Weltgrösste Tiergeschichtensammlung


Die Meise
1, 24 September, 2008, 8:09
Gespeichert unter: Lyrik

Auguste, wie fast jede Nichte,
Weiß wenig von Naturgeschichte.
Zu bilden sie in diesem Fache,
Ist für den Onkel Ehrensache.
»Auguste«, sprach er, »glaub es mir,
Die Meise ist ein nettes Tier.
Gar zierlich ist ihr Leibesbau,
Auch ist sie schwarz, weiß, gelb und blau.
Hell flötet sie und klettert munter
Am Strauch kopfüber und kopfunter.
Das härtste Korn verschmäht sie nicht,
Sie hämmert, bis die Schale bricht.
Mohnköpfen bohrt sie mit Verstand
Ein Löchlein in den Unterrand,
Weil dann die Sämerei gelind
Von selbst in ihren Schnabel rinnt.
Nicht immer liebt man Fastenspeisen,
Der Grundsatz gilt auch für die Meisen.
Sie gucken scharf in alle Ritzen,
Wo fette Käferlarven sitzen,
Und fangen sonst noch Myriaden
Insekten, die dem Menschen schaden;
Und hieran siehst du außerdem,
Wie weise das Natursystem.« -
So zeigt’ er, wie die Sache lag.
Es war kurz vor Martinitag.
Wer da vernünftig ist und kann’s
Sich leisten, kauft sich eine Gans.
Auch an des Onkels Außengiebel
Hing eine solche, die nicht übel,
Um, nackt im Freien aufgehangen,
Die rechte Reife zu erlangen.
Auf diesen Braten freute sich
Der Onkel sehr und namentlich
Vor allem auf die braune Haut,
Obgleich er sie nur schwer verdaut.
Martini kam, doch kein Arom
Von Braten spürt’ der gute Ohm.
Statt dessen trat voll Ungestüm
Die Nichte ein und zeigte ihm
Die Gans, die kaum noch Gans zu nennen,
Ein Scheusal, nicht zum Wiederkennen,
Zernagt beinah bis auf die Knochen.
Kein Zweifel war, wer dies verbrochen,
Denn deutlich lehrt der Augenschein,
Es konnten nur die Meisen sein.
Also, ade, du braune Kruste! -
»Ja, lieber Onkel«, sprach Auguste,
Diegern, nach weiblicher Manier,
Bei einem Irrtum ihn ertappt:
»Die Meise ist ein nettes Tier.
Da hast du wieder recht gehabt.«

Foto: © DominoXL (Kurt F. Dominik) / pixelio

Autor: Wilhelm Busch
(15. 4. 1832 Wiedensahl, Hannover, † 9. 1. 1908 Mechtshausen bei Seesen)

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Mind the Gap 4c
1, 23 September, 2008, 11:04
Gespeichert unter: Menschen

Seit 2003 lebe ich in London. In einer Art Internet-Tagebuch habe ich Freunden und Bekannten in Deutschland in unregelmäßigen Abständen meine Erfahrungen und Erlebnisse geschildert. Dieser Beitrag ist ein Auszug daraus – und die Fortsetzung von „Mind the Gap 3″. Aus technischen Gründen und wegen der Lesbarkeit ist „Mind the Gap 4“ unterteilt in 4a bis 4c. Die Fortsetzung in Gestalt von „Mind the Gap 5″ folgt demnächst.

Foto: Tricin (Simon Echterhof) / pixelio

8. September 2006
Gott, ist London laut. Das war mir zwar schon vorher bewusst, aber nach 7 Tagen in einem superleisen B&B in Cornwall faellt es einem doppelt auf. Am Samstag unserer Rueckkehr war natuerlich prompt wieder eine Party im Club gegenueber, und da das letztes Mal bis weit nach 1 Uhr nachts schallte, habe ich dieses Mal die Laermtruppe schon fruehzeitig gerufen. Leider kamen die erst gegen 12.15 an, und wie Murphy’s Law es so will, 2 Minuten vorher hatte die Musik aufgehoert. Sie sassen dann noch 20 Minuten in ihrem Auto mit offenen Fenstern, dann fuhren sie ab – und haben prompt den Abgang einiger laermender Partybesucher verpasst, die meinten, es sei spassig, sich mitten auf die Strasse zu stellen und rumzubruellen.

Als also vorgestern um Mitternacht ein Autoradio ploetzlich ganz laut spielte, war ich schon wieder auf 180 und riss erzuernt das Fenster auf. Saubande, dachte ich, kann es hier nicht einmal ruhig sein? Komisch, kein Auto weit und breit. Muessen die Nachbarn unter uns sein, die kennen auch gar nichts. Gott, ist das laut, klingt ja, als ob es vom Zimmer nebenan k…. oops. Rase ins Nebenzimmer, das von John als Buero genutzt wird, und siehe da, das Radio auf seinem Schreibtisch hatte sich selbsttaetig eingeschaltet und sendete mit voller Pulle.

Gestern gegen 11.30, das Twin Towers Drama in BBC1 war gerade zuende, fing dann eine Sirene im gegenueberliegenden Neubau an zu laermen. Die Feuerwehr kam um 12.15 mit drei (!) Wagen an und rueckte unverrichteter Dinge wieder ab, die Polizei kam eine Stunde danach vorbei und rueckte nach planlosem Umherlaufen auch wieder ab und die noise crowd versicherte mir am Telefon, sie wuerden sich drum kuemmern, da sie aber wahrscheinlich einen warrant braeuchten, um einzubrechen und den Alarm abzustellen, waere das wohl erst heute. Die Sirene verstummte heute morgen um 7.40. Und ich dachte immer, alle diese schicken Neubauten haetten 24 hour porterage und security. So kann man sich taeuschen. Und ich bin jetzt so muede, dass ich gleich einschl….

11. September 2006
Freitag abend hatte dann das Canary Wharf Community Centre, das gleich neben dem normalerweise laermenden Poplar Rowing Club liegt, eine Disco veranstaltet, und die schafften es, ab 10 Uhr dermassen Radau zu machen, dass ich schon wieder die Noise Prevention Officers rufen musste. Die kamen dann kurz nach Mitternacht (gibt anscheinend viel Laerm in London) und waren so entsetzt (“die Baesse hoert man ja ueberall und alle Tueren sind offen!”) dass sie die Musik sofort abgedreht und bei Wiederholung mit Entzug der Lizenz gedroht haben. Wenigstens mal ein Ergebnis, auch wenn es bis gegen 1 Uhr dauerte, bis alle Jugendlichen unter grossem Geschrei und mit quietschenden Reifen die Gegend verlassen hatten. Wir haben dann natuerlich prompt die Themse-Aufraeumaktion verschlafen, die seit Freitag bis morgen uns gegenueber am Ufer der Themse stattfindet, veranstaltet von der Thames 21 Charity (http://www.thames21.org.uk/). Sonntag morgen hatten wir dann keine Entschuldigung mehr und haben uns zum Dienst gemeldet (muss morgens sein wegen Ebbe). Wir bekamen Gummistiefel und Handschuhe gestellt und sind eine Stunde lang im Matsch herumgestapft und haben Plastik und Glas etc. aufgehoben. Es ist absolut unglaublich, wieviel Muell man an so einem kleinen Uferstreifen aufsammeln kann!

Es gibt seit letzer Woche zwei neue kostenlose Zeitungen in London, beide werden abends verteilt, im Gegensatz zur METRO, die es morgens gibt. Leider ist es wohl das Los aller kostenlosen Zeitungen, Druckerschwaerze abzufaerben, so dass man nach Lesen selbiger rabenschwarze Finger hat und schwarze Flecken im Gesicht, wenn man Beate heisst. Neulich hatte ich zuviel in der einen Hand und habe daher die Zeitungen in der anderen Hand an mich gepresst, was einen schwarzen Abdruck auf meinem weissen T-Shirt hinterliess. Aber lesen tut man sie trotzdem, denn kostenlos ist schliesslich kostenlos, und wenn die Nachrichten darin einen auch noch so depressiv machen. Das heisst aber auch, dass ich jetzt dem Evening Standard untreu geworden bin, der fuer 50p denselben Mist bringt. Hab mich ganz verstohlen an meinem ueblichen Zeitungsverkaeufer vorbeigeschlichen und kam mir wie ein Verraeter vor.

Ich bin schon wieder ganz schrecklich ergaelded und entdecke mal wieder, wie schrecklich englisches daytime telly ist. Der Vormittag besteht fast nur aus Programmen fuer gelangweilte Hausfrauen, denen vorgegaukelt wird, sie koennten aus jedem Muell Geld machen (Car Booty, Bargain Hunt, Flog It!). Das Abendprogramm ist im Grunde auch nicht viel besser. Dies ist das Bild, das englisches Fernsehen von den Englaendern zeichnet: Sie sind schmutzig (How Clean Is Your House?), fett (You Are What You Eat), unsportlich (Ian Wright’s Unfit Kids), noergelnd (Don’t Get Me Started, Grumpy Old Men), wuetend (Temper your Temper), mit vielen Schulden (The Price is Right, Deal or no Deal, Who Wants To Be A Millionaire) mit fluchenden, aggressiven Kindern (Supernanny) und Teenagern (Teen Tamer). Ausserdem haben sie keine Ahnung, wie sie ihre Haeuser so herrichten, dass sie verkaufbar sind (House Doctor, Selling Houses, Property Ladder) und sind ganz schrecklich risikoreich (One Year to Pay Off Your Mortgage, A New Life: Risking It All).

18. September 2006
Social overkill am Wochenende! Noch heftig schnupfend (John hat die Erkaeltung jetzt auch und leidet, wie nur Maenner leiden koennen), haben wir uns zu unserer alten Wohnung aufgemacht, um vom dortigen Innenhof das Great Thames River Race anzuschauen. Zurueckgekehrt zur neuen Wohnung, konnten wir von dort aus beobachten, wie die Boote direkt gegenueber am Ruderclubsteg an Land gehievt wurden und fuer Stunden die Strasse versperrten. Die Disco im Ruderclub (typisch) ging dann bis Mitternacht.

An diesem Wochenende war dann auch Open House London, aber dafuer hatten wir keine Zeit, wir haben uns auf das Thames Festival konzentriert, das das ganze Suedufer der Themse in Anspruch nahm, mit Musik, Essensstaenden etc. Wir haben im griechischen Restaurant an der South Bank ein ueberteuertes Souvlaki zu uns genommen und sind dann zum Picknick im Greenwich Park aufgebrochen, mit ein paar Freunden. Da haben wir dann festgestellt, dass Car Free Festival in Greenwich war (noch mehr Musik und Essen), und so haben wir uns schon wieder durch Massen von Leuten gewuehlt. Man muss dazu sagen, dass es ein wunderschoen warmer und sonniger Tag war, und so haben wir uns im Gras niedergelassen (die M&S Picknickdecke, eigens fuer solche Zwecke verkauft, hatte ich natuerlich vergessen) und zuviel Kuchen und Schokolade zu uns genommen. Dann ging es munter weiter, zurueck zum Thames Festival, denn ab 19 Uhr fand ein Night Carnival statt, mit Feuerwerk ab 21.45. Um 20 Uhr haben wir uns auf der Blackfriars Bridge zwischen die Leute gedraengt, bis anderthalb Stunden spaeter (der Karnival schlaengelte sich immer noch durch) unsere Beine nachgaben und wir uns einen guten Aussichtspunkt fuer das Feuerwerk suchten. Zu dem Zeitpunkt hing mein Magen durch und ich musste dringend wohin. Es war halb 12, bis wir endlich zuhause waren, und entweder es war das spaete Essen oder die vielen Eindruecke, aber ich konnte ewig nicht einschlafen. Dementsprechend haenge ich auch heute herum.

Letzte Woche habe ich mal wieder diverse Telefonate taetigen muessen, da ich staendig auf Post warte, die nie ankommt. Mein alter Stromlieferant (British Gas) hat mir immer noch keine Abschlussrechnungen geschickt, waehrend mein neuer Stromlieferant (EDF Energy) mir immer noch keine Bestaetigung geschickt hat ueber die Neueinrichtung des Kontos. Ich habe es ja auch erst am 12. Juni beantragt! Gas wurde Mitte Juli “geswitcht”, Strom anscheinend am 1. September. Aber es kann bis zu 28 Tagen dauern, bis es aktiviert wird. Oder so. Ich habe schon so oft bei denen angerufen, und jedesmal kriege ich eine andere Auskunft. Unglaublich.

Endlich habe ich auch mal jemanden im Moorfield Eye Hospital drangekriegt, deren Termin vor drei Monaten ich leider absagen musste. Die Dame meinte froehlich “Ja, wir haben Ihnen einen neuen Termin gegeben, haben Sie denn den Brief nicht gekriegt?” “Nein, fuer wann denn?” “Fuer November – das ist der schnellste Termin, den wir finden konnten”, fuegte sie noch hinzu. Ich will meinen deutschen Augenarzt wieder.

Die Dame im Idea Store konnte zuerst mein Problem auch nicht verstehen. “Alle Kursinformationen wurden verschickt und die Kosten abgebucht – letzte Woche schon. Obwohl wir ein bisschen Probleme mit der Post hatten, jetzt wo ich drueber nachdenke.” Dann hat sie mir meine Adresse vorgelesen, und siehe da, statt einer 10 hatte sie eine 1 notiert. Ups. Also habe ich John losgeschickt, um mal an die Haustuer von Wohnung Nr. 1 zu klopfen. “Die sind vor ein paar Wochen ausgezogen” meinte eine Nachbarin hilfsbereit. “Wie komm ich jetzt an deren Briefkasten ran?” “Wohnen Sie hier? Dann haben Sie doch einen Schluessel fuer die Tueren, hinter denen die Briefkaesten sind. Das ist ein Generalschluessel, der passt hier ueberall”. John hatte Glueck – die Post fuer Nr. 1 war auch hier HINTER den eigentlichen Briefkasten gesteckt worden, so dass er den Brief fuer mich ohne Probleme herausfischen konnte. Aber da kann man mal wieder sehen, wie toll die Royal Mail arbeitet. Wir haben auch zig Beschwerden losgeschickt, dass unsere Post nicht IM Briefkasten landet, sondern dahinter, denn, wie sich jetzt herausstellt, koennte dann das ganze Viertel dran! Und da wundern sich Leute, dass soviel Post nie ankommt!

16. Oktober 2006
Freitag vor einer Woche fuhr John nach Birmingham und kam mit einem neuen 19 Zoll Flatscreen Monitor fuer mich wieder, da mein alter Monitor merkwuerdige Symptome zeigte – das Bild wackelte, zog sich zusammen und dann wieder auseinander, und manchmal wurde der ganze Bildschirm schwarz mit Ausnahme einer weissen Linie in der Mitte. Da ich fuer moderne Kunst bei Monitoren nichts uebrig habe, wurde der alte Kasten voellig herzlos ausgetauscht. Wir haben erst ueberlegt, ihn Tracy Emin zu stiften fuer ein Projekt „die Vergeblichkeit der Moderne“ oder so, aber dann haben wir doch einfach die Gemeinde-Hotline angerufen, die fuer Sperrmuell zustaendig ist.

Ich hatte mein Handy zuhause vergessen, also rief ich John vom Buero aus an und bat ihn, es mittags vorbeizubringen, und gleichfalls diverse Unterlagen, die ich zuhause gelassen hatte. Als er dann um 12 Uhr ankam, drueckte er mir mein Handy in der Hand, aber die Unterlagen hatte er nicht dabei. Sage ich “Ich habe dich doch gebeten, die Unterlagen mitzubringen!” Sagt er “Ich war mir nicht mehr sicher was du wolltest, aber ich habe dich in einer SMS gefragt, hast du die nicht gekriegt?” Ich: “Du meinst eine SMS zu meinem Handy, dass DU hattest?” Sein Gesicht war fuer die Goetter.

Wir haben Maeuse in der Kueche und wir wohnen im dritten Stock! Beim Staubsaugen vor ein paar Tagen fand John eine angeknabberte Suppentuete in einem der Behaelter, die auf dem Kuechenboden stehen. Er hat daraufhin alle Behaelter auf die Arbeitsflaechen gestellt, aber am naechsten Tag waren wieder 2 Suppentueten angeknabbert. Bei einer englischen Bacon & Leek Suppe sage ich ja gar nichts, aber als meine Flaedlesuppe gelitten hat, wurde ich sauer. John meint, sie leben neben dem Boiler, weil er da ein kleines Loch gefunden hat, das unter die Fussbodenbretter fuehrt. Einen alten Behaelter mit „Pest Control“ Aufschrift hat er auch noch gleich daneben gefunden. Bisher haben wir mit einer Mausefalle zwei Maeuse erledigt, und die Pest Control kam am Samstag Mittag vorbeigeschlappt und legte Gift aus.

Aus einem Brief meiner Firma an einen Kunden bezueglich zuzueglicher Kosten fuer einen Auftrag: “The Company personnel who will provide the information will be myself, Mr X and our PA, Beate Y. The hourly rate for the above will be £350.00 for myself and XX and £150.00 per hour for Beate. Time will be charged in units of 6 minutes. “ Ich hab das mal ausgerechnet. Demnach muesste ich auf einem Jahresgehalt von £292,500 sein! WOW. Unterbezahlt ist gar kein Ausdruck.

Wenigstens hat John nun endlich auch das Wohnzimmer gestrichen! Hipphipphurra.

Und der Weihnachtsflug nachhause ist auch gebucht. Leider hat Ryanair ja die Gepaeckbegrenzungen ab 1. Nov. wieder auf 15 kg heruntergefahren, das wird bitter. Meine Kollegin hat heute ihre Weihnachtseinkaeufe angefangen. So organisiert bin ja nicht mal ich.

26. Oktober 2006
Wir bekamen gestern eine erste Gasrechnung von ueber £400 von EDF Energy – mit 2 voellig falschen Zaehlerstaenden drauf. Der richtige Anfangsstand ist 8307, dann hatte ich vor ein paar Tagen online einen Stand von 8324 durchgegeben. Ueber diese 17 Einheiten haette dann auch die Rechnung sein sollen. Statt dessen zitierte die Rechnung einen Anfangsstand von 3277 und einen neuen Stand von 3824. Und ueber diese 580 Einheiten wurde dann auch die Rechnung gestellt. Also riefen wir bei EDF an.

„Ja, der Zaehlerstand von 3277 kommt von TRANSCO, das ist die Firma, der der Zaehler gehoert.“br /> „Bei uns war aber nie einer zum Zaehlerablesen“.
„Aber das ist der Stand, denn wir von TRANSCO bekamen!“
„Das kann ja sein, aber der ist grottenfalsch! Und wieso steht hier eigentlich 3824 und nicht 8324 wie von mir durchgegeben?“
„Ja, das muss manuell geandert worden sein, wir dachten, Sie haetten sich vertippt.“
„Aber ich habe ihnen doch schon lange den richtigen Anfangszaehlerstand durchgegeben!“
„Hm, ja, jetzt wo sie es sagen, laut Computer haben sie am 19. Juli einen Zaehlerstand von 8307 durchgegeben.“
„Aha. Sie kriegen also einen Zaehlerstand von 8324 von mir und haben von TRANSCO einen Zaehlerstand von 3277. Und anstatt in den Akten nachzuschauen, nehmen sie einfach an, dass ich mich vertippt habe und aendern das mal eben manuell, was immer noch eine Anzahl von Einheiten ergibt, die man normalerweise nicht mal in einem Jahr verbraucht, geschweige denn in drei Monaten?“
„Aehm, was kann ich sagen …“

Ne, da faellt mir auch nichts mehr ein. Und das Schoene ist, dass ich mich angeblich nicht sorgen soll, sie glauben mir ja und die Rechnung wird storniert, aber das Ganze muss eben die noetigen Stellen durchlaufen und mit TRANSCO diskutiert werden, und es kann bis zu 28 Tage dauern, bis ich eine neue Rechnung bekomme. Nach einem Anruf bei British Gas ist mir jetzt auch klar, warum ich von denen seit drei Monaten keine Endrechnung bekomme – die haben einen Anfangsstand von 8302 von mir und einen Endstand von 3277 von TRANSCO. Und das passt natuerlich nicht zusammen. Aber anstatt dass die Firma dem mal auf den Grund geht und mich oder TRANSCO oder sonst jemanden anschreibt, wird der Zaehlerstand zwar in Frage gestellt, mir aber selbiges nicht mitgeteilt. Ich liebe den Dienst am Kunden hier.

Wenigstens mein Boss ist happy. Er war von Montag bis Mittwoch auf der EXPO Real in Muenchen und hat prompt seinen Blackberry irgendwo auf dem Ausstellungsgelaende verloren. Heute morgen rief eine Firma aus Hannover an, die das gute Stueck gefunden hat und per Post zustellen wird. „My faith in human nature is restored“, sagte er.

2. November 2006
Der folgende Beitrag ist weder von mir noch spiegelt er meine Meinung wieder (denn meistens koennte ich dieses Land auf den Mond schiessen), aber er ist trotzdem schoen geschrieben, und deswegen zitiere ich ihn hier. Und wenn ihr schoen brav seid, erzaehle ich euch am Wochenende das Neueste aus „Chez Beate and John“. http://www.londonleben.co.uk/london_leben/2006/10/this_country.html

8. November 2006
In der Woche vom 23. Oktober war es seltsam leer im Buero – die Haelfte aller Kollegen hatte Urlaub eingereicht (oder war krank), und dann fiel mir endlich ein, wieso: Es war half-term, also Herbstferienwoche. Da meine Arztpraxis jetzt mittlerweile davon ausgeht, dass die Grippeimpfungen erst Ende November eintrudeln (national shortage, mal wieder), bin ich am 27.10. zu Boots in der Liverpool Street gegangen, die eine flu jab fuer £15 anbieten. Das war auch relativ unkompliziert ohne Termin in der Mittagspause machbar. Und das Geld krieg ich von der Firma wieder.

Am selben Tag kam auch Susanne fuer das London Film Festival eingeflogen, wie jedes Jahr. Sie hatte jede Menge Filme eingeplant, wir haben aber, da ich mir Montag, 30. – Mittwoch 1. November frei genommen habe, auch ein bisschen Sightseeing hingekriegt, unter anderem Greenwich plus Themsefahrt, die Mumien im British Museum und einen aeusserst interessanten „London Walk“ mit dem Thema „Old London“. Der tour guide war eine quirlige Omma mit Apfelbaeckchen und mehr Energie als wir alle zusammen. Laut Broschuere war sie mal Schauspielerin und Dramalehrerin – von der Art, mit der sie ihre Geschichten ueber Christopher Wren und Samuel Pepys erzaehlt hat, kann ich mir das sehr gut vorstellen. Sie hat uns ein paar wunderschoene kleine Kirchen gezeigt, von denen ich bisher ueberhaupt nichts wusste. Vor St. Paul’s Cathedral hat sie uns dann verlassen, wo wir, da es schon fast 17 Uhr war, umsonst reinkamen.

Am Samstag haben wir uns „The Devil Wears Prada“ angeschaut, da ich manchmal einfach nur inhaltsfreie Unterhaltung will am Wochenende. – Schonkost sozusagen. War aber recht gut. Susanne hat sich meistenteils Problemfilme aus der „New English Cinema“ Reihe angeschaut und uns am Mittwoch, ihrem letzten Tag in „Small Engine Repair“ im Odeon West End geschleppt. Der Film handelte von einer Handvoll Loser in einem irischen Kaff (einer betrieb eine Autowerkstatt und einer wollte Country Musiker werden) und ueberraschenderweise war der Film richtig gut. John war von dem Moment an voellig gefesselt, in dem er einen Manta erspaehte, in dem die zwei Hauptfiguren waehrend des Films haeufiger in der Gegend herumfuhren. Da hat Susanne, ohne es zu wissen, zielsicher den wahrscheinlich einzigen Festivalfilm mit einem Manta drin ausgewaehlt! Nach dem Film gab es noch eine kurze Question&Answer session mit Regisseur und Hauptdarstellern und John hat tatsaechlich dem Regisseur fuer die Benutzung des Mantas im Film gedankt!

Nach dem Film flog Susanne direkt nach Hause, und da sie nur mit Handgepaeck unterwegs war, hat man ihr den lemon curd weggenommen, den sie als Souvenir gekauft hatte.

Am Freitag, den 3. hat John fuer £200 einen alten Manta gekauft, nur um ihn fuer Ersatzteile auszuschlachten. Dummerweise war der nicht mehr fahrtuechtig, so dass es ihn nochmal £80 gekostet hat, den von seinem alten Mechaniker in die Garage seines Bruders in Birmingham abschleppen zu lassen. Und jetzt ist er seit gestern dort, um die Schrottkarre auseinanderzuschrauben. Ein paar Sachen will er in seinen Manta einbauen lassen, den Rest will er verscherbeln. Theoretisch sollte das Geld dadurch wieder reinkommen, da Manta-Ersatzteile begehrt sind.

Am Sonntag war Guy Fawkes Night, auch Bonfire Night gedacht. Das ist wenn die Englaender einem Terroristen gedenken, der vor etlichen hundert Jahren versucht hat, das Parlament in die Luft zu sprengen. Da wird soviel Feuerwerk in die Luft geschossen wie sonst in einem Jahr nicht, und es beschraenkt sich auch laengst nicht mehr nur auf eine Nacht. Die ganze Woche wurde geboellert, was das Zeug haelt. Die Luft am Samstag war total schwefelhaltig.

Tower Hamlets Council, das jedes Jahr im Victoria Park in Hackney ein Feuerwerksspektakel abhaelt, hat dieses Jahr anscheinend vergessen, was der Anlass fuer Bonfire Night ist und hat dem Feuerwerk ein „Bengali Tiger Night“ Thema gegeben, was viele mal wieder dazu veranlasst hat, sich besorgt zu fragen, ob die englischen Traditionen in political correctness untergehen (30% aller Bewohner in Tower Hamlets sind Bengalis).

Gestern war ich beim Augenarzt, was mich den ganzen Vormittag gekostet hat. Die Augenoptikerin brauchte 40 Minuten, um zu dem Schluss zu kommen, dass meine Augen sich nicht verschlechter haetten (ich war auch schon voellig kollabiert von den -zig Entscheidungen, welche Linse ich besser finde, 1 oder 2, 3 oder 4…) Der Arzt meinte dann nach sporadischer Durchleuchtung meiner Augen, dass ja alles in Ordnung waere und keinen Folgetermin braeuchte – „nur wenn Sie meinen, dass was nicht stimmt, kommen Sie natuerlich sofort her“. Von Praeventativmedizin haelt man in diesem Land wirklich nicht viel! Werde jetzt mal schauen, wieviel eine einmaljaehrliche Behandlung bei meinem alten Augenarzt in Deutschland kosten wuerde, denn meine Augen sind mir schon wichtig!

Die Fenstersaga geht weiter – wir hatten jetzt schon drei verschiedene Menschen hier, die sich das Badezimmerfenster begutachtet haben, so wie die drei Fenster in Wohnzimmer/Kueche, die mittlerweile auch alle Feuchtigkeit im Innern der Doppelverglasung haben und daher ersetzt werden muessen. Ich bin ja mal gespannt, ob das tatsaechlich noch vor Weihnachten passiert. Wir warten ja auch erst seit Anfang Juni.

12. November 2006
Heute ist mal John dran. [rant on]
Der fuhr ja nach Brum wegen des Mantakaufs. Ich sag noch zu ihm „Nimm deine Rasiersachen und Zahnbuerste etc. mit. Und deine Puschen und den Morgenmantel. Und saubere Unterwaesche“. „Ja klar, mach ich“. Ich komm abends nach Hause und falle als erstes ueber seine Puschen im Badezimmer. Sein Kulturbeutel steht auch noch auf der Ablage. Und der Morgenmantel haengt ueber dem Haken. Dann war das mit der Unterwaesche wohl auch nichts.

Waehrend er dort war, vergass er ueber all dem Autoausschlachten auch glatt das Mittagessen. Dummerweise hatte er, als er es merkte, auch gemerkt, dass er sich aus dem Haus seines Bruders ausgeschlossen hatte (der bei der Arbeit war), und sein Geldbeutel lag oben im Gaestezimmer. Vielleicht war’s aber auch besser so, mit all den Massen an fettem Essen, das er dort aufgetischt bekam. Englische Esskultur eben.

Dann kam er ohne Mantabaseballkappe zurueck. Die er bei seinem Bruder liegengelassen hatte. Macht ja nichts, er hat ja noch seine Salzburg-Kappe. Die liess er dann in der darauffolgenden Woche ebenfalls bei seinem Bruder liegen. Der kann ja bald einen Shop aufmachen damit. Das bedeutete, er hatte nur noch eine andere Kappe (leuchtendrot, eigentlich nicht zu uebersehen), die er dann prompt im Cafe liegenliess, in dem wir am Freitag zusammen zu Mittag assen. Die waren aber nett und hoben sie auf, bis ich Zeit hatte, sie abzuholen. Der Mann wuerde noch seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen waere!

Letzte Woche habe ich mich dazu hinreissen lassen, bei der jewellery lady im Greenwich Market (bei der ich schon 3 Ringe gekauft habe), eine Kette fuer meine Mutter zu kaufen. Bei der Auswahl wurde uns auch eine Kette gezeigt, die mir sehr gut gefiel. „Oh look“, sag ich zu John. „That’s pretty, I like that. Not for my Mum, it’s not her taste, but I wouldn’t mind that for myself.“ „Ja, stimmt er zu, „wirklich huebsch, steht dir“. Wir kaufen also die Kette fuer meine Mutter und gehen nach Hause. Wo er prompt anfaengt zu jammern, dass er KEINE Ahnung hat, was er mir zu Weihnachten schenken soll. Das hat mich doch sofort an den „Things My Girlfriend and I Argued About“ Blog erinnert. Margret beklagt sich „Why didn’t you give me a wormery? I dropped enough hints!“ Mil: „You WHAT? When?“ All the time, mate, all the time. Lasst euch was gesagt sein, ihr Maenner da draussen: Nie wird so heftig mit dem Zaunpfahl gewinkt, ach was, euch mit dem Zaunpfahl ueber den Kopf gehauen wie vor Weihnachten (und Geburtstagen)!! Ihr muesst nur einfach mal ZUHOEREN!!!! Ist denn das so SCHWER?

Leider musste ich John dann nochmal mit der Nase draufstossen, der die Kette heute nachmittag gekauft hat. Wenn ich warten wuerde, bis er von selber auf sowas kommt …
[rant over]

Und zu allem Ueberfluss hat nahe meiner Arbeitsstelle ein schnieker neuer Schokoladenladen aufgemacht: „Hotel Chocolat“. Da bin ich am Freitag aus reiner Neugierde mal rein. Oh mein Gott. Pralinen und Schokoladen in allen Varianten. Und ich wollte doch weniger Schokolade essen, nicht mehr! Das Leben ist ungerecht. Dabei bin ich beileibe nicht uebergewichtig. Aber ein paar Kilo weniger waeren auch nicht schlecht. Aber an Willenskraft fehlt es mir ganz gewaltig. Gestern habe ich diesen Blog entdeckt (wurde in einer Zeitschrift erwaehnt): The Amazing Adventures of Dietgirl, http://www.dietgirl.org

Die Frau ist einfach unglaublich. Innerhalb von 5 Jahren ist sie von 160 kg auf 80kg geschrumpft, von Australien nach Schottland gezogen und hat einen netten Schotten geheiratet, bevor ihr working visa auslief. Ganz abgesehen von ihrem hervorragenden, witzigen Schreibstil hat sie es gerafft: keine merkwuerdigen Diaeten, sondern eine Kombination aus 1. Iss weniger, 2. Iss das Richtige und 3. Exercise. Und beim Sport hapert’s immer bei mir.

23. November 2006
Unter der Rubrik “Man wartet ewig und dann kommen drei Busse gleichzeitig”, waere dieses zu vermelden:

Per Email von der Bueroleitung letzten Donnerstag:

11:31am
Good morning All!
I am just writing to confirm that the December payroll will be run early again this year and your December salary will be in your bank accounts on Friday, 15th December.
Many thanks,
L

11:57am
Dear all,
I am very pleased to be writing to let you all know that you have all been given an additional half day holiday this year to assist you with your Christmas Shopping – courtesy of Mr M!
Please note, this half day is to be taken in December and I would ask you all to liaise with me to ensure we have adequate cover in the office.
Many thanks and kind regards,
L

12:09pm
Dear All!
As promised, I just wanted to write and confirm that this year’s Christmas party is starting at 12.00 Noon, on Friday, 15th December:
The venue is now confirmed as follows:-
(…)
I will forward the menu options to you all shortly (as soon as I have an electronic version) but you will be able to make your choices on the day as there is no need to pre-order. If you do have any questions or queries, please feel free to ask! I am at present exploring options for a suitable “after lunch” venue and shall let you know this nearer the time!
We are looking forward to seeing you there!
With kind regards,
L

Nett, nicht?

Letztes Wochenende haben wir in Northamptonshire mit zwei italienischen Freunden verbracht (ein Zwillingspaerchen), die ich schon seit Jahren kenne. Wir werden auch zusammen Silvester feiern, worauf ich mich schon freue. Sie wohnen in einem fuer England sehr typischen Miethaus: unten ein laengliches Wohnzimmer (fuer englische Verhaeltnisse riesig) mit wunderschoenem Kaminsims. Der Kamin selber ist stillgelegt, aber der mantelpiece ist einfach klasse. Daneben ist die Kueche und hinter der Kueche ist das angebaute Bad (mit Teppichboden). Das war bei Johns Wohnung auch so, daran kann man sehen, wie alt das Haus schon ist. Ueber eine steile Treppe (auch mit Teppichboden) gelangt man in den ersten Stock, in dem sich drei unterschiedlich grosse Schlafzimmer befinden. Dazu noch ein kleiner Garten, und das Ganze kostet die Haelfte unseres Flats in Docklands. Rushden ist ein niedlicher kleiner Ort, dessen high street fast nur aus charity shops besteht. Wir waren bestimmt in 5 oder 6 davon, und haben jetzt genug Weihnachtskarten fuer die naechsten drei Jahre, da interessanterweise charity shops eine bessere und kitschfreiere Auswahl an Karten haben. Da musste ich natuerlich zuschlagen.

Der Manta in Birmingham ist endlich auseinandergenommen und verschrottet worden, jetzt muss er nur naechsten Dienstag ein letztes Mal hin, um die gearbox in seinen eigenen Manta einbauen zu lassen und die Heizung zu reparieren, die nicht mehr tat, seit der Mechaniker vor 2 Wochen oder so irgendwo neue Draehte eingepflanzt hat. Es war eine kalte Fahrt nach und von Northamptonshire!

Und dann das. Gestern abend, kurz vor dem Zubettgehen, John hat sich schon fertiggemacht. Ich gucke fluechtig aus dem Wohnzimmerfenster zum Rowing Club hinueber. Dort ist oefters abends ein Abschleppwagen geparkt, der die letzte Fuhre des Tages dort abstellt, um dann frueh am naechsten Morgen zum scrapyard zu fahren. Aus dem Augenwinkel sehe ich ein weisses Auto auf dem Abschleppwagen. Nun bin ich ja punkto Automarken die reinste Niete. Ich kann gerade noch einen Beetle von einem Mini unterscheiden, bei den groesseren Marken hoert es dann schon auf, wenn die nicht direkt neben mir stehen. Aber jahrelang mit einem Mantaenthusiasten zusammenzusein, faerbt wohl doch ab. Ich sage „John, guck mal, ist das ein Manta?“ und erwarte ein veraechtlich schnaubendes „Das ist ein Ford Mondeo, du Dussel“. Er aber sagt „Das ist allerdings ein Manta!“ Und wird leichenblass. Sein Manta ist auch weiss. „Ich hoffe, das ist nicht meiner“ fluestert er. Gegen jede Vernunft rase ich also aus der Wohnung, um vom Treppenhausfenster einen Blick auf den Hof zu werfen – wo Smellie Nellie friedlich schlaeft. Das waere also geklaert – es gibt in Docklands tatsaechlich zwei weisse Mantas. John kriegt aber nun ein metallisches Glitzern in den Augen. „Die Beifahrertuer sieht gut aus, ob er die mir wohl verkauft, bevor das Auto plattgemacht wird?“ „Frag ihn einfach“ sage ich. „Morgen frueh fange ich ihn ab“ beschliesst er. Sage ich „Spinnst du, der faehrt immer ganz frueh, was, wenn du ihn verpasst?“ „Soll ich etwa die ganze Nacht wachbleiben?“ „Nein, aber du koenntest ihm einen Zettel an die Windschutzscheibe haengen mit deiner Telefonnummer!“ Das hat er dann nach etwas Murren („Es regnet aber“) auch gemacht, und kam mit verklaertem Gesichtsausdruck zurueck. „Die Beifahrertuer ist eingedellt, aber die Scheinwerfer sind klasse und da ist ein original spoiler dran, die sind so selten wie rocking horse shit! Manta Mick kriegt die Krise, wenn ich ihm das erzaehle!“ (Er hat 2 Kumpels mit dem Namen Mick, einer ist Manta Mick und der andere ist Mad Mick. Nur so als nutzlose Info nebenbei). Am naechsten Morgen gegen 7 Uhr piept sein Handy – er hat tatsaechlich eine Nachricht bekommen. 10 Minuten spaeter ruft der Typ auch noch an, sie machen aus, sich in einer halben Stunde zu treffen, und John entspannt sich endlich. Angeblich ist er erst nach 2 Uhr nachts eingeschlafen, weil er so aufgeregt war. Mittlerweile hat er alles ausgebaut, was er wollte und dafuer nur einen Spottpreis bezahlt. Christmas came early, kann man da nur sagen!

Heute wurden auch, nach nur 6 Monaten Wartezeit, schon die neuen Fenster in Kueche und Bad, sowie zwei im Wohnzimmer eingebaut – und eine neue Waschmaschine gab es auch noch! Des weiteren kam eine Lieferung mit bestellten Weihnachtsgeschenken an und die Bueroleitung will uebernachste Woche allen Sekretaerinnen ein “un-official Xmas Support Team gathering” ausrichten. Und mein Horoskop berichtet, dass mein “joie de vivre is returning” und schlaegt vor, dass ich anfange, Franzoesisch zu lernen. Oder Yoga. Ich beschraenke mich erstmal darauf, die Waschmaschine zu zaehmen – ist second-hand, und die Bedienungsanleitung ist natuerlich nicht dabei. Habe eine halbe Stunde gebraucht, um den Ausknopf zu finden.

8. Dezember 2006
Dieser Dezember ist voll gepackt mit Excitement, Christmas Lights switch-on in Greenwich, Kino- und Theaterbesuche, “support staff gatherings” und die offizielle Weihnachtsfeier in einer Woche, vor der es mir echt graust, weil die Maedels alle total ausflippen und mich schon dreimal gefragt haben, was ich denn nun anziehe. Gestern abend ging es zu einer Weihnachtsfeier von Johns Deutschkurs, wir haben auch brav deutsche Lebkuchen und Christstollen mitgebracht, die es hier, man sollte es nicht glauben, bei Aldi und Lidl gibt. Andere brachten Vollkornbrot und Lyonerwurst mit (Sainsburys!), und so war es eine gute Mischung, vervollstaendigt durch Rittersport und Loewenbraeu. Heute habe ich meinen halben Tag “Christmas Shopping Leave”, und wir fahren nach Birmingham, zu Familienbesuchen, Friseurterminen, Weihnachtsmarktbesuchen und allgemeinem Christmas shopping. Obwohl ich die meisten Geschenke schon habe. Die Karten werden auch gerade verschickt, der Baum ist gekauft, wenn auch noch nicht geschmueckt, und die Christmas crackers werden dieses Jahr zu Silvester aufgemacht, da ich mich diesmal nicht traue, diese im Gepaeck nach Deutschland zu schmuggeln, wo wir ueber Weihnachten sein werden. Wir fliegen am Samstag, 23. Dezember nachmittags und kommen am Abend des 28. Dezembers zurueck. Und hoffentlich liegt kein Schnee.

Ganz London ist festlich geschmueckt, man sieht ueberall Lichter und Weihnachtsbaeume, und ein Gebaeude in der Naehe meiner Arbeitsstelle hat eine gesamte Schneelandschaft komplett mit Eisbaeren und schneebedeckten Baeumen aufgestellt. Unser Weihnachtsbaum im Buero ist eher klaeglich, und die Accessoires, die manche glauben, aufstellen zu muessen, relativ unsaeglich – ich sage nur tanzende Weihnachtsmaenner und musizierende Miniweihnachtsbaeume. Und alles blinkt natuerlich. Einen “Secret Santa”, sprich Wichteln gibt es dieses Jahr auch wieder. Hilfe, ich will hier raus!

Gestern fegte ein Tornado durch eine Strasse in Nordlondon, das hat mich an den Twister in Birmingham erinnert, der jetzt auch schon ueber ein Jahr her sein muss, da John da noch in Birmingham wohnte und sein geliebter Manta nur um Haaresbreite von einem umstuerzenden Baum verfehlt wurde. Es ist unglaublich regnerisch und windig momentan, ueberhaupt kein schoenes Wetter. Aber dafuer war es bisher unnatuerlich warm fuer die Jahreszeit.

11. Dezember 2006
Ein anstrengendes, aber erfolgreiches Wochenende! Freitag nachmittag ging es mit dem Manta los, erst zu seinem Bruder, um ein paar Geschenke und Karten loszuwerden, dann zu seinem Cousin Brian + Frau Geraldine, Gel genannt. Bei denen haben wir uebernachtet, und da wir beide total erschoepft waren, ging es frueh zu Bett.

Am naechsten Morgen ging es zuerst zum Friseur, dann in die Stadt zum deutschen Weihnachtsmarkt, wo wir Unmengen Geld fuer Essen, Lebkuchen etc. ausgegeben haben. Es ist mittlerweile wirklich kalt hier, und da Brum noerdlicher ist als London, waren es hier nochmal ein paar Grad weniger. Gott sei Dank hatte ich an Schal, Muetze und Handschuhe gedacht. Dann ging es noch ein paar Geschenke kaufen in Bhs und Debenhams (die beide 20% discount Tage hatten, was sehr praktisch war, da konnte ich aufs Billige noch die Kollegen versorgen), und in Waterstones, ein riesiges Gebaeude mit imposanter Kuppel, stand ein rotgewandeter Chor auf der Treppe und sang englische Weihnachtslieder. Richtig schoen, ich wollte gar nicht mehr gehen. Dann ging es zurueck zu Brian und Gel, um ihnen zwei Gluehweinbecher vom Markt zu ueberreichen, dann zu seiner Mutter ins Altenheim, die die Karte zweimal las, geruehrt war, dann samt Geschenk in ihre Tasche steckte, eine Minute spaeter wieder herauszog und erstaunt sagte “Wo kommt das denn her, von wem ist das, ist Muttertag?” Dann ging es zu seiner Schwester, die nicht da war, so konnten wir in ihrem Zimmer uebernachten. Wir wollten eigentlich noch ins Kino gehen, waren aber schon wieder viel zu kaputt. Bevor wir uns zu einem Fernsehabend zurueckzogen, ging es noch ins naechste Pub – ich liebe Pub Grub, und dieses Pub war keine Ausnahme. Das Essen war super, und die Kellnerin unglaublich freundlich und schnell.

Sonntag morgen ging es dann zu den Sunday markets, wo wir noch ein paar Schnaeppchen gemacht haben (ich besitze jetzt zwei Eisbaeren und einen Eisbaerenkalender, yippie), und dann bekam John einen Anruf vom Bruder, dass Aunty Gladys soeben die Christmas puddings fertiggestellt habe, und er koenne seinen abholen. Das nenne ich Timing! Also ging es auf zu Aunty Gladys, die so taub ist, dass sie statt zu reden schreit. Sie hoerte auch prompt die Tuerklingel nicht, worauf wir ums Haus rumgingen, wo die Kuechentuer offen war. Das nenn ich Vertrauen in deine Mitmenschen. “OH HELLO JOHN” bruellte Aunty Gladys, “LOVELY TO SEE YOU, DEAR!” Ich zog unwillkuerlich meine Muetze etwas weiter ueber meine Ohren, waehrend die zwei verhandelten, dass er einen grossen Pudding kriegt, da er selbst abholt, und dass er doch Dereks Pudding auch gleich mitnehmen soll. Also fuhren wir nochmal zu Derek, dem Bruder zurueck. Dann rief Neil, der Neffe an, der fuer John eine Software kopieren sollte. Die sei jetzt abholbereit. Da Neil erst kuerzlich umgezogen ist, dachte John, es sei schlau, zu Sandra, der Schwester zurueckzufahren, die wohne nicht weit weg und koennte ihm sagen, wo er hin muesse. Die war natuerlich jetzt nicht da, worauf John Neil anrief, der ihn leitete. Von den ganzen Verwandtenbesuchen und “I’ll put the kettle on, would you like a cuppa?” erschoepft, schlief ich prompt auf der Rueckfahrt ein, waehrend es draussen regnete und stuermte.

Mir sind an diesem Wochenende aber wieder ein paar sehr typische Sachen aufgefallen in englischen Haushalten:

Englaender haben keine Buecherregale. Einzig Johns Schwester scheint ueberhaupt Buecher zu besitzen. Wenn, dann hat man Vitrinen, in denen man sein Royal Doulton oder Wedgewood Geschirr zur Schau stellt.

Dafuer ist der Fernseher 24 Stunden am Tag an und laeuft als Geraeuchkulisse im Hintergrund, ob man nun hinguckt oder nicht. Und wenn Besuch kommt, wird der TV auch mitnichten ausgemacht. Als einziges Zugestaendnis schaltet man den Ton weg. Persoenlich finde ich sowas reichlich unhoeflich, aber die kennen das hier einfach nicht anders.

Dabei muessen Englaender staendig Besuch haben, wenn man nach der Anzahl Sofas in den Wohnzimmern schliesst. Nun sind englische Wohnzimmer verglichen mit deutschen sowieso zwergengleich, aber da werden unbekuemmert ein Dreisitzer, ein Zweisitzer UND ein Sessel reingepfercht, so dass fuer viel mehr als einen Fernseher sowieso kein Platz bleibt. Johns Schwester hat mit ihrem Mammutsofa den Zugang zum Garten versperrt, aber wer braucht schon einen Garten?

Englaender lieben gestreifte Tapeten in dunklen Farben und Netzvorhaenge. Und sie sind staendig am Dekorieren. In ausnahmslos allen Wohnungen wurden gerade entweder Waende gestrichen, Vorhaenge gefaerbt, neue Kuechen oder Treppen eingebaut oder ein “ensuite bathroom” errichtet. Zwei Haushalte hatten gerade neue Sofas gekauft, waehrend die anderen zwei kurz davor standen, die alten hinauszuwerfen (die zugegebenermassen scheusslich waren, aber die neuen waren auch nicht besser). Neil in seiner neuen Wohnung hat tatsaechlich mal die moderne Schiene versucht mit beigen Waenden und hellem Sofa, aber dann ruinierte er den guten Eindruck wieder, als er sagte “Und in diesem Zimmer werden wir eine Wand purpur streichen und einen schwarzen Drachen draufmalen.” Und sein Wohnzimmer war ausser mit Riesensofa noch mit einem langen Tisch und 6 Stuehlen vollgestellt, obwohl sie da zu zweit wohnen und in der Kueche schon ein runder Tisch mit vier Stuehlen steht. Erklaer mir mal einer die Englaender.

12. Dezember 2006

Habe gestern die erste Weihnachtskarte einer Buerokollegin erhalten. Am Wochenendegab’s schon ein paar Karten von Johns Verwandten, aber die sehen wir ja nun nicht mehr bis ins neue Jahr. Dann fiel mir ein, dass ich meine Karten auch schon vor dem Wochenende weggeschickt habe, irgendwie faengt Weihnachten in England frueher an als anderswo. Als ich noch klein war, wurde der Baum auch nie vor dem 23. Dezember aufgestellt und geschmueckt, hier faengt man damit Anfang Dezember an. Aber die Kollegen muessen bis naechste Woche warten, das ist noch frueh genug fuer die Bande.

Gestern sass ich in der DLR auf dem Weg nachhause und las muede mein LondonLite, habe also die Gruppe kichernder Maedels nicht weiter beachtet, die im Gang rumstanden. Bis eine mich ansprach. “Beate, hi, how are you doing?” Es war meine ehemalige Nachbarin Charlotte,die gerade mit einer Horde Freundinnen auf dem Weg zum Kino war. “Ach”, sag ich “The Holiday” wollte ich auch noch angucken.“ Da meinte sie “Komm doch einfach mit, wir haben noch eine Karte uebrig”. Nach etwas Zoegern habe ich zugestimmt und John angerufen “Aeh, ich geh ins Kino mit Charlotte, sie hat mich gerade gefragt.” Kam es total beleidigt zurueck “Oh I see, and I am not invited then?” Hab ich gesagt, wenn es ihm nichts ausmacht, mit ca. 9 Frauen in eine romantic comedy zu gehen, ist er herzlich eingeladen. Er hat sich also in den Sattel geschwungen und es stellte sich heraus, dass zwei, nicht nur eine Karte uebrig war, dieses Problem war also geloest. Ihm hat der Film sogar gefallen. Ich fand ihn etwas suesslich, obwohl Kate Winslet immer gut ist.

Meine Hasskollegin heiratet am 12. Januar (keine Ahnung, warum gerade dann, und es wurde auch erst vor 4 Wochen oder so beschlossen), und nachdem ich mir jetzt schon die ganze Zeit ihre Geschichten rund um die Hochzeit anhoeren muss, vor allem wie die boese deutsche Schwaegerin versucht, ihre Hochzeit umzuorganisieren, bin ich doch tatsaechlich zum Abendempfang eingeladen worden. Na ja, in Putney war ich noch nie, und John darf auch mitkommen, obwohl ich nicht weiss, ob das so gut ist, er hat naemlich mal geschworen, ihr eine zu semmeln, als ich ihm von ihr erzaehlt habe, und das kaeme an ihrem Hochzeitstag wohl nicht so gut. Und Constanze hat gedroht, mich zum Kleiderkauf in M&S zwangszuverpflichten – HILFE!

13. Dezember 2006
Nur noch zwei Tage bis zur Weihnachtsfeier und alle drehen sie durch. “Was ziehst du an, was machst du mit deinem Haar, ich lass mir noch die Augenbrauen zupfen und faerben, guck mal meine Schuhe, schwarz mit Spitzen….” etc. Constanze-“wann gehen wir einkaufen?”-Verraeterin will mich immer noch in ein Kleid stecken, und ich fange demnaechst an, die Herren zu fragen, welche Krawatte sie tragen werden! Himmel nochmal! Reicht doch schon, dass es zwar um 11.30 in Taxis losgeht, aber vor 14 Uhr kein Essen gibt und ab 18 Uhr eine Bar am Leicester Square gebucht wurde, damit man sich so richtig besaufen kann, falls man das vorher nicht schon geschafft hat. Dann gingen auch heute die Menus rum, damit man sich schon was aussuchen kann. Als Hauptgericht stehen zur Auswahl entweder ein Riesen beef steak, ein ganzer Lobster oder “turkey with all the trimmings”. Und zum Nachtisch Bread and butter pudding oder Christmas pudding. Huch. Gott sei Dank wurde im Email noch ein vegetarisches Menu erwaehnt, nach dem ich mich dann zaghaft erkundigt habe, und das etwas weniger heftige Optionen enthaelt: Tomato and mozzarella salad, homemade flans with mushroom, asparagus and spinach, und zum Nachtisch crème caramel, ice cream oder strawberries with cream. Puh. Gerettet.

21. Dezember 2006
Gott sei Dank, die Weihnachtsfeier ist ueberstanden. Empfehlen kann ich dieses schnieke West End Restaurant leider nicht – die waren desorganisiert, unprofessionell und unfreundlich, wir sassen total zusammengedraengt an einem langen Tisch, und zu allem Ueberfluss war das Essen auch noch nicht mal so toll. Ich hatte Crème Caramel bestellt, aber kurz vor den desserts wurde mir ploetzlich mitgeteilt, dieses sei ihnen ausgegangen. Wie kann einem Restaurant etwas ausgehen, was 2 Stunden vorher bestellt wurde! Hab ich halt Erdbeeren mit Sahne bestellt. Die ploetzlich alle anderen auch wollten, weil deren Nachtisch nicht so toll war. Das hat die Kellner total aus dem Konzept gebracht. “Aber sie haben doch schon was!” Daniel hat als einziger den Hummer bestellt, und da er keine Ahnung hatte, wie man den isst, kamen von allen Seiten die Tips, mit welchen Instrumenten er das Fleisch wie rauspulen soll. Und der Boss dachte, es sei total komisch, als arabischer Scheich verkleidet rumzusitzen. Bloss weil er kurz vorher geschaeftlich in Dubai war und da billig ein Kostuem erstanden hat.

Die Leutchen im Buero haben jetzt ihre Geschenke gekriegt sowie den obligatorischen Lebkuchenmann vom Weihnachtsmarkt in Brum. Ein Paket voller Geschenke kam am Montag an von einem Kunden in Deutschland, und fuer Constanze und mich lagen deutsche Weihnachtsplaetzchen dabei! Mir war gar nicht klar, wie gluecklich mich sowas machen kann. Constanze stiess auch einen Jubelschrei aus, als sie ihre sah. Von einer Kollegin gab es einen kleinen Eisbaeren, und von der Firma Champagner und eine Halskette. Ueber mein Secret Santa-Geschenk huellen wir besser den Mantel des Schweigens.

Am Samstag gab es vor dem Rowing Club eine Schlaegerei, als aus dem benachbarten Community Centre etwa 20 Jugendlich rausstroemten und mit einer Party aus dem Club zusammenprallten. Zwei von denen hielten sich nachher den Kopf, und es war eigentlich ganz unterhaltsam zu sehen, wie die Polizei, die ich gerufen hatte, versuchte, Ordnung zu schaffen und die zwei Rowdies zu beruhigen. “Mann, jedes Mal, wenn ich auf das Pflaster druecke, kommt mehr Blut” klagte der eine und hielt sich den Kopf. “Okay, wir fahren dich zu Whitechapel Hospital”. Fragt der zweite “Koennt ihr mich mitnehmen?” Die zwei ganz entruestet “Nein, wir sind kein Taxi Service!” “Aber es liegt doch auf dem Weg!” In diesem Moment springt der erste wieder aus dem Polizeiwagen raus und die Polizistin wirft die Haende gen Himmel “Herrje, ihr zwei Trunkenbolde, einigt euch mal, wo ihr hinwollt, wir fahren jetzt, wenn’s schlimmer wird, ruft ne Ambulanz”. Kurz nach 2 Uhr war dann endlich Ruhe.

Nur noch ein Arbeitstag bis zum Weihnachtsurlaub. Am Samstag geht der Flieger. Hoffentlich ueberstehe ich diese Woche, John fing sich Freitag eine Erkaeltung ein und hat die mittlerweile an mich weitergegeben. Typisch, knapp vor Weihnachten. Er schnieft und kraechzt rum und ich war Dienstag und Mittwoch auch bettlaegerig. Zu allem Ueberfluss liegt dicker Nebel ueber London, und die Haelfte aller Fluege aus Heathrow ist gestrichen. Wir fliegen zwar von Stansted aus, aber ich mach mir doch jetzt Sorgen. Constanze sitzt gerade am Flughafen dort und wartet auf ihre verspaetete Maschine. Und ich hab gerade mal wieder die Laermpolizei gerufen wegen des Rowing Clubs.

22. Dezember 2006
Na super, guckt man auf www.baa.com, steht da „Stansted is experiencing delays of up to 30 minutes, but there are no cancellations.“ Wenn man dann auf den Departure Link klickt, kommen jede Menge Cancellations, darunter beide Friedrichshafen Fluege (hin und zurueck) heute abend. Das stimmt mich toll ein auf morgen, wenn ich mein Glueck nach Friedrichshafen versuche. Anders kommen wir sowieso vor Weihnachten nicht mehr rueber, der Eurostar ist ja wohl auch schon so gut wie ausgebucht, und eine kleine Weltreise waere das auch. Scheissnebel. Und das GENAU zu Weihnachten. Na ja, vielleicht komme ich ja tatsaechlich dieses Jahr in den Genuss des weihnachtlichen englischen Fernsehprogramms.

Autor: Beate
Beateher@yahoo.com

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Bewaffneter Friede
1, 22 September, 2008, 12:30
Gespeichert unter: Lyrik

Ganz unverhofft, an einem Hügel,
Sind sich begegnet Fuchs und Igel.
»Halt«, rief der Fuchs, »du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündigt,
Und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
Der immer noch gerüstet geht? –
Im Namen Seiner Majestät,
Geh her und übergib dein Fell!«
Der Igel sprach: »Nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen,
Dann wollen wir uns weitersprechen.«
Und alsogleich macht er sich rund,
Schließt seinen dichten Stachelbund
Und trotzt getrost der ganzen Welt,
Bewaffnet, doch als Friedensheld.

Foto: © Sybille Daden / pixelio

Autor: Wilhelm Busch
(15. 4. 1832 Wiedensahl, Hannover, † 9. 1. 1908 Mechtshausen bei Seesen)

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Mind the Gap 4b
1, 22 September, 2008, 12:12
Gespeichert unter: Menschen

Seit 2003 lebe ich in London. In einer Art Internet-Tagebuch habe ich Freunden und Bekannten in Deutschland in unregelmäßigen Abständen meine Erfahrungen und Erlebnisse geschildert. Dieser Beitrag ist ein Auszug daraus – und die Fortsetzung von „Mind the Gap 3″. Aus technischen Gründen und wegen der Lesbarkeit ist „Mind the Gap 4“ unterteilt in 4a bis 4c.

Foto: © promifotos.de (Alexander Hauk) / pixelio

20. Januar 2006
Nie wieder buche ich einen Flug fuer den Boxing Day. Wir hatten in weiser Voraussicht das Taxi eine Woche vorher bestellt und am Tag vorher nochmal bestaetigt, standen dann aber um 5.30 morgens trotzdem fuer 15 Minuten wie bestellt und nicht abgeholt auf der Strasse rum – der Fahrer konnte uns partout nicht finden. Ist ja auch sauschwer fuer einen oertlichen Fahrer … Dann setzte er uns auch nur irgendwo vor der Liverpool Street Station ab und wir hatten keine Ahnung, wo denn nun der Bus abfuhr. Anderen ging es aber aehnlich, und endlich erschien mal aus den Eingeweiden einer gespenstisch stillen Zugstation ein Uniformierter, der uns den Weg wies. Der Bus war dann genauso schnell wie normalerweise der Zug, um diese Tageszeit auch zu erwarten. Der Rest der Reise verlief problemlos, nachdem ich am Tag davor noch eine mittelschwere Panik ueberwinden musste, als Johns Pass („Wieso, den hast doch DU“) sich erst nach einer halben Stunde intensiven Suchens finden liess. Obwohl wir ueber 2 Stunden vor Abflug am Flughafen eincheckten, waren wir doch schon Nr. 39 und 40. Und wie jedermann weiss, muss man versuchen, in die 1 – 65 Kategorie zu kommen (oder ein Kleinkind dabei haben), um sich noch einen guten Platz im Flieger aussuchen zu koennen.

Mir schwante schon Uebles, als ich vom Flugzeug aus auf die weisse Landschaft um Friedrichshafen herum blickte, aber die Kaelte traf mich dann doch wie ein Hammerschlag. Wie gut, dass ich meine waermsten Klamotten dabei hatte, die Wohnung meiner Mutter war dann auch nicht so warm. Sie isch halt a Schwob und spart gern. Ihr Kachelofen hat dann vieles wieder gut gemacht. Im Rueckblick verschwimmen die Tage zu einer Einkaufs- und Essorgie. Wir hatten wirkliche Befuerchtungen, dass wir unsere Ryanair Koffergewichtserlaubnis (30 kg insgesamt) schwer ueberschreiten wuerden mit all den Klamotten, Buechern, Suppen, Pastasossen und Gewuerzen, die ich UNBEDINGT einkaufen musste, aber am Schluss waren es doch nur 29,30 kg. Gott sei Dank fuer 10kg Handgepaeckerlaubnis pro Person. Den Film “Merry Christmas” kann ich empfehlen – da er dreisprachig war, hat John auch das meiste mitgekriegt. Silvester war dann unbeschreiblich langweilig, und am naechsten Morgen ging’s wieder nach Hause. Familie ist ja nett, aber am nettesten mit dem Aermelkanal dazwischen.

Vor kurzem wurde in der City Road, nahe Old Street tube station, das Bavarian Beerhouse wieder eroeffnet, und so sind John und ich am Freitag abend mal vorbeigegangen, in der Hoffnung auf gutes Essen (ich) und gutes Bier (er). Seine Hoffnung wurde erfuellt, meine leider nicht. Die Wuerstchen waren viel zu klein und der Kartoffelsalat durchtraenkt mit Mayonnaise. Zudem war es unglaublich laut, was auch jede Unterhaltung im Keim erstickt hat. Und da das Essen auch total ueberteuert ist, kann ich das Beerhouse fuer Besucher nicht empfehlen und werde da selber auch nicht mehr hingehen. Wenn man bedenkt, wie nett und gemuetlich die englischen Pubs sind und wie gut der pub grub, faellt die Wahl auch nicht schwer.

Meine Urlaubsplanung laeuft auf vollen Touren. Da Ostern mal wieder auf meinen Geburtstag faellt, nehme ich da frei, sowie rund um den Bank Holiday Ende August. Dann hat mich eine Freundin zu ihrer Hochzeit im Juni eingeladen, und da die im oesterreichischen Zell am See stattfindet, machen wir da einen einwoechigen Urlaub draus, mit Besuch in Salzburg. Die Fluege habe ich gerade eben gebucht fuer die Haelfte des Geldes, das es noch vor ein paar Wochen gekostet haette. Manchmal lohnt es sich doch, zu warten! Jetzt darf ich allerdings nicht mehr checken, fuer den Fall, dass die Fluege in einer Woche fuer £0.01 angeboten werden …

Wenn wir allerdings heute abend die Euromillions gewinnen, ist das alles egal. Der Jackpot steht momentan bei ueber £85 Millionen, aber ich bin ja gar nicht so – £5 Millionen wuerden mir durchaus reichen. Man ist ja bescheiden.

Und ich gucke gerade alle 5 Minuten zum Kuechenfenster hinaus, ob ich den Wal in der Themse sehe, der sich heute morgen bis rauf nach Westminster in die Innenstadt verirrt hat, was viele zu Bemerkungen veranlasst hat wie “Der muss maennlich sein, der hat nicht nach dem Weg gefragt” und “Hoffentlich hat er auch die Congestion Charge bezahlt”. Ein kleiner Flaschennasenwal, der sich gerade wieder zur Thames Barrier zurueckkaempft. Hoffentlich geht das mal gut.

21. Januar 2006
Spiegel.de schreibt: „Den Londoner Wal-Helfern ist ein überraschender Erfolg gelungen: Mit Hilfe eines aufblasbaren Pontons haben sie den Wal, der sich in die Themse verirrt hatte, aus dem flachen Wasser des Flusses befreit. Anschließend hat ein Kran den tonnenschweren Meeressäuger auf einen Lastkahn gehoben. Das Schiff ist derzeit auf Kurs in Richtung Nordsee und wird voraussichtlich gegen 20 Uhr die rund 60 Kilometer von London entfernte Themse-Mündung erreichen.“

Der besagte Lastkahn fuhr vor 5 Minuten an unserem Haus vorbei, wir haben vom Balkon aus zugeguckt. Ohne John haette ich das Spektakel verpasst. Der hoerte was Laermiges den Fluss herunterkommen, dann sahen wir all die Menschen, die das Flussufer in beiden Richtungen saeumten und sind nach der Kamera gerannt. Von Constanze kam vor 4 Stunden eine SMS, dass sie auf der Battersea Bruecke steht und die Rettungsaktion beobachtet. Da waren wir in Lewisham, um das Einkaufszentrum zu testen, in dem wir noch nie waren, obwohl ich jetzt hier schon 2 1/2 Jahre lebe. Wir kamen uns vor wie in Birmingham: Klasse Schnaeppchen ueberall und ein Strassenmarkt mit frischem Obst und Gemuese davor. Und das Ganze ist nur 10 Minuten weit weg! Nur den „sausage man“, einen Deutschen, der im Zentrum angeblich Wurst verkauft, haben wir nicht gefunden – wir werden die Suche naechstes Wochenende intensivieren.

Nachdem wir die Euromillions doch nicht gewonnen haben, ist es immer gut, zu wissen, wo die Schnaeppchen sind. Der Jackpot ist mittlerweile auf £100 Millionen angewachsen …

Spaeter
Der Wal ist tot.

14. Februar 2006
Johns Hauskaeufer ist im Januar wieder abgesprungen, er wollte das Haus jetzt noch billiger haben, da “der Markt doch tot sei”. Grummel. Fangen wir eben wieder von vorne an.

Im Januar kam ja endlich die lang ersehnte Botschaft ueber die Hoehe der jaehrlichen Gehaltserhoehung + Bonus. Ich muss sagen, dass ich es hoechst entspannend finde, beides automatisch zu bekommen – ein deutliches Plus fuer die Englaender, auch wenn unsere Firma immer erst Ende Januar zahlt – viele bekommen ihren Bonus mit dem Dezembergehalt, die Bonusse im Bankenbereich kommen aber anscheinend erst jetzt. Dafuer sind sie auch viel hoeher.

Daraufhin habe ich im Ausverkauf am Wochenende zugeschlagen und ein paar weitere Buerohosen bei Marks & Spencer erstanden, die wie hier ueblich, statt mit einem Reissverschluss und einem nach aussen schliessenden Knopf, mit einem Reissverschluss, einem nach INNEN schliessenden Knopf UND einem Hakenverschluss ausgestattet sind. Dafuer sind wir ins Lewishamer Einkaufszentrum gefahren, das die ueblichen Hight Street Shops aufweist: M&S, Next, Boots, Bodyshop, Mothercare, British Homestores, Clinton Cards etc. Und einen Poundstretcher, fuer den kleinen Geldbeutel. Und den “sausage man” haben wir diesmal auch gefunden! Ein deutscher Wurstverkaeufer, der viel billiger ist als der German Deli auf dem Borough Market, und der Mann kommt aus Ravensburg – das ist bei mir zuhaus um die Ecke!

Man sollte es nicht glauben, was Restaurants hier am Valentinstag fuer ein Menue verlangen! Diesen Quatsch machen wir nicht mit, und ich habe John beauftragt, was Schoenes zu kochen. Gestern habe ich ihn zum West India Quay Kino geschickt, da ich zwei Gutscheine gesammelt hatte fuer kostenlose Tickets zu einer Vorpremiere von “Casanova”. Als er nach einer Stunde endlich schwer atmend wieder eintraf (ich wollte schon Suchtrupps losschicken, da er auch sein Handy zuhause vergessen hatte) – war er ohne Tickets, die waren schon alle, aber dafuer mit 12 roten Rosen bewaffnet. Von denen 4 keinen Kopf mehr hatten. Also ist er heute reklamieren gegangen und bekam das Geld zurueck und noch 6 Rosen umsonst. So sollte das immer laufen.

Seit ich hier lebe, denke ich viel mehr ueber Geld und meine Finanzen nach als frueher, weil hier alles so unglaublich teuer ist. Schnaeppchen, Umsonst-Angebote – ich bin dabei. Jetzt habe ich auch noch zwei neue Sparkonten angelegt, eins fuer 10% (aber nur fuer 10 Monate, Maximumbetrag £150 pro Monat) und einen Online Saver von HSBC fuer 4.75%, Laufzeit und Einlage bis zu 2 Millionen unbegrenzt, allerdings kriegt man keine Zinsen in einem Monat, in dem man Geld von diesem Konto abhebt. Hier gibt es auch noch die schoenen Einrichtung der sogenannten Cash Mini ISAs – Sparkonten, auf die man bis zu £3000 pro Steuerjahr einzahlen kann und die Zinsen, die zwischen 4 und 5 % liegen, steuerfrei bekommt.

Habe gerade gelesen, dass die ID Cards, obwohl Blair in Afrika festsass, doch durchgekommen sind bei der House of Commons vote, so dass ab 2008 jeder britische Staatsbuerger und auch Auslaender, die laenger als 3 Monate hier leben, einen haben sollen. Pflicht ist er vorerst nur fuer die, die 2008 gleichzeitig einen Pass beantragen, also komme ich, da deutscher Pass, wohl noch ein paar Jahre drum herum. Ich sehe eigentlich auch nicht ein, warum ich einen Pass und zwei Personalausweise mit mir herumschleifen soll. Wenigstens wurde gestern im House of Commons beschlossen, ab Sommer 2007 ein generelles Rauchverbot in oeffentlichen Plaetzen (pubs, private clubs, Kinos, Theater, Restaurants etc.) einzufuehren. Wird auch Zeit. Irland hat seit 2004 Rauchverbot, in Schottland kommt es im Maerz.

Und jetzt hat Ryanair auch noch eine Gepaecksteuer eingefuehrt. Sodom und Gomera, wie Else Kling sagen wuerde.

23. Februar 2006
ES SCHNEIT! Alle sind aus dem Haeuschen, und wenn der weisse Plunder liegen bleibt, gibt’s Chaos auf Strassen und Schienen wegen 1 mm Schnee. Krankkeiten gehen ja eh schon um, der „winter vomiting bug“ macht die Runde und jeder fuerchtet sich vor der Vogelgrippe. Ich bin noch ueberraschend gesund, aber die Bueromannschaft ist dezimiert zur Zeit. Englaender halten echt nichts aus.

11. April 2006
Was lange waehrt, wird endlich gut! Johns Wohnung wurde am 17. Maerz verkauft. TUSCH!!! Ich konnte es erst gar nicht glauben. Nach all der Zeit! Hier ist es ja so, dass man einen Vertrag unterschreibt, dann gibt’s kein Zurueck mehr, aber die Wohnung wechselt erst mit dem “completion date” den Besitzer, und das ist normalerweise ein paar Wochen spaeter. Bei John war es nur eine Woche und so ist er nach Birmingham gefahren und hat tagelang das Haus ausgeraeumt, Dinge abtransportiert, geputzt, Wasser und Strom abgelesen und alles um- bzw. abgemeldet. Er kam total erschoepft und 4.5 kg leichter, aber stolz wie ein Pfau zurueck, und wir haben dann gleich mal sein Geld gut angelegt (da er momentan arbeitslos ist, muss er auch keine Steuern auf Zinsen zahlen).

Trotzdem sparen wir gerade, wo es geht. John kennt eine Computerspezialistin in Birmingham, die Computer fuer lau repariert (da lohnt sich sogar die Anfahrt von London), dafuer haust sie aber auch in einter dreckigen heruntergekommenen Bude mit drei Rottweilern im Garten. Und sie ist Kettenraucherin. Das ging dann so “Also Donna *hust* kannst du mal gucken, warum mein Computer immer *hust* so langsam ist und ausserdem … *groessererhustenanfall* “Soll ich das Fenster aufmachen?” Das waere *hust hust* ganz prima, danke *roechel*

Unser Vermieter kam Ende Maerz mal wieder an mit dem Wunsch, die Wohnung in Staub huellen zu wollen, da er eine Wand zwischen Kueche und Wohnzimmer abreissen will, um die Kueche “open-plan” zu machen und eine “breakfast bar” einzurichten. “Ich hab das in all meinen anderen Wohnungen auch, und es sieht wirklich gut aus.” Ganz abgesehen davon, dass wir weiss Gott keine Fruehstuecksbar brauchen, wenn der Tisch gleich daneben steht und dass wir die Nase voll haben von seinen stuemperhaften Verbesserungen (unsere Klospuelung wuerde auf ewig weiterspuelen, wenn wir nicht jedesmal den oberen Deckel abheben und den roten Ball innen runterdruecken wuerden, und das ist nur ein Beispiel von vielen), moegen wir nunmal die Wohnung so wie sie ist, und diese doofen offenen Kuechen konnte ich noch nie leiden, da man nie die Tuer zu den Kochausduenstungen und zur laermenden Waschmaschine zumachen kann. Von daher haben wir diesmal nein gesagt, denn er braucht unsere Einwilligung dazu. Ein paar Tage spaeter, das war vor einer Woche, genau an Johns Geburtstag, kam dann das zweizeilige Email, in dem er mitteilte, dass er die Wohnung zu verkaufen gedenke und daher unseren Vertrag nicht wieder erneuern wuerde. Der laeuft Ende Oktober aus, und bis dahin kann er uns nicht rauswerfen, aber danach hat er natuerlich jedes Recht dazu. Stellt sich natuerlich die Frage, ob er wirklich die Wohnung zu verkaufen gedenkt. Wenn nicht, luegt er uns an, wenn doch, haette er einfach seine Verschlimmbesserungen machen wollen, waehrend wir drin wohnen und Miete zahlen und haette uns danach die Nachricht verpasst. So oder so nicht wirklich ehrlich, oder was denkt ihr?

John hat es erstmal den Geburtstag verdorben, aber dann wurde er kaempferisch. “Wir gehen ab morgen auf Wohnungssuche, ich will hier lieber heute als morgen raus, wenn der uns so kommt!”. Eigentlich will ich unserem Vermieter nicht wirklich einen Gefallen tun, aber wir haben nur eine einmonatige Kuendigungsfrist, und die habe ich neulich auf eine Woche heruntergehandelt, also sind wir zur Zeit im Besichtigungsfieber. Leider koennen wir uns Docklands nicht mehr wirklich leisten – mir ist erst jetzt klar geworden, wie gut wir es bis jetzt hatten, und nicht nur mit dem Preis. Es nicht schwer, etwas Neues zu finden, aber es ist unglaublich schwer, etwas Gutes zu finden. Zum einen ist hier alles schweineteuer, zum anderen haben die Englaender ein anderes Verhaeltnis zu Platz. Was wir fuer klein halten, halten die hier fuer gross. Auch da hatten wir es bisher gut, ein fuer englische Verhaeltnisse ueberdimensional grosses Wohnzimmer unser eigen zu nennen, was mir damals bei der Besichtigung gar nicht so aufgefallen ist, da die Groesse in etwa war wie bei meiner alten Wohnung in Deutschland.

Um das Preisproblem zu umgehen, gucken wir jetzt etwas weiter draussen nach, zuerst in Lewisham (aber da ist es nicht so schoen) und nun in Woolwich, das momentan per British Rail und Faehre zum Nordufer angebunden ist (in 2 Jahren kommt dann die DLR dazu). Leider ist es in Zone 4, meine Travelcard wird also teurer werden, aber das koennen wir hoechstwahrscheinlich ueber die billigere Miete wieder reinholen, und John faehrt sowieso ueberall umsonst.

Also haben wir uns am Samstag bei schoenstem Sonnenschein 4 Wohnungen in Woolwich angeschaut, und uns gefaellt die Gegend ausgesprochen gut. Das Zentrum gleich an der Woolwich Arsenal Station hat alle Laeden, die man braucht, und John war ganz besonders angetan von den Maerkten, die ihn sofort an Birmingham erinnert haben. Die erste Wohnung war im Zentrum, das ist uns dann doch zu laut, ist zwar alles doppelt verglast, aber man will ja im Sommer auch ab und an mal das Fenster aufmachen. Die zweite Wohnung war in Royal Arsenal, und da gefaellt es uns sehr gut, da ist es ruhig und Flussblick hat man auch. Leider sind das dort alles Neubauten und die sehen alle gleich aus. Zwei kleine Schlafzimmer, ein kleines Wohnzimmer mit winziger open-plan Kueche, dafuer aber zwei Badezimmer, eines davon en-suite. Das mag ja zwei Bankern vielleicht zusagen, die flaezen sich auch gerne in die schwarzen Ledersofas, aber ich will ersten sowieso lieber unmoebliert und zweitens verstehe ich nicht, warum in diesen Wohnungen immer alles huebsch aber total unpraktisch ist. Keine Abstellflaeche im Bad und kein Sofabett fuer Gaeste, aber Hauptsache man hat eine Spuelmaschine und “granite worktops” (Arbeitsflaeche aus Granit) in der Kueche. Und statt des zweiten Bads haette ich lieber mehr Wohnflaeche.

Die letzte Wohnung hat mich dafuer beinahe umgehauen. Eine “church conversion” (Umbau einer Kirche) mit fuer englische Verhaeltnisse unglaublich riesigen Raeumen, allein der Flur wuerde schon 2 unserer Buecherregale aufnehmen. Ruhige Gegend, Garten, off-street parking, unmoebliert, allerdings auch wieder 2 Badezimmer und open-plan kitchen. Wir haetten sie beinahe genommen, wenn die Zimmerhoehe nicht ungefaehr 5 Meter betruege (da heize ich ja staendig die Decke), und die Kirchenfenster nicht erst bei ca. 1,50m begaennen, so dass ich die sowieso nicht sehr attraktive Aussicht ueberhaupt nicht sehen kann. Wirklich schade, als ich die grossen Raeume sah, bin ich erst mal umgekippt.

Also, die Suche geht weiter. Wohnungen ohne open-plan kitchen scheint es ja fast nicht mehr zu geben hier. Aufgefallen ist mir auch ein neuer Trend: Lampen nicht an der Decke, sondern in der Mitte der Wand. Diese Leuchten sehen zwar nett aus, verhindern aber, dass man eine ganze Buecherregalwand aufbaut. Aber anscheinend lesen Londoner ja eh nicht, wenn man sich mal die Moeblierung in diesen Luxusschuppen ansieht.

Ueber Ostern (das diesmal auch noch auf meinen Geburstag faellt) wollten wir eigentlich an die Kueste runter, aber ersten haben wir nichts gebucht und zweitens ist das Wetter nicht wirklich berauschend dieses Jahr (Kent hatte gestern sogar nochmal Schnee), daher haben wir uns kurzentschlossen fuer drei Tage in Tintern, Wales eingebucht, wo wir vor zwei Jahren schon mal waren (damals allerdings im Juni).

Morgen faengt hier eine Ausstellung an, die sich “Bodies” nennt und wie weiland bei von Hagens “Koerperwelten” jetzt schon fuer Aufsehen sorgt, da sie zum Teil die gleichen Exponate zu zeigen scheint (plastinierte Koerper und Koerperteile, recht gruselig fuer viele). Ich fand das damals hoch interessant und habe beschlossen, John in den Osterferien reinzuschleifen. Mal sehen, ob wir noch Karten kriegen.

Fuer Mai haben John und ich eine gemeinsame Geburtstagsparty geplant, mal schauen, ob wir da noch im alten Flat sind! Wer also den Flussblick von Docklands aus geniessen will, muss uns bald besuchen kommen!

5. Mai 2006
Ostern in Tintern, Wales war richtig schoen! Wir waren in einem B&B untergebracht, das uns nicht nur ein Zimmer sondern ein ganzes kleines Cottage zur Verfuegung stellte, mit Schlafzimmer, Bad und Wohnzimmer mit Minikueche sowie eigener Terasse, die auf einen riesigen Garten hinausfuehrte. Das ganze ohne Strassenlaerm, dafuer mit Sonnenschein und Vogelsang – Glueckseligkeit. Das Essen war mal wieder hervorragend, und an meinem Geburtstag sind wir ganz schick ins Hotel essen gegangen. Ich hab mich vor lauter gedaempfter Musik und warmen Broetchen, die mit Zangen angefasst wurden, kaum zu fluestern getraut – ich bin wohl doch eher der Typ fuer robuste Pubs. Wir hatten richtig Glueck mit dem Wetter und haben mal wieder viele Burgen besichtigt (inklusive dreimal Ostereiersuchen in den Burgen fuer die Kinder, zu denen ich mich in solchen Momenten zaehle) sowie einen Flohmarkt besucht und einen Mantareifen repariert. Eine Freundin schenkte mir zum Geburstag ein Ostereisuchset, das wir dann im Cottage ausprobiert haben (John meinte “Ich mach das nicht da draussen im Garten, wo mir jeder zugucken kann!”)

Am Ostermontag waren wir gerade auf dem Rueckweg ueber Eastnor Castle (wunderschoenes Schloss), als Johns Bruder anrief mit der Nachricht, dass Dad gerade gestorben waere. Die Beerdigung war am 27. April, und Johns Mutter, die mit seinem Vater im Heim gelebt hatte und unter Alzheimer leidet, hat ueberhaupt nicht begriffen, was los war. Sie meinte am Abend nur, es sei schoen gewesen, die ganze Familie mal wieder versammelt zu sehen und wo sei eigentlich Bill? Schon traurig.

Der Manta hat natuerlich auch mal wieder schlapp gemacht, wir haben es gerade noch bis zur Werkstatt in Birmingham geschafft. Was dieses Auto schon alles an Reparaturen auf dem Buckel hat, geht auf keine Kuhhaut. Aber John weigert sich ja standhaft, sich ein anstaendiges Auto zuzulegen!

Ueber das lange Wochenende mit dem Maifeiertag sind wir doch tatsaechlich mal zuhause geblieben und haben Dinge aufgearbeitet, da ich mir auch nach Ostern noch eine Erkaeltung eingefangen und an John weitergegeben hatte und noch nicht wirklich auf der Hoehe war. Dafuer ist seine Benefit Saga hoffentlich bald positive beendet. Nach etlichem Hin und Her wurde ihm gnaedigerweise beschieden, dass man ihm ausnahmsweise Housing und Council Tax Beneft nachtraeglich bis zum Datum seines Hausverkaufs zahlen koennte (danach hat er naemlich zuviel auf dem Konto), da er ja in gutem Glauben gehandelt haette (natuerlich kein Wort davon, dass die Benefits People selber seinen Antrag verbockt haben mit falscher Information).

Ich habe jetzt sogar einen Zahnarzt! TUSCH! Habe einen in Greenwich gefunden, der NHS Patienten aufnimmt, und der war von meinen Zaehnen sogar richtig begeistert. Mein Zahnarzt zuhause hatte mich immer geschimpft, dass ich nicht genug putze. Aber hier ist der Standard halt doch etwas niedriger. Waere ich hier aufgewachsen, haette ich niemals die Zaehne, die ich jetzt habe, da hier Behandlungen selbst fuer NHS Patienten ganz schoen ins Geld gehen. Ich musste auch als allererstes bei der Rezpetionistin £15.50 entrichten, damit ich registriert werden darf.

Mal schauen, was bei den Local Elections herauskommt, bei denen ich sogar mitwaehlen durfte, nicht dass es einen Unterschied gemacht hat. Die Labour-Party hat ja ziemlich Federn gelassen, Home Secretary Charles Clarke wurde auch schon gefeuert.

Jetzt gibt’s am Wochenende erstmal eine Party – bei der Menge Essen, die ich gebunkert habe, sitzen wir wahrscheinlich noch in zwei Wochen da. Typisch ist ja mal wieder, dass es gestern total heiss war und auch heute noch angenehm war, dass aber fuer Samstag Regen angesagt ist.

6. Juni 2006
Unter der Rubrik “Unmoegliche Kollegen” waere folgendes zu berichten: Tony schickte ein getuerktes Email an Fiona, in dem stand, dass wir ab 1. Juni einen neuen Mitarbeiter mit befristetem Vertrag bekommen. Besagtes Email hatte ich letztes Jahr an alle verschickt, und Fiona konnte den Typ nicht ausstehen, deshalb fand Tony es wohl furchtbar lustig, so zu tun, als ob ich heute selbiges Email noch einmal verschickt haette. Leider hat Fiona das Email mit einem boesen Kommentar sofort an unsere Office Managerin weitergeleitet, die mich dann per Email anpfiff, warum sie davon nichts wuesste. Und ich sass vor meinem PC und verstand die Welt nicht mehr.

Das letzte Maiwochenende war mal wieder ein langes Wochenende, da der Montag Bank Holiday war, also haben wir am Samstag kurzerhand beschlossen, runter an die Kueste zu fahren und haben uns Weymouth ausgesucht, da wir da beide vor vielen Jahren (getrennt) schon waren, er in Sommerferien als Kind, ich in einem dreiwoechigen Aufenthalt bei Gastfamilie als Teenager. Das ist schon 20 Jahre her und an viel erinnert habe ich mich nicht mehr, aber nett war’s trotzdem. Die Anreise hat allerdings glatte 6 Stunden gedauert, also doppelt so lang als normal, da Hinz und Kunz auf den Autobahnen unterwegs war. Wir haben dann auch noch das letzte B&B-Zimmer in Weymouth ergattert, in einer Bruchbude am Strand. Da es da so eng und laut war, sind wir am Sonntag nach vielen Besichtigungen auch abends wieder nach Hause gefahren, zurueck dauerte es nur 3 Stunden. Und am Montag haben wir dann tatsaechlich Ikea unsicher gemacht, da ich herausgefunden habe, dass wir einen direkt in der Naehe haben, keine 15 Mintuen mit dem Auto entfernt.

Ich habe gerade in der Zeitung eine Bericht gelesen ueber einen Arbeiter, dessen Kollegen zusammengelegt haben, um ihm einen £700 teuren Gehirnscan im Privatkrankenhaus zu bezahlen, der dann prompt feststellte, dass er einen lebensgefaehrlichen Tumor hat und sofort unters Messer muss. Die Chirurgen erzaehlten ihm, dass er ohne die Operation innerhalb von wenigen Wochen tot gewesen waere. Die NHS hatte ihm beschieden, dass deren Warteliste fuer Gehirnscans viele Monate lang ist. Soviel zum tollen staatlichen Gesundheitswesen hier, das die Leute einfach verrecken laesst.

Die Zeitungen sind zur Zeit wieder voll mit Artikeln zu den Untersuchungsberichten ueber die Schnelligkeit von Krankenwagen/Feuerwehr/Polizei am 7. Juli – die Ergebnisse sind erschreckend. Die fehlende Kommunikation ruehrt zum Grossteil daher, dass jede Einheit ein anderes, nicht kompatbiles System benutzt, und Radios der Rettungstrupps immer noch nicht unter Tage funktionieren, was eigentlich schon vor 18 Jahren nach dem Feuer in Kings Cross beantragt wurde. Und das Schoene ist ja jetzt, dass durch die ganzen Zeitungsberichte auch alle Terroristen wunderbar ueber diese Tatsachen informiert sind.

So, jetzt aber zu den wichtigen Nachrichten: wir ziehen am Wochenende um! Und es ist in derselben Strasse nur ein paar 100m weiter! Wir haben auch lange genug gesucht nach einer Wohnung, die in etwa dieselbe ist wie die alte. Wir haben jetzt zwar Teppich statt Parkett und Flussblick nur noch durch eine Luecke zwischen zwei Haeusern durch (plus Blick auf das National Maritime Museum), dafuer haben wir wieder gleich viel Platz, sind wieder im obersten Stock, so dass eine Buehne auch noch dazu gehoert und haben diesmal sogar zwei Balkone, die leider beide auf die Strasse hinausgehen, aber dafuer kann unter uns keiner mehr einen Fussball donnernd gegen die Wand kicken, dass das ganze Gebaeude wackelt. (Die alte Wohnung lag ueber einer tunnelartigen Autozufahrt zu einem anderen Gebaeude). Wir haben auch wieder eine abgetrennte Kueche, kein doofes Open Plan, juhu! Die neue Wohnung kostet ein bisschen mehr als die alte, aber fuer den Preis in der Gegend ist sie immer noch guenstig, vor allem, wenn man bedenkt, was wir laut Marktwert eigentlich fuer die alte Wohnung haetten zahlen muessen.

Aber Gott, ist das stressig hier, ueber einen Immobilienmakler zu mieten! Erstmal waren zwei Immobilienmakler involviert, und wir haben die Wohnung nur “gewonnen”, da unser Makler fuer den Vermieter einen besseren Deal gemacht hat. Dann wollte der Makler gleich mal ein sogenanntes “holding deposit” von zwei Wochenmieten haben, also eine Kaution als Garantie, dass wir die Wohnung auch wirklich nehmen – nur dann wird die Wohnung vom Markt genommen. Dann mussten wir beide ein “application for tenancy” Formular ausfuellen mit allen moeglichen persoenlichen Daten und ich habe mir gleich noch vom jetzigen Vermieter und vom Arbeitgeber eine Referenz ausstellen lassen. Die erste Monatsmiete plus weitere drei Wochenmieten plus Verwaltungsgebuehr von £100 muessen wir morgen bei Vertragsunterzeichnung in “cleared funds” bezahlen, also entweder bar oder per banker’s draft, was so eine Art gesicherter Scheck ist. Deswegen war ich heute mittag bei der Bank, und es hat 45 Minuten und £15 gekostet, um das verdammte Ding auszustellen, allerdings meinte die Dame dann ganz mitfuehlend, wegen der langen Wartezeit koennte sie eventuell die Gebuehr stornieren. Es waere schneller und billiger gewesen, einfach das Geld bar abzuheben, aber bei meiner Bank muss man hierfuer einen Scheck an sich selber ausstellen, und ich hatte mein Scheckbuch nicht dabei. Die spinnen, die englischen Banken.

Wir mieten die Wohnung ab morgen, 7. Juni, aber da das mitten in der Woche ist, bleiben wir in der alten Wohnung noch bis Sonntag, transportieren waehrend der Woche den Kleinkram rueber und dann am Wochenende die schweren Sachen. Unser Vermieter hatte zaehneknirschend unsere zwei Wochen Kuendigungsfrist akzeptiert. Im Vertrag ist eigentlich ein Monat vereinbart, aber wir hatten uns am Telefon auf mindestens eine Woche geeinigt (der Mann will das Ding schliesslich verkaufen, und das ist ohne Mieter etwas einfacher, wuerde ich sagen). Gott sei Dank sind wir dann auch den Strom von Interessenten los, die bevorzugt abends und am Wochenende durchlaufen und bloede Kommentare abgeben wie “Da ist ja gar keine Spuelmaschine in der Kueche!”. Mann, wenn du Spuelmaschine und Granitarbeitsflaechen haben willst, kauf nebenan im Neubau, da kosten die Wohnungen auch nur £100,000 mehr fuer das Privileg!

Momentan sind wir also dabei, Gott und der Welt die neue Adresse zu geben und etliche andere Huerden aus dem Weg zu ballern wie die Tatsache, dass die alte Adresse nicht im Adressenfinder der Royal Mail auftaucht und deswegen unser Makler darauf draengt, dass wir die Adresse registrieren lassen, damit er den Vertrag auch aussstellen kann (die Logik habe ich nicht verstanden, aber egal). Habe also zwei Tage lang der Royal Mail und der Gemeinde hinterhertelefoniert, da Royal Mail meinte, sie wuerde ja schon, wenn sie koennte, aber die Gemeinde haette sie noch nicht von dieser Adresse in Kenntnis gesetzt. Ne klar, das Haus wurde ja auch erst 1984 gebaut, das ist ja verstaendlich! In meiner Verzweiflung habe ich gestern abend an Royal Mail ein dringendes Email geschickt und siehe da, heute morgen wurde die Adresse registriert – gerade noch rechtzeitig!

Dann wollte der Postweiterleitdienst der Royal Mail mal wieder zwei Adressnachweise von uns beiden, damit sie auch die Post an die neue Adresse weiterleiten koennen, und da auf einer der Rechnungen Johns Name nicht drauf stand, wurden wir an der Liverpool Street wieder weggeschickt. Unser oertliches Postamt hat dafuer nur mal kuerz ueber die Belege druebergeguckt, alles ok getickt und uns das Geld abgeknoepft – £23.25 fuer ein halbes Jahr pro Nachname! Waeren wir verheiratet, waere es also die Haelfte gewesen. Da aber hierzulande die durchschnittliche Hochzeit mit £16,000 zu Buche schlaegt, lohnt sich das wahrscheinlich doch wohl nicht …

Dann haben wir noch ein Problem damit, dass die Vormieter der neuen Wohnung sich noch nicht bei der British Telecom gemeldet und ihren Vertrag gekuendigt haben, so dass diese uns erst ab 7 Werktagen nach unseren ersten Kontakt mit BT in der neuen Wohnung anschliessen koennen. Da wir uns am 2. Juni zum ersten Mal zwecks Umzug/Beibehaltung der Nummer und Termin des Anschlusses gemeldet haben, werden wir am 13. Juni angeschlossen und nicht am 9. Juni wie unser Wunsch war. Also werden wir tagelang ohne Telefon und Internet sein, das macht Spass.

Das ganze Drama mit dem Wasserzaehler wird dann auch wieder von vorne anfangen. Hier gibt es im Regelfall keinen Wasserzaehler in Wohnungen, stattdessen zahlt man eine Pauschale, die fuer zwei Personen sowieso ueberteuert ist. Also haben wir vor Monaten um den Einbau eines selbigen gebeten. Da die Muehlen hier langsam laufen, war der Mann vom Wasseramt erst vor ein paar Wochen da, nur um festzustellen, dass aus diversen technischen Gruenden kein Wasserzaehler eingebaut werden kann, wir aber aufgrunddessen nur eine verbilligte Pauschale zahlen muessen. Der Brief hierueber kam eine Woche vor Auszug, das bedeutet, dass wir in der neuen Wohnung wohl wieder erstmal die ueberteuerte Pauschale zahlen muessen, bis die sich angeguckt haben, ob denn dort ein Wasserzaehler einbaubar ist. Man sollte meinen, dass mit all der Wasserknappheit, die zu einem Bann von Wasserschlaeuchen gefuehrt hat, es in deren Interesse sein muesste, schnellstens ueberall Wasserzaehler einzubauen, aber als dieser Vorschlag mal von irgendjemandem in der Regierung gemacht wurde, war das Geschrei in den Zeitungen ueber die Benachteiligung von Familien gross – eine Familie mit 4 Kindern ist natuerlich mit einer Pauschale besser dran als mit einem Wasserzaehler. Die Benachteiligung von 1-2 Personen-Haushalten ist aber natuerlich vernachlaessigbar, oder wie? Wie ich dieses Land und seine Logik liebe.

Letzte Woche haben wir bei Ikea noch ein Sofabett gekauft, da unser Vermieter nicht bereit ist, uns die alten Moebel vor einem Wohnungsverkauf zu verkaufen (hier wird immer alles moebliert praesentiert, da Englaender keine Fantasie zu haben scheinen). Es waren zwar Sofas in der neuen Wohnung, aber die kann man nicht zum Bett umfunktionieren, und wir haben ja schon mal oefter Gaeste aus Deutschland etc.!

Am kommenden Wochenende ist also Umzug angesagt und am Wochenende drauf geht’s nach Oesterreich – das Hotel in Salzburg habe ich jetzt auch mal endlich gebucht. Den Urlaub hab ich aber auch sowas von noetig. Und Gott sei Dank verpasse ich 10 Tage des World Cups (obwohl wir sicher TV im Hotel haben). Beckham, Rooney und Co. sind gestern gen Baden Baden aufgebrochen mit kiloweise Jaffa Cakes, Teebeuteln, Coco Pops und Rice Krispies im Gepaeck. Hat denen keiner gesagt, dass es sowas auch in Deutschland gibt, und hoechstwahrscheinlich billiger? Als ob sie in die russische Pampa fliegen wuerden …

9. Juni 2006
Man merkt, dass die Fussballmeisterschaft angefangen hat: Ueberall haengen die St. Georgs Flaggen an den Autos und Balkonen und heute morgen hat eine Kollegin als allererstes einen Sweepstake veranstaltet: Alle Mannschaften wurden auf Zetteln aufgeschrieben und diese in eine Dose gepackt. Fuer £2 konnte man ein Mannschaftslos ziehen, und wenn deine Mannschaft gewinnt, kriegst du den ganzen Einsatz von £64. Constanze hat solange Lose gekauft, bis sie endlich Deutschland hatte. Ich muss jetzt Frankreich und Trinidad & Tobago die Daumen halten.

Bezueglich der neuen Wohnung haben wir ein paar neue Huerden niedergerissen und ein paar andere haben sich wieder aufgestellt. Die Vormieter haben sich doch noch rechtzeitig bei BT gemeldet, so dass die Telefonleitung heute umgemeldet wird. Da die Vermieterin doch keinen Wasserzaehler will, haben wir wenigstens das Generve nicht nochmal, obwohl wir wohl dann wieder mehr zahlen muessen. Sie zeigte sich allerdings sehr erstaunt ueber den Betrag, den wir bis jetzt bezahlt haben, sie meinte, der wuerde hoechstwahrscheinlich falsch berechnet, so hoch wie der sei. Daraufhin habe ich bei Thames Water angerufen, die mir beschieden, dass die Pauschalen pro Gebaeude nach dessen Wert berechnet werden, oder so. Wir zahlen jetzt nur geringfuegig weniger als in der alten Wohnung.

Wir haben uns gestern abend mit der Vermieterin getroffen, um noch etliche Fragen abzuklaeren, und im Zuge dessen hat sich herausgestellt, dass der Immobilienmakler sowohl sie wie auch uns schlicht angelogen hat ueber gewisse Dinge, z.B. dass der Wasserzaehler kein Problem sei – die Vermieterin wusste davon ueberhaupt nichts. Desgleichen war sie nicht ueber bestimmte Maengel in der Wohnung informiert worden und zeigt sich hoch bestuerzt darueber, dass das zweite Bett, das ja eigentlich haette bleiben sollen, nur noch aus Matratze und Rost bestand. Der Makler hatte wohl jemanden beauftragt, diverse Moebelstuecke abzutransportieren, die wir nicht haben wollten, und die waren etwas zu eifrig. Uns hatte er erzaehlt, das zweite Bett sei beim Transportieren auseinandergebrochen, aber keine Sorge, die Vermieterin besorgt ein neues. Der Vermieterin hat er erzaehlt, wir haetten das Bett beim Abtransport kaputtgemacht! Da wir aber erst am Mittwoch den Schluessel bekommen haben, war das wohl schlecht moeglich. Das Bett ist jetzt wieder ganz und sie stellt auch Farbe fuer einen Generalanstrich der Wohnung (John hat sich angeboten, das zu uebernehmen). Eine Leiter fuer den Buehnenzugang muessen wir uns jetzt doch selber kaufen (auch so eine Luege des Makler, dass diese gestellt wuerde), und das Fenster ist auch noch nicht erneuert, wird aber demnaechst. Dann haben wir noch ewig nach dem Briefkasten, Muellabstellplatz und Stromzaehler gesucht, die sich dann neben der Haustuer hinter abgeschlossenen Tueren auffanden. Da will ich ja nur hoffen, dass der Postbote auch einen Schluessel hat! Dann hat sie noch kurz eine schriftliche Erlaubnis ueber das Aufhaengen von Bildern erteilt (die sind hier ein bisschen ete-petete mit ihren Pappwaenden) und eine Inventur aufgestellt. Hier stellen ja viele Vermieter jede Kleinigkeit in der Kueche, bis runter zu Besteck und Abtrockentuechern. Das meiste Geschirr ist allerdings so grausam gelb (und der Toaster ist gruen), dass wir alles auf die Buehne stellen werden und unser eigenes Zeug benutzen. “Ach, schmeisst das Zeug einfach weg, wenn ihr es nicht wollt”, meinte sie grosszuegig. Das “gas safety certificate” (das bestaetigt, dass der Boiler uns nicht morgen in die Luft jagt) kriegen wir naechste Woche (ich sage euch, dieses Mal bin ich soviel kenntnisreicher als bei der ersten Wohnung, was diese Dinge angeht). Die Haustuer muss auch dringend von der Hausverwaltung repariert werden, das faellt schon auseinander und jeder kann bis vor die Wohnungstuer vordringen. Aber John ist gluecklich, da der Parkplatz fuer diese Anlage viel geschuetzter ist als der alte (aber er aergert sich, dass er die £60 fuer den alten Parkpfosten nicht wiederbekommt). Morgen geht also der Umzug der schweren Moebelstuecke los, mit gemietetem Van und bei ueber 30 Grad Hitze. Wenigstens werden die Strassen frei sein, da England spielt.

19. Juli 2006
Oh mein Gott, ist es heiss heute! Das Quecksilber steht irgendwo bei 36 Grad, und keiner kann es so richtig fassen. Die Strassen werden gestreut wie im Winter, damit sie nicht schmelzen, in den U-Bahnen hat ed 47 Grad, in den Bussen 52 Grad. Es herrscht seit einer Weile schon ein sogenannter “hosepipe ban”, sprich man darf Rasen nicht mehr mit Hilfe von Schlaeuchen bewaessern und muss auch Eimer nehmen zum Autowaschen oder Poolfuellen. Thames Water, die momentan relativ verhasst sind, da sie durch nicht reparierte Lecks taeglich Millionen Liter an Wasser verlieren, aber fleissig Gebuehren anheben, wollen jetzt sogar noch eine “drought order” beantragen, sprich in der anhaltenden Duerre wuerde dann jeglicher “non-essential use of water” verboten. Super.

Am Samstag mache ich eine Housewarming Party, als ob es nicht schon warm genug waere. Aber zumindest sind jetzt mal alle Buecher eingeraeumt, alle Bilder aufgehaengt, die Haelfte aller Zimmer gestrichen und der Boiler repariert. Auch die Dusche, die nicht warm und kalt mischen will, haben wir in den Griff gekriegt, nachdem uns die Vormieter den Trick gezeigt haben: Man stelle den Strahl auf den Badehahn um, mische, lass kurz laufen und ziehe dann den Hebel nach oben fuer den Duschstrahl. Genial, wenn auch irgendwie unverstaendlich.

Die neue Wohnung hat so ihre Macken, alles ist alt und im Grunde renovierungsbeduerftig, wenn auch gerade noch funktionsfaehig. Wir kriegen jetzt noch das Badezimmerfenster ersetzt, weil es schon auseinanderfaellt, vielleicht koennen wir die Landlady ja noch zu groesseren Ausgaben ueberreden, (Kueche und Bad sind alt und unpraktisch) aber das muss man wohl langsam angehen. Und irgendwann sind die Handwerker auch bestimmt damit fertig, die Balkone zu streichen. Zur Zeit fahren sie immer nur relativ planlos in ihrem (nervtoetend piependen) Kran die Strasse auf und ab, streichen mal eben hier einen Pfosten und da ein Gelaender, und schon sind sie wieder weg. Sieht alles sehr nach ABM aus! Aber die Raeume sind schoen gross und ich habe jetzt sogar mehr Buecherregale als vorher! Aber was es alles gibt – die Wasserraten werden hier anscheinend nach Wert des Hauses berechnet, nicht nach Personenanzahl oder Verbrauch oder sonstwas. Nach Wert des Hauses! Und man erbt erstmal den Energielieferanten des Vorgaengers, weswegen ich gerade dabei bin, von British Gas, die ich nie wollte, zu meinem alten Lieferanten EDF Energy zu wechseln. Was bis zu 8 Wochen dauern kann. Die spinnen doch voellig, die Englaender.

Wie wir den Umzug ueberlebt haben, ist mir jetzt noch nicht ganz klar. Es war ein bruetend heisses Wochenende, und wir haben tagelang nur geschuftet – ich hab mir dann den Montag auch noch frei genommen, sonst waer das nie was geworden. Und der alte Vermieter schuldet uns immer noch £90 der Kaution, die wir schon laengst haetten zurueckkriegen sollen, da der Sessel mittlerweile repariert ist. Schweinebacke.

Schade, dass wir die Weltmeisterschaft nicht gewonnen haben, meine Kollegin und ich waren jedenfalls total im World Cup Fieber und haben sogar frueher freigekriegt, um das Argentinien-Spiel im Pub nebenan anzusehen. Wir hatten auf alle Faelle eine normalere Mannschaft als die Englaender, ich habe mich immer sehr amuesiert, wenn von den Fussballern und ihren “WAGs” (Wifes And Girlfriends) die Rede war. Ganz zurecht hat ein englischer Journalist Rooney & Co. als “freak show” bezeichnet. Wir haben das Spiel England – Portugal zuhause angeschaut, und einer der englischen Fans auf der Dachterasse gegenueber unserer Wohnung kam raus, lies einen Wutschrei los, depperte irgendwas auf den Boden und fiel dann heulend in die Arme seiner Freundin, die Memme. Von dem Tag an waren alle im Buero fuer die deutsche Mannschaft (fuer irgendjemanden muss man ja sein), vor allem, nachdem wir die verhassten Portugiesen aus der WM geraeumt haben. Ich habe meine Aufmerksamkeit dann auf die franzoesische Mannschaft gerichtet, da ich diese im office sweepstake gezogen hatte, aber dank Zidane gingen die £64 dann an meinen Kollegen Tony (nicht Yo! Blair).

Oesterreich war super! Salzburg ist eine irre schoene Stadt und das Essen ist fantastisch. John war im siebten Himmel, auch wegen des Bieres. Wir haben alles abgehakt, was so ging – Hohensalzburg, Altstadt, Mozarts Geburtshaus, Mozartausstellung, Mirabellgarten, Hellbrunn, Fiakerfahrt, Schiffsfahrt auf der Salzach etc. Das Haus der Natur ist uebrigens unglaublich spannend und empfehlenswert, und, wie so vieles, mit der Salzburg Card kostenlos. Ich empfehle jedem Salzburgtouristen auch die Lektuere von Erich Kaestners Klassiker “Der kleine Grenzverkehr oder Georg und die Zwischenfaelle.” Koestlich geschrieben. Natuerlich kannte John das nicht. Ich rief also “Ach kuck, da ist das Café Tomaselli!” Er: “Ja und?” “Das kommt bei Kaestner vor!” “Wem?” Es war auch da richtig heiss und vor allem unglaublich schwuel. In der Mitte des Residenzplatzes war eine Riesentribuene und ein Megafernseher aufgebaut, zum kostenlosen Gucken der WM. Ueberdacht war die aber nicht, das waere mir viel zu heiss gewesen.

In Zell am See war es auch schoen, allerdings waren mir da fast zu wenig Sehenswuerdigkeiten um den Weg, fuer die Krimmler Wasserfaelle mussten wir 1 ½ Stunden mit dem Bus durch die Pampa fahren. Es ist aber wunderschoen gelegen, mit praechtigen schneebedeckten Bergen im Hintergrund des Sees. Meine Freundin hatte uns fuer die Hochzeit im Schloss untergebracht, in dessen Kapelle die Trauung stattfinden sollte, und das war ein klein aber sehr fein, und das Gourmetrestaurant war gleich daneben. Am Vorabend vor der Hochzeit wurde dort gegrillt und John spielte mit den Kleinen Fussball, bis es ihn ins Gras setzte, was fuer die Kids natuerlich der Hoehepunkt des Spieles war. Und anstatt ihm aufzuhelfen habe ich natuerlich erstmal ein Foto geschossen. Die Hochzeit selber fand am Samstag um 14 Uhr statt, so dass nach der Trauung und zwischen Tortenanschneiden, Tanzen und Abendessen im Michelin-Restaurant noch genuegend Zeit blieb, das Deutschland – Schweden-Spiel zu verfolgen. Alles schrie “TOR!” und die Braut raffte ihr Kleid und rannte mit fliegendem Schleier nach drinnen zum Fernseher und groehlte mit. Schade, dass keiner schnell genug war, das auf Film zu bannen. Dafuer gibt es zahlreiche Bilder davon, wie John mit der Brautmutter jivt. Alles in allem ein sehr gelungener Tag.

Am Sonntag ging es zurueck nach Salzburg, um von dort Montag morgen den Flieger nach London zu kriegen. Als der Pilot beim Landeanflug auf Stansted dann beinahe entschuldigend sagte, dass es in London leider kuehl und regnerisch sei, haben John und ich nur gejubelt.

Leider hat sich das in der Zwischenzeit ja wieder geaendert, und die Zeitungen sind voll von tollen Tips zum Ueberleben des Wetters (“Vergessen Sie ihre Wasserflasche nicht!”) Es wird ja mittlerweile sogar vorgeschlagen, dass Maenner im Buero Jacke und Krawatte weglassen koennen. Wenn man sich die vielen Frauen in Miniroecken und Flip-Flops anguckt, eigentlich auch nur fair.

6. September 2006
Hoert diese Hitze denn niemals auf! Wir haben den 6. September, und draussen sind 27 Grad! Das ist natuerlich nicht mehr so schlimm wie Ende Juli, als wir 4 Tage lang in Stuttgart waren fuer die 95. Geburtstagsfeier meines Opas. Wir haben bei Freunden uebernachtet, die uns auf den Hamburger Fischmarkt und ins Mineralbad Leuze geschleift haben, und mit meinen Eltern sind wir in die Wilhelma gegangen, wo wir faule Eisbaeren besichtigt haben. Die haben’s gut. Wir haben viel zu viel deutsches Essen zu uns genommen, noch eine andere Freundin besucht, und sind mit 8 kg deutschen Lebensmitteln im Gepaeck nach London zurueckgekehrt. Ein voller Erfolg also.

Es gibt hier in London “Idea Stores”, die sind eine Mischung aus oeffentlicher Buecherei und Volkshochschule. Ein neuer Idea Store wurde gerade in Canary Wharf eroeffnet, und John und ich haben uns gleich mal angemeldet. Interneteinrichtungen haben sie auch, und vor ein paar Wochen kam der Katalog mit den Kursen ab September raus. Ich hab mich gleich mal fuer einen Pilateskurs angemeldet und John sich fuer einen Deutschkurs. Die Preise sind sowieso zivil, aber John als arbeitsloser Sechziger kriegt das Ganze nochmal subventioniert. In zwei Wochen geht’s los.

Am Montag 28. August war hier ein Bank Holiday, und so habe ich die Gunst der Stunde genutzt und Urlaub fuer die ganze Woche genommen. Diesmal ging es nach Cornwall, wo weder John und ich je vorher waren. Wir sind am Samstag losgefahren (und nach 10 Stunden angekommen) und hatten 7 Tage lang schoensten Sonnenschein. Am Samstag hat es dann auf der Rueckfahrt geregnet, aber da hat es uns nicht mehr gekratzt. Wir sollten uns das wirklich patentieren lassen – immer wenn wir in Urlaub fahren, scheint die Sonne. Egal wann und egal wo.

Wir hatten uns fuer die ganze Woche in einem B&B in Falmouth einquartiert, mit Seeblick und queen size bed, das uns als king size angepriesen wurde. Dafuer war es sehr bequem. Am Bank Holiday Wochenende war die ganze Stadt mit Touristen voll und, laut Anschlag am Tourismusbuero “there is no accommodation availably in Falmouth today”. Wenn nicht mal die Tourismusbehoerde mehr englisch kann, sieht es duester aus. Es ist auch immer wieder amusierend zu sehen, wie viel die Weglassung eines Kommas ausmacht, zu bewundern auf diesem Schild “Slow men working on verge”. Wenigstens arbeiten sie ueberhaupt, wenn auch langsam! Die erste Frage der B&B Betreiber war “Sind Sie fuer die Konzerte hier?” Anscheinend waren fuer dieses Wochenende Status Quo und Westlife angesagt auf Pendennis Castle, das eine wirklich beeindruckende Lage hoch ueber dem Hafen hat. Als wir die Burg kurz vor dem Westlife Konzert besichtigt haben (und wegen unzureichender Beschilderung die umstaendliche, dreimal so lange scenic route genommen haben), stand die Buehne schon und ueber Lautsprecher kamen Probeklaenge. Und dann sahen wir eine weisse Stretchlimo anrollen …

Falmouth hat 2 Burgen, ein Maritime Museum, viele Gaerten und den dritttiefsten natuerlichen Hafen der Welt (nach Sydney und Rio). Und es ist ein Hafen, in dem viele grosse Schiffe ankern, um repariert oder befuellt zu werden (und von dem aus Ellen MacArthur ihre Weltumsegelung gestarte hat), es gibt also immer viel zu sehen. Wir haben eine Bootsfahrt von Falmouth nach St. Mawes unternommen, wo die zweite Burg liegt, sowie eine zweistuendige Rundfahrt an der Kueste entlang. Falmouth ist fuer seine Austern beruehmt (jeden Oktober gibt es ein Oyster Festival), aber auch sonst gab es enorm viel Fisch und Meeresfruechte angeboten. Lecker.

Unterhalb von Pendennis Castle liegt Pendennis Point, mehr oder weniger ein Parkplatz mit Ausblick, auch fuer Picknicks sehr geeignet, am besten zwischen 6 und 7 fuer die letzte Abendsonne. Die meisten Leute bleiben einfach im Auto sitzen und gucken sich den Ausblick von dort an, wir sind natuerlich ueber alle moeglichen Felsen geklettert und haben eine Robbe im Wasser gesehen.

Lizard Point auf der Lizard Peninsula ist auch sehr huebsch und angeblich der suedlichste Punkt Cornwalls. Am besten parkt man aber im Ort selber und laeuft den Rest, denn der Weg zu den Klippen ist mal wieder eine dieser engen Strassen “not suitable for caravans and HGVs” (heavy goods vehicles). Worauf wir natuerlich prompt steckengeblieben sind, weil von der anderen Seiten zwei caravans angetuckert kamen und ein groesseres Chaos verursacht haben.

Land’s End ist als Vergnuegungspark eine echte Abzocke, aber wenn man nur die £3 Parkgebuehr zahlt und dann ein wenig an der Kueste entlangspaziert, ist es ganz ertraeglich, und wir haben auf den Klippen ein Pferd angetroffen, das da mal eben so rumstand und am Gras kaute.

In Cornwall ist ja nichts wirklich weit voneinander entfernt und alles, was wir uns anschauen wollten, war hoechstens eine Autostunde entfernt, und so sind wir auch nach Truro getuckert, um uns die Kathedrale anzuschauen und das Royal Cornwall Museum. Leider war das Museum geschlossen, und ansonsten gibt’s in Turo eigentlich nur Laeden, also sind wir wieder weitergefahren, nachdem auch der Manta mal wieder Probleme gemacht hat (keine laengere Reise ohne irgendwelche Wehwehchen). Er brauchte dringend neue Batterien fuer seinen Autoalarm, denn wenn der Alarm nicht an- oder ausgeschaltet werden kann, startet der Manta nicht. Der Typ im Spezialgeschaeft guckte sich nur kopfschuettelnd die Batterie and und meinte “Sowas hat hoechstens ein Typ auf dem Markt, aber der ist heute nicht da.” Gluecklicherweise war das eine grobe Falscheinschaetzung der Lage – nebenan bei Woolworth lagen die Batterien zuhauf rum.

St. Ives fanden wir auch nicht so unbedingt den Brueller, das ist so mit Touristen verseucht, das es keinen Spass mehr macht, und du kommst nicht an der Promenade entlang, da die Autos sich auch alle durch die Innenstadt zwaengen, was verboten werden sollte bei Strassen, die bei uns Fussgaengerbereiche waeren. Wenigstens gab es leckere Sandwiches und ich habe Freundschaft mit einer Moewe geschlossen (ob sie aussah als ob sie Jonathan hiesse, kann ich nicht beurteilen).

St. Michael’s Mount ist dagegen recht schnuckelig, eine Burg nahe Penzance auf dem Berg gelegen, der bei Flut nur mit dem Boot erreichbar ist, gefolgt von einem Fussmarsch ueber Stock und Stein. Der dazugehoerige Garten ist zu dieser Jahreszeit leider nur Donnerstags und Freitags zu besichtigen. Am besten man besichtigt so frueh wie moeglich morgens, ansonsten ist die Burg dermassen von Touristen ueberlaufen, dass man eine halbe Stunde fuer ein Boot ansteht.

Ein absolutes Muss ist das Minack Theatre, ein hoch ueber dem See gelegenes Amphitheater, das in den 30er Jahren von einer beherzten Dame, der der Grund gehoert, fast eigenstaendig erbaut wurde. Die Lage ist fantastisch, und man kann an Sommernachmittagen und Abenden gemuetlich sitzen und Shakespeare & Co. fuer nur £7.50 pro Nase geniessen. Haetten wir sofort gemacht, aber das Theater ist dermassen beliebt, dass der ganze Sommer bis in den September hinein schon ausgebucht war. Bei den Preisen und der Lage auch kein Wunder. Ueberall sind Palmen gepflanzt, die dank des milden Klimas in Cornwall gut gedeihen, und direkt daneben fuehrt ein steiler Pfad hinunter zum Strand. Traumhaft.

Den Freitag vor der Abreise, der noch einmal unglaublich warm war, verbrachten wir im Eden Project bei St. Austell, das eine unglaubliche Fuelle von Pflanzen aufweist, innen wie ausserhalb der Dome. Der Biodom mit dem mediterranen Klima war ja noch ertraeglich, den mit dem tropischen Klima habe ich allerdings nach ein paar Minuten schon wieder verlassen, da er bruellend heiss war. Dann gab es noch ein Baehnchen, das im Kreis durch die Gaerten fuhr sowie fuer die Abenteuerlustigen eine Art Seilbahn, die einen einmal quer ueber das Tal traegt, schoen eingehakt in Sicherheitsgurten. Zip-wire nannte sich das glaube ich.

Auf dem Rueckweg sind wir ueber Fowey gefahren, da ich auf der Karte eine Burg eingezeichnet gesehen hatte, und dafuer bin ich ja immer zu haben. Fuer St Katharine’s Castle muss man parken, dann runter zum Strand laufen, den ueberqueren, eine Leiter hochkraxeln und durch ein Waldstueck laufen und dann ist es nur eine Ruine. Aber was fuer eine Aussicht! Ich habe mich auf eine Burgmauer gesetzt, von der man ueber den ganzen Hafen blicken konnte. Da sass ich dann fuer die naechste halbe Stunde in der Sonne, voellig hin und weg und wusste “Das ist wieder einer der magischen Momente”. Ich hatte einen magischen Moment auf Carreg Cennen Castle in Wales, von wo aus man einen ausgezeichneten Rundblick ueber die Breacon Beacons hat und abends um 7 Uhr den Schatten ueber das Tal wandern sehen konnte. Einen anderen magischen Moment hatte ich beim ersten Blick auf Tintern Abbey (auch in Wales), auf Kerrera bei Oban in Schottland und in Irland im Connemara National Park, wo wir fast die einzigen Bewohner des Camping Parks waren in Kuestennaehe, windig aber wunderschoen. Da vergisst man fast den Alltag. Das sind so die Orte, da moechte man stundenlang mit einem Buch sitzen und immer mal wieder aufblicken und die Szenerie auf sich wirken lassen. Oh God, I am waxing lyrical.

Leider haben wir nicht halb soviel anschauen koennen, wie wir gewollt haetten, aber man kann ja wiederkommen, und da uns die Fuesse weh taten und der Manta wieder angefangen hatte zu stottern, haben wir am Samstag doch dankbar bei stroemendem Regen zum Aufbruch geblasen. Wir brauchten dank diverser Staus und stop and gos sage und schreibe ELF Stunden fuer die Rueckfahrt und haben den Sonntag daher dankbar zum Ausspannen und Waeschewaschen genutzt.

Autor: Beate
Beateher@yahoo.com

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Tierfilmer – oder: Das Fernsehen war da …
1, 19 September, 2008, 10:44
Gespeichert unter: Katzen

Es war ein zauberhafter Tag, Donnerstag, um genau zu sein, der Feierabend nahte, unser Büro hatte (tatsächlich mal) alles vom Tisch und wir frönten der Robinson-Philosophie: warten auf Freitag, als mich das Läuten des Telefons aus dem Kreise meiner Kollegen und weg von unserem Last-Minute-Kaffee riss. Wer wollte denn da fünf Minuten vor Feierabend noch was??

Meine Freundin. Gerade hätte bei ihr eine Filmproduktionsfirma angerufen, die auf der Suche nach einem Haufen Kitten – Abteilung fix-niedlich, schön bunt und möglichst wuschelig – für eine Fernsehsendung waren. Ich hätte da doch gerade 14 Stück in aller Herren Länder Farben, die auch noch aussahen wie aufgeplatzte Sofakissen. Das wäre doch mal was und ob sie meine Telefonnummer weitergeben dürfte?

Nun, ich hatte zwar aus einer Beziehung relativ viel Erfahrung mit Filmteams, allerdings waren aufgrund vieler verstrichener Jahre auch relativ viele Erinnerungen entweder gänzlich verschwunden oder hatten ihren unguten Beigeschmack verloren. Dies im Vorwege. Zwar riss es mich irgendwie nicht komplett vom Hocker ob der Aussicht, ein Kamerateam in meine heiligen Hallen zu lassen und ich wusste auch wirklich nicht, wie meine Fellgang auf Anschläge solcher Art reagierte, aber ich dachte mir: „Reklame muss auch mal sein“ und gab die Genehmigung, meine Telefonnummer weiterzugeben.

Ungemein beruhigend war dann der Anruf der Firma am nächsten Tag. Man fragte mich über Katzen und Wohnung aus und informierte mich, dass man gedenke, mit einem kleinen Team zu kommen. So gegen 8 Uhr und man würde auch sicher nicht mehr als drei bis vier Stunden brauchen. Höchstens! Auch würde man alles Notwendige mitbringen, ich bräuchte mich um nichts zu kümmern, bla, bla, bla… Ach so, ein kleines Honorar würde es auch geben, lockte die Stimme.

Spätestens hier hätten bei mir alle Alarmglocken dieser Erde losgehen müssen: Ein KLEINES Team, welches maximal 3-4 Stunden für Dreharbeiten mit einer Katzenhorde brauchen will, nichts umräumt und alles mitbringt?? Never ever – das gibt’s beim Film nicht. Niemals!

Foto: © creative foto (Michael Hirschka) / pixelio

Aber die Alarmglocken läuteten nur zart: Filmteams gelten als äußerst verfressen und haben niemals ihr Pausenbrot dabei. Man muss sie also füttern und tränken. Weiterhin pflegen sie mit größerem Equipment anzureisen, bauen mit Vorliebe Tatorte – ähem – Motive um und schütten sich literweise Kaffee in den Bauch.

Wird schon werden, dachte ich, und besorgte erstmal 25 Brötchen nebst dem dazugehörigen Belag, 3 Pfund Kaffee, ordentlich Milch und Zucker, Plastikgeschirr sowie einen Kasten Kaltgetränke. Außerdem pumpte ich mir beim Nachbarn eine zweite Kaffeemaschine. Besser ist’s. Weiterhin räumte ich den Flur leer und legte – vorsichtshalber – 2 Ersatzrollen Klopapier aus. Die Alarmglocken schlugen nun doch etwas heftiger; Erinnerungen an vergangene Dreharbeiten kamen zurück.

Dann klingelte es und das kleine Team rückte an. Das kleine Team bestand aus ca. 8 – 10 Leuten und einer LKW-Ladung Lampen, Kabel, Kameras, Stativen und, und, und… Die meisten meiner großen Katzen machten sich eiligst vom Acker und bunkerten sich in Büro und Gästezimmer ein. Kater Speedy untersuchte akribisch jedes hereingebrachte Stück und wuselte – getarnt als helfende Pfote – den Leuten zwischen den Beinen herum. Auch ein paar von den Kleinen ließen sich von der hektischen Betriebsamkeit nicht abschrecken und krabbelten in Kisten und Kästen herum. Ich schmierte schon mal die Brötchen und ließ eimerweise Kaffee durchlaufen.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, traute ich meinen Augen nicht. Die ganze Bude war umgeräumt! Im Chaos tummelten sich zwischen Scheinwerfern, Kabeln und Kratzbaum ein paar Lütte, Speedy lang ausgestreckt in irgendeinem Koffer.

Inzwischen war es 11 Uhr geworden und die Arbeiten sollten nun beginnen. Allerdings mussten erstmal die Brötchen verkonsumiert und mit Kaffee heruntergespült werden.

Irgendwer vom Team kam auf die glorreiche Idee, dass es niedliche Bilder gäbe, wenn man die Kleinen beim Wurstklauen vom Brötchen auf dem Tisch drehen würde. Gesagt, getan. Ich organisierte also vier Welpen, setzte diese auf den Tisch vor einen Teller Brötchen und versuchte, ihnen im Schnelldurchlauf den ruchlosen Raub menschlicher Nahrung einzutrichtern. Speedy half, indem er auf meiner Schulter saß und mit der Pfote angelte, die Lütten schauten völlig ratlos drein.

Dafür klappten dann die Spielszenen auf dem Kratzbaum reibungslos und auch die Nummer ‚Katze aus der Kiste’ (alle Kinder in eine Spielhöhle stecken, zuhalten und dann auf Kommando heraushüpfen lassen) war auch nach einigen Versuchen – bei denen sich einige Teammitglieder im Katzen fangen üben durften – im Kasten.

Nach erneutem Umbau des Tatorts Wohnzimmer, der restlosen Vernichtung von Brötchen und Kaffee hatte das Team so gegen 18 Uhr wohl genügend Filmmaterial von spielenden, Wurst klauenden, tobenden und balgenden Katzenkindern zusammen – Gott sei dank! (Wir erinnern uns: max. 3 – 4 Stunden, Beginn 9 Uhr…) Auch das Motiv ‚Kater auf Dosenöffners Schultern herumgetragen’ war nun hinlänglich erschöpft und ich dachte an Feierabend.

Nun begannen auch meine Kitten zu schwächeln und bedurften dringend eines Schläfchens. Dazu zogen sie sich – einer nach dem anderen – ins Schlafzimmer auf’s Bett zurück, was ein Teammitglied mit höchstem Entzücken zur Kenntnis nahm. Resultat: Keineswegs Feierabend. Der Umzug in’s Schlafzimmer wurde eingeleitet. Motiv: Kitten beim pennen. Auch das klappte prima trotz blendender Scheinwerfer und surrender Kamera – die Lütten waren einfach nur platt und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Gegen 20 Uhr kam dann noch irgendwer auf den Spleen, ich könnte mich ja auch in die Koje zu den Katzen legen und so tun, als ob ich schliefe. Vorstellung des Teams: Sabine wirft sich in den Schlafanzug und begibt sich zur Ruhe. Mang die Kitten.

Hier habe ich dann gestreikt. Massiv! Die sollten meine Katzen filmen, nichts anderes. Ich wollte doch den Zuschauern keine visuelle Körperverletzung angedeihen lassen!!

So ungefähr um 21 Uhr war der Spuk dann vorbei. (Wir erinnern – max. 3-4 …) Der Lohn der ganzen Aktion: Eine auf links gekrempelte Wohnung, 50 Euro ‚Gage’ (die bei weitem nicht den Bedarf des Teams an Fourage und Getränken abgedeckt hatten), aber ein Haufen selig durchschlafender Kitten. Wenigstens etwas.

Eine Woche oder so später klingelte das Telefon – die Produktionsfirma. Ob sie denn noch mal zum Drehen vorbei kommen könnten??

Ich habe dankend aber entschieden abgelehnt.

Die größte Enttäuschung kam dann bei der Sendung. Hatte man mir doch versprochen, den Zwingernamen zu nennen, so sah halb Deutschland zwar wenige Minuten lang einen quirligen Haufen niedlicher Coonie-Kinder, wusste aber keinesfalls, wo die herkamen. Soviel zur Werbewirksamkeit.

Einige Zeit später sah ich meine Fellknäuel dann nochmals im TV. Ohne Absprache oder Genehmigung von mir wurden die Wurstklau- und Bettbilder in einer Sendung über Hygiene und Haustiere gesendet. Hier war ich dann heilfroh, dass es keine Namensnennung gab! Was aber wäre gewesen, wenn ich die Schote mit dem ‚ins Bett gehen’ mitgemacht hätte? Au weia! Ich wäre zum Dorfgespött avanciert und hätte mich wahrscheinlich wochenlang nur noch vermummt ins Freie getraut… Das arme Schwein, dass sich hat überreden lassen, mit seinem Hausschwein schlafen zu gehen! In dessen Borsten – äh Haut – möchte ich nicht stecken.

Fazit: Dreharbeiten – wenn überhaupt – nur noch mit meterlangen Verträgen, einer ordentlichen Aufwandsentschädigung sowie einer echten Gage für die Katzen.

Autor: Sabine Pönitsch
sabine-poenitsch@arcor.de

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Mind the Gap 4a
1, 19 September, 2008, 8:32
Gespeichert unter: Menschen

Seit 2003 lebe ich in London. In einer Art Internet-Tagebuch habe ich Freunden und Bekannten in Deutschland in unregelmäßigen Abständen meine Erfahrungen und Erlebnisse geschildert. Dieser Beitrag ist ein Auszug daraus – und die Fortsetzung von „Mind the Gap 3″. Aus technischen Gründen und wegen der Lesbarkeit ist „Mind the Gap 4“ unterteilt in 4a bis 4 c.

Foto: © melascha (Melani Schaller) / pixelio

7. Juli 2005
Der nationale Notstand wurde gerade ausgerufen, habe ich gehoert. Die Krankenhaeuser wurden alle alarmiert, alle Strassen und Tube-Stationen sind abgesperrt, ich weiss nicht mal, wie ich nachhause kommen soll. Meine Kollegin hat im Tunnel festgesteckt und dann den Bus genommen, sie ist heil angekommen. Gott sei Dank war sie nicht in dem Bus am Russell Square. Ich bin ganz zittrig hier.

8. Juli 2005
Was fuer ein Tag gestern! Es hat eine Weile gedauert, bis die Tragweite des Geschehens den Weg ins Gehirn gemacht hat, aber dann wurde ich doch ganz schoen zittrig. Und dankbar, nochmal so davon gekommen zu sein, da die Anschlaege nicht weit von mir entfernt passiert sind, und ich das Ganze nur verpasst habe, weil ich gestern 20 Minuten zu frueh im Buero war – 10 Minuten vor dem ersten Anschlag. Dann kamen die ersten Internet-Berichte und die SMS von einer Kollegin, die im Tunnel festsass. Da habe ich beschlossen, meine Mutter anzurufen und ein Rundmail an Freunde zu schicken, da auch das Mobilfunknetz so gut wie zusammengebrochen war. Es kamen so viele Privatanrufe fuer Kollegen herein wie sonst in einem ganzen Jahr nicht.

Nachhause zu kommen war ueberraschend einfach, obwohl ich nach Tower Gateway laufen musste, da die DLR von Bank station aus nicht fuhr. Ich habe noch nie soviel Menschen zu Fuss unterwegs gesehen, die Stimmung war gedrueckt, aber jeder war hilfsbereit und hat den richtigen Weg gewiesen. Ich bin am Tower vorbeigelaufen, der mitsamt Tower Bridge in strahlendem Sonnenschein stand, was mir ein ganz merkwuerdiges Gefuehl gab – das ist London und ich lebe hier und lasse mich nicht unterkriegen.

Ich weiss nicht, ob ich einen Schock erlitten habe, aber als ich zuhause war, ging’s mir nicht so gut. Ich hatte Kopfweh und war entsetzlich muede. Die ganze Energie war weg, ich wollte nur noch ins Bett, habe aber dann doch noch Leute angerufen und die Nachrichten angeschaut.

Heute morgen war der Weg zur Arbeit so wie immer, nur dass ich noch frueher losgefahren bin, weil ich nicht wusste, ob Bank station wieder offen war. Die Bahnen waren nicht sehr voll und gespenstisch still – jeder sass nur da, in die Zeitung vertieft. Im Buero war auch noch fast niemand. Ich bin bloss froh, dass heute Freitag ist.

11. Juli 2005
Hatte ein nettes Wochenende, viel Sonnenschein und Wohnungsverschoenerung. Kam heute Morgen im Buero an und sah furchtbar viele weisse Zelte vor dem Fenster auf dem Rasen. Wir schauen auf einen grasbewachsenen grossen Innenhof, der oft fuer Sportspiele etc. genutzt wird. Auch Armyhubschrauber landen und starten sehr oft von dort. Die weissen Zelte habe ich also kaum beachtet. Bis einer meiner Chefs reinkam und mit der Zeitung wedelte: „Da sind die Leichen drin“, sagte er und zeigte den Artikel rum, in dem steht: „The remains have all been taken to a military site, the Honourable Artillery Company at City Road, London, close to King’s Cross. Large white tents have been erected in the grounds and police are standing guard. Post-mortem examinations began on Saturday.“ Ich hab vor lauter Entsetzen Migraene bekommen.

14. Juli 2005
Emails gehen rum: Man soll in seinem Handy unter ICE (In Case of Emergency) eine Nummer fuer den Notfall eingeben.

Dann war heute die zweiminuetige Schweigeminute. Alle gingen vors Haus (in den Schatten, es herrscht naemlich tropische Hitze hier), und Punkt 12 fuhren alle Busse und Taxis rechts ran und alle verstummten schlagartig. London ohne Laerm ist recht gespenstisch.

Im Innenhof sind immer noch die weissen Zelte aufgebaut, bewacht von Polizisten, und werden da bestimmt noch wochenlang stehen.

Und im Fernsehen ist von Selbstmordattentaetern die Rede und dass das jederzeit wieder passieren kann.

Es macht zur Zeit keinen Spass, in London zu leben.

15. Juli 2005
Gestern wurde Teil meiner Strasse abgesperrt wegen eines „suspect package on the bus“. Die fire brigade und die Polizei war auch vor Ort, und es stauten sich innerhalb kuerzester Zeit 4 Busse, die nicht umgeleitet werden konnten.

Heute Morgen war Bank station gesperrt wegen eines security alerts, so dass mein Zug nach Tower Gateway umgeleitet wurde. Dort angekommen, kam die Meldung, dass Bank wieder offen ist. Da die Circle Line, die ich sonst haette nehmen muessen, sowieso suspended war, bin ich eben eine Station zurueckgefahren und in den Bank train gestiegen. Von dort aus bin ich gelaufen, was gut war, denn dann haben sie Moorgate Station gesperrt. Zur Zeit sind echt alle hypernervoes.

22. Juli 2005

Gestern waren ja erneut Anschlaege, nur dass diesmal niemand ernsthaft verletzt wurde, und seitdem ist die Anspannung gross. Polizei hat heute morgen eine Verdaechtigen erschossen, der einen dicken Mantel anhatte. Staendig fahren Polizeiwagen mit grossem Ta-tue-ta-ta vorbei, ich glaube, die Hysterie ist nicht mehr weit. Heute abend ist Firmenbarbecue, aber ich will nur noch nach Hause.

25. Juli 2005
Ich konnte mir nicht verkneifen, Harry Potter am Eroeffnungswochenende zu lesen, nachdem ASDA das Buch fuer die Haelfte verschleudert hat. Ueberall im Land wurden Potter-Parties abgehalten, aber das war mir dann doch zuviel des Guten. John meinte nur ganz unglaeubig: “Auf welcher Seite bist du jetzt? Wie, du hast es schon ausgelesen?”

Letzte Woche parkte The World vor meinem Fenster – ein grosses Kreuzfahrtschiff, das beinahe die ganze Woche vor Anker lag. Jetzt weiss ich auch, dass man “liner” oder “cruise ship” sagen muss. Ich hatte John am Telefon vom “cruiser” erzaehlt, und der verband ein Kriegsschiff mit dem Ausdruck!

Letzten Dienstag habe ich einen Arztbesuch absolviert,und da es sich um einen Leberfleck handelte, den ich genauer untersucht haben wollte, habe ich mal spasseshalber versucht, das Ganze ueber meine private Krankenversicherung abzuwickeln, damit es etwas schneller geht. Aber wie ueblich ist auch ein Arztbesuch mit viel Buerokratie verbunden. Mein Hausarzt hat den Spezialisten angeschrieben, der mich dann zwecks Termin anschrieb. Ich musste dann aber erst meine private Versicherung anrufen und eine Genehmigung einholen. Die wies ich daraufhin, dass ich eine Selbstbeteiligung von 100 Pfund habe fuer die erste Behandlung, dass es ein neuer Anspruch sein muss, also nichts, das man schon seit 2 Jahren hat und beobachten lassen will, und dann wurde mir ein Formular zugeschickt, das ich von meinem Hausarzt ausfuellen lassen sollte. Ich hatte aber schon einen Termin mit dem Spezialisten ausgemacht, so dass die Zeit knapp wurde, daher bin ich mit dem Formular zur Hausarztpraxis gerannt und habe darum gebeten, es schnell auszufuellen, mir aber schon gedacht, dass es nicht ernst genommen wird. Demzufolge war das Formular am Abend auch noch nicht ausgefuellt. Zwei Tage spaeter konnte ich es dann endlich losschicken und habe dann am Tag des Termins noch bei der Versicherung angerufen, ob das jetzt ok geht.

Jetzt will ich auch meine Augenarztbesuche wieder aufnehmen, die ich frueher in 6monatigem Abstand hatte. Da es sich leider um etwas handelt, das routinemaessig gemacht werden muss, wird die Privatversicherung wohl nicht einspringen, so dass mir mein Hausarzt nun einen Termin mit der NHS besorgen will. D.h., er muss an ein Krankenhaus schreiben und die schreiben dann mir mit entweder einem Terminangebot oder der Aufforderung, sie zwecks Terminabsprache anzurufen. Und das dauert auch nur einen Monat oder zwei. Warum ist hier bloss alles immer so kompliziert?

Am Wochenende haben John und ich unser dreijaehriges Kennenlernjubilaeum gefeiert mit einem Restaurantbesuch (das Thai-Restaurant um die Ecke) gefolgt von Kino (Madagascar). Manche Maenner sind aber echt keine Romantiker. “Was, du willst eine Karte? UND Blumen? Mannomann!”

Am Sonntag fing es dann an zu regnen, so dass der traditionelle Besuch von Greenwich Market buchstaeblich ins Wasser fiel. Wir haben es uns eben zuhause mit der Zeitung gemuetlich zu machen versucht, aber die Schlagzeile war, dass der mutmassliche Terrorist, der am Freitag erschossen worden war, total unschuldig war. Zeiten sind das, wirklich. Man traut sich gar nicht mehr vors Haus mit all den Terroristen und schiesswuetigen Polizisten. Am Freitag hat mir der Evening Standard Verkaeufer ein Poster in die Hand gedrueckt “London stands united”. Muss ich mir das jetzt ins Fenster haengen?

Jetzt ist also wieder Montag, es regnet, und ich bin total genervt von meiner Kollegin, die sich mal wieder aufspielt, als gehoere ihr der Laden. Gott sei Dank ist mein Urlaub nur noch knapp 2 Wochen entfernt.

24. August 2005
So, jetzt bin ich also wieder aus Schottland zurueck. Zwei Wochen sind zu kurz um dieses wunderschoene Land zu erkunden, aber die gruenen Berge und blauen Seen der Highlands und Islands werden mir noch lange in Erinnerung bleiben, und wenn sie verblassen, muss ich mir nur meine 17 Filme anschauen! Das Wetter war in der ersten Woche sehr sonnig, in der zweiten eher durchwachsen, aber nicht wirklich schlecht.

Hier in London regnet es dafuer seit Sonntag, und ich freue mich schon sehr auf das verlaengerte Wochenende (Montag ist hier Bank Holiday). Urspruenglich hatten wir darueber nachgedacht, fuer das Wochenende nach Tintern, Wales zu fahren, aber da Johns Auto immer noch Mucken macht, kommt er jetzt mit dem Zug her und je nach Wetterlage fahren wir vielleicht einen Tag nach Brighton oder bleiben ganz einfach zuhause.

Da der Urlaub eine nicht ganz unbetraechtliche Delle in mein Konto geschlagen hat, habe ich heute morgen per Internet-Banking Geld von meinem deutschen Konto auf mein englisches transferiert, als EU-Ueberweisung. In fruehestens drei Tagen wird das Geld auf dem Konto sein, dachte ich. Nur spasseshalber habe ich eine halbe Stunde nach der Transaktion mein englisches Konto gecheckt. Das Geld war schon drauf. Ich bin sprachlos.

30. August 2005
Ein dreitaegiges Wochenende ist immer was Schoenes. Ein Bank Holiday Weekend, an dem die Sonne scheint, ist was Besonderes. Und dieses Wochenende hat die Sonne wirklich um die Wette geschienen. Also haben wir gemacht, was Millionen anderer Londoner auch machen, und sind nach Brighton gefahren. Mit dem Zug ist das nur eine Stunde. Ich war ja noch nie in Brighton und daher nicht ganz vorbereitet auf den Endlosstrand, gesaeumt von riesigen weissen Hotels, und dem Pier, der ein langgezogener Vergnuegungspark ist. Habe John gezwungen, mit mir eine Wild River Fahrt zu machen, wo man richtig schoen nass gespritzt wird. War bei den Temperaturen das einzig Wahre. Nach Fish&Chips, kaltem Bier und einem momentanen Kontrollverlust beim Kauf von einer Million Muscheln beschlossen wir, was fuer die Kultur zu tun. Die Tourist Information war leider in der Innenstadt, und um die zu finden, haben wir am Pier fuer 1 Pfund einen Stadtplan aus dem Automaten ziehen muessen. Wenigstens haben wir auf die Weise auch die huebschen Innenstadtgaesschen nicht verpasst, und die Dame an der Information erklaerte uns haargenau, welchen Bus wir zum Engineerium nehmen muessen, wo John unbedingt hin wollte, weil da alte Dampfmaschinen und anderes Ingenieurzeug ausgestellt ist. Der Bus nach Hove war voller bayerischer Touristen, aber das Museum war total leer und als John dann noch von einem Museumsangestellten hinter die Kulissen in den Workshop gefuehrt wurde, war er seelig. Danach haben wir uns noch den Pavillon angeschaut, den King George IV fuer sich im orientalischen Stil hatte bauen lassen. Ein unglaubliches Bauwerk, innen wie aussen. Nach einer weiteren Stunde an der Strandpromenade, wo wir ein neues Spiel erfunden haben (Muecken mit Steinwuerfen erledigen, und nein, es funktioniert nicht wirklich), waren wir so fussmuede, dass wir uns zurueck zum Bahnhof geschleppt haben. Der Montag wurde dann mehr oder weniger auf dem Sofa verbracht, aus Regenerationszwecken. Aber wir werden bestimmt wieder nach Brighton fahren!

31. August 2005
Mann, ist das heiss hier! Es hat 30C, und es ist noch nicht mal 10 Uhr morgens. Ich wurde unter falschen Versprechungen von Regen und kaltem Wetter nach England gelockt! Die letzten zwei Jahre hatten wir total heisse Sommer hier, wo hingegen es in Deutschland schuettete. Meine Mutter klagte ueber den elenden Sommer und ich pflege hier meinen Sonnenbrand. Ich will mein Geld zurueck. Habe heute schon versucht, meinem Boss das Konzept von “hitzefrei” beizubringen. Das Wort gibt’s hier gar nicht.

Immerhin kann ich abends auf dem Balkon sitzen und das Treiben auf der Themse beobachten. Es ist faszinierend, wieviele verschiedene Boots- und Schiffsarten es gibt. Von den antiken Segelschiffen (Lady Daphne) bis zum ultraschnellen Tate Boat gibt es alles. Schlepper, Yachten und kleine Segelschiffe kommen vorbei, die vielen Touristenboote und die Dixie Queen, ein alter Raddampfer, und ab und an ein Kreuzfahrtschiff oder ein Kriegsschiff. Obwohl ich die meisten Schiffe jetzt schon kenne, wird es doch nie langweilig. Am 16. September faehrt eine Regatta die Themse runter von Greenwich in die Innenstadt, zu Ehren Nelsons oder so. Leider ist das ein Freitag, was bedeutet, dass ich es verpassen werde! Na ja, man kann nicht alles haben.

22. September 2005
England ist eine 15-Minuten Gesellschaft. Ganz abgesehen, dass sich hier keiner laenger als 15 Minuten auf irgendwas konzentrieren kann, dauern auch Arzttermine nie laenger. Ich bin mit einer Latte von Dingen, die ich durchsprechen wollte, zu meinem Arzt gegangen und nach 15 Minuten wurde der nervoes und meinte, wenn ich noch mehr haette, muesste ich einen zweiten Termin ausmachen. Und dann hat er mich sanft rausgeschmissen. Da war ich erstmal sprachlos.

Sprachlos war ich auch, als ich dann versucht habe, die diversen Arzttermine bei den Fachaerzten zu machen. Hier muss einen ja erst der Hausarzt ueberweisen, d.h. der schreibt an das Krankenhaus einen Brief, und die schreiben mir dann einen Brief, in dem eigentlich nur drinsteht, dass ich sie zwecks Termin anrufen soll. Und auf diesen Brief wartet man hier Monate. Die Englaender haben wirklich das schlimmste Gesundheitssystem ueberhaupt. Wenn der Brief nach Monaten irgendwann kommt (auf den vom Moorfield Eye Hospital warte ich immer noch), dann heisst das noch lange nicht, dass man sofort einen Termin bekommt. Nochmal 2 Monate Wartezeit sind total normal. Mein Arzt meinte zynisch, das sei auch der Grund, dass die Briefe so spaet kaemen, auf diese Weise koennten die Krankenhaeuser die offizielle Wartezeit herunterschrauben. Anstatt mir sofort einen Termin fuer in 4 Monaten zu geben, warten sie 2 Monate und geben mir dann einen Termin in 2 Monaten. Kein Wunder, dass John dachte, ich verarsche ihn, als ich in Deutschland mal krank war und zu ihm sagte, ich haette den Arzt angerufen und koennte am naechsten Tag vorbeikommen. Und dann ist die NHS keineswegs so kostenlos, wie man immer denkt. Ganz abgesehen davon, dass ich fuer einen guten Service lieber ein paar Pfund extra zahlen wuerde, kosten hier Zahnarzt- und Augenarztbehandlungen sowieso, und eine Rezeptgebuehr gibt’s hier auch. In Deutschland bekommt man meiner Ansicht nach bessere, schnellere und billigere Hilfe. Ihr schuettelt euch wahrscheinlich, wenn ich sage, dass ich hier noch nie beim Zahnarzt war. Ich kann einfach keinen in der Naehe finden, der noch Platz in seiner Patientenliste hat, und da bin ich nicht die einzige. Halb London hat keinen Zahnarzt. Ihr deutschen Zahnaerzte, bitte kommt hier rueber!

Am Freitag wurde die Beerdigung von Nelson nachgestellt, und wie vor 200 Jahren fuhren eine Menge Schiffe die Themse hinunter. Haette ich nicht arbeiten muessen, haette ich das Ganze bequem von meinem Balkon aus beobachten koennen, so bin ich eben in der Mittagspause nach London Bridge gefahren und habe mir die Prozession von South Bank aus angeschaut. Am Samstag fand dann zwischen Richmond und Island Gardens das Great River Race statt und diesmal haben wir eifrig vom Balkon aus Fotos gemacht. Es war wunderbar sonniges Wetter, aber richtig warm war es nicht, und am Sonntag wurde es noch kaelter, so dass wir nur kurz ueber die Greenwich Markets gelaufen sind (der Buchstandbesitzer kennt mich jetzt schon persoenlich und gibt mir Sonderrabatt, weil ich soviel chick-lit kaufe). Das Car Free Festival haben wir wegen der Kaelte etwas links liegengelassen, und ausserdem war ich so muede. Meine Kollegin ist zur Zeit im Urlaub und ich mache die meiste ihrer Arbeit auch noch mit.

Seit letzter Woche bin ich auch stolze Besitzerin eines neuen Handys, nachdem das alte nach 2 ½ Jahren immer mehr Mucken hatte. Jetzt habe ich sogar eine Kamera drin, und habe Stunden damit verbracht, einen Klingelton einzustellen und sonstige Justierungen vorzunehmen. Die Nummer habe ich von meinem alten Telefon rueberretten koennen, obwohl ich jetzt bei einem anderen Betreiber bin. Fuer die Aushaendigung meines alten Telefons + Charger gab es einen Gutschein von £50, den ich gleich dazu genutzt habe, ein neues Telefon fuer meine Wohnung zu kaufen, da das alte ab und zu total spinnt.

Im Oktober kriege ich mal wieder Besuch von meiner Journalistenfreundin anlaesslich des London Film Festivals, und da wir beide Joseph Fiennes Fans sind, gehen wir dann auch gleich in sein neuestes Theaterstueck “Epitaph for George Dillon”. Endlich kommt mir das mal zugute, dass ich in London wohne! Obwohl es ja doch so ist, dass man weniger unternimmt, wenn man hier lebt als wenn man Tourist waere und versuchten wuerde, alles Moegliche in eine Woche zu packen. Ken Livingstone hat aber gestern “Everyone’s London” eroeffnet – eine neue Initiative, um von jetzt bis Ende Maerz die Touristen anzulocken, nehme ich mal an. Man bekommt Ermaessigungen in vielen Museen, Gallerien, Musicals, Ausstellungen und Attraktionen wie London Eye, Mme Tussauds, Dungeon, Aquarium, Zoo etc., wenn man im Besitz eines gueltigen Tube tickets fuer diesen Tag ist,und das ist ja nun jeder normale Londoner.

Letztens hat John wieder eine Beschwerde an Chiltern Railways losgeschickt. Die haben zur Zeit mal wieder fast jedes Wochenend Gleisarbeiten, was ja ok waere, wenn er da nicht staendig umgeleitet wuerde. Diesmal musste er von Paddington aus los und waere 3 Stunden spaeter in Birmingham New Street angekommen, das ist ungefaehr eine Stunde laenger als ueblich. Also haben wir bei Chiltern angerufen um zu fragen, ob die Beschraenkungen fuer seine Fahrkarte (abends erst nach 19.30 fahren) von Paddington unter diesen Umstaenden auch gelten. Was fuer Beschraenkungen, am Wochenende gibt’s nie Beschraenkungen, kam der Bescheid. Na gut, hat er einen frueheren Zug genommen. Der dann in Paddington erst mal eine Viertelstunde stand, weil erst ein Ersatzfahrer gefunden werden musste. Der Anschlusszug nach Oxford war dann auch weg, so dass er dort zu spaet ankam fuer den Anschlusszug nach Brum. Eigentlich haette er ueber eine Stunde auf den naechsten warten muessen, was die gesamte Fahrzeit auf 4 Stunden hochgeschraubt haette, aber ein Stationsbeamter riet ihm, einfach den naechsten Virgin-Zug zu nehmen, was er auch tat. Natuerlich war der Schaffner des Virgin-Zugs darueber nicht begeistert und hat ihn gescholten, dass er das haette nicht machen duerfen, hat ihn aber weiterfahren lassen. Was mal wieder beweist, dass Zugangestellte keine Ahnung haben – von Chiltern Customer Services kam dann auch ein Email zurueck, dass die Fahrkartenbeschraenkungen sehr wohl am Wochenende auch gelten. Den Schaffner in Paddington hatte das aber nicht gestoert. Da soll noch einer durchblicken.

Seitdem faehrt er wieder jedes Wochenende mit dem Auto her, worauf das natuerlich mal wieder stehen blieb, direkt vor ASDA. Er hatte schon vorher bemerkt, dass der Motor manchmal einfach ausging, was ja enorm gefaehrlich sein kann, wenn man sich gerade auf der Ueberholspur befindet. Sein Mechaniker nannte ihm zwei Moeglichkeiten, also hat er ein Ersatzteil austauschen lassen (Moeglichkeit 1), und falls es doch noch stehenblieb, hatte er ein Austauschkabel dabei (Moeglichkeit 2). Das Auto blieb stehen, John tauschte das Kabel aus, aber die Karre sprang trotzdem nicht an. Also rief er die AA an, nachdem er erstmal ordentlich geflucht hatte. Da stellte sich dann heraus, dass sein Bruder damals die Mitgliedschaft zwar in Johns Namen aber mit seiner eigenen Adresse bestellt hatte, also musste John erstmal seinen Bruder zwecks Verifizierung der Adresse anrufen, denn natuerlich kannte er die Adresse nicht. Der Bruder kannte Johns Adresse auch nicht, weswegen er seine eigene angegeben hatte. Manchmal weiss man einfach nicht, was man sagen soll. Nachdem die AA seinen Anruf dann samt Adresse akzeptiert hatte, kam der Mechaniker auch schnell an und hatte nach einer halben Stunde die Wurzel allen Uebels gefunden. Er spruehte irgendwas in den Motorraum, das half, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, warum, meinte aber, er braeuchte einen neuen Distributor (in Fachkreisen “Dissy” genannt, was sich fuer mich eher nach einer beschraenkten Blonden anhoert), weil das Spray nur kurzfristig helfe. Und dann erzaehlte er noch, dass er laut AA-Regeln eigentlich nicht so lange nach dem Defekt haette forschen duerfen, sondern nach 15 Minuten haette den Abschleppwagen rufen muessen. Ich sag’s ja: England ist eine 15-Minuten Gesellschaft.

7. Oktober 2005
Am Samstag hatte ich Krach mit John, weil er, nachdem er eine neue Fernbedienung fuer seinen kleinen Fernseher gekauft und alle Programme schoen hatte eintunen lassen, den Fernseher nach London brachte, ohne zu wissen, wie man die Programme selber eintunt, und natuerlich waren vier der fuenf Programme regional und ploetzlich weg. Und ich hatte ihn ja auch nur drei Tage hintereinander angefleht, den TV-Mann zu fragen, wie das geht (Bedienungsanleitung war nirgends dabei). Hat er natuerlich nicht gemacht, weil, sowas ist doch selbsterklaerend, oder nicht? Oder nicht. Wenigstens hat der DVD-Spieler mit dem neuen Fernseher tadellos funktioniert.

Am Sonntag ist meine Kollegin Constanze von Hammersmith nach Limehouse umgezogen, und John und ich haben ihre Sachen mit dem Manta durch London transportiert. Das Ganze hat mehr als 4 Stunden gedauert, Londoner Verkehr ist echt furchtbar. Dafuer ist sie jetzt happy in einem kleinen Haus mit einem Iren und einer Franzoesin – flatsharing ist ja die Norm hier in London, weil das Leben sonst zu teuer ist – jede zweite Wohnung wird von einer WG belegt. Ich find’s auch nett, dass sie jetzt in meiner Gegend gelandet ist, wo sie doch am Anfang nach Nordlondon wollte. Sie sagte, es war sehr interessant, durch Wohnungssuche Londoner Gegenden kennenzulernen und wie Leute wohnen. Einmal waere sie beinahe in einem Drogenloch gelandet!

Ich organisiere gerade einen Empfang fuer meinen alten Boss, der soeben in Ruhestand getreten ist, und abgesehen davon, wieviel bei sowas schiefgehen kann (z.B. ein Zahlendreher in allen Einladungen), ist es immer wieder erstaunlich, was fuer Zungenbrecher man in Menus so finden kann. Ich habe keine Ahnung, was “marinated haloumi” ist, und auch “wilted Bok Choi” laesst mich relativ ratlos. Und bei den “Holistic Healing Salads” habe ich dann gestreikt. Sowas fangen wir hier doch gar nicht erst an. Ich hab’s trotzdem geschafft, ein nettes Buffet zusammenzustellen. Ich komme mir hier aber immer mal wieder doof vor bei der internationalen Kueche, die in London sehr vertreten ist. Speziell bei indisch, das den Englaendern so im Blut liegt wie uns chinesisch und italienisch, habe ich keine Ahnung, was das alles ist. Dabei ist chicken tikka massala ja schon sowas wie ein englisches Nationalgericht. Apropos Essen – ich war heute Mittag wieder mal beim Borough Market, um mich fuers Wochenende mit deutschem Brot, Lyonerwurst und Maultaschen einzudecken. Es lebe der German Deli!

Naechstes Jahr werden die Preise fuer die Tube angehoben (das ist ja nichts Neues), aber Ken Livingstone kam auf die gloriose Idee, das Ganze billiger zu machen fuer Leute mit pre-pay oyster cards (Karten, die man mit einem bestimmten Betrag auffuellen kann, der bei jeder Benutzung entsprechend geringer wird). Was jetzt £2 kostet, wird naechstes Jahr £3 kosten, aber £1.50 fuer die pre-payer. Damit will er jeden zwingen, eine oyster card zu kaufen, auch die Touristen (angeblich spart das Wartezeiten an den Schaltern, weil keiner mehr fuer eine Einzelfahrkarte anstehen wird). Wenn ihr also sparen wollt, muesst ihr bei eurem naechsten Besuch hier am Bahnhof als allererstes eine oyster card erwerben und mit soviel Geld fuellen wie ihr gedenkt zu verfahren. Das Geld wird abgebucht, wenn ihr die Karte auf den Leser draufhaltet bei jedem Ein- und Aussteigen (“touch in and out”). Und die oyster card wuerde ich dann aufheben fuer weitere Besuche. Travelcards kann man auch auf die oystercards drauftun, aber die Wochenend travelcard gibt’s nicht mehr, und ich ueberlege nun, ob es billiger waere, meine jaehrliche travelcard, die in einem Monat auslaeuft, dann auf pre-pay umprogrammieren zu lassen. Warum muss der Kerl alles so kompliziert machen?

Jetzt versucht er auch noch, die Londoner zum Recycling zu kriegen. Neulich war in meinem Briefkasten ein entsprechender Brief plus rosa Plastiktasche, die man mit Recyclingdingen (kunterbunt durcheinander) fuellen soll und jeden Donnerstag vor die Haustuer stellen. Finanzielle Anreize gibt’s natuerlich keine, ausser dass jeden Monat 10 Haushalte ausgewaehlt werden, die dann £50 gewinnen koennen, vorausgesetzt, sie haben das richtige Recycling vor die Tuer gestellt. Ich bin ja im Grunde fuer Recycling, aber ich musste dann doch lachen. Glaubt er im Ernst, vielbeschaeftigte Londoner stuerzen sich enthusiastisch auf einen rosa Plastiktasche, die, einmal vors Haus gestellt, wahrscheinlich nie wieder gesehen wird? Get real. Ich bin ja sowieso schon die einzige im Viertel, die brav Papier und Flaschen zum naechsten Container schleift. Ich sollte Ken vielleicht mal einen Brief schreiben, wie das in Deutschland so gehandhabt wird.

Vor 2 Tagen habe ich mir morgens entweder einen Muskel gezerrt oder einen Nerv eingeklemmt, mein Arm tat jedenfalls hoellisch weh, und ich habe es geschafft, meinem Doktor ein “emergency appointment” fuer den gleichen Morgen zu entlocken. In dem mir dann beschieden wurde, dass ich Ibuprofen (Schmerzmittel) nehmen soll und mich ansonsten ausruhen. Darauf haette ich auch alleine kommen koennen. Eine Spritze gab’s natuerlich keine, dafuer haben mich die Schmerzmittel dermassen muede gemacht, dass ich am Tag darauf frueher von der Arbeit nach Hause bin. Heute bin ich dann nochmal zum Arzt (den Termin hatte ich schon laenger), wo mir ein neues Schmerzmittel verschrieben wurde, nachdem ich ueber die Muedigkeit geklagt habe. Warum ging das denn nicht gleich? Es hat sich dann auch herausgestellt, dass der Brief vom Moorfields Eye Hospital schon vor Monaten an mich geschrieben wurde, mich aber wegen einer falschen Wohnungssummer nie erreichte. Dies fand ich durch ein Gespraech mit jemandem vom Krankenhaus heraus, die mich argwoehnisch fragte, wo ich ihre Nummer her haette. Ich meinte dann, sowas Dummes, aber dann kann ich ja jetzt einen Termin mit Ihnen ausmachen. Nein, das geht nicht, mein Arzt muss dem Krankenhaus nochmal einen Brief schreiben, die mir nochmal einen Brief schreiben, und DANN ERST ist es mir erlaubt, anzurufen und einen Termin auszumachen. Ich glaub ich bin im Irrenhaus.

Immerhin hat John von Chiltern Railways tatsaechlich einen £5-Voucher fuer seine Alptraumfahrt vor ein paar Wochen bekommen. Und gleich ist Wochenende. Man wird ja schon fuer kleine Dinge dankbar.

12. Oktober 2005
So, der Fernseher zeigt jetzt alle Programme, obwohl er BBC1 nicht mag, da muessen wir noch feinjustieren. Die TV Licence soll ja auch demnaechst wieder teurer werden und bis 2013 £50 mehr kosten als jetzt. Dafuer will die BBC dann weniger Wiederholungen zeigen. Aber die sind doch gerade das Gute!

Befinde mich die naechsten 2 Wochen im sozialen Overkill: fuer das Wochenende haben sich sowohl eine Freundin als auch ein Verwandter angesagt, dann gehe ich naechste Woche auf eine Cocktail-Party fuer Sekretaerinnen, gefolgt von Kino und Theater am Wochenende darauf, wenn meine Journalistenfreundin hier aufschlaegt.

Es ist unglaublich warm hier, und ich sollte eigentlich arbeiten, aber nur die Haelfte der Buerobesetzung ist da, und irgendwie habe ich keine Lust. Bin noch total voll von den Spaghetti Carbonara, die die Bedienung zwar nicht buchstabieren konnte, aber brav gebracht hat. Ich hatte mir ja fuer heute vorgenommen, das Chaos meines Chefs aufzuraeumen, aber das ist kein kleiner Job bei dem messie. Vielleicht sollte ich einfach in sein Buero gehen, die Tuer zumachen und mich unter dem Schreibtisch zum Mittagsschlaefchen zusammenrollen. Mein Vorgaenger hat das angeblich immer im Konferenzraum gemacht.

28. Oktober 2005
Letzten Samstag ist John endlich hierher gezogen! Er hat seinen Job aus medizinischen Gruenden aufgegeben (er hat eine Allergie bekommen gegen die Produkte, mit denen er hauptsaechlich arbeitet) und ist jetzt auf Arbeitssuche hier und im Kampf mit den Behoerden. Erstmal muss er sich beim Arbeitsamt anmelden und viele Formulare ausfuellen. Das Bloede ist, dass er fuer fast alles einen proof of address braucht. Hier gibt es kein Melderegister, so dass man sich den Adressbeweis ueber verschiedene Dokumente erwerben muss, unter anderem eine Gas/Strom/Wasser- oder Telefonrechnung (sogenannte utility bills) oder die TV Licence (eine Art GEZ Gebuehr). Die TV Licence hatte ich aber erst kuerzlich fuer ein Jahr erworben, Wasser zahlen wir momentan keins, BT weigert sich, die Telefonrechnung auf mehr als einen Namen auszustellen, und London Energy ist dazu zwar grundsaetzlich bereit, will aber Johns Namen auf dem Mietvertrag sehen. Gott sei Dank habe ich einen gutmuetigen Vermieter, der einen Monat vor Ablauf des alten Vertrages einen neuen Vertrag auf beide Namen ausstellt, fuer die naechsten 12 Monate. Den kriegen wir aber auch nicht vor dem Wochenende, und da die naechste Stromrechnung drei Monate weit weg ist, ist das auch nicht der Brueller. Ohne utility bill kann er aber auch den freedom pass nicht beantragen, der ihn zu freier Benutzung des oeffentlichen Verkehrs berechtigt. John hat sich sofort auf das Wahlregister setzen lassen, aber das wird nicht vor Januar aktualisiert, und die Bestaetigung kriegt er auch erst dann. Das einzige, was mir jetzt noch einfaellt ist die Adressaenderung bei seiner Bank und den sofortigen Ausdruck einens neuen Kontoauszugs an die neue Adresse. Unter anderem zu diesem Zweck ist er am Donnerstag nach Birmingham gefahren. Er braucht auch noch seinen letzte Gehaltsabrechnung sowie den P45 von seinem Chef, mit Brief, dass er gekuendigt hat. Dann muss er noch einen Nachsendeantrag bei der Post stellen, den Rest seiner Sachen packen, verschiedene andere Kleinigkeiten erledigen und seinem Grundstuecksmakler einen Besuch abstatten – es hat naemlich endlich jemand fuer das Haus ein Gebot abgegeben! Und waehrend er Sachen ins Auto gepackt hat, kam noch ein zweiter Hausinteressent. Irgendwie passiert immer alles auf einmal.

Dann sind wir auch momentan auf der Suche nach einem Zahnarzt. Ich war hier noch kein einziges Mal, weil es so schwierig ist, angenommen zu werden. Es gibt hier leider nicht soviele Zahnaerzte, wie man braeuchte. Neulich habe ich mir von der NHS Seite die Zahnaerzte um mich herum ausgedruckt, und da stand auch schon immer dabei, ob die Patienten annehmen und welche. Die “charge exempt” adults werden gerne genommen, das sind Leute, die nicht zahlen muessen, da sie z.B. arbeitslos sind. Das Geld kommt dann von den Behoerden an den Zahnarzt, das muss unproblematischer sein. Jetzt rege ich mich gerade auf, dass ich letztes Jahr, als ich einen Monat arbeitslos war, mich nicht beim naechsten Zahnarzt habe registrieren lassen. Wenn man dann Arbeit findet, koennen sie einen auch nicht so einfach wieder von der Patientenliste werfen. Das sind eben die Tricks, die man hier kennen muss.

Immerhin muss ich jetzt keine Rezeptgebuehren fuer Medikamente zahlen, obwohl ich immer noch nicht genau weiss, warum. Mein Arzt diagnostizierte neulich eine leichte Schilddruesenunterfunktion, nichts Dramatisches, aber anscheinend ist diese Kondition ernst genug, um ab sofort von ALLEN Medikamentengebuehren, ganz egal fuer was, befreit zu sein. Unser netter Apotheker hat uns darueber aufgeklaert. Sachen gibt’s …

Ich ueberlege auch ernsthaft, mir die Grippeimpfung, den sogenannte flu jab, beim Arzt zu holen, da es ja jetzt fuer mich kostenlos ist, und die Impfung im Buero ist noch Wochen entfernt. Ich bin ja normalerweise kein Schisshaase, aber es gibt eine derartige Panikmache hier wegen der bird flu, es macht ueberhaupt keinen Spass mehr, Zeitung zu lessen, und ich hatte letztes Jahr die richtige Grippe, ich werde jetzt ein wenig nervoes. Auf der anderen Seite wird der Winter hier angeblich so brutal kalt, dass wir ihn alle sowieso nur mit Muehe ueberleben (eine Energiekrise wird prophezeit), also ist es gerade egal. Ich werde in den naechsten Wochen verstaerkt ins Kino gehen muessen, bevor uns Ereignisse mit Menschenmassen verboten werden wegen der Ansteckungsgefahr. Auch Massenimpfungen in Supermaerkten waren schon im Gespraech.

“Epitaph for George Dillon” im Comedy Theatre West End mit Joseph Fiennes kann ich uebrigens waermstens empfehlen! Nach der Vorstellung haben Constanze, Susanne, John und ich uns auf die Suche nach der Buehnentuer gemacht, was sich einfacher herausstellte als gedacht, als wir nach einem Meter ums Eck bei einer Tuer ankamen, die gross “STAGE DOOR” ueber dem Tuerrahmen geschrieben hatte. Joe kam dann sogar ziemlich schnell raus und gab Autogramme, bevor er zu Fuss mit Freunden das Weite suchte. Wir hatten Plaetze in der ersten Reihe, wo man etwas den Nacken verrenken musste, um alles zu sehen, dafuer hatten wir die totale Beinfreiheit. Im Kino am Tag davor (Woman in Winter mit Jamie Sives, der anwesend war) habe ich allerdings total gelitten, da ich ueberhaupt nicht wusste, wo ich meine Fuesse hintun sollte. Beim Rausgehen hat Susanne mich dann in die Rippen gehauen, und ich habe erst hinterher rausgefunden, dass das “Jamie Sives ist genau neben dir!” hiess. Tja, wie ein richtiger Londoner habe ich mich eben schon so an die Praesenz von Stars gewoehnt, dass ich sie gar nicht mehr beachte. *arrogantguck*

30. November 2005
Misery ist zur Zeit mein Zweitname! Absolut gar nichts geht voran, funktioniert oder laeuft richtig, und die meisten Katastrophen passieren wie immer Calamity John. (Achtung, die folgenden Ereignisse enthalten ein Uebermass an Frust!)

Ich hatte ja damals den Kampf mit Virgin Internet aufgegeben, weil die immerzu nur behauptet haben, es laege an meinem Computer, dass ich nicht mehr einwaehlen koennte. Das war im April oder so. Jetzt kam John mit seinem Virginanschluss hier an und wollte natuerlich ins Netz. Aber Virgin liess auch ihn nicht. Nach zahllosen Anrufen, wo ihm alles moegliche vom Himmel runter erzaehlt wurde, geriet er dann tatsaechlich an einen Techniker, der zugab, dass Virgin Probleme mit der Einwahlnummer fuer 24/7 hat. Pay as you go funktioniert, hat er getestet, und Broadband wuerde auch, da beides auf einem anderen Server liege (?). Daraufhin haben wir beschlossen, Broadband (DSL) zu gehen, da das nur unwesentlich teurer ist und die Installationsgeraete kostenlos zur Verfuegung gestellt werden. Die Bestellung und Installation etc. hat merkwuerdigerweise auch tadellos geklappt, aber John konnte noch immer nicht einwaehlen. Gluecklicherweise sah ich, dass er nur seine Einwahldaten vermurkst eingegeben hatte, das Problem war also schnell geloest. Wir sind also zuhause wieder online, hurra! Es wurde auch Zeit, denn in der Zwischenzeit wurde mir im Buero das Internet fast voellig weggenommen. Man hat nur noch Zugang vor und nach der Arbeit, sowie zwischen 13 und 14 Uhr (Mittagspausenzeit fuer die meisten). Das allein ist ja schon voellig hirnrissig, denn will man waehrend der Arbeit etwas Geschaeftliches nachschauen, muss man zum einzigen Computer, der rund um die Uhr Internet hat, so dass sich alle um ihn balgen. Zumindest dachte ich, es waere der einzige, bis sich herausstellte, dass die Bosse noch Zugang haben, und die Sekretaerin des Oberbosses auch noch, denn die braucht das ja selbstverstaendlich. Die Stimmung ist auf alle Faelle auf dem Nullpunkt. Dazu kommt, dass mein Internet, seit ich Broadband habe, bei manchen Sachen einfach streikt. Neulich wollten wir was bei ebay einstellen, sind aber immer nur in einer Schleife bei deren Homepage angekommen. Bei meinem Yahoo Account, den ich ueber webmail abfrage, kann ich bestimmte Befehle nicht mehr betaetigen (es tut sich nichts, wenn man auf die Antworten und Verschieben Buttons drueckt), und als ich mich auf einer Internetseite registrieren wollte, kam konstant eine Fehlermeldung und der Befehl, mein Geburtsdatum anzugeben (was ich gerade getan hatte).

Zu allem Ueberfluss kam eine neue Council Tax Rechnung an, die nur beruecksichtigt, dass er bei mir eingezogen ist (mein 25% Rabatt ist jetzt floeten), dafuer aber seiner Arbeitslosigkeit nicht Rechnung traegt (Arbeitslose muessen ihren Teil der Council Tax nicht zahlen). Als ich daraufhin anrief, wurde mir mitgeteilt, dass sie mein Guthaben von der alten Rechnung gegenrechnen werden (warum wurde das denn nicht gleich gemacht?) und die Rechnung erstmal auf Eis gelegt wird, bis Johns Antrag durch ist. Puh. Dann kam aus Birmingham ein Scheck ueber zuviel gezahlte Council Tax, den er brav zur Bank brachte, da er dachte, das sei das Ergebnis seines Antrages dort. War angeblich aber ein Fehler. Er muss zwar ab jetzt erstmal dort keine Council Tax zahlen, aber das Geld wollen sie wieder, weil das falsch berechnet wurde. Wir haben jetzt einen Brief geschrieben, dass er kein Geld hat und ob sie im die Kohle nicht erlassen koennen. Ich habe ja nicht viel Zuversicht, aber John erzaehlte mir von einem Vorfall vor etlichen Jahren, wo ihm zuviel Benefit bezahlt wurde. Er bekam die gleiche Summe zweimal, einmal direkt aufs Konto, und einmal als Scheck in der Post. Und das ueber Monate, da es ihm keiner glauben wollte. Als er die Behoerde endlich vom Sachverhalt ueberzeugen konnte, haben die ihm das Geld erlassen, da es ja ihr Fehler war. Mal schauen …

Sein Nachsendeantrag bei der Post funktioniert auch nur sporadisch, was wir erst gemerkt haben, als eine Mahnung fuer eine Gasrechnung kam, die er nie zu Gesicht bekommen hatte. Am Anfang war er noch jede Woche einmal nach Birmingham gefahren, um nach dem rechten zu sehen, das hatte er auch mittlerweile aufgegeben. Da wir am letzten Wochenende aber sowieso zum German Market nach Birmingham wollten und ganz allgemein Weihnachtseinkaeufe erledigen, sind wir Freitag abend losgeduest. Er fand zuhause nicht nur besagte Rechnung sondern vier weitere Briefe mit unterschiedlichen Daten, das passiert also regelmaessig! Da ein Nachsendeantrag hier nicht gerade billig ist, habe ich gestern einen Beschwerdebrief an die Royal Mail losgelassen, in der wir das Benzin fuer die Reise nach Birmingham wiederhaben wollen.

Besagte Gasrechnung war dann auch noch drastisch falsch, da ihm irgendeine supply charge fuer die letzten 8 Jahre berechnet wurde, obwohl der Gaszaehler erst im Juli diesen Jahres eingebaut wurde. Auch British Gas hat daraufhin einen Beschwerdebrief erhalten, hoffentlich sehen die ihren Irrtum bald ein.

Der Hausverkauf geht auch nur in merkwuerdigen Hopsern voran, wenn man das ueberhaupt als Fortschritt bezeichnen kann, wenn regelmaessig Angebote unter Wert hereinkommen von schlauen Indern, die genau wissen, dass der Markt gerade tot ist und die deshalb abends zu dritt anruecken, eine Stunde in der Kueche verhandeln und “Mr John” ueberhaupt nicht zuhoeren, wenn er ihnen den Mindestpreis nennt und dass sie ausserdem ueber den Makler gehen muessen. Er lebt in einem Viertel voller Inder, und die wollen alle gerne “privat” kaufen, was immer der Vorteil ist. Leider verlangen Makler auch Gebuehren, wenn man privat verkauft, waehrend man einen Vertrag mit ihnen hat, so dass ihm das ueberhaupt nichts bringt, ausserdem ist es ja nunmal deren Job, nicht seiner.

Der German Market war schoen, aber die Preise sind natuerlich astronomisch, alles 1:1 von Euro in Pfund umgerechnet wurde. Ein Adventskranz sollte £16 kosten! So wichtig ist es mir dann auch wieder nicht. John war wieder im siebten Himmel bei Christstollen und Feuerzangenbowle und ich habe mich durch alle angebotenen Wurstsorten durchgegessen. Ein paar Weihnachtseinkaeufe habe ich auch schon mal erledigt. In Borders koennte ich ja immer Stunden verbringen, waehrend John sich demonstrativ in den naechstbesten Sessel pflanzt und sagt “Weck mich in einer Stunde”.

Wir sollen ja heuer einen strengen Winter hier kriegen, was natuerlich wie alles relativ ist. Schnee gab’s erstmal nur in Schottland, Wales und Cornwall, mittlerweile hat er sich bis in die Midlands breit gemacht, was gar nicht gut ist fuer unseren naechsten Birmingham-Besuch, wenn er liegenbleibt. Winterreifen hat hier trotzdem keiner und auch sonst sind alle ziemlich unvorbereitet. Wir koennen bloss hoffen, dass die Gasvorraete nicht ausgehen, aber fuer alle Faelle haben wir ja noch einen kleinen Elektrikofen auf der Buehne. British Gas Techniker wollen ja auch demnaechst fuer bessere Bedingungen streiken, was etliche Zeitungen dazu veranlasst hat, “Hunderte von Menschen werden diesen Winter wegen British Gas Streik sterben!” zu schlagzeilen.

Wenigstens habe ich jetzt eine NHS Medical Exemption Certificate Karte, gueltig bis Ende 1010, bin also jetzt offiziell von allen Rezeptgebuehren befreit. Die Grippeimpfung haben John und ich auch vor ca. 3 Wochen hinter uns gebracht, die dieses Jahr von meiner Praxis kostenlos an alle verteilt wird, nicht nur an die Alten und Schwachen. Deswegen ist jetzt die Regierung sauer, weil der Impfstoff auszugehen droht, da heuer wegen der Vogelgrippe viel mehr Leute als sonst eine Impfung haben wollen. Diese Leute werden die “worried well” genannt, auch so ein Unwort, das einfach nur alle beschreibt, die sich zuviele Sorgen machen, obwohl sie doch gesund sind. Meiner Erinnerung nach war der Impfstoff aber letztes Jahr auch schon knapp, also alles Ausreden.

Die Pink Recycling Bag haben wir natuerlich auch noch nicht erhalten, obwohl wir seit Monaten jede Woche einmal bei denen anrufen und jedesmal eine andere Ausrede erhalten. Die beste Ausrede bisher war, dass unsere Wohnungsnummer gar nicht existiert, da wir in 1E leben, die Zahlen in unserem Haus gehen aber anscheinend nur bis D. Jetzt schreibe ich einen erzuernten Brief, ich bin gerade so in der Stimmung! *Beateaufdemkriesgpfad*

Gerade habe ich auf dem Nachhauseweg im Vorbeilaufen den ersten geschmueckten und erleuchteten Weihnachtsbaum in einem Wohnzimmer gesehen. Und es ist noch nichtmal Dezember.

15. Dezember 2005
Die Royal Mail hat sich entschuldigt fuer die Pannen mit dem Nachsendeantrag, aber Entschaedigung fuer die Kosten kriegt er erst, wenn das nochmal ungefaehr zwei mal passiert. Wenigstens ist die Gasrechnung sortiert – anstatt ueber £300 bezahlen zu muessen, ist er ploetzlich sogar im Plus.

Letzten Montag gingen John, Constanze und ich in eine Vorpremiere von “The Family Stone”, da ich auch hierfuer Freikarten ergattert hatte. Die beiden fanden den Film schoen, ich fand ihn zu amerikanisch und schmalzig. Mrs Henderson Presents dagegen ist wirklich klasse! Nach dem Kino fand ich dann mein Handy nicht mehr und befuerchtete schon, ich haette es verloren. Es fand sich aber am naechsten Tag im Buero wieder. Ohne Handy kommt man sich richtig amputiert vor!

Das Wochenende haben wir in Birmingham verbracht, um noch ein letztes Mal ueber die Maerkte zu schlendern, Johns Familie einen Besuch abzustatten, sein Auto durch den TÜV zu schicken (fiel glatt durch, quelle surprise) und unsere Haare schneiden zu lassen. Und Harry Potter haben wir auch noch angeschaut. Am Sonntag morgen waren wir dann noch bei Johns Bruder zu Besuch, der fragte, ob wir schon von der Explosion im Hemel Hempstead gehoert haetten. Hatten wir nicht. Ein Riesenoeldepot war in die Luft gegangen und die M1 war daraufhin gesperrt, so dass wir einen Umweg fahren mussten. Kurz vor London erspaehte ich ploetzlich eine riesige schwarze Wolke vor uns, richtig unheimlich. Durch die mussten wir auch durchfahren, also haben wir alle Ventile im Auto geschlossen, das Zeug soll ja giftig sein. Persoenlich habe ich keine Auswirkungen davongetragen, aber ich wohne ja auch am andere Ende der Stadt. Nach drei Tagen und Millionen Liter Schaum war der Brand dann endlich geloescht.

Da letzten Mittwoch schon die ersten Weihnachtskarten fuer uns ankamen, haben ich also jetzt meine und Johns rausgeschickt – vorbereitet waren sie eh schon.Weihnachten faengt hier aber auch schon so verrueckt frueh an. Den Weihnachtsbaum haben wir gestern erst erstanden und noch nicht mal geschmueckt, dabei hatte jeder andere den Baum schon Anfang Dezember aufgestellt. Ich habe schon Panik geschoben, dass wir keinen schoenen Baum mehr abkriegen! Jetzt bin ich gerade fieberhaft dabei, meine Geschenkeliste fertig zu stellen und zu hoffen, dass ich auch ja niemanden vergessen habe. Eigentlich wollte ich die Arbeitskollegen nicht unbedingt bedenken, habe aber leider vor ein paar Tagen herausgefunden, dass zwei meiner englischen Kolleginnen Constanze und mir etwas schenken, jetzt muss ich mir da auch noch was einfallen lassen. Und wenn wir schon dabei sind, koennte man eigentlich dem und der und dem auch noch eine Kleinigkeit … Stress pur. Gestern waren Constanze und ich auf einer Cocktail-Party und den Inhalt der Goodie bag kann man Gott sei Dank gut weiterverschenken. Und morgen ist unsere Weihnachtsfeier. Um 10 vor 12 Uhr geht’s los zum Restaurant, und laut Constanze kann das Ganze gut und gern bis 17 Uhr dauern, bis dann in einem Club weitergefeiert wird. Au weia.

Das Schmidt Magazin sagt zu Weihnachten folgendes: “Die Riten der Briten sind anders, auch und erst recht an Weihnachten. Dass es die Geschenke erst am Morgen des 25. Dezember gibt, ist noch er geringste Unterschied. Da waere noch der Weihnachtskarten-Wahnsinn, die Begeisterung fuer Praesentkoerbe oder der Faible fuer Christmas Crackers – kein Knabbergebaeck, sondern huebscsh verpackte Knallbonbons im Klorollen-Pappen-Format. Fuer uns Deutswhe hat Weihnachten ja eher besinnlichen Charakter. Auf der Insel laesst man es krachen. Und schliesslich das Essen. Truthahn ist ja okay, aber der Nachtisch… Vermutlich gilt bei Christmas Pudding das Marmite-Prinzip: Man muss mit dem Zeug aufgewachsen sein, um es zu lieben. Die halbkugelfoermige, klebrig-glibberige Gaumenfreude besteht aus Rosinen, Zucker, Semmelbroeseln, Mehl, Oel, etwas Sherry und Gewuerzen. Probieren Sie’s bitte, einmal wenigstens. Danach duerfen Sie Christmas Pudding gerne verschenken – mit einem schadenfrohen Grinsen im Gesicht, als ganz besondere Spezialitaet.”

21. Dezember 2005
Die Weihnachtsfeier habe ich gut ueberstanden, obwohl das Ganze natuerlich laenger ging als geplant. Dann hatten wir gestern noch ein „Team Meeting“, bei dem jeder durch Tombolalos ein Geschenk bekam – Wichteln heisst hier Secret Santa. Die Kartenmanie ging dann munter weiter, als einige Kollegen im Hauruckverfahren absolut jedem eine Karte hinlegten – nach der fuenften wurde es mir zu bunt und ich habe einen Emailkartengruss an alle losgeschickt. Natuerlich kam ich dann nach Hause und fand Karten vor von zwei Freunden, die ich doch glatt vergessen hatte, so dass ich auf die Schnelle noch zwei schreiben musste. Naechstes Jahr decke ich mich mit einem Riesenvorrat ein. Am Freitag duerfen wir schon um die Mittagszeit gehen und ich werde mit John noch die essentiellen Dinge wie mince pies einkaufen (die heuer auch mit nach Deutschland genommen werden, soll meine Mutter ruhig auch in den Genuss der englischen Weihnachtsscheusslichkeiten kommen). Am Samstag mittag geht’s dann essen, und am Sonntag, was ja hier der wichtigste Tag ist, bleiben wir zu Hause und kochen uns was Schoenes. Das wird dann auch so ungefaehr der einzige Tag sein, an dem ich ein bisschen Ruhe finde, denn am zweiten Weihnachtsfeiertag (Boxing Day) geht’s in aller Herrgottsfruehe zum Flughafen (und natuerlich faehrt die DLR so frueh noch nicht, und der Stansted Express existiert nur as bus replacement service, aber ich bin ja Kummer gewohnt). Hoffentlich geht auch alles glatt – der Exodus aus London hat heute begonnen, und in den naechsten Tage werden Tausende von Menschen nach Hause oder in den Urlaub fliegen. In Deutschland soll’s ja Schnee und Minusgrade haben… Am 1. Januar fliegen wir wieder zurueck, der 2. Januar ist hier noch Feiertag, so dass ich wenigstens noch zum Waeschewaschen komme, bevor das Buero wieder ruft.

Heute ist nicht nur winter solstice sondern auch noch Elton Johns Hochzeitstag, was hier natuerlich breit getreten wird, obwohl es streng genommen nicht die „gay marriage“ ist, als die es immer propagiert wird, sondern „nur“ eine civil partnership, die auch zwei Mitbewohner eingehen koennten, sollten sie irgendwelche staatlichen Steuerrechte haben wollen. Ich persoenlich haette ja schon bis zum neuen Jahr gewartet, sonst ist es wieder so schwierig, die Weihnachts- und Hochzeitsgeschenke auseinanderzuhalten, aber fuer viele konnte der Tag eben nicht frueh genug kommen.

23. Dezember 2005
Vorgestern Nacht um 1 Uhr schreckte ich aus dem Schlaf hoch, als ploetzlich ein unglaublich lauter Alarm losging. Es klang sehr nah, und wir fanden dann heraus, dass der Alarm aus der Wohnung unter uns kam. Wir riefen die Polizei an, die sagten, dass wir nicht die ersten Anrufer waren, dass sie aber leider nichts tun koennten, da niemand etwas Verdaechtiges gesehen hatte und es sich daher nicht um einen Einbruch handeln koennte. “Diese Dinger gehen staendig los, die gehen auch wieder aus”. Ja, Pustekuchen. Der Alarm rasselte fuer eine ganze Stunde, dann brach er ab – aber nicht vollstaendig. Ein monotones Piepen blieb, laut genug, um es zu hoeren und mich vom Schlafen abzuhalten. Am naechsten Tag riefen wir unseren Vermieter an, der uns riet, die Managing Agents anzurufen. Die hoerten sich das Ganze an und meinten, sie wuerden sich drum kuemmern – aber vielleicht erst morgen. Als dann heute der Alarm immer noch bliepte, rief ich noch einmal an und kam nicht durch. Mein Chef riet mir, das Environmental Health Office anzurufen, die seien fuer so etwas zustaendig. Die reagierten auch total schnell, setzten sich mit den managing agents in Verbindung und standen dann bei uns auf der Matte und hoerten sich den Radau an. Sobald sie eine court order haben, koennen sie dann einbrechen und den Alarm abstellen. Die managing agents bleiben standhaft, dass sie kein Recht dazu haben, die Wohnung ohne Vorankuendigung zu betreten, aber ich arbeite in einer managing agent Firma und mein Boss meinte, das sei Bloedsinn. “Im Vertrag steht im Normalfall, dass man im Notfall durchaus die Wohnung betreten kann, und ich sehe das als Notfall an, ganz besonders ueber die Feiertage.” Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.

Die Environmental Health Officer sind um 16 Uhr eingebrochen, haben den Alarm abgestellt und ein neues Schloss angebracht. Die Schluessel muss sich der Eigentuemer bei der Polizeiwache abholen, wenn er aus dem Urlaub zurueckkommt. Das nenne ich mal schnelles Reagieren, ich bin total beeindruckt!

Autor: Beate
Beateher@yahoo.com

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Wale und schräge Vögel – Whale Watching auf Teneriffa
1, 18 September, 2008, 5:55
Gespeichert unter: Sonstige

Montag, 28.07.2008: Oh Schreck, oh Not – ein Boot!
Morgens um 5:15 Uhr werde ich von einem sonderbaren Geschrei und Gequäke geweckt. Das kommt von draußen! Auaauaauaauawääääh! Aha: Gelbschnabel-Sturmtaucher! Reiseleiter Jack hatte uns deren Geschrei vorgemacht und vorher noch hoch und heilig versichert, dass er absolut nüchtern sei und uns auch nicht zum Besten halte. Diese Vögel schreien wirklich so. Gerhard sagt, er habe das Geräusch schon am Tag mal gehört und gedacht, das sei ein besonders nerviges Kinderspielzeug. Mir ist das entgangen, ich höre die jetzt zum ersten Mal. Gesehen habe ich noch keinen. Ich gehe hinaus auf die Terrasse um vielleicht mal einen der Schreihälse zu Gesicht zu bekommen. Witzlos: Es ist noch stockdunkel.

Oh Schreck, oh Not am frühen Morgen: Jemand hat meiner besseren Hälfte am Vorabend von der „Expedition Wale und Delfine“ vorgeschwärmt. Und jetzt ist er wild entschlossen, diese Whale-Watching-Tour auch mitzumachen. Wale sieht man sonst nur im Fernsehen, meint er, und nun habe man mal die Chance, die Tiere leibhaftig zu sehen, also sollte man sie auch nutzen.

Ja, schon klar. Aber mich bedeutet das „Boot fahren“. Ich werde mich von jetzt an bis zu der Sekunde, da wir wieder an Land sind, fürchten. Eine alberne Furcht, ich weiß das. Und ich vermute, sie ist auch nur erlernt. Meine Mutter konnte nicht schwimmen und hatte schreckliche Angst vor Schiffen und Booten, das ist bei mir irgendwie hängen geblieben. Gerhard lacht mich aus: „Das ist ein Katamaran und keine Schiffschaukel“. Das Ding fahre sicher und ruhig und ich solle mich doch bitte nicht so anstellen. Damit hat er zweifelsohne Recht, aber mir sind nun mal große Wasseransammlungen unheimlich. Vor allem, wenn ich mittendrin bin.

Wir buchen die Tour für kommenden Donnerstag.

Wir latschen zum Bootshafen Puerto Colón und sehen uns die FREEBIRD ONE an, den Katamaran, der uns zur Wal-Expedition bringen wird. Wobei „Expedition“ ja schon ein gar großes Wort ist für einen Halbtagesausflug. Egal. Hauptsache, die FREEBIRD bringt uns wieder sicher zurück.

Das Unternehmen, das die gesammelten Boote, Kats, Jet-Skis und all das Gerödel da unter sich hat, hat einen Stand am Bootshafen. Ich nehme einen Flyer über die Whale-Watching-Tour mit und lese alles gründlich durch. Angeblich passen 200 Leute auf den Kat, sie nehmen aber nur 100 mit, damit die auch alles was sehen können. Ob es auch ein Klo an Bord gibt? Schreiben tun sie nichts darüber …

Jetzt, nachdem ich Katamaran und Flyer gesehen habe, bin ich doch zuversichtlich, dass ich die „Expedition“ überleben werde. Lacht ihr nur, ihr Seebären und Wasserraten! Ich bin eben ein Landei und werde auch eins bleiben.

Donnerstag, 31.07.2008: Auf Whale-Watching-Fahrt mit der „Freebird One“
So, nun ist es so weit, es gibt kein Entkommen: Ich muss aufs Schiff. Besser gesagt, auf den Katamaran FREEBIRD ONE, denn heute für heute ist die Whale-Watching-Tour angesagt. Der Bus holt uns vor dem Hotel ab und wir fahren zum Puerto Colón, wo die FREEBIRD ONE schon auf uns wartet. Im Gänsemarsch geht es an Bord und an allen Ecken und Enden werden die kleinen Mia-Sophies, Marie-Madeleines und Sven-Olivers von ihren Eltern lautstark ermahnt, nur ja nicht so wild herumzuturnen, damit sie nicht über Bord fallen. Was nicht viel nützt. Sie hampeln und klettern, turnen und hüpfen, was das Zeug hält. Auch wenn man die elterliche Sorge verstehen kann, die Kinder verstehe ich auch: Für die ist das Schiff ungleich interessanter als irgendwelche Meeresbewohner. Sollen sie doch turnen! Ins Wasser geplumpst ist zum Glück keines.

Die deutsche Meeresbiologin Imke greift zum Mikrophon und heißt uns willkommen. Wir fahren nun hinaus aufs Meer und suchen zwischen Teneriffa und La Gomera die Wale. Eine Garantie, dass wir welche sehen werden, kann sie natürlich nicht geben. Aber die Chancen stehen gut. Wir sollten auf schwarze Flossen und den Blas (die Wasserfontäne, die der Wal beim Atmen ausstößt) achten. Und vielleicht haben wir sogar das Glück und sehen Delfine – was vielleicht bei jeder dritten Ausfahrt klappt. Etwa 90 Tiere soll es entlang der Westküste geben.

Im Bereich der Kanarischen Inseln konnten 27 verschiedene Wal- und Delfinarten nachgewiesen werden. Dies sind erstaunlich viele Meeres-Säugetierarten im Vergleich zu anderen Gegenden. Einige Arten durchstreifen die Kanaren auf ihren Weg in andere Regionen, andere sind ortsansässig (Großer Tümmler, Pilotwal).

Delfine (Gemeiner Delfin, Großer Tümmler) sind auf dem Kanarischen Archipel häufig anzutreffen. Ihr Brutgebiet liegt zwischen Teneriffa und La Gomera. In Küstennähe schwimmen sie in kleinen Schwärmen von 10-50 Exemplaren. Auf hoher See können die Gruppen jedoch mehrere hundert Tiere groß sein.

Rund 250 bis 300 Indische Grindwale (= Pilotwale, Kurzflossen-Grindwale) leben dauerhaft in der Meerenge zwischen Teneriffa und La Gomera. Das sind etwa 30 Grindwal-Gruppen – und die wohl weltweit größte Population dieser Meeressäuger. Eigentlich ist es ungewöhnlich, sie hier anzutreffen, denn normalerweise bevorzugen sie kühlere Gewässer und ziehen bei der Nahrungssuche weit übers Meer. Doch im kalten Kanarenstrom fühlen sie sich wohl, das Wasser ist ruhig und es ist reichlich Nahrung vorhanden ist. Sie vertilgen täglich 50 bis 60 kg kleine Fische, doch ihre Lieblingsspeise sind große Kalamare. Um die zu erwischen, müssen sie bis zu 900 m tief tauchen. Sie machen Beute, tauchen damit auf und verzehren sie in Ruhe nahe der Oberfläche. Ein so ein Riesenkalmar bringt ca. 40 kg auf die Waage, der Tagesbedarf eines Grindwals liegt also bei einem bis zwei solcher Beutetiere.

Bis zu 15 Minuten kann ein Grindwal unter Wasser bleiben. Schon eine Leistung, in der Zeit 900 m tief zu tauchen, einen Kalmar zu fangen und wieder aufzutauchen! Bis zu 3 Tauchgänge pro Stunde hat man bei manchen Walen gemessen.

Grindwale tauchen vor allem abends und nachts, was am Lebensrhythmus ihrer Beute liegt. Kalmare jagen nachts und kommen dabei näher an die Oberfläche, der Wal muss also für seine Beute nicht ganz so tief tauchen.

Wer’s genau wissen will: Ordnung der Wale (Cetacea)
* Bartenwale (Mysticeti)

o Glattwale (Balaenidae)
o Zwergglattwale (Neobalaenidae)
o Grauwale (Eschrichtiidae)
o Furchenwale (Balaenopteridae)
* Zahnwale (Odontoceti)
o Pottwale (Physeteridae)
o Schnabelwale (Ziphiidae)
o Gangesdelfine (Platanistidae)
o Flussdelfine (Iniidae)
o Gründelwale (Monodontidae)
o Schweinswale (Phocoenidae)
o Delfine (Delphinidae)

Der Indische Grindwal gehört zur Unterordnung der Zahnwale (Odontoceti), zur Familie der Delfine (Delphinidae), zur Gattung der Grindwale (Globicephala). Seine Art nennt man Kurzflossen-Grindwal und sein wissenschaftlicher Name lautet Globicephala macrorhynchus. An ihrer stark gebogenen Rückenflosse sind sie leicht zu erkennen.

Männchen werden 6 – 8 m lang, bis zu 2,5 Tonnen schwer und rund 40 Jahre alt. Weibchen werden ca. 4 m lang und bis 60 Jahre alt. Das Weibchen erreicht die Geschlechtsreife nach 6 Jahren und ist etwa 15 – 16 Monate trächtig, ehe es ein Jungtier zur Welt bringt. Sie säugen ihre Kälber zwei bis fünf Jahre lang.

Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Grindwale beträgt ca. 6 km/h, bei Gefahr können sie jedoch auch bis zu 45 km/h erreichen.

Sie orientieren sich akustisch, durch Echolokation. Das ist ein von den Fledermäusen bekanntes Prinzip, bei dem Schallwellen (im Fall der Wale: Klicklaute) ausgesendet, von der Umgebung reflektiert und wieder empfangen werden. Aus den reflektierten Schallwellen lässt sich dann ein recht präzises Bild der Umwelt machen.

Trotzdem haben sie Augen, die unter und über Wasser scharf sehen können. Die Tiere kommen ja ursprünglich vom Land. Im Lauf der Evolution haben sich ihre Augen dem Sehen im Wasser angepasst.

Wenn sie sich einen Überblick darüber verschaffen wollen, was über der Oberfläche los ist, können sie sich für einen Moment senkrecht stellen und aus dem Wasser schauen. Orcas machen das, Grindwale seltener – aber man kennt es von Delfinen, wo dieses Phänomen für Delfinschauen gerne genutzt wird.

Dadurch, dass die akustische Orientierung für die Wale so wichtig ist, sind sie auch empfindlich in Bezug auf Lärm. Man vermutet, dass der zunehmende Lärm ein Grund dafür ist, dass sich immer mehr Wale verirren und orientierungslos irgendwo stranden. Man versucht daher, beim Whale-Watching die Tiere möglichst wenig zu belästigen, indem man die Maschinen der Schiffe ausschaltet, sobald man in die Nähe einer Walgruppe kommt. Und ihnen auch nicht allzu lange und zu intensiv auf die Flossen rückt.

Nach all der theoretischen Betrachtung der Wale, ist es irgendwann auch praktisch so weit: Die ersten Flossen kamen in Sicht! Ein vielstimmiges „Aaaah!“ und „Oooh“ geht durch die Menge, als die Wale links und rechts vom Katamaran auftauchen. Mal einzeln, mal zu zweit, mal eine Mutter mit Kalb. Es sind halt wirklich Tiere, die man sonst nur im Fernsehen sieht. Insbesondere für Landeier wie uns ein ganz besonderes Erlebnis.

Wohl nicht für alle. Ein Teenie-Girl sitzt auf auf der Aussichtsplattform am Bug. Als die Wale zum Greifen nahe an uns vorbeischwimmen, hat sie praktisch einen Logenplatz. Doch statt auch nur einen Blick an die imposanten Meeressäuger zu verschwenden, tippt sie eifrig SMSse. Ich glaub’, wenn ich das zu meiner Teeniezeit gewesen wäre, mein Vater hätte das Handy ins Meer geschmissen. Nicht, dass ich das als erstrebenswerte Erziehungsmaßnahme ansehe …

Die Passagiere rennen mit ihren Kameras von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück, je nachdem, wo sich das interessantere Schauspiel bietet. Mit den Digitalkameras kann man ja heute ohne Rücksicht auf Verluste Fotos machen und das, was nix taugt, kostenneutral löschen. Manch einer wird erst daheim am Computer gesehen haben, was er auf der Fahrt erlebt hat.

Irgendwann kommt auch die Frage auf, die sich mein Vater schon vor Jahrzehnten gestellt hat: Wie schläft eigentlich ein Meeressäuger? Er kann ja nicht gänzlich geistig wegtreten, er muss ja immer noch auf- und abtauchen. Und ein bisschen aufpassen, wo er hinschwimmt. Des Rätsels Lösung, die zu finden wir damals auch lange gebraucht haben: In der Erholungsphase der Wale schläft immer nur eine Gehirnhälfte, die andere bleibt wach. Nach einer Weile wechseln sie sich ab. Das Gehirn erholt sich sozusagen in Wechselschicht.

Woher man das weiß? Man hat es an Delfinen im Delfinarium untersucht und nimmt an, dass es sich bei den Walen genauso verhält.

Gelbschnabel-Sturmtaucher
Die Vögel, die wir hinter dem Hotel nächtens schreien hören, sehen wir beim Whale Watching endlich auch mal: Die Gelbschnabel-Sturmtaucher. Sie dümpeln in einer kleinen Gruppe auf den Wellen und ruhen sich aus. So aus der Ferne hätten wir sie für Möwen gehalten, eine gewisse Ähnlichkeit besteht auch, aber verwandt sind die Gelbschnabel-Sturmtaucher mit den Albatrossen.

Der Gelbschnabel-Sturmtaucher (Calonectis domeda) ist eine Vogelart aus der Ordnung der Röhrennasen. Er wird bis zu 50 cm lang und erreicht eine Spannweite von 115 cm. Sein Gefieder an der Oberseite ist grau-braun, an der Unterseite ist er weiß. Der Schnabel ist schmutzig-gelb mit einem grauen Fleck an der Spitze.

Gelbschnabel-Sturmtaucher sind Zugvögel. Im Frühjahr nisten sie an den Klippen im Mittelmeer und Nordatlantik, ab Oktober ziehen sie zum Überwintern an die Küsten Nordamerikas oder Afrikas. Der Vogel ist hervorragend an küstennahes Leben angepasst. Ernährung, Rast und Paarung finden auf dem offenen Meer statt, wo sich der Vogel auch schwimmend im Wasser erholt. Nur zum Nisten kommen sie im Mai an Land. Sie graben eine bis zu 2 m tiefe Nisthöhle oder legen ihr einziges, weißes Ei direkt auf die Klippen. Das Ei wird von beiden Eltern insgesamt 55 Tag lang bebrütet. Die Jungtiere sind im September flügge und ziehen im Oktober mit ihren Eltern in wärmere Gefilde. Ein Gelbschnabel-Sturmtaucher-Paar bleibt ein Leben lang zusammen.

Wie alle Röhrennasen ernährt sich auch diese Sturmtaucherart von kleinen Fischen, Tintenfischen und sogar Abfall.

Die Sturmtaucher sind hervorragende Flugakrobaten, die direkt über der Meeresoberfläche fliegen. Di Sturmtaucher segeln mit dem Auftrieb und bewegen dabei kaum die Flügel. Vom Wasser aus starten sie, indem sie kurz auf der Wasseroberfläche laufen.

Bei Wikipedia steht: „Die Rufe der Gelbschnabel-Sturmtaucher kann man in den frühen Abendstunden und am Morgen hören. Sie klingen jammernd oder krächzend.“ In der Tat, das tun sie! Die Vögel schaffen sogar beide Varianten gleichzeitig.

Gegen 11:30 Uhr wird eine Mittags- und Badepause gemacht. Ein Buffett mit Chickenwings, Brötchen und Salat wird aufgebaut, Getränke gibt’s an der Bar. Und wer möchte, kann am Heck des Katamarans ins Wasser gehen und schwimmen. Nur allzu weit von der FREEBIRD ONE entfernen sollte er sich nicht, nicht unter dem Schiff durchtauchen und auch nicht seitlich davon herumschwimmen.

Ich hab zwar auch meine Badesachen dabei, aber das ist mir denn doch zu viel Gedöns. Überall liegen Schuhe, Taschen, Badtücher und Kleiderhaufen. Die Kinder drängeln Richtung Heck. Nein, ich mag kein Gewusel. Ich schau den Leuten beim Schwimmen zu, betrachte die steilen Felsen am Ufer, und sehe nach einer Weile einen Mann mit Hund dort herumsteigen. Da ist doch weit und breit nichts? Was haben die nur vor? Als ich die Felsen näher in Augenschein nehme, sehe ich weiter oben Höhlen. Tücher und Sonnensegel sind davor gespannt, Gerümpel lagert davor, Treppen sind in den Fels gehauen. Kein Zweifel: Die Höhlen sind bewohnt! Nein, für so ein unkomfortables Aussteigerleben wäre ich nicht geeignet. Oder, sagen wir so: ich würde mich nicht drum reißen.

Während ich mir vorzustellen versuche, was es für einen zivilisationsverwöhnten Menschen bedeutet, auf einmal ohne Strom und Wasser irgendwo am Ende der Welt zu hausen, geht die Badepause zu Ende und die FREEBIRD ONE bewegt sich wieder in Richtung Puerto Colón.

Autor: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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Cynthia Harrod-Eagles: Der Tote auf der Schaukel – Kriminalroman
1, 16 September, 2008, 5:44
Gespeichert unter: Bücher

Cynthia Harrod-Eagles: Der Tote auf der Schaukel, Originaltitel: Gone Tomorrow, aus dem Englischen von Susanne Aeckerle, München 2008, dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 9.78-3-423-21077-5, Taschenbuch, 413 Seiten, Format 12 x 19 x 2,8 cm, Euro 8,95 [D] 9,20 [A] sFr 15,90.

Auf einem Spielplatz in Sheperd’s Bush wird ein Toter gefunden, ein junger Man, teuer gekleidet, ohne Papiere – aber mit mehr als 1.000 Pfund Bargeld in der Tasche. Jemand hat ihm einen Stich mitten ins Herz versetzt und ihn dann auf einer Kinderschaukel drapiert. „Sieht aus wie einer von den exklusiveren Rausschmeißern“, findet Detective Sergeant Hollis.

Der Parkwächter, der den Toten gefunden hat, hat den Mann nie zuvor gesehen. Sagt er. Die Fingerabdrücke des Ermordeten sind auch nicht in der Datenbank, also scheint er keine Vorstrafen zu haben. Wer ist er?

Das Auffälligste an dem jungen Mann ist seine ungewöhnliche Lederjacke. Woher stammt sie? Aus dem Ausland? Polizist Atherton klammert sich an jeden Strohhalm und zeigt die Jacke seinem Schneider, der mit Kennerblick aufs Etikett feststellt, dass das edle Stück aus den USA kommt und nie für den Export bestimmt war. Ist der Mann Amerikaner? Und war er vielleicht kurz vor seinem Ableben in eine Kneipenschlägerei im „Phoenix“ verwickelt? Der zeitliche Ablauf würde passen, und auch seine Verletzungen sprechen dafür. Doch Kneipenwirt Sonny Collins kann nicht mit Sicherheit sagen, ob der Mann an der Auseinandersetzung beteiligt war. Von dem anderen Prügelknaben, einem gelegentlichen Gast, kennt er immerhin den Vornamen: Eddie.

Wenn Eddie sich mit dem Unbekannten geprügelt hat, hat er ihn vielleicht auch erstochen. Und wenn nicht, weiß er hoffentlich wenigstens, wer der Mann ist.

Eine Spur gibt es zum Glück schon: Im Zockermilieu kennt man den Toten als den „glücklosen Lenny“ und man weiß, dass er mit einer Prostituierten namens Teena zusammen gelebt hat. Nachname? Adresse? Fehlanzeige! Das ist in diesem Milieu entbehrlich. Detective Inspector Bill Slider und seine Kollegen ahnen, dass ein hartes Stück Arbeit vor ihnen liegt. Wie soll man herausfinden, wer den Mann auf der Schaukel umgebracht hat, wenn man nicht einmal weiß, wer er ist? Und wenn man in einem Umfeld ermitteln muss, in dem niemand darauf erpicht ist, mit der Polizei zusammen zu arbeiten.

DI Slider, derzeit Strohwitwer, weil seine Lebensgefährtin Joana im Ausland arbeitet, riskiert einen Schuss ins Blaue und bittet die Prostituierte Nichola um ein paar Informationen. Viel weiß sie nicht. Aber sie kennt den prügelnden Eddie, sogar mit Nachnamen: Eddie Cranston. Und sie kennt zumindest eine der Frauen, denen er einen Teil ihrer Sozialhilfe abschwatzt: Karen Peacock. Karen ist nicht die einzige Frau, von der Eddie sich aushalten lässt, und die Damen sind auch nicht eine einzige Einnahmequelle, doch das ist alles, was Nichola darüber sagen kann. Immerhin!

Eddie Cranston hat ein Vorstrafenregister – und eine Adresse, unter der er nicht zu erreichen ist. Dass er eine weitere Freundin namens Carol Ann hat, erfährt die Polizei von Karen Peacock. Auch vom „glücklosen Lenny“ hat Karen schon gehört, doch seinen Nachnamen kennt auch sie nicht.

In diesem Stil geht es weiter: Winzige Informationskrümel aus der Halb- und Unterwelt führen erst zu Eddie Cranston – der nur die Prügelei mit Lenny zugibt, mit dessen Tod aber nichts zu tun haben will – und schließlich zu Lenny selbst. Der Buchmacher Herbie Weedon gibt der Polizei überraschend Auskunft: Er hatte Lenny Baxter auf seiner Lohnliste. Nun hat der Tote eine Namen und eine Adresse – und eine spurlos verschwundene Freundin, die offenbar in fliegender Hast die gemeinsame Wohnung verlassen hat. Ist Teena in Gefahr, weil sie zu viel weiß?

Der Kleinganove Billy Cheeseman bittet DI Slider um ein Treffen und bringt den zwielichtigen Geldeintreiber Everet Boston mit. Boston hat nicht nur Informationen über Lenny Baxter, er macht sich auch große Sorgen um seine Cousine Teena, Baxters verschwundene Lebensgefährtin.

Wie es aussieht, haben Everet Boston und Lenny Baxter für ein und denselben Boss gearbeitet, und Lenny hat nebenbei noch Geschäfte auf eigene Rechnung gemacht. Dabei ist er allerdings nicht halb so gerissen vorgegangen, wie er gedacht hat. War Lennys Tod also eine Hinrichtung? Wer der gemeinsame Boss ist, darüber schweigt Boston sich aus, zu groß ist seine Angst. Oder erzählt er dem Beamten hier einen vom Pferd?

Auch ein wohlbekannter Name fällt im Zusammenhang mit dem ominösen Boss: Sonny Collins, der Wirt des „Phoenix“, soll ebenfalls für ihn arbeiten. Als die Polizei Collins vorlädt, kommt er in Begleitung eines berühmten Anwalts, den er sich von seinem Einkommen als Kneipenwirt nie im Leben leisten könnte. Eine mögliche Erklärung wäre: Der Boss hat für ihn bezahlt.

So langsam glaubt auch die Polizei an die Existenz des „Big Boss“ – spätestens als der redselige Buchmacher Herbie Weedon ermordet aufgefunden wird. Hat der Boss ihn beseitigen lassen, weil er die Polizei auf die Spur von Lenny Baxter geführt hat?

Die Ermittlungen geraten in eine Sackgasse. Da meldet sich ein amerikanischer TV-Journalist, der Lenny Baxter gekannt hat. Er war es, der ihm die amerikanische Lederjacke verkauft hat – und noch drei weitere derselben Marke. Da seine Geschäfte mit Baxter allesamt nicht ganz koscher waren, hat er so lange gezögert, sich bei der Polizei zu melden. Jetzt ergibt auch die Beobachtung einen Sinn, die Athertons Schneider gemacht haben will: Der Fahrer eines seiner Kunden, des vermögenden Geschäftsmanns Trevor Bates, trägt genau die gleiche Jacke wie das Mordopfer.

Bates ist aalglatt und behauptet, seinem Fahrer die Jacke selbst aus den USA mitgebracht zu haben. Die Polizei glaubt ihm nicht. Bates’ Butler sieht eher wie ein Bodyguard aus. Und womit der Geschäftsmann sein Vermögen gemacht hat, ist auch nicht so ganz klar. Was weiß man zum Beispiel über seine Zeit in Hongkong? Ist Bates vielleicht der Big Boss?

Es hat zumindest den Anschein, als kämen die Ermittlungsarbeiten der Polizei dem unbekannten Boss gefährlich nahe, denn Herbie Weedon ist nicht der letzte Tote in diesem Fall. Wer redet oder auch nur zu viel weiß, wird liquidiert. Der Boss scheint nervös zu werden.

Je dichter die Polizisten dem geheimnisvollen Boss auf den Pelz rücken, desto spannender und dramatischer wird die Geschichte. Wenn dann am Ende alle Informationskrümelchen, die die Ermittler zusammengetragen haben, am richtigen Platz sitzen, ergibt sich ein überraschendes Bild …

Akribische Ermittlungen, winzige Fortschrittchen, Kollegengezicke und Machtkämpfe im Polizeirevier, jede Menge Nebenfiguren, private Probleme der Polizisten, Zeugen und Verdächtigen – diese realitätsnahen, sehr britischen Kriminalromane mit ihren filigran verästelten Handlungssträngen muss man schon mögen, um sich für den Toten auf der Schaukel begeistern zu können. Wer unbedingt Action braucht, dem wird es vermutlich zu lange dauern, bis die raffiniert konstruierte Geschichte zu ihrer verblüffenden Auflösung kommt. Wer sich auf die Story einlässt, wird mit intelligenter Krimi-Unterhaltung belohnt, bei der man nicht schon auf Seite 7 ahnt, wer der Mörder ist.

Manchmal allerdings lenkt die manirierte Sprache vom Geschehen ab. Mehrseitige Befragungen in indirekter Rede lesen sich recht befremdlich, unnatürlich und umständlich und tragen nicht unbedingt zu Tempo und Spannung bei: „Und er habe sich nie ein anderes Mädchen kommen lassen? Auch Sassy nicht? – Nein, Gott sei Dank. Er möge keine großen Mädchen, habe Susie gesagt. Er wolle nur Susie. Zuerst habe sie nicht erzählt, worauf er stand, aber über die Monate hätten sie mitbekommen, dass sich Susie nicht auf die Besuche freute. Sie wäre dann still und irgendwie deprimiert geworden, wenn sich der Tag näherte (…)“ (S. 362)

Auch die Polizisten reden manchmal so merkwürdig papieren und geschwollen daher: „Wenn du aus frevelhaften Gründen in den Park einbrechen würdest, kämst du dann auf die Idee, das Vorhängeschloss und die Kette mitzunehmen? Oder würdest du sie, nachdem du sie durchgeschnitten hast, einfach liegen lassen?“ (S. 25) Das klingt mehr nach Bühne als nach Polizeirevier. Oder sind die britischen Polizisten um so vieles vornehmer als ihre deutschen Kollegen?

Unübersetzbare Wortspiele sind ein Schicksal übersetzter Bücher. Warum sich die Polizisten an einer Stelle so über den Namen „Bates“ amüsieren, erschließt sich erst, wenn man auf Englisch um die Ecke denken kann – oder wenn man eine Internet-Suchmaschine befragt. Schon lästig, wenn man über einen nicht verstandenen Witz nachgrübelt, nach eventuell überlesenen Hinweisen sucht und sich dadurch aus der Handlung reißen lässt.

Sieht man von den etwas schrulligen Sprachmarotten ab, hat man einen clever konstruierten Kriminalroman mit überraschenden Wendungen und einer sich ständig steigernden Spannung. Kurz gesagt: gute Unterhaltung.

Die Autorin:
Cynthia Harrod-Eagles wurde am Schauplatz ihrer Bill-Slider-Krimis in Sheperd’s Bush im Westen von London geboren. Sie studierte Englisch, Geschichte und Philosophie. Ihren ersten, mit dem Young Writers Award ausgezeichneten Roman schrieb sie 1972. Berühmt wurde sie mit ihrer Morland-Saga. Die Autorin lebt in London mit ihrem Mann und drei Kindern.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com



Bequemlichkeit
1, 15 September, 2008, 11:07
Gespeichert unter: Rosmaringo

Ein Heupferd auf dem Weg zum Weibe
Erklettert eine Windschutzscheibe,
Um ohne Muskelkaterschmerzen
Die Liebste zeitgerecht zu herzen.

Das Auto fährt in Windeseile,
Dem Heupferd fehlen Halteseile.
Die gibt es nicht, es droht zu rutschen
Und durch das Wischerblatt zu rutschen.

Der Fahrtwind drückt die Schrecke platt,
Die hat das Rendezvous schon satt
Und lässt sich von der Scheibe gleiten.
Vernünftig, kann man nicht bestreiten.

Nun hüpft das Tierchen statt zu fahren,
Kann so die Körperform bewahren.
Es lernt am Beispiel dieses Falles,
Bequemlichkeit ist auch nicht alles.

Foto: © der hohenzoller/Klaus Rupp / Pixelio.de

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at

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Dörthe Binkert: Weit übers Meer – Roman
1, 15 September, 2008, 5:22
Gespeichert unter: Bücher

Dörthe Binkert: Weit übers Meer – Roman, München 2008, dtv Deutscher Taschenbuch-Verlag, ISBN 978-3-423-24693-4, 235 Seiten, Softcover, Format: 13,5 x 21 x 2,6 cm, EUR 14,90 (Deutschland), EUR 15,40 (Österreich), sFr 25,80 (Schweiz)

„Frau überquert Ozean auf einem Dampfer – in einer Abendrobe ohne ein weiteres Kleid“ stand am 3. August 1904 in der New York Times. Diese Meldung, die damals um die Welt ging, ist der wahre Kern des vorliegenden Romans. Die rätselhafte Dame in Weiß wurde auf dem Ozeandampfer „Kroonland“ entdeckt, der von Antwerpen nach New York fuhr. Sie war ohne Papiere, ohne Geld und ohne Gepäck unterwegs, obwohl sie über ein regelmäßiges Einkommen verfügte. Wie und warum sie an Bord gegangen war, hat man nie erfahren. Diese 100 Jahre alte Pressemeldung faszinierte die Schriftstellerin Dörthe Binkert, und sie beschloss, der geheimnisvollen Reisenden eine Geschichte zu geben.

Sonntag, 24. Juli 1904. Der Ozeandampfer „Kroonland“ hat soeben Dover passiert, nun geht es ohne weiteren Halt bis nach New York. Da verlangt eine junge, attraktive und vornehme Dame im sündteuren weißen Seiden-Abendkleid den Kapitän zu sprechen. Sie stellt sich als Valentina Meyer vor und gesteht dem verdutzten Kapitän, in Antwerpen als blinde Passagierin an Bord gegangen zu sein. Sie habe kein Gepäck und keinen Pfennig Geld dabei, sei aber von Haus aus vermögend und würde selbstverständlich im Nachhinein die Überfahrt bezahlen. Und sie gibt ihm ihre wertvollen Diamantohrringe als Pfand.

Nicht ganz ohne Hintergedanken sichert ihr der Kapitän zu, die Angelegenheit diskret zu regeln und ihr für die Dauer der Überfahrt eine Erste-Klasse-Kabine zur Verfügung zu stellen. Da die Kleiderordnung an Bord es verbietet, sich tagsüber in Abendgarderobe zu zeigen, kann Valentina ihre Kabine nur am Abend verlassen.

Diskretion hin, „Hausarrest“ her – die Nachricht von der schönen blinden Passagierin verbreitet sich wie ein Lauffeuer an Bord. Ist sie tatsächlich eine gesuchte Juwelendiebin, wie gemunkelt wird? Oder eine Kurtisane? Oder ist es doch eher so, wie das blutjunge Schiffszimmermädchen Lotte vermutet: dass die vornehme Dame von ihrem bisherigen Leben davongelaufen ist.

Die Tatsache, dass hier jemand ganz spontan sein bisheriges Leben hinter sich gelassen hat, aus welchem Grund auch immer, bringt so manch einen der Passagiere ins Grübeln. Ist so ein deutlicher Schlussstrich, so skandalös er auch sein mag, nicht ein ehrlicher Befreiungsschlag, eine mutige Tat? Mutiger auf jeden Fall, als sich mit einer trost- und hoffnungslosen Situation zu arrangieren und still zu leiden, nur weil die Konvention es so fordert. Und: Hätte man selbst den Mut zu so einer radikalen Veränderung?

Das Klima an Bord so eines Ozeandampfers begünstigt derlei Gedankengänge: „Hier aber, auf dem Ozean (…) herrschte bei aller Ordnung, die die Mannschaft aufrechterhielt, ein Ausnahmezustand, den niemand ausgerufen hatte und den doch jeder spürte. Als sei es den Menschen bewusst, das sie mit diesem Schiff untergehen könnten, sehnten sie sich mehr denn je nach dem Leben. Ihre Zweifel, Ängste und Sehnsüchte traten deutlicher hervor als an Land.“(Seite 163)

Und so hinterfragen die Menschen an Bord ihr bisheriges Leben, werden sich ihrer Wünsche, ihrer Unfreiheit und ihrer Sehnsüchte bewusst.

Da ist Maria Vanstraaten, Mutter dreier Kinder, verheiratet mit einem lieblosen, grausamen Mann. Als sie über das Schicksal der blinden Passagierin nachdenkt, wird ihr auf einmal klar, wie unglücklich sie selbst ist. Valentina Meyer hat alle Bürden abgeworfen und ist frei. Sie kann sie selbst sein. Maria Vanstraaten wagt das nicht. Ihr ist bewusst, dass man die Freiheit teuer bezahlen muss, mit allem, was einem lieb und wert ist. In ihrem Fall wären es die Kinder. Und dieser Preis ist ihr zu hoch.

Und Monsieur Vanstraaten? Ein desillusionierter, strenger, ja brutaler Mann, der früh seine eigenen Träume begraben musste und nun alle Wünsche und Pläne aus seinen Kindern herausprügelt, um sie nur ja zu pflichtbewussten, charakterstarken Menschen zu erziehen. Die schöne Valentina Meyer erinnert ihn für einen Augenblick an seine alten, längst verlorenen Träume von der Liebe: „Ein wehmütiger Moment. Aber damit muss man leben. Die Träume gehören heute der Technik, der Wissenschaft. Der Zukunft. Das menschliche Glück ist nur eine zufällige Erscheinung, eine Illusion, und das Streben danach ist nur eine Eingebung unserer Schwäche.“ (Seite 145)

Da ist das belgische Fabrikanten-Ehepaar Borg, gefangen in einer lieb- und kinderlosen Ehe, einer Zweckgemeinschaft, die ihren Zweck nicht erfüllt hat und im Grunde auch längst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern allenfalls ein schweigendes gemeinsames Bewohnen derselben Räumlichkeiten.

Henriette Borg ist zutiefst beunruhigt über Frauen wie Valentina Meyer, „die aus der normalen Ordnung fallen“ und einfach tun, was sie wollen. Und ihrem Mann, Willem Borg, wird angesichts der attraktiven Valentina plötzlich bewusst, „dass ich nicht mehr wirklich lebe, vielleicht nie gelebt habe, dass ich mein Leben nur verwalte, bis es eines Tages zu Ende sein wird.“ (Seite 38)

Wenn allein der Anblick der blinden Passagierin solche Gedanken und Gefühlsaufwallungen auslöst, wie ergeht es dann erst denen, die mit ihr persönlichen Kontakt haben?

Da wäre ihr Kabinennachbar Henri Sauvignac, ein Bildhauer aus Antwerpen, der auf dem Weg zur Weltausstellung nach St. Louis ist, wo ein paar seiner Werke ausgestellt werden. Er vermisst seine Geliebte, die Kunststudentin Lisette, die ihn verlassen hat, nachdem er sich geweigert hatte, sie zu heiraten. An Bord beginnt er eine Affaire mit Billie Henderson, einer etwas naiven Verkäuferin aus Philadelphia, die mit einem weiteren Mitreisenden liiert ist, dem verheirateten Geschäftsmann William Brown.

Henri Sauvignac hat das Leben immer genommen wie es kam und sich nie viele Gedanken über die Zukunft gemacht. In Valentinas Lebensgeschichte, die er so nach und nach von ihr erfährt, entdeckt er eine erschreckende Parallele zu seinem eigenen Leben. Und nun weiß er, was er zu tun hat …

Den bei weitem stärksten Einfluss hat Valentina Meyers Anwesenheit auf das Leben des amerikanischen Geologen Thomas Witherspoon und das seiner etwas altjüngferlichen Schwester Victoria, mit der er gemeinsam reist. Victoria hat nach dem Unfalltod ihrer Mutter ihren zehn Jahre jüngeren Bruder großgezogen und versucht seither, ihn vor allen Gefahren zu beschützen. Auch vor denen, die die Liebe und ein eigenständiges Leben mit sich bringen.

Eines jedoch kann Victoria nicht verhindern: dass Thomas und Valentina sich auf den ersten Blick ineinander verlieben. Wären wir auf dem „Traumschiff“, kämen nun die Geigen das Happy End. Aber diese Geschichte hier ist ungleich näher am Leben. Valentina ist nicht frei, sie ist, wenn auch unglücklich, verheiratet. Thomas ist in gewisser Weise auch nicht frei. Er fühlt sich seiner Schwester verpflichtet, die ihm das Leben gerettet und seinetwegen auf eine eigene Familie verzichtet hat. Thomas ist zu ihrem Lebensinhalt geworden, und er wagt nicht, sie im Stich zu lassen. Jetzt hat er ein ernsthaftes Problem, denn in Valentina hat er die Frau gefunden, mit gegen alle Widerstände sein Leben verbringen will.

Zwischen den Geschwistern Witherspoon kommt es erstmals in ihrem Leben zu einem heftigen Streit. Es fallen deutliche Worte – mit dramatischen Folgen.

Wird es Valentina und Thomas gelingen, in den USA gemeinsam ein neues Leben anzufangen? Wird Victoria Witherspoon lernen, ihren Bruder loszulassen und ihr eigenes Leben zu führen? Welche Konsequenzen ziehen die Mitreisenden aus den Gedanken, die sie sich auf der Überfahrt über ihr eigenes Schicksal gemacht haben?

Nicht zu vergessen: Was hat denn nun Valentina Meyer – oder richtig: Valentina Gruschkin – bei Nacht und Nebel veranlasst, im Abendkleid und ohne Geld als blinde Passagierin an Bord eines Überseedampfers zu schleichen? Doch diese tragische Geschichte soll sie Ihnen am besten selbst erzählen … im Buch.

Nein, eine Reise mit dem „Traumschiff“ ist WEIT ÜBERS MEER gewiss nicht. Im Hinblick auf die Beziehungen der Menschen untereinander ist es sogar ein regelrechtes Alptraumschiff. Und das Erschreckende daran: Diese Schicksale sind nicht gar nicht so untypisch für die damalige Zeit: Man heiratet irgend jemanden, der von Stand, Vermögen und Ansehen zu einem passt und lebt, wenn es dumm läuft, fortan sprachlos nebeneinander her. Von Liebe ist dabei keine Rede.

Für die Männer mag das noch erträglich sein, wie man an den Geschichten im Buch sieht. Sie können sich das, was ihnen zu Hause fehlt, in aushäusigen Beziehungen suchen, doch die Frauen haben so gut wie keine Alternative. Passt es nicht mit der Partnerwahl, hat man quasi lebenslänglich. Wer noch andere Vorstellungen vom Leben hat, muss es machen wie Valentina: alles zurücklassen und außerhalb der guten Gesellschaft von vorne anfangen. Nur Außenseiterinnen gelingt es, ein eigenständiges Leben zu führen.

Berchthild Klöppler, die Modeschöpferin, die auf der „Kroonland“ mit ihrer Kollektion von Reformkleidern nach New York unterwegs ist, bezahlt einen anderen Preis für ihr selbstbestimmtes Leben: dem Ruf der verschrobenen, politisch radikalen alten Jungfer. Heute würde man sie vermutlich „Emanze“ schimpfen.

Vielleicht schafft es doch eine der Reisegefährtinnen Valentinas, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten: Die intelligente 16-jährige Lily Mey aus Wien, die als interessierte Beobachterin meist etwas abseits des Geschehens in ihrem Rollstuhl sitzt und sich über Gott und die Welt Gedanken und Notizen macht. Sie möchte gerne Physik studieren und dann Schriftstellerin werden. Sie rechnet sich gute Chancen aus, denn, wie sie ganz unsentimental bemerkt: Als Frau mit einer körperlichen Behinderung ist sie auf dem Heiratsmarkt ohnehin nicht gefragt. Lily Mey hat den Preis für ein selbstbestimmtes Leben gewissermaßen schon im voraus bezahlt.

Man kann das Buch als berührende Liebesgeschichte und als fesselndes Familiendrama lesen. Aber es ist mehr als das. Es ist ein Sittengemälde aus der Zeit vor 100 Jahren, lebendig, packend und oft auch erschreckend. Man kann als Leserin nicht umhin, im Geiste ein herzliches Dankeschön an all die VorkämpferInnen zu schicken, die es möglich gemacht haben, dass wir uns heute nicht mehr blind den Konventionen beugen müssen, sondern doch eine Wahl haben, wie wir unser Leben gestalten wollen. Vergelt’s Gott, Schwestern! Und wir bleiben am Ball!

Die Autorin:
Dörthe Binkert, geboren in Hagen/Westfalen, wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte dort Germanistik, Kunstgeschichte und Politik. Nach ihrer Promotion hat sie dreißig Jahre lang für große deutsche Publikumsverlage gearbeitet. Seit 2007 ist sie freie Autorin und lebt heute in Zürich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com