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Mind the Gap, Part 3 – How to survive in London
1, 3 November, 2006, 6:55
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Im Herbst 2003 begann ich einjähriges Studium an der London Metropolitan University. Mittlerweile arbeite ich in der City. In einer Art Internet-Tagebuch habe ich Freunden und Bekannten in Deutschland in unregelmäßigen Abständen meine Erfahrungen und Erlebnisse geschildert. Dieser Beitrag ist ein Auszug daraus – und die Fortsetzung von “Mind the Gap 2″.

2. August 2004
So, am Wochenende war ich noch Schnäppchenjagen in Birmingham, heute war mein erster Arbeitstag. Eine Kollegin ist Deutsche wie ich, mit der habe ich mich in der Mittagspause gleich mal über die englische Bürokratie ausgelassen.

Freddie, mein Boss, ist ein ganz Lieber. Älteres Kaliber, benutzt altmodische Formulierungen und ellenlange Sätze, leider ist seine Schrift grauenhaft. Habe ihm gleich mal geholfen, sein abgestürztes Outlook wieder auf Trab zu bringen und ihm sanft beigebracht, dass man “Glasgow” nicht “Glascow” schreibt. “Wirklich, bist du sicher?” Ich habe festgestellt, dass ich von Bank Station aus zur Firma laufen kann, d.h., ich brauche die chronisch überfüllte und stickige Northern Line gar nicht – nur die DLR. Juhu! Oh, und am Samstag war doch sogar meine National Insurance Number in der Post – in Rekordzeit. Üblicherweise fängt man nicht vor 9am an hier. Meine Bürozeiten sind von 9 – 17.30, mit einer Stunde Mittagspause dazwischen, habe also 37,5 Stunden die Woche.

Und jetzt, wo ich einen Job habe, sind die Agenturen plötzlich hinter mir her. Habe heute zwei Nachrichten auf meinem AB gefunden, ich solle doch mal dringend zurückrufen. Tja, wer zu spät kommt… Habe eben ein kurzes “habe Job, streicht mich aus euren Büchern” Email losgelassen. Mehr Mühe mache ich mir nicht, die haben sich vorher auch nicht einmal gemeldet.

3. August 2004
Es gibt so Tage, da hasst man London einfach. Bin nach der Arbeit zur Bank Station gelaufen, aber die war gesperrt. Fire alarm irgendwas. Hab schon überlegt, ob ich zu Moorgate zurück soll, mich dann aber für einen Bus nach London Bridge entschieden, von wo aus ich Anschluss an die Jubilee Line hatte. Die haben aber erstmal auch keinen reingelassen, damit die Station sich nicht überfüllt. Als es nach 5 Minuten weiterging, ist natürlich jeder auf einmal losgerannt. Der leere Zug war in 2 Sekunden proppevoll.

In Canary Wharf musste ich aussteigen und zu Fuß bis zur Heron Quays DLR Station laufen. Wäre ja auch kein Problem gewesen, wenn die Straße nicht gesperrt gewesen wäre, weil irgendwelche Idioten sich ausgerechnet diese Strecke für einen Charitylauf ausgesucht hätten. Nach 5 Minuten hab ich mich mal durch eine Lücke durchgedrückt.

Die DLR war natürlich proppevoll und fuhr nur 2 Stationen, dann musste ich nochmal warten, bis die nächste kam. Ich kam 45 Minuten später als gewöhnlich an. Aber das ist noch gar nichts, denn anscheinend hatte ich Glück. Viele Linien haben jetzt furchtbare Verspätungen, etliche Stationen sind wegen Überflutung gesperrt (in Waterloo kam wohl der Himmel runter, in Moorgate hat man nichts gemerkt). Sonja ist immer noch nicht zuhause, sie rief mich ganz aufgelöst von Waterloo Station an, weil sie nirgends weiterkam, die Station war auch gesperrt. Sie sitzt jetzt im Bus nach Greenwich – mit stundenlanger Verspätung. Echt – ein bisschen Regen, und ganz London steht still. Man kommt übrigens momentan von Deutschland nicht mit dem Telefon durch. Habe meine Mutter vorhin angerufen und sie wollte mich wie immer zurückrufen, damit ich Gebühren spare. Aber nix. Alles andere funktioniert aber. Wahrscheinlich sind die internationalen Leitungen auch überflutet …

4. August 2004
Gestern habe ich fleissig brownie points (Pluspunkte) in der Firma gesammelt, als ich einen Einstand gegeben und Sandwiches von Marks&Spencer in der Küche aufgestellt habe und in einem E-mail erklärte, dass das eine deutsche Tradition sei. Da sind sie mir alle fast um den Hals gefallen und es hat Dankes-E-mails geregnet. Das netteste E-Mail kam vom Oberboss, der ganz gerührt war, dass ich schon einlade, obwohl ich noch nicht mal das erste Gehalt habe und dass das so eine nette und charmante Geste sei und dass diese Tradition noch von keiner anderen deutschen Angestellen aufgegriffen sei und vielen herzlichen Dank und überhaupt…

Die Engländer sind so ein komisches Volk. Die halbe Stadt war überflutet gestern, weil sie es einfach nicht schaffen, die Abflüsse freizuhalten. Deswegen musste jetzt auch Abwasser in die Themse abgeleitet werden, damit die Straßen nicht zu sehr überflutet sind. Dafür sind jetzt alle Fische tot. Heute Morgen hatte jeder eine andere Horrorstory, wie lange er gebraucht hat, um nach Hause zu kommen. Manche sind total in Regenschauer und Hagel gekommen, ich hatte im Vergleich wirklich unwahrscheinliches Glück.

8. August 2004
Jeden ersten Donnerstag im Monat gibt es in meiner Firma die Tradition, dass man sich nach der Arbeit auf ein paar Drinks trifft, manchmal in einem Pub, diesmal war es im eigenen Konferenzzimmer. Finde ich eine gute Idee, so lernt man die Kollegen doch mal ein bisschen näher kennen. Und am ersten Freitag im Monat ist dann “Casual Friday”, wo man etwas legerer gekleidet zur Arbeit kommen darf. Die nennen das hier allerdings “Mufti”, ein Wort, das ich vorher im Leben noch nie gehört habe.

Also trotz der Hitze war das mal eines der schönsten Wochenenden seit langem. Meine Mitbewohnerin hatte sich nach Deutschland verzupft, weil ihre Eltern sie anlässlich ihres Geburtstages gestern zu einem Konzert in Heidelberg eingeladen haben, d.h. John und ich hatten die Wohnung endlich mal für uns. Nach dem obligatorischen Einkaufstrip und ein bisschen Wohnungputzen (wenn man nicht putzt, wenn Gäste kommen, wann dann?) kam Constanze, meine deutsche Kollegin, für ein paar Stündchen zu Besuch und war hin und weg von unserer Wohnung. Sie lebt anscheinend mit ihrem Freund in einem winzigen Kellerloch in Hammersmith, meinte nun aber, Docklands könnte sie sich sehr gut vorstellen, sobald ihr Freund sein Studium beendet hat und auch verdient.

Wir sind dann noch über die Greenwich Märkte und haben ihr das Riesenkreuzfahrtschiff gezeigt, die Europa, die gestern fast den ganzen Tag deutlich sichtbar vor unserem Fenster ankerte. Das ist immer wieder ein unwahrscheinlich toller Anblick, wenn diese turmhohen Schiffe dann total nah am Küchenfenster vorbeifahren – habe fleißig Bilder geknipst.

Am Abend habe ich dann John zum Essen eingeladen, um meinen neuen Job zu feiern. Wir sind zur Essensmeile am West India Quay, wo überall draussen gegessen wird, und um 21 Uhr abends noch eine Schlange vor dem Scuzi, einem italienischen Restaurant mit den londonbesten Pizzen, herrscht. Total warm war es auch bis spät – ich kriege die Hitze sowieso nie ganz aus der Wohnung. Heute war es allerdings noch heißer als gestern, so dass wir nach einem kurzen Trip über die Märkte wieder zum Luft schnappen und zweiten Mal duschen nach Hause sind.

John ist ganz glücklich, weil er ein Star Trek Bild (Limited Edition) in tollem Rahmen gefunden hat, und ich habe einen Ring erstanden, der eigentlich mein Budget sprengt, aber jeden Pfennig wert ist. Mittlerweile ist John wieder auf dem Weg nach Hause und ich bin bei der fünften Dusche angelangt. Meine Mitbewohnerin kommt in etwa einer Stunde wieder nach Hause, dann muss ich tatsächlich mal wieder ein bisschen mehr anziehen …

11. August 2004
Wenigstens hat es jetzt ein bisschen abgekühlt, aber die Luftfeuchtigkeit ist nach wie vor sehr hoch. In der DLR oder Tube gepresst zu stehen macht bei solchen Verhältnissen wirklich keinen Spass. Dafür ist im Job alles paletti, ausser dass Constanze ab Freitag für 2 Wochen in Urlaub geht und die Tussi von der Zeitarbeitsfirma erst am Montag anfängt, so dass es keine Einarbeitung gibt. Wenn das mal gut geht! Der Arbeitsbereich der anderen Sekretärinnen ist total verschieden, wir können da auch nicht viel helfen.

Jetzt kam auch das von der Regierung schon lange angekündigte “Preparing for Emergencies” Heftchen an, mit Tipps, wie man sich verhält, wenn Terroristen angreifen oder wie man einen Terroristenangriff verhindern kann. “Seien Sie wachsam. Werden Sie misstrauisch bei verdächtigem Verhalten oder verdächtigen Päckchen. Informieren Sie die Polizei sofort.” Ach, da wär ich ja im Leben nicht drauf gekommen. Vielen Dank, Tony Blair, was täten wir bloss ohne dich.

Eine Bekannte in Deutschland hat mich heute darauf hingewiesen, dass sie erstaunt war, dass das Paket, das ich ihr zurückgeschickt habe, ohne Absenderangabe von der Royal Mail entgegengenommen wurde. Hier in England schreibt keiner jemals Absender auf die Außenhülle eines Versandstücks, selbst von Freunden kriege ich ständig “anonyme” Post, deswegen habe ich da nicht dran gedacht. Aber wenn man drüber nachdenkt, ist es total dämlich, nach verdächtigen Päckchen Ausschau halten zu müssen, die aber trotzdem ohne weiteres ohne Absenderangabe rumliegen dürfen. Die Engländer sind halt alle schizophren und ihre größte Angst ist der “Nanny State”, der ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben und was sie lassen müssen.

Wenigstens hat Chiltern Railway, die mich am 30. Juli erst mit über einstündiger Verspätung nach Birmingham geschaukelt haben, recht zügig auf meine Claim Form reagiert und mir einen Entschuldigungsbrief samt £5 voucher geschickt. Den kann ich gleich am Freitag einlösen, da fahre ich wieder nach Brum. Aber natürlich konnten sie mir nicht einfach einen einzigen Voucher für £5 schicken, nein, ich habe einen mit £3 bekommen und zwei mit jeweils £1. Das versteh mal einer.

Das Arbeitsamt und das Claims Department bringen mir auch alles durcheinander, so dass ich da morgen erst mal anrufen muss. Bürokratie in England – schlimmer als anderswo! Habe meine Prüfungsergebnisse von der Uni immer noch nicht bekommen, obwohl mir die Ergebnisse unter der Hand schon mitgeteilt wurde, weiß also nicht, was da so lange braucht. Bin mit Jim von der Uni im E-Mail-Kontakt, da es auch Probleme mit meinem Certificate of English Proficiency gibt.

Ich will ein Zertifikat und kriege irgendwie keins, nur das rohe Ergebnis, aber da ich erst eine Unit gemacht hätte, wäre der Proficiency Kurs noch nicht komplett. Aber ich habe doch auf dem höchsten Level angefangen, was soll ich denn noch machen? Echt, manchmal treiben mich hier alle zum Wahnsinn, inklusive John, der schon zum zweiten Mal hintereinander seinen Arzttermin verbasselt hat.

18. September 2004
Hab hier schon eine Weile lang nichts mehr geschrieben! Muss zu meiner Entschuldigung sagen, dass erst mein Netzteil schlapp gemacht hatte, und nachdem wir das repariert hatten, war ich sozusagen erst mal vom Computer geheilt für eine Weile – habe das Teil zur Zeit abends fast nie an, will dann eigentlich nur noch auf dem Sofa liegen und Zeitung lesen, so kaputt bin ich.

Mein Job ist gleichzeitig stressig und auch wieder nicht – soviel Neues, aber manchmal zuwenig Arbeit, obwohl ich jetzt eine klarere Abgrenzung der Aufgabenverteilung zwischen mir und meiner Kollegin durchgesetzt habe, die immer alles an sich gerissen hat.

Mittlerweile ist es recht kalt und windig geworden, den Great River Race letztes Wochenende hat es ziemlich verblasen. War sehr interessant, vom Fenster aus die Ruderermassen vorbeiziehen zu sehen, aber auf den Balkon haben wir uns nicht getraut – wir wären glatt weggeblasen worden.

Dieses Wochenende ist “Open House”, d.h. über 500 Gebäude in London öffnen ihre Pforten kostenlos für Besucher. Morgen ist Car Free Festival auf den Strassen von Greenwich, und ich werde mit John und Constanze hingehen. Greenwich ist sowieso unser Lieblingsspot. Später machen wir dann vielleicht einen Abstecher in das Museum in Docklands, das einfach klasse ist und für Studenten kostenlos. Ansonsten kriegt man ein Ticket für ein Jahr für nur £3 bzw. £5. Talk about value for money!

Der öffentliche Verkehr in London ist so grauenhaft wie eh und je. Lasst mich mal die Highlights der vergangenen Wochen rekapitulieren: Ich steige in eine DLR nach Bank, was auch angeschrieben ist, worauf der Fahrer prompt durchsagt, dass dies ein umdirigierter Zug nach Bank sei. Häh? Dann war da noch der Typ, der sich frühmorgens in das total volle Abteil quetschen musste und mich dabei schier zermatscht hat, da ich wegen eines riesigen Koffers eines anderen Passagiers meine Füße nirgends anders hinsetzen konnte.

Ach ja, und neulich war ich gerade dabei, meinen Weg durch die Katakomben von Bank Station zum DLR Gleis zu machen, und zwar langsam, weil ich müde war. Der Weg ist lang, drei Rolltreppen und dann noch mal ein Stückchen Fußweg. Döste gerade auf der letzten Rolltreppe vor mich hin, als plötzlich die Durchsage kam, dass wegen eines security alerts die Station evakuiert würde und sich jeder unverzüglich zum Ausgang begeben sollte.

Nicht mit mir! Plötzlich hellwach, bin ich die Treppen runtergesprintet und gerannt, als wäre die Kavallerie hinter mir her. Um die Ecke und direkt in die letzte DLR geschlittert, die eben noch Bank Station verlassen durfte. Schwer atmend habe ich dann im Büro angerufen und alle verbliebenen Kollegen gewarnt, dass Bank Station geschlossen sei. Da macht man was mit. Und jetzt hat Ken Livingstone, der noch vor ein paar Wochen sagte “There will be no tube fare rises”, Tubeticketpreiserhöhungen für Januar angekündigt.

Meine jährliche Travelcard gilt nur noch bis Ende September, und da ich ab Ende Oktober (Ende meiner Probezeit) die Möglichkeit bekomme, die annual travelcard von der Firma vorfinanziert zu bekommen, werde ich das glatt machen, da die jährliche immer noch die billigste ist, und solange ich die vor Januar beantrage, werden die Preise für ein Jahr eingefroren. Ach ja, und Ken Livingstone hat in seiner Weisheit auch noch die Routemaster Busse abgeschafft, das sind die, auf die man aufhüpfen kann und während der Fahrt bezahlen. Da hat er aber nicht mit den Londonern gerechnet, die ihr Wahrzeichen zurückhaben wollen und wild am Petitionieren sind. Überhaupt sind die Engländer Rebellen, wenn es um Traditionen geht – gerade geht der Protestbär ab, weil das Parlament die Fuchsjagd verbieten will. Da hat es aber nicht mit der upper class gerechnet! Sogar Bryan Ferrys Sohn schmeisst Eier. Die Engländer sind schon so eine eigene Spezies.

Und die Council Tax Behörde hat es auch immer noch nicht geschnallt, was Sache ist. Wenigstens hat mir das Arbeitsamt endlich mal das fällige Geld für Juli überwiesen. Man sollte es nicht glauben. Und mein Vermieter, der immer großzügig meinte, wir müssten keine Wassergebühren bezahlen, hat das wohl auch eine ganzes Jahr für uns nicht getan, wir hatten nämlich vor kurzem einen Drohbrief im Kasten, dass das Wasser in 2 Wochen abgedreht wird, falls wir nicht sofort reagieren. Hab ihn sofort angerufen und er murmelte was von wegen “Die haben wohl meinen Brief nicht gekriegt, dass sie mit mir direkt korrespondieren sollen.” Er hat dann aber brav sofort angerufen und per Kreditkarte bis März nächsten Jahres gezahlt.

Und neulich kam ein Brief vom Wahlbüro, dass wir bis 14. Oktober unsere Namen und Adressen zu bestätigen haben, ansonsten könnten wir nicht wählen und riskieren ausserdem eine Geldstrafe von £1,000. Ist ja gut, ist ja gut, bin ja schon dabei …

3. Oktober 2004
Hab schon wieder 2 Schecks vom Housing Benefit Office gekriegt. Hab angerufen, aber es hieß nur, wir richten’s aus, da ist schon niemand mehr da. Um 14 Uhr? Hab daraufhin die Schecks zurückgeschickt mit einem etwas erzürnten Brief, in dem ich mitteile, dass das das letzte Mal ist, dass ich das mache. Jeder weitere Scheck wird verbraucht und wenn sie dann versuchen, das Geld zurückzuholen, dann ignoriere ich DIE mal zur Abwechslung. Ist doch wahr, was muss man denn noch alles machen, um denen von geänderten Umständen wie Arbeit in Kenntnis zu setzen? Und dann wundern sie sich, dass es soviel Betrug gibt und die Ämter ständig in den Miesen sind. Wenn sie das Geld auch so großzügig an Leute verteilen, die gar nicht mehr berechtigt sind …

Das Wetter wird immer ungemütlicher hier, heute hat es fast den ganzen Tag geregnet, John und ich haben also einen gemütlichen Tag auf dem Sofa verbracht und Pläne geschmiedet für die Zeit, wenn wir hier mal zusammen wohnen. Das ist hoffentlich bald. Er ist gerade dabei, sein Haus auf den Markt zu werfen und hier auf Jobsuche zu gehen, und es könnte sein, dass meine Mitbewohnerin hier bald die Zelte abbricht. Am 19. Oktober muss sie ihre Thesis abgeben, danach geht sie auf Wohnungssuche, da sie näher an ihrer Arbeit in Hammersmith wohnen will. Spätestens Mitte November will sie ausgezogen sein, sagt sie. Kann mir nur recht sein, im Geiste haben John und ich ihr Zimmer schon umfunktioniert. Er hat auch heute eine Liste gemacht, was er von seinen Habseligkeiten verkauft, lagert oder sonstwie loswird und was er mitbringt. Gott sei Dank haben wir dann etwas mehr Platz für das Geraffel.

Er ist auch ein wesentlich geschickterer Heimwerker als mein Vermieter, der, wie sich jetzt rausstellte, unsere Küchenschublade falsch herum eingesetzt hatte. Kein Wunder klemmte sie immer! Die Kühltruhentüren fallen auch ständig runter, die Türen zu Schlafzimmer und Bad klemmen und die Heizung spielt verrückt. Immerhin hat er die abgewrackte Mikrowelle anstandslos mit einem blinkenden Raumschiff von Panasonic ersetzt, das alles kann ausser singen. Be grateful for small mercies.

Am 14. Dezember ist meine graduation ceremony, was ich aber auch nur herausgefunden habe, weil ich solange bei der Uni angerufen habe, bis einer mal Bescheid gab. Die Einladungen sind natürlich immer noch nicht da “due to industrial action leading to delays”. Dass manche Leute planen müssen, ist denen wohl auch egal.

Habe vor kurzem meinen Weihnachtsflug nach D gebucht, meine Mutter muss John und mich vom 22. – 27. Dezember ertragen. Das Schöne ist ja, dass wenn in England ein Feiertag wie Weihnachten oder Ostern auf ein Wochenende fällt, man diese Feiertage in der Woche darauf kriegt. Der 25.und 26. fallen auf Samstag und Sonntag, deswegen ist hier Montag und Dienstag auch noch frei. In Deutschland hätte man da jetzt einfach Pech gehabt. Hey, ich hab was gefunden, was besser ist in Deutschland!

6. Oktober 2004
Brrr, ist das hier kalt geworden. Durfte heute ein weiteres von unserer Firma betreutes Gebäude anschauen und bin auf dem Dach, von dem man eine tolle Rundumaussicht hat, beinahe erfroren. Total schickes Ding, mit Atrium in der Mitte samt Wasserfall! Bei den Erklärungen zu Generatoren, Klimaanlagen, Boilern etc. habe ich dann innerlich etwas abgeschaltet, das ist nur was für John, der wäre in seinem Element gewesen.

Die Firmenmitglieder waren gestern in einer Bar am Finsbury Square eingeladen, kostenlose Getränke und Häppchen gab’s auch, weil die wollen, dass wir da unsere Weihnachtsparty abhalten. Ich hoffe nicht, die Musik ist viel zu laut. Das Essen war allerdings gut. Hab mich vollgestopft und bin dann nach Hause – ob Ashley wirklich auf dem Tisch getanzt hat, hab ich also nicht mitgekriegt.

Unser Accountant hat am Dienstag die Fliege gemacht, nachdem er eine Woche im Urlaub war und sich am Montag nicht gemeldet hatte (er dachte, er hätte noch Urlaub…) Die offizielle Version war, dass er beschlossen hat zu kündigen, aber ich weiss zufällig, dass er wegen zahlreicher Dämlichkeiten suspendiert wurde. Im Klartext, er hat seine Arbeit nicht gemacht, Dutzende Rechnungen sind nicht bezahlt, obwohl schon die Mahnungen reinkommen, und ein paar dringende Mehrwertsteuergeschichten sind noch nicht fertig.

Momentan sortieren also vier Leute seinen Schreibtisch aus und weitere drei sind damit beschäftigt, undankbare Arbeiten zu erledigen wie Rechnungen mit Kontoauszügen zu vergleichen etc. Das Chaos ist unbeschreiblich, und jeder ist sauer. Wir haben noch einen Accountant, aber der betreut andere Gebäude und kann auch nicht alles auf einmal machen. Wenigstens hat er seinen Humor nicht verloren. Als im spontan anberaumten Meeting der Chef sagte, dass wir jetzt alle Michael helfen müssen und ihm geben, was immer er braucht und aufpassen, dass er nicht unter den Bus kommt, meinte er nur mit genialem Timing: “Would this be a good time to ask for a pay rise?”

7. Oktober 2004
Gott, bin ich müde. Vor meinem Auge tanzen Zahlen, und heute Nacht werde ich bestimmt von Rechnungen träumen. Habe den ganzen Tag Listen erstellt der Rechnungen, die noch zu bezahlen sind. Und das geht morgen munter so weiter. Obwohl, ob ich da noch munter sein werde … Ich glaube mittlerweile würde hier jeder gerne Neil vors Schienbein treten, und der meistgebrauchte Satz heute war “It’s a nightmare!” in allen emotionalen Variationen. “Telling you what, this is such a nightmare!” “Oh God, this is really a nightmare!” “Bloody hell, this is SUCH a nightmare!” “This is a FUCKING nightmare!”

9. Oktober 2004
Heut hab ich echt zu nah am Wasser gebaut. Scheiss Tag aber auch. Ich kann zur Zeit nicht richtig schlafen, Sonja kommt auch immer so spät nach Hause und vor Mitternacht geht sie nicht ins Bett. Und aus irgendeinem Grund wache ich immer gegen 6 Uhr auf und werfe mich dann noch eine Stunde im Bett rum. War also heute Morgen völlig übermüdet und auch sonst nicht gut drauf, da ich eine Erkältung habe und Kopfweh.

Bin mit Sack und Pack fürs Wochenende in die DLR und tatsächlich in den falschen Zug gestiegen. Hab’s erst gemerkt als ich schon in Poplar war. Bin zu spät zur Arbeit gekommen und habe stundenlang nichts anderes getan als Rechnungen in Tabellen einzutragen. Dann gab’s noch Streit mit meiner doofen Kollegin um die Mittagspause, und um 13 Uhr war ich so gestresst und fertig, dass ich nur noch meine Rechnungen fertig getippt habe und mich dann krankgemeldet habe. Habe den 14.32 nach Birmingham genommen (mit dem Billigticket darf man vor 15 Uhr fahren oder nach 19.30 Uhr), und bin John am Bahnsteig heulend um den Hals gefallen. Hab versucht mich zu entspannen, aber leider hatte ich den Stressball zuhause vergessen, den es neulich gratis mit dem Evening Standard gab (so ein Knautscheball, den man ganz hart knüllen kann und der trotzdem wieder in die Ausgangsform zurückspringt.) Da war aber nichts zu machen, denn dann kam im Fernsehen die Nachricht, dass Ken Bigley, die britische Geisel im Irak, umgebracht wurde. Aus einem persönlichen Grund ging mir das sehr nahe, und ich habe nur noch geheult. Jetzt geh ich ins Bett, fertig mit der Welt. Wie können Menschen anderen Menschen sowas nur antun? In was für einer Welt leben wir eigentlich?

15. Oktober 2004
Dämliche Buchhaltungsaufgaben werden uns wohl noch wochenlang verfolgen. Immer wenn ich denke, da kann eigentlich keine noch doofere Aufgabe aus Neils Chaos kommen, werde ich eines Besseren belehrt. Gestern habe ich stundenlang Rechnungen nach Listen sortiert. Heute habe ich stundenlang alte nicht verwendete Schecks aus ungültigen Scheckbüchern gerissen und geschreddert, sowie die Scheckbücher mit Aufklebern versehen. Ich werde heute Nacht wahrscheinlich von Scheckbüchern träumen. Thank God it’s Friday!

Das Wetter ist kalt und regnerisch, und ich habe seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Meine Mitbewohnerin liegt in den letzten Zügen ihrer Thesis und verbringt den ganzen Tag in der Bücherei. Gestern kam sie um Mitternacht nach Hause und schmiss als erstes ihren Schlüsselbund auf den Holzboden. Rums, war ich wieder wach.

Ende Oktober kommt eine Freundin für 5 Tage zu Besuch, da sie als Journalistin das London Film Festival besuchen kann. Habe daraufhin versucht, für den 4. und 5. November Urlaub zu bekommen, was aber noch in der Schwebe hängt, da meine Kollegin bereits für die ganze Woche eingereicht hat, und die Rezeptionistin auch schon für Freitag. Argh. Aber wenn eine Zeitarbeiterin für die Kollegin eingestellt wird, müsste es eingentlich gehen. Drückt mir die Daumen.

Zur Zeit geht mir echt alles auf die Nerven, ganz speziell die Leute um mich herum in der tube, die ihre Walkmen auf volle Pulle stellen, lautstark ins Handy trompeten, sich auf 1 1/2 Sitzen ausbreiten, beim Gähnen nicht die Hand vor den Mund legen, anstatt Nase zu putzen ständig vor sich hin schnüffeln, die Sitze mit Karacho hochklappen, mich mit ihren Taschen und Regenschirmen rammen, und auch sonst generell unausstehlich sind. Wer war das noch, der sagte: “I love mankind. I just don’t like people”? Charlie Brown?

28. Oktober 2004
Bin mit Erkältung zu Hause. Ist ja auch kein Wunder, mit all den schniefenden und hustenden Menschen um mich rum in tube und Büro. In der tube ist es zu heiß, draussen zu kalt. Im Büro ist es aufgrund eines Thermostatfehlers entweder zu heiß oder zu kalt, da muss man ja krank werden. Und da in England gerade ein Grippeimpfstoffmangel herrscht, kann man nicht mal was dagegen tun. Immerhin ist das Wetter zwar meistens kalt aber sonnig, sonst würde ich ja ganz deprimiert werden. Bin ich froh, dass ich nächsten Donnerstag und Freitag frei habe. Betet mit mir, dass die Zeitarbeiterin nächste Woche was taugt und nicht schon wieder nach einem Tag das Handtuch schmeisst.

Mein Internet hat ein paar Tage lang gestreikt, und als ich die Hotline heute morgen endlich erreicht habe (gestern abend klingelte sie ins Leere, obwohl sie eigentlich bis Mitternacht offen sein sollte), wurde mir versucht weiszumachen, dass mein Modem kaputt sein müsste. Nix, hab ich gesagt, geben sie mir mal eine andere Einwahlnummer, dann testen wir das nochmal. Und natürlich klappt es mit der anderen Nummer wie geschmiert. Das gleiche Problem hatte John auch schon mal.

Bürokratie hoch drei: die Inland Revenue schickt mir ein Schreiben, dass ich das Geld auf meinem englischen Konto versteuern müsste (also definitiv Doppelbesteuerung, da von meinem Gehalt ja auch schon Steuern abgehen), die Bank verlangt wieder Pass, drei Gehaltsabrechnungen plus Bescheinigung über die Schuhgrösse meiner Grossmutter für die Umwechslung eines step accounts in einen normalen current account (den man erst kriegt, nachdem man 3 Monate lang verdient hat), und der eigentlich ein neues Konto ist, also ganzer Zinnober von vorn.

Und meine deutsche Bank schickte mir erst ein Übernahmeangebot für einen Teil meiner Aktien, den ich brav ausgefüllt und zurückgeschickt habe, nur um mir den postwendend zurückzusenden mit der Begründung, dass ich das gar nicht hätte bekommen sollen, da ich weder in Deutschland noch den USA lebe und es evtl. nicht mit englischen Rechtsvorschriften vereinbar ist. Eventuell heisst, sie haben das überhaupt nicht geprüft! Habe also die Aktien auf dem regulären Weg verkauft. Das geht, und war sogar ein besserer Kurs. Nur dass die Unterlagen über die Transaktion bei meiner Mutter in Deutschland aufgeschlagen sind und nicht bei mir, wie auch neulich die Information, dass meine neue Scheckkarte am Schalter zur Abholung bereit liegt. Die lernen es auch nie. Als meine Mutter anrief und darum bat, mir die nach England zu schicken, war die Dame am anderen Ende des Telefons gar nicht glücklich. Das müssten sie per Einschreiben machen, und die könnte ja verloren gehen und überhaupt… Sie war ganz erleichtert als meine Mutter den Vorschlag machte, die Karte zu sperren und nach Ankunft bei mir entsperren zu lassen. “Das ist eine gute Idee, das machen wir so.” “Hä?” meinte John. “Hier kommen Karten immer im gesperrten Zustand an, und man muss eine Nummer anrufen, um sie entsperren zu lassen!”

Meine Mitbewohnerin hat endlich ihre Thesis abgegeben und ist jetzt auf Wohnungssuche. Hoffentlich dauert das nicht mehr lang, und hoffentlich hat John bald sein Haus verkauft, dann kann er hier einziehen. Job braucht er natürlich auch noch hier. Seufz.

Drückt mir die Daumen, dass ich bald die Einladung zu meiner Uni graduation ceremony kriege. Nachdem wir die Uni sowie verschiedene Lehrer monatelang gelöchert haben, kam raus, dass es erstens ein Registrierproblem gab, das jetzt aber anscheinend behoben ist, und zweitens irgendeins unserer Kursmodule noch zurückgehalten wird, obwohl wir ja die Noten dafür schon bekommen haben. Aber die Einladungen sollten jetzt bald mal rausgehen. Es ist auch höchste Zeit, Frauke und ich müssen ja noch mitteilen, wie viele Gäste wir haben werden und uns um die Roben kümmern, die man zu diesem Anlass trägt, plus Hut mit Bommel.

Schön sind ja auch die bewährten landestypischen Stereotypen. Neulich war “Wife Swap” länderübergreifend: eine deutsche Hausfrau hat mir einer englische Familien getauscht. Natürlich haben sie eine supereffiziente Preussin mit Kurzhaarschnitt gewählt, deren Aktionen mit Marschmusik unterlegt wurden, während die Engländerin eine etwas gemütlichere Einstellung zur Hausarbeit hatte. Als ob sie das andersherum nicht auch hätten deichseln können.

John wurde mal gefragt, ob ich auch Humor hätte. Sowas haben Deutsche anscheinend grundsätzlich nicht. Und da wundert sich Joschka Fischer, warum er englisches Fernsehen gucken muss, wenn er den militärischen deutschen Gänsemarsch sehen will. Grundsätzlich mögen die Engländer die Deutschen einfach nicht. Im besten Fall finden sie sie urkomisch bis merkwürdig, im schlimmsten Fall einfach nur nervig. Aber so geht’s mir ja auch oft. Und dennoch verstehen mehr Engländer Deutsch, als man so annimmt. Ein Kollege stand neulich mit uns im Lift, als Constanze und ich uns über die Mittagspause unterhielten. Sie hat sich dann dafür entschuldigt, auf deutsch zu quatschen, und er meinte, das mache nichts, er hätte es eh verstanden. Und gestern hatten wir deutsche Kunden zu Besuch, ich wurde vorgestellt und einer fragte jovial auf deutsch, wie lange ich denn schon hier sei und ob es mir hier gefalle. Schaltete sich einer meiner Chefs ein und sagte auf englisch “Natürlich gefällt es ihr hier, wir behandeln sie gut!” Huch …

14. November 2004
Es ist eine Menge passiert seit meiner letzten Nachricht! Ich hatte den 4. und 5. November freigenommen, da eine Freundin eine Woche da war für das London Film Festival. Den Donnerstag haben wir für Sightseeing genutzt – Harrod’s und South Bank standen auf dem Programm. Da ich schon viele Jahre nicht mehr in Harrod’s war, war das ein Erlebnis für sich – das Erstaunen über Protz und Pracht sowie über die lächerlich hohen Preise für alles war grenzenlos. Wenn es dann wenigstens noch schön gewesen wäre, aber die Harrod’s Weihnachtsabteilung ist an hässlichem Baumschmuck nicht zu überbieten. Und dann kostet eine Kugel auch noch £4.95! Dafür kauf ich mir woanders 12 Stück! 6 Christmas crackers in Luxusausführung kosten geschlagene £300, dafür sind auch “sterling silver presents” drin. Na ja, wenn ich das nächste Mal bei der Queen eingeladen bin vielleicht… Meine Kollegin Constanze hatte uns gesagt, dass wir uns unbedingt die Butterskulpturen anschauen müssten, die ihr mongolischer Nachbar, seines Zeichens ‘kitchen artist’ für Harrod’s, dort herstellt. Wir haben sie erst nach vielem Nachfragen in der Lebensmittelabteilung entdeckt – mongolische Kampfszenen aus Butter. Diese Stadt ist doch wirklich verrückt.

Am Nachmittag sind wir dann zur South Bank gefahren. Es ist immer etwas peinlich, wenn Besucher sich in London besser auskennen als Leute die dort wohnen und arbeiten. Susanne ging zielsicher aus London Bridge Station raus auf die wunderschöne Southwark Cathedral zu (von deren Existenz ich nichts ahnte), am Sir Francis Drake Schiff und Prison Museum vorbei zum Globe Theatre und Tate Modern. Warum die neueste Lärm-Ausstellung vom Evening Standard-Kritiker als “magisch” empfunden wird, habe ich nicht nachvollziehen können – ich fand sie einfach nur laut! Am Abend ging Susanne dann noch in eine Filmpremiere (’I love Huckabees’), von der sie mir ein T-Shirt mitgebracht hat.

Am Freitag ging’s früh mit dem Zug nach Birmingham, und Susanne flog mit Ryanair zurück nach Hause. Kalt ist es geworden! Das fiel mir am Samstag auf, als wir abends bei einer Bonfire Night Party waren, wo die Gastgeber das Bruttosozialprodukt eines Entwicklungslandes in den Himmel geschossen haben. In England kann man das ganze Jahr über Feuerwerk kaufen, was auch von allen Religionen fleißig über Wochen lang zu jedem Anlass genutzt wird. Merkwürdigerweise gehört Silvester nicht wirklich dazu. Habe den Samstag auch dazu genutzt, zum Friseur zu gehen – halb so teuer wie in London.

Kaum zurück vom Wochenende, kamen die guten Nachrichten eingetrudelt. Constanzes Freund hat Arbeit gefunden, was bedeutet, dass sie endlich aus ihrem Kellerloch ausziehen können. Am Dienstag teilte mir Sonja mit, dass sie in 2 Wochen, am 23.11. nach Hammersmith zieht. Mental habe ich ihr Zimmer sowieso schon verplant. Jetzt muss nur John noch sein Haus verkaufen und hier Arbeit finden, dann ist die traute Zweisamkeit endlich permanent da. Wir leben jetzt auch lange genug in getrennten Wohnungen, diese Wochenendbeziehung nervt. Also drückt mir die Daumen! Leider ist Ende des Jahres weder für Arbeit noch für Wohnungsverkauf eine richtig gute Zeit. Am selben Tag wurde mein Urlaub für 13. – 15. Dezember genehmigt, (dass unsere Office Managerin offenbar übersehen hat, dass meine Kollegin da auch schon frei hat, ist mir relativ egal) und gestern trudelte endlich die Einladung zu meiner Uni awards ceremony ein! Wurde auch langsam wirklich Zeit. Ich bin zwar wegen eines Streiks des Unipersonals noch immer nicht “awarded”, hoffentlich haben sie es bis dahin aber geschafft. Habe gerade eben online meine Robe mit quadratischen Hut bestellt, ein Tag Ausleihe kostet £34.

Letzten Montag waren die Sekretärinnen unserer Firma bei einer Cocktail Party von K + K Hotels, einer österreichischen Hotelgruppe, die ihre Renovierung mit kostenlosen Drinks und Buffet feierte. Und was für ein Buffet… Es gab sehr viel europäisches Essen, aber auch tpyisch österreichisches wie Wiener Schnitzel mit Knödeln und Kartoffelsalat und Sachertorte. Yummie!!!

Normalerweise gehe ich ja unter der Woche nicht ins Kino, aber wenn man schon die Karten umsonst kriegt… So haben Constanze und ich uns am Mittwoch Ladies in Lavender angeschaut, einen Film mit Judi Dench und Maggie Smith, der in den 30er Jahren in Cornwall spielt. Nichts Umwerfendes, aber auf seine stille Art doch sehr schön. Es gab dann noch eine Frage- und Antwort-Session mit dem Regisseur Charles Dance (schön englisch mit a ausgesprochen, nicht mit ä!) Constanze und ich hatten schon gegrübelt, wo wir den jungen deutschen Schauspieler kannten, der eine Hauptrolle hatte, bis jemand genau diese Frage stellte und der Regisseur meinte, er hätte Daniel Brühl in dem Film ‘Good bye Lenin’ gesehen. Ach daher! ‘Bridget Jones: The Edge of Reason’ lief ja am Freitag im Kino an und wird schon gnadenlos verrissen. Gestern kam der erste Teil im Fernsehen.

Es ist saukalt geworden und gestern bei der Lord Mayor Parade haben wir uns echt fast was abgeforen – aber schee war’s trotzdem. Das Feuerwerk haben wir dann wegen der Kälte sausen gelassen.

John und ich sind schon fleissig dabei, die nächsten Wochen zu verplanen. Nächstes Wochenende fahre ich nach Birmingham und wir werden Weihnachtseinkäufe machen, inklusive Weihnachtsbaum. Es ist hier üblich, den schon früh aufzustellen, und wir haben auch gar nicht viel Wahl, da John wohl die meisten Wochenenden in London verbringen wird – und da sind Christmas trees sauteuer! Er kommt dann mit dem Auto und lädt schon mal ein paar Möbel für die Wohnung ab. Ich habe gerade herausgefunden, dass der alljährliche Frankfurt Christmas Market in Birmingham von 18. Nov. – 22. Dez. stattfindet, denn den kann ich auf keinen Fall verpassen!!! Letztes Jahr habe ich ja schon beinahe Freudentränen beim Anblick von Strohsternen und einer Roten mit Senf vergossen!

“Frankfurt Christmas Market
November 18th – December 22nd
Victoria Square and New Street
10am – 8pm daily

Following last year’s success the Frankfurt Christmas Market returns to Birmingham from November 18th to December 22nd. Open daily from 10am to 8pm this year’s market promises to be the biggest and best yet. With over 65 stalls filling Victoria Square and the upper part of New Street the market is the largest authentic German Christmas market outside of Germany and Austria.
This year a new bakery on Victoria Square will be adding its own tempting smells to those of the surrounding mulled wine, marzipan and sausage stalls by baking a range of traditional German breads and pastries fresh each day. The German beer stall has been expanded to offer extra seating for visitors to warm themselves in the glow of the newly added wood-burning open fire.
The market offers a range of unusual and handmade gifts including ceramics, candles, glasswork, jewellery and Christmas decorations. A number of stalls also feature traditional items such as wooden toys, nativity scenes and marionettes. New products on offer for the first time include hand crafted wicker baskets; traditional German shaped baking tins and biscuit cutters complete with Christmas recipes to try out at home and build-your-own lampshades.”

Und dann kann Weihnachten tatsächlich kommen …

19. November 2004
Sonja hat Dienstag Abend bis nach Mitternacht wie verrückt gepackt, sie hatte am Schluss mindestens 10 Taschen rumstehen. Am Mittwoch Abend setzte sie sich in ein Taxi mit den Taschen und verschwand in ihr neues Zimmer in Hammersmith. Gestern kam sie dann nochmal und packte den Rest – nochmal 4 Taschen. Man hortet doch viel in einem Jahr. So ist sie jetzt doch früher als geplant ausgezogen, aber wir treffen uns nochmal nächste Woche, um letzte Rechnungen abzurechnen. Man muss ja an so viel denken. Habe gestern Nacht noch bei London Energy angerufen, meter readings durchgegeben, um Abschlussrechnung gebeten so wie um Umschreibung auf meinen Namen. Direct debit habe ich dann auch gleich noch eingerichtet. Wegen der council tax muss ich dann auch noch anrufen. Ich kriege von meinem Vermieter einen neuen 12-monatigen Vertrag gültig ab 27. November mit reduzierter Kaution, da er Sonja ihren Kautionsanteil auszahlt und ich ihm versprochen habe, dass er die andere Hälfte wieder kriegt, sobald John einzieht. Da kriegen wir dann wieder einen neuen Vertrag. Mein Vermieter muss mich mögen.

So, jetzt muss ich noch ein bisschen räumen – habe ihr Zimmer sofort in Beschlag genommen für einen Teil meines Hab und Guts. Und später geht’s nach Brum fürs Wochenende. Yippee!

24. November 2004
Mannomann, war das kalt am Wochenende. Dick eingemummelt in Pullis, Jacke, Schal und Handschuhe, habe ich trotzdem noch wie ein Schneider gefroren, als es am Samstag mit dem Bus in die Stadt ging – Johns Auto ist zur Zeit in der Reparatur, und die Busse sind nicht immer so pünktlich. Und dann fing es auch noch an zu regnen. Aber hach, der Weihnachtsmarkt! Wir haben uns durch die Roten Würste, Currywürste und Butterbrezeln durchgegessen und alles schön mit Glühwein und Feuerzangenbowle nachgespült.

Die Becher für das heiße Zeug haben Schuhform, also haben wir sie (gegen Pfand) auch gleich noch mitgenommen. Dann noch deutsches Bier für John und deutsches Brot für mich, sowie Lebkuchen, Christstollen und Spekulatius. John hat alles mit solcher Hingabe zu sich genommen, dass ich ihn zum Deutschen ehrenhalber ernannt habe. Er hat auch immer gedrängelt “Bestell auf deutsch!” nur um hinterher zu fragen “Was hast du zu ihm gesagt?” “Dass ihr Engländer alle merkwürdig seid und weder Würste fabrizieren noch Brot backen könnt.” “Ah…” Restlos begeistert war er dann, als ein sehr guter Elvis-Imitator auf einer kleinen Bühne die Hüften schwang. Der Stand mit dem Weihnachtsbaumschmuck war dieses Jahr nicht dabei, aber John hat einen Aldi in der Nähe, und da haben wir dann verschiedenen Strohschmuck gekauft. “Ah ja” sagte meine Mutter am Telefon. “Die habe ich bei unserem Aldi auch gesehen. Und warum ziehst du keine warme Unterwäsche an, also da würd’s mich auch frieren an deiner Stelle.”

So, der Mechaniker will ist das Auto am nächsten Wochenende (in 10 Tagen) wieder einsatzbereit und kann ein paar Haushaltsgegenstände plus noch nicht gekauften Weihnachtsbaum nach London schaukeln. Die England-typischen elektrischen Lämpchen haben wir schon, etwas überteuert, bei Debenhams gekauft. John freut sich schon wie ein Schneekönig auf Weihnachten in Deutschland – noch mehr gutes deutsches Essen! Wir werden vermutlich beide kugelrund zurückkommen …

27. November 2004
Bin mal wieder ergälded, aber so richtig, mit bellendem Husten und allem. Seit ich hier bin, bin ich das viel öfter als früher, sind bestimmt all die schniefenden Leute um mich rum in der Tube. Hoffentlich habe ich Kate angesteckt, die war gestern gemein zu mir. Habe gerade John losgeschickt zum Einkaufen und werde mich jetzt wieder ins Bett legen.

Manchmal weiß man nicht ob man lachen oder weinen soll bei den Engländern. Regen sich total auf, wenn es um “nanny state”, “hunting ban” und “ID cards” geht (die es bei uns schon ohne Probleme seit Jahrzehnten gibt), aber im alltäglichen Leben lassen sie sich mehr oder weniger alles gefallen, ob es nun um raffgierige Banken geht oder um Gebäudeverwalter, die steif und fest behaupten, dass die Tatsache, dass alle meine drei Hausschlüssel plötzlich nur noch schwer gehen, an den Schlüsseln liegen muss, weil “mein Hauptschlüssel geht prima, und es hat sich auch noch niemand anders im Haus gemeldet.” Ja natürlich nicht, die Engländer sind viel zu schwerfällig dazu. Aber neulich habe ich meine Nachbarin von gegenüber gefragt, die zugab, dass sie “überhaupt nicht ins Haus kam und der unter uns im 2. Stock auch nicht”. Hmpf. Aber es sind immer die querulanten Deutschen, die sich dann beschweren gehen.

Ich habe mich immer noch nicht entschieden, ob ich dafür bin, die olympischen Spiele nach London zu holen. Es würde ganz sicher das Gesicht von Ostlondon sehr verändern, modernisieren und Jobs bringen sowie endlich mehr DLR Züge etc. und Tubeverbindungen, aber die Kosten sehe ich jetzt schon wie verrückt steigen – Mieten und Council Tax sind dann sicherlich so hoch wie im West End. Will ich das? Noch gehört der East End mir, unentdeckt von den meisten Snobs und Celebrities, und so soll es bitte auch bleiben. “Back the bid?” Bite my backside!

7. Dezember 2004
Mein Handy spielte seit ein paar Wochen verrückt – urplötzlich kriegte ich “Card error” messages und “Insert SIM Card” Befehle. Der Mann in Virgin Megastores meinte, wenn das noch öfter passierte, sollte ich bei der Hotline anrufen und um Übersendung einer neuen Karte bitten. Das habe ich dann auch Mittwoch Nacht gemacht. Kriegte so einen Knilch an den Apparat, der mir weiszumachen versuchte, das der Fehler an meinem Handy liegt (”Siemens Telefone haben das ganz oft”) und meinte, ich solle erstmal eine andere SIM Card probieren und zurückrufen. Woher SIM Card nehmen und nicht stehlen? Habe also brav 5 Minuten Däumchen drehend gewartet, wieder angerufen und der Tussi erzählt, eine andere SIM Card würde auch nicht funktionieren. Das hat gewirkt – die neue Karte kam am Freitag an, und mein Handy läuft wieder prima – außer dass es sich ab und zu einfach selbständig ausschaltet.

Bin zur Zeit total im Weihnachtsfieber und weiß nicht mal warum. Die Karten sind jetzt alle verschickt, die Geschenke gekauft und der Baum geschmückt. Das mag Euch früh vorkommen, aber in England stehen die (oft künstlichen) Bäumchen schon ab Anfang Dezember in den Wohnungen. Selbst die Cutty Sark hat schon ein Bäumchen im Mast. Johns Auto ist immer noch beim Mechaniker, aber der hat ihm jetzt wenigstens “großzügigerweise” einen kleinen Kastenwagen geliehen. Als er geschäftlich in Milton Keynes unterwegs war, hat er die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und einen hübschen kleinen Baum für £14.99 gekauft, der nur ein kleines bisschen schief rumsteht. Der Preis ist sensationell gut! Freitag abend hat er ihn dann zusammen mit anderen Haushaltsgegenständen im Van angebracht, und Sonntag morgen haben wir ihn dann zusammen geschmückt, während im Hintergrund eine Weihnachts-CD lief, die wir kostenlos aus der Mail on Sunday hatten. Ich kaufe überhaupt keine CDs mehr, da fast jede Woche der Daily Mail, dem Evening Standard oder anderen Zeitungen CDs beiliegen – diese Woche war es eine Phantom of the Opera CD. Ich bin ja so froh, dass John den gleichen Geschmack hat, was Weihnachtsbäume angeht, der englische Kitsch geht mir nämlich auf die Nerven. So haben wir uns für rote Kugeln und Strohsterne entschieden sowie einige wirklich schöne rote Sterne und Weihnachtsbäumchen vom Greenwich Market. Die einzige Konzession an englische Sitten ist die Lichterkette von Debenhams, in Form von gelbgoldenen Sternen – die unkitschigste Lichterkette, die wir finden konnten. John hat mir erklärt, dass in England die Gebäudeversicherung sofort null und nichtig wird, wenn jemand richtige Kerzen am Baum anzündet. Komischerweise macht mir das gar nichts aus, weil es so bequem ist – Stecker in die Steckdose und der Baum ist beleuchtet – spart Zeit und Nerven. Und natürlich, wie alle stolzen Eltern, denken wir, dass unser Baum ganz einfach wunderschön ist.

Am Samstag haben wir einen Philips DVD-Player für £44.99 gekauft – somit bin ich nun auch im 21. Jahrhundert angekommen. Manchmal muss man sich selber einfach was gönnen. Stand auch neulich in der Zeitung, dass man die meisten Sachen für andere Leute eigentlich kauft, weil man sie selber toll findet – da ist es doch logischer, diese gleich für einen selber zu kaufen, oder? Da weiß man wenigstens, dass die Geschenke gut ankommen.

John und ich haben auch nicht wirklich Geheimnisse voreinander, was Geschenke betrifft, auf die Weise werden die Geschenke auch gebührend gewürdigt. Und John hat mir auch das perfekte Geschenk genannt. Vor kurzem erzählte wer mir, wie ihm vor Jahren mal einer ein paar alte Elvis-Alben geklaut hat. Die meisten hat er sich wieder beschafft, aber die Gospelsongs konnte er einfach nicht auftreiben. “His hand in mine – ach, wär das schön, die wieder zu haben! Aber das geht wohl nicht.” *großerseufzer* Ok, hab ich gesagt, die kriegst du von mir zu Weihnachten. “Das wäre toll, aber da wirst du kein Glück haben, die sind so selten und alte Platten kriegt man eh nicht mehr und wenn dann nur für viel Kohle, schließlich sind das Sammlerstücke.”

Es ist jetzt rund eine Woche später, und “His hand in mine” als LP und MC sowie eine CD mit 87 Gospelsongs (soll ja eine Weile reichen) sind via Ebay und Amazon zu meiner Mutter unterwegs. Macht mehr Sinn, da zwei der Käufe in Deutschland getätigt wurden und ich das Zeug dann nicht im Koffer rumschleppen muss. Mal schauen, was für große Augen John machen wird. Ich konnte mir am Wochenende ein permanentes Grinsen nicht verkneifen – noch nie wurden £25 für drei Geschenke incl. Verpackung und Versand so gut angelegt.

War gestern bei der Post, um meine Karten zu verschicken und ein Kollege bat mich darum, ihm ein Formular zur Beantragung eines neuen Passes mitzubringen. Was man alles bei der Post hier kriegen kann, erstaunt mich immer wieder. Rechnungen kann man dort auch bezahlen, aber es macht mehr Sinn, das beim newsagent zu machen, da die keine Gebühren dafür nehmen.

Die Post steht hier zur Zeit sehr unter Beschuss – erst gestern war im Evening Standard ein großer Bericht über die Schlamperei der Angestellten. Post wird falsch oder zu spät zugestellt, wenn sie nicht verloren geht, weggeworfen oder geklaut wird. Neulich wurden die Kunden gewarnt, statt erste Klasse Briefe lieber zweite Klasse zu schicken, da die erste Klasse-Zustellung so unzuverlässig sei. Die deutsche Post braucht solche Unterschiede nicht – da kommt das meiste ganz selbstverständlich am nächsten Tag an, auch wenn die Preise dementsprechend gesalzen sind. Wenigstens hat mir der Postangestellte hübsche Weihnachtsmarken mit Nikoläusen drauf über den Tresen gereicht – draufpappen muss man hier immer noch selber, soweit geht die englische Diensteifrigkeit nicht.

9. Dezember 2004
Wenn wir’s schon von der tube haben – die postet auf ihrer Website immer Live travel news. Normalerweise macht sie sich nicht die Mühe, zu posten, wenn wieder alles glatt geht, daher traf mich diese Meldung über die Northern Line, die seit Tagen mit kaputten Radios zu kämpfen hat, heute morgen doch etwas überraschend, dazu noch in holprigem Englisch:
“The Northern Line has normal services operating in both directions. This will affect journeys from 07:11 on 09/12/04 until further notice. This is due to the fault with the train radios be rectified.”

Ist das nicht schön?

4. Januar 2005
Gottchen – schon fast einen Monat nicht mehr geschrieben! Zunächst einmal vielen Dank für alle mir zugesandten Karten und tapes, und ich hoffe, meine Karten waren kitschig genug. Irgendwie bin ich den letzten Wochen nie zum Schreiben gekommen, weil immer was dazwischenkam. Jetzt ist aber gerade im Büro nichts los, also werde ich mal ein bisschen aufarbeiten.

Am Dienstag 14. Dezember war meine Graduationfeier, John kam schon am Freitag vorher an, Frauke und ihr Freund am Sonntag. Sie kamen recht früh an, so dass wir mit ihnen einen Spaziergang durch Greenwich gemacht haben und essen gingen. Danach habe ich mich sehr müde gefühlt, habe das aber aufs reichliche vietnamesische Essen geschoben. Am Montag bin ich aber nur rumgehangen und war ganz froh, dass die beiden alleine sightseeing gingen, denn irgendwie machte sich eine scheußliche Erkältung breit. Am Dienstag Morgen ging es mir Gott sei Dank noch so weit ok, dass ich die Zeremonie Überstanden habe. Es war ganz lustig, dort anzukommen, die Robe anzuziehen und für Fotos zu posieren, obwohl der Hut immer runterfiel und der lila Rand meiner Robe vorne immer nach oben schoss, weil sie so schwer war. Erst mit strategisch plazierten Sicherheitsnadeln liess sich das halbwegs beheben. Die Zeremonie an sich ist eigentlich nichts Besonderes, erst werden mäßig witzige Reden gehalten und dann defilieren alle Studenten auf der Bühne am Unipräsidenten und Vizepräsidenten vorbei, der Name wird schrecklich verunstaltet vorgelesen und es gibt zweimal Händeschütteln. Natürlich mussten manche Typen sich unbedingt profilieren und im Handstand rückwarts über die Bühne laufen und ähnliches. Ich war froh als ich aus meiner Robe wieder rauskam. Die angekündigten “light refreshments” hätten echt nicht leichter sein können – sie bestanden aus Orangensaft und mince pies.

Wir gingen noch mit Fraukes Familie essen, dann bin ich zuhause erstmal zusammengeklappt. Habe meine Arztpraxis angerufen, aber “alle emergency appointments sind schon weg, tut mir leid, rufen Sie morgen früh wieder an.” Mit dem hiesigen System der “self certification” (man darf sich eine Woche lang selber krankschreiben) haben es die Ärzte sowieso nicht eilig, einen zu sehen. Am Mittwoch morgen hatte ich Gott sei Dank schon einen Termin bei der nurse gebucht, da ging es zwar um was anderes, aber ich dachte mir, Termin ist Termin, das wollen wir doch mal sehen. Bin also hin und sagte “Habe Termin um 9.50, möchte aber gerne noch einen Arzt sehen, weil ich die Grippe habe. “Da müssen Sie um 10 Uhr wiederkommen, da haben wir eine nurse, die für sowas zuständig ist.

Gott, hasse ich diese Auseinandersetzungen mit Rezeptionistinnen. Ich habe aber nicht locker gelassen und sagte “Ich bin hier und gehe nicht wieder weg. Ich habe einen Termin bei nurse Hilda. Schauen Sie zu, wie Sie mich unterbringen.” Im Endeffekt hat dann eine sehr zögerliche nurse Hilda mir in den Rachen geschaut und Fieber gemessen und bestätigt, was ich schon ahnte: “Grippe, also halten Sie sich warm, ruhen Sie viel aus und trinken Sie viel.” Medizin gibt es für Grippe nicht wirklich, aber wir haben trotzdem irgendwelche paracetamolhaltigen Pülverchen und Hustensaft in der Apotheke gekauft. Der Hustensaft schmeckte scheußlich und hat nichts gebracht. Das erste Pülverchen im Becher hat John im Spülwahn an sich gerissen und ausgespült, bevor ich das heiße Wasser zufügen konnte – ok, man sollte so einen Becher vielleicht nicht neben einem schmutzigen Becher abstellen, seh ich ja ein.

Frauke und Freund sind an diesem Tag wieder nach Hause geflogen, und ich habe mich in der Firma krankgemeldet und bin mit John nach Birmingham gefahren, damit er mich pflegen kann. Allerdings lag ich da auch nur rum und habe gewartet, bis er von der Arbeit nach Hause kam. Ich hatte einen bellenden Husten und völlig den Appetit verloren. Am Freitag habe ich mich ins Walk-in Centre geschleppt, wo eine nurse fröhlich bestätigte, dass das normal sei und ich einfach versuchen sollte, zu essen. Wenigstens habe ich auf die Weise die office christmas party verpasst. John fing dann auch an, sich etwas mau zu fühlen, daher haben wir am Sonntag nur noch unsere Weihnachtskarten und Geschenke an die Verwandten verteilt und sind am Montag wieder nach London aufgebrochen, nachdem sich John auch krankgemeldet hatte. Gott sei Dank ging es ihm nie so schlecht wie mir.

Nun hatte John ja sein Auto beim Mechaniker gehabt – an die fünf Wochen jetzt, es dauerte und dauerte, obwohl es am Anfang hieß, es würde nur eine Woche dauern. Der Mechaniker hatte ihm einen versifften Kastenwagen geliehen, ihn aber am Wochenende angerufen, dass der Wagen nun fertig sei. John ging also frohgemut den Wagen holen – den er schiebend zurückbrachte. Am Tor vor den Parkplätzen hatte er die Zündung abgestellt, um das Tor zu öffnen, und die Batterie wollte nicht mehr. Ein Startkabel konnte er nicht finden, also hat er die ganze Nacht lang die Batterie aufgeladen. Der Wagen war auch offenbar noch nicht ganz fertig, aber “die paar Kleinigkeiten machen wir im neuen Jahr und das Auto ist 100%ig straßentüchtig”.

Am Montag wurde dann noch vollgetankt und los ging’s. Wir waren auf der M25, gar nicht mehr so weit von London entfernt, als John plötzlich sagte “Der Motor ist gerade ausgegangen.” “Wie, der Motor ist ausgegangen?” dachte ich – das Auto rollte ja noch. Auf der Überholspur!

Gott sei Dank war die Strasse nicht sehr voll, so dass er den Wagen auf die Seitenspur lenken konnte, wo er ausrollte und nichts mehr tat. John versuchte ein paarmal zu starten, aber das Benzin schien alle zu sein, was eigentlich gar nicht sein konnte. Also hat er sich mit dem Reservekanister bewaffnet auf die Wanderschaft gemacht, während ich im rapide kälter werdenden Manta vor mich hin bibberte.

Hätte ihn nicht ein Typ, der auch gerade auf dem Seitenstreifen parkte, mitgenommen und zur nächsten Tankstelle gefahren, hätte das Stunden gedauert. Das Benzin wurde eingefüllt, aber mittlerweile war die Batterie wieder alle. John war jetzt echt auf 180 und wusste nicht mehr was tun. Dann fiel ihm sein Bruder ein, der in der Automobile Association (AA, der englische ADAC) ist. Er rief ihn an und fragte, ob es unter Umständen möglich sei, sein AA Cover zu benutzen. Nach Rückfrage mit denen ging es nicht, also hat ihn der Bruder mal eben selber bei der AA angemeldet – für eine Jahresgebühr von £155. Eine Dreiviertelstunde später war die Hilfe auch tatsächlich da.

Der Typ öffnete die Motorhaube, guckte eine Minute lang rein und sagte “AHA. Das ist ja interessant. Hat vor kurzem jemand was an dem Wagen gemacht?”- “Äh, ja, warum?” – “Weil derjenige die jubilee clips an der Benzinpumpe nicht wieder drangemacht hat. Sie verlieren Benzin schneller als sie es nachtanken können. Höchst gefährlich das. Sie können froh sein, dass das Benzin nicht über den heißen Motor gespritzt ist, das hätte ein hübsches Feuerchen gegeben.”

Worauf John Todesdrohungen gegenüber dem Mechaniker ausgestoßen hat, auf den er sowieso nicht sehr gut zu sprechen ist. Na ja, die Benzinpumpe war innerhalb von 5 Minuten repariert, wir fuhren zur nächsten Tankstelle und wurden dann nochmal startgekabelt. Drei Stunden später als geplant trafen wir dann in London ein – ziemlich kalt und genervt. Wenn man gerade dabei ist, eine Grippe zu überwinden, dann ist sowas echt das letzte, was man braucht.

Am Dienstag Abend haben wir dann gepackt und peinlich genau überprüft, dass wir nicht mehr als 30kg Gesamtgepäck dabei hatten. 26 kg waren es am Schluss, inklusive aller Geschenke. Ich war sehr von uns beeindruckt. Dann hat John plötzlich noch Panik geschoben, weil wir so früh auf den Flieger müssen. “Ja, fahren da denn die tubes überhaupt schon?” Also habe ich mal eben angerufen und erfahren, dass die erste DLR um 5.26 nach Bank fährt – und von da aus ist es ja nur noch eine Station zur Liverpool Street.

Da war John beruhigt. Wir wären dann beinahe anstatt in den Express in den Bummelzug nach Stansted gestiegen und erst, nachdem der Zugvorsteher ankündigte, dass dieser Zug NACH dem Express eintreffen wüde, obwohl er früher fuhr, sind alle fluchend wieder ausgestiegen. Von der Reise selber ist nichts Bemerkenwswertes zu berichten – der Flieger startete zu spät, kam aber trotzdem pünktlich an, so dass wir sogar noch den Sprinterzug erwischt haben. Der Rest des Tages diente der Erholung (ich), sowie dem Fotografieren von Schnee (John).

Die folgenden Tage verschwimmen in der Erinnerung zu einer Orgie von Essen und Trinken, ob zuhause, im Restaurant oder in Stuttgart, wo es ein kleineres Familientreffen gab. Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es habt in Deutschland! Da gibt es richtiges Brot! Und so viele verschiedene Wurstsorten! Mann, hab ich bei dem Aufschnitt reingehauen. Gott sei Dank habe ich meinen Appetit rechtzeitig wieder zurückbekommen – diese Ungerechtigkeit hätte ich nicht überlebt! Habe mich auch wohlweislich seit ein paar Wochen nicht mehr gewogen… Im Gepäck nach Hause befanden sich dann auch Wurst und Suppen, was das Gesamtgewicht auf 29 kg hochgeschraubt hat.

Johns Gesicht unter dem Weihnachtsbaum werde ich nicht so schnell vergessen. Erst bekam er die CDs: “Klasse, soviele Lieder auf einmal!” Dann kam die MC dran. “Mann, ich wusste gar nicht, dass es das auch auf tape gibt, das kann ich im Auto hören, super!” Dann dachte er, das war’s. Ich hab ihm aber noch ein längliches Päckchen hingehalten. Er guckte drauf. “Is that what I think it is?” Er packte aus. Er schluckte. Er flüsterte: “Das ist doch unmöglich zu kriegen.” Und dann wurden die Augen wässrig und er brauchte ein Taschentuch. Alles in allem ein voller Erfolg. Auch meine Eltern hatten sich richtig Mühe gegeben: sie hatten auf ebay einen Miniaturmanta ersteigert, die sind anscheinend ganz schwer zu kriegen. John war begeistert. Und ich habe Bücher gekriegt, die ich alle schon ausgelesen habe. Aber da bin ich einmal an einem Sonntag in Deutschland und vergesse prompt die Lindenstrasse zu gucken. Typisch.

Alles in allem war der Besuch ein voller Erfolg, nicht zuletzt, weil meine Mutter meinen Husten kuriert hat durch Tabletten gegen Bronchitis, die sie mal verschrieben bekommen hatte. Was mir übrigens da drüben auch auffiel, außer dass die Züge pünktlich sind, ist wie sehr ich nicht mehr im Bilde bin, was die deutsche Politik und Wirtschaft angeht. “Hartz IV”, “Praxisgebühr” – das sind so Stichwörter, die mir einfach nicht viel sagen. Dafür habe ich im “Test the Nation” Quiz auf BBC1 richtig gut abgeschnitten – die Fragen bezogen sich fast vollständig auf britische Ereignisse. Da sieht man’s mal wieder – ich gucke zuviel fern hier.

Die Rückreise verlief problemlos, die Landung war butterweich, das Gepäck kam dafür erst nach einer Stunde – due to staff shortages. Den Tubestreik zu Weihnachten hatten wir auch glücklich verpasst und der gplante Streik zu Silvester wurde noch rechtzeitig abgesagt. Mehr als 52 freie Tage im Jahr brauchen die doch auch wirklich nicht, was wollen die denn noch?

Zurück in England hab ich dann wieder gemerkt, wie dreckig hier die Strassen sind, weil jeder einfach alles auf den Boden schmeißt. Und Recycling gibt’s hier nur in Reden der Politiker. Besucher fragen immer regelmässig, wo bestimmter Müll hin soll und sind dann ganz pikiert, wenn ich auf den allesumfassenden Mülleimer in der Küche deute. Mann, es reicht doch schon, dass ich die einzige im Viertel bin, die ihr Papier recyclet – wenn Ken Livingstone mehr will, soll er mir auch die Möglichkeit dazu geben.

Die schöne Sitte in England, einem public holidays zurückzugeben, wenn sie auf ein Wochenende fallen, hat mir einen freien Montag und Dienstag beschert und unsere deutschen Geschäftspartner völlig aus dem Konzept gebracht. Mittwoch bis Freitag musste ich arbeiten, aber es war mal ganz nett, die Friedhofsschicht mit 4 Mann zu bestreiten. John saß derweil zuhause und guckte Star Wars im Fernsehen. An Silvester durften wir um die Mittagszeit gehen, was nett von unserem Chef war. John und ich hatten eigentlich geplant, essen zu gehen, aber nachdem das Thai Restaurant £60 pro Kopf wollte, haben wir doch dankend abgesagt und das Essengehen auf den 2. Januar verschoben.

Endlich hatten wir auch mal ein paar Tage Zeit, um ins Kino zu gehen! Am 1. Januar konnte ich mich noch mit meiner abgelaufenen Studentenkarte reinschmuggeln, am 2. Januar hat’s der Typ an der Kasse leider gepeilt. Manno. “Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events” und “The Merchant of Venice” mit Joe Fiennes und Al Pacino kann ich empfehlen. Gestern hatten wir dann auch noch frei wegen Neujahr am Samstag, und hier haben die “January Sales” angefangen, also sind die Schnäppchenjäger unterwegs. Wir wollten Bücherregale kaufen gehen, haben aber irgendwie nichts Gescheites gefunden.

Jetzt hat also der Alltag wieder angefangen, die deutschen Kunden wollen alle wissen, warum wir gestern nicht da waren, und John ist auch wieder in Birmingham, nachdem er die Batterie wieder stundenlang aufladen musste, damit sie was tut. Er hatte das Auto ein paar Tage nicht bewegt, aber nur alten Batterien sollte das was ausmachen, nicht relativ neuen wie seiner. Er hat jetzt den Verdacht, dass der Mechaniker die Batterie heimlich ausgetauscht hat. Soeben hat er übrigens ein Angebot für sein Haus bekommen, yippee! Und ich schlage mich gerade mit der Frage rum, mit welcher Technik ich die Council Tax Rechnung bezahlen soll. Überweisungen gibt’s hier ja nicht. Habe gerade eine Rechnung bezahlt, in dem ich das Geld vom Automaten abgehoben habe und dann der Dame am Schalter gegeben habe, plus Bank Giro Credit Slip. Das ist zwar dämlich, funktioniert aber wenigstens. Aber jetzt wird’s schwierig. Ich habe weder ein Scheckbuch noch eine council tax payment card, noch will ich einen Dauerauftrag einrichten. Jetzt kann ich nur beten, dass meine cash card als debit card akzeptiert wird, dann könnte ich die einfach anrufen und die Details durchgeben. Wieso ist das so kompliziert? Nicht Mal auf dem Postamt kann ich diese dämliche Rechnung zahlen! Na ja, eben alles so wie immer back in Ol’ Blighty.

14. Januar 2005
Ich könnte mich ja amüsieren, obwohl sich jetzt alle Welt aufregt: Der Evening Standard hat heute die ersten 5 Seiten Harry im Nazikostüm auf einer Party gewidmet. Die jüdischen Organisationen regen sich auf, die Armyfutzis regen sich auf (”Harry gehört nicht nach Sandhurst!”) und es ist ganz allgemein peinlich für die Windsors. Aber was soll man sagen – sind halt Royals. Die haben es im Blut, sich zu blamieren, das sollte doch inzwischen allgemein bekannt sein. Klar war der Gute total unsensibel und sowas macht man nicht und überhaupt. Und was ist mit dieser jüdischen Kabbalah-Sekte, die von Madonna dermaßen promotet wird? Da gibt es Anhänger, die sagen, die Juden seien selber schuld am Holocaust gewesen, denn sie hätten kein Kaballah praktiziert. Bei sowas bleibt mir viel eher die Luft weg.

Es gibt in London doch deutsche Wurst und feines Brot! In Richmond soll es einen guten deutschen Bäcker geben (die Website listet feine Sachen) und bei Old Street einen Wurst und Delicatessenladen, da gehen Constanze und ich morgen mal hin. Und heute hat mir jemand, der meine Berichte auf tiergeschichten.de gesehen hat, ein Forum für Deutsche in London genannt, das genauso heisst: Deutsche in London Da muss ich mich mal in einer ruhigen Minute durchlesen – angemeldet habe ich mich natürlich schon. Ist aber schon typisch, dass mir das jemand erst erzählt, nachdem ich hier schon fast 18 Monate lang lebe!

Bin mal gespannt, ob wir nächste Woche das Urlaubsproblem 2005 in der Firma lösen – das gibt noch ein Gezerre. Wenigstens habe ich jetzt einen Urlaubstag mehr als nächstes Jahr. Und die jährlichen salary reviews stehen auch an. Ja, mehr Gehalt und Bonus! Wieviel auch immer …

Das Deutsche in London Forum ist genial! Habe mich gestern angemeldet und bin eifrig am Durchlesen – soviele Themen, zu denen ich meinen Senf dazugeben kann, und viele gute Tipps! Super, hätte ich das doch schon mal eher gekannt.

Ich war vorhin in der Mittagspause bei dem deutschen Wurst und Delicatessenladen – einfach spitze! Meine Augen waren so gross wie Wagenräder, und ich habe erstmal Brot, Wurst, Würstchen und Zwieback eingekauft. Spätzle gibt’s da auch! Wunderbar. Meine Kollegin geht morgen zu einem deutschen Bäcker in Richmond – habe schon eine Bestellung aufgegeben.

Die Engländer haben manchmal ganz gute Sitten – heute gab’s die salary review – mehr Geld und einen Bonus! Yay! Für das Geld kann ich mir ganz viel Lyonerwurst kaufen.

Ich freue mich schon auf das Wochenende – wir gehen auf die London Boat Show, die ganz in der Nähe von mir stattfindet. Das wird bestimmt ein all-day event.

8. Februar 2005
Die Boat Show war grosse Klasse! Das Excel Centre ist riesig und nicht nur auf die Hallen beschränkt. Draussen waren Schiffe aller Art verankert, Yachten, life guard boats, dampfbetriebene Frachtkähne, alte Segelschiffe und sogar ein Kriegsschiff, die HMS Sutherland. Für die mussten wir eine halbe Stunde anstehen, und dann fand ich sie gar nicht so spannend. In der Nähe war ein Brücke, von der hatte man eine tolle Aussicht auf den Hafen mit all den Schiffen. Drinnen konnte man Yachten aller Art genauer begutachten, wobei manche nur auf Einladung zu sehen waren, und immer musste man die Schuhe ausziehen. Wir haben jede Menge Prospekte über Urlaub am Wasser/auf Kanalbooten/Segelschiffen etc. mitgenommen. Nach 6 Stunden und 10 kg Prospekten waren wir auch dementsprechend fertig mit der Welt. Den Irlandurlaub haben wir dann leider auch nicht gewonnen …

Auch letztes Wochenende waren wir auf einer Travel Show, diesmal in Earls Court, und auf viel kleinerem Terrain. Wir sind auch nur 2 Stunden geblieben, nachdem wir wieder 1 m Broschüren heimgewuchtet haben, vorzugsweise über Urlaub in den UK. Das Beste an der Show waren die vielen prize draws, John und ich haben an jedem Stand Zettel ausgefüllt für die Wochenendaufenthalte etc, die man gewinnen kann. Zuhause haben wir in den Broschüren dann noch mehr gefunden! Die Rückfahrt mit der tube war allerdings grässlich, da weder District noch Circle Line auf dieser Strecke fuhren am Wochenende, so dass die Piccadilly und Central Lines total gestopft waren. So eine volle tube hatte ich lange nicht mehr! Umkippen ging nicht, aber beim Einsteigen konnte man sich trotzdem Verletzungen zuziehen. John hat seinen Fuss unter die Tür gebracht, weil ihn alle reinschubsten, ich hab ihn dann freigezogen. Und ein Mädchen, das stolperte, hätte beinahe ihr Bein in der Tür gelassen, als der Fahrer abrupt die Türen schloss. John hat sie gerade noch reingezogen.

Rolltreppen sind auch gefährlich hier! Letztes Wochenende hatten wir eine italienische Freundin zu Besuch, die mittlerweile in Northampton lebt, mit der wir zum Borough Market gefahren sind. Die letzte Rolltreppe vor dem Ausgang ist ellenlang und sehr steil. John hat sich nicht richtig draufgestellt, sein Fuss rutschte aus dem Schuh und er taumelte nach hinten, direkt in meine Freundin rein. Ich stand vor ihm und habe mich umgedreht, als sein Redeschwall plötzlich abbrach. Er hat sich wie der schiefe Turm von Pisa immer mehr nach unten geneigt, weil er nicht mehr an das Geländer rankam, um sich hochzuziehen, das war schon zu weit oben. Ich sehe die Szene immer noch vor mir wie einen Alptraum. John hing in der Luft, Fliegengewicht Cinzia versuchte, ihn nach oben zu drücken und ich hampelte neben ihm rum und geriet ganz allgemein in Panik. Natürlich hat keiner den Notknopf gedrückt, aber Gott sei Dank kam ein Mann, der die Szene gesehen hatte, die Rolltreppe heruntergerast und half John wieder auf die Beine. Wir waren hinterher alle ganz bleich und zittrig. Wäre niemand hinter John gewesen, wäre er wohl einfach die Treppe hinuntergefallen und hätte sich irgendwo den Kopf gestoßen. Am Tag darauf lass ich dann in der Zeitung, dass sowas recht häufig passiert, aber im allgemeinen nachts, wenn die Leute zu betrunken sind, um eine Rolltreppe zu bewältigen. Des öfteren brechen sich da Leute ein paar Knochen.

Letzte Woche rief mich mein Vermieter an mit der Nachricht, dass er gerne im März Küche und Bad komplett renovieren will, wann ich denn im Urlaub sei. Und ich hatte mich schon gewundert, was die Küchenschränke im Hausflur zu suchen haben! Wir haben uns dann auf April geeinigt, weil ich da im Urlaub bin. Ich will schliesslich nicht eine Woche lang im Renovierungsdreck leben ohne Zugang zu Toilette und Ofen, er will nämlich alles erneuern. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, ob er danach die Miete erhöhen wird.

Die englischen Banken haben eine neue, ganz erstaunliche Zahlungsmethode für ihre lieben Kunden gefunden: das sogenannte Chip and Pin System, mit dem jetzt jede EC-Karte ausgerüstet wird, was natürlich zu Chaos in den Läden führt, die sich von jetzt auf gleich umstellen müssen, und es hat auch noch nicht jeder Kunde seine neue Karte zugeschickt bekommen. Das funktioniert folgendermassen: man steckt die Karte (chip) in einen Schlitz und anstelle einer Unterschrift tippt man die vierstellige Pinnummer ein. Kommt euch das bekannt vor? Wirklich? Ach ja richtig, das haben wir in Deutschland ja schon seit vielen Jahren …

Wenigstens habe ich es endlich geschafft, die Council Tax Rechnung zu zahlen, durch Anrufen einer automatisierten Nummer und Eingeben der Details über die Tasten. Gibt’s das in Deutschland auch?

Der Valentinstag rückt nun auch bedrohlich näher, also habe ich mal die Kartenläden näher in Augenschein genommen. Mein Gott, wird hier ein Bohei darum gemacht! Manche Karten sind mannshoch! Und ständig fällt man über Teddies mit Herzen oder Blümchen in der Hand. Für den Muttertag wird auch schon geworben, der ist hier im März.

John hat nichts als Ärger mit seinem Auto, das mittlerweile Stammgast beim Mechaniker ist (sehr lange Geschichte, aber er ist jetzt soweit, den Mechaniker zu verklagen), mit seinem Hausverkauf, der sich hinzieht (er hatte einen Käufer, der wieder abgesprungen ist), etc. Wir leben nur noch für die Wochenenden. Er bastelt gerade unserem kleinen Eisbären ein Bettchen. Soweit isses schon. I used to be normal but it drove me mad.

19. Februar 2005
So, Valentinstag haben wir gut rumgebracht, obwohl die Preise für Rosen hier dann exorbitant sind. Gerade kommen wir wieder mal vom Borough Market, auf dem ich meine Lyonerwurstbestellung abgeholt habe, und eine Frankfurter gab’s gratis. Der Stand ist immer unglaublich umlagert, die deutschen Würste sind begehrt, und werden mit Sauerkraut serviert.

Während unserer Abwesenheit hat Ellen MacArthur ihren Trimaran, mit dem sie um die Welt gesegelt ist, direkt gegenüber unserem Küchenfenster geparkt. John ist ganz aus dem Häuschen. Morgen zwischen 10 und 12 Uhr wird sie damit die Themse runter und wieder zurück segeln “um ihre Dankbarkeit für die Unterstützung durch die britische Bevölkerung” zu zeigen. Einzig das riesige “B&Q” Logo an dem Ding stört mich. B&Q ist ein Heimwerkerladen, der immer dann keine Bücherregale hat, wenn wir welche brauchen. Saubande.

21. Februar 2005
Mann ist das kalt hier, und es soll noch viel kälter werden und sogar Schnee geben. Gestern morgen haben wir uns eine Stunde in die Kälte gestellt für Ellen MacArthur. Wir haben durchgehalten, bis sie die Themse runterschipperte, dann sind wir nach Hause gebibbert. Vor der Cutty Sark war eine Leinwand aufgebaut, auf der man ihre Themsefahrt verfolgen konnte, und später hörte ich, dass sie nach ihrer Rückkehr auch ausstieg und ein paar Worte zur Bevölkerung sprach, aber das war uns wurstegal. Wir wollten nur noch warm werden.

Als heißer Tee bei aufgedrehter Heizung nicht half, beschloss ich, eine Wärmflasche zu machen. Böser Fehler. Das Wasser kocht, ich gieße zu viel in die Flasche, sie kippt um und das kochend heiße Wasser fliesst mir über die rechte Hand. Ich habe so gebrüllt, dass John dachte, ich hätte mir mindestens die Hand abgeschnitten oder irgendwas.

Nachdem unter kaltes Wasser halten und Wund- und Brandgel nicht viel half, rief ich NHS Direct an, die mir rieten, ins Krankenhaus zu fahren. In Accident & Emergency kam ich auch sehr rasch dran, wo mir die Hand nochmal eine Viertelstunde unter kaltes Wasser gehalten wurde, ich Schmerzmittel und schlussendlich eine Plastiktüte mit flüssigem Paraffin um die Hand gebunden bekam. Die wurde heute morgen wieder entfernt, und es ist alles gar nicht mehr so wild, außer dass das Tippen noch etwas weh tut. Die nurse practitioner meinte beruhigend “Es ist ein gutes Zeichen, dass die Hand so weh tut, das bedeutet, dass die Wunde nur oberflächlich ist, da wo die Nervenenden sitzen.” Jetzt sitze ich eben zuhause, gucke daytime telly und lasse mir Tassen mit Tee bringen …

22 März 2005
Vorletztes Wochenende haben wir beschlossen, endlich mal die bekanntesten East End Markets abzuklappern, und da diese nur bis 14 Uhr geöffnet sind, haben wir uns von 11 – 14 Uhr durch 3 Märkte durchgeforstet. Zuerst auf der Liste war der Petticoat Lane Market, der mehrheitlich Kleidung verkauft. Vieles ist brandneue Markenkleidung zu Spitzenpreisen, ich war total überrascht und habe 2 Pullover und eine Tasche erstanden für insgesamt unter £20.

Der Spitalfields Market war uns zu überfüllt und touristisch, aber der Brick Lane Market hat dann alles wieder gerettet – ein Spitzenflohmarkt, auf dem wir ein paar richtig gute Schnäppchen gemacht haben, unter anderem ein Schottlandbuch für £1, da wir dieses Jahr auch eine Woche Schottland eingeplant haben.

Letzte Woche gab es zwei wirklich tolle Frühlingstage mit viel Sonne, wir saßen in der Mittagspause im Park. Wenn das so weitergeht, bin ich zufrieden! Wir hatten hier in den vergangenen Wochen zwei Tage Schnee, und die Engländer sind total ausgeflippt und haben sich bei einem Zentimeter Schnee Schneeballschlachten geliefert und dabei fotografiert. Und natürlich waren alle Strassen, tubes und trains total im Chaos. Die sind hier echt auf sowas nicht vorbereitet.

Die Endlos-Saga mit Johns Auto geht weiter – jetzt ist der Motor im Eimer, mal schauen wie lange das wieder dauert. Am 14. April wollten wir eigentlich Richtung Irland abdüsen, die Fähre ist schon ausgekundschaftet. Mal sehen, ob wir einen Leihwagen mieten müssen … Sein Haus ist auch noch nicht verkauft, aber er hat gerade den Makler gewechselt, vielleicht hilft das ja. Allmählich geht mir das alles tierisch auf den Keks.

Ostern rückt ja auch näher, und bisher hatte ich immer angenommen, dass jeder Karfreitag und Ostermontag frei hat. Nicht so John. Sein Arbeitgeber hat beschlossen, allen Montag freizugeben aber nicht Freitag – dafür Dienstag. Das ist anscheinend hierzulande erlaubt, so dass er am Dienstag zwangsfrei hat und für Freitag einen Tag Urlaub nehmen muss, wenn er Ostern mit mir feiern will. We are not amused. Dann haben wir am Karfreitag abend noch eine Freundin zu Besuch, die am Samstag ganz früh nach Heathrow muss und bass erstaunt war, als ich ihr mitteilte, dass die tube nicht die ganze Nacht durchfährt. “Aber das ist doch London!”

Das schon etwas länger geplante Wochenende in Birmingham fand nun letztes Wochenende statt. Mein Vermieter fragte mich schon seit Wochen, wann er die Küche fliesen kann, also habe ich ihm die Erlaubnis erteilt – ich will nämlich nicht, dass er plötzlich an Ostern auf der Matte steht. Das Ergebnis ist auch sehr hübsch, außer dass die Fliesenleger überall Dreck gemacht haben und die Balkontür sowie die Haustür nicht richtig abgeschlossen haben. Das ist nur der Vorgeschmack, er hat vor, Küche und Bad komplett zu renovieren, und wird die Hauptarbeit während unseres Urlaubs im April erledigen. 11 Tage müssten ja eigentlich reichen!

Ich bin gerade dabei, meine Bank zu wechseln. Wenn man so auf das Deutsche in London Forum schaut, dann hat fast jeder eine Horrorgeschichte zu erzählen, da es anscheinend sehr schwierig ist, überhaupt ein Bankkonto eröffnen zu können. Viele haben Schwierigkeiten, ihre Adresse anhand von so genannten “utility bills” (Strom, Wasser, Telefon, Council Tax) zu beweisen, da die meisten in WGs wohnen wo nur ein Name auf den Rechnungen draufsteht.

Ich hatte damals Glück, dass alles bei mir sehr schnell ging und ich als Student ein reduziertes Konto ohne Scheckbuch eröffnen konnte. Man muss dazu sagen, dass englische Banken wirklich noch in der Steinzeit leben. Überweisungen, wie wir sie kennen, sind ganz und gar nicht gang und gäbe und kosten bis zu £23 pro Überweisung. Deswegen sind Schecks hier auch so beliebt, obwohl die bis zu einer Woche brauchen, bis sie eingelöst sind.

Die meisten meiner Rechnungen zahle ich also über Daueraufträge oder Einzugsermächtigungen, und am Anfang bin ich immer zu den newsagents gelaufen, bei denen man Rechnungen in bar über ein “Paypoint” System zahlen konnte. Da mir aber mittlerweile die hohen Gebühren von NatWest auf den Geist gehen und ich endlich ein richtiges Konto wollte, habe ich bei HSBC vorgesprochen. Das ging auch alles recht schnell, und letzte Woche hatte ich jeden Tag Post von denen (Debit card, credit card, 2x PIN, Scheckbuch, Schreiben über Online-Banking, Schreiben über meinen Überziehungsrahmen etc.).

Nachdem ich auch alle Daueraufträge und Einzugsermächtigungen umgemodelt habe sowie meiner Firma Bescheid gegeben, wollte ich mich nun daran machen, mein altes Konto aufzulösen. Die Bank meinte zwar, sie könnte das mit der anderen Bank regeln, aber das würde dauern. Also bin ich in der Mittagspause zu NatWest marschiert und habe verkündet, dass ich mein Konto auflösen möchte und alle Unterlagen dabei habe. Ob ich einen Termin kriegen könnte. Termine vergeben sie nicht, aber ich solle mal Platz nehmen, ich müsste hächstens 15 Minuten warten. Nach einer halben Stunde bin ich das erste Mal unruhig geworden, nach 45 Minuten das zweite Mal. Dann hat sich endlich mal jemand mit mir befasst, meinte dann aber, dass ich erstens zu der Filiale hätte gehen sollen, bei der ich das Konto eröffnet habe und zweitens zuerst zum Schalter hätte gehen sollen zwecks Barabhebung des Geldes. Da habe ich dann etwas pikiert gesagt, dass man mir das ja wohl hätte sagen können, als ich vor fast einer Stunde hier reingekommen bin. “Ach, tut uns sehr leid, der Azubi wusste das nicht.”

Ja klar. Zumindest kam sie dann mal in die Gänge und hat mir allerlei Formulare zum Unterschreiben hingehalten, denn auf einmal ging es doch! Hat zwar dann immer noch eine Dreiviertelstunde gedauert, aber dann bin ich mit einem Bündel Geldscheine unterm Arm aus der Bank raus und in die neue Bank rein, wo ich das Geld sofort eingezahlt habe – man will ja nicht unbedingt überfallen werden.

Zurück im Büro fragte mein Chef ein leutseliges “How are you?” Meine Antwort “Pissed off with English banks!” ließ ihn schmunzeln. “Aren’t we all?”

Oh ja, und Virgin lässt mich nicht mehr ins Internet, nachdem die neue Einwählnummer bei mir einfach nicht funktioniert. Die alte hätte noch bis Ende März einwandfrei funktionieren sollen, aber Hilfe kam von Virgin nicht. Ein Beschwerdeemail wurde erst nach über einem Monat nichts sagend beantwortet, und alle Anrufe brachten auch nur unbrauchbare Lösungsvorschläge. Jetzt hat Virgin mich sozusagen handlungsunfähig gemacht, denn jedesmal wenn ich mich einwähle, lande ich bei einer Virgin Seite, die mir befiehlt, jetzt sofort die Einwahlnummer zu ändern, und ich kann einfach keinen anderen Link mehr anklicken. Eigentlich sollte ich jetzt Himmel und Hölle in Bewegung setzen und Richard Branson anschreiben, aber ich habe resigniert, meinen Vertrag mit Virgin zum nächsten Monat gekündigt, schaue mich gerade nach anderen Betreibern um und surfe vom Büro aus. Bitte eine Runde Mitleid für mein schweres Schicksal!

4. April 2005
Jetzt wurde die Hochzeit von Charles und Camilla doch tatsächlich um einen Tag verschoben wegen der Beerdigung des Papstes. Es würde mich mal interessieren, ob viele den Tag freigenommen hatten, um die Hochzeit am Freitag anzuschauen. Irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen, da hier immer noch fast jeder Diana nachtrauert. Ich werd’s wohl auch alleine anschauen müssen, denn John sagte spontan “Yuck”.

Ich vermisse mein Internet zuhause wirklich! Virgin hat das Problem immer noch nicht gelöst, bei jedem Anruf wird aber erneut suggeriert, dass es an meinem Computer liegen muss. Da ich mit der ersten Einwählnummer immer prima ins Netz kam, leuchtet mir das nicht wirklich ein. Auch da wurde uns ein Rückruf versprochen, der nie kam. Werd ich wohl zu einem anderen Internetanbieter wechseln müssen. Aber nicht mehr vor dem Urlaub.

Habe mit Schrecken heute gelesen, dass die www.jobdumping.de Seite im August auch nach England kommen soll – noch ist die Wirtschaft hier noch nicht so schlecht wie in Deutschland! Wenn man sich jetzt schon gegenseitig für Gelegenheitsjobs unterbieten muss, steht es wirklich nicht rosig bei Euch!

8. April 2005
Wenn John Euros von seiner Bank will, muss er drei Tage vorher Bescheid geben und es ist ein mords Trara. Deswegen drängte er auch “Geh am Donnerstag zur Bank und bestell die Euros für Irland!” Na gut, bin ich in der Mittagspause zu HSBC. Die haben einen extra “Thomas Cook Exchange” Schalter, vor dem kein Mensch anstand. “Ich hätte gerne 200 Euro.” “”Sofort oder für später?” “Sofort, wenn das möglich ist.” “Klar, haben Sie einen Ausweis dabei?” “Ja. Kann ich das von meiner Karte abbuchen lassen? “Kein Problem.” “Kostet das Gebühren?” “Nein”. Zwei Minuten später hatte ich Euros in der Tasche. So doof sind die Banken hier also gar nicht alle! Hinterher ist mir allerdings eingefallen, dass ich am Wochenanfang noch Besuch aus Deutschland kriege – die hätte mir gegen Überweisung ja Cash mitbringen können, ohne schlechten Wechselkurs. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Ich kam gestern Abend nach Hause und die Hauseingangstür hatte zwei kreisrunde Löcher im Glas sowie gesplittertes Glas drumherum. Sah für mich so aus, als ob jemand versucht hätte, einzubrechen. Habe sofort beim Hausverwalterbüro angerufen, wo keiner mehr da war. Glücklicherweise nannte die Ansage eine Notrufreparaturnummer, und gegen 22 Uhr kam tatsächlich ein freundlicher Mensch vorbei, der provisorisch Holz vor das Glas nagelte. Der meinte aber “Das sieht für mich aus wie Kugellöcher. Air gun oder so. Waren wahrscheinlich Kinder. An Ihrer Stelle würd ich die Polizei rufen.” Das hab ich dann dem Verwalter überlassen. Also zu meiner Zeit haben wir uns die Zeit noch anders vertrieben …

11. April 2005
Mann, bin ich müde. Wir haben am Samstag und Sonntag komplett Küche und Bad ausgeräumt sowie die Wohnzimmermöbel umgestellt und einiges aus dem Zimmer umgeräumt in das zweite Schlafzimmer. Es sieht jetzt wieder so kahl aus wie vor fast 2 Jahren, als ich eingezogen bin. Ich hoffe bloß, dass die Handwerker nicht zu viel Dreck machen und wir alles wieder binnen eines Sonntags einräumen können.

Selbst den Computer haben wir abgebaut, weil ich Handwerkern nicht über den Weg traue, die fallen über alles drüber und schmeißen es zu Boden, was eine 2 Wochen alte Delle im Laminatfußboden beweist (Küchenfliese zu Boden gekracht).

Als John am Freitag Abend in seinem frisch wieder hergerichteten Manta hier angebraust kam, strahlte er übers ganze Gesicht, so happy war er darüber, sein Baby wieder fahren zu können. Leider ist Nellie immer noch smellie, aber was kann man von einem Beinahe-Oldtimer anderes erwarten.

Samstag Morgen sind wir erstmal zur Home & Property Show in Islington gegangen, wo ich noch nie war und wo es recht hübsch ist. Das Wetter war auch recht warm, und ich hätte mich am liebsten in ein Straßencafe gesetzt. Nachdem wir dann genügend Kulis und Süßigkeiten eingesackt hatten, ging’s nach Hause, um mit dem Ausräumen anzufangen, und die Hochzeit von Charles und Camilla musste ich mir ja auch noch zu Gemüte führen. Die hatten vielleicht ein Dusel mit dem Wetter, wenn man das mit den Hagelschauern von Freitag vergleicht!

Camilla sah auch sehr hübsch aus, aber warum die Queen unbedingt weiß tragen musste, will mir nicht einleuchten. Spaßig war ja auch die Karikatur im Evening Standard betitelt “For better for worse, Congratulations from the London Dungeon, Purveyors of Misery since 1532″.

Da wir auch den Kühlschrank leer machen müssen, war abends kein Bier mehr im Haus, so dass wir nach langer Zeit mal wieder in den Pub sind. Wir haben einen ganz urigen Pub gleich ums Eck, das Ferry House, und es war schon wieder Karaoke Nacht! Wahrscheinlich machen die das jedes Wochenende, denn die Einheimischen trudelten alle kurz vor 9 Uhr ein und begrüßten sich mit großem Hallo. Ich hatte das Gefühl, dass John und ich zwei Altchen ihren Stammplatz weggenommen hatten, und da es immer lauter und verrauchter wurde, haben wir dann auch die Biege gemacht.

Sonntag morgen sind wir dann erst wieder auf die Märkte gegangen für ein paar Schnäppchen, danach in die wirklich sehenswerte und kostenlose Ausstellung “The Art of Can” in der Truman Brewery in Shoreditch (Red Bull hat Künstler darum gebeten, Objekte aus Red Bull Dosen herzustellen, und die Ergebnisse sind fabelhaft), und danach ging’s noch auf eine Jobs & Career Fair im ExCel Centre, Docklands, die vor allem für John sehr hilfreich war, der ja hier bald einen Job finden will. Als DLR-Fahrer z.B. könnte ich ihn mir gut vorstellen, die drücken nur ein paar Knöpfe (ich seh schon die Verleumdungsklage vor mir) und verdienen mehr als ich.

Dann haben wir wieder fleißig geräumt, zwischendurch versucht, das Internet zum Laufen zu bringen (no luck) und eine ungefähre Irland-Reiseroute ausgetüftelt. Dann fiel uns ein, dass wir doch noch ein paar Dinge einkaufen müssen und sind mit dem Auto zu ASDA. Leider mussten wir auch noch tanken, und als John an der ASDA-eigenen Tankstelle anhielt und den Schlüssel drehte, um den Motor abzustellen, hatte er gleich auch noch das halbe Schloss in der Hand – der Schlüssel war im Schloss abgebrochen.

John hatte aber eine interessante Lösung dafür: er raste zurück in den Laden, kam mit einer frisch gekauften Kneifzange wieder und benutzte diese, um das Schloss und damit den im Schloss befindlichen Schlüssel herumzudrehen. Die Karre sprang an. Und das einen Tag bevor er das Schloss sowieso austauschen wollte, er hatte das neue Schloss nämlich schon rumliegen. Es ist jetzt offiziell: ich hasse sein Auto.

Die nächsten 2 Tage kriege ich noch Besuch aus der Heimat, ich hoffe, es macht ihr nichts aus, im Gästezimmer über Küchenutensilien zu steigen.

04. Mai 2005
So, ich bin also heil wieder aus Irland zurück, wo das Wetter wechselhaft war, die Sehenswürdigkeiten aber nicht minder schön. Und Johns Manta hat durchgehalten, obwohl er ein Startproblem hat und jeden Morgen erst nach ungefähr dem vierten Mal ansprang. Das aber zuverlässig. Und er wurde auch ständig auf seine Kiste angesprochen.

Wir kamen zu einer strahlend neuen Küche und neuem Badezimmer zurück, das wirklich eine Verbesserung ist im Design. Endlich sind die alten Fliesen weg! Die braunen Türen waren auch alle weiß gestrichen worden, was gut aussieht aber zu einem Problem führte – alle Türen mussten einen Tag lang offen gelassen weden, so dass die ganze Wohnung eingestaubt war von den Fliesen, die zugeschnitten wurden. Ich hatte ja alle Sachen in die Schlafzimmer geräumt, um sie aus dem Weg zu haben, und jetzt ist doch alles von einer Staubschicht überdeckt!

Da es leider ein Problem mit dem Wasserdruck im Bad gab, standen die Handwerker am Sonntag (!) wieder auf der Matte, um das mal eben zu reparieren. Aus dem “mal eben” wurden Stunden und schließlich gaben sie auf und meinten sie kommen am Montag wieder. War auch gut so, ich war schon auf 180, weil mein gemütlicher Sonntag zerstört wurde und ich nichts saubermachen konnte, solange die Handwerker rumstiefelten.

Am Montag wurde dann auch das Problem beseitigt und etwas an der Heizung repariert, aber urplötzlich schaltete sich mein Gasboiler aus und ich konnte ihn selbständig nicht mehr in Gang bringen. Es war bereits 10 Uhr abends, aber ich habe trotzdem eine SMS an den Bruder meines Vermieters losgelassen. 10 Minuten später stand er tatsächlich auf der Matte, und nach weiteren 15 Minuten lief der Boiler wieder. Er zog sich den Mantel an und sagte “So, dann geh ich mal wieder arbeiten.” Erst da habe ich herausgefunden, dass er zur Zeit Nachtschicht hat, aber trotzdem sofort gekommen ist. Das würden sicher nicht viele Vermieter machen, und deshalb verzeihe ich ihm auch, dass die Oberlichter im Flur immer noch nicht richtig wollen.

Wie ihr sicher wisst, sind hier am Donnerstag General Elections, und ich darf nicht dran teilnehmen, da ich keinen britischen Pass habe. Warum kann ich nicht entscheiden, wo ich in Zukunft wählen will? Wahlrecht in Deutschland nutzt mir sowieso nichts, weil ich nicht mehr wirklich weiß, was abgeht. Wenigstens darf ich an regionalen Wahlen hier teilnehmen. Ich bin wirklich gespannt auf das Ergebnis – ich glaube, viele Engländer wissen selber noch nicht, für wen sie stimmen sollen. Es sind zwar alle sauer auf Tony Blair wegen der Irak-Lüge, aber ob die Tories besser sind, muss sich erst herausstellen.

26. Mai 2005
Hier ist heute der Sommer ausgebrochen! 26 Grad und steigend, die Liegestühle im Park gegenüber dem Büro würden gestern schon aufgebaut. Heute ist irgendwie nichts los, alle unsere deutschen Kunden haben Feiertag und wen immer man anschreibt, man bekommt eine Out of Office Reply “Bin im Urlaub und erst in 10 Tagen wieder da.” Mein Chef fragte ganz ungläubig: “Haben die eigentlich nur noch frei, diese Deutschen?” Das kann ich nicht beurteilen, aber ich habe auf alle Fälle nächste Woche frei (”Wie, schon wieder?”), was geschickt ist, da am Montag hier bank holiday ist. Wir haben uns jetzt für Wales entschieden, am Samstag morgen geht’s los.

Neulich hat hier die BBC gestreikt und keinen hat’s gestört – nicht ganz die beabsichtigte Reaktion. Tube strikes gibt’s auch ab und an wieder, und mit Schließungen bestimmter lines wegen Reparaturarbeiten und einer vorhergesagten Hitzewelle im August kann der Sommer ja heiter werden …

Meine Mutter erzählte mir neulich, dass der Oberbürgermeister meiner deutschen Heimatstadt von der Queen einen Orden überreicht bekommen hat, weil er sich so für die Verständigung von Engländern und Deutschen eingesetzt hat oder irgendwie sowas. Das Ganze ist eine riesengroße Ehre, da die Queen solche Ordensverleihungen meist den Botschaftern überlässt. Aber diesmal hat sie es persönlich gemacht. Man möchte meinen, dass das hier Schlagzeilen verursacht. Pustekuchen. Aus Angst (viele hier mögen die Deutschen nicht, und die Medien schon gar nicht, die seit 50 Jahren die gleichen Stereotypen hochkochen) wurde die Verleihung, die anlässlich eines Konzerts in Guernsey stattfand, totgeschwiegen, und der Orden vor lauter verblüfften Konzertgängern überreicht – die dann aber überschwänglich geklatscht haben sollen. Nicht ein Wort davon in den englischen Zeitungen… dafür schadenfrohe Kommentare über den Stand der deutschen Wirtschaft.

9. Juni 2005
Bin wieder zurück – Wales war wunderschön und sonnig! Ein ausführlicher Bericht folgt, falls ich dazukomme. Aber das habe ich bei Irland auch schon gesagt …

Jetzt hat mich das heisse London wieder, die Parks sind alle überfüllt und ich habe mir gerade eine Blase gelaufen in meinen Sandalen auf der Suche nach einem Optiker, der mir ein herausgefallenes Brillenpad ersetzt. Optrix in der Liverpool Street Station verlangten 6 Pfund für 2 Pads, und für ein zusätzliches Pfund wurde mir die lockere Schraube ersetzt – dass die bei mir locker war, wusste ich vorher! Da ich keine Pflaster dabei hatte, habe ich in unserem Erste-Hilfe-Kasten nachgeschaut – der enthielt aber nur Mullbinden. Auf Anfrage meinte die Office Managerin, dass weder Pflaster, Salben noch Schmerzmittel im Erste-Hilfe-Kasten vorhanden sein dürfen, im Fall dass jemand dagegen allergisch ist. Das ist doch in Deutschland nicht so, oder? Die übertreiben es hier wirklich, jeder hat panische Angst, wegen irgendwas verklagt zu werden, selbst Schulen veranstalten keine Ausflüge mehr aus Angst vor Klagen, wenn jemand ins Wasser fällt oder Ähnliches.

Mein Chef hat mir gerade £5 in die Hand gedrückt, dann humple ich mal eben zur nächsten Apotheke und kaufe einen heimlichen Vorrat.

13. Juni 2005
Am Samstag sind John und ich fast 8 Stunden lang auf der Grand Designs Ausstellung in Londons Excel Centre in Docklands herumgelaufen. Es war hoch interessant und gab viele Tips und Kontakte zum Häuserbau und der Inneneinrichtung. Grand Designs, das ich schon letztes Jahr mal erwähnt habe, ist ein Fernsehprogramm, das ambitionierte Häuslebauer zeigt – das Projekt ist immer irgendwie aussergewöhnlich. Das Programm, das letztes Jahr herausstand, war das des ältlichen deutschen Ehepaars, das sich ein Fertighaus in allen Teilen aus Deutschland hertransportieren und von deutschen Bauarbeitern aufstellen liess – in 4 Tagen. Das Haus war sehr individuell und die Gründlichkeit und Schnelligkeit der deutschen Firma hat die Engländer so beeindruckt, dass die HUF Haus GmbH in Hartenfels seitdem in Aufträgen nur so schwimmt.

Vor dem Ausstellungsgebäude, zwischen Themse und IBIS Hotel wurde dann auch ein HUF Haus in drei Tagen errichtet, um an diesen Erfolg zu erinnern. Wir haben einem Seminar beigewohnt, in dem es um die Schwierigkeiten des Hausbaus ging – was man alles beachten muss von Landsuche bis Baugenehmigung und Architekt. Es wurde hervorgehoben, dass in diesem Land nur 10% aller Hauskäufer selbst bauen – im Gegensatz zu 50% in Deutschland. Dies hängt auch viel mit der Regierung zusammen, die lieber Immobilienfirmen ganze Landstriche verkauft, damit diese die Häuser hochziehen und dann verkaufen. Ein “property developer” ist ein eigenständiger Beruf hier. Ob’s das in Deutschland auch so gibt, wüsste ich jetzt gar nicht zu sagen, aber hier ist es ein Sport, der auch keine Qualifikationen erfordert: ein Haus zu kaufen, es zu renovieren und dann weiterzuverkaufen. “Buy-to-let” ist hier sehr beliebt, also der Kauf einer Wohnung nur zum Zweck, diese weiterzuvermieten und dadurch Geld zu machen.

“Buy off plan” ist zwar im Kommen aber noch lange nicht so verbreitet wie bei uns, wo man sich Pläne einer im Entstehen begriffenen Siedlung anschaut und dann ein Loch im Boden kauft. Hier müssen die Leute offenbar immer genau vor sich sehen, was sie erwerben, weswegen es ja auch Dutzende Fernsehprogramme gibt, die uns genau erklären, wie wir eine Wohnung präsentieren müssen, die wir verkaufen wollen: de-clutter (raus mit dem Krempel), de-personalise (raus mit dem Persönlichen), neutral colours (Wände und Böden in neutralen Farben), und wenn ein Zimmer ein Schlafzimmer ist, dann stellt auch gefälligst ein Bett rein, sonst kann sich angeblich kein Engländer vorstellen, wie in diesem Zimmer geschlafen werden kann. Nur gut, dass die Engländer alle begeisterte DIYer sind, obwohl die meisten keine Ahnung haben, was sie da verzapfen. Was sie aber nicht im geringsten abhält.

Unsere Office Managerin ging vorhin im Büro herum und verkündete, dass die Geschäftsleitung von ihr verlange, ein Memo über Krawattenpflicht für alle männlichen Angestellten zu schreiben – was sie nicht tun werde, aber hiermit allen von dieser Pflicht kundtue. Da konnte man aber wieder schön sehen, dass alle Engländer Rebellen sind – ein Kollege forderte sofort Krawattenzwang für alle weiblichen Kollegen und ein anderer sagte “Aber WIE wir die Krawatten tragen sollen hat er nicht gesagt, oder”, sprach’s und band sich seine Krawatte um den Kopf.

27. Juni 2005
Endlich sind die Temperaturen wieder etwas runtergegangen, die schwüle Hitze war unerträglich. Das ist gegen die Regeln – England und tropische Hitze! Leider habe ich plötzlich (mal wieder) kein heisses Wasser mehr und muss meinen Vermieter herbeizitieren. Wenn er schon dabei ist, kann er auch gleich einen abschliessbaren Pfosten auf meinem Parkplatz aufstellen, da dort konstant andere Anwohner parken. Da steht gerade einer seit Donnerstag, und John musste vor dem Haus parken, wo er eigentlich nicht darf. Die Grundstücksverwalter haben ja leider immer Wichtigeres zu tun – wie z.B. einen Rundbrief zu schreiben, dass das Aufhängen von Wäsche auf dem Balkon laut Pachtvertrag nicht erlaubt ist und man sich bitte dran halten soll, da es schon etliche Beschwerden gab. Nun hab ich keinen Pachtvertrag, da ich nur miete und in meinem Mietvertrag steht davon nix. Mein Vermieter meinte auch bloss “Ach das ging an alle. Ignorier es.” Zwei Sachen sind mir hier ein Rätsel:1. Wie kann überhaupt jemand auf diesen windigen Balkonen Wäsche aufhängen, die nicht weggeweht wird? 2. Wieso regen sich Leute über sowas eigentlich auf? Aber hier sind Leute ja durch alles Mögliche in ihrer Ästhetik, Moral oder Religion beleidigt und man tritt alle naselang auf jemandes Zehen.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ich habe auch gerade der Zeitung entnommen, dass es ab jetzt nicht mehr verboten ist, Parkuhren zu füttern, bevor sie auslaufen! Das ist schön, aber wieso war das überhaupt je verboten?

Die NHS hab ich auch gefressen. Ich hatte einen Arzttermin gemacht in der Hoffnung, mal alle ausstehenden Facharztbesuche zu organisieren. Leider kann man hier ja nicht mal selber zum Augenarzt, sondern muss erst zum Hausarzt, der einen weiterleitet. Nach 15 Minuten mit diversen Themen sagte mein Arzt plötzlich “We are running out of time, you have to make another appointment.” Ich war erstmal sprachlos. Ich verstehe zwar, dass die Arztpraxen überfüllt sind und keiner warten will, aber da fühlt man sich auch nicht wirklich willkommen, wenn einem das gesagt wird. Nur gut, dass ich sowieso in zwei Wochen einen neuen Termin habe, um die Ergebnisse eines Bluttests zu besprechen, der mich drei Anläufe gekostet hat, bis ich ihn machen konnte! Man kann Bluttests hier zwar in der Praxis machen, muss aber einen Termin ausmachen und das dauert dann wieder eine Woche. Oder man geht ins nächste Krankenhaus mit dem rosa Überweisungswisch.

Ich war ja noch so schlau, beim Royal London Hospital vorher anzurufen und nach deren Zeiten für sowas zu fragen. In “Outpatients” von 9 – 17 Uhr, im Walk-in Centre von 7 – 8.30, wurde mir beschieden. Um meine Fehlzeit im Büro geringzuhalten, bin ich ganz frühmorgens aufgestanden und ins Walk-in Centre gegangen – wo die Blutabnahme-Nurse krankgeschrieben war. Bis 9 Uhr wollte ich nicht warten, also bin ich um 8 Uhr ins Büro – eine Stunde zu früh. Ein paar Tage später habe ich es dann nachmittags probiert und hatte schon fast alle Formalitäten durch – bis ich gefragt wurde, ob ich heute schon gegessen hätte. Da mir niemand gesagt hatte, dass dieser Bluttest auf nüchternen Magen gemacht werden muss (gibt ja solche und solche), würde ich auf dem Absatz nach Hause geschickt. Beim dritten Anlauf im Walk-in Centre am nächsten Morgen hat’s dann geklappt. Und das alles in Affenhitze.

Diese Woche ging’s mal wieder zum Borough Market, wo ich mir Maultaschen gekauft habe. Nachdem ich in einem kleineren örtlichen Supermarkt Fleisch- und Gemüsebrühe von Knorr entdeckt habe, stand der Zubereitung auch nichts mehr im Wege. Ich vermisse deutsches Essen! *heul* Und ich will jetzt keine “dann mach doch deine Spätzle selber” Kommentare hören. Ich habe das Recht auf totale Ignoranz in der Zubereitung von Speisen!

Nächste Woche heiratet Johns Tochter, also geht’s nach Birmingham. Sie hat ihm vor 2 Monaten eine Einladung geschickt, die nie ankam und kam erst eine Woche vor dem Termin auf die Idee, mal nachzufragen, warum Dad noch nicht geantwortet hatte. Nur gut, dass wir noch keine Pläne hatten!
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4. Juli 2005
Was ein Wochenende. Am Donnerstag ist ein Tunnel bei Gerrards Cross auf die Eisenbahnstrecke zwischen London und Birmingham kollabiert, bloss gut, dass gerade kein Zug drunter war. Freitag in der Mittagspause habe ich das beim Lesen der METRO entdeckt und bin erstmal total erschrocken – da es sich um die Chiltern Railways Strecke handelt, habe ich schon befürchtet, dass ich jetzt überhaupt nicht nach Birmingam komme. Ein Anruf bei Customer Services brachte dann folgendes: Es gibt einen reduzierten Fahrplan, aber die Fahrt dauert etwa eine Stunde länger, dafür darf man mit dem £15 ticket den ganzen Tag fahren, nicht erst nach 19.30 Uhr. Und am Sonntag, da waren doch Gleisarbeiten angesagt? Ja, da wird der Zug weder in Marylebone noch in Paddington halten. “Wissen Sie was, am besten fahren Sie mit Virgin von Euston nach Birmingham New Street, das dürfen Sie mit unseren tickets.” “Echt, mit jedem ticket?” “Ja.” “In jedem Virginzug?” “Ja.” Also habe ich Trick 17 angewendet, bin etwas früher von der Arbeit weg zu Marylebone Station gefahren, habe ein cheapo ticket gekauft, bin auf dem Absatz umgedreht und nach Euston Station gefahren, um einen Virginzug zu erwischen. Der war zwar eine halbe Stunde zu spät, ich war aber trotzdem in der Hälfte der Zeit da. Auf dem Rückweg hat das auch wunderbar geklappt, obwohl der Zug proppevoll war. Ich bin allerdings nach wie vor ein Chiltern Fan – im Normalfall sind die um 100% zuverlässiger als Virgin, bei denen immer irgendwas die Züge verspätet.

Am Samstag Morgen ging es dann zum Friseur, um für die Hochzeit gerüstet zu sein – man will ja nicht allzu zottelig aufkreuzen. Die Hochzeit fand in der Tudor Suite des Tamworth Castle Hotels statt. Tamworth ist eine Kleinstadt etwa eine halbe Stunde von Birmingham entfernt, und wer je dort vorbeikommt, sollte sich unbedingt die Burg anschauen. Nicht nur ist das ein liebevoll verwaltetes castle, sondern die virtual tour, die man dort auf touch screens anschauen kann, wurde vor zwei Jahren von meiner Wenigkeit ins Deutsche übersetzt und ist daher selbstredend ein Meisterwerk. Aber ich schweife ab, denn es interessiert euch wahrscheinlich sowieso nicht, wie ich dazu gekommen bin.

Nun muss ich erst ein paar Worte zu englischen Hochzeiten loswerden. Dies hier war eine civil ceremony, was in etwa unserer standesamtlichen Hochzeit entspricht. Allerdings ist es hier nicht so reglementiert wie in Deutschland. Zum einen muss es nicht im Standesamt stattfinden, sondern kann in jeder Einrichtung sein, die eine Heiratslizenz hält, wie Hotels, Herrenhäuser, Schlösser …

Die Problematik hat man ja schon bei Charles und Camilla gesehen – hätte Windsor Castle eine Heiratslizenz für die beiden beantragt, hätte Hinz und Kunz bis zu drei Jahre danach ein Anrecht gehabt, auch dort zu heiraten. Zum anderen ähnelt es eigentlich einer kirchlichen Hochzeit (weisses Kleid, “Wer einen Einwand gegen diese Hochzeit hat, der spreche jetzt oder schweige für immer”, Ringtausch, “I, Kathryn, take thee, Carl, to be my lawful wedded husband…”) mit der Ausnahme, dass nichts Religiöses erwähnt werden darf, was auch in den Lesungen berücksichtigt werden muss.

Braut und Bräutigam schritten gemeinsam herein, sie in einem Kleid, das definitiv kein Sahnebaiser war und er in einem Anzug mit typisch englischer Weste (siehe Vier Hochzeiten und ein Todesfall). Gespielt wurde dazu die Titelmusik von Star Wars, was einige Lacher hervorrief. Es war eine knappe, aber sehr schöne Zeremonie. Nach sage und schreibe 10 Minuten, in die alle wichtigen Sätze, zwei Gedichte und die Eheversprechen von Braut und Bräutigam verpackt wurden, war alles vorbei. Dann ging’s zur Photosession in den Burghof, die fast eine Stunde dauerte (“Und jetzt noch ein Photo nur mit dem Bräutigam und den Brautjungfern…”), gefolgt von Sekt und Orangensaft und dem Essen (um 16 Uhr). Wie im vorhergenannten Film gab es eine Zeichnung mit den Tischen und zugeordneten Namen, aber ich fand mich Gott sei Dank nicht mit vier verflossenen Lovern wieder sondern nur mit einem falsch geschriebenen Namensschild (Bearta). Das Brautpaar hatte auf jeden Tisch eine Instantkamera platziert, was ich eine ganz hervorragende Idee fand, denn so konnten sie Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven bekommen, ohne einen teuren Photographen bezahlen zu müssen. Mittendrin hielt der Bräutigam eine Rede, die wirklich nett und humorvoll war. Wäre die des Trauzeugen bloss auch so gewesen – oder hätte er wenigstens wie Hugh Grant ausgesehen. Aber man kann eben nicht alles haben.

Wir haben die evening reception geschwänzt und sind um 18 Uhr nach Hause gefahren, so dass ich noch 5 ½ Stunden Live8 mitbekommen habe, das 2 ½ Stunden überzog. Ich war ganz froh, dass ich keine Karten für Hyde Park bekommen hatte – ich mag Menschenmassen nicht, und für 12 Stunden Stehen fühle ich mich nicht mehr jung genug. Abgesehen davon, dass ich wohl die letzte tube verpasst hätte, da erst um Mitternacht Schluss war. Ich bin ja schon vor dem Fernseher beinahe eingeschlafen, als Pink Floyd “Wish you were here” sang. Hat man in Deutschland nur das Berliner Konzert übertragen oder auch das Londoner? A-ha hätte ich ja zu gerne gesehen … Die Musik war im großen und ganzen schon gut, aber das Gesülze mittendrin und die Interviews hinter den Kulissen gingen mir mächtig auf den Geist. “Wie war’s für dich, hat’s dir bisher gefallen?” Glauben die im Ernst, einer sagt “Alles Scheiße Mann, ich geh jetzt heim”? Das Glanzstück für mich war Peter Kay, englischer Komiker, den nicht mal der Sicherheitsdienst davon abhalten konnte, a-capella seinen Hit “Is this the way to Amarillo?” zu singen.

Autor: Beate
Beateher@yahoo.com


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Schöne Geschichte – lebhaft erzählt. Gruß aus Thüringen!

Kommentar von Fliesen




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