen’ war nun hinlänglich erschöpft und ich dachte an Feierabend.

Nun begannen auch meine Kitten zu schwächeln und bedurften dringend eines Schläfchens. Dazu zogen sie sich – einer nach dem anderen – ins Schlafzimmer auf’s Bett zurück, was ein Teammitglied mit höchstem Entzücken zur Kenntnis nahm. Resultat: Keineswegs Feierabend. Der Umzug in’s Schlafzimmer wurde eingeleitet. Motiv: Kitten beim pennen. Auch das klappte prima trotz blendender Scheinwerfer und surrender Kamera – die Lütten waren einfach nur platt und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Gegen 20 Uhr kam dann noch irgendwer auf den Spleen, ich könnte mich ja auch in die Koje zu den Katzen legen und so tun, als ob ich schliefe. Vorstellung des Teams: Sabine wirft sich in den Schlafanzug und begibt sich zur Ruhe. Mang die Kitten.

Hier habe ich dann gestreikt. Massiv! Die sollten meine Katzen filmen, nichts anderes. Ich wollte doch den Zuschauern keine visuelle Körperverletzung angedeihen lassen!!

So ungefähr um 21 Uhr war der Spuk dann vorbei. (Wir erinnern – max. 3-4 …) Der Lohn der ganzen Aktion: Eine auf links gekrempelte Wohnung, 50 Euro ‚Gage’ (die bei weitem nicht den Bedarf des Teams an Fourage und Getränken abgedeckt hatten), aber ein Haufen selig durchschlafender Kitten. Wenigstens etwas.

Eine Woche oder so später klingelte das Telefon – die Produktionsfirma. Ob sie denn noch mal zum Drehen vorbei kommen könnten??

Ich habe dankend aber entschieden abgelehnt.

Die größte Enttäuschung kam dann bei der Sendung. Hatte man mir doch versprochen, den Zwingernamen zu nennen, so sah halb Deutschland zwar wenige Minuten lang einen quirligen Haufen niedlicher Coonie-Kinder, wusste aber keinesfalls, wo die herkamen. Soviel zur Werbewirksamkeit.

Einige Zeit später sah ich meine Fellknäuel dann nochmals im TV. Ohne Absprache oder Genehmigung von mir wurden die Wurstklau- und Bettbilder in einer Sendung über Hygiene und Haustiere gesendet. Hier war ich dann heilfroh, dass es keine Namensnennung gab! Was aber wäre gewesen, wenn ich die Schote mit dem ‚ins Bett gehen’ mitgemacht hätte? Au weia! Ich wäre zum Dorfgespött avanciert und hätte mich wahrscheinlich wochenlang nur noch vermummt ins Freie getraut… Das arme Schwein, dass sich hat überreden lassen, mit seinem Hausschwein schlafen zu gehen! In dessen Borsten – äh Haut – möchte ich nicht stecken.

Fazit: Dreharbeiten – wenn überhaupt – nur noch mit meterlangen Verträgen, einer ordentlichen Aufwandsentschädigung sowie einer echten Gage für die Katzen.

Autor: Sabine Pönitsch
sabine-poenitsch@arcor.de

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Mind the Gap 4a
1, 19 September, 2008, 8:32
Gespeichert unter: Menschen

Seit 2003 lebe ich in London. In einer Art Internet-Tagebuch habe ich Freunden und Bekannten in Deutschland in unregelmäßigen Abständen meine Erfahrungen und Erlebnisse geschildert. Dieser Beitrag ist ein Auszug daraus – und die Fortsetzung von „Mind the Gap 3″. Aus technischen Gründen und wegen der Lesbarkeit ist „Mind the Gap 4“ unterteilt in 4a bis 4 c.

Foto: © melascha (Melani Schaller) / pixelio

7. Juli 2005
Der nationale Notstand wurde gerade ausgerufen, habe ich gehoert. Die Krankenhaeuser wurden alle alarmiert, alle Strassen und Tube-Stationen sind abgesperrt, ich weiss nicht mal, wie ich nachhause kommen soll. Meine Kollegin hat im Tunnel festgesteckt und dann den Bus genommen, sie ist heil angekommen. Gott sei Dank war sie nicht in dem Bus am Russell Square. Ich bin ganz zittrig hier.

8. Juli 2005
Was fuer ein Tag gestern! Es hat eine Weile gedauert, bis die Tragweite des Geschehens den Weg ins Gehirn gemacht hat, aber dann wurde ich doch ganz schoen zittrig. Und dankbar, nochmal so davon gekommen zu sein, da die Anschlaege nicht weit von mir entfernt passiert sind, und ich das Ganze nur verpasst habe, weil ich gestern 20 Minuten zu frueh im Buero war – 10 Minuten vor dem ersten Anschlag. Dann kamen die ersten Internet-Berichte und die SMS von einer Kollegin, die im Tunnel festsass. Da habe ich beschlossen, meine Mutter anzurufen und ein Rundmail an Freunde zu schicken, da auch das Mobilfunknetz so gut wie zusammengebrochen war. Es kamen so viele Privatanrufe fuer Kollegen herein wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.

Nachhause zu kommen war ueberraschend einfach, obwohl ich nach Tower Gateway laufen musste, da die DLR von Bank station aus nicht fuhr. Ich habe noch nie soviel Menschen zu Fuss unterwegs gesehen, die Stimmung war gedrueckt, aber jeder war hilfsbereit und hat den richtigen Weg gewiesen. Ich bin am Tower vorbeigelaufen, der mitsamt Tower Bridge in strahlendem Sonnenschein stand, was mir ein ganz merkwuerdiges Gefuehl gab – das ist London und ich lebe hier und lasse mich nicht unterkriegen.

Ich weiss nicht, ob ich einen Schock erlitten habe, aber als ich zuhause war, ging’s mir nicht so gut. Ich hatte Kopfweh und war entsetzlich muede. Die ganze Energie war weg, ich wollte nur noch ins Bett, habe aber dann doch noch Leute angerufen und die Nachrichten angeschaut.

Heute morgen war der Weg zur Arbeit so wie immer, nur dass ich noch frueher losgefahren bin, weil ich nicht wusste, ob Bank station wieder offen war. Die Bahnen waren nicht sehr voll und gespenstisch still – jeder sass nur da, in die Zeitung vertieft. Im Buero war auch noch fast niemand. Ich bin bloss froh, dass heute Freitag ist.

11. Juli 2005
Hatte ein nettes Wochenende, viel Sonnenschein und Wohnungsverschoenerung. Kam heute Morgen im Buero an und sah furchtbar viele weisse Zelte vor dem Fenster auf dem Rasen. Wir schauen auf einen grasbewachsenen grossen Innenhof, der oft fuer Sportspiele etc. genutzt wird. Auch Armyhubschrauber landen und starten sehr oft von dort. Die weissen Zelte habe ich also kaum beachtet. Bis einer meiner Chefs reinkam und mit der Zeitung wedelte: „Da sind die Leichen drin“, sagte er und zeigte den Artikel rum, in dem steht: „The remains have all been taken to a military site, the Honourable Artillery Company at City Road, London, close to King’s Cross. Large white tents have been erected in the grounds and police are standing guard. Post-mortem examinations began on Saturday.“ Ich hab vor lauter Entsetzen Migraene bekommen.

14. Juli 2005
Emails gehen rum: Man soll in seinem Handy unter ICE (In Case of Emergency) eine Nummer fuer den Notfall eingeben.

Dann war heute die zweiminuetige Schweigeminute. Alle gingen vors Haus (in den Schatten, es herrscht naemlich tropische Hitze hier), und Punkt 12 fuhren alle Busse und Taxis rechts ran und alle verstummten schlagartig. London ohne Laerm ist recht gespenstisch.

Im Innenhof sind immer noch die weissen Zelte aufgebaut, bewacht von Polizisten, und werden da bestimmt noch wochenlang stehen.

Und im Fernsehen ist von Selbstmordattentaetern die Rede und dass das jederzeit wieder passieren kann.

Es macht zur Zeit keinen Spass, in London zu leben.

15. Juli 2005
Gestern wurde Teil meiner Strasse abgesperrt wegen eines „suspect package on the bus“. Die fire brigade und die Polizei war auch vor Ort, und es stauten sich innerhalb kuerzester Zeit 4 Busse, die nicht umgeleitet werden konnten.

Heute Morgen war Bank station gesperrt wegen eines security alerts, so dass mein Zug nach Tower Gateway umgeleitet wurde. Dort angekommen, kam die Meldung, dass Bank wieder offen ist. Da die Circle Line, die ich sonst haette nehmen muessen, sowieso suspended war, bin ich eben eine Station zurueckgefahren und in den Bank train gestiegen. Von dort aus bin ich gelaufen, was gut war, denn dann haben sie Moorgate Station gesperrt. Zur Zeit sind echt alle hypernervoes.

22. Juli 2005

Gestern waren ja erneut Anschlaege, nur dass diesmal niemand ernsthaft verletzt wurde, und seitdem ist die Anspannung gross. Polizei hat heute morgen eine Verdaechtigen erschossen, der einen dicken Mantel anhatte. Staendig fahren Polizeiwagen mit grossem Ta-tue-ta-ta vorbei, ich glaube, die Hysterie ist nicht mehr weit. Heute abend ist Firmenbarbecue, aber ich will nur noch nach Hause.

25. Juli 2005
Ich konnte mir nicht verkneifen, Harry Potter am Eroeffnungswochenende zu lesen, nachdem ASDA das Buch fuer die Haelfte verschleudert hat. Ueberall im Land wurden Potter-Parties abgehalten, aber das war mir dann doch zuviel des Guten. John meinte nur ganz unglaeubig: “Auf welcher Seite bist du jetzt? Wie, du hast es schon ausgelesen?”

Letzte Woche parkte The World vor meinem Fenster – ein grosses Kreuzfahrtschiff, das beinahe die ganze Woche vor Anker lag. Jetzt weiss ich auch, dass man “liner” oder “cruise ship” sagen muss. Ich hatte John am Telefon vom “cruiser” erzaehlt, und der verband ein Kriegsschiff mit dem Ausdruck!

Letzten Dienstag habe ich einen Arztbesuch absolviert,und da es sich um einen Leberfleck handelte, den ich genauer untersucht haben wollte, habe ich mal spasseshalber versucht, das Ganze ueber meine private Krankenversicherung abzuwickeln, damit es etwas schneller geht. Aber wie ueblich ist auch ein Arztbesuch mit viel Buerokratie verbunden. Mein Hausarzt hat den Spezialisten angeschrieben, der mich dann zwecks Termin anschrieb. Ich musste dann aber erst meine private Versicherung anrufen und eine Genehmigung einholen. Die wies ich daraufhin, dass ich eine Selbstbeteiligung von 100 Pfund habe fuer die erste Behandlung, dass es ein neuer Anspruch sein muss, also nichts, das man schon seit 2 Jahren hat und beobachten lassen will, und dann wurde mir ein Formular zugeschickt, das ich von meinem Hausarzt ausfuellen lassen sollte. Ich hatte aber schon einen Termin mit dem Spezialisten ausgemacht, so dass die Zeit knapp wurde, daher bin ich mit dem Formular zur Hausarztpraxis gerannt und habe darum gebeten, es schnell auszufuellen, mir aber schon gedacht, dass es nicht ernst genommen wird. Demzufolge war das Formular am Abend auch noch nicht ausgefuellt. Zwei Tage spaeter konnte ich es dann endlich losschicken und habe dann am Tag des Termins noch bei der Versicherung angerufen, ob das jetzt ok geht.

Jetzt will ich auch meine Augenarztbesuche wieder aufnehmen, die ich frueher in 6monatigem Abstand hatte. Da es sich leider um etwas handelt, das routinemaessig gemacht werden muss, wird die Privatversicherung wohl nicht einspringen, so dass mir mein Hausarzt nun einen Termin mit der NHS besorgen will. D.h., er muss an ein Krankenhaus schreiben und die schreiben dann mir mit entweder einem Terminangebot oder der Aufforderung, sie zwecks Terminabsprache anzurufen. Und das dauert auch nur einen Monat oder zwei. Warum ist hier bloss alles immer so kompliziert?

Am Wochenende haben John und ich unser dreijaehriges Kennenlernjubilaeum gefeiert mit einem Restaurantbesuch (das Thai-Restaurant um die Ecke) gefolgt von Kino (Madagascar). Manche Maenner sind aber echt keine Romantiker. “Was, du willst eine Karte? UND Blumen? Mannomann!”

Am Sonntag fing es dann an zu regnen, so dass der traditionelle Besuch von Greenwich Market buchstaeblich ins Wasser fiel. Wir haben es uns eben zuhause mit der Zeitung gemuetlich zu machen versucht, aber die Schlagzeile war, dass der mutmassliche Terrorist, der am Freitag erschossen worden war, total unschuldig war. Zeiten sind das, wirklich. Man traut sich gar nicht mehr vors Haus mit all den Terroristen und schiesswuetigen Polizisten. Am Freitag hat mir der Evening Standard Verkaeufer ein Poster in die Hand gedrueckt “London stands united”. Muss ich mir das jetzt ins Fenster haengen?

Jetzt ist also wieder Montag, es regnet, und ich bin total genervt von meiner Kollegin, die sich mal wieder aufspielt, als gehoere ihr der Laden. Gott sei Dank ist mein Urlaub nur noch knapp 2 Wochen entfernt.

24. August 2005
So, jetzt bin ich also wieder aus Schottland zurueck. Zwei Wochen sind zu kurz um dieses wunderschoene Land zu erkunden, aber die gruenen Berge und blauen Seen der Highlands und Islands werden mir noch lange in Erinnerung bleiben, und wenn sie verblassen, muss ich mir nur meine 17 Filme anschauen! Das Wetter war in der ersten Woche sehr sonnig, in der zweiten eher durchwachsen, aber nicht wirklich schlecht.

Hier in London regnet es dafuer seit Sonntag, und ich freue mich schon sehr auf das verlaengerte Wochenende (Montag ist hier Bank Holiday). Urspruenglich hatten wir darueber nachgedacht, fuer das Wochenende nach Tintern, Wales zu fahren, aber da Johns Auto immer noch Mucken macht, kommt er jetzt mit dem Zug her und je nach Wetterlage fahren wir vielleicht einen Tag nach Brighton oder bleiben ganz einfach zuhause.

Da der Urlaub eine nicht ganz unbetraechtliche Delle in mein Konto geschlagen hat, habe ich heute morgen per Internet-Banking Geld von meinem deutschen Konto auf mein englisches transferiert, als EU-Ueberweisung. In fruehestens drei Tagen wird das Geld auf dem Konto sein, dachte ich. Nur spasseshalber habe ich eine halbe Stunde nach der Transaktion mein englisches Konto gecheckt. Das Geld war schon drauf. Ich bin sprachlos.

30. August 2005
Ein dreitaegiges Wochenende ist immer was Schoenes. Ein Bank Holiday Weekend, an dem die Sonne scheint, ist was Besonderes. Und dieses Wochenende hat die Sonne wirklich um die Wette geschienen. Also haben wir gemacht, was Millionen anderer Londoner auch machen, und sind nach Brighton gefahren. Mit dem Zug ist das nur eine Stunde. Ich war ja noch nie in Brighton und daher nicht ganz vorbereitet auf den Endlosstrand, gesaeumt von riesigen weissen Hotels, und dem Pier, der ein langgezogener Vergnuegungspark ist. Habe John gezwungen, mit mir eine Wild River Fahrt zu machen, wo man richtig schoen nass gespritzt wird. War bei den Temperaturen das einzig Wahre. Nach Fish&Chips, kaltem Bier und einem momentanen Kontrollverlust beim Kauf von einer Million Muscheln beschlossen wir, was fuer die Kultur zu tun. Die Tourist Information war leider in der Innenstadt, und um die zu finden, haben wir am Pier fuer 1 Pfund einen Stadtplan aus dem Automaten ziehen muessen. Wenigstens haben wir auf die Weise auch die huebschen Innenstadtgaesschen nicht verpasst, und die Dame an der Information erklaerte uns haargenau, welchen Bus wir zum Engineerium nehmen muessen, wo John unbedingt hin wollte, weil da alte Dampfmaschinen und anderes Ingenieurzeug ausgestellt ist. Der Bus nach Hove war voller bayerischer Touristen, aber das Museum war total leer und als John dann noch von einem Museumsangestellten hinter die Kulissen in den Workshop gefuehrt wurde, war er seelig. Danach haben wir uns noch den Pavillon angeschaut, den King George IV fuer sich im orientalischen Stil hatte bauen lassen. Ein unglaubliches Bauwerk, innen wie aussen. Nach einer weiteren Stunde an der Strandpromenade, wo wir ein neues Spiel erfunden haben (Muecken mit Steinwuerfen erledigen, und nein, es funktioniert nicht wirklich), waren wir so fussmuede, dass wir uns zurueck zum Bahnhof geschleppt haben. Der Montag wurde dann mehr oder weniger auf dem Sofa verbracht, aus Regenerationszwecken. Aber wir werden bestimmt wieder nach Brighton fahren!

31. August 2005
Mann, ist das heiss hier! Es hat 30C, und es ist noch nicht mal 10 Uhr morgens. Ich wurde unter falschen Versprechungen von Regen und kaltem Wetter nach England gelockt! Die letzten zwei Jahre hatten wir total heisse Sommer hier, wo hingegen es in Deutschland schuettete. Meine Mutter klagte ueber den elenden Sommer und ich pflege hier meinen Sonnenbrand. Ich will mein Geld zurueck. Habe heute schon versucht, meinem Boss das Konzept von “hitzefrei” beizubringen. Das Wort gibt’s hier gar nicht.

Immerhin kann ich abends auf dem Balkon sitzen und das Treiben auf der Themse beobachten. Es ist faszinierend, wieviele verschiedene Boots- und Schiffsarten es gibt. Von den antiken Segelschiffen (Lady Daphne) bis zum ultraschnellen Tate Boat gibt es alles. Schlepper, Yachten und kleine Segelschiffe kommen vorbei, die vielen Touristenboote und die Dixie Queen, ein alter Raddampfer, und ab und an ein Kreuzfahrtschiff oder ein Kriegsschiff. Obwohl ich die meisten Schiffe jetzt schon kenne, wird es doch nie langweilig. Am 16. September faehrt eine Regatta die Themse runter von Greenwich in die Innenstadt, zu Ehren Nelsons oder so. Leider ist das ein Freitag, was bedeutet, dass ich es verpassen werde! Na ja, man kann nicht alles haben.

22. September 2005
England ist eine 15-Minuten Gesellschaft. Ganz abgesehen, dass sich hier keiner laenger als 15 Minuten auf irgendwas konzentrieren kann, dauern auch Arzttermine nie laenger. Ich bin mit einer Latte von Dingen, die ich durchsprechen wollte, zu meinem Arzt gegangen und nach 15 Minuten wurde der nervoes und meinte, wenn ich noch mehr haette, muesste ich einen zweiten Termin ausmachen. Und dann hat er mich sanft rausgeschmissen. Da war ich erstmal sprachlos.

Sprachlos war ich auch, als ich dann versucht habe, die diversen Arzttermine bei den Fachaerzten zu machen. Hier muss einen ja erst der Hausarzt ueberweisen, d.h. der schreibt an das Krankenhaus einen Brief, und die schreiben mir dann einen Brief, in dem eigentlich nur drinsteht, dass ich sie zwecks Termin anrufen soll. Und auf diesen Brief wartet man hier Monate. Die Englaender haben wirklich das schlimmste Gesundheitssystem ueberhaupt. Wenn der Brief nach Monaten irgendwann kommt (auf den vom Moorfield Eye Hospital warte ich immer noch), dann heisst das noch lange nicht, dass man sofort einen Termin bekommt. Nochmal 2 Monate Wartezeit sind total normal. Mein Arzt meinte zynisch, das sei auch der Grund, dass die Briefe so spaet kaemen, auf diese Weise koennten die Krankenhaeuser die offizielle Wartezeit herunterschrauben. Anstatt mir sofort einen Termin fuer in 4 Monaten zu geben, warten sie 2 Monate und geben mir dann einen Termin in 2 Monaten. Kein Wunder, dass John dachte, ich verarsche ihn, als ich in Deutschland mal krank war und zu ihm sagte, ich haette den Arzt angerufen und koennte am naechsten Tag vorbeikommen. Und dann ist die NHS keineswegs so kostenlos, wie man immer denkt. Ganz abgesehen davon, dass ich fuer einen guten Service lieber ein paar Pfund extra zahlen wuerde, kosten hier Zahnarzt- und Augenarztbehandlungen sowieso, und eine Rezeptgebuehr gibt’s hier auch. In Deutschland bekommt man meiner Ansicht nach bessere, schnellere und billigere Hilfe. Ihr schuettelt euch wahrscheinlich, wenn ich sage, dass ich hier noch nie beim Zahnarzt war. Ich kann einfach keinen in der Naehe finden, der noch Platz in seiner Patientenliste hat, und da bin ich nicht die einzige. Halb London hat keinen Zahnarzt. Ihr deutschen Zahnaerzte, bitte kommt hier rueber!

Am Freitag wurde die Beerdigung von Nelson nachgestellt, und wie vor 200 Jahren fuhren eine Menge Schiffe die Themse hinunter. Haette ich nicht arbeiten muessen, haette ich das Ganze bequem von meinem Balkon aus beobachten koennen, so bin ich eben in der Mittagspause nach London Bridge gefahren und habe mir die Prozession von South Bank aus angeschaut. Am Samstag fand dann zwischen Richmond und Island Gardens das Great River Race statt und diesmal haben wir eifrig vom Balkon aus Fotos gemacht. Es war wunderbar sonniges Wetter, aber richtig warm war es nicht, und am Sonntag wurde es noch kaelter, so dass wir nur kurz ueber die Greenwich Markets gelaufen sind (der Buchstandbesitzer kennt mich jetzt schon persoenlich und gibt mir Sonderrabatt, weil ich soviel chick-lit kaufe). Das Car Free Festival haben wir wegen der Kaelte etwas links liegengelassen, und ausserdem war ich so muede. Meine Kollegin ist zur Zeit im Urlaub und ich mache die meiste ihrer Arbeit auch noch mit.

Seit letzter Woche bin ich auch stolze Besitzerin eines neuen Handys, nachdem das alte nach 2 ½ Jahren immer mehr Mucken hatte. Jetzt habe ich sogar eine Kamera drin, und habe Stunden damit verbracht, einen Klingelton einzustellen und sonstige Justierungen vorzunehmen. Die Nummer habe ich von meinem alten Telefon rueberretten koennen, obwohl ich jetzt bei einem anderen Betreiber bin. Fuer die Aushaendigung meines alten Telefons + Charger gab es einen Gutschein von £50, den ich gleich dazu genutzt habe, ein neues Telefon fuer meine Wohnung zu kaufen, da das alte ab und zu total spinnt.

Im Oktober kriege ich mal wieder Besuch von meiner Journalistenfreundin anlaesslich des London Film Festivals, und da wir beide Joseph Fiennes Fans sind, gehen wir dann auch gleich in sein neuestes Theaterstueck “Epitaph for George Dillon”. Endlich kommt mir das mal zugute, dass ich in London wohne! Obwohl es ja doch so ist, dass man weniger unternimmt, wenn man hier lebt als wenn man Tourist waere und versuchten wuerde, alles Moegliche in eine Woche zu packen. Ken Livingstone hat aber gestern “Everyone’s London” eroeffnet – eine neue Initiative, um von jetzt bis Ende Maerz die Touristen anzulocken, nehme ich mal an. Man bekommt Ermaessigungen in vielen Museen, Gallerien, Musicals, Ausstellungen und Attraktionen wie London Eye, Mme Tussauds, Dungeon, Aquarium, Zoo etc., wenn man im Besitz eines gueltigen Tube tickets fuer diesen Tag ist,und das ist ja nun jeder normale Londoner.

Letztens hat John wieder eine Beschwerde an Chiltern Railways losgeschickt. Die haben zur Zeit mal wieder fast jedes Wochenend Gleisarbeiten, was ja ok waere, wenn er da nicht staendig umgeleitet wuerde. Diesmal musste er von Paddington aus los und waere 3 Stunden spaeter in Birmingham New Street angekommen, das ist ungefaehr eine Stunde laenger als ueblich. Also haben wir bei Chiltern angerufen um zu fragen, ob die Beschraenkungen fuer seine Fahrkarte (abends erst nach 19.30 fahren) von Paddington unter diesen Umstaenden auch gelten. Was fuer Beschraenkungen, am Wochenende gibt’s nie Beschraenkungen, kam der Bescheid. Na gut, hat er einen frueheren Zug genommen. Der dann in Paddington erst mal eine Viertelstunde stand, weil erst ein Ersatzfahrer gefunden werden musste. Der Anschlusszug nach Oxford war dann auch weg, so dass er dort zu spaet ankam fuer den Anschlusszug nach Brum. Eigentlich haette er ueber eine Stunde auf den naechsten warten muessen, was die gesamte Fahrzeit auf 4 Stunden hochgeschraubt haette, aber ein Stationsbeamter riet ihm, einfach den naechsten Virgin-Zug zu nehmen, was er auch tat. Natuerlich war der Schaffner des Virgin-Zugs darueber nicht begeistert und hat ihn gescholten, dass er das haette nicht machen duerfen, hat ihn aber weiterfahren lassen. Was mal wieder beweist, dass Zugangestellte keine Ahnung haben – von Chiltern Customer Services kam dann auch ein Email zurueck, dass die Fahrkartenbeschraenkungen sehr wohl am Wochenende auch gelten. Den Schaffner in Paddington hatte das aber nicht gestoert. Da soll noch einer durchblicken.

Seitdem faehrt er wieder jedes Wochenende mit dem Auto her, worauf das natuerlich mal wieder stehen blieb, direkt vor ASDA. Er hatte schon vorher bemerkt, dass der Motor manchmal einfach ausging, was ja enorm gefaehrlich sein kann, wenn man sich gerade auf der Ueberholspur befindet. Sein Mechaniker nannte ihm zwei Moeglichkeiten, also hat er ein Ersatzteil austauschen lassen (Moeglichkeit 1), und falls es doch noch stehenblieb, hatte er ein Austauschkabel dabei (Moeglichkeit 2). Das Auto blieb stehen, John tauschte das Kabel aus, aber die Karre sprang trotzdem nicht an. Also rief er die AA an, nachdem er erstmal ordentlich geflucht hatte. Da stellte sich dann heraus, dass sein Bruder damals die Mitgliedschaft zwar in Johns Namen aber mit seiner eigenen Adresse bestellt hatte, also musste John erstmal seinen Bruder zwecks Verifizierung der Adresse anrufen, denn natuerlich kannte er die Adresse nicht. Der Bruder kannte Johns Adresse auch nicht, weswegen er seine eigene angegeben hatte. Manchmal weiss man einfach nicht, was man sagen soll. Nachdem die AA seinen Anruf dann samt Adresse akzeptiert hatte, kam der Mechaniker auch schnell an und hatte nach einer halben Stunde die Wurzel allen Uebels gefunden. Er spruehte irgendwas in den Motorraum, das half, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, warum, meinte aber, er braeuchte einen neuen Distributor (in Fachkreisen “Dissy” genannt, was sich fuer mich eher nach einer beschraenkten Blonden anhoert), weil das Spray nur kurzfristig helfe. Und dann erzaehlte er noch, dass er laut AA-Regeln eigentlich nicht so lange nach dem Defekt haette forschen duerfen, sondern nach 15 Minuten haette den Abschleppwagen rufen muessen. Ich sag’s ja: England ist eine 15-Minuten Gesellschaft.

7. Oktober 2005
Am Samstag hatte ich Krach mit John, weil er, nachdem er eine neue Fernbedienung fuer seinen kleinen Fernseher gekauft und alle Programme schoen hatte eintunen lassen, den Fernseher nach London brachte, ohne zu wissen, wie man die Programme selber eintunt, und natuerlich waren vier der fuenf Programme regional und ploetzlich weg. Und ich hatte ihn ja auch nur drei Tage hintereinander angefleht, den TV-Mann zu fragen, wie das geht (Bedienungsanleitung war nirgends dabei). Hat er natuerlich nicht gemacht, weil, sowas ist doch selbsterklaerend, oder nicht? Oder nicht. Wenigstens hat der DVD-Spieler mit dem neuen Fernseher tadellos funktioniert.

Am Sonntag ist meine Kollegin Constanze von Hammersmith nach Limehouse umgezogen, und John und ich haben ihre Sachen mit dem Manta durch London transportiert. Das Ganze hat mehr als 4 Stunden gedauert, Londoner Verkehr ist echt furchtbar. Dafuer ist sie jetzt happy in einem kleinen Haus mit einem Iren und einer Franzoesin – flatsharing ist ja die Norm hier in London, weil das Leben sonst zu teuer ist – jede zweite Wohnung wird von einer WG belegt. Ich find’s auch nett, dass sie jetzt in meiner Gegend gelandet ist, wo sie doch am Anfang nach Nordlondon wollte. Sie sagte, es war sehr interessant, durch Wohnungssuche Londoner Gegenden kennenzulernen und wie Leute wohnen. Einmal waere sie beinahe in einem Drogenloch gelandet!

Ich organisiere gerade einen Empfang fuer meinen alten Boss, der soeben in Ruhestand getreten ist, und abgesehen davon, wieviel bei sowas schiefgehen kann (z.B. ein Zahlendreher in allen Einladungen), ist es immer wieder erstaunlich, was fuer Zungenbrecher man in Menus so finden kann. Ich habe keine Ahnung, was “marinated haloumi” ist, und auch “wilted Bok Choi” laesst mich relativ ratlos. Und bei den “Holistic Healing Salads” habe ich dann gestreikt. Sowas fangen wir hier doch gar nicht erst an. Ich hab’s trotzdem geschafft, ein nettes Buffet zusammenzustellen. Ich komme mir hier aber immer mal wieder doof vor bei der internationalen Kueche, die in London sehr vertreten ist. Speziell bei indisch, das den Englaendern so im Blut liegt wie uns chinesisch und italienisch, habe ich keine Ahnung, was das alles ist. Dabei ist chicken tikka massala ja schon sowas wie ein englisches Nationalgericht. Apropos Essen – ich war heute Mittag wieder mal beim Borough Market, um mich fuers Wochenende mit deutschem Brot, Lyonerwurst und Maultaschen einzudecken. Es lebe der German Deli!

Naechstes Jahr werden die Preise fuer die Tube angehoben (das ist ja nichts Neues), aber Ken Livingstone kam auf die gloriose Idee, das Ganze billiger zu machen fuer Leute mit pre-pay oyster cards (Karten, die man mit einem bestimmten Betrag auffuellen kann, der bei jeder Benutzung entsprechend geringer wird). Was jetzt £2 kostet, wird naechstes Jahr £3 kosten, aber £1.50 fuer die pre-payer. Damit will er jeden zwingen, eine oyster card zu kaufen, auch die Touristen (angeblich spart das Wartezeiten an den Schaltern, weil keiner mehr fuer eine Einzelfahrkarte anstehen wird). Wenn ihr also sparen wollt, muesst ihr bei eurem naechsten Besuch hier am Bahnhof als allererstes eine oyster card erwerben und mit soviel Geld fuellen wie ihr gedenkt zu verfahren. Das Geld wird abgebucht, wenn ihr die Karte auf den Leser draufhaltet bei jedem Ein- und Aussteigen (“touch in and out”). Und die oyster card wuerde ich dann aufheben fuer weitere Besuche. Travelcards kann man auch auf die oystercards drauftun, aber die Wochenend travelcard gibt’s nicht mehr, und ich ueberlege nun, ob es billiger waere, meine jaehrliche travelcard, die in einem Monat auslaeuft, dann auf pre-pay umprogrammieren zu lassen. Warum muss der Kerl alles so kompliziert machen?

Jetzt versucht er auch noch, die Londoner zum Recycling zu kriegen. Neulich war in meinem Briefkasten ein entsprechender Brief plus rosa Plastiktasche, die man mit Recyclingdingen (kunterbunt durcheinander) fuellen soll und jeden Donnerstag vor die Haustuer stellen. Finanzielle Anreize gibt’s natuerlich keine, ausser dass jeden Monat 10 Haushalte ausgewaehlt werden, die dann £50 gewinnen koennen, vorausgesetzt, sie haben das richtige Recycling vor die Tuer gestellt. Ich bin ja im Grunde fuer Recycling, aber ich musste dann doch lachen. Glaubt er im Ernst, vielbeschaeftigte Londoner stuerzen sich enthusiastisch auf einen rosa Plastiktasche, die, einmal vors Haus gestellt, wahrscheinlich nie wieder gesehen wird? Get real. Ich bin ja sowieso schon die einzige im Viertel, die brav Papier und Flaschen zum naechsten Container schleift. Ich sollte Ken vielleicht mal einen Brief schreiben, wie das in Deutschland so gehandhabt wird.

Vor 2 Tagen habe ich mir morgens entweder einen Muskel gezerrt oder einen Nerv eingeklemmt, mein Arm tat jedenfalls hoellisch weh, und ich habe es geschafft, meinem Doktor ein “emergency appointment” fuer den gleichen Morgen zu entlocken. In dem mir dann beschieden wurde, dass ich Ibuprofen (Schmerzmittel) nehmen soll und mich ansonsten ausruhen. Darauf haette ich auch alleine kommen koennen. Eine Spritze gab’s natuerlich keine, dafuer haben mich die Schmerzmittel dermassen muede gemacht, dass ich am Tag darauf frueher von der Arbeit nach Hause bin. Heute bin ich dann nochmal zum Arzt (den Termin hatte ich schon laenger), wo mir ein neues Schmerzmittel verschrieben wurde, nachdem ich ueber die Muedigkeit geklagt habe. Warum ging das denn nicht gleich? Es hat sich dann auch herausgestellt, dass der Brief vom Moorfields Eye Hospital schon vor Monaten an mich geschrieben wurde, mich aber wegen einer falschen Wohnungssummer nie erreichte. Dies fand ich durch ein Gespraech mit jemandem vom Krankenhaus heraus, die mich argwoehnisch fragte, wo ich ihre Nummer her haette. Ich meinte dann, sowas Dummes, aber dann kann ich ja jetzt einen Termin mit Ihnen ausmachen. Nein, das geht nicht, mein Arzt muss dem Krankenhaus nochmal einen Brief schreiben, die mir nochmal einen Brief schreiben, und DANN ERST ist es mir erlaubt, anzurufen und einen Termin auszumachen. Ich glaub ich bin im Irrenhaus.

Immerhin hat John von Chiltern Railways tatsaechlich einen £5-Voucher fuer seine Alptraumfahrt vor ein paar Wochen bekommen. Und gleich ist Wochenende. Man wird ja schon fuer kleine Dinge dankbar.

12. Oktober 2005
So, der Fernseher zeigt jetzt alle Programme, obwohl er BBC1 nicht mag, da muessen wir noch feinjustieren. Die TV Licence soll ja auch demnaechst wieder teurer werden und bis 2013 £50 mehr kosten als jetzt. Dafuer will die BBC dann weniger Wiederholungen zeigen. Aber die sind doch gerade das Gute!

Befinde mich die naechsten 2 Wochen im sozialen Overkill: fuer das Wochenende haben sich sowohl eine Freundin als auch ein Verwandter angesagt, dann gehe ich naechste Woche auf eine Cocktail-Party fuer Sekretaerinnen, gefolgt von Kino und Theater am Wochenende darauf, wenn meine Journalistenfreundin hier aufschlaegt.

Es ist unglaublich warm hier, und ich sollte eigentlich arbeiten, aber nur die Haelfte der Buerobesetzung ist da, und irgendwie habe ich keine Lust. Bin noch total voll von den Spaghetti Carbonara, die die Bedienung zwar nicht buchstabieren konnte, aber brav gebracht hat. Ich hatte mir ja fuer heute vorgenommen, das Chaos meines Chefs aufzuraeumen, aber das ist kein kleiner Job bei dem messie. Vielleicht sollte ich einfach in sein Buero gehen, die Tuer zumachen und mich unter dem Schreibtisch zum Mittagsschlaefchen zusammenrollen. Mein Vorgaenger hat das angeblich immer im Konferenzraum gemacht.

28. Oktober 2005
Letzten Samstag ist John endlich hierher gezogen! Er hat seinen Job aus medizinischen Gruenden aufgegeben (er hat eine Allergie bekommen gegen die Produkte, mit denen er hauptsaechlich arbeitet) und ist jetzt auf Arbeitssuche hier und im Kampf mit den Behoerden. Erstmal muss er sich beim Arbeitsamt anmelden und viele Formulare ausfuellen. Das Bloede ist, dass er fuer fast alles einen proof of address braucht. Hier gibt es kein Melderegister, so dass man sich den Adressbeweis ueber verschiedene Dokumente erwerben muss, unter anderem eine Gas/Strom/Wasser- oder Telefonrechnung (sogenannte utility bills) oder die TV Licence (eine Art GEZ Gebuehr). Die TV Licence hatte ich aber erst kuerzlich fuer ein Jahr erworben, Wasser zahlen wir momentan keins, BT weigert sich, die Telefonrechnung auf mehr als einen Namen auszustellen, und London Energy ist dazu zwar grundsaetzlich bereit, will aber Johns Namen auf dem Mietvertrag sehen. Gott sei Dank habe ich einen gutmuetigen Vermieter, der einen Monat vor Ablauf des alten Vertrages einen neuen Vertrag auf beide Namen ausstellt, fuer die naechsten 12 Monate. Den kriegen wir aber auch nicht vor dem Wochenende, und da die naechste Stromrechnung drei Monate weit weg ist, ist das auch nicht der Brueller. Ohne utility bill kann er aber auch den freedom pass nicht beantragen, der ihn zu freier Benutzung des oeffentlichen Verkehrs berechtigt. John hat sich sofort auf das Wahlregister setzen lassen, aber das wird nicht vor Januar aktualisiert, und die Bestaetigung kriegt er auch erst dann. Das einzige, was mir jetzt noch einfaellt ist die Adressaenderung bei seiner Bank und den sofortigen Ausdruck einens neuen Kontoauszugs an die neue Adresse. Unter anderem zu diesem Zweck ist er am Donnerstag nach Birmingham gefahren. Er braucht auch noch seinen letzte Gehaltsabrechnung sowie den P45 von seinem Chef, mit Brief, dass er gekuendigt hat. Dann muss er noch einen Nachsendeantrag bei der Post stellen, den Rest seiner Sachen packen, verschiedene andere Kleinigkeiten erledigen und seinem Grundstuecksmakler einen Besuch abstatten – es hat naemlich endlich jemand fuer das Haus ein Gebot abgegeben! Und waehrend er Sachen ins Auto gepackt hat, kam noch ein zweiter Hausinteressent. Irgendwie passiert immer alles auf einmal.

Dann sind wir auch momentan auf der Suche nach einem Zahnarzt. Ich war hier noch kein einziges Mal, weil es so schwierig ist, angenommen zu werden. Es gibt hier leider nicht soviele Zahnaerzte, wie man braeuchte. Neulich habe ich mir von der NHS Seite die Zahnaerzte um mich herum ausgedruckt, und da stand auch schon immer dabei, ob die Patienten annehmen und welche. Die “charge exempt” adults werden gerne genommen, das sind Leute, die nicht zahlen muessen, da sie z.B. arbeitslos sind. Das Geld kommt dann von den Behoerden an den Zahnarzt, das muss unproblematischer sein. Jetzt rege ich mich gerade auf, dass ich letztes Jahr, als ich einen Monat arbeitslos war, mich nicht beim naechsten Zahnarzt habe registrieren lassen. Wenn man dann Arbeit findet, koennen sie einen auch nicht so einfach wieder von der Patientenliste werfen. Das sind eben die Tricks, die man hier kennen muss.

Immerhin muss ich jetzt keine Rezeptgebuehren fuer Medikamente zahlen, obwohl ich immer noch nicht genau weiss, warum. Mein Arzt diagnostizierte neulich eine leichte Schilddruesenunterfunktion, nichts Dramatisches, aber anscheinend ist diese Kondition ernst genug, um ab sofort von ALLEN Medikamentengebuehren, ganz egal fuer was, befreit zu sein. Unser netter Apotheker hat uns darueber aufgeklaert. Sachen gibt’s …

Ich ueberlege auch ernsthaft, mir die Grippeimpfung, den sogenannte flu jab, beim Arzt zu holen, da es ja jetzt fuer mich kostenlos ist, und die Impfung im Buero ist noch Wochen entfernt. Ich bin ja normalerweise kein Schisshaase, aber es gibt eine derartige Panikmache hier wegen der bird flu, es macht ueberhaupt keinen Spass mehr, Zeitung zu lessen, und ich hatte letztes Jahr die richtige Grippe, ich werde jetzt ein wenig nervoes. Auf der anderen Seite wird der Winter hier angeblich so brutal kalt, dass wir ihn alle sowieso nur mit Muehe ueberleben (eine Energiekrise wird prophezeit), also ist es gerade egal. Ich werde in den naechsten Wochen verstaerkt ins Kino gehen muessen, bevor uns Ereignisse mit Menschenmassen verboten werden wegen der Ansteckungsgefahr. Auch Massenimpfungen in Supermaerkten waren schon im Gespraech.

“Epitaph for George Dillon” im Comedy Theatre West End mit Joseph Fiennes kann ich uebrigens waermstens empfehlen! Nach der Vorstellung haben Constanze, Susanne, John und ich uns auf die Suche nach der Buehnentuer gemacht, was sich einfacher herausstellte als gedacht, als wir nach einem Meter ums Eck bei einer Tuer ankamen, die gross “STAGE DOOR” ueber dem Tuerrahmen geschrieben hatte. Joe kam dann sogar ziemlich schnell raus und gab Autogramme, bevor er zu Fuss mit Freunden das Weite suchte. Wir hatten Plaetze in der ersten Reihe, wo man etwas den Nacken verrenken musste, um alles zu sehen, dafuer hatten wir die totale Beinfreiheit. Im Kino am Tag davor (Woman in Winter mit Jamie Sives, der anwesend war) habe ich allerdings total gelitten, da ich ueberhaupt nicht wusste, wo ich meine Fuesse hintun sollte. Beim Rausgehen hat Susanne mich dann in die Rippen gehauen, und ich habe erst hinterher rausgefunden, dass das “Jamie Sives ist genau neben dir!” hiess. Tja, wie ein richtiger Londoner habe ich mich eben schon so an die Praesenz von Stars gewoehnt, dass ich sie gar nicht mehr beachte. *arrogantguck*

30. November 2005
Misery ist zur Zeit mein Zweitname! Absolut gar nichts geht voran, funktioniert oder laeuft richtig, und die meisten Katastrophen passieren wie immer Calamity John. (Achtung, die folgenden Ereignisse enthalten ein Uebermass an Frust!)

Ich hatte ja damals den Kampf mit Virgin Internet aufgegeben, weil die immerzu nur behauptet haben, es laege an meinem Computer, dass ich nicht mehr einwaehlen koennte. Das war im April oder so. Jetzt kam John mit seinem Virginanschluss hier an und wollte natuerlich ins Netz. Aber Virgin liess auch ihn nicht. Nach zahllosen Anrufen, wo ihm alles moegliche vom Himmel runter erzaehlt wurde, geriet er dann tatsaechlich an einen Techniker, der zugab, dass Virgin Probleme mit der Einwahlnummer fuer 24/7 hat. Pay as you go funktioniert, hat er getestet, und Broadband wuerde auch, da beides auf einem anderen Server liege (?). Daraufhin haben wir beschlossen, Broadband (DSL) zu gehen, da das nur unwesentlich teurer ist und die Installationsgeraete kostenlos zur Verfuegung gestellt werden. Die Bestellung und Installation etc. hat merkwuerdigerweise auch tadellos geklappt, aber John konnte noch immer nicht einwaehlen. Gluecklicherweise sah ich, dass er nur seine Einwahldaten vermurkst eingegeben hatte, das Problem war also schnell geloest. Wir sind also zuhause wieder online, hurra! Es wurde auch Zeit, denn in der Zwischenzeit wurde mir im Buero das Internet fast voellig weggenommen. Man hat nur noch Zugang vor und nach der Arbeit, sowie zwischen 13 und 14 Uhr (Mittagspausenzeit fuer die meisten). Das allein ist ja schon voellig hirnrissig, denn will man waehrend der Arbeit etwas Geschaeftliches nachschauen, muss man zum einzigen Computer, der rund um die Uhr Internet hat, so dass sich alle um ihn balgen. Zumindest dachte ich, es waere der einzige, bis sich herausstellte, dass die Bosse noch Zugang haben, und die Sekretaerin des Oberbosses auch noch, denn die braucht das ja selbstverstaendlich. Die Stimmung ist auf alle Faelle auf dem Nullpunkt. Dazu kommt, dass mein Internet, seit ich Broadband habe, bei manchen Sachen einfach streikt. Neulich wollten wir was bei ebay einstellen, sind aber immer nur in einer Schleife bei deren Homepage angekommen. Bei meinem Yahoo Account, den ich ueber webmail abfrage, kann ich bestimmte Befehle nicht mehr betaetigen (es tut sich nichts, wenn man auf die Antworten und Verschieben Buttons drueckt), und als ich mich auf einer Internetseite registrieren wollte, kam konstant eine Fehlermeldung und der Befehl, mein Geburtsdatum anzugeben (was ich gerade getan hatte).

Zu allem Ueberfluss kam eine neue Council Tax Rechnung an, die nur beruecksichtigt, dass er bei mir eingezogen ist (mein 25% Rabatt ist jetzt floeten), dafuer aber seiner Arbeitslosigkeit nicht Rechnung traegt (Arbeitslose muessen ihren Teil der Council Tax nicht zahlen). Als ich daraufhin anrief, wurde mir mitgeteilt, dass sie mein Guthaben von der alten Rechnung gegenrechnen werden (warum wurde das denn nicht gleich gemacht?) und die Rechnung erstmal auf Eis gelegt wird, bis Johns Antrag durch ist. Puh. Dann kam aus Birmingham ein Scheck ueber zuviel gezahlte Council Tax, den er brav zur Bank brachte, da er dachte, das sei das Ergebnis seines Antrages dort. War angeblich aber ein Fehler. Er muss zwar ab jetzt erstmal dort keine Council Tax zahlen, aber das Geld wollen sie wieder, weil das falsch berechnet wurde. Wir haben jetzt einen Brief geschrieben, dass er kein Geld hat und ob sie im die Kohle nicht erlassen koennen. Ich habe ja nicht viel Zuversicht, aber John erzaehlte mir von einem Vorfall vor etlichen Jahren, wo ihm zuviel Benefit bezahlt wurde. Er bekam die gleiche Summe zweimal, einmal direkt aufs Konto, und einmal als Scheck in der Post. Und das ueber Monate, da es ihm keiner glauben wollte. Als er die Behoerde endlich vom Sachverhalt ueberzeugen konnte, haben die ihm das Geld erlassen, da es ja ihr Fehler war. Mal schauen …

Sein Nachsendeantrag bei der Post funktioniert auch nur sporadisch, was wir erst gemerkt haben, als eine Mahnung fuer eine Gasrechnung kam, die er nie zu Gesicht bekommen hatte. Am Anfang war er noch jede Woche einmal nach Birmingham gefahren, um nach dem rechten zu sehen, das hatte er auch mittlerweile aufgegeben. Da wir am letzten Wochenende aber sowieso zum German Market nach Birmingham wollten und ganz allgemein Weihnachtseinkaeufe erledigen, sind wir Freitag abend losgeduest. Er fand zuhause nicht nur besagte Rechnung sondern vier weitere Briefe mit unterschiedlichen Daten, das passiert also regelmaessig! Da ein Nachsendeantrag hier nicht gerade billig ist, habe ich gestern einen Beschwerdebrief an die Royal Mail losgelassen, in der wir das Benzin fuer die Reise nach Birmingham wiederhaben wollen.

Besagte Gasrechnung war dann auch noch drastisch falsch, da ihm irgendeine supply charge fuer die letzten 8 Jahre berechnet wurde, obwohl der Gaszaehler erst im Juli diesen Jahres eingebaut wurde. Auch British Gas hat daraufhin einen Beschwerdebrief erhalten, hoffentlich sehen die ihren Irrtum bald ein.

Der Hausverkauf geht auch nur in merkwuerdigen Hopsern voran, wenn man das ueberhaupt als Fortschritt bezeichnen kann, wenn regelmaessig Angebote unter Wert hereinkommen von schlauen Indern, die genau wissen, dass der Markt gerade tot ist und die deshalb abends zu dritt anruecken, eine Stunde in der Kueche verhandeln und “Mr John” ueberhaupt nicht zuhoeren, wenn er ihnen den Mindestpreis nennt und dass sie ausserdem ueber den Makler gehen muessen. Er lebt in einem Viertel voller Inder, und die wollen alle gerne “privat” kaufen, was immer der Vorteil ist. Leider verlangen Makler auch Gebuehren, wenn man privat verkauft, waehrend man einen Vertrag mit ihnen hat, so dass ihm das ueberhaupt nichts bringt, ausserdem ist es ja nunmal deren Job, nicht seiner.

Der German Market war schoen, aber die Preise sind natuerlich astronomisch, alles 1:1 von Euro in Pfund umgerechnet wurde. Ein Adventskranz sollte £16 kosten! So wichtig ist es mir dann auch wieder nicht. John war wieder im siebten Himmel bei Christstollen und Feuerzangenbowle und ich habe mich durch alle angebotenen Wurstsorten durchgegessen. Ein paar Weihnachtseinkaeufe habe ich auch schon mal erledigt. In Borders koennte ich ja immer Stunden verbringen, waehrend John sich demonstrativ in den naechstbesten Sessel pflanzt und sagt “Weck mich in einer Stunde”.

Wir sollen ja heuer einen strengen Winter hier kriegen, was natuerlich wie alles relativ ist. Schnee gab’s erstmal nur in Schottland, Wales und Cornwall, mittlerweile hat er sich bis in die Midlands breit gemacht, was gar nicht gut ist fuer unseren naechsten Birmingham-Besuch, wenn er liegenbleibt. Winterreifen hat hier trotzdem keiner und auch sonst sind alle ziemlich unvorbereitet. Wir koennen bloss hoffen, dass die Gasvorraete nicht ausgehen, aber fuer alle Faelle haben wir ja noch einen kleinen Elektrikofen auf der Buehne. British Gas Techniker wollen ja auch demnaechst fuer bessere Bedingungen streiken, was etliche Zeitungen dazu veranlasst hat, “Hunderte von Menschen werden diesen Winter wegen British Gas Streik sterben!” zu schlagzeilen.

Wenigstens habe ich jetzt eine NHS Medical Exemption Certificate Karte, gueltig bis Ende 1010, bin also jetzt offiziell von allen Rezeptgebuehren befreit. Die Grippeimpfung haben John und ich auch vor ca. 3 Wochen hinter uns gebracht, die dieses Jahr von meiner Praxis kostenlos an alle verteilt wird, nicht nur an die Alten und Schwachen. Deswegen ist jetzt die Regierung sauer, weil der Impfstoff auszugehen droht, da heuer wegen der Vogelgrippe viel mehr Leute als sonst eine Impfung haben wollen. Diese Leute werden die “worried well” genannt, auch so ein Unwort, das einfach nur alle beschreibt, die sich zuviele Sorgen machen, obwohl sie doch gesund sind. Meiner Erinnerung nach war der Impfstoff aber letztes Jahr auch schon knapp, also alles Ausreden.

Die Pink Recycling Bag haben wir natuerlich auch noch nicht erhalten, obwohl wir seit Monaten jede Woche einmal bei denen anrufen und jedesmal eine andere Ausrede erhalten. Die beste Ausrede bisher war, dass unsere Wohnungsnummer gar nicht existiert, da wir in 1E leben, die Zahlen in unserem Haus gehen aber anscheinend nur bis D. Jetzt schreibe ich einen erzuernten Brief, ich bin gerade so in der Stimmung! *Beateaufdemkriesgpfad*

Gerade habe ich auf dem Nachhauseweg im Vorbeilaufen den ersten geschmueckten und erleuchteten Weihnachtsbaum in einem Wohnzimmer gesehen. Und es ist noch nichtmal Dezember.

15. Dezember 2005
Die Royal Mail hat sich entschuldigt fuer die Pannen mit dem Nachsendeantrag, aber Entschaedigung fuer die Kosten kriegt er erst, wenn das nochmal ungefaehr zwei mal passiert. Wenigstens ist die Gasrechnung sortiert – anstatt ueber £300 bezahlen zu muessen, ist er ploetzlich sogar im Plus.

Letzten Montag gingen John, Constanze und ich in eine Vorpremiere von “The Family Stone”, da ich auch hierfuer Freikarten ergattert hatte. Die beiden fanden den Film schoen, ich fand ihn zu amerikanisch und schmalzig. Mrs Henderson Presents dagegen ist wirklich klasse! Nach dem Kino fand ich dann mein Handy nicht mehr und befuerchtete schon, ich haette es verloren. Es fand sich aber am naechsten Tag im Buero wieder. Ohne Handy kommt man sich richtig amputiert vor!

Das Wochenende haben wir in Birmingham verbracht, um noch ein letztes Mal ueber die Maerkte zu schlendern, Johns Familie einen Besuch abzustatten, sein Auto durch den TÜV zu schicken (fiel glatt durch, quelle surprise) und unsere Haare schneiden zu lassen. Und Harry Potter haben wir auch noch angeschaut. Am Sonntag morgen waren wir dann noch bei Johns Bruder zu Besuch, der fragte, ob wir schon von der Explosion im Hemel Hempstead gehoert haetten. Hatten wir nicht. Ein Riesenoeldepot war in die Luft gegangen und die M1 war daraufhin gesperrt, so dass wir einen Umweg fahren mussten. Kurz vor London erspaehte ich ploetzlich eine riesige schwarze Wolke vor uns, richtig unheimlich. Durch die mussten wir auch durchfahren, also haben wir alle Ventile im Auto geschlossen, das Zeug soll ja giftig sein. Persoenlich habe ich keine Auswirkungen davongetragen, aber ich wohne ja auch am andere Ende der Stadt. Nach drei Tagen und Millionen Liter Schaum war der Brand dann endlich geloescht.

Da letzten Mittwoch schon die ersten Weihnachtskarten fuer uns ankamen, haben ich also jetzt meine und Johns rausgeschickt – vorbereitet waren sie eh schon.Weihnachten faengt hier aber auch schon so verrueckt frueh an. Den Weihnachtsbaum haben wir gestern erst erstanden und noch nicht mal geschmueckt, dabei hatte jeder andere den Baum schon Anfang Dezember aufgestellt. Ich habe schon Panik geschoben, dass wir keinen schoenen Baum mehr abkriegen! Jetzt bin ich gerade fieberhaft dabei, meine Geschenkeliste fertig zu stellen und zu hoffen, dass ich auch ja niemanden vergessen habe. Eigentlich wollte ich die Arbeitskollegen nicht unbedingt bedenken, habe aber leider vor ein paar Tagen herausgefunden, dass zwei meiner englischen Kolleginnen Constanze und mir etwas schenken, jetzt muss ich mir da auch noch was einfallen lassen. Und wenn wir schon dabei sind, koennte man eigentlich dem und der und dem auch noch eine Kleinigkeit … Stress pur. Gestern waren Constanze und ich auf einer Cocktail-Party und den Inhalt der Goodie bag kann man Gott sei Dank gut weiterverschenken. Und morgen ist unsere Weihnachtsfeier. Um 10 vor 12 Uhr geht’s los zum Restaurant, und laut Constanze kann das Ganze gut und gern bis 17 Uhr dauern, bis dann in einem Club weitergefeiert wird. Au weia.

Das Schmidt Magazin sagt zu Weihnachten folgendes: “Die Riten der Briten sind anders, auch und erst recht an Weihnachten. Dass es die Geschenke erst am Morgen des 25. Dezember gibt, ist noch er geringste Unterschied. Da waere noch der Weihnachtskarten-Wahnsinn, die Begeisterung fuer Praesentkoerbe oder der Faible fuer Christmas Crackers – kein Knabbergebaeck, sondern huebscsh verpackte Knallbonbons im Klorollen-Pappen-Format. Fuer uns Deutswhe hat Weihnachten ja eher besinnlichen Charakter. Auf der Insel laesst man es krachen. Und schliesslich das Essen. Truthahn ist ja okay, aber der Nachtisch… Vermutlich gilt bei Christmas Pudding das Marmite-Prinzip: Man muss mit dem Zeug aufgewachsen sein, um es zu lieben. Die halbkugelfoermige, klebrig-glibberige Gaumenfreude besteht aus Rosinen, Zucker, Semmelbroeseln, Mehl, Oel, etwas Sherry und Gewuerzen. Probieren Sie’s bitte, einmal wenigstens. Danach duerfen Sie Christmas Pudding gerne verschenken – mit einem schadenfrohen Grinsen im Gesicht, als ganz besondere Spezialitaet.”

21. Dezember 2005
Die Weihnachtsfeier habe ich gut ueberstanden, obwohl das Ganze natuerlich laenger ging als geplant. Dann hatten wir gestern noch ein „Team Meeting“, bei dem jeder durch Tombolalos ein Geschenk bekam – Wichteln heisst hier Secret Santa. Die Kartenmanie ging dann munter weiter, als einige Kollegen im Hauruckverfahren absolut jedem eine Karte hinlegten – nach der fuenften wurde es mir zu bunt und ich habe einen Emailkartengruss an alle losgeschickt. Natuerlich kam ich dann nach Hause und fand Karten vor von zwei Freunden, die ich doch glatt vergessen hatte, so dass ich auf die Schnelle noch zwei schreiben musste. Naechstes Jahr decke ich mich mit einem Riesenvorrat ein. Am Freitag duerfen wir schon um die Mittagszeit gehen und ich werde mit John noch die essentiellen Dinge wie mince pies einkaufen (die heuer auch mit nach Deutschland genommen werden, soll meine Mutter ruhig auch in den Genuss der englischen Weihnachtsscheusslichkeiten kommen). Am Samstag mittag geht’s dann essen, und am Sonntag, was ja hier der wichtigste Tag ist, bleiben wir zu Hause und kochen uns was Schoenes. Das wird dann auch so ungefaehr der einzige Tag sein, an dem ich ein bisschen Ruhe finde, denn am zweiten Weihnachtsfeiertag (Boxing Day) geht’s in aller Herrgottsfruehe zum Flughafen (und natuerlich faehrt die DLR so frueh noch nicht, und der Stansted Express existiert nur as bus replacement service, aber ich bin ja Kummer gewohnt). Hoffentlich geht auch alles glatt – der Exodus aus London hat heute begonnen, und in den naechsten Tage werden Tausende von Menschen nach Hause oder in den Urlaub fliegen. In Deutschland soll’s ja Schnee und Minusgrade haben… Am 1. Januar fliegen wir wieder zurueck, der 2. Januar ist hier noch Feiertag, so dass ich wenigstens noch zum Waeschewaschen komme, bevor das Buero wieder ruft.

Heute ist nicht nur winter solstice sondern auch noch Elton Johns Hochzeitstag, was hier natuerlich breit getreten wird, obwohl es streng genommen nicht die „gay marriage“ ist, als die es immer propagiert wird, sondern „nur“ eine civil partnership, die auch zwei Mitbewohner eingehen koennten, sollten sie irgendwelche staatlichen Steuerrechte haben wollen. Ich persoenlich haette ja schon bis zum neuen Jahr gewartet, sonst ist es wieder so schwierig, die Weihnachts- und Hochzeitsgeschenke auseinanderzuhalten, aber fuer viele konnte der Tag eben nicht frueh genug kommen.

23. Dezember 2005
Vorgestern Nacht um 1 Uhr schreckte ich aus dem Schlaf hoch, als ploetzlich ein unglaublich lauter Alarm losging. Es klang sehr nah, und wir fanden dann heraus, dass der Alarm aus der Wohnung unter uns kam. Wir riefen die Polizei an, die sagten, dass wir nicht die ersten Anrufer waren, dass sie aber leider nichts tun koennten, da niemand etwas Verdaechtiges gesehen hatte und es sich daher nicht um einen Einbruch handeln koennte. “Diese Dinger gehen staendig los, die gehen auch wieder aus”. Ja, Pustekuchen. Der Alarm rasselte fuer eine ganze Stunde, dann brach er ab – aber nicht vollstaendig. Ein monotones Piepen blieb, laut genug, um es zu hoeren und mich vom Schlafen abzuhalten. Am naechsten Tag riefen wir unseren Vermieter an, der uns riet, die Managing Agents anzurufen. Die hoerten sich das Ganze an und meinten, sie wuerden sich drum kuemmern – aber vielleicht erst morgen. Als dann heute der Alarm immer noch bliepte, rief ich noch einmal an und kam nicht durch. Mein Chef riet mir, das Environmental Health Office anzurufen, die seien fuer so etwas zustaendig. Die reagierten auch total schnell, setzten sich mit den managing agents in Verbindung und standen dann bei uns auf der Matte und hoerten sich den Radau an. Sobald sie eine court order haben, koennen sie dann einbrechen und den Alarm abstellen. Die managing agents bleiben standhaft, dass sie kein Recht dazu haben, die Wohnung ohne Vorankuendigung zu betreten, aber ich arbeite in einer managing agent Firma und mein Boss meinte, das sei Bloedsinn. “Im Vertrag steht im Normalfall, dass man im Notfall durchaus die Wohnung betreten kann, und ich sehe das als Notfall an, ganz besonders ueber die Feiertage.” Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.

Die Environmental Health Officer sind um 16 Uhr eingebrochen, haben den Alarm abgestellt und ein neues Schloss angebracht. Die Schluessel muss sich der Eigentuemer bei der Polizeiwache abholen, wenn er aus dem Urlaub zurueckkommt. Das nenne ich mal schnelles Reagieren, ich bin total beeindruckt!

Autor: Beate
Beateher@yahoo.com

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