Weltgrösste Tiergeschichtensammlung


Leon bei den „Dahus“ in Chamonix
1, 4 November, 2006, 9:45
Gespeichert unter: Hunde

Ha, ich sehe euch schon verständnislos grinsen: „Dahu“ ? (sprich: da:ü), was ist denn das? Klar, nicht jeder kennt sich da aus; aber mein DH hat es mir genau erklärt: ein Dahu ist so eine Art „Wolpertinger“; die gibt`s , glaub ich, noch in Bayern; aber ein richtiger Dahu, der existiert nur in Chamonix. Er ist äußerst scheu und zeigt sich – wenn überhaupt – nur Sonntagskindern und, na? – Leons natürlich. (Aber nur bei Vollmond!)

Also, ein Dahu hat den Körper eines Wolfes, den Schwanz eines Auerhahns und – als Besonderheit – zwei Beine auf einer Seite, zur Bergseite nämlich, sind kürzer als auf der Talseite; damit kann er natürlich besser an den Bergflanken laufen. So, jetzt wisst ihr, was ein Dahu ist.

Wie gesagt, Dahus kommen nur in Chamonix vor!

Was lag daher näher, als mal dahin zu fahren? DH und DF hatten dort gegen Ende September eine Wohnung reserviert mit Blick auf den Aiguille du Midi und weiter nach rechts auf den mächtigen, eisigen Mont Blanc.

Nachdem wir uns installiert hatten, hielt es uns nicht lange in der Wohnung. Mussten wir doch das Terrain sondieren; denn bald war Vollmond und die Dahus sollten sich ja vorher von meiner Harmlosigkeit überzeugen;
Aber, wo waren ihre Verstecke?

Das Wetter war uns anfangs nicht wohl gesonnen. Ein hässlicher Regen fiel in dicken Tropfen auf uns herab. Aber schließlich verlangt die Hundenatur ja auch ihr Recht und außerdem musste das Revier markiert werden. Also raus!

Überall neue Gerüche, Spuren unbekannter Art – waren das etwa schon die gesuchten Dahus? Ich wurde richtig nervös – bildete ich mir als Optimist doch tatsächlich ein, sofort einen Dahu zu sehen.

Die einbrechende Dämmerung zwang uns, den ersten Erkundungslauf abzubrechen.

In der Nacht träumte mir, auf meinen Streifzügen einen Dahu aufgespürt zu haben und meldete das mit freudigem Bellen an. DH musste mich erst wieder beruhigen und klar machen, dass das nur ein schöner Traum war.

Am nächsten Morgen – kurz vor sechs Uhr – noch lag tiefe Dunkelheit über dem Tal – marschierte ich ins Schlafzimmer, um mein Rudel zu wecken. Trotz meines Bärenhungers, gestern während der Autofahrt hab´ ich ja nur wenig bekommen, hatte ich meine eigentlich Aufgabe, endlich einen echten Dahu kennen zu lernen, nicht vergessen. Das sollte möglichst bald geschehen.

Gott sei Dank war die Wohnung zu ebener Erde, so dass ich rasch über die Terrasse raus konnte, einen Strauch besuchte und sofort zurückstürmte. Das wartete nämlich ein kräftiges Frühstück auf mich.

Bekanntlich studiert ein voller Bauch nicht gern und der Besitzer eines solchen mag auch nicht sofort durch dichtes Unterholz, eiskalte Gebirgsbäche, steile Anstiege und halsbrecherische Abstiege laufen; es muss ja alles ernsthaft überdacht werden. Und das geht natürlich nur, wenn man sich verinnerlicht und die Außenwelt durch Schließen der Augen ausblendet.

Dann kann man sich alles wirklich vorstellen.

Donnerwetter! Mit einem Ruck fahr ich hoch. Da bin ich doch tatsächlich wieder fest eingeschlafen! Muntere Stimmen reißen mich aus meinen „Vorstellungen“. Die Sonne scheint hell ins Zimmer. Es duftet verführerisch nach frischem, knusperigem Baguette. Das ist natürlich nur für verweichlichte Menschen – „harte Hunde“ – brauchen etwas anderes: einen argentinischen Kauknochen, aus Büffelhaut, zum Beispiel.

DF und DH studieren eine Karte. Dann machen sie sich wanderfertig. Ich blicke sie erwartungsvoll an. „Hoffentlich vergessen sie nicht die Leckerlies“, denke ich noch, da wirft mir DF schon eine Kostprobe zu.
Elegant schnappe ich sie aus der Luft. Schluck! Weg!

Raus aus der Wohnung. Ein kleiner Durchgang. Da duftet es nach allen Wohlgerüchen, die ein Hundeherz höher schlagen lassen: Wurst, Käse, frisches Brot, und, und…aber brutal zieht mich DH daran vorbei. Auf der anderen Straßenseite habe ich schon alles vergessen, neue Spuren, Botschaften anderer Hunde, selbst markieren, usw.

Zuerst passieren wir noch mit Zäunen, Hecken oder Sträuchern eingefriedete Grundstücke. Gleich beim ersten hat mich ein riesiger Wolfshund an einem Loch in der Hecke durch sein wütendes, aggressives Gebell erschreckt. Ich war richtig fertig; DH hat mich aber sofort wieder „aufgebaut“. Später, wenn ich dann da vorbeikam, habe ich immer an der Lücke mein Bein gehoben und damit dem angeleinten Cerberus gezeigt, wo der Barthel den Most holt. Oh Gott, war der immer sauer. Er konnte mir ja gar nichts tun: denn erstens waren DH und DF bei mir und zweitens war sein eigener Aktionsradius durch die Laufleine begrenzt.

Auf den Wiesen und an den Waldrändern wuchs ein schmackhaftes Gras, das ich für meine Verdauung brauche, minutenlang auswähle und genüsslich abknabbere. Dann wieder preschte ich weiter durch dichtes Unterholz und Gestrüpp, so dass DH und DF kaum folgen konnten. Da – eine neue Spur, fremd und unbekannt! Sollte das etwa die Fährte eines Dahus sein? Nase runter und geschnüffelt, das die welken, bunten Blätter wie die Bugwelle bei einem Schiff auseinander flogen; ein immer lauter werdendes Rauschen kam hinzu. Wild zog ich vorwärts. Der Waldrand war erreicht: – ich stand oben am Steilufer des Aveyron: ein breites, mit glatt geschliffenen Riesensteinen chaotisch gefülltes Flussbett, überspült vom brausenden Wasser des noch jungen Flusses. Unmittelbar vor mir befand sich eine kleine Sandbank, die auf meiner Seite von ruhig strömenden Wassern umgeben war. Ein querliegender Baumstamm bot zusätzlichen Schutz.

Mit drei, vier Sätzen war ich unten; DH musste die Leine loslassen, sonst hätte er sich unter Umständen im eiskalten Wasser des Aveyron wieder gefunden. Ich sah nur das Wasser und hinein!

Plötzlich erblicke ich oben am Uferrand einen Artgenossen. Wie der Blitz ist er bei mir; wilde, stürmische Begrüßung als wären wir alte Bekannte. Und dann wird getobt! Sein Herrchen – die beiden kamen übrigens aus Versailles und verbrachten auch ein paar Tage Urlaub hier – wirft Äste, Stöckchen, Steine ins Wasser. Ein schwerer Stock geht unter, ich rein ins Wasser – muss tauchen und unter Wasser buddeln, weil der Ast fest sitzt.

„Nur die Schwanzspitze hat noch rausgeragt“, hat DH nachher voller Stolz erzählt. (..als wenn er diese Heldentat vollbracht hätte! Der Angeber!)

Wir müssen weiter; auf einer nahe gelegenen Wiese – ehemaliger Landeplatz des Drachenflieger-Club Chamonix – jage ich wie ein Weltmeister umher: Beschleunigung, Haken schlagen, Luftsprünge, Vollbremsungen. Mann-o-Mann, war das ein Erlebnis! Mein Fell ist fast ganz trocken. Mit glänzenden Augen sitze ich vor DH und stupse ihn vorsichtig mit der Nase an: “Na, Alter, wie sieht`s mit einem Leckerlie aus???“

(Ehrlich, die Belohnung hatte ich mir wahrlich verdient, denk ich mal….)

Als wir dann zuhause sind, spüre ich doch die ungewohnte Anstrengung. Dieses Abenteuer hat ganz schön geschlaucht. Eine wohltuende Müdigkeit überfällt mich; DF rückt auf der Couch etwas zur Seite, eine einladende Geste und mit staksigen Beinen klettere ich hinauf, rolle mich zusammen, schließe zufrieden die Augen und fühle mich sicher und geborgen.

Einige Zeit später – ich war schon überall bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“ und hatte unzählige Bekanntschaften geschlossen – kamen wir auf unseren Wanderungen zu einer sonnenüberfluteten Lichtung. Da spielte eine junge Mutter mit ihrem kleinen Töchterchen auf dem warmen Boden. Kaum hatte die Kleine mich gesehen, als sie auch schon mit freudigen Jubelrufen auf mich los stürzte. Die Mutter fragte erschreckt, ob ich beiße. DH beruhigte sie aber mit den Worten, dass ich – seines Wissens – noch keine kleinen Mädchen ganz aufgefressen hätte.

Anne, so hieß sie, war etwa einen Kopf größer als ich, umhalste mich gleich ohne Scheu, küsste meine Ohren (da bin ich doch so kitzelig!), streichelte meinen Rücken und wühlte förmlich ihr Gesicht in mein Fell. Das gefiel mir natürlich und ich legte mich auf die Seite, um diese Liebkosungen so richtig zu genießen. Ohne lange zu zögern, folgte sie dem Beispiel und kuschelte sich an mich; als ich dann noch meine rechte Vorderpranke über sie legte und ihr Gesicht und Hände abschleckte, war sie selig. Sie quietschte, strampelte und krähte vor Vergnügen. Bisou – Bisou.

Natürlich gab`s nicht nur angenehme Zeitgenossen, sowohl bei Mensch als auch bei Tier. Einige unter ihnen warfen uns böse Blicke zu; mehr war da wohl nicht drin. Denn meine stattliche Figur flößte ihnen schon den gebührenden Respekt ein. Andere Hundehalter bogen vorher ab oder kehrten sofort um, wenn sie uns sahen. Aber, mit denen wir Kontakt aufnahmen, war immer gut Auskommen. Dabei versuchte ich auch, Informationen über Dahus von ihnen zu bekommen. Manchen sagte der Name gar nichts; andere wiederum – besonders die Einheimischen – taten sehr geheimnisvoll oder blickten mich misstrauisch an.

Schließlich traf ich einen alten, lahmen, halbblinden Sennhund. „Suchen nützt da gar nichts“, verriet er mir.
„Du kannst dich nur in einer Vollmondnacht an einer Bergflanke verstecken, warten und hoffen, dass sie vorbeikommen. Aber Vorsicht! Bonne chance, mompti“.

Die Nacht des Vollmondes kam heran. Ich spürte es mit allen Fasern meines Körpers: „Dahu! Dahu!“ pochte mein Herz. Nur, wie jetzt DH klar machen, mitten in der Nacht rauszugehen? Ich spielte den unruhigen Geist, lief von einer Stelle zur anderen, dann zur Tür und setzte mich wartend davor. Das muss er doch merken!

Endlich hat er kapiert. Draußen zog ich gleich rechts zum nächsten Hang. Bleich schimmerten die weiten Eis- und Schneefelder des Mont Blanc im geheimnisvollen, fahlen Licht des Mondes. Stille! Absolute Stille! Nur weit entfernt rauschte leise der Aveyron.

Zuerst sitze ich erwartungsvoll in Horchstellung – nichts – nichts tut sich. Dann lege ich mich hin, den Kopf aufmerksam auf die ausgestreckten Vorderpfoten. Warten ist verdammt anstrengend. Ab und zu werden die Augen schon kleiner, das Mondlicht verschwindet gelegentlich, der Atem geht gleichmäßiger.

Da! Mit einem Schlag bin ich hellwach. Da sind sie! Ich sehe sie: Dahus! Aus allen Richtungen: von vorn, von hinten, von unten, von oben! Und jeweils zur Bergseite hin sind ihre Beine kürzer! Das ist eine Sensation: die von vorn kommen, haben links kürzere Beine; diejenigen von hinten, haben rechts kürzere Beine; die von unten haben ganz kurze Vorderbeine und die von oben ganz kurze Hinterläufe!!! Das hatte ich nicht erwartet! Eine Sensation. „Das muss ich sofort DH und DF zeigen“ jubiliere ich siegestrunken.

Ich will aufspringen und zurücklaufen. Doch irgendetwas umklammert mich, hält mich fest! So sehr ich auch versuche zu rennen – nichts – ich bewege mich nicht von der Stelle! Panik überfällt mich. Knurrend und hechelnd will ich der Starre entfliehen, ich zittere vor Anstrengung, meine Läufe zucken unkontrolliert. Das Zucken greift auf den ganzen Körper über. Ich stöhne wild, winsele erbärmlich, versuche zu bellen: nichts; kein Laut kommt aus meiner Kehle, nicht die geringste Bewegung: eine totale Lähmung hält mich am Boden fest.

Etwas greift beruhigend in meinen Nacken, schüttelt mich sanft und dann höre ich ganz weit entfernt eine vertraute Stimme: „Ruhig, Leon, ganz ruhig! Aufwachen. Du hast mal wieder geträumt! Es ist alles in Ordnung. Wir sind noch da.“

Ha, geträumt! Das glaubt DH doch selbst nicht. Ich habe die Dahus ganz genau mit eigenen Augen gesehen!
OK, beweisen kann ich das natürlich nicht. Wie sollte ich auch? Aber, Freunde, ihr werdet doch einem ehrlichen Hund nicht zutrauen, dass er euch beschwindelt, oder?

Ich weiß, einer von den alten Dahus hat mir sogar zugeblinzelt, als wenn er sagen wollte, dass mir das sowieso keiner glauben wird.

Aber, liebe Freunde, ihr vertraut mir doch wenigstens, nicht wahr? Sonst schwindele ich euch beim nächsten Mal nichts mehr vor, ehrlich!

Und tschüss

Euer Leon

Autor: Friedhelm Markmann

markmannfried@web.de



Cornelius, der weiße Igel
1, 4 November, 2006, 9:39
Gespeichert unter: Sonstige

Das ist die Geschichte eines Igelkindes, das wegen seines sonderbaren Aussehens es vorerst nicht ganz leicht im Leben hatte.

Das Dorf schlief noch friedlich. Es schlummerten die Menschen wie auch die Vierbeiner und die geflügelten Zweibeiner einem neuen Tag entgegen. Sogar die Häuser schienen noch zu träumen, ihre Fensteraugen waren noch geschlossen.

Nur im Garten hinter der Dorfschmiede wurde die nächtliche Stille durch ein kaum wahrnehmbares Rascheln gestört. Wer wollte da noch nicht – oder nicht mehr – schlafen?

Eine schwarze Knopfnase auf einer spitzen Schnauze reckte sich schnüffelnd aus einem Haufen Laub und Reisig. Gleich darauf erschienen Knopfaugen und Rundöhrchen zwischen einer stacheligen Bürstenfrisur. Was dann noch nachfolgte, könnt ihr euch denken. Ja, es war ein Igel, ein junger Igel, ein ganz besonderer Igel, ein weißer Igel.

Cornelius, so wollen wir ihn nennen, obwohl ihn seine Verwandten und Bekannten, eigentlich überhaupt niemand ihn so nannte. Also, Cornelius erwachte aus dem Winterschlaf und zwar mit einem Bärenhunger. Ob Igel einen Bärenhunger haben können, wollt ihr wissen? Na ja, habt ihr schon einmal etwas von einem Igelhunger gehört oder gelesen? Na, also!

Begegnungen

Auf der Suche nach etwas Nahrhaftem schlüpfte, robbte, schlich und kroch Cornelius durch Büsche und Stauden, Hecken und Gartenbeete, forschte unter Laub und Ästen, inspizierte Baumwurzeln und Komposthaufen und war dann bald satt, weil der Tisch um diese Jahreszeit, Ende April, schon reich gedeckt war. Dabei hatte er gar nicht bemerkt, dass die Sonne schon aufgegangen war. Er gewahrte auch jetzt den neugierigen Vogel nicht, der ihn eingehend musterte. Als er aus einem Stück Wiese seine Nase aus dem hohen Gras steckte, stand da ein schwarzes Wesen vor ihm, wie er es noch nie gesehen hatte. Ängstlich war Cornelius aber nicht und so fragte er das eigenartige, zweibeinige Tier gleich: „Wer bist denn du? Wie heißt du denn? Wohnst du hier? Magst du mich?“

Das waren zu viele Fragen auf einmal für den Vogel. Daher brauchte er ein Weilchen, bis er sich eine Antwort zurecht gelegt hatte. Diese Antwort fiel dann allerdings auch etwas eigenartig aus:

„Ich bin die Amsel ,Schnappdenwurm’
und wohne dort am Baum.
Ich jag’ bei Regen und bei Sturm,
zu Hause bin ich kaum.
Ich bin auf meine Farbe stolz,
den Schiller auf den Schwingen.
Bin schwarz wie echtes Ebenholz
und kann auch prächtig singen.
Mein Lied erfreut die Vogelschar,
gewiss auch jedes Kind.
Doch wer bist du? Ein Igel gar?
Komm, sag’ es mir geschwind!“

Cornelius war so verwundert über diese gereimte Aufklärung, dass er nicht wusste, ob jetzt er mit einem Gedicht an der Reihe wäre oder ob eine einfache Antwort auch genügen würde. Er probierte es mit einigen Versen:

„Sag’ mal Amsel, siehst du nicht,
dass zu dir ein Igel spricht?
Mein Name ist Cornelius!
Schluss!“

Schnappdenwurm schaute Cornelius fragend an und sagte dann: „Also in Eigel bsist du nocht, Eigel sdind nocht weiß!“

Cornelius kratzte sich eine stachelfreie Stelle an der Stirn. Was hatte der Vogel gesagt? Er wollte nicht unhöflich sein und noch einmal nachfragen, aber verstanden hatte er von dem Gestammel nichts. War es möglich, dass Schnappdenwurm nur in Reimen ordentlich sprechen konnte? Das war es wohl. Also ermunterte Cornelius die Amsel zu einem neuen Gedicht. Jetzt auf einmal konnte Schnappdenwurm fehlerlos reden:

„Ein Igel? Nein, das bist du nicht,
ein Igel hat kein Weißgesicht.
Dir fehlt die Farbe weit und breit,
sogar auf deinem Stachelkleid.
Was bist du wirklich für ein Tier?
Cornelius, bitte, sag’ es mir!“

Das Igelkind wurde nachdenklich. In den langen, fast endlosen Träumen während des Winterschlafs erschienen ihm immer wieder die neckenden Geschwister, die spottenden Tiere des Waldes und der Wiese. Alle hänselten es wegen seiner Farbe oder besser, wegen seiner Farblosigkeit. Ihm selbst war diese Eigenart ja nie aufgefallen. Schließlich benützen Igel keine Spiegel. Cornelius war nun zum ersten Mal freundlich auf seine Besonderheit angesprochen worden. Darum gab er der Amsel auch gerne Auskunft:

„Lieber Schnappdenwurm, nein, Schnappdenwurm ist mir zu lang. Ich werde dich einfach Schnappi nennen. Bist du einverstanden? Schnappi, ich bin ein Igel, ein ganz stinknormaler Igel, nur fehlt mir halt etwas Farbe. Was soll’s? Ich kann es auch nicht ändern. Mir ist das egal, so was von Wurst, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ja, piepegal. Und was die anderen so sagen und denken über mich ist mir auch schnurz und stunz.“

Je länger Cornelius redete, desto sicherer wurde sich Schnappdenwurm, dass seinem neuen Freund das weder egal noch schnurz noch sonst was war. Er litt ganz deutlich unter seiner Blässe. Schnappi musste ihn etwas aufmuntern:

„Hör zu, mein liebes Igelein,
ich will dir jetzt was sagen!
Nicht immer gibt es Sonnenschein,
oft müsste man verzagen.

Schau mich an, denk an mein Gebrechen,
wie bin doch ich betroffen,
kann nur in dummen Reimen sprechen
und denken nur in Strophen.

Ich sag dir, Conny, frank und frei,
du bist ein fescher Igel.
Die Farbe ist doch einerlei,
schau dich nur in den Spiegel!“

Vor Freude über die eben geschlossene Freundschaft begannen die zwei so ungleichen Freunde ausgelassen über die Wiese zu tanzen.

So schnell die Freundschaft geschlossen worden war, so schnell drohte ihr auch schon wieder große Gefahr. Die beiden Freunde entdeckten nämlich nach langen Gesprächen über ihre Pläne in der nächsten Zeit, dass sie sich praktisch nie mehr treffen würden. Wie denn das? Ganz einfach. Igel schlafen bei Tag und Amseln bei Nacht.

Cornelius, für Schnappdenwurm schon lange Conny, und Schnappi debattierten hin und her, schlugen das und jenes vor, kamen aber vorerst auf keinen grünen Zweig. Da hatte Conny plötzlich eine hervorragende Idee:

„Ich hab’s, ich hab’s! Ich bleibe etwas länger auf und du auch. So einfach ist das. Wir treffen uns also in aller Früh und dann wieder am späten Nachmittag. Da bleibt dann genügend Zeit für uns gemeinsam“.

Jetzt war es aber wirklich nicht mehr zu früh für Cornelius, sich um ein Schlaflager umzuschauen. Er suchte einen Laubhaufen, in dem er sich gemütlich zu einem erquickenden Schlummer zusammenrollen konnte. Plötzlich stieß er beinahe mit seiner spitzen Knopfnasenschnauze auf einen Kopf, dessen Augen ihn regungslos anstarrten. Das musste eine Schlange sein. Nie zuvor hatte er eine zu Gesicht bekommen. Und ob das eine Schlange war. Sogar eine mit einem Zickzackband auf dem Rücken und einem X im Nacken. Aha, so schaute also eine Kreuzotter aus. Nicht, dass er sich fürchtete. Igel haben vor Kreuzottern nicht die geringste Angst, das ist schon eher umgekehrt der Fall. Aber warum rührte sich diese nicht?

Er stupste sie leicht an und augenblicklich begann sie zu züngeln. Sie hatte im warmen Sonnenschein gedöst um sich etwas für die Jagd aufheizen zu lassen. Das brauchen Schlangen einfach. Augenblicklich rollte sich Cornelius zu einer Kugel zusammen und ließ aus seinem Inneren ein fröhliches Keckern dringen. Der Schlange war gar nicht zum Lachen zumute. Kreuzottern wissen, dass Igel höchst gefährlich für sie werden konnten. Aber dieser kleine Ball da, der noch dazu blass wie ein Ei war, was sollte ihr der schon antun?

Vorsichtig, ganz vorsichtig entrollte sich Cornelius, immer auf der Hut und bereit sich blitzschnell wieder in eine Kugel zu verwandeln, wenn das notwendig sein sollte. Die Kreuzotter machte keinerlei Anstalten, ihn anzugreifen. Im Gegenteil. Freundlich zischelte sie vor sich hin: „Hm, weiß, auch nicht schlecht“. Dieses „auch nicht schlecht“ bewirkte, dass Cornelius augenblicklich freundschaftliche Gefühle für die Schlange entwickelte und sie ebenfalls ansprach: „Na, schönes Wetter heute, nicht wahr? Hatten wir einen angenehmen Winterschlaf? Schöne Träume?“

Die Kreuzotter, sie hieß übrigens Emil, war über die Fragen zwar verblüfft, antwortete darauf aber ganz ungezwungen: „Es geht, es geht. Nur ein einziges Mal wurde ich wach, damals, als es im Dezember vier Tage Föhnsturm gab und es gefährlich warm wurde. Sonst habe ich so dahin geträumt, von Mäusen, na, du weißt schon. Einmal hatte ich einen Alptraum. Ein Igel…“. Am liebsten hätte sie sich auf ihre gespaltene Zunge gebissen. Das war ja nun wirklich nicht gerade höflich.

Cornelius lachte. Ihm machte das nichts aus. Ein aufgeregtes Pfeifen und Flöten kündigte Schnappdenwurm an. Die Amsel flog dicht über den beiden, wagte aber nicht, sich zu ihnen zu setzen.

„Nimm dich in acht, nimm dich in acht,
das ist doch eine Schlange.
Sie hat schon viele umgebracht,

ach, mir ist so bange!“

Ja, so wollte sie Cornelius warnen. Die Schlange und der Igel lachten aber herzlich über die besorgte Amsel. Als Schnappdenwurm das sah und hörte, wusste sie, dass keinerlei Gefahr drohte. So setzte sie sich zu ihnen.

Im darauf folgenden Rundgespräch, das die Menschen auch Diskussion nennen, erfuhren Conny und Schnappi viel über Emil und aus seinen Klagen konnten sie schließen, dass es ihm genau so erging wie ihnen. Wie konnte er die Menschen nur überzeugen, dass er weder garstig und schlüpfrig noch hintertückisch und gefährlich war. Warum wurden seine Brüder und Schwestern erschlagen? Warum musste er sich dauernd vor den Menschen verstecken? Er würde ihnen nichts anhaben, wenn sie ihn nicht ängstigten oder auf ihn traten. Ja, es waren schon wichtige Dinge, die die drei Geächteten zu besprechen hatten. Aber sie gingen als dicke Freunde auseinander.

Cornelius fand ganz zufällig einen alten Hut auf der Wiese. Ein Bauer musste ihn verloren oder liegen gelassen haben. Die Kopfbedeckung eignete sich ausgezeichnet als Schlafplatz.

Bald schlief Conny ein und träumte einem neuen Tag, nein, einer neuen Nacht entgegen.

Die Lästergemeinschaft

Das Gespräch der drei Freunde hatte eine Gans belauscht, die zufällig des Weges kam. Sie watschelte so schnell sie konnte in den Gänsestall zurück, wo ihre Mitbewohnerinnen gerade Körner aus der Futterschüssel pickten. Es ist ja nicht so, dass alle Gänse eingebildet und dumm sind, diese aber war es. „Stellt euch vor, was ich eben gesehen habe. Eine Amsel, die nur in Reimen gesprochen hat, einen fast weißen Igel und die scheußliche Kreuzotter aus der Kiesgrube. Und die sprachen alle miteinander. Und lachten. Stellt euch das vor. Das ist ja unerhört. So etwas in unserem Dorf. Als ob wir uns nicht schon genug über die blöden Hühner ärgern müssten oder über diese doofen Schafe. Und jetzt noch diese drei Verrückten dazu. Wir müssen etwas unternehmen. Na, sagt doch was. Was sollen wir denn tun?“

Jetzt hob ein Geschnattere und Gekrächze an, dass wohl keine der Gänse die andere verstanden hatte. Man einigte sich schließlich darauf, diesen absonderlichen Tieren, die den Frieden im Dorf allein schon durch ihre Anwesenheit störten, gehörig die Meinung zu sagen. Das wäre ja noch schöner, weiße Igel und dichtende Amseln zu dulden. Von der Kreuzotter ganz zu schweigen.

Unter einer Baumgruppe lagerten wiederkäuend satte Schafe. Ihnen hatte ein Eichelhäher von den drei sonderbaren Tieren berichtet, die sich da fröhlich am Waldrand unterhalten hatten. Worüber sie sprachen und was daran so lustig war, konnte der Häher, der sonst über jede Einzelheit informiert war, auch nicht sagen. Für die Schafe war aber allein schon die einfache Mitteilung Grund genug, über die Fremdlinge herzuziehen: „Ein weißer Igel! Frechheit! Das bedeutet Unglück! Eine reimende Amsel! Nicht nur lächerlich, eine Schande für alle Tiere! Tötet die Kreuzotter, sie wird unsere Kinder fressen! Schnell, handelt!“

Solche und noch viele weitere intelligente Meinungen riefen die Schafe einander zu, ohne sich aber ernstlich beim Wiederkäuen stören zu lassen.

Nur eines der Schafe, es hatte einige schwarze Flecken im Fell, fragte die anderen nachdenklich: „Was habt ihr eigentlich gegen einen weißen Igel? Und warum soll sich eine Amsel keine Gedichte ausdenken?“ Dieser Einwurf brachte die Schafe auf die Palme, obwohl außer einer Buche und einer Fichte kein derartiger Baum da stand:

„Sag einmal, hältst du das für normal? Das ist abnormal, ganz und gar abnormal, um nicht zu sagen gefährlich. Solche widerlichen Tiere stören unsere Dorfgemeinschaft. Aber wir wissen schon, warum du auf ihrer Seite bist, du mit deinen schwarzen Flecken. Du hast überhaupt keinen Grund uns zu kritisieren. Verstanden?“ Das beschimpfte Schaf stand auf und legte sich erst in einiger Entfernung von der Gruppe wieder hin. Was es sich dabei dachte, wissen wir leider nicht. Es war sicher nichts sehr Freundliches.

Ein sich näherndes Gekreische ließ die Schafe aufhorchen. Eine Herde von aufgeregten Gänsen war im Anmarsch, direkt auf die Schafe zu. Nun hielten die Watschler, wie wir schon wissen, auch die Schafe für reichlich dumm, aber dieses Mal wollten sie sich mit ihnen verbünden. Es dauerte auch nicht lange und schon war ein Plan geschmiedet, wie man gegen die drei Sonderlinge vorgehen wollte. Der Eichelhäher wurde beauftragt, allen Tieren des Waldes, der Wiesen und Weiden und dem Vieh in den Ställen die Empörung der Dorfgemeinschaft, wie sich die Schafe und Gänse jetzt nannten, mitzuteilen.

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Bald schon war allen klar, dass wegen dieses Trios der dörfliche Frieden an einem seidenen Faden hing. Allen? Nein, nicht allen war das klar. Ganz im Gegenteil. Viele hielten die dümmliche Angst der Schafe und Gänse für überzogen. Viele sahen nicht ein, was gegen einen weißen Igel und eine dichtende Amsel einzuwenden war. Viele erinnerten daran, dass seit urdenklichen Zeiten Kreuzottern in der Gegend gelebt hatten. Viele….. . Ja, viele, aber nur wenige wollten sich öffentlich gegen die Schafe und Gänse aussprechen. Man konnte ja nie wissen.

Wann immer Schnappdenwurm, Cornelius und Emil von irgend welchen Tieren entdeckt wurden, verbreitete der Häher die Kunde in Windeseile. Und bald hagelte es Beschimpfungen von allen Seiten. Zwei Wochen lang nahmen sie das gelassen hin, aber dann wurde ihnen die Sache zu bunt. Mit diesen Dummköpfen wollten sie nicht mehr länger in einer Gegend zusammen leben. Sie beschlossen fort zu gehen. Weit fort. Dorthin, wo sie in Ruhe und Frieden leben konnten. Ob es so einen Ort gab?

Auf ihrer Wanderschaft boten sie wirklich ein recht eigenartiges Bild. Als Pfadfinder marschierte Cornelius voraus. Schnappdenwurm folgte ihm immer dicht auf den Fersen und Emil schlängelte hinten nach. Es gab zwar genügend Abwechslung auf ihrem Weg, trotzdem erzählten sie sich zum Zeitvertreib haarsträubende Geschichten aus ihrem bisherigen Leben. Ob sie es da mit der Wahrheit immer ganz genau nahmen? Einige Erzählungen ließen daran zweifeln.

Schnappdenwurms Erzählung

Einmal saß ich ganz allein
im hellen, warmen Sonnenschein.
Ich dachte hin und dachte her,
wie schön doch eine Reise wär’.

Eine Reise in die große Stadt,
die meine Mama mir geschildert hat.
„Warum nicht?“, so dacht’ ich mir,
„die Stadt liegt gar nicht weit von hier.

Nichts wie weg, schnell in die Luft,
auf Wiederseh’n, die Freiheit ruft“.
Noch schnell ein Würmchen hier, eins dort,
dann flog ich voller Freude fort.

Ich flog dahin, ganz atemlos,
doch wo blieb die Stadt denn bloß?
Ich sah weder Mann noch Maus,
auch keine Kirche und kein Haus.

Dazu kam noch ein arger Wind,
und stellt euch vor, ich armes Kind
wollt’ landen und um Hilfe fragen,
doch der Sturm, der hat mich fort getragen.

So flog ich über Wiesen, Wälder,
Städte, Dörfer, Stoppelfelder.
Auf einmal, und ich wurde blasser,
sah ich nur mehr Wasser, Wasser.

Das war das Meer, oh welch ein Graus,
doch der Sturm, der ließ nicht aus,
Ich sah den schlimmen Hammerhai
und ein Wal kam auch herbei.

Bald sah ich eine ferne Küste,
doch dort gab’s nur mehr öde Wüste.
Leben war hier wirklich rar,
nur dann und wann ein Dromedar.

Der Sturm, der wollte nicht ermüden
und trieb mich weiter in den Süden.
Dort, von einem Baum beschattet,
lag ein Löwe, ganz ermattet.

Später dann, am Blauen Nil,
sah ich ein Riesenkrokodil.
Das wollte mich, es konnt’ nicht klappen,
aus der Luft herunter schnappen.

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So trieb’s mich weiter, und schon bald
lag unter mir der Regenwald
mit Tigern, Schlangen, Elefanten,
die sich zum Plausch zusammen fanden.

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An dieser Stelle unterbrach Cornelius die Plaudertasche: „Bist du dir schon sicher, dass du nicht schwindelst? Afrika hat viele Tiere, seltene Tiere, große und kleine Tiere, aber ganz bestimmt keine Tiger. Schnappi meinte darauf verärgert:

„Na, dann waren’s halt die getupften
Leoparden, die dort hupften.“

Weil ihm die Geschichte ohnehin niemand glauben wollte, schilderte er noch schnell, wie der Wind sich plötzlich gedreht hatte und ihn wieder – welch ein Zufall – nach Hause zurück trug. Was jetzt folgte, kann man nur mit „ha, ha, ha und hi, hi, hi“ beschreiben. Schnappdenwurm war eingeschnappt.

Ob die zwei anderen Freunde so ganz bei der Wahrheit bleiben würden?

Cornelius erzählt

„Ich bin ja noch nicht sehr alt, ich hab’ erst einen Winterschlaf hinter mir. Trotzdem kann ich schon auf stachelsträubende Abenteuer zurück blicken. Natürlich wurde ich nicht von einem Sturm erfasst und in die Welt getragen. Ich bin doch kein Lügenmaul. Nein, ich habe alles in der Umgebung unseres Dorfes erlebt.

Eines Tages, meine Mutter ließ mich zum ersten Mal allein die Welt erkunden, entfernte ich mich dummer Weise zu weit von unserer Laubhaufenwohnung und fand nicht mehr zurück in die gemütliche Blätterstube.

Verzweifelt irrte ich herum. Da tauchte aus einem dichten Gebüsch ein schrecklicher, ein riesiger, ein Löwenkopf auf.“

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„Nicht schon wieder! Nein, bitte, keine Lügengeschichten mehr! Da kannst du ja gleich die Geschichten von Münchhausen erzählen. Besser hätte der Baron auch nicht lügen können!“, rief Emil und tippte sich mit der Schwanzspitze an die Stirn. Er musste das mit der Schwanzspitze tun, weil er ja keine Finger zum Tippen zur Verfügung hatte.

Fragt ihr euch nicht, Kinder, woher eine Kreuzotter den Freiherrn von Münchhausen kennt? Eigenartig, das muss man schon sagen.

Cornelius fuhr aber unbeirrt fort:

„Vor Schreck lief ich auf und davon. Der Löwe hatte mich aber mit einigen gewaltigen Sätzen eingeholt und wollte mich vermutlich als zweites Frühstück verschlingen. Ich aber rollte mich blitzschnell ein und spreizte energisch meine Stacheln. Da heulte das Tier auf und zog sich winselnd zurück. So hatte ich also meinen ersten Löwen besiegt“.

Schnappdenwurm und Emil waren überzeugt, dass es sich bei dem Löwen um eine der vielen herumstreunenden Dorfkatzen gehandelt hatte. Wenn an der Schauergeschichte überhaupt irgend etwas stimmte.

Cornelius ärgerte sich über die ständigen Unterbrechungen, aber er erzählte weiter:

„Kaum war ich einer Gefahr entronnen (Emil und Schnappdenwurm kicherten), sah ich mich schon der nächsten in Gestalt eines Gorillas gegenüber.

„Jetzt reicht es aber! Wo, bitte, gibt es bei uns in den Alpen Gorillas? Nicht einmal Berggorillas wirst du hier finden. Cornelius, dürfen wir dich höflichst ersuchen bei der Wahrheit zu bleiben. Deine Fantasie geht mit dir durch wie ein aufgescheuchtes Pferd!“, sagte Schnappdenwurm (natürlich in Gedichtform) und wurde nicht einmal rot dabei. Aber wie sollte eine schwarze Amsel auch schon rot werden?

Cornelius ließ sich nicht beirren und setzte fort: „Also, ich hatte mich dem Dorf genähert und watschelte gerade über den Parkplatz des Supermarkts, eine gefährliche Sache, sage ich euch, da öffnete sich eine Schiebetür und heraus trat ein, ja, wie schon gesagt, ein Gorilla.

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Als der Goliath mich sah, richtete er sich auf und trommelte mit seinen mächtigen Fäusten (ha, ha, ha und hi, hi, hi) auf die Brust. Kaum hatte ich mich zusammen gerollt, als ich auch schon hochgehoben wurde. Mit mächtigen Schritten eilte der Affe fort und wenig später merkte ich, dass das Tier auf einen Baum kletterte. Dort legte er mich ab. Ich konnte nur hoffen, dass meine Ablage nicht gerade ein schmales Ästchen war, wo ich doch so leicht schwindlig werde.

Gorillas sind reine Vegetarier, das fiel mir plötzlich ein und ich hoffte, dass meiner das auch wusste. Ganz langsam, Millimeter für Millimeter, rollte ich mich wieder aus. Der Affe saß in einer Art Nest und grinste mich freundlich an. Dann begann er mit stark ugandischem Akzent zu sprechen. Sagt jetzt ja nicht, ich würde keinen ugandischen Tonfall erkennen! Er sagte also: ,Du, liebes Igel, du helfen, bitte. Du müssen helfen dringend. Mein Freund ist Frosch und fangt hat große, weiße Vogel!’ Hier war ich nicht mehr ganz sicher, was der Gorilla mir sagen wollte. Daher fragte ich nach: ,Wer fangt hat? Vogel Frosch fangt hat oder Frosch Vogel fangt hat?’ Bald war mir klar, worum es ging. Ein Reiher musste einen Frosch gefangen aber offensichtlich noch nicht gefressen haben. ,Na und?’, dachte ich mir, ,Frösche werden nun einmal gefressen’. Aber dieser eine Grashüpfer war gefangen, er hatte also Angst und Angst ist nicht gut. Da musste schon geholfen werden.

Wir machten uns also auf den Weg zum Weiher hinunter, was für mich nicht sehr beschwerlich war, weil ich doch vom Gorilla getragen wurde.

Tatsächlich, am Rande des Gewässers stand ein Silberreiher und vor ihm saß im Schilf ein verängstigtes Fröschlein.

Jedes Mal, wenn es sich bewegte, schubste es der Vogel mit seinem langen spitzen Schnabel wieder an sich heran. Da drängte sich mir die Frage auf, warum der Gorilla nichts dagegen unternahm. Warum brauchte er eigentlich mich dazu? Für ihn wäre es doch ein Leichtes gewesen, den Reiher beim Hals zu packen oder ihn ganz einfach zu vertreiben. Warum tat er das nicht? Hatte er Angst vor dem spitzen Schnabel? So ängstlich konnten Gorillas doch nicht sein. Die Antwort auf diese Fragen gab aber gleich der Vogel selbst: ,Wenn ihr euch auch nur noch einen Schritt nähert, dann verschlucke ich diesen Strampelknirps. So schnell könnt ihr gar nicht schauen. Also bleibt, wo ihr seid, oder besser, macht, dass ihr verschwindet! Ja, verkrümelt euch, ihr Störenfriede, ihr Ungusteln, ihr Tröpfe!’

Der Reiher redete sich so in Wut, dass wir um das Leben des Winzlings noch mehr fürchteten. Was konnten wir da machen? Es war wieder einmal List und Tücke gefragt. Der Gorilla verwickelte den Langschnabel in ein Gespräch über verschiedene Zubereitungsmöglichkeiten von Fröschen und lenkte ihn damit sehr schnell ab. Ich schlich mich durch das dichte Schilf an. Als ich mich dem armen Opfer weit genug genähert hatte, warf ich mich blitzschnell über den Frosch und spreizte meine Stacheln in alle Richtungen. Jetzt hättet ihr das Gesicht des Reihers sehen sollen! Seine Augen wurden vor Erstaunen groß wie Wagenräder, sein Unterschnabel hing dämlich herunter und seine Kopffedern sträubten sich vor Ärger. Ich sage euch, ein Bild für Götter! Also, Grottenolme schauen dagegen wie reine Intelligenzbestien aus. Was? Schnappi, du weißt nicht, was ein Grottenolm ist? Na, das werde ich dir später erklären. Lasst mich doch endlich fertig erzählen! Kurz und gut, der Vogel gab sich geschlagen. Der Frosch war gerettet. Ja, und damit bin ich mit meiner Geschichte am Ende. Jetzt ist Emil an der Reihe“.

Schnappdenwurm und Emil sahen einander an und wandten sich dann Cornelius zu:
„Das war doch eine reine Lügengeschichte. Kein einziges Wort daran ist wahr. Ein Gorilla rettet einen Frosch, einfach Spitze, cool, ha, ha, ha, hi, hi, hi!“

Cornelius erwiderte ganz ernst: „Was die Wahrheit betrifft, da habe ich mich ganz an Schnappdenwurm gehalten und Schnappi hat ja ganz bestimmt nicht gelogen, oder?“

So wanderten sie weiter. Hin und wieder wurde eine kurze Rast eingelegt oder schnell etwas schnabuliert. Cornelius und Schnappdenwurm wunderten sich, dass Emil nie hungrig war. Der aber sagte: „Ich hab’ doch erst vor fünf Tagen zu Mittag gegessen. Öfter als einmal in der Woche pflege ich selten zu speisen. Irgendwie widerlich, diese ständige Völlerei“. „Na ja, jedem das Seine“, meinten die anderen.

Emil musste noch oftmals aufgefordert werden, endlich mit seiner Geschichte zu beginnen. Der machte aber keinerlei diesbezügliche Anstalten. Wahrscheinlich konnte er nicht so gut lügen wie seine zwei Vorerzähler.

Doch plötzlich begann er ganz unvermittelt:

Emils Abenteuer

„Einmal lud mich meine Großmutter zum Essen ein. Es gab Spitzmaus“. Cornelius runzelte übellaunig seine Stirn, so dass die Kopfstacheln nach unten zeigten. Immerhin waren Spitzmäuse entfernt mit den Igeln verwandt. Emil bemerkte die Verärgerung aber nicht und setzte fort: „Ich machte mich also auf den Weg, freute mich schon auf einen leckeren Happen und stimmte ein Liedchen an, während ich zielstrebig den Waldrand entlang schlängelte.

Plötzlich wurde ein Schatten auf mich geworfen. Ich wollte mich noch schnell einrollen, um besser zustoßen zu können. Aber es war schon zu spät. Ein Bussard ergriff mich mit seinen Fängen, direkt hinter dem Kopf. Meine Giftzähne waren somit nutzlos. Schon wurde ich empor gehoben und ab ging es in Schwindel erregende Höhen. Der Raubvogel kreiste über einer Gruppe von Bäumen und setzte zur Landung auf seinen Horst an.

In dem Nest saßen zwei Junge, die schon sehnlichst auf ihr Futter gewartet hatten. Ich sah mich schon, in zwei Hälften geteilt, in zwei leeren Jungbussardmägen verschwinden. Da versuchte ich noch einen Trick. Ich blies mich auf, und stieß die Luft kräftig aus dem Rachen. Das zischte und fauchte ganz entsetzlich. Die drei Vögel erschraken und gingen in Deckung. Ich aber nutzte ihre Verblüffung und ließ mich einfach aus dem Nest fallen. Gott sei Dank landete ich auf einem dicken Ast.

Ein Sturz in die Tiefe hätte mir zumindest ein gebrochenes Bein eingebracht. Ahm, na ja, also weiter. Verletzt hätte ich mich jedenfalls.

Wie kam ich wohl unbeschadet von diesem Baum wieder zu Boden? Kreuzottern können zwar nach Meinung vieler Beobachter erstaunlich gut klettern. Aber doch nicht aus diesen Höhen. Vorsichtig, eng an die Rinde gepresst, setzte ich meine Bauchschuppen ein. Es funktionierte. War ich auch schnell genug? Lange würde der Bussard nicht mehr in seinem Schreck verharren sondern mich bequem vom Stamm pflücken wie einen Apfel. Da sah ich auf der dem Nest abgewandten Seite des Baumstammes ein Loch. Es war der Eingang zu einer Höhle. Das musste eine Spechthöhle sein. Ich konnte nur hoffen, dass der Eigentümer nicht zu Hause war. Kurz entschlossen schlüpfte ich hinein. Die Spechtwohnung war leer. Nun sollte der Bussard mich suchen. Hier war ich geschützt wie im Schoße Abrahams. Was das bedeuten soll, Cornelius? Nun, ich war eben sehr geschützt.

Das Nest war mit zarten Federn ausgepolstert, ein ideales Plätzchen für einen sicheren und geruhsamen Mittagsschlaf. Ich versuchte, die Augen zu schließen, was mir aber nicht gelang, weil Schlangen keine Lider haben. Eigenartiger Weise merkte ich das erst jetzt. So glitt ich halt mit offenen Augen ins Land der Träume hinüber.

Ein höllischer Lärm riss mich aus meinem Schlummer. Der ganze Baum erzitterte und erbebte. Ich steckte meinen Kopf aus dem Schlupfloch und sah einen Menschen, der mit einer aufbrüllenden Maschine sich unten am Stamm zu schaffen machte. Das musste ein Holzknecht sein, wie meine Großmutter diese Leute nannte. Heute sagt man wohl Forstarbeiter dazu, aber mir gefällt das Wort Holzknecht besser. Das klingt viel kehliger. Ich kann mich nicht satt hören an diesem Knechchcht. Sagt jetzt ja nicht, dass ich als Schlange ja gar keine Ohren habe und taub wie eine Nessel sei. Ich spüre einfach diesen Klang.

Plötzlich verdunkelte sich der Eingang und ein Specht schaute ziemlich verdutzt in die Höhle. Er flog aber gleich wieder ab, wobei er mir noch zurief: ,Heraus, heraus, der Baum fällt gleich um!“ Aber es war schon zu spät. Der Baum neigte sich unter Ächzen und Stöhnen und fiel, gebremst durch die umstehenden Tannen und Fichten, langsam zu Boden.

Noch bequemer hätte ich nicht auf die Erde zurück kommen können. Unverzüglich wollte ich meinen Weg zur Großmutter fortsetzen. Aber ein Gefühl sagte mir, dass ich wohl auf den Spitzmausbraten verzichten musste. Und richtig. Dort, wo eben noch der Holzfäller gearbeitet hatte, stand, verdeckt durch einige Büsche, ein monsterhaftes Tier.

Schnell versteckte ich mich unter Laub und Ästen. Der Saurier musste aber …“ Da unterbrach Schnappdenwurm Emil in seinem Redefluss:

„Emil, Emil, bitte nicht,
lüg uns doch nicht ins Angesicht!
Das ist doch eine Schauermär,
Saurier gibt’s schon lang nicht mehr.

Die Geschichte hat so nett begonnen
und jetzt ist alles wie zerronnen.
Warum musst du alles auf die Spitze treiben,
kannst du nicht bei der Wahrheit bleiben?“

Cornelius sagte gar nichts. Er schmunzelte nur. Emil aber zischelte: „Nun, wenn ihr den interessantesten Teil meiner Erzählung nicht hören wollt, dann überspringe ich diese Begebenheit einfach. Schade, schade, ich hätte euch wirklich gerne von dieser schuppensträubenden Angelegenheit berichtet. Na, wie ihr wollt. Nachdem ich mich aus der Gefangenschaft des Brontos befreit hatte, brauchte ich dringend Erholung. Einfach Ruhe und Sonnenschein. Ich fuhr also auf Urlaub nach Italien.“

Jetzt sträubten sich Schnappdenwurms Federn und sämtliche Stacheln von Cornelius. Eine Kreuzotter auf Urlaub in Italien! So ein ausgemachter Blödsinn!

Die Freunde hätten gar nicht unterbrechen müssen, denn plötzlich, sie waren gerade in einem Waldstück unterwegs, wurden sie auf heftiges Vogelgezwitscher aufmerksam. Wahrscheinlich hatte schon wieder irgend ein Häher ihren Anmarsch angekündigt. So war es auch. Als sie in eine kleine Waldlichtung hinaus traten, wobei bei Emil von „treten“ keine Rede sein konnte, glaubten sie, ihren Augen nicht zu trauen. Scharen von weißen Igeln und schwarzen Amseln und ganze Gruppen von Kreuzottern waren auf der Lichtung versammelt. Was war da los? Wo kamen alle diese Tiere her? Die Amseln sangen und flöteten, wie ihr, liebe Leserinnen und Leser schon vermuten werdet, natürlich in Gedichtform. Allerdings tummelten sich auf der Wiese auch noch eine ganze Reihe anderer Tiere, die
irgendwie seltsam aussahen. Da gab es einmal die lustigen Schweine, die ein Halsband zu tragen schienen.

Diese Pekaris, wie sie sich nannten, sahen viel lustiger aus als die Schweine aus dem Dorf. Am meisten imponierte ihnen aber das sechsbeinige Pferd namens Korkulnapsioris.

Korkulnapsioris empfing sie wie alte Bekannte, obwohl er sicher nicht einmal ihre Namen kannte. Ob dieses Pferd sich Namen merken konnte? So eigenartige Namen wie zum Beispiel Emil oder Cornelius. Wenn man allerdings Korkulnapsioris gerufen wurde, musste man einfach ein gerüttelt Maß an Namensgedächtnis haben.

Und sie hatten sich nicht getäuscht. Korki begann nämlich, die Tiere der Reihe nach vorzustellen:

„Das dort drüben ist Krasnizovrasku, das Pekari dort hinten heißt Samrisko. Seht ihr da droben die Amsel Reimgehtdaneben?“ Jetzt wussten die drei Freunde auf einmal, dass sie es waren, die sich keine Namen merken konnten, obwohl alle mehr oder weniger geläufig waren.

Der Krieg

Korkulnapsioris berichtete ihnen dann von einer bevorstehenden großen Auseinandersetzung. Er nannte das, was da kommen sollte, den „gerechten Krieg“. Der Häher hatte ihnen zugetragen, dass aus allen Teilen des Landes Tiere aufgebrochen waren, um sie von der Lichtung und aus dem Wald zu vertreiben.

„Wir werden uns aber mit Zähnen, Klauen und Hufen zur Wehr setzen. Keiner dieser Angreifer wird lebend das Schlachtfeld verlassen, so wahr ich Korkulnapsioris heiße“, sagte Korki mit grimmiger Miene. Cornelius schaute sich nach seinen Freunden um, was diese wohl zu der Ankündigung Korkis sagen würden. Die schauten aber nur betreten zu Boden. Daher ergriff Cornelius das Wort:

„Was ihr da plant, ist meiner Meinung nach nicht richtig. Wenn es zum Kampf kommt, werden viele deiner Freunde ihr Leben lassen müssen. Die vielen, vielen anderen Tiere, die nicht so aussehen wie ihr, werden aber dann immer noch in der Überzahl sein, zumindest hier in diesem Land. Was sollte das also bringen? Wollt ihr es wie die Menschen machen, die sich gegenseitig bekriegen, einander zu Tausenden niedermetzeln, nur um dann festzustellen, dass sich eigentlich nichts geändert hat? So dumm wie das Menschenvolk wollt ihr doch wohl nicht sein. Nein, wir versuchen das, was sich noch immer bewährt hat. Wir werden verhandeln, wir werden miteinander reden, reden und wieder reden. Und wir werden sie überzeugen. Überzeugen, dass sie nicht anders sind als wir und wir nicht anders als sie sind“.

Korkulnapsioris wandte ein: „Und du meinst, das wird funktionieren? So ganz ohne Krieg, so ganz ohne Kräftemessen?“

Cornelius bekräftigte: „Das ist ein Kräftemessen, mein Freund. Das ist ein Kräftemessen. Wir werden nämlich mit Vernunft die Dummheit besiegen“.

In diesem Augenblick begann der Eichelhäher ganz schauerlich zu lamentieren. Die Freunde blickten sich um sahen die Gegner aufmarschieren. Am Horizont tauchte eine Gruppe Schafe auf, Hausschweine schnüffelten durch das Unterholz heran. Die Gänse hörte man schon aus der Ferne schnattern, die Pferde galoppierten in Zweierreihen daher. Aber es waren nicht sehr viele Tiere.

Nur die Dümmsten aller Rassen und Gattungen konnten die Anwesenheit der „Andersartigen“ nicht ertragen. Nachdem alle auf der Lichtung eingetroffen waren, sahen sie sich einer Übermacht an weißen Igeln, getupften Gänsen, blauen Schafen, Kreuzottern und dichtenden Amseln gegenüber. Verängstigt drängten sie sich zusammen.

Cornelius, der das Kommando übernommen hatte, kletterte auf einen Hügel und hielt die erste Ansprache seines Lebens:

„Hört mir zu, meine Freunde! Wir sind heute hier zusammen gekommen um ein großes Fest zu Feiern. Ein Freudenfest, zu dem wir auch unsere unerwarteten Gäste aus allen Gegenden des Landes herzlich begrüßen dürfen. Wenn ich hier hinunter blicke, sehe ich eine bunte Mischung an Farben und Gestalten. Jeder von euch ist ein bisschen anders als sein Nachbar. Das ist gut so und für jeden von euch ein Grund zur Freude, denkt einmal darüber nach!“

Und sie dachten nach. Die Angreifer aus den Dörfern erkannten, dass sie an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt eine Minderheit darstellten. Waren sie deshalb minderwertig? Nein, sicher nicht! So wie es auch die anderen nie gewesen waren. Einige der Besucher begannen vor Scham zu weinen.

Aber dann begannen die Tiere zu feiern. Die blauen Schafe tanzten mit den weißen, die getupften Gänse mit den dichtenden Amseln. Die Amseln, die nicht reimen konnten, holten Ratschläge ein, wie man ordentliche Verse schmieden konnte. Ein ganz dunkler Igel erkundigte sich bei einem weißen Igelfräulein, was sie denn am Wochenende so mache. Er hätte jedenfalls Zeit. Und so wurden bald Freundschaften geschlossen, Verabredungen vereinbart und gegenseitige Besuche zugesichert. Korkulnapsioris schaute sich in dem Trubel nach den drei Freunden um, konnte sie aber nirgendwo entdecken.

Cornelius, Schnappdenwurm und Emil hatten sich auf leisen Sohlen (Emil auf leisem Bauch) davongemacht. Sie hatten ja erreicht, was sie wollten und freuten sich auf neue Abenteuer auf ihrer Wanderschaft, die sie unbedingt fortsetzen wollten.

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Ausgelassen machten sich Schnappdenwurm und Cornelius dünn wie eine Schlange und Emil dick wie ein Igel. Sie wollten einmal so richtig herzhaft über sich selbst lachen können. Denn das ist, liebe Kinder, auch sehr wichtig!

ENDE

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at

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Mutters Wundermittel
1, 4 November, 2006, 9:37
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Manche Gerüche, so sagt man, rufen einem schlagartig die eigene Kindheit ins Gedächtnis zurück. Bei mir ist das der Duft von Flieder, Wicken und Nelken, von frisch gemähtem Gras und von – Schmierseife. Und zwar der einer ganz bestimmten Marke.

Schmierseife, das war schon in den 60er Jahren Mutters Universalwaffe gegen jede Art von Schmutz im Haushalt. Ein Klecks davon kam ins Spülwasser, ein großzügigerer Klecks ins Aufwischwasser für die Fußböden. Die Küchenmöbel und die Fensterrahmen wurden mit Schmierseifenlauge gereinigt, die Handwäsche erledigt, das Auto gewaschen, die marmornen Fensterbänke poliert – und im Urlaub musste die glibberige naturweiße Masse auch schon mal als Ersatz für das vergessene Haarshampoo herhalten. Meine Cousine benutzte die Schmierseife sogar als Badezusatz für ihre Kinder. „Sie duften dann immer so gut.“

Mutters Seife gab es nicht im Laden zu kaufen. Ein großer, schnauzbärtiger Außendienstmitarbeiter klingelte regelmäßig an der Tür und nahm die Bestellungen auf. Hausfrauen oder Schulkinder aus dem Dorf brachten die Ware dann wenige Tage später gegen Barzahlung bis an die Haustür.

Geliefert wurde die Seife in knallgelben 5-Liter-Eimern. Zu gerne hätte ich als Kind meine Hände in die blumig duftende glibberige Masse getaucht und damit ein bisschen herumgematscht. Aber das war streng verboten. Mutter füllte kleine Seifenmengen in handliche Behälter um und deponierte sie in Küche und Keller. Der Eimer selbst kam sofort unter Verschluss.

Auch nachdem ich das Elternhaus verlassen hatte, war immer für Seifennachschub gesorgt. Wenn ich „nach Hause“ auf Besuch kam, gab meine Mutter mir regelmäßig abgefüllte Portionen von ihrem „Zaubermittel“ mit. Und auch in meinem Haushalt wurde vom Auto über das Katzenklo bis zum Treppenhaus alles damit sauber gemacht.

Aber nichts währt ewig. Mit meiner Mutter starb sozusagen auch die Schmierseifen-Tradition. Ich wusste schlicht nicht, wie ich an Nachschub kommen konnte. Den Namen des Herstellers hatte ich über die Jahre vergessen, und in meiner „neuen Heimat“ konnte man mit meiner Beschreibung der Produkte und ihres Vertriebswegs nichts anfangen. Hier gab es keine Außendienst-Mitarbeiter – mit oder ohne Schnauzbart –, die Schmierseifenbestellungen aufnahmen.

In den folgenden Jahren behalf ich mir mit allen möglichen Reinigungsprodukten. Jedes zweite Wundermittel, das im Werbefernsehen angepriesen wurde, habe ich ausprobiert. Sogar mal etwas, das sich „Flüssigseife“ schimpfte und in einer grünen Flasche geliefert wurde. Aber das sah aus wie eine Kreuzung aus Altbier und Tapetenkleister, roch sonderbar und hinterließ beim Putzen Streifen – kein Vergleich zu Mutters Zaubermittel!

Ich hatte mich schon damit abgefunden, ohne Mutters Seife mit Schmutz und Dreck fertig werden zu müssen. Wahrscheinlich gab es die Herstellerfirma längst nicht mehr. Wer würde schon im Zeitalter der Sprühflaschen und des Reinigungsschaums, der Microfasertücher und raffinierten chemischen Mittelchen mit einer schleimigen Seifenmasse hantieren wollen? Ich. Aber ich bin in eben manchen Dingen hoffnungslos altmodisch. So altmodisch wie Mutters Schmierseife.

Dann las ich in einer Frauenzeitschrift den Tipp, Marmortische seien gut mit Schmierseife zu reinigen. Das Produkt an sich musste also noch auf dem Markt sein. Mein Jagdinstinkt war wieder geweckt.

Kurze Zeit später roch ich bei uns im Büro einen vertrauten Duft. „Ist das dein Parfum?“, fragte mich mein Kollege. „Parfum? Nein. Ich habe auch schon gerätselt, wo der Geruch herkommt. Erinnert mich irgendwie an das Putzmittel meiner Mutter!“ Mein Kollege lachte. Und urplötzlich, vielleicht inspiriert durch den Geruch, fiel mir der Name des Herstellers wieder ein. Nach all den Jahren!

Vielleicht gab es die Firma ja tatsächlich noch? Vielleicht war sie ja sogar im Internet vertreten? Ich warf die Internet-Suchmaschine an und probierte ein paar Schreibweisen aus. Und tatsächlich! Da waren sie! Mit Online-Shop und mit Schmierseife! Sofort setzte ich mich mit dem Unternehmen in Verbindung und gab meine Seifen-Bestellung auf.

Wenige Tage später kam das ersehnte Postpaket. Die 5-Liter-Eimerchen sind mittlerweile grau geworden, aber das bin ich ja auch. Das Wichtigste ist, dass die Schmierseife selbst ganz die alte geblieben ist: naturweiß, glibberig, blumig duftend – und so unglaublich vielseitig und praktisch. Das „Zaubermittel“ aus meiner Kindheit ist wieder da!

Autor: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
     
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Psito Wurmstich – Erlebnisse eines Ungewöhnlichen
1, 4 November, 2006, 9:19
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Exposee zu „Erlebnisse eines Ungewöhnlichen“
Ein Mann lebt geradlinig mit uns, solange er schweigt, nichts tut und wir seinen Namen nicht kennen. Er heißt Psito.
Psito liebt schrägste Rockmusik, laotische Speisen, ordentliche Wohnungen, alte Autos, weiche Betten. Er verabscheut Leisetreter, Kakteen, gebügelte Hosen, Gewaltfilme, Sport. Auch denkt und träumt er gern laut, leise und verwinkelt, macht sonderbare Erfindungen , handelt seltsam und bevorzugt Niederlagen, sofern er sie voraussehen kann.
Psito will den Leser zum Gefühlspendler machen.
- „Bin ich froh, nicht so sein zu müssen!“
- „Ach, steckte nur ein bisschen was von ihm in mir.“
- „Gelegentlich ist das mein Wunschbenehmen“, mag er bei den Geschichten denken.

Psito lebt fast zeitlos, wir leben fest in einer Zeit schnellen Handelns. Ihr unterliegt auch das Lesen zur Entspannung.
Sind daher Psitos Erlebnisse nicht geeignete Kurzgeschichten für zwischendurch?

Nachtstück
Ein materialbevölkerter Rohbau ist nicht charmant, aber interessant. Psito wusste das und war deshalb gekommen Nach einigen Nasen Neubauluft besaß er das nötige Mutquantum, um alle Geschichten und Töne zu rauben, quer durch alle Zeiten.
Psito atmete ein, bis er seine Sinne für gefüllt hielt. Doch am Ausgang sagte der Pförtner: „Armer Freund, das ist alles Abfall, den dein Vorgänger hier gelassen hat.“

In letzter Sekunde
Psito sitzt auf einer Wartebank im Standesamt, spielt mit dem Nummernzettel, denkt. „Warum kriegen Kinder nach ihrer Geburt nicht auch so eine Nummer und geben sich irgendwann selber einen Namen?“
Schon leuchten ihn seine Zahlen an und die freundliche Beamtinnenstimme singt wieder:
„Sie sind dran!“ Schnell steckt Psito das Papierstück in die Brusttasche. „Nein“, ruft er dabei, „ich lasse mir nichts amputieren und einpflanzen! Ein anderer Name ist doch wie eine Protese! Ich bin und bleibe Psito Wurmstich!“
Mit diesen Worten springt er auf und verlässt das Gebäude.

Die Flugmatratze
Vor dem Haus entfaltete Psito ein Polster und pumpte es auf. Dann holte er eine Art Außenbordmotor aus dem Rucksack und schloss ihn hinten an. Kaum hatte er sich gesetzt und den Rucksack verstaut, drückte Psito zwei Knöpfe hinter sich. Schonklang es, als würden mehrere Rasierapparate laufen. Gekonnt drehte Psito an zwei seitlichen Hähnen. Der eine ließ sein Gefährt steigen; der andere bewegte es vorwärts.
Bei seinen vielen selbstsicheren Stadtrunden – gelenkt wurde mit einer Kugel an der Vorderseite – hatte Psito nur jubelnde und stumme Bewunderer um sich.

Regenschutz
Psito macht auf eigene Faust Urlaub in Laos, dem Land seiner Lieblingsspeisen. Alle dösen vor der Hütte in den Nachmittag, die eingeborenen aus Verzweiflung über die lange Trockenzeit, Psito zur Entspannung.
Da kommt sein alter Traum wieder. „Was darfst du bei diesem Wetter nicht vergessen!?“, schreit Mutter. Wenn die Antwort nicht gleich kommt, gibt`s wieder die Fahrradpumpe auf den Hinterkopf. „Heute nicht“, denkt Psito und ruft: „Regenschutz!“
Ein Laote kann Deutsch. Er klatscht dreimal. Alle packen Psito und spritzen ihm etwas unter die Zunge. Wochenlang schmeckt und riecht für ihn jetzt alles nach Biotonne.

Die große Stille
Psito hat fünf Lieder geschrieben. Er zeigt sie seinem früheren Musiklehrer. Der entdeckt bei allen Ähnlichkeiten mit bekannten Stücken.
Psito ist enttäuscht und schreibt ins Internet: An alle Künstler, komponiert keine Musik mehr! Sie ist ausgereizt. Schreibt keine Texte mehr! Alles ist gedruckt. Malt und fotografiert keine Bilder mehr! Stellt auch das Filmemachen ein! Die Augen sind satt. Lasst die Radiokunst sein! Alle Genussohren sind zu. Haut, schnitzt und gießt nicht mehr! Alles ist zugestellt und -gehängt mit Bekanntem. Entwerft weder Kleider noch Verpackungen! Schränke und Regale sind voll.
Und bald werden wir nur noch schweigen, weil alles gesagt ist.

Tal oder Berg?
Es ist Freitagabend kurz nach zehn. Vor knapp drei Stunden ist der Wochenendspaß in den Eventkasernen einmarschiert. Im Feierschritt und in volksdümmlicher Textur hält er sich warm; denn morgen Früh soll der Berg erobert werden. Keiner merkt, was an dessen beliftetem Fuß passiert.
Psito sitzt in seinem geliehenen Wohnmobil, steckt gefaltete Zettel in eine große Holzkiste. Danach schiebt er sie unter den Beifahrersitz und legt sich zufrieden schlafen.

Dunkelheit und Kälte leisten Psito am nächsten Morgen beim Aufstellen eines Tapetentisches vor dem Liftkartenschalter Gesellschaft. An die Tischseiten schraubt er zwei Holzstangen. Zwischen sie wird ein Pappschild geklebt mit der Aufschrift: „Tal oder Berg?“ Dann stellt er die Zettelkiste und ein Sparschwein auf den Tisch.

Ein Mann kommt und sagt: „Guten Morgen, was machen S` denn da?“

„Guten Morgen, einen kleinen Gästegag“, antwortet Psito und wehrt zugleich die Frage nach der Erlaubnis ab. Er hält dem Frager ein amtlich ausschauendes Schriftstück hin. Der nickt und geht weiter.

Pünktlich um acht beginnt der große Ansturm. Psito schreit: „Heute ist Vorspannung geboten! Erst ein Los für drei Mark kaufen, dann zum Lift oder im Tal spazieren gehen! Wer ein Los mit dem Wort Bergkristall hat, fährt hoch. Die Käufer von Losen, auf denen Talsperre steht, bleiben unten!“

Die Leute kommen, wühlen und kaufen. Schon gehen jubelnde Bergkristall-Leser zum Lift. Aber auch erste Talsperrebesitzer treten enttäuscht weg. Als sie schließlich eine wütende Schlange bilden, stürmt der Mann von vorhin zu Psito und brüllt: „Sie gell, mir lassen uns des Gschäft von Ihnen ned vermasseln!“

„Ich verstehe“, erwidert Psito in die Atempause seines Gegenübers, „das macht ihr lieber selber mit eueren Spaßgesellen. So geht`s zwar langsamer, aber gründlicher; schaut euch doch um.“

Autor: Robert Huber

Kontakt über EdithNebel@aol.com
     



Vogelzug
1, 4 November, 2006, 9:12
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Damit dem Winter sie entflieh’n,
manche Vögel in den Süden zieh’n.
Der Zug führt meist nach Afrika,
ein schrecklich langer Weg, fürwahr.
Die Vögel fliegen ohne Hast
mit oftmals langer Zwischenrast.
Die Jugend wird dann instruiert,
was zu tun ist, wenn man sich verirrt.
Als Lehrer fungiert ein Altpirol
(er stammt aus Imst in Nordtirol),:
„In Österreich“, doziert er streng,
„wird es selten richtig eng.
Sagt schön Grüß Gott und Guten Tag,
worauf man euch dann sicher mag.
Für das Land der Lieder und Zitronen
wird sich dann ein Buon giorno lohnen.
Doch haltet euch von Menschen fern,
sie haben euch dort zum Fressen gern.
Bald sind wir dann an Afrikas Küste,
über der großen, heißen Wüste.
Niemand ist euch bös und gram,
wenn ihr gegrüßt habt mit Salam.
Ist erst das Sandmeer überquert,
dann lebt man fortan unbeschwert.
Ihr müsst dann nur mit Tschambo grüßen,
bis wir dann wieder heimwärts müssen.

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Autor: Ingo Baumgartner

rosmaringo@aon.at



Urig
1, 4 November, 2006, 9:10
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Der Auerochse oder Ur
ruht in sich und heat nia zua.
Er kaut sei Gros scho seit da Frua
und schaut dabei nia auf die Uhr.
Am liabstn hot a hoit sei Ruah
und an schotting Plotz dazua.
Hi und do, do kimmt eam vua,
wia sche wa’s mit na Auerkuah.

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Autor: Ingo Baumgartner

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Trist in Triest
1, 4 November, 2006, 9:07
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Ein Hai in der Bucht von Trieste
Lebt kärglich und findet nur Reste.
Ein Tretboot wird leck,
Worauf der Fisch keck,
Verschlingt zwei Touristen zum Feste.

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Autor: Ingo Baumgartner

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Traum
1, 4 November, 2006, 9:05
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In den Kajanzobergen von Uganda
und den Regenwäldern von Ruanda,
dort ist das Reich der Silberrücken,
die jedes Forscherherz entzücken.
In Horsten regellos verteilt,
der Gorilla bei der Mahlzeit weilt.
Das Tier rein pflanzlich sich ernährt,
kann fressen, was sein Herz begehrt
Und doch träumt mancher Berggorilla:
“Wie schön wär’s Shopping drunt bei Billa!“

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Autor: Ingo Baumgartner

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Strebsam
1, 4 November, 2006, 9:03
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Der Uhu, nicht der Alleskleber,
ist leider ein gar mieser Streber.

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Autor: Ingo Baumgartner

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Der Specht
1, 4 November, 2006, 9:01
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An die Rinde klopft der bunte Specht,
weil er gern Maden fressen mecht.
Klebt eine dann am Zungenwurm,
ist gleich darauf sie schon gesturm.

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Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at