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Die besondere Geschichte eines personifizierten Hahnes
Erinnerungen an einen ganz besonderen Freund namens Gigi – Eine wahre Geschichte
Gigi war sein Name. Als einziger einer Brut war er auf die Welt gekommen. Mein Schwager hatte nämlich eine Henne auf mehreren Eiern brüten lassen. Er alleine erblickte das Licht der Welt als „Italiener“. Die übrigen Eier dürften nicht befruchtet gewesen sein. Dieses „Wuserl“ wurde zunächst von meinem Schwager von Hand aufgezogen und verwöhnt – allerdings nicht lange. Ich hatte ihm das Piperl abspenstig gemacht. Als ich sah, dass das kleine Piperl meinen Schwager liebte, sah ich mich leid und dachte bei mir: „Dieses Viecherl soll und muss auch mir zugetan sein.“ Ich hob ihn oft auf, liebkoste ihn und er fraß mir buchstäblich aus der Hand.
Er bekam die ausgequetschten Weintrauben, die ihm sehr schmeckten. Er wurde von mir herumgetragen wie ein Baby, gestreichelt, einfach verwöhnt – ja geliebt, verhätschelt und getätschelt. Es dauerte nicht lange und er hatte sich nur mehr mir zugewandt und mein Schwager hatte das Nachsehen. Sobald er mich sah, kam er schnell gelaufen, pickte mich in die roten Zehennägel und genoss die Spaziergänge in meiner Hand.
Er wuchs heran und er durfte sich nicht den Hennen des stolzen alten Hahnes nähern – er musste immer einen Sicherheitsabstand einhalten und wurde vom Seniorhahn verjagt, wenn er seinen Hennen zu nahe kam.
Nun konnte man schon sein Geschlecht bestimmen. Aus dem Kücken war ein geschlechtsreifer Hahn geworden. Dieser Hahn hatte es mir angetan. Ich schloss ihn in mein Herz, wie den besten Freund. Täglich lud ich ihn zu mir in das Haus ein. Er „hopste“ federleicht und fröhlich die fünf Stufen bis zur Eingangstür hinauf. Aus Neugierde und Sehnsucht nach mir betrat er meine Wohnung, inspizierte sie und meinte: „Hier gefällt es mir.“ Wenn er bei der Haustür herinnen war, schloss ich sie. Er musste also bei mir bleiben, solange i c h das wollte, was ihm aber nichts ausmachte. Wir kommunizierten viel. Ich konnte seine Hühnersprache perfekt in die Menschensprache übersetzen. Wir unterhielten uns und „schnäbelten“ oft miteinander.
Die morgendliche Begrüßung
Sobald ich in der Früh vor die Haustüre trat und mich mein Gigi erblickte, lief er so schnell er konnte mir zu und bebalzte mich. Ich war ja schließlich seine Lieblingshenne. Er sah wie ein Kugelblitz aus, weil er beide Flügel wegstreckte. Manchmal stolperte er über seine Flügel. Dann blickte er mich so verliebt an, dass es beinahe herzzerreißend war. So lieb war er, dass ich ihn am liebsten gefressen hätte.
Die Autofahrten mit Gigi
Gigi liebte das Auto fahren. Er durfte am Boden des Beifahrersitzes Platz nehmen. Er genoss die Fahrt. Er krähte aus Freude. Er tat in seiner ureigensten Sprache kund: „Hurra, wir fahren fort!“ Und krähte und krähte. Am Ziel angekommen, wollte er nicht aussteigen. Ich öffnete die Beifahrertür und was tat Gigi? Er blieb am Trittbrett stehen und protestierte lautstark. Ga, ga, ga – ga, ga –ga . Das hieß: „Ich mag nicht aussteigen. Die Fahrt war zu kurz.“ Ich forderte ihn mehrmals auf auszusteigen, aber er blieb stocksteif stehen bis ich ihn heraushob. Er begleitete mich wieder bis ins Wohnzimmer, wo wir einiges zu besprechen hatten.
Sonntagsruhe
An einem Sonntagnachmittag besuchte mich meistens mein Gigi. Wir machten gemeinsam unseren Mittagsschlaf. Mein Freund Gigi legte sein Köpfchen an meine Brust und schnarchte, als hätte er Asthma. Ein Auge hielt er offen, das zweite geschlossen. Ganz ohne Misstrauen ging es nicht. Wir schliefen oft eine halbe Stunde und länger. Wenn er hinaus wollte, tat er es kund, indem er zur Tür ging und mich ersuchte ihn hinauszulassen. Einmal stellte ich ihn auf das Fensterbrett und befahl ihm hinauszufliegen. Wozu waren ihm Flügel gewachsen? Er schaute hinaus und meinte, dass es ihm zu hoch sei und der „Rausflug“ wäre zu gefährlich für ihn. Ich befahl es ihm dennoch ein zweites Mal: „Gigi, du fliegst hinaus!“ nachdem er sich angeschickt hatte, wieder ins Zimmer zurückzufliegen. Und siehe da, es funktionierte. Er peilte ganz genau einen Zielpunkt an und landete Punkt genau ebendort. Es war sehr angenehm für mich, weil ich ihn nicht hinausbegleiten musste.
Der Tierarztbesuch
Gigi hatte leider einen Pilz auf seinem Kamm. Das störte mich. Der Körperkontakt war nicht angenehm, da ich befürchtete, angesteckt zu werden. Kurz entschlossen fuhr ich mit meinem intimen Freund zur Frau Doktor. Dort angekommen, redete er sehr viel. Nicht alles konnte ich verstehen. Die Umgebung war natürlicherweise schon ungewohnt für ihn. Nichtsdestotrotz wartete er geduldig im Wartezimmer, bis wir in den Behandlungsraum durften. In der Ordination lief er überall herum, leider musste er auch ein „Batzerl“ fallen lassen. Er besichtigte das Innenleben des Schreibtisches und lief darunter durch. Anschließend wurde er gewogen und ließ sich ohne Gegenwehr behandeln. Die Frau Doktor meinte: „Zahme Hennen hätte sie schon öfter behandelt, aber an einen so gut dressierten Hahn könne sie sich nicht erinnern.“
Zu Hause angekommen, wollte er nicht aussteigen – wie immer.
Der Schuhfetischist
Im Vorhaus standen immer viele Schuhe. Gigi fand einen großen Gefallen an diesen Schuhen, besonders aber an Sportschuhen mit einem roten Schlauferl. Eines Tages, ich traute meinen Augen nicht. Er saß auf einem Schuh und … und vögelte ihn. Er war Hennenersatz. Es war so absurd, denn er betrachtete die Schuhe als seine Hennen.
Als ich eines Tages vor die Haustür trat kam mein Hahn so schnell er konnte gelaufen, sobald er mich erblickt hatte. Beide Flügel vom Körper weggestreckt peckte er mich heftigst in die Schuhe. Was konnte das bedeuten? Zwei Gründe konnte das haben: Erstens, dass ich nicht wegfahren darf, zweitens, weil er meine Schuhe für die „Seinen“ hielt. Es war zum Totlachen für mich. Ich ging zum Auto und bevor ich einstieg, wurde ich nochmals sehr energisch in die Schuhe gepeckt.
Renate in Gefahr
Eines Tages im Wonnemonat Mai (wir bereiteten eine Maiandacht vor) besuchte mich Renate. Sie trug ein Tablett in der Hand und trug ähnliche Schuhe wie die meinen. Mein Hahn war auch anwesend. Ich beobachtete ihn und bemerkte, dass er sich ihr näherte und sich anschickte sie zu attackieren. Ich musste das verhindern und sagte streng: „Gigi, nein, du darfst die Renate nicht anspringen.“ Er gehorchte aufs Wort, aber er peckte sie heftigst in ihre Schuhe, in der Meinung, das wären die „Seinen“.
Gigi, der Eifersüchtige
Meinen Mann und meine Söhne konnte Gigi nicht leiden. Jeder war ein rotes Tuch für ihn. Er wollte mich alleine „besitzen“ und sobald sich einer von ihnen in meiner Anwesenheit bzw. auch Abwesenheit näherte, schickte er sich an anzugreifen und er tat es auch. Sie wollten meinen Hahn zur Räson bringen, doch es gelang ihnen nicht. Auch ich konnte ihn daran nicht hindern, meine Männer zu attackieren. Er war rasend vor Eifersucht.
Die neuen Hennen
Da ich von meinem Hahn zeitlich so stark beansprucht wurde und er mir leid tat, dass er ein so untypisches Hahnleben führen musste, beschloss ich, ihm zu Weihnachten echte Legehennen zu schenken. Ich kaufte ihm fünf Hennen. Es dauerte nicht lange und Hahn und Hennen führten miteinander ein harmonisches, zufriedenes und glückliches Leben. Trotz seiner Hennen lief er so schnell er konnte mir zu, sobald er mich erspähte, bebalzte mich in alter Manier, kurzum ich blieb seine Lieblingshenne. Die Schuhe allerdings hatten als Hennenersatz ausgedient.
Die Gigishow
Es war im Fasching. Meine Freundin Monika wollte sich für das Gschnasfest etwas Besonderes einfallen lassen. Sie fragte mich: „Welche Maske sollen wir nehmen?“ Ich schlug vor, dass wir mit dem Hahn ins Gasthaus gehen und uns als Mägde verkleiden. Gesagt, getan. Sie war das Monerl von der Alm und trug ein Dirndlkleid. Ich war die Hühnermagd oder „kleine Dirn“ („Heamesch“ = Hühnermädchen) von einem Großbauern, nämlich die Kirschner Márie. Wir holten den Hahn um 21 Uhr aus dem Stall und fuhren ins Gschnaslokal. Dort angekommen zogen wir mit meinem Hahn eine tolle bühnenreife Show ab. Die Gschnasbesucher waren derart überrascht und prämierten unsere Nummer als die beste.
Der Weckruf am Morgen
Fast jeden Morgen kam mein Hahn mit seinen Hennen zum Schlafzimmerfenster und weckte mich. Vorher hatte er absichtlich, um mich zu ärgern, noch die ersten Blüten von meinen Terrassenblumen gezupft und gefressen. Daraufhin schützte ich meine Blumen vor dem gefräßigen Hahn.
Der dressierte Hahn
Gigi verstand beinahe jedes Wort. Ich wollte Bussi von ihm und sagte: „Bussi Gigi, bitte Bussi!“ Und siehe, er klapperte mit dem Schnabel jedes Mal, wenn ich mir die Bussi wünschte. Das war wirklich verblüffend und faszinierend zugleich. Außerdem war er der redseligste Hahn, den ich mir vorstellen kann.
Das traurige Ende
Mein Hahn musste mich leider verlassen, weil er einen meiner Söhne bei einem Angriff so verletzt hatte, dass er aus drei Wunden blutete. Meine Männer hatte er ja immer als Rivalen betrachtet, daher stets sein aggressive Verhalten ihnen gegenüber. Das hätte er nicht tun dürfen und somit wurde das Todesurteil über ihn gesprochen. Mein Gigi wurde nur fünf Jahre alt.
Ich trauere heute noch um dieses hochintelligente Tier. Es schien als hätte er tatsächlich einen Verstand gehabt und eine empfindsame Seele.
Nachwort zu einer originellen Geschichte
Die Tierliebe wurde mir in die Wiege gelegt. Ich wuchs auf einem Bauernhof mit vielen Tieren auf. Ich erinnere mich besonders gern an die vielen Katzen. Als Kind hatte ich schon eine Lieblingshenne und eine Lieblingskatze. Diese Tiere dienten mir als Puppenersatz.
Die Henne brach sich eines Tages ihr rechtes Bein. Ich wollte nicht, dass sie im Kochtopf landet und „spielte“ Arzt. Das erste was ich tat, war, dass ich ihr gebrochenes Bein schiente und bandagierte und ihr Ruhe verordnete. Ihre Ruhe gestaltete sich so, dass sie einige Tage unter einem großen Korb in Dunkelhaft verbringen musste. Das Bein war zusammengewachsen und die Henne legte aus Dankbarkeit noch lange Zeit das Frühstücksei für mich.
Diese Geschichte habe ich niedergeschrieben, um sie der Nachwelt zu überliefern und damit mein Gigi im Gedächtnis vieler Leser lebendig bleibt.
Autor: Maria Fuchshuber
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