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Wie so oft fing die Geschichte ganz harmlos an. Als wir vor Ostern ein Geräusch unter der Spüle hörten, scherzte meine Frau noch: »Das wird doch wohl keine Maus sein?«. Denn welche Maus wäre so tollkühn, in eine Wohnung mit zwei Katzen zu ziehen? Zumal wir im zweiten Stock wohnen und unsere Falbkatze Susi und der weißgraue Kater Moritz jede Nacht durch ihr Revier streifen und eine Maus längst entdeckt hätten.
In der Nacht zum Ostersonntag wurde es dann offenbar. Ein Geräusch lenkte die Aufmerksamkeit meiner Frau auf die Spüle. Im gedämpften warmen Licht der Küchenleuchte erschien unter dem Wasserboiler eine niedliche, sehr kleine Maus, setzte sich auf die Hinterbeine, schaute sie an – und verschwand wieder. Zuerst fanden wir den Gedanken, eine so mutige Maus im Haus zu haben, ganz amüsant. Wir fütterten sie mit Nüssen und Obst und beobachteten, wie unsere Katzen stundenlang vergeblich vor dem Boiler hockten, um das possierliche Tierchen zu fangen.
Einige Male hätten die Streifzüge der winzigen Maus, der es unter der Spüle zu langweilig wurde, fast zu ihrem Tode geführt. Nur um Haaresbreite entkam sie den beiden Katzen aus dem Badezimmer und dem Flur, wobei sie uns zu Recht als weniger gefährlich einschätzte und zwischen unseren Beinen durchsauste. Doch auch unsere Toleranzschwelle sank, als wir in der Speisekammer angenagte Kekspackungen fanden und ständig nachwischen mussten, damit es nicht stank. Den Ausschlag zur Entscheidung »Die Maus muss raus!« gaben zerbissene Styroporreste und die rot leuchtende Fehler-Kontroll-Lampe im sündhaft teuren Wasserboiler. Was das bedeutete, war klar: Ein Fachmann musste her. Und bis dahin wollten wir die Maus fangen, nachdem es unsere Katzen nicht geschafft hatten.
Nachdem die Speisekammer und die Abseite unter der Spüle leergeräumt und klinisch gereinigt waren, stellten wir die Nahrungszufuhr ein und eine Lebendfalle auf. Doch das clevere Mäuschen ignorierte tapfer den duftenden Tilsiter Käse und schob die Falle verächtlich in eine Ecke. Jetzt reichte es uns. Wir versuchten es mit einer gefährlichen Falle nach dem Prinzip: Mit Speck fängt man Mäuse. Am Abend sahen wir nach und konnten es nicht fassen. Die intelligente Maus hatte die Falle ausgelöst. Dabei war der Speck heruntergefallen, den das Tierchen aber nicht anrührte, als wollte es uns sagen: »Wahrscheinlich habt ihr sogar den Speck vergiftet!«.
Als der nette Handwerker kam und den schweren Boiler herauswuchtete, schaute ihn die freche Maus an und verschwand dann blitzschnell unter der Spüle. Für die leuchtende Kontroll-Lampe konnten wir sie aber nicht verantwortlich machen. Der Grund war ein verkalkter Heizstab. Doch auch für unser Mausproblem fand der Fachmann eine Lösung: »Ich kenne da einen Kollegen, der Schlangen hat und Spezialist im Mäusefangen ist. Den rufe ich jetzt an.« Gesagt, getan. Er kam dann auch mit voller Ausrüstung. Nach einer wilden Hatz durch die Küche schien der armen Maus unter dem Herd nur noch ein Ausweg offen – eine Papprolle, die dann blitzschnell hochgehoben und verschlossen wurde. Sie war in der Falle!
Nach ein paar Stunden der Befreiung von der Mäuseplage plagte uns die Reue. Was würden sie mit dem niedlichen Mäuschen machen? Hatte es ein so ein mutiges Tier, das mit zwei Katzen und zwei Fallen fertig geworden war, wirklich verdient, an Schlangen verfüttert zu werden? Schließlich riefen wir mit schlechtem Gewissen an – und erfuhren Erstaunliches. Erstens fanden die beiden Handwerker die Maus mit ihrem haselnussbraunen Fell so niedlich, dass sie den kleinen Nager in einen Käfig steckten. Zweitens stellte sich bei genauerer Betrachtung heraus: Es ist gar keine richtige Maus, sondern eine Haselmaus, die auf und in Bäumen im Wald lebt, Winterschlaf hält und eher noch mit Siebenschläfer und Eichhörnchen verwandt ist. Und drittens hatten sie das anmutige Mäuschen auch nicht im Käfig behalten, sondern im Garten frei gelassen. Ende gut, alles gut!
An diesem Donnerstag tranken wir auf das Wohl der kleinen Haselmaus, die vermutlich schon seit Anfang Oktober in unserem warmen Boiler in Winterschlaf gefallen war und erst jetzt Ende März wach geworden war und Hunger hatte.
Zwei Tage später iritierte uns ein nagendes Geräusch im Boiler. Sollte unsere Haselmaus etwa zurückgekommen sein? Unmöglich! Sie war schließlich im dunklen Rohr ins Auto geladen worden, einige Minuten und etliche Straßen später herausgenommen und in einen Käfig gesteckt worden. Zwischen uns lagen viel befahrene Straßen, eine vierspurige Schnellstraße sowie Katzen, Hunde und Vögel, die sie liebend gern gejagt hätten.
Unsere Katzen wussten es längs besser. Sie standen mauzend an der Spüle und versuchten in die Ritzen zu hangeln. Die letzte Bestätigung kam, als wir den Decker des Boilers anhoben. Da saß die süße Haselmaus und schaute uns ohne Furcht aus ihren großen schwarzen Äuglein an, als wollte sie sagen: »Habt ihr wirklich gedacht, ihr könnt eine erfahrene Haselmaus so einfach loswerden?«. Was soll man da machen? Ob ein Zusammenleben von Maus, Katzen und Menschen wirklich möglich ist und was wir noch mit dem erstaunlichen Nager erlebten, das ist eine andere Geschichte.
Autor: Elsbeth und Arnold Brinckmeier
Arnold_Brinckmeier@yahoo.de
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