Weltgrösste Tiergeschichtensammlung


Sarahs Traumpferd
1, 12 November, 2006, 5:58
Gespeichert unter: Pferde

Der schrille Klingelton der das Ende der letzten Schulstunde ankündigte, war noch nicht vollständig verklungen, da war Sarah Michaelis schon an der Tür. Ihre Schultasche hing nur halb über einer Schulter, im Laufen rückte sie sie zurecht, sprintete den Flur entlang, die Treppen hinunter und über den Schulhof. Herrliche frische Luft wehte ihr entgegen, eine Wohltat nach sechs Stunden Klassenzimmermief. Das Vogelgezwitscher in den Bäumen mischte sich mit dem üblichen Lärm der Schüler, doch Sarah achtete weder auf das eine noch das andere. In Gedanken war sie schon zwanzig Minuten und drei Kilometer weiter – das war die Entfernung bis zu Lorna, der braunen Stute, die nun gerade dabei war, das Gras auf der kleinen Koppel abzurupfen.
Ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tretend, wartete Sarah an der Bushaltestelle. Auch beim Einsteigen in den Bus war sie stets die erste und der Busfahrer lächelte ihr jedesmal amüsiert zu.
Heute war der Bus fast leer, die meisten Schüler nutzten das schöne Wetter zu einem Besuch in der Eisdiele. Sarah konnte sich den Platz also aussuchen, doch sie blieb vorne direkt am Ausstieg sitzen.
Der Fahrer grinste ihr zu und warf einen kurzen Blick durch den Bus und aus dem Fenster. Lediglich in der letzten reihe saßen drei ältere Mädchen, die Kopfhörer ihrer Walkman in den Ohren und gelangweilt in Modezeitschriften blätternd. „Keiner weiter da, nun, dann wird das ja heute fast eine Privatfahrt für dich, Sarah.“
Sie erwiderte sein Grinsen. „Dann fahr doch endlich los.“
Er lachte leise. „Fünf Minuten muß ich stehen bleiben an dieser Haltestelle, ist so Vorschrift, kann ich auch nicht ändern.“
Sarah wendete den Kopf. „Kommt doch sowieso keiner mehr.“
Bedauernd hob er die Hände. „Tut mir leid, du willst doch nicht, daß ich meinen Job verliere oder. Und es kommt doch nicht auf die paar Minuten an.“
„Ich bin jede Minute bei Lorna, die ich erübrigen kann.“ In Sarahs braune Augen trat ein warmer Glanz. „Sogar abends, nach dem Essen, Mami erlaubt mir nun, bis 19 Uhr draußen zu bleiben.“
„Das ist ganz schön lang für eine Zehnjährige.“
„Ich bin elf, fast zwölf“, sagte Sarah entrüstet.
„Entschuldige. Wann ist denn dein 12. Geburtstag?“
Sie schaute zu Boden. „Nächsten April.“
Er lachte erneut, sie hatten Ende Mai. Aber dann dachte er an seine eigenen Kinder, seine Tochter Evelina war in Sarahs Alter und hatte ebenfalls eine Woche nach ihrem elften Geburtstag von fast zwölf geredet. Und genau wie Sarah redete auch Evelina am liebsten nur von Pferden. „Das ist ja doch noch etwas hin. Aber ich bin sicher, du weißt schon ganz genau, was du dir wünschst, stimmt´s?“
Eifrig nickte Sarah. „Dasselbe wie jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten; ein Pferd. Aber das kann Mami sich nicht leisten.“
„Meine Tochter wünscht sich auch ein Pferd und du kannst deiner Mutter ausrichten, daß das Gehalt eines Busfahrers dafür ebenfalls nicht ausreicht.“ Er startete den Motor und fuhr an.
Sarah schwieg für einen kurzen Moment. „Nun ja, ganz so schlimm ist es nicht,, daß mein Wunsch noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Ich habe ja schließlich Lorna. Sie gehört zwar nicht mir, sondern unserem Vermieter, aber Lorna ist ein ganz besonderes Pferd. Sie hat schon ganz viele Turniere gewonnen, im Springen. Und sie ist wunderschön.“
Für den Rest der Fahrt schwärmte Sarah in den schönsten Farben von Lorna, beschrieb eindringlich, wie sie Kopf an Kopf bei einem Hindernisrennen auf den letzten Metern doch noch an dem führenden Pferd vorbeizog, wie sie einen halsbrecherischen Parcour in Rekordzeit meisterte und Höhen übersprang, wie noch kein Pferd vor ihr.
Schmunzelnd hörte ihr der Fahrer zu und erinnerte Sarah an der richtigen Haltestelle daran, auszusteigen. Das mußte er oft, denn meist war Sarah so in ihre Erzählungen vertieft, daß sie alles um sich herum vergaß.
Sie rief ihm einen kurzen Gruß zu und stob davon. Noch mit der Schultasche auf dem Rücken stürmte sie auf die Weide, holte den Zucker hervor, den sie immer in der Tasche hatte und strich der alten Stute zärtlich über das ergraute Maul.
Lorna schnaubte leise und in ihre müden Augen trat ein wacher Funken. Sarah schmiegte sich an sie. „Gleich komm ich und striegel dich ganz lange. Aber erst muß ich kurz hoch, mit Mami essen.“
Ihre Mutter erwartete sie schon und der leicht vorwurfsvolle Blick zeigte ihr, daß sie doch länger bei dem Pferd gewesen war, als gedacht. „Ich habe die Nudeln warm gestellt.“
„Danke Mami, ich habe riesigen Hunger.“ Sarah setzte sich an den Tisch, gab auf das Nachfragen ihrer Mutter eine knappe Erklärung zu den Abläufen in der Schule und kam übergangslos auf ihr Lieblingsthema zu sprechen; Lorna.
Ihre Mutter hörte schweigend zu, sie wußte aus Erfahrung, daß Sarah sowieso weiter plapperte, egal, wie sie reagiert hätte. Und eigentlich war sie ganz froh, daß ihre Tochter so darin aufging. Es war schwer für Sarah gewesen, als sie letztes Jahr in diese kleine, enge Wohnung in der herunter gekommenen Gegend gezogen waren, doch etwas anderes konnte Samantha Michaelis sich von ihrem wenigen Geld, daß sie als Friseuse verdiente, nicht leisten. Aber sie hatten aus dem schmucken kleinen Haus nach dem Tod von Sarahs Vater ausziehen müssen, nachdem Samantha erschrocken fest gestellt hatte, daß ein Großteil seiner Versicherungen abgelaufen war. Obwohl er selbst nicht Schuld an dem Autounfall gewesen war, der ihn das Leben gekostet hatte, zahlte die Versicherung nicht, sie hatten alles verloren und noch Schulden, zwar beschäftigten sich die Gerichte noch damit, doch ihr Anwalt hatte Samantha wenig Hoffnung gemacht, solche Fälle konnten sich über Jahre hinziehen.
Sarah war es egal, daß sie nun kein eigenes Zimmer mehr hatte, sie war ohnehin nur wenn es sein mußte in der Wohnung. Auch jetzt hatte sie den letzten Bissen gerade runter geschluckt, da sprang sie schon auf und eilte, noch rasch einen Apfel aus der Obstschalle greifend und ihrer Mutter einen Gruß zurufend, nach unten.
Den Nachmittag verbrachte Sarah damit, Lorna zu striegeln, ihre dünne lange Mähne zu bürsten und sich neue Geschichten über die Erfolge der Stute auszudenken. Stundenlang konnte sie mit Lorna so reden. Sie wußte nicht, daß ihre Mutter sie oft dabei beobachtet hatte und im Stillen – und mit leichter Bewunderung – den Kopf schüttelte über die Phantasie des Mädchens.
Samantha stellte fest, daß sie noch einkaufen gehen mußte und ging hinunter, um Sarah bescheid zu sagen. Sie hörte sie schon von weitem, Sarah imitierte gerade den Stadionsprecher eines Springturniers und pries Lornas Abstammung.
„Hallo, Samatha.“ Egon hob grüßend die Hand an die Schläfe. Er war ein kleines, grauhaariges Männlein und ihr Vermieter, außerdem gehörte ihm Lorna.
„Hallo. Ich muß noch in den Supermarkt, brauchst du auch was?“
Er überlegte kurz. „Ein Pfund Kaffee kannst du mir mitbringen, bitte. Und ein paar Möhren, Sarah und Lorna haben sie gestern alle gefuttert.“
„Brauchten wohl Kraft für das Turnier“, sagte Samantha und deutete mit einer Kopfbewegung zur Koppel. Sarah hatte ihre Arme gerade um Lornas Hals geschlungen und kommentierte die letzten Sprünge im Stechen. „Woher das Mädchen nur immer diese Ideen hat …“
„Das weiß ich auch nicht.“
„War Lorna eigentlich mal ein Springpferd? Ich meine, ich kann es mir irgendwie nicht recht vorstellen, aber ich gebe zu, daß ich mich mit Pferden nicht auskenne.“ Das stimmte, für Samantha sah ein Pferd aus wie das andere, nur das die alte Stute wenig Ähnlichkeit mit den Pferden hatte, die an den Springturnieren teilnahmen, die im Fernsehen übertragen wurden, sah sie schon.
„Vielleicht.“ Er zuckte leicht mit den schultern. „Jetzt ist Lorna alt und sie war es schon, als ich sie vor sieben Jahren kaufte. Ich weiß nichts über ihre Vergangenheit, mir gefielen nur ihre Augen und ich hab mir eigentlich schon immer ein Pferd gewünscht, schon als kleiner Jungem, bloß konnte ich es mir nie leisten. Dann war da dieser Pferdemarkt und niemand wollte Lorna und sie war nicht teuer.“
„Ja, ja. Sarah Michaelis gewinnt auf Lorna das Deutsche Derby mit einer neuen Rekordzeit. Die Ausnahmestute hat wieder einmal gezeigt, was in ihr steckt“, jubelte Sarah und klopfte Lornas Hals. Die Stute wieherte leise und spitzte die Ohren.
Sarah drehte sich um und bemerkte nun erst die beiden Personen am Zaun. „Oh, hallo, steht ihr schon lange da?“
„Gewinn du nur das nächste Rennen, mein Schatz“, sagte Samantha liebevoll. „Ich wollt eben in den Supermarkt rüber. Irgendwelche Wünsche?“
„Möhren“, antwortete Sarah sofort und schaute leicht irritiert, da ihre Mutter und Egon lachten.
Der alte Mann trat zu ihr und klopfte Lornas Hals. „Hast wohl wieder phänomenale Leistungen gebracht, was altes Mädchen?“
„Lorna ist das beste Pferd der Welt.“ Sarah sprach ganz ernsthaft.
„Ja, das ist sie wirklich.“ Samantha trat ebenfalls zu ihnen und streichelte das samtweiche Maul. Für ihre Tochter gab es keine bessere Freundin und Spielgefährtin. Da Sarah gerade mit Egon in ein Gespräch über Turniererfolge vertieft war, beugte sie sich an die Ohren der Stute. „Ich danke dir. Du hast meiner Tochter das Lachen und die Fröhlichkeit zurück gegeben. Auch wenn ich nicht weiß, ob du wirklich das Pferd warst, von dem Sarah immer erzählt.“
Lorna knabberte an ihrer Seite und schnaubte.
Samantha sah ihr in die Augen, die immer noch wach und glänzend waren, obwohl das Fell darum deutliche Alterserscheinungen zeigte. Da war ein Funkeln drin, wie sie es auch bei den edlen Springpferden im Fernsehen gesehen hatte. Sollte Sarah etwa doch recht haben? Und fast schien es Samantha, als würde die alte Stute ihr zuzwinkern …

Autor: Maren Frank
mara.frank@gmx.de     
http://www.marenfrank-literatur.de/



Der erste Ausritt
1, 12 November, 2006, 5:57
Gespeichert unter: Pferde

Mit jedem Schritt, den Tina Gerber näher an den Stall heran kam, schien ihr Herzschlag sich zu beschleunigen. Wenn sie es recht bedachte, hatte sie schon heute morgen beim Aufstehen Herzklopfen gehabt. Dabei war es erst kurz nach sechs gewesen und bis zur Reitstunde am Nachmittag lag noch ein voller Schultag vor ihr. Doch der war nun geschafft und sie hatte sogar einen Bus früher als sonst genommen.
„Du hast ganz rote Wangen“, bemerkte Judith, die neben ihr ging. Da Judith und sie in der gleichen Straße wohnten und nicht nur in die selbe Klasse gingen sondern auch die Liebe zu den Pferden teilten, war es ganz selbstverständlich, dass sie sich angefreundet hatten, als Tina mit ihren Eltern letztes Jahr herzgezogen war.
„Das macht nur der kalte Wind“, verteidigte Tina sich.
Judith grinste über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht. „Es weht nicht das kleinste Lüftchen und kalt ist es auch nicht.“
Darüber war Tina sehr froh, denn sie wusste ganz genau, dass bei strömendem Regen oder starkem Sturm der Ausritt buchstäblich ins Wasser gefallen wäre. Das heißt, natürlich wäre er nur verschoben worden, doch die Vorstellung noch tagelang darauf zu warten zum ersten mal ins Gelände zu gehen, war so schrecklich, dass Tina diese Gedanken ganz schnell verdrängte. „Okay, okay, dann ist es eben die Aufregung, zufrieden?“
Freundschaftlich knuffte Judith sie in die Seite. „He, ist doch normal, was glaubst du, wie aufgeregt ich vor meinem ersten Geländeritt war. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.“
„Das glaube ich dir nie.“ Tina wusste von gemeinsamen Nächten, was für ein Murmeltier die Freundin sein konnte. Selbst wenn sie sich in den Ferien morgens treffen wollten, bedurfte es viel Überredungskunst ihrerseits Judith davon zu überzeugen vor dem Mittagessen auf zu stehen.
„Naja, jedenfalls fast nicht“, gab sie zu. „Aber ich war mindestens so aufgeregt wie du jetzt. Und du darfst nicht vergessen, ich war viel jünger, erst zehn.“
Jetzt waren sie beide 13 und hielten Zehnjährige für sehr kindisch. Laut hätte Tina das aber am Stall nie gesagt, denn viele der jüngeren ritten weitaus besser als sie. Aber Tina hatte ja auch erst seit knapp einem Jahr Reitunterricht, zwei Stunden die Woche, was nicht viel war, aber für mehr reichte ihr Taschengeld nicht. Doch auch ohne eine Reitstunde zu haben waren sie und Judith fast täglich im Stall, halfen beim Striegeln und Ausmisten und sahen den anderen zu, wie sie auf dem Platz oder der Reithalle ihre Runden drehten. Denn das man auch beim Zusehen viel lernte, hatte Tina schnell gemerkt.
Schon von weitem hörten sie die Stimme, Gequietsche und ab und zu kleine Streitereien. Das war normal und die Pferde allesamt nervenstark genug, sich von den Geräuschen der Mädchen nicht beeindrucken zu lassen.
Auf dem Hof vor den Boxen herrschte reger Betrieb. Sieben Pferde zählte Tina und an jedem puzzelten mindestens zwei Mädchen herum. Die älteren und zwei Reitlehrer sorgten mit geschultem Blick dafür, dass die Hufe korrekt ausgekratzt wurden und die Satteldecken faltenfrei lagen.
„Alles klar?“ begrüßte Reitlehrerin Marlies die beiden Freundinnen.
Tina nickte eifrig und hoffte, dass inzwischen die Röte von ihren Wangen verschwunden war. Doch mit einem Blick über die Köpfe der anderen sah sie, dass sie nicht die einzige war, die aufgeregt dem Ausritt entgegen fieberte. Sie war nicht die einzige, für die das der erste Ausritt werden würde.
Paul, Marlies Kollege, trat neben sie. „Tina, du kannst Ricky ruhig schon aufsatteln, geputzt ist er bereits.“
Tina ging zusammen mit Judith zu dem hübschen Dunkelbraunen, dessen Fell Bianca auf Hochglanz gebracht hatte. Gerade klopfte sie den Striegel aus und packte ihn zusammen mit der Kardätsche in den Putzkasten. Die Augen des blonden Mädchen glänzten ebenfalls, allerdings nicht vor Freude. „Als ich letzten Monat mit Ricky ausgeritten bin, ist er an der Weggabelung durchgegangen. Und beim Galopp im Gelände hat er die Angewohnheit ab und zu mal den Kopf runter zu reißen und ein wenig zu buckeln. Wollte nur, dass du das weißt.“
Tina zuckte merklich zusammen, doch Judith funkelte die andere wütend an. „Verzieh dich, Bianca.“
Sie zuckte mit den schultern und schlenderte davon, nicht ohne Tina vorher noch ein überlegendes Grinsen zugeworfen zu haben.
„Hör bloß nicht auf diese dumme Kuh, wenn die den Mund aufmacht, kommt nur Müll heraus.“ Judith legte die Satteldecke auf Rickys Rücken. Zutraulich zupfte der Wallach an ihrer Jacke.
Tina allerdings kam er plötzlich reichlich groß und kräftig vor. Dabei war Ricky von leichtem Knochenbau und viele der anderen Pferde hatten ein höheres Stockmaß. Bei ihrer ersten Reitstunde auf ihm war er ihr auch ziemlich groß vorgekommen, doch im Laufe des letzten Jahres war sie selbst ordentlich gewachsen, so dass sie ihm jetzt fast schon ohne auf den Zehenspitzen zu stehen über den Rücken gucken konnte. Ricky war ihr Lieblingspferd und sie freute sich auf jede Stunde mit ihm. Dennoch, nun musste sie daran denken, wie er in der vorletzten Stunde gescheut hatte, als plötzlich ein Vogel dicht vor ihm über den Platz geflogen war. So richtig scheuen war es allerdings nicht gewesen, sie hatten gerade das Leichtraben geübt und Ricky hatte einen ganz kleinen Hüpfer zur Seite gemacht. Tina hatte sich zwar erschrocken, doch sie war nicht runter gefallen. „Was ist, wenn er mir durchgeht?“ fragte sie leise, während sie spürte, wie sich ihre Kehle zusammen schnürte.
„Quatsch, Ricky doch nicht. Der geht nicht durch.“
„Und was war letztens mit dem Vogel?“ erinnerte Tina. Judith war dabei gewesen, sie hatte wie einige der anderen Mädchen auch vom Zaun aus zugeguckt.
„Das war überhaupt kein Durchgehen“, wiedersprach Judith. „Wenn ein Pferd durchgeht, dann galoppiert es mit vorgestrecktem Kopf und reagiert auf keine einzige Hilfe mehr.“
Tina fühlte, wie ihre Knie weich wurden. „Im Wald sind so viele Vögel.“
„Aber das kennt Ricky, er hatte doch letztens nur gescheut, weil der Vogel genau vor seine Beine geflogen war.“
„Und wenn das jetzt wieder passiert?“ Tina hielt die Hände ihrer Freundin fest, die den Sattel auflegte. „Ich reite nicht mit.“
„Sag mal spinnst du?“ Judith schob ihre Hände beiseite und fuhr fort zu satteln. „Du freust dich seit tagen auf den Ausritt und wegen einer dummen Bemerkung von Bianca willst du plötzlich nicht mehr? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein.“
„Ist es aber“, flüsterte Tina. Sie fand es ja selbst doof, doch ihre Angst war einfach stärker. Wenn es nur auf den Platz oder in die Halle gegangen wäre, das wäre was anderes gewesen. Doch im Wald… Ihre Phantasie spielte einen Horrorfilm vor ihrem inneren Auge ab, in dem ein wild dahin galoppierender und buckelnder Ricky die Hauptrolle spielte und sie selbst hilflos auf seinem Rücken und schließlich stürzend, während der Wallach weiter galoppierte.
„He, was ist denn bei euch los.“ Marlies war zu ihnen getreten. „Beeilt euch mal ein bisschen, die anderen sind alle schon beim Auftrensen.“
„Ich reite nicht mit!“ platzte Tina heraus.
„Was?“ Marlies guckte sie mit großen fragenden Augen an. Das konnte doch nur ein Scherz sein, wenngleich das nicht Tinas Art war und ihre Stimme nicht danach geklungen hatte.
Tina nickte ernst. „Ich glaube, ich bin noch nicht so weit. Es ist sicher besser, wenn ich noch einige Stunden in der Bahn nehme.“
„Eigentlich hatte ich den Eindruck, dass deine Reitkünste für einen Ausritt in der Gruppe ausreichend sind. Und im Galopp hattest du bisher nie Probleme und wir reiten ja auch nicht wild durch die Gegend“, sagte Marlies. „Oder liegt es an Ricky? Soll ich Nadine oder Steffi fragen, ob sie mit dir tauschen?“
Tinas Blick glitt zu den betreffenden Mädchen. Die elfjährige Nadine hatte Perry gesattelt, einen Rappschecken unbestimmter Rasse, der oftmals den Eindruck erweckte, im gehen ein zu schlafen. Steffi war dabei Coras lange Mähne zu entwirren. Die hübsche Falbstute war trotz ihrer zickigen Art beim Putzen sehr beliebt. Gegen Ricky wäre besonders Nadine sicher bereit zu tauschen. „Nein, es ist nicht wegen Ricky.“
Bianca näherte sich ihnen und Judith war überzeugt, dass das Mädchen ihr Gespräch belauscht hatte. Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein selbstbewusster Ausdruck. „Dann reite ich eben Ricky, gesattelt ist er ja schon und ich habe für heute sowieso eine Stunde gebucht.“
Bianca ritt seit über zwei Jahren und war schon oft im Gelände gewesen, doch Marlies schüttelte den Kopf. Sie kannte Bianca, wusste von der Feindschaft zwischen ihr und Tina und zählte nun zwei und zwei zusammen. „Das wird nicht nötig sein, Tina reitet mit. Ich werde sie an den Führzügel nehmen.“
„Führzügel, bist du dafür nicht schon ein bisschen zu alt“, spottete Bianca.
Tina ballte die in ihren Jackentaschen vergrabenen Hände zu Fäusten. Sie hätte Bianca liebend gern das freche Maul gestopft und erfreute sich an der Vorstellung, sie in den Misthaufen zu schubsen. Den Mut hätte sie zwar nie dazu, aber allein das Bild einer Bianca inmitten von nassem Stroh und Pferdeäpfeln tat gut.
„Das ist meine Entscheidung, bitte misch dich da nicht ein.“ Marlies Stimme klang ruhig, doch in ihr schwang ein Unterton mit, der einer Warnung gleich kam. Fein zwar, aber deutlich genug, dass Bianca verstand. So groß ihre Klappe bei den Mädchen auch war, vor der Reitlehrerin wagte sie es nicht etwas zu sagen.
Doch in ihren Augen stand nach wie vor ein triumphierender Gesichtsausdruck. Tina wusste, dass der auch noch da stehen würde, wenn Bianca nicht mitreiten durfte. Das Tina einen Rückzieher machte, würde sie ihr dann tagelang vorhalten. „Ich reite mit, ohne Führzügel“, sagte Tina und hoffte, dass ihre Stimme fest klang. Entschlossen streifte sie Ricky die Zügel über den Kopf.
Marlies lächelte sie an, dann richtete sich ihr Blick auf Bianca. „Die Tränke auf der hinteren Weide müsste gesäubert werden. Da bis zu deiner Stunde ja noch Zeit ist, wäre das eine gute Beschäftigung für dich, Bianca.“
Bianca riß den Mund auf, schluckte ihren Protest aber rasch hinunter. Die Arbeit gehörte zum Umgang mit den Pferden dazu, das war eines der obersten Gebote. Jedes der Mädchen half, egal ob es nun ums Ausmisten, fegen der Stallgasse oder eben ums Saubermachen der Tränken ging. Doch sobald Marlies außer Hörweite war, beugte sie sich rasch zu Tina hinüber. „Denk dran, er reißt den Kopf im Galopp runter.“
„Bianca!“ Marlies Stimme. Die Reitlehrerin hatte zwar nichts von den gemeinen Worten hören können, wollte das Mädchen aber von den Freundinnen weg haben. Der Blick, den sie ihr zuwarf, ließ Bianca schweigend gehen.
„Hör nicht auf dieses fiese Biest“, tröstete Judith. „Du schaffst das schon.“
„Danke.“ Tina versuchte tapfer zu lächeln, doch es wurde mehr eine Grimasse draus. Sie wusste, dass sie ihre Ängste schnellstens unter Kontrolle bringen musste, denn wenn sie nervös war, würde sich das auch auf Ricky übertragen. Als zuverlässiges Reitschulpferd war er zwar an ängstliche Kinder gewöhnt, doch ob er im freien Gelände immer noch so ruhig wie in der Halle bleiben würde, wusste sie nicht.
Der schlanke Dunkelbraune stupste sie leicht an und Tina strich über den weißen Fleck, der sich über die linke Seite seiner Nüstern zog. „Bitte wirf mich nicht ab und geh auch nicht durch“, flüsterte sie in sein ihr zugewandtes Ohr.
Er gab ein leises Schnauben von sich und scharrte kurz mit einem Vorderhuf. Die großen glänzenden Augen blickten lieb und vertrauenerweckend.
Tina löste den Führhaken, der noch am Trensenring befestigt war und führte Ricky hinüber zu den anderen Pferden. Paul saß bereits auf Amors Rücken. Der schlanke Dunkelfuchs stand wie eine Statue da. Marlies gab den Befehl zum Aufsitzen und kontrollierte das Nachgurten bei jedem. Perry hatte sich wie üblich mächtig aufgebläht, so dass Marlies Nadine helfen musste. Die Reitlehrerin stieg als letzte auf Jades Rücken.
„Alle bereit?“ Paul warf einen Blick über seine Schulter und gab dann leichten Schenkeldruck, so dass Amor sich in Bewegung setzte. Die Reitschüler reihten sich hinter ihm ein, Marlies als Abschluß. Die zurückbleibenden Mädchen, Judith an der Spitze, wünschten ihnen viel Spaß und winkten ihnen nach.
Den Zufahrtsweg zur Reitschule war Tina sicher hunderte von malen zu Fuß gegangen, doch von Rickys Rücken aus kam er ihr doch ein wenig anders vor. An der Kreuzung gabelte er sich, nach links führte der breite Weg weiter zur richtigen Straße, rechts lief der Reitweg.
Um die Pferde auf zu wärmen, gingen sie die ersten zehn Minuten nur im Schritt. Tina war das ganz recht, allerdings war sie so auf Ricky konzentriert, dass sie die Umgebung gar nicht richtig wahr nahm. Allerdings kannte sie den Wald, oft war sie mit Judith auf ihren Fahrrädern hier entlang gefahren, denn etwa parallel zum Reitweg führte ein Wanderweg.
Das Traben ging problemlos, Amor legte einen guten Mitteltrab vor und Tina war froh, Ricky zu reiten. Er hatte herrlich weiche Gänge und ihr tat die vor ihr reitende Nadine aufrichtig leid, die von Perrys hartem Trab unbequem geschüttelt wurde.
Als sie sich der ersten Straße, die sie überqueren mussten, näherten, hob Paul den Arm, zum Zeichen, dass sie langsamer werden sollten. Tina hörte den Verkehrslärm, es war zwar noch keine Feierabendzeit, dennoch war die Bundesstraße an diesem Stück immer reichlich befahren. Es gab eine Ampel, die kurze Zeit später auf grün übersprang. Marlies ließ die Reiter je zu zweit die Straße überqueren.
Tina sah die wartenden Autos, rasch hatte sich eine Schlange gebildet. Die Ampel sprang wieder um, die Intervalle waren stets sehr kurz. Ihre Hände krampften sich um die Zügel, doch Marlies nickte ihr zu. Tina deutete mit dem Kopf zur Ampel.
„Geht rüber, die Autos warten!“ rief Marlies.
Sie hatte recht, bemerkte Tina, die Autos standen immer noch und der Fahrer im ersten Wagen sah gar nicht ärgerlich aus. Er deutete ihnen mit einer Handbewegung an, dass sie die Straße überqueren sollten. Sie lockerte die Zügel so weit, dass Ricky automatisch los ging. Seine beschlagenen Hufe verursachten ein Klappern auf dem Asphalt, dass in Tinas Ohren unnatürlich laut klang.
Doch dann war der Hufschlag plötzlich wieder gedämpft, sie hatten die Straße überquert, Ricky stand neben Perry und sah mit aufmerksam gespitzten Ohren dem Geschehen zu.
Etwa zehn Meter mussten sie an der Straße entlang reiten, dann führte der Reitweg wieder in den Wald hinein. Marlies lobte sie, in der Theorie hatten sie oft besprochen, wie eine Straße korrekt überquert wurde. Tinas Lächeln war ein wenig verkrampft, doch sie entspannte sich mehr und mehr. Sie wusste, dass jetzt für eine ganze Strecke nur noch ungestörter Reitweg vor ihnen lag. Ab und zu konnten sie zwar durch die Bäume den Wanderweg sehen, doch er schnitt sich nicht mit ihrem Weg.
Die Bäume und Sträucher blühten so üppig, wie es sich für Anfang Mai gehörte und Tina genoß das kurze Kitzeln der warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht und den Armen, die ab und zu durchs Blätterdach drangen. Ein leichter Wind wehte, was angenehm war, denn beim Traben wurde ihr warm. Verschiedene Düfte lagen in der Luft, süß und leicht der der Kirschblüten, an anderer Stelle fast überdeckt vom schweren Aroma der Fliederbüsche.
Dann gab Paul den Befehl zum Galopp und die Pferde sprangen los. Natürlich jagten sie nicht wie wild durch die Gegend, sondern im versammelten Galopp. Für die Reiter von Perry und Jade allerdings bedeutete das fast schon Jagdgalopp, denn die beiden waren die kleinsten und konnten so kaum mit den raumgreifenden Sprüngen der Warmblüter mithalten.
Tina hätte am liebsten laut gejuchzt. Der Wind zerrte ein wenig an ihren Haaren, die sie zum Knoten aufgesteckt unter der Kappe trug. Wie ein Blitz schoß ihr plötzlich Biancas Warnung in den Sinn. Sie waren schon ein ganzes Stück galoppiert und Ricky hatte kein einziges mal auch nur ansatzweise versucht zu buckeln oder den Kopf runter zu reißen. Dennoch fasste sie die Zügel fester und zog unwillkürlich.
Ricky streckte den Kopf weiter nach vorn und schüttelte ihn leicht dabei. Er sollte doch galoppieren, warum gab ihm seine Reiterin dann nicht mehr Zügel? Um das Tempo halten zu können, brauchte er Kopffreiheit. Tina gab keine weiteren Hilfen, saß nur oben, die Beine fest anliegend. Schon nahm der Abstand zu dem vor ihnen galoppierenden Perry weiter zu.
Ricky war so gut ausgebildet, dass er nicht versuchte, schneller zu werden. Viele Pferde wären an dieser Stelle ihrem Herdeninstinkt gefolgt, doch Ricky wurde langsamer, so weit, dass er schließlich in Trab fiel.
„He, was ist denn da vorne los?“ rief Marlies. Von ihrer Position aus konnte sie nicht erkennen, wer in die langsamere Gangart gewechselt war.
Kalter Schweiß trat Tina auf Nacken und Stirn. Was sollte sie bloß sagen, was glaubhaft klang? Sie hatte ja selbst keine Erklärung dafür, außer Biancas Worte. Inzwischen hatte sie Ricky zum Schritt durchpariert. Von Perry war nichts mehr zu sehen.
„Ist was mit Ricky?“ fragte Steffi, die direkt hinter ihr ritt.
„Laßt mich mal vorbei“, befahl Marlies und trieb ihre Stute an den zur Seite tretenden Pferden entlang. Zum Glück war auf diesem Stück der Reitweg breit genug, dass zwei Pferde nebeneinander gehen konnten. „Warum hast du angehalten?“
Tina schwitzte stärker. Ihr Herz klopfte wie rasend und sie wünschte sich ganz weit weg. Sie hielt den Kopf gesenkt, denn sie schämte sich, dass sie den anderen den Ausritt verdarb. Außerdem haßte sie es, im Mittelpunkt zu stehen. „Ich…“
„Ja?“ fragte Maries behutsam. Das mit Ricky alles in Ordnung war, war ihr klar; andernfalls hätte Tina nicht gezögert, sie darauf hin zu weisen. Eine gute Menschenkenntnis verbunden mit langjähriger Erfahrung als Reitlehrerin reichten aus, um nach einem Blick auf Tina zu wissen, was los war.
„Es tut mir leid“, stammelte Tina. Sie fühlte, wie die Tränen ihr in der Kehle brannten. Sie saß ab, doch es war mehr ein herunter rutschen, denn jegliche Kraft schien aus ihren Gliedmaßen gewichen zu sein.
Doch Marlies war schon neben ihr, legte ihr den Arm um die zitternden Schultern. Jades Zügel hingen lang runter, die braune Stute würde nicht weglaufen und stand mit aufmerksam gespitzten Ohren da.
„Was ist denn mit Tina?“ wollte Steffi wissen. Auch die anderen beiden Mädchen schauten neugierig zu ihrer Kameradin, die mit gesenktem Kopf und zuckenden Schultern da stand. Sie verstanden nicht, warum Tina weinte. Schließlich war sie ja nicht runter gefallen. Das mal eine runter fiel, kam besonders bei den Anfängerinnen öfter vor. Daraus wurde keine große Sache gemacht, sofern das betreffende Mädchen nicht verletzt war. Bedingt durch den Schock flossen zwar durchaus mal Tränen, doch die Reitlehrer setzten die Betreffende rasch wieder auf den Pferderücken und verstanden es, sie ab zu lenken.
„Was ist denn passiert?“ Paul kam angetrabt, Nadine im Schlepptau. Irgendwann hatten die beiden wohl gemerkt, dass sie allein galoppierten und waren umgekehrt.
Marlies machte ihm ein Zeichen, woraufhin er die anderen Mädchen mit sich nahm. Zurück blieben Tina, Marlies und ihre Pferde, die, obwohl nicht angebunden, felsenfest dastanden. Die kleine Stute wandte lediglich ihren Kopf in die Richtung, in die ihre Gefährten verschwanden.
„Es tut mir so leid“, schluchzte Tina, den Kopf an Marlies Schulter vergraben. „Ich weiß gar nicht, was plötzlich los war, ich hatte auf einmal so schreckliche Angst, dass Ricky buckeln oder durchgehen würde.“
„Ist ja schon gut.“ Marlies zog ein etwas zerknittertes Taschentuch aus ihrer Hosentasche und reichte es Tina. „Hier, putz dir erst mal die Nase.“
„Danke.“ Sie schniefte noch immer, die Tränen wollten einfach nicht aufhören, doch zumindest schaffte sie es, Marlies nun an zu sehen. „Ich hab gar nicht mehr nachgedacht, ich …“
Die Reitlehrerin seufzte. „Diese verfluchte Bianca! Du weißt doch ganz genau, dass sie nur wegen eurer Feindschaft irgendwelchen Mist erzählt. Was war es denn? Das Ricky angeblich scheuen würde?“
„Ja.“ Erstaunt sah Tina sie an. Sie hätte nichts gesagt, denn sie wollte keine Petze sein, nicht mal, wenn es Bianca betraf. Doch da Marlies offenbar bereits bescheid wusste, lag der Fall wohl anders.
Marlies nickte. „Ist nicht das erste mal, dass sie so ein Gerücht in die Welt setzt. Und auch nicht das erste mal, dass es Folgen hat.“
„Wirklich?“ Unsicher sah Tina der älteren Frau in die Augen. Sagte sie das jetzt nur um sie zu trösten?
Marlies schien ihre Gedankengänge zu ahnen. „Frag mal bei Gelegenheit Denise, dank Bianca traute sie sich wochenlang nicht über Cavalettis zu springen. Ich kam erst viel später dahinter, dass Bianca ihr ähnlichen Schwachsinn erzählt hatte, wie dir.“
Tina dachte an Denise, die ein Jahr älter war als sie und bereits bei kleineren Turnieren angetreten war. Zwar nur in den Anfängerklassen, aber Tina fand es dennoch beeindruckend. Außerdem war das so unscheinbar wirkende Mädchen eine ganz ausgezeichnete Reiterin. „Aber Denise ist doch so gut, wovor sollte sie denn Angst haben?“
„Ja, sie ist sehr talentiert. Aber es ist noch gar nicht so lange her, da hat sie sich kaum getraut über Stangen zu traben. Wenn ich sie darauf ansprach, kam sie mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden und eines Tages bekam ich zufällig mit, wie Bianca einen ihrer Sprüche los ließ. Natürlich bin ich gleich dazu und habe einiges klar gestellt.“
„Aber sie hatte ja Recht, in meinem Fall“, sagte Tina leise. „Ich meine, Ricky hätte doch wirklich scheuen können.“
„Ja, jedes Pferd kann scheuen. Aber das kann es auch, wenn du auf dem Platz reitest. Und wenn du die ganze Zeit nur daran denkst, was alles passieren könnte, bringst du dich um den ganzen Spaß und solltest dir ernsthaft überlegen, ob reiten wirklich das richtige für dich ist.“
Entsetzt schaute Tina sie an. Nie mehr reiten? Das war eine schreckliche Vorstellung. Zwar war sie auch so gern mit den Pferden zusammen, konnte Stunden damit zubringen ihnen gemütlich beim Grasen zu zusehen, doch auf einem Pferderücken zu sitzen liebte sie, bisher hatte sie sich dort immer sehr wohl gefühlt. Und eigentlich war sie doch gar kein ängstlicher Typ, zwar auch nicht unbedingt draufgängerisch, aber normalerweise brauchte es schon mehr als einen dummen Spruch, um Furcht in ihr zu wecken. „War blöd von mir.“
„Ja.“ Lächelnd strich Marlies ihr über die Schultern. „Aber nicht deine Angst ist blöd, sondern sich von solchen Sprüchen verrückt machen zu lassen. Die Angst kannst du ruhig haben, solange sie dich nicht beherrscht. Vorsicht ist immer gut, aber so eine Panikmache, die verdirbt den Spaß.“
Tina nickte. „Ich glaube, ich habe verstanden, was du meinst.“
„Dann möchtest du jetzt weiter reiten?“ Marlies hielt ihr die Zügel hin, die Tina achtlos fallen gelassen hatte. Hätte es noch einen Beweis für Rickys Gehorsam gebraucht, damit hätte sie ihn gehabt, denn der brave Wallach hatte sich keinen Zentimeter von der Stelle gerührt.
Tina nahm die Zügel, setzte einen Fuß ihren linken Fuß in den Bügel und schwang sich empor. „Ich hab immer noch Herzklopfen.“
„Sicher doch, so ein Ausritt ist ja auch was aufregendes.“ Marlies ging zu ihrer Stute und saß ebenfalls auf. Sie trieb Jade neben Ricky und ließ sie Schritt gehen.
Die Anspannung löste sich nur langsam in Tina, doch schließlich sah sie Marlies an. „Galopp?“
„Wenn du möchtest“, antwortete die Reitlehrerin, doch sie kannte die Antwort bereits, konnte sie von Tinas Gesicht ablesen.
Auf ihr leises Schnalzen hin und den Schenkeldruck sprang Ricky in einen munteren Galopp. Tina gab ihm reichlich Zügel und vergewisserte sich erst nach einem Moment, in dem sie das Gefühl des kraftvollen schnellen Pferdes genoß, mit einem Blick über die Schulter, dass Marlies ihr folgte. Jade war zwar klein, aber schnell und hielt problemlos mit dem hochbeinigen Wallach mit.
Ricky galoppierte gleichmäßig und sicher und Tina spürte, wie ihre Angst sich völlig auflöste. Sie konnte Ricky vertrauen, doch gleichzeitig wusste sie, dass Marlies recht gehabt hatte; leichtsinnig durfte sie nie werden.
Nein einigen Minuten hatten sie die Gruppe eingeholt, da Paul nur im Schritt voran geritten war. Er stellte keine Fragen, denn wie Marlies auch übte er seinen Beruf lange genug aus, dass ihm solche Situationen nicht fremd waren.
Von ihren Kameradinnen wurde Tina herzlich aufgenommen. Sie waren alle Anfängerinnen und konnten Tinas Ängste gut nach voll ziehen. „Ehrlich gesagt, ich hatte auch ganz schön Bammel vor dem Galoppieren“, gestand Steffi ein. „Cora ist zwar lieb und in der Halle bin ich schon sehr oft mit ihr galoppiert, aber hier im Gelände ist das doch etwas anderes.“
Nadine nickte. „Trotzdem fand ich es toll. Auch wenn Perry hoppelt wie ein Hase.“
„Ach, ich wusste gar nicht, dass du schon auf einem Hasen geritten bist“, neckte Marlies sie und die Mädchen lachten.
Sie ritten nun im Schritt je zu zweien nebeneinander, nur Paul allein mit Amor an der Spitze. Hinter den Bäumen konnten sie bereits die Scheune sehen, in der Stroh, Heu und Kraftfutter eingelagert waren. Auf den Weiden, die sich bis an den Waldrand erstreckten, grasten mehrere Pferde und wieherten ihren Gefährten freudig zu. Ein kleiner Rappe trabte das ganze Stück bis zum Zaun seiner weide neben ihnen her.
Als sie in den Hof einritten, spürte Tina doch wieder Aufregung. Vom Klappern der Pferdehufe angelockt lief Judith herbei. An ihren Stiefeln klebten Strohhalme. „Sag, wie war es“, wandte sie sich sogleich an Tina.
Die saß ab, lockerte den Gurt und klopfte Ricky den Hals. „Danke für den wundervollen Ritt.“ Dann drehte sie sich zu ihrer Freundin um. „Ich erzähl dir nachher alles ausführlich.“
Judith nickte verstehend. Für ernsthafte Gespräche unter vier Augen war der Stall wirklich nicht der ideale Ort. Momentan war etwa ein gutes Dutzend Mädchen damit beschäftigt, die Pferde ab zu satteln und zu versorgen.
Biancas kurzer blonder Schopf tauchte in der Menge auf, doch auch Marlies hatte gesehen, dass sie Kurs auf Tina und Ricky nahm und sich ihr in den weg gestellt. Was sie ihr sagte, konnte Tina von ihrer Position aus nicht verstehen, doch Bianca kam nicht zu ihr, sondern stiefelte davon. Und zwar ziemlich sauer, wenn Tina ihre Gestik richtig deutete. Aber das berührte Tina nicht, zum ersten Mal war es ihr egal, was Bianca sagte oder tat, weder freute sie sich noch war sie erleichtert, dass die Konfrontation mit ihr ausblieb. Nur eines wusste sie mit Bestimmtheit; dass sie sich schon sehr auf den nächsten Ausritt auf Ricky freute.

Autor: Maren Frank
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Die Pferdefee
1, 12 November, 2006, 5:55
Gespeichert unter: Pferde

„Elisabeth, beeil dich doch, wir kommen noch zu spät.“ Anklagend und leicht ängstlich war der Blick der große braunen Augen Annes. Nervös trippelte sie von einen Fuß auf den anderen.
„Ich komm ja schon.“ Elisabeth Leary seufzte, strich der grauen Stute noch einmal schnell über die Nüstern und lief zu ihrer Schwester.
Gerade in diesem Moment schlug die Glocke in der Kirchturmspitze sieben mal.
Anne zuckte zusammen und sah aus, als wäre sie dem Weinen sehr nahe. „Habe ich es nicht gesagt, habe ich es nicht gesagt? Wir sind zu spät, bestimmt wird…“
Elisabeth packte die Jüngere im Laufen beim Arm. „Nun reg dich doch nicht so auf. Mrs. Pomfrey wird uns schon nicht den Kopf abreißen.“
Anne wand sich wie ein Aal, kam schließlich frei und hechtete zwei Stufen auf einmal nehmend die Holztreppe zum Hintereingang hinauf.
Elisabeth beschleunigte nun ebenfalls ihre Schritte und kam etwa zwei Sekunden nach ihr in der Küche an. Wie ein einzeln in einem Grasland aufragender Felsbrocken stand Mrs. Pomfrey in der Mitte der Küche. Ihre aufgesteckten blonden Haare verschwanden fast vollständig unter der Haube, die runden Wangen waren wie immer gerötet und die kleinen Augen funkelten ärgerlich. Ihr gewaltiger Busen wogte bei jedem Atemzug und Elisabeth überlegte insgeheim, ob die Knöpfe ihres schlichten, graubraunen Kleides dieser Belastung wohl lange standhalten würden.
„Ihr seid zu spät, das dulde ich nicht, merkt euch das“, zischte sie.
„Ich wär ja rechtzeitig gewesen, doch Elisabeth …“, plapperte Anne drauf los.
Mit einer schroffen Handbewegung unterbrach die Köchin sie. „Es interessiert mich nicht, was deine Schwester gemacht hat. Ich habe nur zugestimmt, euch in die Küche zu nehmen, weil mir eure Mutter leid tut. Also gebt euch Mühe.“
Ärgerlich ballte Elisabeth die Hände zu Fäusten. Sie hatte Mrs. Pomfrey noch nie gemocht, ihr aber bisher gut aus dem Weg gehen können. Doch nachdem ihr Vater bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen war, reichte das wenige Geld, das ihre Mutter verdiente, nicht mehr für ihre vierköpfige Familie und so mußten die Älteren sich ebenfalls eine feste Arbeit suchen.
„Was soll ich machen?“ wollte Anne eifrig wissen.
Mrs. Pomfrey überlegte kurz und musterte das schmächtige, siebenjährige Mädchen. „Bring die Abfälle da weg. Schaffst du das?“
Leicht enttäuscht, denn sie hätte viel lieber eine wichtigere Aufgabe bekommen, ging Anne zu den beiden Eimern und hob sie an. „Natürlich.“
„Und du.“ Mrs. Pomfrey nestelte an der Tasche ihrer Schürze herum und zog dann einige Münzen hervor. „Du gehst auf den Markt und kaufst Kartoffeln, einen großen Sack. Und laß dich ja nicht übervorteilen und wag es ja nicht, das Geld zu verlieren.“
Elisabeth nickte und steckte die Pennys ein. Zum Markt war sie schon oft allein gegangen, das war für ein Mädchen von elf Jahren nichts ungewöhnliches. Sie war gerade ein paar Meter von dem Haus weg, da sprang ein kleiner Junge auf sie zu.
Seine Wangen waren vom laufen gerötet und seine dunklen Augen glänzten erwartungsvoll. „Nimmst du mich mit, nimmst du mich mit?“
Elisabeth legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte beruhigend zu ihm herab. „Du weißt doch gar nicht, wohin ich gehe.“
„Egal, ich möchte trotzdem mit“, erklärte ihr Bruder und trat dabei von einem Fuß auf den anderen.
„In Ordnung Willy, du kannst mit zum Markt kommen. Aber versprich mir, daß du bei mir bleibst. Eigentlich solltest du nämlich zu Hause sein.“
„Da ist es so langweilig, ganz allein.“
In Gedanken stimmte Elisabeth ihm zu. Sie selbst langweilte sich ja schon, wenn sie zu Hause war, wie schrecklich mußte das dann erst für einen energiegeladenen Vierjährigen sein? Zumal das einzige kleine Zimmer, aus dem ihre Wohnung bestand, keinerlei Möglichkeiten für Spiele bot. Willys einziges Spielzeug war ein grob geschnitztes Holzpferd, das er von seinem älteren Bruder David letzte Weihnachten bekommen hatte. Bei dem Gedanken an ihren zwei Jahre älteren Bruder krampfte sich Elisabeths Herz zusammen. David stand seit fünf Monaten in den Diensten eines Advokaten, der mehr als eine Tagesreise von hier entfernt lebte. Seit er dort arbeitete, war er nur ein einziges mal nach Hause gekommen, für drei Tage, zu Weihnachten. David war Elisabeths Ansprechpartner gewesen und er verstand ihre Pferdeliebe. Oftmals hatte er ihr ein Stück hartes Brot für Jenny, die graue Stute des Milchmannes zugesteckt.
„Kaufst du mir was Schönes?“ fragte Willy in ihre Gedanken hinein.
„Dafür habe ich leider kein Geld, mein Schatz“, erwiderte Elisabeth. Zu ihrer Erleichterung wirkte der kleine Junge nicht enttäuscht.
„Dann erzähl mir eine Geschichte, ja?“
„Na gut, eine Geschichte. Was möchtest du hören?“
Willy überlegte kurz und deutete dann mit dem nicht mehr ganz sauberen rechten Zeigefinger auf ein Plakat, das an einer Mauer angeschlagen war. Es zeigte drei Frauen in pompösen, bunten Roben und einen elegant gekleideten Herren. „Was steht da?“
Elisabeth konnte nicht lesen, denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es in England Luxus, eine Schule zu besuchen. Doch sie wußte, daß es sich bei dem Anschlag um ein Theaterplakat handelte. „Es weist auf eine Aufführung im Theater hin.“
„Und was wird da aufgeführt?“ wollte Willy sogleich wissen.
Elisabeth lächelte, das war ein altes Ritual zwischen ihnen; Willy zeigte oft auf Bilder und sie dachte sich dann Geschichten dazu aus. „Also, drei schöne reiche Damen möchten gern heiraten…“
„Nur drei Damen, wie langweilig, kommen keine Pferde in der Geschichte vor?“
Gegen ihren Willen mußte Elisabeth lachen, auch Willy liebte Pferde über alles und stahl sich wann immer möglich zu Jenny. Manchmal ließ Edward, der Milchmann, ihn für einige Minuten auf Jennys breitem Rücken sitzen. „Also gut, dann eine andere Geschichte“, lenkte sie ein, denn sie wußte wirklich nicht, wie sie Pferde und die Personen auf dem Plakat miteinander vereinigen konnte.
Willy hob das Holzpferd hoch, daß er wie immer bei sich trug. Selbst wenn seine Mutter ihn in den Waschzuber steckte und abschrubbte, bestand er darauf, es in der Hand zu halten und natürlich nahm er es abends auch mit in sein Bett, wo es dann neben dem flachen Kopfkissen lag.
„Jeden Abend, wenn der Nebel aufzieht, streift die Pferdefee durch das Moor. Sie hat die Gestalt eines weißen, wunderschönen Pferdes, anmutig und elegant. Sie schwebt über den Boden und wenn jemand sie sieht, erfüllt sie demjenigen seinen größten Wunsch“, erzählte Elisabeth. Willy hing an ihren Lippen und umklammerte ihre Hand mit seinen kleinen Fingern noch fester. Sie schmückte die Geschichte noch etwas weiter aus, bis sie am Marktplatz angekommen waren, hatte die Pferdefee bereits vielen kleinen Mädchen und Jungen ihre sehnlichsten Wünsche erfüllt.
Elisabeth versprach Willy nachher weiter zu erzählen und bat ihn, still zu sein. Sie kontrollierte die Kartoffeln in dem grob gewebten Sack, denn viele Händler legten Steine dazu, um eine größere Menge vorzutäuschen. Die mißbilligenden Blicke des Händlers störten Elisabeth nicht, sie suchte sich einen Sack mit besonders großen Kartoffeln ohne keimende Stellen und zählte ihm die Pennys dann in die Hand.
Elisabeth schulterte den Sack und nahm wieder Willy an die Hand. Sie hatte bemerkt, wie sehnsüchtig er zu dem Stand mit Süßigkeiten hinüberschaute und um ihn abzulenken, spann sie die Geschichte um die Pferdefee weiter.
Dann brachte sie Willy nach Hause, wies ihn an, artig auf ihre Rückkehr zu warten und versprach, ihm am Abend eine weitere Geschichte zu erzählen. Er schien nicht enttäuscht, sondern setzte sich sogleich vor den kleinen Kamin und spielte mit seinem Holzpferd, das er nun „Pferdefee“ nannte.
Zufrieden lieferte Elisabeth die Kartoffeln ab und sah zu, wie Mrs. Pomfrey sie einzeln kontrollierte. Die Köchin schien zufrieden, doch sie hatte kein Wort des Lobes für das Mädchen. An einem Tisch weiter hinten saß Anne und putzte Gemüse. „Hilf ihr“, befahl Mrs. Pomfrey Elisabeth und deutete hinter sich.
Mit den Kartoffeln, die Mrs. Pomfrey ihr in die Hand gab, ging Elisabeth zu ihrer Schwester und setzte sich ihr schräg gegenüber. Für die nächste Stunde waren die Mädchen mit schälen und schneiden beschäftigt. Die Arbeit erforderte nicht so viel Konzentration und so unterhielten sie sich leise dabei. Elisabeth erzählte vom Markt, mit Pferdegeschichten konnte Anne nichts anfangen. Ihre kleine Schwester sprach lieber von feinen, wohlhabenden jungen Ladys.
Zum Mittagessen stellte Mrs. Pomfrey einige Schüsseln mit gekochten Gemüsen und ein paar dünne Scheiben Schinken, so wie einen halben Laib Brot vor die Mädchen. „Stärkt euch nur, ihr könnt´s brauchen und außerdem müßt ihr nachher noch im Garten arbeiten.“
Die Schwestern benötigten keine zusätzliche Aufforderung, bedankten sich jedoch vorher artig.
Mrs. Pomfrey nickte und deutete dann auf den Schinken und das Brot. „Vergeßt nicht, heute Abend auch etwas für euren kleinen Bruder und eure liebe Mutter mitzunehmen.“
So gestärkt gingen sie mit neuer Energie an die Gartenarbeit. Mrs. Pomfrey zeigte ihnen, was Unkraut war und auf den Knien zupften sie es zu dritt aus. Es dämmerte bereits, als die Köchin sich mit leisem Stöhnen aufrichtete. „Das habt ihr gut gemacht, aber das erwarte ich auch.“
Elisabeth und Anne klopften sich die Erde von ihren Kleidern. Sie waren beide froh, diese Stellung bekommen zu haben. Allzu anstrengend und schwer war die Arbeit nicht, doch was sie verdienten, würde für ihre Familie reichen. Mrs. Pomfrey gab Ihnen Brot und Schinken, betrachtete die Mädchen für einen Moment von oben bis unten und legte noch ein großes Eckstück Käse dabei.
„Das war wirklich nett von Mrs. Pomfrey“, sagte Anne auf dem kurzen Heimweg.
Elisabeth nickte, reckte sich gleichzeitig ein bißchen, um zum Stall hinüber sehen zu können. „Ja, das finde ich auch.“
Anne wußte, wem ihre Gedanken wirklich galten. „Die Droschke ist noch nicht da, wahrscheinlich ist Edward noch in einem Pub.“
Elisabeth war zu zufrieden mit dem Ablauf des Tages, als daß Anne sie ärgern konnte. „Dann gehe ich eben später noch mal rüber.“
Anne öffnete die Tür und lief mit den Lebensmitteln auf den Armen voraus. „Willy, wo bist du?“
„Nicht so laut, wenn er geschlafen hat, weckst du ihn sonst auf“, rügte Elisabeth sie. Ihr Blick fiel auf das Feuer, es mußte dringend Holz nachgelegt werden und damit beauftragte sie Anne, ehe sie zu der Schlafnische hinüber schlich. Doch Willys Bett war unberührt.
„Du hast doch gesagt, daß du ihn nach Hause gebracht hast“, wunderte Anne sich, die, nachdem sie einige Scheite in den Kamin gelegt hatte, neben Elisabeth getreten war.
„Das habe ich auch.“ Elisabeth sah aus dem einzigen kleinen Fenster, denn manchmal spielte Willy auch im Hinterhof. Doch dort hing nur ihre wenige Wäsche zum Trocknen und auslüften. Sicherheitshalber rief sie ein paarmal laut seinen Namen.
„Vielleicht ist Mommy ja früher nach Hause gekommen, hat ihn geholt und ist mit ihm unterwegs“, überlegte Anne laut.
„Ja wahrscheinlich“, erwiderte Elisabeth, doch sie hatte kein gutes Gefühl.
Eine halbe Stunde später kam Hope Leary nach Hause. Sie arbeitete in einer Näherei, am anderen Ende des Dorfes. Sie war erst Anfang dreißig, doch harte Arbeit und Entbehrungen hatten sie vor ihrer Zeit altern lassen. „Habt ihr Mrs. Pomfrey brav gehorcht?“
Elisabeth ging nicht auf die Frage ein. „Ist Willy etwa nicht bei dir?“
Überrascht schaute ihre Mutter sie an. „Nein, warum? Habt ihr ihm etwa gesagt, daß er zu mir gehen soll? Ihr wißt doch ganz genau, daß er den Weg gar nicht kennt.“
Rasch erklärte Elisabeth, daß sie mit Willy zum Markt gegangen war und ihn anschließend nach Hause gebracht hatte.
Erschrocken griff Hope nach ihrem Schultertuch, das sie eben erst abgelegt hatte. „Kommt, wir müssen ihn suchen.“
Gemeinsam traten sie in die Dunkelheit. Zuerst gingen sie zum Stall, doch dort war nur Edward, der gerade nach Hause gekommen war und nun seine Stute versorgte. Auch er hatte Willy nicht gesehen.
„Aber ich helfe euch gern suchen“, bot er sofort an.
Hope war den Tränen nah. „Wo kann er bloß sein, mein armer kleiner Junge.“
Beruhigend legte Edward ihr eine Hand auf die Schulter. „Willy ist doch ein pfiffiger Bursche, bestimmt ist er nicht weit weg gelaufen.“
„Aber es ist schon dunkel, wie soll er da bloß nach Hause finden?“ Mit zitternden Händen strich Hope sich die ins Gesicht gefallenen langen Haare zurück. „Und sicher friert er auch.“
Edward war ein sehr praktisch veranlagter Mann und so zögerte er auch jetzt nicht. Er holte mehrere Petroleumlampen und Decken aus einer Kammer neben dem Stall und verteilte sie. „So seht ihr mehr und habt was warmes, in das ihr Willy einwickeln könnt, wenn ihr ihn findet.“
„Wenn wir doch nur einen Anhaltspunkt hätten, wohin er gelaufen sein könnte“, klagte Hope.
Ein kalter Schauer kroch plötzlich über Elisabeth Rücken und sie fürchtete sich, ihre Überlegung laut auszusprechen, Doch vielleicht war es Willys einzige Chance. „Möglicherweise ist er im Moor.“
„Im Moor?“ Ungläubig sah Hope ihre älteste Tochter an. „Was um alles in der Welt sollte er denn dort?“
In so wenig Worten wie möglich erzählte Elisabeth ihr von der Pferdefee-Geschichte und wie begeistert Willy davon gewesen war.
Edward nickte. „Wir sollten nicht ausschließen, daß er nach der Pferdefee sucht.“
Hope war so blaß geworden, daß sie einer Ohnmacht sehr nahe schien. „Mein armer Junge.“
Edward legte Jenny Halfter und Strick an. „Wir nehmen besser das Pferd mit, das Moor ist tückisch und wenn wir ihn aus dem Sumpf ziehen müssen, kann Jenny uns helfen.“
Hope nickte nur, dann umfaßte sie die Schultern ihrer jüngeren Tochter und sah ihr eindringlich in die Augen. „Anne, du bleibst hier, falls Willy doch noch von allein nach Hause kommt. Geh ja nicht aus dem Haus, ja.“
Anne versprach es und sah, wie die kleine Gruppe schon nach wenigen Schritten von der Dunkelheit verschluckt wurde. Sie fröstelte und lief schnell zu ihrem kleinen Haus zurück. Es war erst Anfang März und die Nächte noch sehr kalt.
Edward hatte mehrere dicke Äste aufgehoben und gab sie seinen Begleiterinnen. „Kontrolliert damit den Boden, wenn ihr einsinkt, wird es schwierig und zeitaufwendig, euch zu befreien. Am besten ist, wir trennen uns, bleiben aber in Rufweite. Elisabeth, nimm Jenny.“
Bevor sie recht wußte, wie ihr geschah, hatte Edward sie schon auf den Rücken des grauen Pferdes gehoben. Elisabeth schob ihre eiskalten Hände in die dichte lange Mähne. „Brave Jenny“, flüsterte sie und beugte sich leicht vor. „Wir müssen Willy finden.“
Die Stute hatte einen wiegenden, leicht schaukelnden Gang und schien zu wissen, welche Bereiche des Moores zu sumpfig waren, um sie zu durchqueren. Das schwache Licht der Petroleumlampe an Elisabeth Seite reichte kaum aus, zwei Schritte weiter zu sehen. Die Dunkelheit schien undurchdringlich, doch der aufkommende Wind vertrieb zumindest die Wolken und enthüllt einen fast vollen Mond. In seinem fahlen Licht konnte Elisabeth ab und zu einen abgestorbenen Baumstumpf gespenstisch aufragen sehen. Die Luft war sehr feucht und kalt, der Nebel so hoch, daß Elisabeth ihn auch auf Jennys Rücken noch spürte.
Immer wieder rief sie so laut sie konnte nach Willy, doch alles, was sie hörte, waren die Echos ihrer eigenen Rufe und in der Ferne ab und zu die Stimmen ihrer Mutter und Edward. Einmal glaubte sie, ihn endlich gefunden zu haben, doch es war nur ein Baumstumpf, der von einigen Steinen umgeben kalt dort stand.
Die Flamme in ihrer Lampe wurde immer kleiner und Elisabeth schätzte, daß sie in wenigen Minuten ganz ausgehen würde. Ihr war kalt, der Nebel klebte ihr dünnes Kleid feucht an ihren Körper. Ohne Jennys Trost spendende Wärme wäre sie wohl in Tränen ausgebrochen, doch der große, kraftvolle Pferdekörper unter ihr gab ihr neuen Mut. Jenny ging einfach voran, manchmal platschte Wasser unter ihren eisenbeschlagenen Hufen und hin und wieder sank sie ein wenig ein, doch sie blieb nicht stehen.
Elisabeth lauschte, war das der Wind, der da zwischen den wie Händen, die jeden Moment nach ihr greifen wollenden Ästen, heulte? Sie hatte schon so oft gedacht, ein Schluchzen zu hören, doch stets hatte es sich als eine Täuschung herausgestellt. „Willy! Willy, bist du da?“
Es kam zwar keine Antwort, doch das leise, einem Schluchzen ähnliche Geräusch blieb.
Elisabeth glitt von Jennys Rücken, blieb aber dicht neben ihrem Hals, während sie voranging. Ihre Lampe glomm nur noch, doch die an einen morschen Baumstamm gelehnte Gestalt, konnte sie dennoch erkennen. „Willy!“
Mit verweinten Augen sah er auf, an seiner Schwester vorbei und der Tränenstrom versiegte schlagartig. „Die Pferdefee. Sie ist doch noch gekommen.“
Elisabeth hob ihn auf, drückte ihn an sich, doch er wand sich in ihren Armen. Sie setzte ihn auf Jennys Rücken, legte ihm die Decke um die schmalen Schultern.
Selig lächelte er. „Das habe ich mir gewünscht, auf der Pferdefee zu reiten.“
Elisabeth antwortete nicht darauf, sie war viel zu froh, ihren Bruder endlich gefunden zu haben. „Komm Jenny, nach Hause gehen.“
Die Stute spitze ihre Ohren, diesen Befehl kannte sie gut.
Elisabeth rief nach den anderen und wenige Minuten später stießen sie zu ihnen. Weinend wollte Hope ihren Sohn in die Arme schließen, doch er protestierte. „Nein, ich will auf der Pferdefee reiten, das habe ich mir gewünscht und die Pferdefee erfüllt mir diesen Wunsch.“
Edward nickte Hope zu und so ließ sie ihn gewähren. Elisabeth führte Jenny am Zügel und als sie schließlich am Stall ankamen, bemerkte sie, daß Willy vor lauter Erschöpfung eingeschlafen war. Vorsichtig löste Hope die Finger ihres Jungen aus der Mähne und trug ihn ins Haus.
Elisabeth und Edward versorgten Jenny, bedankten sich und gaben ihr eine große Extraration Hafer und alle Karotten und Äpfel, die Edward noch in der Kammer neben dem Stall hatte. Dann gingen sie herüber zu Hope, die sie bereits mit heißem Tee erwartete.
Willy wachte nur kurz auf, lächelte in die Runde. „Ich habe von der Pferdefee geträumt und bin auf ihr durch das ganze Moor geritten.“
Erleichtert blickte Elisabeth auf ihren schlafenden Bruder herab. Sie war ebenfalls erschöpft. Hope umarmte ihre Tochter. „Ich bin so froh, daß wir ihn gefunden haben“, flüsterte sie. „Ich weiß gar nicht, wem ich am meisten zu danken habe, dir oder Edward.“
„Jenny“, sagte Elisabeth sofort.
Ihre Mutter wußte von ihrer Pferdeliebe und lächelte. „Ja, auch Jenny. Morgen früh bringe ich ihr einen großen Kanten hartes Brot, versprochen. Und du Elisabeth, bitte erzähl Willy nie mehr solche Geschichten, jedenfalls nicht, bis er alt genug ist, um sie richtig zu verstehen.“
Elisabeth betrachtete ihren Bruder, er schlief auf der Seite liegend und eine Hand lag auf dem kleinen Holzpferd neben seinem Gesicht. Darüber würde sie sich die nächsten Geschichten ausdenken, war sie sich ganz sicher.

Autor: Maren Frank
mara.frank@gmx.de     
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Meine erste Katze
1, 12 November, 2006, 5:12
Gespeichert unter: Katzen

Die Ankunft
Zehn Jahre war ich alt. Meine Liebe galt Pferden, Hunden und irgendwann danach allen anderen Tieren. Was ich bis dahin hatte, waren fremde Tiere und Papas Bienen. Also beschäftigte ich mich damit, fremde Hunde Gassi zu führen, über Weidezäune zu klettern und mich in Ställe zu schleichen. Bis es eines Abends bei uns an der Tür klingelte. Meine Cousine stand mit einem Pappkarton in der Hand vor der Tür. In ihrer Firma gab es eine Fabrikkatze, die ihren Wurf verlassen hatte. Vermutlich war sie überfahren worden. Die kleinen Kätzchen mussten sofort untergebracht werden. Selbst konnte meine Cousine wegen ihres Hundes keines nehmen, hatte aber zum Leidwesen meiner Eltern, an meine Schwester und mich gedacht und kurzerhand eine kleine Glückskatze mitgenommen.

Das Minikätzchen, das in einer Ecke des Kartons kauerte, war vielleicht fünf Wochen alt, nicht älter. Auch, wenn meine Eltern die Hände über dem Kopf zusammen schlugen, konnten sie doch ein kleines bedürftiges Wesen nicht abweisen. Komisch, meine Kröten hatten sie immer ausgesetzt. Kaum glaubte sich die Miniaturkatze unbeobachtet, entfloh sie ihrem Gefängnis und flüchtete unter den Küchenschrank in die äußerste hintere Ecke. Dort sollte sie auch erstmal nicht wieder hervor kommen. Meine Eltern wiesen uns an, die kleine Katze einfach zu ignorieren, die käme schon hervor, wenn sie Hunger hätte. Meine Schwester, mit sechs Jahren Altersvorsprung, zeigte natürlich keine Neugier und Ungeduld. Schließlich war man mit sechzehn Jahren seinem Ruf was schuldig. Also konnte ich mich ungestraft als Katzenbesitzer sehen.

Abends, zur Schlafenszeit, hatten wir immer noch kein Schnurrhaar der Katze zu sehen bekommen. Zuvor hatte ich eine Unterhaltung meiner Eltern mit angehört, die sich nicht sicher waren, ob die Kleine überleben würde. Keiner wusste, wie lange die Mutter die Kitten nicht mehr versorgt hatte. Wenn sie nicht bald fressen würde, könnte sie zu schwach werden. Meine Katze und sterben, das kam ja gar nicht in Frage. Als alle schliefen, schlich ich mich aus dem Bett und legte mich auf den Boden vor den Schrank. Lange erzählte ich der kleinen Katze, dass sie bei uns sicher sei, dass sie doch rauskommen und fressen könne. Dabei streckte ich eine Hand unter den Schrank und kratzte leicht mit den Fingern auf dem Linoleum. Irgendwann hatte ich die Aufmerksamkeit der Kleinen erregt. Vorsichtig tatzte sie nach meinen Fingern. Ein erster Kontakt war entstanden. In dieser Nacht kam sie noch nicht zum Vorschein, aber am nächsten Abend. Meine Eltern fühlten sich darin bestätigt, dass man sie nur in Ruhe lassen musste, ich war überzeugt, dass sie meine Freundin geworden war. Natürlich hütete ich mein Geheimnis sorgfältig. Mit zehn Jahren ist einem Kind durchaus klar, dass nächtliche Eskapaden egal welcher Art von Eltern nicht gerne gesehen werden.

Das nächste Problem war, dass unsere Mietze, dieser einfallslose Name blieb leider an ihr hängen, offenbar noch nie feste Nahrung zu sich genommen hatte. Gleichgültig, ob wir ihr Dosenfutter oder Milch hinstellten, sie konnte offenbar noch nicht fressen und trinken. Vielleicht ist es normal, dass die einfachsten Ideen von Kindern kommen. Erwachsene haben zu viele feste Vorstellungen im Kopf verankert. Für mich war die Lösung logisch. Kleine Katzen saugen bei ihrer Mutter. Also tauchte ich den Finger ins Futter und ließ Mietzi daran saugen. Nach ein paar Versuchen, bei denen ich den Finger immer näher ans Futter brachte, klappte es dann auch aus dem Schälchen. Jetzt war ich sicher, dass unser Neuzugang es schaffen würde und konnte in der folgenden Zeit die Kapriolen eines ausgelassenen, glücklichen Kätzchens genießen. Mindestens für ein halbes Jahr traten die Träume vom eigenen Pferd in den Hintergrund.

Erinnerungen
Zum ersten Mal durfte ich sie erleben, die uneingeschränkte Zuneigung einer kleinen Katze. Es gibt, denke ich, nichts schöneres, als zu spüren, wie sich ein Katzenkind vertrauensvoll auf dem Schoß zusammenrollt und leise schnurrend langsam in den Schlaf hinüber gleitet. Wenn dann noch die kleinen Pfötchen beim Träumen zucken, schmelze ich weg. So war es auch bei unserer Mietze. Sie kam, sah und siegte, ohne sich anstrengen zu müssen. Vergessen waren erstmal Hunde und Pferde, mein Herz war vergeben.

Anfangs war unser Fabrikkätzchen noch so klein, dass sie ohne Hilfe nicht auf den Stuhl springen konnte. Die Hilfe war dann immer das Bein von einem Familienmitglied. Mit Anlauf sprang sie bis in die halbe Höhe und kletterte von dort wie ein Äffchen übers Knie auf den Schoß. Bei mir war das nicht schlimm, ich trug Jeans. Bei meiner Mutter, die immer Nylons trug, führte diese Angewohnheit zu kleinen spitzen Schmerzensschreien, gefolgt von: „Oh nein, schon wieder eine Strumpfhose kaputt!“

Mietze war natürlich auch sehr neugierig. Nachdem die anfängliche Angst überwunden war, erkundete sie jeden Winkel der Wohnung. Einer ihrer Lieblingsplätze war mein Bettkasten, ein Schubkasten, in dem Extradecken für den Winter lagen. Das Innenleben von Schränken war so interessant, dass die kleine neugierige Maus alle Tricks versuchte, um hineinzugelangen. Das führte dazu, dass wir sie einen ganz Tag lang in der Wohnung suchen mussten, bis wir sie in einem Küchenunterschrank fanden. Dort schlief sie seelenruhig zwischen Töpfen und Pfannen.

An unserer Katze war alles dran, was dazugehört, nur hatte sie keine Stimme. Wenn sie versuchte, ein Miau von sich zu geben, öffnete sich das Mäulchen, das Gesicht verzog sich etwas und heraus kam ein kaum hörbares: ngn. Unsere Theorie war, dass die Katzenmutter die Kleine zu fest oder zu lange beim Tragen am Nacken gepackt hatte und dabei Kehlkopf oder Stimmbänder verletzt hatte. Ob das stimmte, haben wir nie erfahren.

Fremde waren für unsere Mietze keine gern gesehenen Gäste, sondern immer, schon bei der ganz kleinen Katze, große, bedrohliche Ungeheuer. Wenn es klingelte oder klopfte, verschwand sie wie ein Phantom. Das sollte sich in ihrem ganzen Leben nicht ändern. Grundsätzlich akzeptierte sie nur Menschen, bei denen sie lange Zeit hatte, sie kennen zu lernen und, die sich dabei möglichst ruhig verhielten. Verwunderlich fand ich, dass sie offenbar meine Mutter, die ein eher lautes Gehabe hat, zu ihrem mittäglichen Ruheplatz auserkoren hatte. Meine Mutter legte sich zum Mittagsschlaf regelmäßig mittags bäuchlings auf die Eckbank. Kaum lag sie, sprang unser Floh in die bequeme Kuhle am Ansatz des zugegebenermaßen etwas ausladenden Hinterteils, das sich dann einladend in die Luft streckte.

Weniger beliebt war sie dann bei meiner Schwester, der sie grundsätzlich beim Essen auf den Schoß kletterte. Ein gequältes Gesicht, vornehm seitlich abgespreizte Hände und: „Kann mal jemand die Katze von mir runter nehmen?“, waren die unvermeidlichen Folgen. Mein Vater hingegen war das ideale Katzenopfer. Stundenlang konnte er stillsitzen, die Katze auf seinem Schoß zusammengekringelt. Später dann, als Mietze groß genug war und nachts raus durfte, trug immer er sie auf den Händen bis vor die Tür, wo sie sich genüsslich reckte und streckte, ihm zum Abschied Köpfchen gab, bevor sie auf ihre nächtlichen Jagdausflüge verschwand.

Die Katze bekommt Junge
Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause und fand unsere Mietze ganz elend vor. Sie rutschte auf dem Boden herum und gab ganz erbärmliche Laute von sich. Offensichtlich litt sie sehr. Die Laute schwollen an und wieder ab. Es war ein Heulen, dass mir den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Dabei hörte sie nicht auf, unablässig über den Boden zu rutschen. Erzählen konnte ich ihr, was ich wollte, sie streicheln, nichts half. Verzweifelt rief ich meine Mutter, die mit dem Verhalten auch nichts anfangen konnte. Wir wollten mir der Katze schon zum Tierarzt fahren, als unser Nachbar uns aufklärte. Unsere Katze sei rollig. Es wäre auch schon ein Kater bei ihr gewesen. Ganz konnte ich seine Erklärung nicht glauben, wie konnte es denn sein, dass sie so leiden musste, ohne schwer krank zu sein? Aber er behielt Recht. Nach ein paar Tagen war die Phase der Rolligkeit vorbei und es kehrte wieder Ruhe ein.

Nun war es damals so, dass Katzen in der Regel nicht kastriert, sondern sterilisiert wurden. Dass sie weiterhin rollig wurden, störte niemanden. Die meisten Katzen, zumindest auf dem Land, aber auch in der Stadt, waren sowieso Freigänger, die sich dann eben ihren Kater suchten. Krankheiten wie FIV/Felv, Leukose oder FIP waren noch lange kein Thema. Also war es auch bei uns geplant, dass Mietze wenigstens einen Wurf Kätzchen bekommen sollte. Der Anfang dazu war schon mal gemacht. Langsam aber sicher rundete sich der Bauch unserer Katze. Sie futterte mindestens für zwei ausgewachsene Mietzen und bewegte sich von Tag zu Tag langsamer und vorsichtiger. Wenn ich die Hand auf ihren Bauch legte, konnte ich schon spüren, dass sich unter der Bauchdecke etwas bewegte.

Meine Mutter wollte natürlich nicht, dass Mietze ihre Kinder in der Wohnung bekam. Sie bereitete eine Wurfkiste vor, die sie in einen Kellerraum stellen wollte. Das hört sich brutal an, war aber der Raum, den unsere Katze auch nachts von draußen immer betreten konnte und damit auch ihr Reich. Mietze hatte andere Pläne. Tagelang tigerte sie unruhig durch die Wohnung, immer auf der Suche nach einem Platz, der ihr genehm war. Derweilen versuchte meine Mutter unsere Katze mit Argusaugen zu beobachten, damit ihr auch ja kein Versuch entgehen sollte, die Kitten etwa im Wohnzimmer auf dem Teppich zu bekommen. Nun, erstmal hat Mietze den Kampf gewonnen. Ihre Babys kamen in meinem Bettkasten zur Welt. Als ich sie fand, hatten zwei schon das Licht der Welt erblickt, später sollten noch drei Junge kommen. Ein Glückskätzchen, ganz die Mama, ein rotes Katerchen, ein schwarzes und zwei Tigerchen. Ganz gebannt war ich von diesem Wunder, beobachtete, wie meine Mutterkatze direkt nach der Geburt die Fruchtblasen entfernte, die Kleinen sauber leckte und sofort anlegte, damit sie trinken konnten. Schmerzen schien sie keine zu haben. Nach der Geburt wurden Mutter und Babys dann doch noch in die Wurfkiste verfrachtet und in ihren Keller gebracht.

Die Mutter sollte ihre Ruhe haben, ich durfte sie nicht stören. Als ich am nächsten Tag nach den Kleinen sah, fand ich nur noch zwei vor, das Glückskätzchen und das rote Katerchen. Die anderen drei Kleinen waren verschwunden. Was war geschehen? Meine Eltern hatten nur für zwei Katzen Abnehmer. Die hatten sie gefragt, welche sie aus dem Wurf haben wollten. Die anderen wurden von meinem Cousin, der Metzger war, chloroformiert und getötet. Für mich brach eine Welt zusammen. Hatte ich bisher, im Vertrauen darauf, dass Eltern alles richten können, immer nach ihnen gerufen, wenn ein Tier Probleme hatte, überlegte ich jetzt immer vorher, ob ich nicht das Tier vor ihnen beschützen musste.

Die beiden überlebenden Kätzchen waren unsere ganze Freude. Tag für Tag sah ich sie wachsen. Sobald sie die Augen geöffnet hatten, klebte ich wie Kaugummi an ihnen. Jeden Schritt, jedes neue Spiel, jedes Schwanken auf vier Pfötchen war ein kleines Wunder. Schon direkt nach der Geburt waren sie perfekt. Die Miniaturpfötchen waren mit kleinen Krallen versehen, das Fell war zwar feucht, aber schon überall vorhanden. In den ersten Wochen verschleppte unsere Mietze die Kleinen ständig. Mal fand ich sie im Bettkasten, dann wieder im Wohnzimmer hinter der Gardine. Das beruhigte sich erst, als meine Mutter aufhörte, sie immer wieder in ihre Kiste, die mittlerweile im Esszimmer stand, zurück zu tragen. Mietze hatte ihre eigene Vorstellung von einem guten Kinderzimmer und setzte sich mit ihrer Beharrlichkeit schließlich durch.

Mietze säugte die Kleinen noch, als die Fahrt zum Tierarzt anstand, um sie sterilisieren zu lassen. Meine Tante hatte sich angeboten uns mit dem Auto nach Neuwied zum Tierarzt zu fahren. Es war die erste Autofahrt, die unsere Katze als Erwachsene mitmachte. Einen Katzenkorb hatten wir nicht. Schon zu Beginn befreite sie sich aus dem Einkaufskorb, der als provisorischer Tragkorb diente. Sie sprang meiner Tante ins Lenkrad. Zum Glück stand das Auto da noch vor dem Haus. Meine Mutter und ich hielten Mietze zu zweit auf der Fahrt fest, damit nichts passierte. Wie wir die Katze vom Auto in die Tierarztpraxis gebracht haben, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall kamen wir heil an. Dann mussten wir Mietze abgeben. Wir warteten in der Praxis. Schließlich durften wir ins Sprechzimmer zurückkommen. Der Tierarzt war sauer. Unsere Mietze war wohl, obwohl sie noch gesäugt hatte, schon wieder trächtig gewesen. Deshalb konnte er sie nicht wie vorgesehen sterilisieren, sondern musste eine Totaloperation vornehmen. Er hat uns noch gesagt, dass sie diesmal sechs Junge bekommen hätte. Dann hat er uns Mietze mitgegeben. Es war furchtbar. Die Katze lag lange da wie tot. Zu Hause brachten wir sie im Badezimmer unter. Die meiste Zeit blieb ich bei ihr, um sie zu beobachten. Als sie aus der Narkose zu sich kam, schwankte sie furchtbar und erbrach sich. Ihr Zustand blieb zwei Tage sehr schlecht. Die meiste Zeit heulte ich und verfluchte den Tierarzt. Ungerechterweise gab ich ihm die Schuld für den erbärmlichen Zustand meiner geliebten Katze. Zum Glück erholen Katzen sich schnell von Wunden, auch von größeren Operationen. Schon bald war Mietze wieder die alte und wir konnten zusehen, wie die Wunde zuerst vernarbte und dann das Fell darüber wuchs. Die Kleinen hatten sich in den zwei Tagen nach der Operation auf Dosenfutter umgestellt.

Als die Kätzchen etwa sechs Wochen alt waren, nahmen wir sie in einem Korb mit nach draußen auf die Wiese. Mietze ließ uns dabei keine Sekunde aus den Augen. Überhaupt duldete sie Menschen immer nur eine begrenzte Zeit bei ihren Kleinen. Wurde es ihr zuviel, schleppte sie eins nach dem anderen in ihr Versteck. Auch, als sie sie nicht mehr säugte, änderte sich dieses Verhalten nicht. Das Glückskätzchen blieb nicht lange bei uns. Es war ungefähr 10 Wochen alt, als es von seiner neuen Besitzerin abgeholt wurde.

Das Katerchen aber, Peterle, den ich eigentlich Rasputin getauft hatte, hatte mehr Zeit mit uns und seiner Mutter. Der kleine rote Racker wuchs und gedieh prächtig. Im Unterschied zu seiner Mutter hatte er einen ganz offenen Charakter. Ohne Scheu kam er auf jeden Menschen zu, spielte, kuschelte und suchte geradezu die menschliche Nähe. Meinem Vater war er richtig ans Herz gewachsen und ich machte mir im Stillen schon Hoffnungen, dass wir ihn selbst behalten würden. Aber keine Chance, auch Peterle wurde schließlich abgeholt. Fast vier Monate war er da schon alt, strotzte vor Kraft und Übermut. Meinem Vater fiel es wohl am schwersten, den kleinen Banditen herzugeben. Unsere einzige Chance wäre es aber gewesen, wenn der Interessent abgesagt hätte. Mietze litt zu der Zeit nicht mehr unter der Trennung. Bereits seit mindestens einem Monat ließ sie ihren Sprössling seiner eigenen Wege ziehen. Für sie war der Alltag wieder eingekehrt, ihre Mutterrolle, die sie mit solcher Leidenschaft ausgefüllt hatte, war beendet.

Mietzes Erlebnisse
Unsere Mietze war immer eine ganz besondere Katze. Damals hielten wir das leider für selbstverständlich, weil wir keine andere kannten. Nicht ein einziges Mal versuchte sie auf den Tisch zu springen, immer, wenn sie mal musste, setzte sie sich abwartend vor die Wohnungstür und saß dort geduldig, bis jemand sie nach draußen ließ. Noch nicht einmal als kleine Katze, aber auch später nicht, sahen wir ihre Krallen, ein gesträubtes Fell und hörten auch nie ihr Fauchen. Alles, was sie uns zeigte, war verspielt, zärtlich und unendlich geduldig.

Nachts war sie eine andere Katze. Sie war die Jägerin, die Herrscherin ihres Reviers, das sich auch nach der Kastration noch über mehr als einen Kilometer im Umkreis erstreckte. Mein Vater traf sie manchmal bei der morgendlichen Joggingrunde an völlig unerwarteten Stellen. Dabei schien sie ihn nie zu bemerken, lauerte immer einer möglichen Beute auf und war ganz wilde Katze. Wenn wir morgens aufstanden, saß sie vor der Wohnungstür und zeigte uns wieder ihre zivilisierte Seite. Die Ergebnisse ihrer nächtlichen Ausflüge fanden wir häufig fein säuberlich aufgereiht neben unserer Garage. Wie zur Präsentation hergerichtet lagen da Haus-, Wühl- und manchmal Spitzmäuse oder Maulwürfe, vereinzelt auch Ratten. Vögel waren nicht dabei. Was nicht heißen soll, dass sie keine Vögel fing oder zu fangen versuchte. Nur schien es ihr so selten zu gelingen, dass sie diese Beute dann doch nicht mit uns teilen wollte.

Einmal, als eine besonders große Ratte bei den Beutestücken lag, sahen wir auch die Kampfspuren an unserer Katze. Tiefe Kratzer und eine hässliche Bisswunde waren die Ergebnisse einer erfolgreich geschlagenen Schlacht, von Jagd konnte man bei dieser Beutegröße nicht mehr sprechen. Ein andermal kam sie erst nach mehreren Tagen nach Hause, schleppte sich nur noch durch die Gegend und reagierte auf jede Berührung empfindlich. Wahrscheinlich war sie von jemandem geschlagen worden. Von dem Tag an mied sie Männer, die Schirm oder Stock trugen. Auch an den Bewohner der benachbarten Siedlung, der keine Katzen in seinem Garten haben wollte, musste sie geraten sein. Sie kam eines Tages mit akuten Vergiftungserscheinungen heim. Der Tierarzt tippte auf Rattengift. Sie verlor fast das ganze Fell, erbrach fast alles, was man ihr anbot und schwebte mehrere Wochen in Lebensgefahr. Zum Glück siegte schließlich ihr Lebenswille und sie begann, sich langsam zu erholen. Da besagter Siedlungsbewohner in seinem Vorgarten einen Fahnenmast mit Flagge aufgestellt hatte, begegne ich seitdem Fahnenträgern mit Vorsicht. Diese Masten auf gestutztem Rasen bringe ich heute noch mit Rattengiftködern in Verbindung.

In der warmen Jahreszeit, wenn wir uns auch überwiegend draußen aufhielten, leistete unsere Mietze uns gerne im Garten Gesellschaft. Meistens lag sie dann an einem sonnigen Plätzchen, verschlief den größten Teil des Tages und blinzelte nur ab und an zu uns hinüber, um zu kontrollieren, ob wir noch in der Nähe waren. Manchmal packte sie aber auch der Schalk, dann lauerte sie in der Himbeerhecke und wartete, bis einer von uns bei der Ernte in ihre Nähe kam. Plötzlich landete einem dann ein schnurrendes Fellknäuel auf dem Rücken.

Mit anderen Katzen hatte sie keinen Vertrag. Grundsätzlich waren das Eindringlinge in ihrem Revier, die unter Aufbietung aller Möglichkeiten vertrieben werden mussten. Auch, wenn sie zu den kleinen Katzen zählte, hat sie so manchen großen Kater aus ihrem Stammrevier vertrieben. Eine Ausnahme bildete der kastrierte Kater der Familie, die unter uns wohnte. Zunächst war er ein reiner Wohnungskater, dann sollte er, weil die Umstände so günstig waren, an einen begrenzten Freigang gewöhnt werden. Das erste Mal draußen, ging er an Geschirr und Leine spazieren. Neugierig erkundete er alles, was in seiner Reichweite war. Auch unsere Mietze wollte er gerne begrüßen. Er sah in ihr vielleicht eine mögliche Spielgefährtin, auf jeden Fall aber eine Artgenossin, die er gerne beschnuppern wollte. Entgegen ihrer sonstigen, aggressiven Reaktion auf andere Katzen, drehte sich unsere Mietze einfach um und legte sich außerhalb seiner Reichweite wieder ab. Fast konnte man ihr das Naserümpfen ansehen. Was, das soll ein Kater sein? Ist ja wohl nicht wahr. Auch spätere Annäherungsversuche des wirklich lieben und sozialen Kerlchens wurden genauso herablassend ignoriert. Offenbar nahm sie ihn nicht ernst.

Mit anderen Tieren hatte sie zwar mehr Kontakt, aber nicht unbedingt feiwillig. Da gab es eine Amsel. Sie machte sich einen Spaß daraus, unsere Katze zu foppen. In relativ kurzem Abstand saß sie vor Mietze und schien die lauernde Katze nicht zu bemerken. Erst, wenn die Katze schon sprang, flog sie auf. Dieses Spiel wiederholte sich mehrmals am Tag über mehrere Wochen hinweg. Schließlich gab Mietze auf. Wenn diese spezielle Amsel vor ihr über die Wiese hüpfte, drehte sie den Kopf auf die andere Seite und tat nun ihrerseits so, als ob sie den Vogel nicht bemerken würde. Das ging soweit, dass die Amsel sich schließlich ungeniert aus Mietzes Futternapf bediente und dafür noch nicht einmal einen empörten Blick erntete. Diese merkwürdige Freundschaft dauerte mehrere Jahre an.

Kürzer hingegen war die Beziehung zu einem Igel. Sie dauerte nur einen Sommer lang und war für Mietze fast noch unerfreulicher, als die Amsel. Vom Balkon herab konnten wir eines Tages beobachten, wie Meister Petz sich schmatzend über das Katzenfutter hermachte. Unsere Mietze stand völlig fassungslos daneben und versuchte den Räuber immer wieder mit der Pfote aus dem Napf zu stupsen. Da diesem aber seine Stacheln als Waffen zur Verfügung standen, war der einzige Erfolg dieser Aktion, dass unsere Katze laufend die schmerzenden Pfoten schüttelte. Hilflos musste sie zusehen, wie ihr Abendessen im gierigen Mäulchen dieses kleinen, doch so wehrhaften Tieres verschwand. Nachdem wir gemeinerweise dieses Schauspiel bis zum Ende ausgekostet hatten, bekam sie natürlich noch eine extra Portion. Sie wirkte aber immer noch verstört. Für den Rest des Sommers stellten wir immer eine zweite Futterschüssel nach draußen, so dass Katze und Igel einträchtig fressen konnten.

In der Wohnung hatte sie auch noch gelegentlich tierische Gesellschaft. Im Vorabendprogramm der ARD gab es damals Pausenfilme. In einem, vom Sender Stuttgart, zwitscherten mehrere Schwalben, die auf einer Oberleitung saßen, fröhlich vor sich hin. Jedesmal sprang unsere Jägerin auf, stellte sich zunächst auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten an den Bildschirm gelehnt, schnüffelte und versuchte anschließend hinter dem Fernsehgerät zu ergründen, wo sich die leckeren Vögel denn nun befanden.

Der Umzug
Während meines Studiums lebte ich in Fulda und kam während des Semesters nur etwa ein- bis zweimal im Monat nach Hause. Wenigstens einen Teil der Semesterferien verbrachte ich dann doch bei meinen Eltern. Mietze konnte ich natürlich nicht mitnehmen. Sie war eine Freigängerin mit Leib und Seele. In der Stadt wäre sie vor Kummer gestorben. Abgesehen davon hätten meine Eltern sie auch niemals hergegeben. Sie hatte sich in ihr Herz geschlichen und war nicht mehr wegzudenken. Gegen Ende meines Studiums beschlossen meine Eltern noch mal umzuziehen. In ein Haus in einem reinen Wohngebiet, aber ohne Felder und Wiesen drum herum. Was tun mit unserer Katze? War sie in ihrem Alter, sie war schon 13 Jahre alt, noch in der Lage, sich umzugewöhnen? Und würde sie nicht, kaum wieder auf Freigang, einfach quer durchs Dorf in ihr gewohntes Revier zurück laufen? Wir hatten von vielen Katzen gehört, die wieder und wieder in ihr altes Zuhause zurückgekommen waren. Und unsere Mietze liebte ihr Revier, das wussten wir genau. Nach langem Hin und Her, wobei auch Überlegungen aufkamen, Nachbarn zu bitten, ihr ein neues Zuhause zu geben, beschlossen meine Eltern, den Versuch zu wagen.

Der Tag des Umzugs nahte. Zunächst ließ man die Katze noch stromern, wie sie wollte. Sie hatte Zugang zum Keller, wo Futter und Wasser standen und wurde immer, wenn sie wollte, hereingelassen. Die Möbelpacker kamen und räumten alles aus, was nicht niet- und nagelfest war. Mietze aber blieb noch dort. Zunächst wurde das neue Haus eingerichtet, dann erst sollte die Katze einziehen. Mit einer Wohnungskatze wäre man sicher besser andersherum verfahren, für unsere Revierkatze war es ein kleiner Aufschub. Am nächsten Tag, als die Handwerker und Umzugsleute das Haus verlassen hatten, wurde unsere Katze umgesiedelt. Im geliehenen Transportkorb machte sie eine an und für sich kurze Reise von knapp zwei Kilometern. Doch welche Unterschiede erwarteten sie da? Bisher waren rund ums Haus erstmal Wiesen und Felder, dann die Siedlung, Bäume und wieder Wiesen. Zwischendrin Feldwege und nur in einer Richtung stieß man auf eine stärker befahrene Straße. Im neuen Zuhause kamen gepflegte Vorgärten, Häuser, Straßen, Zäune, Häuser, eine stärker befahrene Straße, Rasen, Vorgärten und Häuser, zwischendrin gerade Mal zwei oder drei noch nicht bebaute Grundstücke.

Wie allgemein bekannt ist, soll man Freigänger nach einem Umzug erstmal für einige Wochen im Haus lassen. So war es auch von meinen Eltern geplant worden. Im Keller hatte sie ein Katzenklo stehen, ansonsten sollte alles wie immer sein, außer, dass sie nachts drin bleiben musste. Jetzt kannte unsere Mietze ein Katzenklo nur aus Zeiten, wenn sie krank war oder Junge hatte. Aber immerhin, kennen musste sie es. Benutzen war aber anscheinend ausgeschlossen. Die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag setzte sie nicht ein einziges Mal Kot oder Urin ab. Sie lief elend schreiend, obwohl sie sonst nie Laute von sich gab, durchs ganze Haus und versuchte an jeder Tür, an jedem Fenster, ob sie da hinaus könnte. Schließlich ging es soweit, dass sie gegen ihren Willen eine stinkende Flüssigkeit verlor. Nur Tropfen, aber diese Tropfen fraßen sich in den Beton des Kellerbodens. Meine Eltern konnten das Elend nicht mehr mit ansehen. In der traurigen Gewissheit, dass Mietze wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen würde, sondern stattdessen in ihr altes Revier ziehen würde, öffneten sie ihr die Katzenklappe.

Die ehemaligen Nachbarn wurden informiert, dass sie nach unserer Katze Ausschau halten sollten. Am nächsten Morgen öffnete meine Mutter zum Lüften die Terrassentür. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte sie unsere Mietze, die nun mit größter Selbstverständlichkeit hinein und zum Frühstück in die Küche marschierte. Eine Katze ist eben doch nicht wie die andere Katze, unserer Mietze war schon immer besonders. Jetzt wirklich im neuen Zuhause angekommen, eroberte sie nach und nach ihr neues Revier. Anders, als in ihrem alten Revier, blieb sie aber nie wieder länger als eine Nacht unterwegs. Die Zeiten des Streunens waren vorbei.

Der Abschied
Abgesehen von Verletzungen, Vergiftungen und den Folgen der Kastration war unsere Mietze nur einmal in ihrem Leben krank gewesen, mit Durchfall. Das dauerte aber nur ein paar Tage und konnte mit Hausmitteln behandelt werden. Uns schien sie immer rundum gesund zu sein. Klein, von schlanker Gestalt, wohlproportioniert und mit klaren Augen durchstreifte sie diese Welt. Ein vorsichtiges, Menschen gegenüber leicht ängstliches, Wesen, das mit einer gehörigen Portion Klugheit und Lebensmut gesegnet war.

Ernährt wurde sie, wie damals auf dem Land üblich, anfangs mit Milch, Resten vom Tisch und Trockenfutter. Dass sie überhaupt die nötigen Nährstoffe bekam, verdankte sie ausschließlich ihrer Jagdbeute. Als einmal die ganze Familie in Urlaub war, bekamen die Nachbarn von uns Dosen mit Supermarktfutter. Bei unserer Rückkehr stellte uns Mietze vor vollendete Tatsachen. Das, oder ich trete in den Hungerstreik. Auch, wenn meine Eltern der Meinung waren, es sei Verschwendung dieses Dosenfutter zu kaufen, wollten sie das Risiko einer Unterernährung bei Mietze doch nicht eingehen und kauften fortan gehorsam Katzenfutter in Dosen.

Seit dem Umzug der Familie fraß unsere Katze quasi nichts anderes mehr, die Jagderfolge im Wohngebiet ließen mehr und mehr zu wünschen übrig. Ob es am Futter, einer Krankheit oder schlicht am Alter lag, sie baute mehr und mehr ab. Es begann damit, dass sie ihre Zähne verlor. Bald kaute sie nur noch auf den Felgen, ihr Futter wurde für sie püriert. Als nächstes ließ ihre Krallenpflege nach. Zum ersten Mal mussten ihre Krallen geschnitten werden, weil sie immer im Teppich hängen blieb und auch, weil die Gefahr des Einwachsens bestand. War sie früher eine scheue Katze gewesen, die nur am Abend die Nähe ihrer Menschen suchte, war sie jetzt so anhänglich wie nie zuvor. Beugte man sich zu ihr hinunter, um sie zu streicheln, kletterte sie einem auf den Schoß und krallte sich dort regelrecht fest. Wir gewöhnten uns an, ein Handtuch für diesen Fall bereit zu halten, da sie auch begonnen hatte, stark zu sabbern.

Zu der Zeit lebte ich schon nicht mehr zu Hause. Nur bei meinen Besuchen bekam ich die Veränderung unserer Mietze mit. Für mich, die die Entwicklung in Abständen verfolgte, war es erschreckend mit anzusehen, wie schnell und unwiderruflich die Alterserscheinungen meine Katze zeichneten. Trotzdem war es ein Schock für mich, als meine Eltern anriefen, um mir zu sagen, dass sie Mietze hätten erlösen lassen. Hätte ich es geahnt, wäre ich natürlich bei ihr gewesen. Aber meine Eltern wussten es vor dem Tierarztbesuch selbst nicht. Seit einigen Tagen hatte sie nach und nach das Fressen eingestellt. Sie bewegte sich kaum noch und wollte ihren Platz auf dem Schoß gar nicht mehr verlassen. Mit einer Vorahnung, aber auch einem Rest Hoffnung fuhr mein Vater mit ihr zum Tierarzt. Dieser stellte Krebs in weit fortgeschrittenem Stadium fest und sah keine Chance auf eine Heilung. Die Entscheidung war eigentlich keine, Mietze sollte nicht länger leiden müssen. Mein Vater hielt sie bei ihren letzten Atemzügen auf dem Arm. Er sagte mir später, dass sie ihn mit ihrem letzten Blick noch vertrauensvoll angesehen hätte. Es macht mich immer noch traurig, dass ich keinen Abschied von ihr nehmen konnte.

Autor: Sabine Kern
Kernhalsenb@aol.com     



Das freche Pony
1, 12 November, 2006, 5:11
Gespeichert unter: Pferde

Adrienne und Verena waren Freundinnen, seit sie im Kindergarten waren. Sie saßen in der Schule nebeneinander, trafen sich nachmittags um gemeinsam die Hausaufgaben zu erledigen und telefonierten oft abends noch miteinander. Sie hielten immer zusammen und so war auch Verena nun sofort zur Stelle, als Thorben ihre Freundin an den Haaren zog. „Laß das!“ fauchte sie und blitzte ihn böse aus ihren grünen Augen an.
Thorben grinste nur und schnappte sich statt dessen Adriennes Farbkasten. „Willst du den wieder haben?“
Hilfesuchend sah Adrienne zu ihrer Freundin. Selbst klein und zierlich traute sie sich nicht, sich gegen den viel größeren und stämmigen Klassenkameraden durch zu setzen. Verena war zwar auch nicht so viel größer als Adrienne, aber weitaus mutiger und nicht auf den Mund gefallen. „Sofort gibst du ihr den Farbkasten zurück!“
Thorben hob die Hand mit dem Kasten hoch über seinen Kopf. Ein Fehler, denn nun endlich wurde die noch junge Kunstlehrerin auf die Geschehnisse in der letzten Bank aufmerksam. Mit energischen Schritten kam sie näher. „Was ist denn da los?“
„Thorben hat mir meinen Farbkasten weg genommen“, sagte Adrienne.
„Blöde Petze“, zischte Thorben in ihre Richtung, doch unter den strengen Blicken der Lehrerin stellte er den Kasten wieder zurück auf den Tisch. Er wartete, bis die Lehrerin an ihrem Pult angekommen war und sich den darauf liegenden Schriftstücken zuwandte, dann rutschte er näher zu den Mädchen. „Verpetz mich ja nicht noch mal.“
Adrienne zuckte zusammen und senkte schuldbewußt den Kopf, doch Verena begegnete fest seinem Blick. „Laß uns in Ruhe Thorben, sonst kriegst du es mit mir zu tun, klar.“
„Ihr seid mir sowieso zu blöd“, schnappte er und verzog sich.
„Wie ich diesen Kerl hasse, ständig ärgert er mich“, flüsterte Adrienne und seufzte traurig.
Tröstend legte Verena ihr einen Arm um die Schultern. „Denk nicht mehr an diesen Idioten, laß uns lieber überlegen, was wir heute Nachmittag schönes machen können.“
Das heiterte sie wirklich auf und als es zehn Minuten später schellte, stürmte sie in bester Laune neben Verena die Treppe hinunter. Nach hause hatten sie es nicht weit und glücklicherweise wohnten sie nur etwa 200m auseinander. So dauerte es keine halbe Stunde, bis Verena bei Adrienne klingelte und sie gleich gemeinsam zur Weide hinters Haus liefen.
Seit zwei Jahren hatte Adrienne ein eigenes Pony, das sie zu ihrem neunten Geburtstag bekommen hatte und Verena war die einzige, der sie erlaubte, den eigenwilligen Max zu reiten. Mit erwartungsvollem Wiehern trabte der stämmige Fuchsschecke auf die beiden Mädchen zu, ließ sich durch das dichte Fell streicheln und stupste fordernd an ihre Taschen.
Sie fütterten ihn mit Pferdeleckerlis in Pfefferminzgeschmack, seiner Lieblingssorte und amüsierten sich darüber, wie er schleckte. Dann holten sie das Putzzeug und widmeten sich ausgiebig seiner Fellpflege. Eigentlich mochte Max es, wenn er gestriegelt wurde, doch manchmal kniff er ohne besonderen Grund die Mädchen. Diesmal erwischte er Verena am Hintern und ärgerlich drehte sie sich um. „He du Frechdachs, das war nicht nett.“
Adrienne lachte. „Das sollten wir mal fotografieren. Du hättest sehen müssen, wie das eben ausgesehen hat.“
Verena verzog das Gesicht, doch dann mußte sie ebenfalls lachen. Seit einigen Monaten hatte sie ein neues Hobby, Fotografieren und auch jetzt hatte sie ihre Kamera dabei. „Putz du ihn doch weiter unter dem Bauch, vielleicht gelingt mir dann ein Foto, wie er dich in den Hintern zwickt.“
„Da ist er schon genug gestriegelt“, befand Adrienne und kontrollierte die Hufe. „Laß uns lieber ausreiten. Du oder ich zuerst?“
Sie ritten immer zusammen aus und auf halber Strecke tauschten sie dann Pony gegen Fahrrad. Verena hob ihre Kamera. „Du zuerst, ich möchte gern noch ein paar Aufnahmen machen, du weißt doch, wir haben gestern am Fluß Fischotter gesehen und da habe ich mich so geärgert, die Kamera nicht dabei gehabt zu haben.“
Adrienne streifte Max die Trense über und ließ sich von Verena auf seinen Rücken helfen. Ohne Sattel hatte sie allein Schwierigkeiten herauf zu kommen. Zwar reichte ihr Max nur bis zur Schulter, aber an seinem Kugelbauch rutschte sie ab. Verena nahm das Fahrrad, das an der Wand gelehnt stand und schob es auf den fest getreten Weg.
Adrienne trieb Max an und er fiel in einen hoppeligen Trab. Um nicht so durchgeschüttelt zu werden und weil sie sich unterhalten wollten, brachte sie ihn in Schritt zurück. „Danke noch mal für deine Hilfe in Kunst.“
„War doch Ehrensache. Thorben ist auch wirklich unausstehlich.“
„Er ärgert mich ständig, besonders schlimm ist es, wenn du nicht da bist.“ Letzten Monat hatte Verena mit einer Erkältung flach gelegen und Adrienne hatte im Stillen gebetet, sich angesteckt zu haben. Das hatte sie dann zwar wirklich, doch als ihr Husten anfing, war Verena schon wieder gesund.
„Jetzt bin ich ja wieder da und ich passe schon auf, daß dieser Mistkerl … “ Verena blieb plötzlich stehen und kniff die Augen leicht zusammen. „Oh nein, wenn man vom Teufel spricht.“
Adrienne zügelte Max und folgte dem Blick ihrer Freundin. Sofort wuchs ein Kloß in ihrer Kehle und sie spürte, wie ihre Beine ganz weich wurden. Thorben kam ihnen entgegen, mit wiegenden Schritten und dem üblichen überheblichen Grinsen im Gesicht. „Schnell, laß uns umkehren!“
„Einfach weglaufen? Ne du, außerdem hat er uns bestimmt schon gesehen.“
Das war wahrscheinlich, denn der Weg war sehr übersichtlich, die wenigen Bäume waren jetzt im Herbst schon kahl und es gab keine Sträucher, die Schutz boten. „Was sollen wir denn dann machen“, wisperte Adrienne ängstlich.
„Abwarten“, entgegnete Verena ruhig und richtete sich noch etwas gerade auf.
„Ah, die unzertrennlichen Freundinnen. Und was ist denn das für ein komisches Vieh, auf dem du da sitzt. Soll das etwa ein Pferd sein?“ spöttelte Thorben.
„Max ist ein reinrassiges Shetlandpony“, erklärte Adrienne und bemühte sich um eine fest klingende Stimme.
„Ich wette, der kann nicht mal galoppieren, so fett wie der ist.“
„Max ist ein tolles Pony“, verteidigte Adrienne ihn.
„Schon möglich.“ Thorbens Augen fixierten sie. „Bloß hat er eine miserable Reiterin.“
„Es reicht, Thorben, verschwinde“, schaltete Verena sich ein.
„Soll ich dir mal zeigen, wie man richtig reitet. Da kannst du noch was lernen.“
„Dich lasse ich bestimmt nicht auf mein Pony“, fauchte Adrienne wütend.
Verena trat zu ihr und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Wobei seine Idee gar nicht mal so verkehrt ist, du weißt doch um Max´ Eigenarten, er treibt mitunter doch auch uns an den Rand des Wahnsinns.“
„Aber was, wenn Thorben wirklich so gut reiten kann, wie er behauptet?“ flüsterte Adrienne ängstlich.
„Sieht der etwa so aus? Also komm, steig ab, wir haben schließlich nichts zu verlieren.“
Da war sich Adrienne zwar nicht so sicher, doch sie glitt von Max breitem Rücken und reichte Thorben die Zügel. „Hier.“
„Paßt gut auf Mädels.“ Er nahm die Zügel und schwang sich hinauf. Max äugte zu ihm empor. Dieser Reiter war schwerer als die Mädchen und seine Beine kamen auch etwas weiter herum. Aber solange er ruhig da oben saß, ließ der Wallach ihn gewähren und senkte den Kopf, um das Gras am Wegrand zu fressen.
Zufrieden betrachteten die Freundinnen die Szene. Sie wußten ganz genau, daß der verfressene Max jede Gelegenheit zum Grasen nutzte und es einiger Willensanstrengung bedurfte, ihn dann vorwärts zu treiben.
„Wolltest du nicht reiten?“ fragte Verena mit süßer Stimme. „Im Moment sitzt du ja nur einfach oben.“
Thorben zog die Zügel an, was sogleich in ein wahres Tauziehen überging, denn Max dachte gar nicht daran, den Kopf zu heben. Schließlich aber hatte Thorben seinen Kopf doch ziemlich weit hoch gezogen und trieb ihn kräftig an. Max fiel unwillig mit dem Schweif schlagend in Trab und Thorben hoppelte auf und ab.
Beruhigt sah Adrienne zu. Jetzt wußte sie, daß Thorben weder ein guter, noch ein erfahrener Reiter war. Sie wollte ihm gerade sagen, daß er anhalten und absteigen sollte, da trat Verena vor. „Und nun zeig uns doch mal, wie du galoppieren kannst, Thorben.“
Er schwitzte jetzt schon und wagte es nicht, in die Richtung der beiden Mädchen zu sehen. Eine Hand in die dicke harte Mähne vergraben, haute er Max seine Fersen in die Flanken.
Daraufhin fiel Max wirklich in Galopp, aber nur für ein paar hoppelnde Sprünge, dann buckelte er heftig. Das aber war zu viel für den ungeübten Reiter, in hohem Bogen segelte er über den kräftigen kurzen Hals und kam mit einem dumpfen Plumps in dem morastigem Erdboden auf. Gestern hatte es den ganzen Tag geregnet und überall auf dem Weg standen noch Pfützen.
Max stieß ein zufriedenes Wiehern aus, dann kniff er Thorben in die Schulter. Niemand behandelte ihn ungestraft so und dieser Kerl hatte noch nicht mal Leckerlis bei sich.
Adrienne war zu ihm gelaufen und blickte nun auf den ziemlich verloren aussehenden Jungen herab. „Ist dir was passiert?“
„Ach Blödsinn.“ Er stand mit einer raschen Bewegung auf und schien tatsächlich unverletzt zu sein, wenngleich das auch bei dem ganzen Dreck und Schlamm auf seiner Kleidung kaum fest zu stellen war. „Dieses blöde Vieh!“
Verena kam näher, ihren Fotoapparat schwenkend. „Ich habe dir zu danken, Thorben. Die Fotos von deinem Ritt – und besonders von der Beendigung desselben – werden sicher ganz großartig.“
Er wurde blaß. „Du hast das fotografiert?“v
„Natürlich“, sagte sie. „Ich gebe den Film gleich zum Entwickeln ab und morgen wird die ganze Klasse etwas zu lachen haben.“
„Bitte nicht“, flehte er und wirkte plötzlich viel jünger.
Adrienne hatte Mitleid mit ihm. „Wenn du versprichst, uns in Ruhe zu lassen, könnte es sein, daß wir die Fotos zu hause lassen.“
„Ja, ja bitte, ich verspreche es. Ich trage euch auch die Schultaschen, eine ganze Woche lang, ja?“ Plötzlich war er ganz kleinlaut und das überhebliche Grinsen war komplett von seinem Gesicht verschwunden.
Verena nickte. „Einverstanden. Aber denk dran, sobald du eine von uns noch mal ärgerst, fallen mir die Fotos wieder ein.“
„Ich mach das bestimmt nicht mehr.“ Noch für einen Moment sah Thorben die beiden Mädchen an, dann drehte er sich um und rannte, so schnell er konnte, davon.
Lachend umarmte Adrienne ihr Pony. „Mein lieber Max, du hast dir eine riesengroße Packung Pfefferminzleckerlis verdient. Und dir danke ich auch.“
„War doch klar. Zu schade nur, daß wir ihm das Versprechen abgenommen haben. Ich hätte zu gern die Reaktion der anderen gesehen.“
„Lieber ist mir, er läßt mich in Ruhe“, seufzte Adrienne, doch dann blitzte der Schalk in ihren Augen. „Aber zumindest wir können uns über die Fotos amüsieren.“

Autor: Maren Frank
mara.frank@gmx.de     
http://www.marenfrank-literatur.de/



Der vergessene Dackel
1, 12 November, 2006, 4:08
Gespeichert unter: Hunde

Frohgemut lief ich mit Don und Danilo, unseren Australian Terriern, in der Stadt Richtung Einkaufsstraße. Mir entgegen kam eine alte Dame, die meine Hunde ganz reizend fand, und so unterhielten wir uns eine Weile. Sie erzählte mir auch, dass sie selber einen alten Dackel hätte, der so anhänglich sei, dass sie ihn immer überall hin mitnehmen müsste. Dann stutze sie, schaute suchend auf den Boden rings umher und auf einmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: „Meine Güte, ich habe ihn doch vor der Bank angebunden! Und da vergessen!“

Sie eilte zurück, es war nur ein kurzes Stück, und da saß ihr armer alter Dackel ganz irritiert und verlassen.
So was!

Autor: Tina Brass
TDBrass@web.de     



Der Prinz auf der Erbse
1, 12 November, 2006, 3:43
Gespeichert unter: Katzen

„Wärst du eventuell bereit, unseren Kater für ein paar Tage zu nehmen, wenn wir im September wegfahren?“, fragte mich mein Kollege. „Natürlich,“ antwortete ich spontan, „gar kein Problem!“ Schließlich hatten wir Ivan, den weißen Britisch-Kurzhaar-Kater, im Frühjahr schon einmal für zwei Wochen beherbergt und damals den Eindruck gewonnen, dass sich der kleine Stadtfrack bei uns auf dem Land pudelwohl fühlte.

Neugierig und selbstbewusst war Ivan im Mai aus seinem Transportkennel gestiegen, hatte die Wohnung inspiziert und sich dann auf der obersten Plattform des Balkon-Kratzbaums niedergelassen. Er war aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Was gab es bei uns nicht alles zu sehen! Haushohe Birken und Fichten, Sträucher und Blumen, eine Wiese, viele Vögel, zwei- und vierbeinige Nachbarn. Und sogar Eichhörnchen!

Mit seinem Altersgenossen, unserem Maine-Coon-Kater Cooniebert hatte er sich damals bestens verstanden. Mit Kater Blacky weniger, aber man kann sich seine Gesellschaft eben nicht immer aussuchen.

Als mein Kollege seinen Kater im September wieder bei uns vorbeibrachte – mit eigenem Fressnapf und einer Tüte voller Verpflegung im Gepäck – erwarteten wir eigentlich, dass Ivan pfeilgerade auf den Balkon zusteuern und seine geliebte Kratzbaumplattform besetzen würde. Aber was war das? Mit finsterem Gesicht saß er in seinem Transportbehälter, knurrte bedrohlich und weigerte sich standhaft, seine Box zu verlassen.

Da die Box am nächsten Tag anderweitig benötigt wurde, war guter Rat teuer. Den Kater herauslocken? Ging nicht. Ihn aus der Transportbox herausziehen oder gar „herausschütten“? Ging auch nicht. Er krallte sich darin fest, als ob es um sein Leben ginge.

„Weißt du was?“, sagte ich zu meinem Kollegen, „du lässt mir die Box einfach da, und ich leihe dir eine von meinen. Wenn du Ivan abholst, tauschen wir wieder.“
So machten wir es. Mein Kollege verabschiedete sich. Ivan knurrte.

Ob er seine schönen Mai-Ferientage bei uns vergessen hatte? Unsere beiden Kater jedenfalls schienen sich an ihn zu erinnern. Cooniebert ging auf den kleinen Kerl im Kennel zu und wollte ihn begrüßen. Ivan knurrte, fauchte und spuckte. Cooniebert trat langsam den Rückzug an. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte er jetzt verwundert den Kopf geschüttelt.

„Das wird schon,“ ermutigte mich meine bessere Hälfte. „Niemand hält es durch, zehn Tage lang miese Laune zu haben. Nicht mal Ivan.“ – „Hm. Hoffen wir mal, dass du Recht behältst!“ Im Moment sah es eher danach aus, als trainiere der Kater für die Weltmeisterschaft im Dauergranteln. Er knurrte.

Ich stellte Ivan mitsamt seiner Transportbox in unser Büro, stattete ihn mit Futter, Wasser und Gästeklo aus und sagte: „Gute Nacht, Ivan. Wir sind gleich nebenan. Aber eins sag ich dir: Wenn du auch noch knurrst, während du schläfst, dann sperre ich dich ins Bad. Nachts will ich meine Ruhe haben!“

Ganz ruhig verlief die Nacht nicht. Man hörte es immer wieder rascheln und knistern, wenn unsere zwei sich im Büro zu schaffen machen und ein Knurren und Kreischen, wenn sie dabei Ivans Kennel zu nahe kamen. Am nächsten Morgen steigerte sich das Spektakel noch, als Cooniebert und Blacky Interesse an Ivans Spezialfutter zeigten.

„Hilft alles nichts“, sagte ich, nachdem ich alle Katzen abgefüttert und die Katzenklos gereinigt hatte. „Mit dem ziehe ich jetzt die klassische Quarantänenummer durch.“ Ich sperrte Ivan im Büro ein. Der erste, der von der Arbeit kam, konnte ihn ja wieder herauslassen – falls er vom Rest der Wohnung überhaupt etwas wissen wollte.

Als ich am Abend nach Hause kam, stand die Bürotür bereits offen. Das Gästeklo war benutzt, das Nassfutter vertilgt und eine ordentliche Menge davon auf dem Teppich und in der Transportbox verteilt. Ivan saß in seiner Box und knurrte.

„Du bist ein Pelzferkel“, sagte ich zu unserem Gastkater. „Guck mal, wie das hier aussieht! Essen sollst du das und nicht die ganze Bude damit vollkrümeln!“ Ich holte den Staubsauger und rückte der Schweinerei zu Leibe. Als der Staubsauger das Innere der Transportbox berührte, machte Ivan einen Satz aus seiner Box und flüchtete in die Nische zwischen Regal und Schreibtisch. Von dort aus beobachtete er das weitere Geschehen.

Cooniebox

Die Transportbox war verwaist! Darauf schien Cooniebert nur gewartet zu haben. Er hechtete hinein und wälzte sich genüsslich darin herum. Wie ich die langen Main-Coon-Haare jemals wieder von dem textilen Innenbezug herunterbekommen soll, ist mir zur Stunde noch ein Rätsel.

Unterdessen hatte Ivan in der Nische ein Stück Verpackungsmaterial gefunden, eine zusammengeknüllte Papierkugel. Cooniebert hatte am Vortag damit gespielt. Ivan jagte die Kugel über den Boden, nahm seine Beute schließlich ins Mäulchen – und knurrte.
„Ich fasse es nicht! Der knurrt sogar beim Spielen!“

Ich legte eine CD auf, auf der nichts drauf war außer eine Stunde Katzenschnurren. Alle drei Katzen schauten mir eine Weile beim Päckchenpacken zu – ohne Geknurre. Dann wurde es ihnen zu langweilig. Ivan war der erste, der sich schlafen legte. Nicht in seiner Transportbox, denn in dieser räkelte sich ja unser Maine-Coon-Kater. Ivan rollte sich auf dem Teppich zwischen Schreibtisch und Regal zusammen.

Als er schlief, näherte sich Cooniebert auf leisen Pfoten, schnupperte an ihm – und schlabberte ihm einmal zärtlich mit der Zunge über den Kopf. Ivan riss die Augen auf, fuhr hoch und kreischte in den höchsten Tönen. Der Anfall dauerte zum Glück nicht lange. Er befand wohl, dass eigentlich nichts gar Schlimmes passiert sei und bettete sich wieder zur Ruhe.

Wenn er sich schon durch so einen freundlichen Katzenschlabberer aus der Ruhe bringen ließ, wie würde er dann die für den kommenden Tag geplante Hausputzaktion überstehen? Auch das Büro bedurfte einer Grundreinigung und ich hatte nicht die Absicht, um Ivan und dessen Ausrüstung herumzuputzen.

Balkonherbst

Zum Glück war das Wetter schön, und so schleppte ich den heftig protestierenden Kater mitsamt seinem Transportkorb hinaus auf den Balkon und parkte ihn unter dem Blumentisch. Dort saß er nun, schaute finster – und knurrte. Auf einmal fesselte eine kleine Spinne seine Aufmerksamkeit, die direkt vor seiner Box herumkrabbelte. Er vergaß, dass er ja eigentlich schlecht gelaunt sein wollte, kam aus der Box und schnupperte der Spinne hinterher. Dann sah er sich um. Plötzlich schien er die Umgebung wiederzuerkennen – und stürmte wie die wilde Jagd auf die Kratzbaum-Aussichtsplattform, die er vier Monate zuvor für sich entdeckt und beansprucht hatte.

Nun war der Groschen gefallen. Hier war er schon einmal gewesen, und hier würde ihm niemand etwas antun. Von da an wuselte er kreuz und quer durch die Wohnung. Das war einerseits gut. Und andererseits wieder nicht, weil man ihn andauernd suchen musste. Jede Katze – und bei uns haben sich schon sehr viele aufgehalten – findet neue Lieblingsplätze und Verstecke in der Wohnung. Die eine kriecht in den Bettkasten, was man nie für möglich gehalten hätte, der andere linst auf einmal aus dem Gitter des stillgelegten Kachelofens und der dritte findet eine elegante Möglichkeit, auf den Wohnzimmerschrank zu gelangen und sich unsichtbar für den Betrachter hinter den Büchern schlafen zu legen.

Storchennest

Auch Ivan war da recht erfinderisch. Als Schlafplatz hatte er sich das Badezimmer auserkoren. Damit er nicht auf einer schnöden Badematte nächtigen musste, stellte ich ihm ein kreisrundes Plüsch-Katzenbett hin, das „Storchennest“. Dorthin zog er sich zurück, wenn er müde war. Er saß auch gerne hinter Türen oder unter dem Kachelofen. Das wusste ich alles noch vom letzten Mal.

Am Sonntag habe ich ihn trotzdem mit wachsender Panik gesucht. Vom Keller bis zum Dachboden habe ich jedes mir bekannte Katzenversteck durchkämmt. Ohne Erfolg. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Er war doch nicht etwa in den Garten entwischt, als wir den Müll hinausbrachten? Um Himmels Willen! Der arme Kleine! Und wie sollte ich das nur meinem Kollegen erklären?

Ich zwang mich zur Ruhe und überlegte, wann ich Ivan denn zuletzt gesehen hatte. Das war … als ich die Wäsche in die Schränke räumte. O ja, die Wäsche! Ahnungsvoll öffnete ich die Türen der Kleiderschränke. Und siehe da: Ganz unten auf einem Stapel Pullovern thronte Ivan und blinzelte mich verschlafen an. Mir fiel eine ganze Wagenladung Steine vom Herzen.

ImSchrank

„Na, da bist du ja! Liegst da wie der Prinz auf der Erbse!“ Ich lehnte die Schranktür wieder an und ließ meinen Erbsenprinz weiterschlafen. Die Pullover waren nun schon vollgehaart, also konnte er genau so gut noch ein Weilchen liegen bleiben.

Nach einer Woche in unserem Haushalt hat sich angenehme Routine eingestellt. Ivan übernachtet in seinem „Storchennest“ im Bad, die anderen beiden auf ihren Lieblingsplätzen im Wohnzimmer. Morgens werden als erstes unsere beiden Kater gefüttert – in der Küche. Dann serviere ich Ivan das Frühstück draußen auf seinem Balkon-Kratzbaum. Stilecht auf einem silbernen Tablett, wie es sich für einen Prinzen auf der Erbse gehört. Dass ich kein anderes Tablett habe, spielt jetzt mal keine Rolle. Die Balkontür bleibt, solange er seine Mahlzeit einnimmt, verschlossen. Denn sonst würde das Spezialfutter unweigerlich in den Mägen von Blacky und Cooniebert landen. Erst nach dem Frühstück dürfen auch die beiden anderen hinaus. Inzwischen hat Ivan sich auch daran gewöhnt, dass bei uns auf dem Land der Tag zwei Stunden früher anfängt als er das von zu Hause her kennt.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, knurrt Ivan nicht mehr, er schnurrt. Und er folgt mir sogar bis ins Bad und zur Toilette. Er lässt sich streicheln und knuddeln. Aber es war für alle Beteiligten doch eine große Aufregung, bis es so weit war.

„Meine Schwester nimmt auch Pflegekatzen“, erzählte mir eine Kollegin. „Manche fühlen sich da schon wie zu Hause. Vielleicht kann Ivan ja im nächsten Frühjahr bei ihr unterkommen.“
„Da ist er womöglich vom ersten Tag an brav wie ein Lämmchen“, sagte ich. „Und bei mir macht er so einen Zirkus. Da wäre ich ganz schön blamiert!“

Einen Versuch wäre es möglicherweise Wert. Vielleicht gefällt es ihm dort besser als bei uns. Doch, Ivan, Schätzchen, sei so lieb und ruiniere nicht meinen Ruf als Catsitter – führ dich auch bei der anderen Familie wenigstens ein ganz kleines Bisschen wie der Prinz auf der Erbse auf!

Autor: Edith Nebel
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