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„Warum“, fragt Mowgli, „haben die Menschen Waffen?“
„Ich weiss es nicht.“ antwortet Miezka, „Uns genügen unsere kleinen Krallen zum Jagen. Wir brauchen keine grossen Pranken oder Reisszähne. Denn wir Katzen haben eine Waffe, die ist viel mächtiger als alle Waffen, welche die Menschen gebaut haben, bauen, oder jemals bauen werden.“
„Und welche Waffe ist das?“
„Welche das ist? Nun, da erzähle ich dir am besten die Geschichte einer Liebe im Feuer.“
***
Blackberry fühlte sich ziemlich unbehaglich. Es war viel zu heiss hier. Zwar wehte immer ein Wind vom Meer, aber die Sonne war viel stärker hier, als er es gewohnt war. Viel zu dicht und zu lang war sein Fell für dieses Klima. Der Kater war die Hitze nicht gewohnt und sie machte ihm zu schaffen. Seine Vorfahren stammten aus einem kalten Land, das die Menschen Norwegen nannten. Denn obwohl er es nicht wusste, war er ein direkter Nachkomme der Katzen, die auf dem Drachenboot des Leif Erikson gewesen waren. Er hatte über diese Fahrten schon Gerüchte gehört, aber etwas genaues wusste er nicht.
Jetzt war er auf dieser langweiligen Insel. Es gab bei den Menschen zwar sehr vieles, was ihn interessiert hätte, aber die machten einen furchtbaren Aufstand, wenn er an bestimmten Plätzen auftauchte. Dann wurde er von dort vertrieben. Nur das Flugfeld mied er von sich aus. Den grossen Flugzeuge mit ihren lauten Propellern mochte er nicht zu nahe kommen. Jeden Tag flogen viele Fugzeuge ab und kamen wieder. Manchmal kamen weniger wieder, dann gab es eine Aufregung bei den Menschen, die Blackberry nicht verstand. Es war auf dem Schiff, mit dem er hierher gekommen war, viel interessanter gewesen. Dort hatten einige der Mannschaft öfter mit ihm gespielt.
Foto: © Gosia (Gosia Patyk)/ http://www.pixelio.de
Seit er mit Roger auf diese Insel gekommen war, bestand immer diese hektische Betriebsamkeit bei den Menschen. Also stromerte er immer wieder auf der Insel, aber auch da war es langweilig. Und immer diese Hitze. Zwar wehte immer ein Wind, aber viel Milderung brachte das nicht. Roger war viel beschäftigt, trotzdem kümmerte er sich um den Kater, wo er nur konnte. Nur seit einigen Tagen war Roger ziemlich seltsam. Oft verschwand er mit anderen in einer Baracke. Da blieb er dann stundenlang und kam immer nachdenklich wieder. Seit das passiert war, flogen auch kaum noch Flugzeuge.
Aber heute schien ein besonderer Tag zu sein. Ein Schiff war angekommen. Es kamen oft Schiffe hier an, aber diesmal machten die Menschen scheinbar ein Geheimnis daraus. Sie taten ganz geheimnisvoll und achteten diesmal nicht auf den Kater, der herumschlich. Ein Riesending wurde ausgeladen und auf das Flugfeld gebracht.
Der Kater beobachtete alles von weitem, auf das Flugfeld traute er sich nicht. Er wollte sich lieber anders den Tag vertreiben. So lief er gelangweilt wieder an den Strand.
Mäuse jagen konnte er nicht, denn hier auf dieser Insel gab es keine. Manchmal kamen Krabben aus dem Wasser mit denen man spielen konnte. Nur aufpassen musste man, denn einmal hatte eine Krabbe Blackberry am Ohr erwischt und das war ziemlich schmerzhaft gewesen. Er hatte sie zwar abschütteln können und nichts weiter war passiert, doch war er seitdem vorsichtig mit den gepanzerten Krabblern.
Heute waren sehr viele am Strand, denn vor einigen Tagen hatte es einen Taifun gegeben und viele waren an Land gekommen. Immer wieder versuchte der Kater eines der scherenbewehrten Dinger umzudrehen und zu beschnüffeln. Und er machte sich einen Spass daraus, sie festzuhalten, wenn er es trotz ihrer Scheren fertiggebracht hatte, sie auf den Rücken zu drehen. Er roch, dass unter dem Panzer schmackhaftes Fleisch war, aber er konnte die Panzerung nicht aufbrechen.
Nach einiger Zeit hatte er genug und lief zurück. Roger war noch nicht da und so machte es sich Blackberry in der Baracke gemütlich. Es dämmerte schon als Roger zurückkam und Blackberry erst mal etwas Futter hinstellte. Danach gab es eine ausgedehnte Steichel- und Kraulstunde. Der Kater fing an zu schnurren und sich an Roger zu reiben. Er würde zwar später wieder rausgehen, aber jetzt genoss er die Zuwendung.
Es war schon dunkel und Roger las noch irgendwelche Papiere durch, als der Kater energisch verlangte, nach draussen gelassen zu werden. Roger war irgendwie nicht bei der Sache und reagierte so ziemlich verspätet, was ihm einen vorwurfsvollen Blick von Blackberry einbrachte.
Draussen war alles ruhig, wie immer, nur auf dem Flugfeld war die Beleuchtung an. Blackberry konnte erkennen, dass in einem der Flugzeuge ebenfalls noch Licht war. Es war eben jenes, in das die Menschen das grosse Ding verladen hatten. Einer der Menschen arbeitete darin, aber Blackberry konnte nichts genaues erkennen. Seltsam war das schon, aber der Kater hatte hier schon so of seltsame Dinge erlebt, dass er der Sache nicht weiter auf den Grund gehen wollte. So schlich er weiter zwischen den Baracken und ins Gebüsch. Aber ausser einigen kleine Echsen gab es hier nichts besonderes zu entdecken.
Mitten in der Nacht machte er sich wieder auf den Heimweg. Plötzlich blieb er erstaunt stehen und duckte sich ins niedrige Gras. Das Flugfeld war hell erleuchtet und eine Menge Menschen hatten sich versammelt. Was sollte das, es war doch mitten in der Nacht?
Es blitzte ein paar mal. Der Kater kannte das, Roger hatte das auch einmal mit ihm gemacht. Er nannte das „Foto“. Blackberry konnte dieses „Foto“ überhaupt nicht ausstehen, aber die Leute auf dem Flugfeld waren ja noch ein Stück entfernt.
Plötzlich wurde es laut. Das Flugzeug hatte die Motoren angeworfen und die Propeller begannen sich zu drehen. Blackberry blieb wo er war und flüchtete nicht, denn das hatte er schon sehr, sehr oft gesehen. Nur, wohin wollten sie jetzt mitten in der Nacht? Es hatte zwar schon oft Nachtflüge gegeben, aber dann waren immer sehr viele Flieger gestartet. Heut nicht, es war nur dieses eine, mit dem Ding an Bord.
Die Motoren dröhnten fast schmerzhaft in des Katers empfindlichen Ohren. Dann drehte der Flieger und rollte in Richtung Startbahn. Das Dröhnen wurde immer lauter, als das Flugzeug zu rollen begann und immer schneller wurde.
Blackberry hatte schon unzählige Starts miterlebt und erwartete, dass das Flugzeug jeden Moment abheben würde, doch das tat es nicht. Es wurde immer schneller und schneller und erst als es fast am Ende der Startbahn war, hob es ab. Der Kater hatte genug gesehen und wollte wieder nach hause. Eine zeitlang sah er dem Flieger noch nach, bis dieser in der Nacht verschwunden war.
***
Kazumi war die ganze Nacht unterwegs gewesen. Jetzt war es Zeit nach hause zu gehen. Im Osten begann es bereits zu dämmern. In der Nacht war sie in der Stadt gewesen, aber jetzt war es Zeit nach hause zu gehen. Sie wohnte bei einer Menschenfamilie in einiger Entfernung von der Stadt und der Weg nach hause war noch weit. Viele Vögel erwachten jetzt und die Katze lauschte ihrem Gesang. Auf Vogeljagd wollte sie aber jetzt nicht gehen, sie war müde und wollte schlafen. Noch über zwei kleinere Hügel, dann würde sie das Haus sehen können. Immer heller wurde es und sie freute sich schon auf ihr Frühstück und einen ausgiebigen Schlaf.
Plötzlich hörte sie direkt vor sich ein lautes Rascheln. Sofort spitzte sie die Ohren und ging in Lauerstellung. Etwas war da zwischen den Steinen. Noch einmal raschelte es.Völlig bewegungslos verharrte die Katze. Da bewegte sich etwas unter den Steinen. Fast war es nicht erkennbar, doch Kazumis scharfe Katzenaugen sahen sehr wohl den grossen Käfer, der sich zwischen einigen Steinen und Gräsern weiterschob.
Sie wartete erst mal ab. Bevor der Käfer wieder zwischen den Steinen verschwinden konnte, schnellte Kazumi vor und bekam ihn zu fassen. Er war ziemlich gross, fast grösser als Kazumis Pfote und sehr stark. Er wand sich und zappelte. Kazumi liess ganz kurz los und wollte ihn wieder fassen, aber der Käfer war sehr schnell und fast wieder hinter den Steinen verschwunden, als sie ihn wieder zwischen die Krallen bekam. Und noch mal liess sie los und sofort danach wieder zuzupacken. Diesmal erwischte sie ihn sofort. Das Spiel ging so eine Weile und endlich hatte sie genug. Sie biss zu und wollte den Käfer fressen, liess es aber dann doch bleiben, denn mit einem mal fing der Käfer fürchterlich an zu stinken. Nein, da würde sie zuhause besseres Futter bekommen.
Ausserdem hatte sie das Zwischenspiel ziemlich aufgehalten. Es war jetzt bereits heller Tag, die Sonne war aufgegangen und sie wollte eigentlich jetzt zuhause sein. Ganz aus der Ferne hörte sie sehr leise aus der grossen Stadt die Sirenen heulen. Das hatte sie schon oft gehört und sich nie etwas dabei gedacht. Die Menschen waren jedes Mal sehr aufgeregt, aber es war noch nie etwas passiert. Und richtig, nach einiger Zeit hörte das Geheul auf.
Kazumi lief weiter, als sie ein leises Brummen hörte. Es kam aus der Luft. Auch das kannte sie. Es waren die Flugzeuge der Menschen. In der Stadt fürchteten sie sich davor, aber Kazumi verstand nicht, warum. Dem Geräusch nach flog das Flugzeug auch in grosser Höhe, daher kümmerte sich die Katze nicht weiter darum. Noch einen Hügel, dann war sie zuhause. Sie dachte an Aiko und wie sie von ihr liebevoll umsorgt wurde.
Jetzt konnte sie schon die Kirschbäume sehen, die in einiger Entfernung vom Haus standen. Sie wollte auf die Bäume zulaufen, da traf sie der Blitz. Sie wusste nicht, wie ihr geschah, alles war für einen kurzen Moment in furchtbar blendend helles Licht getaucht. Dann fühlte sie eine sengende Hitze auf ihrem Rücken und roch wie ihr Fell verbrannte. Es traf sie ein fürchterlicher Schlag und es wurde dunkel um sie.
Langsam kam sie nach einiger Zeit wieder zu sich. Sie wollte aufstehen, aber es gelang ihr nur sehr mühsam. Was war da passiert? Es war dunkel, fast Nacht. Endlich kam sie wieder auf die Beine. Ihr war seltsam zumute. Der ganze Rücken schmerzte und es roch nach Rauch. Auch sehen konnte sie nicht gut, ihre Augen hatten von dem Blitz wohl Schaden genommen, obwohl der ja hinter ihr gewesen war.
Sie machte einige Schritte, die ihr ziemlich schwerfielen. So gut sie konnte, schaute Kazumi sich um und erkannte die vertraute Umgebung nicht mehr. Bäume hatten ihr Laub verloren, an verschiedenen Stellen brannte es und das Haus bestand nur noch aus Trümmern. Unter Schmerzen drehte sie den Kopf in Richtung der Stadt. Dort, wo die Stadt gewesen war, erhob sich eine pilzförmige Wolke bis in den Himmel. Überall war Feuer und Rauch. Die Sonne war weg, es war finster. Irgendwie schaffte die Katze es, zu den Resten des Hauses zu kommen. Sie hatte fürchterlichen Durst.
Überall lag geborstenes Gebälk und Mauerwerk. Und inmitten des Chaos hörte sie ein Stöhnen. Das war die Stimme von Aiko. Sie lag unter einigen Balken, blutend und verdreckt. Kazumi kroch über die Trümmer zu Aiko und schmiegte sich ganz eng an sie. Sie hatte Angst, wie sie es noch nie erlebt hatte. Als die Katze bei Aiko war, beruhigte sich die ein wenig, hörte auf zu stöhnen und streichelte Kazumi über den Kopf. So lagen sie einige Stunden und keine Hilfe kam.
Der Durst wurde immer schlimmer, aber Aiko hatte sich trotzdem etwas erholt und versuchte, die Balken wegzuschieben, die über ihr lagen. Und tatsächlich gelang es ihr, sich Stück für Stück freizuarbeiten.
Der Himmel wurde immer dunkler und ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Dann fing es zu regnen an. Eigentlich wäre der Regen willkommen gewesen, denn dann könnten sie beide den Durst stillen, aber der Regen war schwarz und die Tropfen fielen sehr schwer. Kazumi wollte das nicht trinken. Sie roch die Gefahr, die von dem schwarzen Regen ausging und fing an, Aiko anzumaunzen. Diese erkannte, dass die Katze sie warnen wollte und versuchte, sich unter den Trümmern des Daches von dem Regen zu schützen. Stunde um Stunde blieb Aiko mit Kazumi unter den Dachresten und sie fragten sich, was wohl passiert war. Eine Antwort darauf hatten sie nicht.
Kazumi ging es jetzt wieder etwas besser, trotz des verbrannten Rückens und sie schnüffelte unter den Trümmern. Und irgendwo roch es nach frischem Wasser. Ja, da waren diese Glasflaschen in denen Aiko immer frisches Wasser abgefüllt hatte, seit es vor langer Zeit mit den Sirenen losgegangen war. Sie maunzte und kratzte daran, bis Aiko aufmerksam wurde und danach schaute. Endlich Wasser! Obwohl sie fürchterlich Durst hatten, trank Aiko nicht alles, sondern nur sehr wenig und gab auch Kazumi nicht viel, denn sie wussten nicht, wie lange sie noch hier ausharren mussten.
Ob es Tag oder Nacht war, wussten Aiko und Kazumi nicht, es blieb finster. Und irgendwann hörten sie Stimmen. Mehrere Leute waren da und riefen. Und Aiko antwortete.
***
Es gab eine grosse Aufregung bei den Menschen. Etwas war passiert und alle waren wie in einem Freudentaumel. Auch Roger wirkte irgendwie erleichtert und Blackberry war sehr froh darüber. Vor vielen Tagen war das Flugzeug, das er nachts hatte abfliegen sehen, am gleichen Tag wieder zurückgekommen. Einige Tage später war noch einmal unter den gleichen geheimnisvollen Umständen ein anderes Flugzeug gestartet. Dann war lange Zeit nichts mehr passiert. Doch nun herrschte so etwas wie Aufbruchsstimmung. Viele der Menschen waren an Bord der Schiffe gegangen und die Schiffe waren ausgelaufen.
Roger war mit dem Kater geblieben, obwohl sich Blackberry nichts sehnlicher wünschte, als wieder von dieser trostlosen Insel wegzukommen.Und genau danach sah es jetzt aus. Er würde wieder an Bord eines Schiffes sein und dann ging es nach hause. Der Tag kam, an dem sie sich einschifften. Doch was den Kater verwunderte, war, dass die Fahrt nach Norden ging und nicht nach Osten, wo sie hergekommen waren.
Nach Tagen legte das Schiff an einem Hafen an und der Kater fand sich in einer fremden Welt wieder. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das war eine Stadt der Menschen, aber sie war vollkommen zerstört. Überall roch es nach Brand und Tod. Feuer war keines zu sehen, aber Blackberry spürte, dass hier etwas furchtbares passiert sein musste. Als er mit Roger an Land ging, sah er viel Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern der Menschen.
Irgendwo waren wieder Baracken aufgestellt worden und Roger bezog eine davon. Er war den ganzen Tag damit beschäftigt, sich die Zerstörungen anzusehen und sich Notizen zu machen. Für den Kater hatte er daher jetzt weniger Zeit. Der streifte den Tag über durch die Ruinen. Jagen konnte er hier nicht, es gab einfach nichts mehr, aber zu entdecken war so viel.
Einige Tage später stromerte er am Stadtrand umher, wo die Zerstörung nicht so gross war. Viele Menschen hatten sich da versammelt, es wurde Essen und Wasser ausgegeben. Ein grosses Zelt war aufgebaut und darin wurden die Verletzungen der Menschen behandelt. Auch einfache Betten waren aufgestellt auf denen Menschen schliefen.
Vorsichtig schlich sich der Kater durch die Reihen der Betten. Doch was war das? Neben dem Bett einer jungen Frau lag eine Katze. Ihr weises Fell war am Rücken ganz verbrannt und die Haut vernarbt. Vorsichtig schlich Blackberry näher. Die Katze bemerkte ihn und wandte ihm den Kopf zu. Sie schaute ihn aus traurigen Augen an und liess zu, dass Blackberry immer näher kam. So, wie sie aussah, musste sie Schlimmes durchgemacht haben.
Blackberry war jetzt bei ihr und begann ihr ganz vorsichtig das Fell zu lecken. Jetzt bemerkte die Frau in dem Bett, dass da noch eine Katze war und sagte etwas in einer fremden Sprache. Blackberry verstand viel von dem, was Roger sagte, aber das, was die Frau sagte, verstand er nicht. Doch er spürte, dass die Frau beruhigende Worte sprach, daher lies er es auch zu, dass sie ihn streichelte.
Den ganzen Tag über blieb Blackberry bei der Katze und der Frau. Erst am Abend lief er wieder zu der Baracke und zu Roger. Der wunderte sich, wo der Kater so lange geblieben war, machte aber sonst kein weiteres Aufheben dazu.
Die folgenden Tage war Blackberry jeden Tag bei der Katze von der er inzwischen wusste, dass sie Kazumi und die Frau Aiko hiess. Irgendwie fühlte sich Aiko besser, seit Blackberry da war und sich um sie und Kazumi kümmerte, obwohl er nur ein Kater war.
Roger war jeden Tag in der zerstörten Stadt unterwegs, manchmal mit einigen anderen. Und oft machten sie „Foto“. Wozu interessierte den Kater nicht. Irgendwann kam Roger auch an den Stadtrand. Und genau dort entdeckte er Blackberry, wie er gerade in das Zelt lief. Er folgte dem Kater, da er sowieso auch hinein wollte. Den Schreibblock in der Hand betrat er das Zelt. Blackberry lief zielstrebig durch das Zelt, als wüsste er genau, wo er hinwollte.
Roger war ganz erstaunt, als er sah, dass Blackberry zu einer weissen Katze mit verbranntem Rücken zulief und sie nach Katzenart begrüsste. Dann liefen die beiden Katzen auf ein Bett zu auf dem eine Frau sass. Die Frau sagte etwas, streichelte beide und sie sprangen der Frau auf den Schoss. Roger hatte die ganze Szene erstaunt beobachtet, dann beschloss er, die Frau anzusprechen. Langsam kam er dem Bett näher. Die Frau schaute ihn erst angstvoll, dann erstaunt an. Hier im Sanitätszelt waren eigentlich nur Ärzte, Offiziere hatte sie hier noch nie gesehen. Was wollte der von ihr?
Da sprang Blackberry von ihrem Schoss lief zu Roger und rieb sich an seinen Beinen. Jetzt begriff Aiko, der Kater gehörte zu dem Offizier. Der beugte sich zu ihr herunter und sagte nur: „Hello.“ Das verstand Aiko und sie antwortete:“ Konnichiwa.“ Roger kannte das Wort, es bedeutetet ungefähr „Guten Tag“. Ansonsten war eine Verständigung nur sehr schwer möglich, aber mit vielen Gesten gelang es Aiko und Roger so etwas wie eine holprige Unterhaltung zustande zu bringen. Blackberry war jetzt wieder bei Kazumi und hatte sich neben sie gelegt.
Von dem Tag an besuchte Roger jeden Tag Aiko. Immer wieder gelang es ihm, soviel Zeit zu erübrigen, dass es für einen Besuch reichte. Blackberry war sowieso immer bei Kazumi und Aiko. Der ging es mit der Zeit immer besser und der Tag kam, an dem sie nicht mehr in dem Zelt bleiben konnte. Doch wohin sollte sie gehen? Das Haus ihrer Eltern war zerstört und beide tot. Die Ärzte und Sanitäter konnten ihr dabei nicht helfen.
Mit Kazumi auf dem Arm ging sie langsam durch die Strassen. Ohne dass sie es selbst bemerkt hatte, war sie einfach Blackberry gefolgt, der einige Meter vor ihr lief. Und Blackberry lief ganz einfach zu Roger. Aber das wusste Aiko nicht, deshalb war sie ziemlich erstaunt, als sie vor der Baracke stand und Blackberry miauend um Einlass rief. Und noch erstaunter war sie, als Roger die Tür öffnete. Der sagte gar nichts und nahm sie nur in seine Arme.
Blackberry huschte hinein und ganz langsam folgte Aiko. Kazumi sprang sofort von Aiko’s Arm und rannte mit völliger Selbstvertändlichkeit zu Blackberry, als ob sie immer schon hier gewesen wäre. Und Roger und Aiko erkannten, dass die beiden Katzen inmitten des Chaos das Schicksal ihrer beiden Herzen besiegelt hatten. So stellen sich die Katzen über all den Zwist der Menschen, denn sie sind in vielen Dingen menschlicher als die Menschen selbst. Sie tun das auf leisen Pfoten und öfter als die Menschen das erkennen können und sie verlangen nichts dafür.
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Autor: Mike
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Essen ist eines der Grundbedürfnisse in unserem Leben.Nicht im Übermass genossen, hilft es so ziemlich, unsere Befindlichkeit angenehm zu steigern. In jedem anderen Fall sind die Folgen ungeahnt katastrophal. Ich weiss es, denn ich habe es erlebt, also hört gut zu.
Hört zu!
Hallo! Ist da jemand?
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Tag 1
Mowgli ist so lieb und er gedeiht prächtig. Er wird mal ein richtig schöner grosser Kater werden. Natürlich bekommt er auch immer genug Futter.
Tag 2
Heute hat er noch eine Extraportion Katzensticks bekommen. Er hat sie mit Genuss verspeist. Auch Miezka ging natürlich auch nicht leer aus.
Tag 5
Es gab heute ein Gerangel um die Katzensticks. Mowgli wollte unbedingt das, welches für Miezka bestimmt war. Die müssen wirklich lecker sein. Ich sollte mal eines probieren.
Tag 9
Mowgli gedeiht wirklich prächtig. Er ist ziemlich gewachsen. Natürlich bekommt er auch die entsprechende Portion Futter, die er ziemlich schnell wegputzt.
Foto: © Gerhard Löw
Tag 10
Er sass heute miauend vor seinem leeren Futternapf. Der war zwar voll, aber ich habe wohl zu wenig reingetan. Na gut er muss ja noch wachsen, daher bekommt er eben noch eine Portion.
Tag 16
Mittlerweile bekommt der Kater eine ganze Dose Futter pro Malzeit. Katzensticks kaufe ich nur noch im Grosspack. Im Supermarkt schauen sie mich schon schräg an. Sie glauben wohl, ich würde es selbst essen. Mowgli wächst weiter.
Tag 24
Ich habe mir heute Mowgli mal genau angeschaut. Nein, er wird nicht fett, er wächst nur. Alles Muskeln. Zur Zeit ist er mit seinen 11 Monaten ein Drittel grösser als Miezka. Ich habe eine separate Einkaufstasche nur für das Katzenfutter reserviert.
Tag 35
Der Kater hat jetzt die Ausmasse einer kleinen Schäferhundes. Ich werde wohl ein gösseres Halsband und eine stärkere Leine kaufen müssen. Das Katzenfutter kaufe ich nicht mehr selbst im Supermarkt. Bei der Menge habe sie einen Lieferservice.
Tag 39
Mowgli muss jetzt selber laufen wenn wir rausgehen. Der Arzt meint, ich solle meine Wirbelsäule schonen. Ich sehe mich ausserstande ein 25 Kilo schweres Ungeheuer auf der Schulter zu tragen. Die Nachbarn machen einen Bogen um ihn, wenn sie ihn sehen.
Tag 48
Während Miezka dezent ihre Portionen vertilgt, schlingt der schwarze Riese alles in sich hinein, was er bekommen kann. Ich habe mir einen neuen Schrank angeschafft um die Dosen zu lagern. Wenn Mowgli nicht frisst, sitzt er mit verhungertem Blick vor dem Schrank.
Tag 71
Heute habe ich ein grosses Stahlscharnier mit einem Vorhängeschloss an die Kühlschranktüre geschraubt. Die Kratzer, die Mowglis Krallen darauf hinterlassen haben, machen sich äusserst dekorativ. Der Lieferservice fürs Katzenfutter verlangt einen Zuschlag, weil er zweimal am Tag kommen muss.
Tag 93
Den Schrank für Katzenfutter habe ich wieder abgeschafft, denn Mowgli frisst es so schnell wie es geliefert wird. Anstelle seines Katzenkörbchens steht jetzt ein massives Eisengestell im Wohnzimmer. Der Lieferant des Gestelles hatte ein komisches Grinsen im Gesicht. Wahrscheinlich denkt er, ich würde es für perverse Spiele benutzen.
Tag 104
Heute bekam ich Post vom Ordnungsamt. Ich würde einen ausgewachsenen Panther in der Wohnung halten und solle die artgerechte Haltung und die Sicherheit nachweisen, andernfalls drohe ein Bussgeld.
Tag 130
Heute habe ich Mowgli das Fell gebürstet. Er hat das richtig genossen. Für mich ist es aber ziemlich anstrengend, einem 3,50 Meter langem Kater das komplette Fell zu bürsten. Die Nachbarn flüchten in Panik, wenn ich mit ihm rausgehe.
Tag 148
Mit Mowgli an der Leine gehe ich nur noch nachts spazieren, es ist nicht so auffällig. Allerdings muss man vorsichtig sein. Denn es treibt sich viel Gesindel herum und in letzter Zeit hat es einige Überfälle hier in der Stadt gegeben. Komischerweise lässt sich aber niemand blicken, wenn ich mit dem Kater unterwegs bin.
Tag 190
Die Maurer waren da. Ich habe die Wohnungstür vergrössern lassen, damit Mowgli wieder durchpasst. Die Tür selbst gibt es nicht mehr, ich habe sie durch eine metallene Katzenklappe ersetzen lassen , nachdem er die alte Tür mit einem Prankenhieb zerfetzt hat. Ausserdem gibt es Schwierigkeiten mit der Polizei. Sie sagen, vor dem Haus sei kein Parkplatz für Tieflader. Aber was soll denn der Lieferant für das tägliche Katzenfutter denn sonst machen?
Tag 195
Heute nacht gab es einen Einbruch in der gegenüberliegenden Metzgerei. Seltsamerweise wurde kein Bargeld oder Wertsachen entwendet. Nur alle Fleischvorräte wurden geplündert. Mowgli liegt derweil in seinem Zimmer und schaut sehr zufrieden aus. Ich finde, er hat heute einen ziemlich dicken Bauch.
Tag 208
Die Nachbarn haben protestiert, wegen dem Fliessband, das von der Strasse auf meinen Balkon führt. Aber die Futterlieferungen dürfen nicht unterbrochen werden. Mowgli macht sonst einen Aufstand und ich muss die Stahlbetonwände zu seinem Zimmer wieder mal ersetzen.
Tag 212
Während Miezka ihre täglich Portion Räucherlachs mit Kaviar verzehrt, genehmige ich mir zum Essen den Luxus von einer Scheibe trockenem Brot und einem Glas Wasser. Es ist sehr schmackhaft und ausserdem sollte ich auf meine Linie achten.
Tag 236
Das Sondereinsatzkommando hat sich angekündigt. Ich solle aus dem Land verwiesen werden, zusammen mit meinen Biestern, wie sie sagen. Am besten ins Exil auf eine einsame Insel. Es wäre hier kein Platz für ein Ungeheuer von den Ausmassen eines Elefanten mit Reiszähnen. Und tatsächlich klingelt es kurze Zeit danach am Eingang. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Es klingelt noch einmal. Warum kommen die nicht rein, der Eingang ist doch immer offen. Es klingelt wieder. Jetzt muss ich wohl selbst danach schauen. Nochmal klingelt es. Und irgendwie ist das Klingeln anders. Es ist direkt neben mir. Und es wird intensiver. Es ist direkt in meinem Ohr. Und irgendwie tauche ich jetzt auf.
Ich muss eingeschlafen sein. Der Wecker hat mich aus dem Schlaf geholt. Ich mache das Licht an und sehe erst mal Miezka, die auf der Bettdecke sitzt und mich fragend anschaut. Mowgli ist nirgends zu sehen. Gott sei Dank, es war nur ein Alptraum. Miezka bekommt einen Streichler, dann will ich mal nach Mowgli schauen.
Und was macht der? Er sitzt vor Miezkas Futternapf und vertilgt gierig den Inhalt. Seinen Futternapf hat er bereits leergefressen. Das gibt’s doch nicht!
Hilfe!
Aufwachen!
AUFWACHEN!!!!
Foto: © Gerhard Löw
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Wie ich schon erwähnt habe, ist schwarzes Outfit eine auffällige Angelegenheit. Ob schick am Abend oder einfach im Alltag, macht es schon was her. Und wenn man dauerhaft schwarz ist, gibt es vor allem jetzt im Winter einen durchaus reizvollen Kontrast. Mowgli ist sich dessen vollauf bewusst. Wenn da nur nicht manchmal widrige Umstände wären …
***
Endlich, endlich Wochenende. Es ist das Wochenende vor Weihnachten und ich sollte am Nachmittag noch unbedingt einige Besorgungen erledigen. Daher geht es auch früh aus den Federn. Draussen ist es noch dunkel, also wird erst mal gefrühstückt, soweit das möglich ist. Denn ich muss aufpassen, dass mir meine beiden Fellnasen nicht alles vom Teller klauen, obwohl sie natürlich ihr Katzenfrühstück schon bekommen haben. Diebesgesindel!
Das Frühstück zieht sich hin und draussen wird es hell. Also werden mal die Jalousien hochgezogen. Aber was ist das denn? Das war doch gestern nicht da!Alles weiss! Es hat über Nacht geschneit. Es sieht so aus, als ob es doch noch weisse Weihnachten gibt. Na, da sollte man vielleicht mal in den Seepark. Auf Katzenvolk, raus geht’s!
Erst werden mal einige wärmende Hüllen übergestreift und die Katzenbande angeleint. Die beiden sind natürlich ganz aus dem Häuschen, als sie merken, dass es rausgeht. Was folgt, ist die sattsam bekannte Prozedur: Mowgli auf der Schulter und Miezka auf dem Arm.
Draussen eröffnet sich erst die ganze weise Pracht. Miezka schaut interessiert in die Runde, vielleicht erinnert sie sich noch an den letzten Winter, wer kann das wissen? Nur Mowgli weis nicht wo er zuerst hinblicken soll. Er ist im März geboren, dies ist sein erster Winter. So etwas hat er noch nie gesehen.
Der Weg zum Seepark ist immer noch der gleiche, aber wo ist jetzt das Gras? Natürlich muss das weisse Zeug sofort untersucht werden. Dosi sagt was von Schnee. Heisst das weise Zeug etwa so? Also, der Schnee ist weich und er kann seine Spuren darin entdecken. Er ist so weich, dass er zum reinkuscheln einlädt. Macht ja richtig Spass.
Noch ein Schritt und noch ein Schritt. Miezka ist schon gemein, weil sie Mowgli nie von dieser Herrlichkeit erzählt hat. Es ist kalt, viel kälter als auf dem Balkon, Dosi nennt das Winter. Aber es macht nichts, wozu hat man ein wärmendes Fell?
Miezka schnüffelt im Schnee, vielleicht erinnert sie sich noch an den letzten Winter, und auch Mowgli arrangiert sich immer mehr mit dem weisen Pulver. Er hinterlässt kaum Spuren darauf. Hin und wieder schüttelt er sich oder seine Pfoten, aber dann geht’s weiter. Und irgendwann richtet der schwarze Herr sich auf einer grösseren Schneefläche häuslich ein und schaut in die Runde wie weiland Napoleon auf seinem Feldherrenhügel über die eroberten Gebiete.
Während Miezka fast unsichtbar unter einigen dürren Zweigen schnüffelt, sitzt der Man in black weithin sichtbar als schwarzer Herrscher über die weisse Pracht über seinem kalten Territorium. Sozusagen das absolute optische Kontrastprogramm.
Gelegentlich wird die weiss-kalte Masse betatscht, denn dies ist etwas völlig Unbekanntes. Nur, dass die eben manchmal an den Pfoten kleben bleibt, stört doch ein wenig, denn sie ist eben kalt. Doch anscheinend halten sich in diesem Territorium Partisanenkämpfer auf, denn auf irgendeine Art wehrt sich das weise Zeug gegen Mowgli’s Inspektionstour. Denn dieses weisse Zeug ist Schnee und dieser Schnee tut genau das, was Schnee bei Körperwärme eben tut: Er schmilzt!
Dem Man in black passt das jetzt überhaupt nicht. Denn das Ergebnis ist NASS! Und Nässe und Mowgli passt genau so wenig wie Miezka und Nässe, nämlich gar nicht. So versucht der schwarze Kontrast dem nassen Element zu entkommen, was ihm einige Schwierigkeiten bereitet, denn es ist einfach überall.
Die einzige Rettung heisst Dosi. Der hat der ganzen Aktion schmunzelnd zugeschaut und erwartet das nasse Katerchen schon. Also klettere mal auf die Schulter. Macht er auch sofort, von Miezka erstaunt beobachtet.
Gut, jetzt weisst du, dass Schnee nass sein kann, also wir gehen jetzt an den See. Bis zum See sind’s nur ein paar Meter. Trotz der Kälte ist er noch nicht zugefroren, nur am Rand ein wenig und der Schnee liegt bis zum Wasser. Miezka tollt irgendwo im Schnee und putzt sich gelegentlich. Mowgli will jetzt aber wieder von der Schulter und diese seltsame Umwelt näher begutachten. Und so tappt er vorsichtig Richtung Wasser, wo ganz leichte Wellenbewegungen zu erkennen sind.
Was er nicht erkennt, ist, dass einige Zentimeter vor dem Wasser ja schon das Eis beginnt. Und eben dieses Eis ist sehr, sehr dünn. Und Mowgli ist mittlerweile sehr gross und schwer. Jetzt kommt die Physik zum tragen. Oder auch nicht zum tragen, wie man’s eben betrachtet. Jedenfalls knirscht es nicht mal, sondern die nur millimeterdicke Eisdecke bricht und Mowgli steht mit einemmal im Wasser. Es ist nicht tief hier, nur einige Zentimeter. Aber diese Zentimeter reichen! Mowgli hat kaum eine Schrecksekunde, dann macht er einen Satz zurück, dreht sich, sprintet zu Dosi und springt an ihm hoch. Nie wieder runter! Nie wieder Wasser!
Da sitzt der schwarze Kater nun auf meiner Schulter und schaut ungläubig auf den weissen Schnee. Aber glauben kann man in der Kirche. Ich jedenfalls glaube, dass der Kater für heute genug vom Winter hat und nach hause will. Jedenfalls so lange, bis die Neugier unter seinem wärmenden schwarzen Pelz wieder siegt. Denn ich bin sicher, er ist lernfähig und wird irgendwann mit dem Schnee klarkommen, es wie Miezka vielleicht lieben. Wenn es dann soweit ist, wird er bestimmt skifahren lernen.
Foto: © Rainer Freynhagen / http://www.pixelio.de
Autor: Mike
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Christa Schütt: Die Pferde sind an allem schuld, Norderstedt 2008, Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8370-3037-2, 212 Seiten, Softcover, Format: 13,5 x 21,3 x 1,5 cm, EUR 14,80.
Auf 40 Jahre Reit- und Pferdeerfahrung sowie auf 50 veröffentliche Pferdebücher für Kinder und Jugendliche kann die Autorin zurückblicken. Sie weiß also, wovon sie spricht, und sie kann mitreißend, mit viel Sinn für Humor und Situationskomik, erzählen. So ist es auch für erwachsene Leser ein Vergnügen, Spannendes und Unterhaltsames über die Turbulenzen und Abenteuer zu erfahren, die ein Leben mit Pferden mit sich bringt.
Eigentlich können die Pferde ja nichts dafür, dass Christa Schütt als Kind in den 60-er Jahren mit der „Pferderitis“ infiziert wurde und unbedingt reiten lernen wollte. Doch dieser “Virus Equus“ beeinflusst fortan ihr Leben.
Der Wunsch nach Reitstunden stößt in ihrem Elternhaus zunächst auf wenig Gegenliebe. Ihr Vater, ein Kapitän, hält das Reiten für elitär – auch wenn die Lehrmethoden und die Ausrüstung der Reiter im Vergleich zu heute weniger exklusiv als primitiv waren. Mit Mutters Hilfe kommt Teenager Christa doch noch zu ihrem Reitunterricht. Weder Anfangsschwierigkeiten noch die zweifelhafte Pädagogik des Reitlehres, eines Ex-Militärs, können sie entmutigen.
„Freizeitreiter“ gilt damals noch als Schimpfwort, Ponys und Kleinpferde betrachtet man mit einer gewissen Herablassung. Westernreiter und die Reiter von Islandpferden werden für Spinner gehalten. Es ist schon einiges anders als heute.
Auch wenn manch einer gedacht haben mag, Christa lernt’s nie: Nach einiger Zeit darf sie selbst Ausritte führen – was nicht immer ohne Zwischenfälle abgeht. Doch die junge Reiterin hat den Satz „Das kann ich nicht“ aus ihrem Wortschatz verbannt und nimmt jede Herausforderung an. Auch wenn ihr so manches, was von ihr erwartet wird, eine Nummer zu groß erscheint.
Wir fiebern mit ihr mit, als sie im Auftrag von Bauer Peter ihren ersten Alleinritt meistern muss und Stute Flora ihren eigenen Kopf hat. Noch mehr zittern wir mit ihr beim Traktorfahren. Sie, die seit ewigen Zeiten nicht mal mehr Auto fährt, soll einen Trecker mit zwei vollbeladenen Anhängern von der Wiese zum Hof fahren. Alles geht gut, bis sie ins Dorf kommt, wo sie rechts abbiegen soll …
Aber das Landleben kann man lernen. Und Christa bleibt gar nichts anderes übrig, denn unter anderem sind die Pferde daran schuld, dass sie ihr Leben irgendwann konsequent und radikal umkrempelt. Mit ihrer Stute Winnie und deren Tochter Lindy zieht sie aufs Dorf, gibt ihr Stelle als Buchhändlerin auf und lebt fortan vom Schreiben. Einen Hund hat sie jetzt auch.
Ihre Pferde hält sie, zur Überraschung und zum Entsetzen mancher Zeitgenossen, in einem Offenstall. Doch der Erfolg gibt ihr Recht. Den Tieren geht es gut, und die Pferdeherde wird immer größer. Der Wallach Rebell kommt dazu, ein 16-jähriger Haflinger-Mix, und die Norweger-Stute Mara, die furchtlos ist aber „biegsam wie eine Eisenbahnschwelle“ (S. 80).
Christa nimmt Ferienkinder auf, die viel Spaß bei Reiterspielen und Ausritten haben und denen besonders ein Ausritt im dichten Nebel in Erinnerung bleiben wird …
„Lernen kann man nie genug“ (S. 88), sagt sich die erfahrene Pferdefreundin und besucht die verschiedensten Lehrgänge und Kurse. Da sie mit Liebe und Sachverstand dabei ist und sich auch für Neues begeistern kann, lernt sie sehr viel. Und davon profitieren ihre Pferde, ihre Reitschüler – und ihre Leser.
Wäre es nicht wunderbar, mal wieder Fohlen zu haben? Was für eine Frage! Christa und ihre Freundin Ute kaufen sich je einen Absetzer. Christa bekommt die temperamentvolle Bonny, Ute die vorsichtige Kyra. Ihren vierbeinigen „Pflege-Opa“ suchen sich die beiden Stütchen selbst aus: den alten Wallach Rebell. Er freut sich, weil er wieder eine Aufgabe hat und blüht sichtlich auf. Die beiden Frauen raufen sich derweil die Haare, denn es hat ganz den Anschein, als gebe Rebell den Kleinen Tipps aus seinem reichen Erfahrungsschatz – in Sachen Blödsinn und Schabernack.
Christa und Ute träumen davon, die beiden jungen Fuchsstuten eines Tages vor eine Kutsche spannen zu können. Sie besuchen eigens einen Fahrkurs. Und der hat es in sich: „Allein schon sich die tausend Teile zu merken, die zum Geschirr gehörten, war ein abendfüllendes Programm (…) Das Glanzstück der Begriffe war ohne Zweifel die Oberblattstrupfenschnallstößeldornspitze!“ (S. 135) Diesem Kurs hat die Autorin einen ausführlichen, humorvollen Rückblick gewidmet – in Reim und Vers. Eine tolle Leistung!
Doch Kurs hin oder her – Stute Bonny hat einfach keinen Bock, eine Kutsche zu ziehen. Um nicht alles zu vergessen, was sie mühsam gelernt haben, fahren Christa und Ute einmal die Woche mit unterschiedlichen Stutengespannen einer Bekannten. Als sie jedoch ein Brautpaar zur Kirche kutschieren solle, wird das zu einem nervenzerfetzenden Abenteuer …
Wesentlich erfreulicher verläuft zumeist das Abenteuer „Wanderreiten“. Eine Gruppe von Reitern geht auf einen mehrtägigen Ausritt, sucht im Vorfeld die beste Strecke heraus und legt Tagesetappen sowie Quartiere fest. Dass dann selten etwas so läuft wie geplant, ist das Aufregende an diesen Unternehmungen. Auch wenn die Reiter und ihre Tiere auf ihrer Tour durch die Natur mit der Zeit wie die Vagabunden aussehen, werden sie überall freundlich und neugierig empfangen und sind mancherorts ein regelrechte Attraktion.
Auf jeden Fall ist so ein Wanderritt Lebensfreude pur: „Unsere schönsten Tage brachen an, als wir in die Magdeburger Börde kamen. Es war August, das Korn war von den Äckern verschwunden und überall um uns herum gab es riesige, kilometerlange Stoppelfelder. Felder bis zum Horizont und noch darüber hinaus. Paradiesische Zustände. Reiter wie Pferde packte gleichermaßen die große Lauflust. (…) Davon hatte ich mein Leben lang geträumt.“ (S. 181/182) Spätestens hier wird auch einem Leser, der noch nie auf einem Pferderücken saß, deutlich, was die Faszination des Reitens ausmacht.
Christa Schütt unterhält uns bestens mit ihren mitreißenden und amüsanten Geschichten aus dem Reiterleben. Man ahnt, dass manche er heiteren Erlebnisse nur im Rückblick komisch sind, wenn eine geübte Erzählerin uns davon berichtet. Live und vor Ort war manches sicher gar nicht zum Lachen. Doch wie dem auch sei: Der Leser amüsiert sich königlich und könnte noch ewig in die Geschichten um Winnie, Lindy, Rebell und Co schwelgen. Und ob Experte oder Laie: Wohl jeder lernt bei dieser Lektüre noch dazu.
Kein Wunder, dass der Autorin über Jahrzehnte hinweg nie der Stoff für ihre Jugendbücher ausging – bei einer solchen Inspiration! Wenn die Pferde an diesem außergewöhnlichen privaten und beruflichen Werdegang „schuld“ sind, dürfen sie diesen Vorwurf getrost als Kompliment betrachten.
Die Autorin
Christa Schütt lebt seit 1979 als freie Autorin mit Pferden und Hund am Rande der Lüneburger Heide im Aller-Leine-Tal. Sie hat neben 50 Kinder- und Jugendbüchern, darunter 4 Sachbücher, auch Artikel für Zeitschriften geschrieben und über 20 Jahre das Ensslin-Reitertaschenbuch herausgegeben.
Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
http:// edithnebel.wordpress.com
Abgelegt unter: Katzen
Was man hat, das hat man. Denn heutzutage steht Besitz hoch im Kurs und der wird verteidigt bis zum letzten Blutstropfen. Unsere fell- und krallenbesetzten Mitbewohner scheren allerdings materielle Werte ziemlich wenig. Oder doch? Oder nicht? Nun ja, fast jedenfalls.
***
Ich gehe gerne auf Flohmärkte. Es macht einfach Spass, zu stöbern, eventuell etwas lang Gesuchtes zu ergattern und zu feilschen. Und eine meiner beiden Miezen ist immer dabei. Und diesmal war es Mowgli. Beide mag ich nicht mitnehmen, es ist zuviel Stress. Nicht für die beiden Fellnasen, sondern für mich.
Es ist ein grosser Hallenflohmarkt in den Messehallen. Natürlich ruft Mowgli ziemliches Erstaunen hervor. Ich werde oft angesprochen und der Kater bekommt so manche Streicheleinheit, welche er mit totaler Gelassenheit über sich ergehen lässt, ja, sogar erwartet. Dabei ergibt es sich dass ich mit einer Standbetreiberin in ein längeres Gespräch komme. Frau B. ist im Tierschutz engagiert und hat auch im weiteren Umkreis Futterstellen für Wildlinge eingerichtet. Und irgendwann äussert sie den Wunsch, dass sie gerne ein Foto von mir und Mowgli hätte, wie er auf meiner Schulter sitzt. Na klar, den Foto habe ich dabei. Ich verspreche noch es auszudrucken und ihr zu schicken. Dann verabschiede ich mich, denn auf dem Flohmarkt gibt es noch viel zu entdecken.
Einige Tage später ist das Foto ausgedruckt. Na ja, nicht gerade berauschend. Unrasiert und fern der Heimat! Aber Mowgli ist gut drauf. Und so schickte ich es Frau B., zusammen mit einigen weiteren von Mowgli und Miezka. Damit geriet die Sache in Vergessenheit.
Über Weihnachten war ich einige Tage weg und kam erst in der ersten Januarwoche wieder. An der Tür überrascht mich die Nachbarin. Es sei etwas für mich abgegeben worden. Eine Tasche mit Katzenfutter und Spielzeug, liebevoll verpackt. Es ist von Frau B. Dazu ein Brief mit Grüssen. Das find ich aber nett und ich werde mich auf jeden Fall revanchieren.
Das Katzenfutter ist Nass- und Trockenfutter, das Spielzeug unter anderem eine selbstgemachte Maus aus Sisal. Das ist was neues und sofort müssen die beiden Samtpfoten damit herumtollen. Wenigstens einige zeitlang. Denn irgendwie lässt Mowgli das neue Spielzeug nicht mehr aus den Augen und Miezka hat das Nachsehen, obwohl sie hier eigentlich die Chefin ist.
Jetzt erst fällt mir auf, dass der Kater die Sisalmaus regelrecht bewacht. Denn Miezka will jetzt auch mal damit spielen, aber das schwarze Ungetüm lässt das nicht zu. Mit einem Pfotenhieb will er den rotweiss getigerten Besitzanspruch abwehren. Miezka belässt es vorläufig dabei, soll der schwarze Kapitalist das Ding doch behalten, vielleicht ergibt sich ja später eine Gelegenheit. Mowgli jedenfalls hat die Sisalmaus zwischen den Vorderpfoten und rührt sich nicht von der Stelle.
Erst nach einiger Zeit verlässt er seinen Wachposten um sich am Futternapf gütlich zu tun. Das Siasalteil liegt einsam und verlassen auf der Couch. Und diese Einsamkeit ist es, die Miezka nicht zulassen kann. Sofort will sie dem Ding Gesellschaft leisten. Und genau so sofort ist Mowgli vom Futternapf weg und auf der Couch. Ein Gefauche geht los, bei dem Mowgli eins klar machen will: das Spielzeug ist seines! SEINES! Basta! Miezka hat da nichts zu suchen.
Und wieder bewacht der Herr der Dinge sein neues Eigentum. Das muss fotografiert werden. Und entgegen den sonstigen Gepflogenheiten lässt Mowgli das mit Argusaugen zu. Er will wohl demonstrieren, dass das Teil ihm und nur ihm und sonst niemand gehört.
Später gehen wir, oder vielmehr gehe ich, denn Mowgli geht ja nicht, in den Seepark. Während dieses Spazierganges gibt der getragene Pascha keinerlei Anzeichen von sich, dass er eventuell seine neues Eigentum vermisst. Aber vergessen hat er es nicht. Wieder zuhause, stürzt er sich sofort auf die Couch, wo er es liegen gelassen hat. Er muss sofort danach schauen, ob noch alles in Ordnung ist.
Nun ja, Eigentum verpflichtet. Man muss es hüten. Und er hütet. Denn als Miezka ihm wieder zu nahe kommt, lässt er sich zwar von ihr das Fell lecken, aber als sie an dem rot-blauen Spielzeug schnüffeln will, fängt sie sich sofort einen Pfotenhieb. Doch genau das lässt sie sich nicht gefallen und so ergibt sich sofort ein Gerangel auf der Couch.
Diese furiose Aktion hat zur Folge, dass das Spielzeug von der Couch fällt. Es ist nicht mehr da, weg von der Couch. Das kann sich der schwarze Verteidiger des Besitztums nicht gefallen lassen. Kurz stutz er, um sofort von Miezka abzulassen und sein verlorenes Eigentum zu suchen. Miezka hat jetzt genug und zieht sich zurück, beobachtet aber weiterhin des Katers dubiose Kapriolen. Der hat das Spielzeug auf dem Boden wiedergefunden, schnüffelt kurz daran und fährt mit seinem Wachdienst auf dem Boden fort.
Zur Sicherheit setzt er sich schon mal drauf. Das Wort „Besitz“ erfährt jetzt seine wortwörtliche Bedeutung. Miezka jedenfalls will jetzt wieder Frieden schliessen und kommt langsam näher, was der Kater kommentarlos zulässt. Doch das Katertier bleibt wachsam und lässt zwar zu, dass sie ihm, aber nicht der Maus zu nahe kommt. Erst in der Nacht kehrt Ruhe ein. Wenigstens teilweise. Denn irgendwann werde ich durch lautes Gezerfe geweckt. Offensichtlich gibt es wieder eine Schlacht um materielle Sachwerte. Wie soll das noch enden?
Wie das endet?
Am Morgen finde ich den schwarzen Wächter auf dem Boden neben seinem rot-blauen Fetisch.Mowgli hat wohl endgültig beschossen, Besitztümer anzuhäufen. Vielleicht wird er ja mal Banker oder Immobilienmogul oder so was. Unter den Umständen sollte ich diesen Aspekt nicht aus den Augen verlieren.
Foto: © Gerhard Löw
Autor: Mike
champicnac@yahoo.de
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Heiteres Leuchten im braunen Gesicht,
Wählig der Himmel hinrollendes Licht
Prächtige Bläue so unten, so oben
Singender Jubel, freudiges Toben.
Greifende Arme ins tolle Gemisch
Kinder mit Flossen, zappelnder Fisch
Fassen und fliehen, krähen und haschen,
Taumeln und tauchen, spritzen und waschen.
Siehe der Väter verwunderlich Treiben
Wissen vor Freude nirgends zu bleiben
Greifende Arme ins tolle Gemisch
Fassen die Kinder, fassen den Fisch.
Schauen ihr lachendes Weltwunder an
Ja, so ein Vater, das ist euch ein Mann.
In seinem Kinde ist nochmal sein Leben,
Kann sich nun selber ja schwingen und heben.
Wie eine Sonne die selber sich scheint
Einmal rosig, das andere gebräunt
Wirft an das Licht sein fliegendes Wunder,
Das an der Brust hält glattzackigen Flunder.
Auf grünem Gestein rotflossige Hand
Goldüberrollt ins verschwimmende Land
Schauen zwei Augen,
Sterne stiller Freude
Ins verschwindende Weite.
Lustige Väter, junge berauscht
Schleudern mit Flossen ausspannender Hand
Schuppenumglitzerte Kinder krähend ans Land –
Mutter lauscht.
So ist es, daß die Erden
Von allem Wachsen schöner werden.
Foto: © gd (Kurt Michel)/ http://www.pixelio.de
Autor: Peter Hille
(*11.9.1854 in Erwitzen/Kreis Höxter; † 7.5.1904 in Berlin-Großlichterfelde)
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Abgelegt unter: Katzen
Er wohnte nur zwei Wochen bei uns und ich bin immer noch traurig, wenn ich an ihn denke. Der kleine Kater war kaum größer als meine Hand, als wir ihn aufnahmen, ein halbverhungertes bernsteinfarbenes Häufchen mit einem fadendünnen Schwänzchen, das Ben in der Nacht am Straßenrand aufgelesen hatte und das nun zitternd auf unserem Küchentisch saß.
In unserer kleinen tunesischen Stadt am Rand des Großen Salzsees, dort wo die Sahara beginnt, gibt es viele verwilderte herumstreunende Katzen. Sie leben in leerstehenden Häusern oder auf unbebauten Grundstücken inmitten von Plastiktüten, Müll, Sand, Geröll und vertrockneten Pflanzen. Manchmal werden sie in Gärten oder Höfen geduldet und doch immer wieder verjagt. Sie sind mager, struppig, oft sandfarben, so dass sie zwischen den ebenfalls sandfarbenen Häusern und auf den unasphaltierten staubigen Strassen und Wegen kaum auffallen. Ihre Nahrung suchen sie in den offenen Müllcontainern, die überall herumstehen. Alt werden die wenigsten. Sie verhungern, sterben an irgendeinem Gift oder einer Seuche oder werden überfahren. Aber es gibt immer wieder Nachwuchs. Oft zu viel für die Katzenmütter, die ihre Jungen verlassen oder aussetzen, wenn ihnen die Kraft für die Aufzucht fehlt.
«Der Kleine ist bestimmt ein Waisenkätzchen», sagte Ben «Ich hätte ihn fast überfahren. Und jetzt hat Luna einen Freund.»
Luna ist unsere Siamkatze. Sie wollte keinen Freund, jedenfalls keinen in ihrem Haus. Knurrend und zischend umkreiste sie den Küchentisch. Der winzige Kater pustete mutig zurück. Richtig fauchen konnte er noch nicht. Löwenherz, dachte ich.
«Das geht nicht gut», sagte ich. «Und woher willst du überhaupt wissen, dass der Kleine ein Waisenkind ist? Seine Mutter sucht ihn vielleicht. Du musst ihn zurück bringen.»
Luna zeigte ihren Unmut immer deutlicher und heulte wie ein Wolf. Das überzeugte Ben. Wir gaben dem kleinen Löwenherz ein bisschen Milch, bevor wir zu dem unbewohnten Haus fuhren, vor dem Ben ihn gefunden hatte. Löwenherz saß auf meinem Schoß, eingegraben zwischen meinen Beinen, immer noch zitternd, aber nicht mehr pustend. Ich fühlte seine spitzen Schulterblätter und dünnen Rippen unter dem Bernsteinfell.
Warum war er allein auf der Straße gewesen? Waren seine Geschwister schon vor Hunger gestorben und hatte er sich schließlich mit unbändigem Überlebenswillen auf den Weg gemacht, um seine Mutter zu finden ? Würde die Mutter jemals zurückkommen?
Ben schob Löwenherz unter dem Haustor hindurch in den Hof. Er war sich sicher, dass dort Katzen lebten. Der kleine Kater schrie, ich weinte, Ben griff wieder durch die Lücke unter dem Tor, zog den Kater hervor und brachte ihn ins Auto zurück.
Foto: © Astrid Kuhl
«Er kann fürs Erste im Keller schlafen», sagte ich. «Luna darf dann da nicht hin.»
Unser Keller war damals noch nicht fertig. Es gab keine Treppe, die hinunter führte, sondern nur eine alte Leiter, an der eine Sprosse fehlte. Und er war voller Gerümpel, alte Gegenstände, die Ben gesammelt hatte, riesige Holzfässer, Kupferkessel, schmiedeeiserne Gitter, die in der Altstadt Fenster verziert hatten, ausrangierte Türen aus Dattelpalmenholz, Kutschenräder, Truhen, an denen die Farbe abblätterte, Lehmziegel und bemalte Kacheln. Luna fand den Keller sehr reizvoll. Sie kletterte jeden Tag über die aufgestapelten Holztüren hinunter und jagte die Vögel und Eidechsen, die Schatten suchend durch die noch scheibenlosen Kellerfenster herein kamen, oder sie lag stundenlang auf einer großen Holztruhe und meditierte. Damit war nun Schluss.
Wir brachten einen alten Teppich in den Keller, legten einen kleinen Karton mit Haushaltspapier und zwei weichen Stofftaschentüchern aus und stellten ein Schälchen Milch hin. Das Nachtlager für Löwenherz war fertig. Luna schlief wie immer in unserem Bett oben in der ersten Etage, der kleine Kater schrie im Keller und ich machte mir Sorgen. In sechs Wochen würde ich zusammen mit Luna Tozeur verlassen und für drei Monate in Estland arbeiten. Was würde dann aus Löwenherz? Ben, das wusste ich, würde kaum Zeit für ihn haben. Und würde Luna Löwenherz jemals akzeptieren?
Am nächsten Morgen brachte ich frische Milch in den Keller. Löwenherz war nicht zu sehen; aber ich hörte ihn hinter den Holzfässern pusten. Ich setzte mich auf einen dicken Holzbalken und wartete. Vorsichtig näherte sich der kleine Kater dem Milchschälchen, Und allmählich ging sein Pusten in Schnurren und Schlabbern über. Als ich langsam aufstand, verschwand Löwenherz jedoch sofort wieder hinter den Holzfässern und pustete voller Angst. Von da an verbrachte ich Stunden auf dem Hozbalken im Keller. Ich nahm Bücher mit und las Löwenherz Geschichten vor, damit er sich an meine Stimme gewöhnen konnte. Löwenherz spielte unterdessen mit den beiden Taschentüchern, die er aus seinem Karton gezupft hatte.
Am zweiten Tag gelang es mir ihn zu fangen und auf meinen Schoß zu setzen. Erst pustete er wieder heftig und schlug mit seinen kleinen, noch viel zu zarten Krallen nach mir. Aber er blieb auf meinem Schoß sitzen und fing schließlich an zu schnurren, während ich ihm über die Stirn strich, seinen Nacken kraulte und ihm Geschichten aus Marokko von Paul Bowles vorlas.
So ging es mehrere Tage. Löwenherz wurde von Mal zu Mal zutraulicher. Schon bald kam er von alleine, wenn ich anfing zu lesen, vorsorglich pustend zwar; aber er flüchtete nicht mehr, wenn ich meine Hand nach ihm ausstreckte. Ich feuchtete meine Finger mit Spucke an, putzte sein Fell, kratzte verkrusteten Sand von seinen Pfoten und bürstete ihn vorsichtig mit einer kleinen Plastikbürste. Löwenherz schnurrte. Inzwischen hatte ich auch eine kleine ockergelbe Plastikschüssel gekauft und sie mit Sand gefüllt als Toilette hingestellt. Löwenherz benutzte sie sofort. Als er am dritten Tag mit seinen spitzen Zähnchen an meinen Fingern nagte, fand ich, dass er bestimmt schon festere Nahrung zu sich nehmen konnte. Ich gab ihm Eigelb mit ein bisschen Butter, Hähnchenfleisch, Truthahnwurst, Thunfisch, Schmelzkäsestückchen und eingeweichtes Trockenfutter aus Lunas Vorräten. Löwenherz fraß alles. Milch wollte er nicht mehr. Er trank jetzt Wasser. Sein Bauch wurde rund wie ein kleiner Ballon und seine spitzen Schulterblätter waren schon bald nicht mehr zu spüren. Sogar um sein dünnes Schwänzchen wuchs langsam ein Polster.
Foto: © Astrid Kuhl
Jedes Mal wenn ich aus dem Keller kam, wartete Luna mit finsterem Blick hinter der Tür. Sie wollte unbedingt hinunter und nach dem Rechten sehen. Schließlich ließ ich sie. Löwenherz spielte mit seinen Taschentüchern, Luna kauerte einen Meter über ihm auf den Holztüren, jederzeit zum Sprung bereit, und ich saß angespannt auf dem Balken gegenüber, ebenfalls sprungbereit, falls Luna zum Angriff überging. Als ich mit einer neuen Geschichte begann, kam Löwenherz pustend wie immer auf meinen Schoß. Luna sprang von den aufgestapelten Holztüren, schnüffelte an Löwenherz’ kleinem ockergelben Plastikklo, zwängte sich hinein, pinkelte und ließ sich dann gähnend zu meinen Füβen nieder.
Es waren anstrengende heisse Tage im Keller. Jedenfalls für mich. In Tozeur war der Sommer wie ein Feuer ausgebrochen. Draußen in der grellen, erbarmungslos brennenden Sonne war die Luft drückend und atemberaubend. Im Keller war es zwar einigermaßen erträglich. Trotzdem war ich schweißgebadet, während ich aus Tolstois Familienglück vorlas, Löwenherz auf meinem Schoß klebte und Luna gleichgültig tat, uns aber nicht aus den Augen ließ.
An einem Nachmittag nahm ich Löwenherz von meinem Schoß herunter und setzte ihn auf den Boden. Luna, die eben noch scheinbar uninteressiert dagelegen hatte, wurde zu einer fauchenden Bestie. Löwenherz flüchtete sofort hinter die Fässer; Luna sprang auf die Holztüren, schlug wütend zischend mit ihren langen scharfen Krallen nach mir und verschwand dann ebenfalls hinter den Fässern. Durch ein schmiedeeisernes Gitter konnte ich die dunklen Tatzen eines lauernden Siamungeheuers erkennen. Weiter hinten leuchtete ein kleiner bernsteinfarbener Buckel mit zu Berge stehendem Fell. Ich griff zu der einzigen Waffe, die ich finden konnte: Löwenherz’ Wasserschüsselchen. «Raus!» brüllte ich und zielte mit dem Wasser auf Luna, die empört maunzend über die Holztüren aus dem Keller floh. Ich schnappte Löwenherz, kletterte mit ihm die Leiter hinauf und setzte ihn auf einen Sessel im Wohnzimmer. Luna war ins oberste Fach des Bücherregals geklettert und schielte hinter dem dicken Band Tom Sawyer und Huckleberry Finn hervor. Ich stellte die Klimaanlage an und fuhr mit Tolstois Familienglück fort. Löwenherz spielte mit den Troddeln der schwarzen Baumwolldecke, die über der Sessellehne hing. Luna sprang vom Regal herunter und breitete sich gähnend auf dem kühlenden Steinboden aus, gelegentlich misstrauische Blicke auf Löwenherz werfend.
Ich holte Löwenherz nun immer nach dem Frühstück und am späten Nachmittag aus dem Keller. Inzwischen konnte auch er schon auf die Holztüren klettern, von wo aus er mich jedes Mal leise pustend auf sich aufmerksam machte. Auf dem Wohnzimmersessel beendete ich Tolstois Erzählung und begann mit den Sizilianischen Novellen von Giovanni Verga. Abends, wenn die Hitze draußen etwas nachließ und die Luft endlich nicht mehr still stand, setzte ich mich mit Löwenherz auf die Treppe vor der Haustür. Der kleine Kater kniff seine Augen zusammen und hielt sein Näschen in den warmen Abendwind, der sein feines Bernsteinfell aufplusterte. Luna wälzte sich im Sand oder zupfte Grashalme aus und ich lernte Estnisch.
Der Frieden war trügerisch. Für Luna blieb Löwenherz ein unerwünschter Eindringling. Wenn ich mich ihr mit dem kleinen Kater auf dem Arm näherte, verwandelte sie sich in eine heulende Hyäne und wenn Löwenherz einmal allein auf dem Wohnzimmersessel saß, schlich sie sich wie eine Schlange heran, um in einem günstigen Moment anzugreifen. Ich verhinderte rechtzeitig alle günstigen Momente, brachte Löwenherz zum Schlafen wieder in den Keller und legte mich mit Luna erschöpft vor den Fernseher.
Wäre es nicht doch besser, Löwenherz bei Lamia, der alten französischen Dame, unterzubringen, von der mir meine Freundin erzählt hatte und die sich einen kleinen Kater als Gefährten wünschte? Als Isabelle mir diese Möglichkeit zum ersten Mal vorgeschlagen hatte, schien mir meine ganze Katzenwelt zusammen zu brechen. Die Vorstellung, Löwenherz einfach weg zu geben, zerriss mir das Herz. Mit rauher Stimme und Tränen in den Augen las ich ihm den Augsburger Kreidekreis vor. Ach, Löwenherz!
Aber dann rief ich Lamia an. Sie hatte eine warme freundliche Stimme. Isabelle hatte ihr schon von Löwenherz erzählt und Lamia wollte den kleinen Kater sehr gerne adoptieren. Sie hatte, sagte sie mir, sogar schon ein Körbchen als Bett für ihn anfertigen lassen. Löwenherz würde es bestimmt gut gehen bei ihr. Ach, Löwenherz!
Am Umzugstag saß ich ein letztes Mal mit dem kleinen Kater auf dem blauen Sessel. Luna strich um uns herum und ich weinte. Löwenherz’ kleiner Karton mit frischem Haushaltspapier und seinen beiden Taschentüchern stand für den Transport bereit. Auch sein ockergelbes Plastikklo, das Haarbürstchen, ein Döschen mit Stücken von gebratener Hähnchenbrust und eine kleine Tüte mit Trockenfutter hatte ich eingepackt.
Am späten Nachmittag fuhr Ben uns zu Lamia, vorbei an dem unbewohnten Haus, hinter dessen Tor Löwenherz vor zwei Wochen so jämmerlich geschrieen hatte, bis ans andere Ende der Stadt. «Es ist das kleine Haus mit den Bougainvilleasträuchern im Vorgarten», hatte Lamia gesagt. Sie strahlte, als sie uns begrüßte. Und sie sah aus, als hätte sie sich für unsere Ankunft besonders schick gemacht, mit ihrem langen schwarzen, goldgelb bestickten Gewand, den silbergrauen locker zurückgebundenen Haaren, den leuchtenden blauen mit Khol umrandeten Augen und den bougaivillearot geschminkten Lippen.
Wir brachten Löwenherz und sein Umzugsgut in Lamias Wohnzimmer. Ben verabschiedete sich gleich wieder und ich setzte mich zu Lamia aufs Sofa. Den Karton, in dem der kleine Kater sich nicht rührte, stellte ich auf Lamias Schoß. Lamia lächelte glücklich und der kleine Bernsteinkater fing an zu pusten. «Ich habe ihn Löwenherz genannt, weil er so mutig ist», sagte ich. «Aber Sie dürfen ihm einen anderen Namen geben». Lamia konnte das deutsche Wort Löwenherz nicht aussprechen und die französische oder die arabische Übersetzung klangen längst nicht so herzlich.
Lamia erzählte mir noch viel von den Katzen, die früher bei ihr gewohnt hatten, zeigte mir Fotos auf ihrem Computer, erkundigte sich nach Löwenherz’ Essgewohnheiten und den Möglichkeiten, einen kleinen Kater in Tozeur impfen zu lassen, und sagte, ich dürfe Löwenherz natürlich jederzeit besuchen. Ich kraulte Löwenherz ein letztes Mal im Nacken und fuhr dann im Taxi nach Hause.
Von nun an würde es keine Vorlesestunden mehr geben und auch keine gemeinsamen Estnischlektionen auf der Treppe; ich würde nicht mehr über die alte Leiter in den Keller klettern müssen, wo mich ein kleiner Kater pustend erwartete. Und ich musste Löwenherz nicht mehr vor Luna, dem Ungeheuer, in Sicherheit bringen. Ich fing wieder an zu weinen. Luna, das Ungeheuer, wich mir nicht von der Seite, als wollte sie mich trösten. Sie ist jetzt wieder unsere einzige Katze, die zufrieden im Keller meditiert, auf dem Bücherregal schläft, sich unter der Decke auf dem Sessel versteckt und abends den Garten inspiziert. Lamia hat den kleinen Kater Bijou genannt. Das passt zu seinem Bernsteinfell. Ich habe die Beiden nur noch einmal besucht. Ich glaube, ich sollte sie nicht stören. Ach, Löwenherz!
Autor: Astrid Kuhl
AstridKuhl@web.de
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Was liegt im Gras?
Ein Sternlein.
Wie leuchtet das,
Gibt grünen Schein.
Am Himmel blau,
Da war es gold.
Auf grüne Au
Ists hingerollt.
Das Leuchten blieb,
Nun ward es grün,
Der Erd zulieb
Will Sternlein blühn.
Foto: © saguarofan (s.kunka)/ http://www.pixelio.de
Autor: Peter Hille
(*11.9.1854 in Erwitzen/Kreis Höxter; † 7.5.1904 in Berlin-Großlichterfelde)
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Abgelegt unter: Internes
Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Autorinnen und Autoren,
in den kommenden drei Wochen geht’s hier nur mit gebremster Kraft weiter: Die Tiergeschichten-Redaktion macht Urlaub! Ich werde zwar im Lande sein, aber wahrscheinlich nicht jeden Tag online.
Natürlich können Sie auch während dieser Zeit Beiträge an feedback@tiergeschichten.de schicken und die vorliegenden Texte im Blog kommentieren. Es wird aber jeweils ein paar Tage dauern, bis ich mich darum kümmern kann.
Edith von den Tiergeschichten
Foto: © Knipseline / http://www.pixelio.de
Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: dass (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis -
mit einer silberweißen Mähne.
Foto: © Schwimmerin (Karin Passmann) / http://www.pixelio.de
Autor: Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Meran)
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